Zur Psychopathologie des Alltagslebens

Sigmund Freud · Kapitel 13 von 13

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Zur Psychopathologie des Alltagslebens

X. Determinismus. – Zufalls- und Aberglauben. – Gesichtspunkte.

X.

 

Determinismus. – Zufalls- und Aberglauben. –

 

Gesichtspunkte.

 

Als das allgemeine Ergebnis der vorstehenden Einzelerörterungen kann man

folgende Einsicht hinstellen: G e w i s s e U n z u l ä n g l i c h k e i t e n

u n s e r e r p s y c h i s c h e n L e i s t u n g e n – deren gemeinsamer Charakter

sogleich näher bestimmt werden soll – u n d g e w i s s e a b s i c h t s l o s

e r s c h e i n e n d e Ve r r i c h t u n g e n e r w e i s e n s i c h , w e n n m a n

d a s Ve r f a h r e n d e r p s y c h o a n a l y t i s c h e n U n t e r s u c h u n g

a u f s i e a n w e n d e t , a l s w o h l m o t i v i e r t u n d d u r c h d e m

B e w u s s t s e i n u n b e k a n n t e M o t i v e d e t e r m i n i e r t.

 

Um in die Klasse der so zu erklärenden Phänomene eingereiht zu werden, muss

eine psychische Fehlleistung folgenden Bedingungen genügen:

 

a. Sie darf nicht über ein gewisses Mass hinausgehen, welches von unserer

Schätzung festgesetzt ist und durch den Ausdruck »innerhalb der Breite des

Normalen« bezeichnet wird.

 

b. Sie muss den Charakter der momentanen und zeitweiligen Störung an sich

tragen. Wir müssen die nämliche Leistung vorher korrekter ausgeführt haben

oder uns jederzeit zutrauen, sie korrekter auszuführen. Wenn wir von anderer

Seite korrigiert werden, müssen wir die Richtigkeit der Korrektur und die

Unrichtigkeit unseres eigenen psychischen Vorganges sofort erkennen.

 

c. Wenn wir die Fehlleistung überhaupt wahrnehmen, dürfen wir von einer

Motivierung derselben nichts in uns verspüren, sondern müssen versucht sein,

sie durch »Unaufmerksamkeit« zu erklären oder als »Zufälligkeit« hinzustellen.

 

Es verbleiben somit in dieser Gruppe die Fälle von Vergessen und die Irrtümer

bei besserem Wissen, das Versprechen, Verlesen, Verschreiben, Vergreifen und

die sog. Zufallshandlungen. Die gleiche Zusammensetzung mit der Vorsilbe v e r

deutet für die meisten dieser Phänomene die innere Gleichartigkeit sprachlich an. An die Aufklärung dieser so bestimmten psychischen Vorgänge knüpft aber

eine Reihe von Bemerkungen an, die zum Teil ein weitergehendes Interesse

erwecken dürfen.

 

I. Indem wir einen Teil unserer psychischen Leistungen als unaufklärbar durch

Zielvorstellungen preisgeben, verkennen wir den Umfang der Determinierung

im Seelenleben. Dieselbe reicht hier und noch auf anderen Gebieten weiter, als

wir es vermuten. Ich habe im Jahre 1900 in einem Aufsatz des Literarhistorikers

R . M . M e y e r in der »Zeit« ausgeführt und an Beispielen erläutert gefunden,

dass es unmöglich ist, absichtlich und willkürlich einen Unsinn zu komponieren.

Seit längerer Zeit weiss ich, dass man es nicht zustande bringt, sich eine Zahl

nach freiem Belieben einfallen zu lassen, ebensowenig wie etwa einen Namen.

Untersucht man die scheinbar willkürlich gebildete, etwa mehrstellige, wie im

Scherz oder Übermut ausgesprochene Zahl, so erweist sich deren strenge

Determinierung, die man wirklich nicht für möglich gehalten hätte. Ich will nun

zunächst ein Beispiel eines willkürlich gewählten Vornamens kurz erörtern und

dann ein analoges Beispiel einer »gedankenlos hingeworfenen« Zahl

ausführlicher analysieren.

 

α. Im Begriffe, die Krankengeschichte einer meiner Patientinnen für die

Publikation herzurichten, erwäge ich, welchen Vornamen ich ihr in der Arbeit

geben soll. Die Auswahl scheint sehr gross; gewiss schliessen sich einige Namen

von vorne herein aus, in erster Linie der echte Name, sodann die Namen meiner

eigenen Familienangehörigen, an denen ich Anstoss nehmen würde, etwa noch

andere Frauennamen von besonders seltsamem Klang; im übrigen aber brauchte

ich um einen solchen Namen nicht verlegen zu sein. Man sollte erwarten und ich

erwarte selbst, dass sich mir eine ganze Schar weiblicher Namen zur Verfügung

stellen wird. Anstatt dessen taucht ein einzelner auf, kein zweiter neben ihm, der

Name D o r a . Ich frage nach seiner Determinierung. Wer heisst denn nur sonst

Dora? Ungläubig möchte ich den nächsten Einfall zurückweisen, der lautet, dass

das Kindermädchen meiner Schwester so heisst. Aber ich besitze soviel

Selbstzucht oder Übung im Analysieren, dass ich den Einfall festhalte und

weiterspinne. Da fällt mir auch sofort eine kleine Begebenheit des vorigen

Abends ein, welche die gesuchte Determinierung bringt. Ich sah auf dem Tisch

im Speisezimmer meiner Schwester einen Brief liegen mit der Aufschrift: „An

Fräulein Rosa W.“ Erstaunt fragte ich, wer so heisst, und wurde belehrt, dass die

vermeintliche Dora eigentlich Rosa heisst, und diesen ihren Namen beim Eintritt

ins Haus ablegen musste, weil meine Schwester den Ruf »Rosa« auch auf ihre

eigene Person beziehen kann. Ich sage bedauernd: Die armen Leute, nicht einmal ihren Namen können sie beibehalten! Wie ich mich jetzt besinne, wurde

ich dann für einen Moment still und begann an allerlei ernsthafte Dinge zu

denken, die ins Unklare verliefen, die ich mir jetzt aber leicht bewusst machen

könnte. Als ich dann am nächsten Tag nach einem Namen für eine Person

suchte, d i e i h r e n e i g e n e n n i c h t b e i b e h a l t e n d u r f t e, fiel mir

kein anderer als »Dora« ein. Die Ausschliesslichkeit beruht hier auf fester

inhaltlicher Verknüpfung, denn in der Geschichte meiner Patientin rührte ein

auch für den Verlauf der Kur entscheidender Einfluss von der im fremden Haus

dienenden Person, von einer Gouvernante, her.

 

β. In einem Briefe an meinen Freund in B. kündige ich ihm an, dass ich jetzt die

Korrekturen der Traumdeutung abgeschlossen habe und nichts mehr an dem

Werk ändern will, »möge es auch 2467 Fehler enthalten«. Ich versuche sofort,

mir diese Zahl aufzuklären und füge die kleine Analyse noch als Nachschrift

dem Briefe an. Am besten zitiere ich jetzt, wie ich damals geschrieben, als ich

mich auf frischer Tat ertappte:

 

„Noch rasch einen Beitrag zur Psychopathologie des Alltagslebens. Du findest

im Brief die Zahl 2467 als übermütige Willkürschätzung der Fehler, die sich im

Traumbuch finden werden. Es soll heissen: irgend eine grosse Zahl, und da stellt

sich diese ein. Nun gibt es aber nichts Willkürliches, Undeterminiertes im

Psychischen. Du wirst also auch mit Recht erwarten, dass das Unbewusste sich

beeilt hat, die Zahl zu determinieren, die von dem Bewussten freigelassen

wurde. Nun hatte ich gerade vorher in der Zeitung gelesen, dass ein General

E. M. als Feldzeugmeister in den Ruhestand getreten. Du musst wissen, der

Mann interessiert mich. Während ich als militärärztlicher Eleve diente, kam er

einmal, damals Oberst, in den Krankenstand und sagte zum Arzt: „Sie müssen

mich aber in 8 Tagen gesund machen, denn ich habe etwas zu arbeiten, worauf

der Kaiser wartet.“ Damals nahm ich mir vor, die Laufbahn des Mannes zu

verfolgen, und siehe da, heute (1899) ist er am Ende derselben, Feldzeugmeister

und schon im Ruhestande. Ich wollte ausrechnen, in welcher Zeit er diesen Weg

zurückgelegt, und nahm an, dass ich ihn 1882 im Spital gesehen. Das wären also

17 Jahre. Ich erzähle meiner Frau davon und sie bemerkt: „Da müsstest Du also

auch schon im Ruhestande sein?“ Und ich protestiere: Davor bewahre mich

Gott. Nach diesem Gespräch setze ich mich an den Tisch, um Dir zu schreiben.

Der frühere Gedankengang setzt sich aber fort und mit gutem Recht. Es war

falsch gerechnet; ich habe einen festen Punkt dafür in meiner Erinnerung. Meine

Grossjährigkeit, meinen 24. Geburtstag also, habe ich im Militärarrest gefeiert

(weil ich mich eigenmächtig absentiert hatte). Das war also 1880; es sind 19 Jahre her. Da hast Du nun die Zahl 24 in 2467! Nimm nun meine Alterszahl 43

und gib 24 Jahre hinzu, so bekommst Du die 67! D. h. auf die Frage, ob ich auch

in den Ruhestand treten will, habe ich mir im Wunsch noch 24 Jahre Arbeit

zugelegt. Offenbar bin ich gekränkt darüber, dass ich es in dem Intervall, durch

das ich den Oberst M. verfolgt, selbst nicht weit gebracht habe, und doch wie in

einer Art von Triumph darüber, dass er jetzt schon fertig ist, während ich noch

Alles vor mir habe. Da darf man doch mit Recht sagen, dass nicht einmal die

absichtslos hingeworfene Zahl 2467 ihrer Determinierung aus dem Unbewussten

entbehrt.“

 

Seit diesem ersten Beispiel von Aufklärung einer scheinbar willkürlich

gewählten Zahl habe ich den gleichen Versuch vielmals mit dem nämlichen

Erfolg wiederholt; aber die meisten Fälle sind so sehr intimen Inhalts, dass sie

sich der Mitteilung entziehen. Gerade an diesen Analysen ist mir zweierlei

besonders auffällig: Erstens die geradezu somnambule Sicherheit, mit der ich auf

das mir unbekannte Ziel losgehe, mich in einen rechnenden Gedankengang

versenke, der dann plötzlich bei der gesuchten Zahl angelangt ist, und die

Raschheit, mit der sich die ganze Nacharbeit vollzieht; zweitens aber der

Umstand, dass die Zahlen meinem unbewussten Denken so bereitwillig zur

Verfügung stehen, während ich ein schlechter Rechner bin und die grössten

Schwierigkeiten habe, mir Jahreszahlen, Hausnummern und dergleichen bewusst

zu merken. Ich finde übrigens in diesen unbewussten Gedankenoperationen mit

Zahlen eine Neigung zum Aberglauben, deren Herkunft mir selbst noch fremd

ist. Meist stosse ich auf Spekulationen über die Lebensdauer meiner selbst und

der mir teuren Personen, und bestimmend auf die unbewussten Spielereien muss

eingewirkt haben, dass mein Freund in B. die Lebenszeiten der Menschen zum

Gegenstand seiner auf biologische Einheiten gegründeten Rechnungen

genommen hat. Ich bin nun mit einer der Voraussetzungen, von denen er hierbei

ausgeht, nicht einverstanden, möchte aus höchst egoistischen Motiven gerne

gegen ihn Recht behalten und scheine nun diese Rechnungen auf meine Art

nachzuahmen.

 

II. Diese Einsicht in die Determinierung scheinbar willkürlich gewählter Namen

und Zahlen kann vielleicht zur Klärung eines anderen Problems beitragen.

Gegen die Annahme eines durchgehenden psychischen Determinismus berufen

sich bekanntlich viele Personen auf ein besonderes Überzeugungsgefühl für die

Existenz eines freien Willens. Dieses Überzeugungsgefühl besteht und weicht

auch dem Glauben an den Determinismus nicht. Es muss wie alle normalen

Gefühle durch irgend etwas berechtigt sein. Es äussert sich aber, soviel ich beobachten kann, nicht bei den grossen und wichtigen Willensentscheidungen;

bei diesen Gelegenheiten hat man vielmehr die Empfindung des psychischen

Zwanges und beruft sich auf sie („Hier stehe ich, ich kann nicht anders“).

Hingegen möchte man gerade bei den belanglosen, indifferenten

Entschliessungen versichern, dass man ebensowohl anders hätte handeln können,

dass man aus freiem, nicht motiviertem Willen gehandelt hat. Nach unseren

Analysen braucht man nun das Recht des Überzeugungsgefühles vom freien

Willen nicht zu bestreiten. Führt man die Unterscheidung der Motivierung aus

dem Bewussten von der Motivierung aus dem Unbewussten ein, so berichtet uns

das Überzeugungsgefühl, dass die bewusste Motivierung sich nicht auf alle

unsere motorischen Entscheidungen erstreckt. Minima non curat praetor. Was

aber so von der einen Seite frei gelassen wird, das empfängt seine Motivierung

von anderer Seite, aus dem Unbewussten, und so ist die Determinierung im

Psychischen doch lückenlos durchgeführt.

 

III. Wenngleich dem bewussten Denken die Kenntnis von der Motivierung der

besprochenen Fehlleistungen nach der ganzen Sachlage abgehen muss, so wäre

es doch erwünscht, einen psychologischen Beweis für deren Existenz

aufzufinden; ja es ist aus Gründen, die sich bei näherer Kenntnis des

Unbewussten ergeben, wahrscheinlich, dass solche Beweise irgendwo auffindbar

sind. Es lassen sich wirklich auf zwei Gebieten Phänomene nachweisen, welche

einer unbewussten und darum verschobenen Kenntnis von dieser Motivierung zu

entsprechen scheinen.

 

a. Es ist ein auffälliger und allgemein bemerkter Zug im Verhalten der

Paranoiker, dass sie den kleinen, sonst von uns vernachlässigten Details im

Benehmen der anderen die grösste Bedeutung beilegen, dieselben ausdeuten und

zur Grundlage weitgehender Schlüsse machen. Der letzte Paranoiker z. B., den

ich gesehen habe, schloss auf ein allgemeines Einverständnis in seiner

Umgebung, weil die Leute bei seiner Abreise auf dem Bahnhof eine gewisse

Bewegung mit der einen Hand gemacht hatten. Ein anderer hat die Art notiert,

wie die Leute auf der Strasse gehen, mit den Spazierstöcken fuchteln u. dgl.[24]

 

Die Kategorie des Zufälligen, der Motivierung nicht Bedürftigen, welche der

Normale für einen Teil seiner eigenen psychischen Leistungen und

Fehlleistungen gelten lässt, verwirft der Paranoiker also in der Anwendung auf

die psychischen Äusserungen der anderen. Alles, was er an den anderen

bemerkt, ist bedeutungsvoll, alles ist deutbar. Wie kommt er nur dazu? Er

projiziert wahrscheinlich in das Seelenleben der anderen, was im eigenen

unbewusst vorhanden ist, hier wie in so vielen ähnlichen Fällen. In der Paranoia drängt sich eben so vielerlei zum Bewusstsein durch, was wir bei Normalen und

Neurotikern erst durch die Psychoanalyse als im Unbewussten vorhanden

nachweisen.[25] Der Paranoiker hat also hierin in gewissem Sinne Recht, er

erkennt etwas, was dem Normalen entgeht, er sieht schärfer als das normale

Denkvermögen, aber die Verschiebung des so erkannten Sachverhaltes auf

andere macht seine Erkenntnis wertlos. Die Rechtfertigung der einzelnen

paranoischen Deutungen wird man dann hoffentlich von mir nicht erwarten. Das

Stück Berechtigung aber, welches wir der Paranoia bei dieser Auffassung der

Zufallshandlungen zugestehen, wird uns das psychologische Verständnis der

Überzeugung erleichtern, welche sich beim Paranoiker an alle diese Deutungen

geknüpft hat. E s i s t e b e n e t w a s W a h r e s d a r a n; auch unsere nicht

als krankhaft zu bezeichnenden Urteilsirrtümer erwerben das ihnen zugehörige

Überzeugungsgefühl auf keine andere Art. Dies G e f ü h l ist für ein gewisses

Stück des irrtümlichen Gedankenganges oder für die Quelle, aus der er stammt,

berechtigt und wird dann von uns auf den übrigen Zusammenhang ausgedehnt.

 

b. Ein anderer Hinweis auf die unbewusste und verschobene Kenntnis der

Motivierung bei Zufalls- und Fehlleistungen findet sich in den Phänomenen des

Aberglaubens. Ich will meine Meinung durch die Diskussion des kleinen

Erlebnisses klar legen, welches für mich der Ausgangspunkt dieser

Überlegungen war.

 

Von den Ferien zurückgekehrt, richten sich meine Gedanken alsbald auf die

Kranken, die mich in dem neu beginnenden Arbeitsjahr beschäftigen sollen.

Mein erster Weg gilt einer sehr alten Dame, bei der ich (siehe oben) seit Jahren

die nämlichen ärztlichen Manipulationen zweimal täglich vornehme. Wegen

dieser Gleichförmigkeit haben sich unbewusste Gedanken sehr häufig auf dem

Wege zu der Kranken und während der Beschäftigung mit ihr Ausdruck

verschafft. Sie ist über 90 Jahre alt; es liegt also nahe, sich bei Beginn eines

jeden Jahres zu fragen, wie lange sie wohl noch zu leben hat. An dem Tage, von

dem ich erzähle, habe ich Eile, nehme also einen Wagen, der mich vor ihr Haus

führen soll. Jeder der Kutscher auf dem Wagenstandplatz vor meinem Hause

kennt die Adresse der alten Frau, denn jeder hat mich schon oftmals dahin

geführt. Heute ereignet es sich nun, dass der Kutscher nicht vor ihrem Hause,

sondern vor dem gleichbezifferten in einer nahegelegenen und wirklich ähnlich

aussehenden Parallelstrasse Halt macht. Ich merke den Irrtum und werfe ihn dem

Kutscher vor, der sich entschuldigt. Hat das nun etwas zu bedeuten, dass ich vor

ein Haus geführt werde, in dem ich die alte Dame nicht vorfinde? Für mich

gewiss nicht, aber wenn ich a b e r g l ä u b i s c h wäre, würde ich in dieser Begebenheit ein Vorzeichen erblicken, einen Fingerzeig des Schicksals, dass dies

Jahr das letzte für die alte Frau sein wird. Recht viele Vorzeichen, welche die

Geschichte aufbewahrt hat, sind in keiner besseren Symbolik begründet

gewesen. I c h erkläre allerdings den Vorfall für eine Zufälligkeit ohne weiteren

Sinn.

 

Ganz anders läge der Fall, wenn ich den Weg zu Fuss gemacht und dann in

»Gedanken«, in der »Zerstreutheit« vor das Haus der Parallelstrasse anstatt vors

richtige gekommen wäre. Das würde ich für keinen Zufall erklären, sondern für

eine der Deutung bedürftige Handlung mit unbewusster Absicht. Diesem

»Ve r g e h e n « müsste ich wahrscheinlich die Deutung geben, dass ich die alte

Dame bald nicht mehr anzutreffen erwarte.

 

Ich unterscheide mich also von einem Abergläubischen in folgendem:

 

Ich glaube nicht, dass ein Ereignis, an dessen Zustandekommen mein

Seelenleben unbeteiligt ist, mir etwas Verborgenes über die zukünftige

Gestaltung der Realität lehren kann; ich glaube aber, dass eine unbeabsichtigte

Äusserung meiner eigenen Seelentätigkeit mir allerdings etwas Verborgenes

enthüllt, was wiederum nur meinem Seelenleben angehört; ich glaube zwar an

äusseren (realen) Zufall, aber nicht an innere (psychische) Zufälligkeit. Der

Abergläubische umgekehrt: er weiss nichts von der Motivierung seiner

zufälligen Handlungen und Fehlleistungen, er glaubt, dass es psychische

Zufälligkeiten gibt; dafür ist er geneigt, dem äusseren Zufall eine Bedeutung

zuzuschreiben, die sich im realen Geschehen äussern wird, im Zufall ein

Ausdrucksmittel für etwas draussen ihm Verborgenes zu sehen. Die

Unterschiede zwischen mir und dem Abergläubischen sind zwei: erstens

projiziert er eine Motivierung nach aussen, die ich innen suche; zweitens deutet

er den Zufall durch ein Geschehen, den ich auf einen Gedanken zurückführe.

Aber das Verborgene bei ihm entspricht dem Unbewussten bei mir, und der

Zwang, den Zufall nicht als Zufall gelten zu lassen, sondern ihn zu deuten, ist

uns beiden gemeinsam.

 

Ich nehme nun an, dass diese bewusste Unkenntnis und unbewusste Kenntnis

von der Motivierung der psychischen Zufälligkeiten eine der psychischen

Wurzeln des Aberglaubens ist. W e i l der Abergläubische von der Motivierung

der eigenen zufälligen Handlungen nichts weiss, und weil die Tatsache dieser

Motivierung nach einem Platz in seiner Anerkennung drängt, ist er genötigt, sie

durch Verschiebung in der Aussenwelt unterzubringen. Besteht ein solcher

Zusammenhang, so wird er kaum auf diesen einzelnen Fall beschränkt sein. Ich glaube in der Tat, dass ein grosses Stück der mythologischen Weltauffassung, die

weit bis in die modernsten Religionen hinein reicht, n i c h t s a n d e r e s i s t

a l s i n d i e A u s s e n w e l t p r o j i z i e r t e P s y c h o l o g i e. Die dunkle

Erkenntnis psychischer Faktoren und Verhältnisse[26] des Unbewussten spiegelt

sich – es ist schwer, es anders zu sagen, die Analogie mit der Paranoia muss hier

zur Hilfe genommen werden – in der Konstruktion einer ü b e r s i n n l i c h e n

R e a l i t ä t , welche von der Wissenschaft in P s y c h o l o g i e d e s

U n b e w u s s t e n zurückverwandelt werden soll. Man könnte sich getrauen, die

Mythen vom Paradies und Sündenfall, von Gott, vom Guten und Bösen, von der

Unsterblichkeit und dgl. in solcher Weise aufzulösen, die M e t a p h y s i k in

M e t a p s y c h o l o g i e umzusetzen. Die Kluft zwischen der Verschiebung des

Paranoikers und der des Abergläubischen ist minder gross, als sie auf den ersten

Blick erscheint. Als die Menschen zu denken begannen, waren sie bekanntlich

genötigt, die Aussenwelt anthropomorphisch in eine Vielheit von

Persönlichkeiten nach ihrem Gleichnis aufzulösen; die Zufälligkeiten, die sie

abergläubisch deuteten, waren also Handlungen, Äusserungen von Personen, und

sie haben sich demnach genau so benommen wie die Paranoiker, welche aus den

unscheinbaren Anzeichen, die ihnen die Anderen geben, Schlüsse ziehen, und

wie die Gesunden alle, welche mit Recht die zufälligen und unbeabsichtigten

Handlungen ihrer Nebenmenschen zur Grundlage der Schätzung ihres

Charakters machen. Der Aberglaube erscheint nur so sehr deplaziert in unserer

modernen, naturwissenschaftlichen, aber noch keineswegs abgerundeten

Weltanschauung; in der Weltanschauung vorwissenschaftlicher Zeiten und

Völker war er berechtigt und konsequent.

 

Der Römer, der eine wichtige Unternehmung aufgab, wenn ihm ein widriger

Vogelflug begegnete, war also relativ im Recht; er handelte konsequent nach

seinen Voraussetzungen. Wenn er aber von der Unternehmung abstand, weil er

an der Schwelle seiner Tür gestolpert war (»Un Romain retournerait«), so war er

uns Ungläubigen auch absolut überlegen, ein besserer Seelenkundiger, als wir

uns zu sein bemühen. Denn dies Stolpern konnte ihm die Existenz eines

Zweifels, einer Gegenströmung in seinem Innern beweisen, deren Kraft sich im

Momente der Ausführung von der Kraft seiner Intention abziehen konnte. Des

vollen Erfolges ist man nämlich nur dann sicher, wenn alle Seelenkräfte einig

dem gewünschten Ziel entgegenstreben. Wie antwortet S c h i l l e r s T e l l, der

so lange gezaudert, den Apfel vom Haupt seines Knaben zu schiessen, auf die

Frage des Vogts, wozu er den zweiten Pfeil eingesteckt?

 

„Mit diesem zweiten Pfeil durchbohrt' ich – Euch,

Wenn ich mein liebes Kind getroffen hätte,

Und E u e r – wahrlich – hätt' ich n i c h t gefehlt.“

 

IV. Als ich unlängst Gelegenheit hatte, einem philosophisch gebildeten Kollegen

einige Beispiele von Namenvergessen mit Analyse vorzutragen, beeilte er sich

zu erwidern: Das ist sehr schön, aber bei mir geht das Namenvergessen anders

zu. So leicht darf man es sich offenbar nicht machen; ich glaube nicht, dass mein

Kollege je vorher an eine Analyse bei Namenvergessen gedacht hatte; er konnte

auch nicht sagen, wie es bei ihm anders zugehe. Aber seine Bemerkung trifft

doch ein Problem, welches viele in den Vordergrund zu stellen geneigt sein

werden. Trifft die hier gegebene Auflösung der Fehl- und Zufallshandlungen

allgemein zu oder nur vereinzelt, und wenn letzteres, welches sind die

Bedingungen, unter denen sie zur Erklärung der auch anderswie ermöglichten

Phänomene herangezogen werden darf? Bei der Beantwortung dieser Frage

lassen mich meine Erfahrungen im Stiche. Ich kann nur davon abmahnen, den

aufgezeigten Zusammenhang für selten zu halten, denn so oft ich bei mir selbst

und bei meinen Patienten die Probe angestellt, hat er sich wie in den mitgeteilten

Beispielen sicher nachweisen lassen oder haben sich wenigstens gute Gründe,

ihn zu vermuten, ergeben. Es ist nicht zu verwundern, wenn es nicht alle Male

gelingt, den verborgenen Sinn der Symptomhandlung zu finden, da die Grösse

der inneren Widerstände, die sich der Lösung widersetzen, als entscheidender

Faktor in Betracht kommt. Man ist auch nicht imstande, bei sich selbst oder bei

den Patienten jeden einzelnen Traum zu deuten; es genügt, um die

Allgemeingiltigkeit der Theorie zu bestätigen, wenn man nur ein Stück weit in

den verdeckten Zusammenhang einzudringen vermag. Der Traum, der sich beim

Versuche, ihn am Tage nachher zu lösen, refraktär zeigt, lässt sich oft eine

Woche oder einen Monat später sein Geheimnis entreissen, wenn eine unterdes

erfolgte reale Veränderung die mit einander streitenden psychischen

Wertigkeiten herabgesetzt hat. Das nämliche gilt für die Lösung der Fehl- und

Symptomhandlungen; das Beispiel von Verlesen „Im Fass durch Europa“ auf

Seite 32 hat mir die Gelegenheit gegeben zu zeigen, wie ein anfänglich

unlösbares Symptom der Analyse zugänglich wird, wenn das r e a l e

I n t e r e s s e an den verdrängten Gedanken nachgelassen hat. So lange die

Möglichkeit bestand, dass mein Bruder den beneideten Titel vor mir erhielte,

widerstand das genannte Verlesen allen wiederholten Bemühungen der Analyse;

nachdem es sich herausgestellt hatte, dass diese Bevorzugung unwahrscheinlich

sei, klärte sich mir plötzlich der Weg, der zur Auflösung desselben führte. Es

wäre also unrichtig, von all den Fällen, welche der Analyse widerstehen, zu

behaupten, sie seien durch einen anderen als den hier aufgedeckten psychischen Mechanismus entstanden; es brauchte für diese Annahme noch andere als

negative Beweise. Auch die bei Gesunden wahrscheinlich allgemein vorhandene

Bereitwilligkeit, an eine andere Erklärung der Fehl- und Symptomhandlungen zu

glauben, ist jeder Beweiskraft bar; sie ist, wie selbstverständlich, eine Äusserung

derselben seelischen Kräfte, die das Geheimnis hergestellt haben, und die sich

darum auch für dessen Bewahrung einsetzen, gegen dessen Aufhellung aber

sträuben.

 

Auf der anderen Seite dürfen wir nicht übersehen, dass die verdrängten

Gedanken und Regungen sich den Ausdruck in Symptom- und Fehlhandlungen

ja nicht selbständig schaffen. Die technische Möglichkeit für solches Ausgleiten

der Innervationen muss unabhängig von ihnen gegeben sein; diese wird dann

von der Absicht des Verdrängten, zur bewussten Geltung zu kommen, gerne

ausgenützt. Welche Struktur- und Funktionsrelationen es sind, die sich solcher

Absicht zur Verfügung stellen, das haben für den Fall der sprachlichen

Fehlleistung (vgl. Seite 17) eingehende Untersuchungen der Philosophen und

Philologen festzustellen sich bemüht. Unterscheiden wir so an den Bedingungen

der Fehl- und Symptomhandlung das unbewusste Motiv von den ihm

entgegenkommenden physiologischen und psychophysischen Relationen, so

bleibt die Frage offen, ob es innerhalb der Breite der Gesundheit noch andere

Momente gibt, welche, wie das unbewusste Motiv und an Stelle desselben, auf

dem Wege dieser Relationen die Fehl- und Symptomhandlungen zu erzeugen

vermögen. Es liegt nicht auf meinem Wege, diese Frage zu beantworten.

 

V. Seit den Erörterungen über das Versprechen haben wir uns begnügt, zu

beweisen, dass die Fehlleistungen eine verborgene Motivierung haben, und uns

mit dem Hilfsmittel der Psychoanalyse den Weg zur Kenntnis dieser

Motivierung gebahnt. Die allgemeine Natur und die Besonderheiten der in den

Fehlleistungen zum Ausdruck gebrachten psychischen Faktoren haben wir bisher

fast ohne Berücksichtigung gelassen, jedenfalls noch nicht versucht, dieselben

näher zu bestimmen und auf ihre Gesetzmässigkeit zu prüfen. Wir werden auch

jetzt keine gründliche Erledigung des Gegenstandes versuchen, denn die ersten

Schritte werden uns bald belehrt haben, dass man in dies Gebiet besser von

anderer Seite einzudringen vermag. Man kann sich hier mehrere Fragen

vorlegen, die ich wenigstens anführen und in ihrem Umfang umschreiben will. 1.

Welches Inhalts und welcher Herkunft sind die Gedanken und Regungen, die

sich durch die Fehl- und Zufallshandlungen andeuten? 2. Welches sind die

Bedingungen dafür, dass ein Gedanke oder eine Regung genötigt und in den

Stand gesetzt werde, sich dieser Vorfälle als Ausdrucksmittel zu bedienen? 3. Lassen sich konstante und eindeutige Beziehungen zwischen der Art der

Fehlhandlung und den Qualitäten des durch sie zum Ausdruck Gebrachten

nachweisen?

 

Ich beginne damit, einiges Material zur Beantwortung der letzten Frage

zusammenzutragen. Bei der Erörterung der Beispiele von Versprechen haben wir

es für nötig gefunden, über den Inhalt der intendierten Rede hinauszugehen, und

haben die Ursache der Redestörung ausserhalb der Intention suchen müssen.

Dieselbe lag dann in einer Reihe von Fällen nahe und war dem Bewusstsein des

Sprechenden bekannt. In den scheinbar einfachsten und durchsichtigsten

Beispielen war es eine gleichberechtigt klingende andere Fassung desselben

Gedankens, die dessen Ausdruck störte, ohne dass man hätte angeben können,

warum die eine unterlegen, die andere durchgedrungen war (Kontaminationen

von M e r i n g e r und M a y e r ). In einer zweiten Gruppe von Fällen war das

Unterliegen der einen Fassung motiviert durch eine Rücksicht, die sich aber

nicht stark genug zur völligen Zurückhaltung erwies (»zum Vorschwein

gekommen«). Auch die zurückgehaltene Fassung war klar bewusst. Von der

dritten Gruppe erst kann man ohne Einschränkung behaupten, dass hier der

störende Gedanke von dem intendierten verschieden war, und kann hier eine,

wie es scheint, wesentliche Unterscheidung aufstellen. Der störende Gedanke ist

entweder mit dem gestörten durch Gedankenassoziation verbunden (Störung

durch inneren Widerspruch), oder er ist ihm wesensfremd, und durch eine

befremdende ä u s s e r l i c h e Assoziation ist gerade das gestörte Wort mit dem

störenden Gedanken, der oft unbewusst ist, verknüpft. In den Beispielen, die ich

aus meinen Psychoanalysen bei Patienten gebracht habe, steht die ganze Rede

unter dem Einfluss gleichzeitig aktiv gewordener, aber völlig unbewusster

Gedanken, die sich entweder durch die Störung selbst verraten

(K l a p p e r schlange – K l e o p a t r a ) oder einen indirekten Einfluss äussern,

indem sie ermöglichen, dass die einzelnen Teile der bewusst intendierten Rede

einander stören (A s e n a t m e n: wo H a s e n a u e r strasse, Reminiszenzen an

eine Französin dahinter stehen). Die zurückgehaltenen oder unbewussten

Gedanken, von denen die Sprechstörung ausgeht, sind von der mannigfaltigsten

Herkunft. Eine Allgemeinheit enthüllt uns diese Überschau also nach keiner

Richtung.

 

Die vergleichende Prüfung der Beispiele von Verlesen und Verschreiben führt zu

den nämlichen Ergebnissen. Einzelne Fälle scheinen wie beim Versprechen einer

weiter nicht motivierten Verdichtungsarbeit ihr Entstehen zu danken (z. B.: der

A p f e ). Man möchte aber gern erfahren, ob nicht doch besondere Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine solche Verdichtung, die in der Traumarbeit

regelrecht, in unserem wachen Denken fehlerhaft ist, Platz greife, und bekommt

hierüber aus den Beispielen selbst keinen Aufschluss. Ich würde es aber

ablehnen, hieraus den Schluss zu ziehen, es gebe keine solchen Bedingungen als

etwa den Nachlass der bewussten Aufmerksamkeit, da ich von anderswoher

weiss, dass sich gerade automatische Verrichtungen durch Korrektheit und

Verlässlichkeit auszeichnen. Ich möchte eher betonen, dass hier, wie so häufig in

der Biologie, die normalen oder dem Normalen angenäherten Verhältnisse

ungünstigere Objekte der Forschung sind als die pathologischen. Was bei der

Erklärung dieser leichtesten Störungen dunkel bleibt, wird nach meiner

Erwartung durch die Aufklärung schwererer Störungen Licht empfangen.

 

Auch beim Verlesen und Verschreiben fehlt es nicht an Beispielen, welche eine

entferntere und kompliziertere Motivierung erkennen lassen. »Im Fass durch

Europa« ist eine Lesestörung, die sich durch den Einfluss eines entlegenen,

wesensfremden Gedankens aufklärt, welcher einer verdrängten Regung von

Eifersucht und Ehrgeiz entspringt, und den »Wechsel« des Wortes

»B e f ö r d e r u n g « zur Verknüpfung mit dem gleichgiltigen und harmlosen

Thema, das gelesen wurde, benützt. Im Falle B u r c k h a r d ist der Name selbst

ein solcher »Wechsel«.

 

Es ist unverkennbar, dass die Störungen der Sprechfunktionen leichter zustande

kommen und weniger Anforderungen an die störenden Kräfte stellen als die

anderer psychischer Leistungen.

 

Auf anderem Boden steht man bei der Prüfung des Vergessens im eigentlichen

Sinne, d. h. des Vergessens von vergangenen Erlebnissen (das Vergessen von

Eigennamen und Fremdworten, wie in den Abschnitten I und II könnte man als

»Entfallen«, das von Vorsätzen als »Unterlassen« von diesem Vergessen sensu

strictiori absondern). Die Grundbedingungen des normalen Vorgangs beim

Vergessen sind unbekannt. Man wird auch daran gemahnt, dass nicht alles

vergessen ist, was man dafür hält. Unsere Erklärung hat es hier nur mit jenen

Fällen zu tun, in denen das Vergessen bei uns ein Befremden erweckt, insofern

es die Regel verletzt, dass Unwichtiges vergessen, Wichtiges aber vom

Gedächtnis bewahrt wird. Die Analyse der Beispiele von Vergessen, die uns

nach einer besonderen Aufklärung zu verlangen scheinen, ergibt als Motiv des

Vergessens jedesmal eine Unlust, etwas zu erinnern, was peinliche

Empfindungen erwecken kann. Wir gelangen zur Vermutung, dass dieses Motiv

im psychischen Leben sich ganz allgemein zu äussern strebt, aber durch andere

gegenwirkende Kräfte verhindert wird, sich irgendwie regelmässig durchzusetzen. Umfang und Bedeutung dieser Erinnerungsunlust gegen

peinliche Eindrücke scheinen der sorgfältigsten psychologischen Prüfung wert

zu sein; auch die Frage, welche besonderen Bedingungen das allgemein

angestrebte Vergessen in einzelnen Fällen ermöglichen, ist aus diesem weiteren

Zusammenhange nicht zu lösen.

 

Beim Vergessen von Vorsätzen tritt ein anderes Moment in den Vordergrund; der

beim Verdrängen des peinlich zu Erinnernden nur vermutete Konflikt wird hier

greifbar, und man erkennt bei der Analyse der Beispiele regelmässig einen

Gegenwillen, der sich dem Vorsatze widersetzt, ohne ihn aufzuheben. Wie bei

früher besprochenen Fehlleistungen erkennt man auch hier zwei Typen des

psychischen Vorgangs; der Gegenwille kehrt sich entweder direkt gegen den

Vorsatz (bei Absichten von einigem Belang), oder er ist dem Vorsatz selbst

wesensfremd und stellt seine Verbindung mit ihm durch eine ä u s s e r l i c h e

Assoziation her (bei fast indifferenten Vorsätzen).

 

Derselbe Konflikt beherrscht die Phänomene des Vergreifens. Der Impuls, der

sich in der Störung der Handlung äussert, ist häufig ein Gegenimpuls, doch noch

öfter ein überhaupt fremder, der nur die Gelegenheit benützt, sich bei der

Ausführung der Handlung durch eine Störung derselben zum Ausdruck zu

bringen. Die Fälle, in denen die Störung durch einen inneren Widerspruch

erfolgt, sind die bedeutsameren und betreffen auch die wichtigeren

Verrichtungen.

 

Der innere Konflikt tritt dann bei den Zufalls- oder Symptomhandlungen immer

mehr zurück. Diese vom Bewusstsein gering geschätzten oder ganz übersehenen

motorischen Aeusserungen dienen so mannigfachen unbewussten oder

zurückgehaltenen Regungen zum Ausdruck; sie stellen meist Phantasien oder

Wünsche symbolisch dar. –

 

Zur ersten Frage, welcher Herkunft die Gedanken und Regungen seien, die sich

in den Fehlleistungen zum Ausdruck bringen, lässt sich sagen, dass in einer

Reihe von Fällen die Herkunft der störenden Gedanken von unterdrückten

Regungen des Seelenlebens leicht nachzuweisen ist. Egoistische, eifersüchtige,

feindselige Gefühle und Impulse, auf denen der Druck der moralischen

Erziehung lastet, bedienen sich bei Gesunden nicht selten des Weges der

Fehlleistungen, um ihre unleugbar vorhandene, aber von höheren seelischen

Instanzen nicht anerkannte Macht irgendwie zu äussern. Das Gewährenlassen

dieser Fehl- und Zufallshandlungen entspricht zum guten Teil einer bequemen

Duldung des Unmoralischen. Unter diesen unterdrückten Regungen spielen die mannigfachen sexuellen Strömungen keine geringfügige Rolle. Es ist ein Zufall

des Materials, wenn gerade sie so selten unter den durch die Analyse

aufgedeckten Gedanken in meinen Beispielen erscheinen. Da ich vorwiegend

Beispiele aus meinem eigenen Seelenleben der Analyse unterzogen habe, so war

die Auswahl von vornherein parteiisch und auf den Ausschluss des Sexuellen

gerichtet. Andere Male scheinen es höchst harmlose Einwendungen und

Rücksichten zu sein, aus denen die störenden Gedanken entspringen.

 

Wir stehen nun vor der Beantwortung der zweiten Frage, welche

psychologischen Bedingungen dafür gelten, dass ein Gedanke seinen Ausdruck

nicht in voller Form, sondern in gleichsam parasitärer als Modifikation und

Störung eines anderen suchen müsse. Es liegt nach den auffälligsten Beispielen

von Fehlhandlung nahe, diese Bedingung in einer Beziehung zur

Bewusstseinsfähigkeit zu suchen, in dem mehr oder minder entschieden

ausgeprägten Charakter des »Verdrängten«. Aber die Verfolgung durch die Reihe

der Beispiele löst diesen Charakter in immer mehr verschwommene

Andeutungen auf. Die Neigung, über etwas als zeitraubend hinwegzukommen, –

die Erwägung, dass der betreffende Gedanke nicht eigentlich zur intendierten

Sache gehört, – scheinen als Motive für die Zurückdrängung eines Gedankens,

der dann auf den Ausdruck durch Störung eines anderen angewiesen ist, dieselbe

Rolle zu spielen wie die moralische Verurteilung einer unbotmässigen

Gefühlsregung oder die Abkunft von völlig unbewussten Gedankenzügen. Eine

Einsicht in die allgemeine Natur der Bedingtheit von Fehl- und Zufallsleistungen

lässt sich auf diese Weise nicht gewinnen. Einer einzigen bedeutsamen Tatsache

wird man bei diesen Untersuchungen habhaft; je harmloser die Motivierung der

Fehlleistung ist, je weniger anstössig und darum weniger bewusstseinsunfähig

der Gedanke ist, der sich in ihr zum Ausdruck bringt, desto leichter wird auch

die Auflösung des Phänomens, wenn man ihm seine Aufmerksamkeit

zugewendet hat; die leichtesten Fälle des Versprechens werden sofort bemerkt

und spontan korrigiert. Wo es sich um Motivierung durch wirklich verdrängte

Regungen handelt, da bedarf es zur Lösung einer sorgfältigen Analyse, die selbst

zeitweise auf Schwierigkeiten stossen oder misslingen kann.

 

Es ist also wohl berechtigt, das Ergebnis dieser letzten Untersuchung als einen

Hinweis darauf zu nehmen, dass die befriedigende Aufklärung für die

psychologischen Bedingungen der Fehl- und Zufallshandlungen auf einem

anderen Wege und von anderer Seite her zu gewinnen ist. Der nachsichtige Leser

möge daher in diesen Auseinandersetzungen den Nachweis der Bruchflächen

sehen, an denen dieses Thema ziemlich künstlich aus einem grösseren Zusammenhange herausgelöst wurde.

 

VI. Einige Worte sollen zum mindesten die Richtung nach diesem weiteren

Zusammenhange andeuten. Der Mechanismus der Fehl- und Zufallshandlungen,

wie wir ihn durch die Anwendung der Analyse kennen gelernt haben, zeigt in

den wesentlichsten Punkten eine Übereinstimmung mit dem Mechanismus der

Traumbildung, den ich in dem Abschnitt »Traumarbeit« meines Buches über die

Traumdeutung auseinandergesetzt habe. Die Verdichtungen und

Kompromissbildungen (Kontaminationen) findet man hier wie dort; die

Situation ist die nämliche, dass unbewusste Gedanken sich auf ungewöhnlichen

Wegen, über äusserliche Assoziationen, als Modifikation von anderen Gedanken

zum Ausdruck bringen. Die Ungereimtheiten, Absurditäten und Irrtümer des

Trauminhaltes, denen zufolge der Traum kaum als Produkt psychischer Leistung

anerkannt wird, entstehen auf dieselbe Weise, freilich mit freierer Benützung der

vorhandenen Mittel, wie die gemeinen Fehler unseres Alltagslebens; h i e r

w i e d o r t l ö s t s i c h d e r A n s c h e i n i n k o r r e k t e r F u n k t i o n

d u r c h d i e e i g e n t ü m l i c h e I n t e r f e r e n z z w e i e r o d e r

m e h r e r e r k o r r e k t e r L e i s t u n g e n. Aus diesem Zusammentreffen ist

ein wichtiger Schluss zu ziehen: Die eigentümliche Arbeitsweise, deren

auffälligste Leistung wir im Trauminhalt erkennen, darf nicht auf den

Schlafzustand des Seelenlebens zurückgeführt werden, wenn wir in den

Fehlhandlungen so reichliche Zeugnisse für ihre Wirksamkeit während des

wachen Lebens besitzen. Derselbe Zusammenhang verbietet uns auch,

tiefgreifenden Zerfall der Seelentätigkeit, krankhafte Zustände der Funktion als

die Bedingung dieser uns abnorm und fremdartig erscheinenden psychischen

Vorgänge anzusehen[27].

 

Die richtige Beurteilung der sonderbaren psychischen Arbeit, welche die

Fehlhandlungen wie die Traumbilder entstehen lässt, wird uns erst ermöglicht,

wenn wir erfahren haben, dass die psychoneurotischen Symptome, speziell die

psychischen Bildungen der Hysterie und der Zwangsneurose, in ihrem

Mechanismus alle wesentlichen Züge dieser Arbeitsweise wiederholen. An

dieser Stelle schlösse sich also die Fortsetzung unserer Untersuchungen an. Für

uns hat es aber noch ein besonderes Interesse, die Fehl-, Zufalls- und

Symptomhandlungen in dem Lichte dieser letzten Analogie zu betrachten. Wenn

wir sie den Leistungen der Psychoneurosen, den neurotischen Symptomen,

gleichstellen, gewinnen zwei oft wiederkehrende Behauptungen, dass die Grenze

zwischen nervöser Norm und Abnormität eine fliessende, und dass wir alle ein

wenig nervös seien, Sinn und Unterlage. Man kann sich vor aller ärztlicher Erfahrung verschiedene Typen von solcher bloss angedeuteten Nervosität – von

Sie haben Zur Psychopathologie des Alltagslebens zu Ende gelesen

Sigmund Freud

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