Zur Psychopathologie des Alltagslebens

Sigmund Freud · Kapitel 6 von 13

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Zur Psychopathologie des Alltagslebens

B. Verschreiben.

bekannt. Ich verteidige meine Behauptung hartnäckig und verweise auf die so

gebräuchlichen Visitkarten, auf denen eine Frau sich selbst mit dem Vornamen

des Mannes bezeichnet. Ich muss endlich den Brief zur Hand nehmen, und wir

lesen darin tatsächlich »der arme W. M.«, ja sogar, was ich ganz übersehen hatte:

»der arme D r . W. M.«. Mein Versehen bedeutete also einen, sozusagen

krampfhaften, Versuch, die traurige Neuigkeit von dem Manne auf die Frau zu

überwälzen. Der zwischen Artikel, Beiwort und Name eingeschobene Titel

passte schlecht zu der Forderung, es müsste die Frau gemeint sein. Darum wurde

er auch beim Lesen beseitigt. Das Motiv dieser Verfälschung war aber nicht,

dass mir die Frau weniger sympathisch wäre als der Mann, sondern das

Schicksal des armen Mannes hatte meine Besorgnisse um eine andere, mir nahe

stehende Person rege gemacht, welche eine der mir bekannten

Krankheitsbedingungen mit diesem Falle gemeinsam hatte.

 

B. Verschreiben.

 

a. Auf einem Blatte, welches kurze tägliche Aufzeichnungen meist von

geschäftlichem Interesse enthält, finde ich zu meiner Überraschung mitten unter

den richtigen Daten des Monats September eingeschlossen das verschriebene

Datum »Donnerstag den 20. Okt.«. Es ist nicht schwierig, diese Antizipation

aufzuklären, und zwar als Ausdruck eines Wunsches. Ich bin wenige Tage

vorher frisch von der Ferienreise zurückgekehrt und fühle mich bereit für

ausgiebige ärztliche Beschäftigung, aber die Anzahl der Patienten ist noch

gering. Bei meiner Ankunft fand ich einen Brief von einer Kranken vor, die sich

für den 20. O k t o b e r ankündigte. Als ich die gleiche Tageszahl im September

niederschrieb, kann ich wohl gedacht haben: Die X. sollte doch schon da sein;

wie schade um den vollen Monat! und in diesem Gedanken rückte ich das

Datum vor. Der störende Gedanke ist in diesem Falle kaum ein anstössiger zu

nennen; dafür weiss ich auch sofort die Auflösung des Schreibfehlers, nachdem

ich ihn erst bemerkt habe.

 

b. Ich erhalte die Korrektur meines Beitrags zum Jahresbericht für Neurologie

und Psychiatrie und muss natürlich mit besonderer Sorgfalt die Autornamen

revidieren, die, weil verschiedenen Nationen angehörig, dem Setzer die grössten

Schwierigkeiten zu bereiten pflegen. Manchen fremd klingenden Namen finde

ich wirklich noch zu korrigieren, aber einen einzigen Namen hat merkwürdiger

Weise der Setzer g e g e n mein Manuskript verbessert und zwar mit vollem

Rechte. Ich hatte nämlich B u c k r h a r d geschrieben, woraus der Setzer B u r c k h a r d erriet. Ich hatte die Abhandlung eines Geburtshelfers über den

Einfluss der Geburt auf die Entstehung der Kinderlähmungen selbst als

verdienstlich gelobt, wüsste auch nichts gegen deren Autor zu sagen, aber den

gleichen Namen wie er trägt auch ein Schriftsteller in Wien, der mich durch eine

unverständige Kritik über meine »Traumdeutung« geärgert hat. Es ist gerade so,

als hätte ich mir bei der Niederschrift des Namen B u r c k h a r d , der den

Geburtshelfer bezeichnete, etwas Arges über den anderen B., den Schriftsteller,

gedacht, denn Namenverdrehen bedeutet häufig genug, wie ich schon beim

Versprechen erwähnt habe, Schmähung.[11]

 

c. Ein anscheinend ernsterer Fall von Verschreiben, den ich vielleicht mit

ebensoviel Recht dem »Vergreifen« einordnen könnte: Ich habe die Absicht, mir

aus der Postsparkassa die Summe von 300 Kronen kommen zu lassen, die ich

einem zum Kurgebrauch abwesenden Verwandten schicken will. Ich bemerke

dabei, dass mein Konto auf 4380 Kr. lautet und nehme mir vor, es jetzt auf die

runde Summe von 4000 Kr. herunterzusetzen, die in der nächsten Zeit nicht

angegriffen werden soll. Nachdem ich den Check ordnungsmässig

ausgeschrieben und die der Zahl entsprechenden Ziffern ausgeschnitten habe,

merke ich plötzlich, dass ich nicht 380 Kr., wie ich wollte, sondern gerade 438

bestellt habe, und erschrecke über die Unzuverlässigkeit meines Tuns. Den

Schreck erkenne ich bald als unberechtigt; ich bin ja jetzt nicht ärmer worden,

als ich vorher war. Aber ich muss eine ganze Weile darüber nachsinnen, welcher

Einfluss hier meine erste Intention gestört hat, ohne sich meinem Bewusstsein

anzukündigen. Ich gerate zuerst auf falsche Wege, will die beiden Zahlen, 380

und 438, von einander abziehen, weiss aber dann nicht, was ich mit der

Differenz anfangen soll. Endlich zeigt mir ein plötzlicher Einfall den wahren

Zusammenhang. 438 entspricht ja z e h n P r o z e n t des ganzen Konto von

4380 Kr.! 10 pCt. Rabatt hat man aber beim B u c h h ä n d l e r ! Ich besinne

mich, dass ich vor wenigen Tagen eine Anzahl medizinischer Werke, die ihr

Interesse für mich verloren haben, ausgesucht, um sie dem Buchhändler gerade

für 300 Kronen anzubieten. Er fand die Forderung zu hoch und versprach, in den

nächsten Tagen endgiltige Antwort zu sagen. Wenn er mein Angebot annimmt,

so hat er mir gerade die Summe ersetzt, welche ich für den Kranken verausgaben

soll. Es ist nicht zu verkennen, dass es mir um diese Ausgabe leid tut. Der Affekt

bei der Wahrnehmung meines Irrtums lässt sich besser verstehen als Furcht,

durch solche Ausgaben arm zu werden. Aber beides, das Bedauern wegen dieser

Ausgabe und die an sie geknüpfte Verarmungsangst, sind meinem Bewusstsein

völlig fremd; ich habe das Bedauern nicht verspürt, als ich jene Summe zusagte,

und fände die Motivierung desselben lächerlich. Ich würde mir eine solche Regung wahrscheinlich gar nicht zutrauen, wenn ich nicht durch die Übung in

Psychoanalysen bei Patienten mit dem Verdrängten im Seelenleben ziemlich

vertraut wäre, und wenn ich nicht vor einigen Tagen einen Traum gehabt hätte,

welcher die nämliche Lösung erforderte.[12]

 

W u n d t gibt eine bemerkenswerte Begründung für die leicht zu bestätigende

Tatsache, dass wir uns leichter verschreiben als versprechen (l. c. p. 374). „Im

Verlaufe der normalen Rede ist fortwährend die Hemmungsfunktion des Willens

dahin gerichtet, Vorstellungsverlauf und Artikulationsbewegung mit einander in

Einklang zu bringen. Wird die den Vorstellungen folgende Ausdrucksbewegung

durch mechanische Ursachen verlangsamt wie beim Schreiben …., so treten

daher solche Antizipationen besonders leicht ein.“

 

Die Beobachtung der Bedingungen, unter denen das Verlesen auftritt, giebt

Anlass zu einem Zweifel, den ich nicht unerwähnt lassen möchte, weil er nach

meiner Schätzung der Ausgangspunkt einer fruchtbaren Untersuchung werden

kann. Es ist jedermann bekannt, wie häufig beim Vo r l e s e n die

Aufmerksamkeit des Lesenden den Text verlässt und sich eigenen Gedanken

zuwendet. Die Folge dieses Abschweifens der Aufmerksamkeit ist nicht selten,

dass er überhaupt nicht anzugeben weiss, was er gelesen hat, wenn man ihn im

Vorlesen unterbricht und befragt. Er hat dann wie automatisch gelesen, aber er

hat fast immer richtig vorgelesen. Ich glaube nicht, dass die Lesefehler sich unter

solchen Bedingungen merklich vermehren. Von einer ganzen Reihe von

Funktionen sind wir auch gewöhnt, anzunehmen, dass sie automatisch, also von

kaum bewusster Aufmerksamkeit begleitet, am exaktesten vollzogen werden.

Daraus scheint zu folgen, dass die Aufmerksamkeitsbedingung der Sprech-,

Lese- und Schreibfehler anders zu bestimmen ist, als sie bei W u n d t lautet

(Wegfall oder Nachlass der Aufmerksamkeit). Die Beispiele, die wir der Analyse

unterzogen haben, gaben uns eigentlich nicht das Recht, eine quantitative

Verminderung der Aufmerksamkeit anzunehmen; wir fanden, was vielleicht

nicht ganz dasselbe ist, eine S t ö r u n g der Aufmerksamkeit durch einen

fremden, Anspruch erhebenden Gedanken.