Zur Psychopathologie des Alltagslebens

Sigmund Freud · Kapitel 4 von 13

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Zur Psychopathologie des Alltagslebens

IV. Das Versprechen.

IV.

 

Das Versprechen.

 

Wenn das gebräuchliche Material unserer Rede in der Muttersprache gegen das

Vergessen geschützt erscheint, so unterliegt dessen Anwendung um so häufiger

einer anderen Störung, die als »Versprechen« bekannt ist. Das beim normalen

Menschen beobachtete Versprechen macht den Eindruck der Vorstufe für die

unter pathologischen Bedingungen auftretenden sogen. »Paraphasien«.

 

Ich befinde mich hier in der ausnahmsweisen Lage, eine Vorarbeit würdigen zu

können. Im Jahre 1895 haben M e r i n g e r und C . M a y e r eine Studie über

»Versprechen und Verlesen« publiziert, an deren Gesichtspunkte die meinigen

nicht heranreichen. Der eine der Autoren, der im Texte das Wort führt, ist

nämlich Sprachforscher und ist von linguistischen Interessen zur Untersuchung

veranlasst worden, den Regeln nachzugehen, nach denen man sich verspricht. Er

hoffte aus diesen Regeln auf das Vorhandensein »eines gewissen geistigen

Mechanismus« schliessen zu können, »in welchem die Laute eines Wortes, eines

Satzes, und auch die Worte untereinander in ganz eigentümlicher Weise

verbunden und verknüpft sind« (p. 10).

 

Die Autoren gruppieren die von ihnen gesammelten Beispiele des

»Versprechens« zunächst nach rein deskriptiven Gesichtspunkten als

Ve r t a u s c h u n g e n (z. B. die Milo von Venus anstatt Venus von Milo).

Vo r k l ä n g e oder A n t i z i p a t i o n e n (z. B. es war mir auf der Schwest…

auf der Brust so schwer), N a c h k l ä n g e , P o s t p o s i t i o n e n (z. B. „Ich

fordere Sie a u f , a u f das Wohl unseres Chefs a u f zustossen“ für anzustossen),

K o n t a m i n a t i o n e n (z. B. „Er setzt sich auf den Hinterkopf“ aus: „Er setzt

sich einen Kopf auf“ und: „Er stellt sich auf die Hinterbeine“),

S u b s t i t u t i o n e n (z. B. „Ich gebe die Präparate in den Briefkasten“ statt

Brütkasten), zu welchen Hauptkategorien noch einige minder wichtige (oder für

unsere Zwecke minder bedeutsame) hinzugefügt werden. Es macht bei dieser

Gruppierung keinen Unterschied, ob die Umstellung, Entstellung,

Verschmelzung etc. einzelne Laute des Wortes, Silben oder ganze Worte des

intendierten Satzes betrifft.

Zur Erklärung der beobachteten Arten des Versprechens stellt M e r i n g e r eine

verschiedene psychische Wertigkeit der Sprachlaute auf. Wenn wir den ersten

Laut eines Wortes, das erste Wort eines Satzes innervieren, wendet sich bereits

der Erregungsvorgang den späteren Lauten, den folgenden Worten zu, und

soweit diese Innervationen mit einander gleichzeitig sind, können sie einander

abändernd beeinflussen. Die Erregung des psychisch intensiveren Lautes klingt

vor oder hallt nach und stört so den minderwertigen Innervationsvorgang. Es

handelt sich nun darum, zu bestimmen, welche die höchstwertigen Laute eines

Wortes sind. M e r i n g e r meint: „Wenn man wissen will, welchem Laute eines

Wortes die höchste Intensität zukommt, so beobachte man sich beim Suchen

nach einem vergessenen Wort, z. B. einem Namen. Was zuerst wieder ins

Bewusstsein kommt, hatte jedenfalls die grösste Intensität vor dem Vergessen

(p. 160). Die hochwertigen Laute sind also der Anlaut der Wurzelsilbe und der

Wortanlaut und der oder die betonten Vokale“ (p. 162).

 

Ich kann nicht umhin, hier einen Widerspruch zu erheben. Ob der Anlaut des

Namens zu den höchstwertigen Elementen des Wortes gehöre oder nicht, es ist

gewiss nicht richtig, dass er im Falle des Wortvergessens zuerst wieder ins

Bewusstsein tritt; die obige Regel ist also unbrauchbar. Wenn man sich bei der

Suche nach einem vergessenen Namen beobachtet, so wird man

verhältnismässig häufig die Überzeugung äussern müssen, er fange mit einem

bestimmten Buchstaben an. Diese Überzeugung erweist sich nun ebenso oft als

unbegründet wie als begründet. Ja, ich möchte behaupten, man proklamiert in

der Mehrzahl der Fälle einen falschen Anlaut. Auch in unserem Beispiel:

S i g n o r e l l i ist bei dem Ersatznamen der Anlaut und sind die wesentlichen

Silben verloren gegangen; gerade das minderwertige Silbenpaar e l l i ist im

Ersatznamen Bottic e l l i dem Bewusstsein wiedergekehrt.

 

Wenn man der Vermutung Raum gibt, dass ein ähnlicher Mechanismus wie der

fürs Namenvergessen nachgewiesene auch an den Erscheinungen des

Versprechens Anteil haben könne, so wird man zu einer tiefer begründeten

Beurteilung der Fälle von Versprechen geführt. Die Störung in der Rede, welche

sich als Versprechen kundgibt, kann erstens verursacht sein durch den Einfluss

eines anderen Bestandteils derselben Rede, also durch das Vorklingen oder

Nachhallen, oder durch eine zweite Fassung innerhalb des Satzes oder des

Zusammenhanges, den auszusprechen man intendiert – hierher gehören alle oben

M e r i n g e r und M a y e r entlehnten Beispiele –; zweitens aber könnte die

Störung analog dem Vorgang im Falle: S i g n o r e l l i zustande kommen durch

Einflüsse a u s s e r h a l b dieses Wortes, Satzes oder Zusammenhanges, von Elementen her, die auszusprechen man nicht intendiert, und von deren Erregung

man erst durch eben die Störung Kenntnis erhält. In der Gleichzeitigkeit der

Erregung läge das Gemeinsame, in der Stellung innerhalb oder ausserhalb

desselben Satzes oder Zusammenhanges das Unterscheidende für die beiden

Entstehungsarten des Versprechens. Der Unterschied erscheint zunächst nicht so

gross, als er für gewisse Folgerungen aus der Symptomatologie des

Versprechens in Betracht kommt. Es ist aber klar, dass man nur im ersteren Falle

Aussicht hat, aus den Erscheinungen des Versprechens Schlüsse auf einen

Mechanismus zu ziehen, der Laute und Worte zur gegenseitigen Beeinflussung

ihrer Artikulation mit einander verknüpft, also Schlüsse, wie sie der

Sprachforscher aus dem Studium des Versprechens zu gewinnen hoffte. Im Falle

der Störung durch Einflüsse ausserhalb des nämlichen Satzes oder

Redezusammenhanges würde es sich vor allem darum handeln, die störenden

Elemente kennen zu lernen, und dann entstände die Frage, ob auch der

Mechanismus dieser Störung die zu vermutenden Gesetze der Sprachbildung

verraten kann.

 

Man darf nicht behaupten, dass M e r i n g e r und M a y e r die Möglichkeit der

Sprechstörung durch »kompliziertere psychische Einflüsse«, durch Elemente

ausserhalb desselben Wortes, Satzes oder derselben Redefolge übersehen haben.

Sie mussten ja bemerken, dass die Theorie der psychischen Ungleichwertigkeit

der Laute strenge genommen nur für die Aufklärung der Lautstörungen, sowie

der Vor- und Nachklänge ausreicht. Wo sich die Wortstörungen nicht auf

Lautstörungen reduzieren lassen, z. B. bei den Substitutionen und

Kontaminationen von Worten, haben auch sie unbedenklich die Ursache des

Versprechens a u s s e r h a l b des intendierten Zusammenhanges gesucht und

diesen Sachverhalt durch schöne Beispiele erwiesen. Ich zitiere folgende Stellen:

 

(p. 62.) »Ru. erzählt von Vorgängen, die er in seinem I n n e r n für

»Schweinereien« erklärt. Er sucht aber nach einer milden Form und beginnt:

»Dann aber sind Tatsachen zum Vo r s c h w e i n gekommen …« M a y e r und

ich waren anwesend und Ru. bestätigte, dass er »Schweinereien« gedacht hatte.

Dass sich dieses gedachte Wort bei »Vorschein« verriet und plötzlich wirksam

wurde, findet in der Ähnlichkeit der Wörter seine genügende Erklärung.« –

 

(p. 73.) »Auch bei den Substitutionen spielen wie bei den Kontaminationen und

in wahrscheinlich viel höherem Grade die »schwebenden« oder »vagierenden«

Sprachbilder eine grosse Rolle. Sie sind, wenn auch unter der Schwelle des

Bewusstseins, so doch noch in wirksamer Nähe, können leicht durch eine

Ähnlichkeit des zu sprechenden Komplexes herangezogen werden und führen dann eine Entgleisung herbei oder kreuzen den Zug der Wörter. Die

»schwebenden« oder »vagierenden« Sprachbilder sind, wie gesagt, oft die

Nachzügler von kürzlich abgelaufenen Sprachprozessen (Nachklänge).«

 

(p. 97.) »Eine Entgleisung ist auch durch Ähnlichkeit möglich, wenn ein anderes

ähnliches Wort nahe unter der Bewusstseinsschwelle liegt, o h n e d a s s e s

g e s p r o c h e n z u w e r d e n b e s t i m m t w ä r e. Das ist der Fall bei den

Substitutionen. – So hoffe ich, dass man beim Nachprüfen meine Regeln wird

bestätigen müssen. Aber dazu ist notwendig, d a s s m a n (wenn ein anderer

spricht) s i c h K l a r h e i t d a r ü b e r v e r s c h a f f t , a n w a s A l l e s

d e r S p r e c h e r g e d a c h t h a t.[5] Hier ein lehrreicher Fall. Klassendirektor

Li. sagte in unserer Gesellschaft: »Die Frau würde mir Furcht einlagen.« Ich

wurde stutzig, denn das l schien mir unerklärlich. Ich erlaubte mir, den Sprecher

auf seinen Fehler »einlagen« für »einjagen« aufmerksam zu machen, worauf er

sofort antwortete: »Ja, das kommt daher, weil ich dachte: ich wäre nicht in der

Lage u. s. f.««

 

„Ein anderer Fall. Ich frage R. v. Schid., wie es seinem kranken Pferde gehe. Er

antwortet: „Ja, das d r a u t .. dauert vielleicht noch einen Monat.“ Das „draut“

mit seinem r war mir unverständlich, denn das r von dauert konnte unmöglich so

gewirkt haben. Ich machte also R. v. S. aufmerksam, worauf er erklärte, er habe

gedacht, „das ist eine t r a u r i g e Geschichte.“ Der Sprecher hatte also zwei

Antworten im Sinne und diese vermengten sich.“

 

Es ist wohl unverkennbar, wie nahe die Rücksichtnahme auf die „vagierenden“

Sprachbilder, die unter der Schwelle des Bewusstseins stehen und nicht zum

Gesprochenwerden bestimmt sind, und die Forderung, sich zu erkundigen, an

was der Sprecher alles gedacht habe, an die Verhältnisse bei unseren „Analysen“

herankommen. Auch wir suchen unbewusstes Material, und zwar auf dem

nämlichen Wege, nur dass wir von den Einfällen des Befragten bis zur

Auffindung des störenden Elementes einen längeren Weg durch eine komplexe

Assoziationsreihe zurückzulegen haben.

 

Ich verweile noch bei einem anderen interessanten Verhalten, für das die

Beispiele M e r i n g e r s Zeugnis ablegen. Nach der Einsicht des Autors selbst

ist es irgend eine Ähnlichkeit eines Wortes im intendierten Satz mit einem

anderen nicht intendierten, welche dem letzteren gestattet, sich durch die

Verursachung einer Entstellung, Mischbildung, Kompromissbildung

(Kontamination) im Bewusstsein zur Geltung zu bringen.

l a g e n , d a u e r t , Vo r s c h e i n .

j a g e n , t r a u r i g , … s c h w e i n .

 

Nun habe ich in meiner Schrift über die „Traumdeutung“[6] dargetan, welchen

Anteil die Ve r d i c h t u n g s arbeit an der Entstehung des sog. manifesten

Trauminhaltes aus den latenten Traumgedanken hat. Irgend eine Ähnlichkeit der

Dinge oder der Wortvorstellungen zwischen zwei Elementen des unbewussten

Materials wird da zum Anlass genommen, um ein Drittes, eine Misch- oder

Kompromissvorstellung zu schaffen, welche im Trauminhalt ihre beiden

Komponenten vertritt, und die infolge dieses Ursprungs so häufig mit

widersprechenden Einzelbestimmungen ausgestattet ist. Die Bildung von

Substitutionen und Kontaminationen beim Versprechen ist somit ein Beginn

jener Verdichtungsarbeit, die wir in eifrigster Tätigkeit am Aufbau des Traumes

beteiligt finden.

 

In einem kleinen für weitere Kreise bestimmten Aufsatz (Neue freie Presse vom

23. Aug. 1900: „Wie man sich versprechen kann“) hat M e r i n g e r eine

besondere praktische Bedeutung für gewisse Fälle von Wortvertauschungen in

Anspruch genommen, für solche nämlich, in denen man ein Wort durch sein

Gegenteil dem Sinne nach ersetzt. „Man erinnert sich wohl noch der Art, wie vor

einiger Zeit der Präsident des österreichischen Abgeordnetenhauses die Sitzung

e r ö f f n e t e : »Hohes Haus! Ich konstatiere die Anwesenheit von so und soviel

Herren und erkläre somit die Sitzung für g e s c h l o s s e n !« Die allgemeine

Heiterkeit machte ihn erst aufmerksam, und er verbesserte den Fehler. Im

vorliegenden Falle wird die Erklärung wohl diese sein, dass der Präsident sich

w ü n s c h t e , er wäre schon in der Lage, die Sitzung, von der wenig Gutes zu

erwarten stand, zu schliessen, aber – eine häufige Erscheinung – der

Nebengedanke setzte sich wenigstens teilweise durch, und das Resultat war

»geschlossen« für »eröffnet«, also das Gegenteil dessen, was zu sprechen

beabsichtigt war. Aber vielfältige Beobachtung hat mich belehrt, dass man

gegensätzliche Worte überhaupt sehr häufig mit einander vertauscht; sie sind

eben schon in unserem Sprachbewusstsein assoziiert, liegen hart nebeneinander

und werden leicht irrtümlich aufgerufen.“

 

Nicht in allen Fällen von Gegensatzvertauschung wird es so leicht, wie hier im

Beispiel des Präsidenten, wahrscheinlich zu machen, dass das Versprechen in

Folge eines Widerspruchs geschieht, der sich im Innern des Redners gegen den

geäusserten Satz erhebt. Wir haben den analogen Mechanismus in der Analyse

des Beispiels: a l i q u i s gefunden; dort äusserte sich der innere Widerspruch im Vergessen eines Wortes anstatt seiner Ersetzung durch das Gegenteil. Wir wollen

aber zur Ausgleichung des Unterschiedes bemerken, dass das Wörtchen aliquis

eines ähnlichen Gegensatzes, wie ihn »schliessen« zu »eröffnen« ergibt,

eigentlich nicht fähig ist, und das »eröffnen« als gebräuchlicher Bestandteil des

Redeschatzes dem Vergessen nicht unterworfen sein kann.

 

Zeigen uns die letzten Beispiele von M e r i n g e r und M a y e r , dass die

Sprechstörung ebensowohl durch den Einfluss vor- und nachklingender Laute

und Worte desselben Satzes entstehen kann, die zum Ausgesprochenwerden

bestimmt sind, wie durch die Einwirkung von Worten ausserhalb des

intendierten Satzes, d e r e n E r r e g u n g s i c h s o n s t n i c h t v e r r a t e n

h ä t t e , so werden wir zunächst erfahren wollen, ob man die beiden Klassen von

Versprechen scharf sondern, und wie man ein Beispiel der einen von einem Fall

der anderen Klasse unterscheiden kann. An dieser Stelle der Erörterung muss

man aber der Äusserungen W u n d t s gedenken, der in seiner eben

erscheinenden umfassenden Bearbeitung der Entwicklungsgesetze der Sprache

(Völkerpsychologie, I. Band, I. Teil p. 371 u. ff., 1900) auch die Erscheinungen

des Versprechens behandelt. Was bei diesen Erscheinungen und anderen, ihnen

verwandten, niemals fehlt, das sind nach W u n d t gewisse psychische Einflüsse.

„Dahin gehört zunächst als positive Bedingung der ungehemmte Fluss der von

den gesprochenen Lauten angeregten L a u t - und W o r t a s s o z i a t i o n e n .

Ihm tritt der Wegfall oder der Nachlass der diesen Lauf hemmenden Wirkungen

des Willens und der auch hier als Willensfunktion sich betätigenden

Aufmerksamkeit als negatives Moment zur Seite. Ob jenes Spiel der Assoziation

darin sich äussert, das ein kommender Laut antizipiert oder die

vorausgegangenen reproduziert, oder ein gewohnheitsmässig eingeübter

zwischen andere eingeschaltet wird, oder endlich darin, dass ganz andere Worte,

die mit den gesprochenen Lauten in assoziativer Beziehung stehen, auf diese

herüberwirken – alles dies bezeichnet nur Unterschiede in der Richtung und

allenfalls in dem Spielraum der stattfindenden Assoziationen, nicht in der

allgemeinen Natur derselben. Auch kann es in manchen Fällen zweifelhaft sein,

welcher Form man eine bestimmte Störung zuzurechnen, oder ob man sie nicht

mit grösserem Rechte n a c h d e m P r i n z i p d e r K o m p l i k a t i o n d e r

U r s a c h e n [7] auf ein Zusammentreffen mehrerer Motive zurückzuführen

habe.“ (p. 380 und 381.)

 

Ich halte diese Bemerkungen W u n d t s für vollberechtigt und sehr instruktiv.

Vielleicht könnte man mit grösserer Entschiedenheit als W u n d t betonen, dass

das positiv begünstigende Moment der Sprechfehler – der ungehemmte Fluss der Assoziationen – und das negative – der Nachlass der hemmenden

Aufmerksamkeit – regelmässig miteinander zur Wirkung gelangen, so dass beide

Momente nur zu verschiedenen Bestimmungen des nämlichen Vorganges

werden. Mit dem Nachlass der hemmenden Aufmerksamkeit tritt eben der

ungehemmte Fluss der Assoziationen in Tätigkeit; noch unzweifelhafter

ausgedrückt: d u r c h diesen Nachlass.

 

Unter den Beispielen von Versprechen, die ich selbst gesammelt, finde ich kaum

eines, bei dem ich die Sprechstörung einzig und allein auf das, was W u n d t

»Kontaktwirkung der Laute« nennt, zurückführen müsste. Fast regelmässig

entdecke ich überdies einen störenden Einfluss von etwas a u s s e r h a l b der

intendierten Rede, und das Störende ist entweder ein einzelner, unbewusst

gebliebener Gedanke, der sich durch das Versprechen kundgibt und oft erst

durch eingehende Analyse zum Bewusstsein gefördert werden kann, oder es ist

ein allgemeineres psychisches Motiv, welches sich gegen die ganze Rede richtet.

 

a. Beispiel: Ich will gegen meine Tochter, die beim Einbeissen in einen Apfel ein

garstiges Gesicht geschnitten hat, zitieren:

 

Der Affe gar possierlich ist,

Zumal wenn er vom Apfel frisst.

 

Ich beginne aber: Der A p f e … Dies scheint eine Kontamination von »A f f e «

und »A p f e l « (Kompromissbildung) oder kann auch als Antizipation des

vorbereiteten »Apfel« aufgefasst werden. Der genauere Sachverhalt ist aber der:

Ich hatte das Zitat schon einmal begonnen und mich das erstemal dabei nicht

versprochen. Ich versprach mich erst bei der Wiederholung, die sich als

notwendig ergab, weil die Angesprochene, von anderer Seite mit Beschlag

belegt, nicht zuhörte. Diese Wiederholung, die mit ihr verbundene Ungeduld, des

Satzes ledig zu werden, muss ich in die Motivierung des Sprechfehlers, der sich

als eine Verdichtungsleistung darstellt, mit einrechnen.

 

b. Meine Tochter sagt: Ich schreibe der Frau S c h r e singer … Die Frau heisst

S c h l e singer. Dieser Sprechfehler hängt wohl mit einer Tendenz zur

Erleichterung der Artikulation zusammen, denn das l ist nach wiederholtem r

schwer auszusprechen. Ich muss aber hinzufügen, dass sich dieses Versprechen

bei meiner Tochter ereignete, nachdem ich ihr wenige Minuten zuvor »Apfe«

anstatt »Affe« vorgesagt hatte. Nun ist das Versprechen in hohem Grade

ansteckend, ähnlich wie das Namenvergessen, bei dem M e r i n g e r und

M a y e r diese Eigentümlichkeit bemerkt haben. Einen Grund für diese psychische Kontagiosität weiss ich nicht anzugeben.

 

c. „Ich klappe zusammen wie ein T a s s e n m e s c h e r – T a s c h e n m e s s e r “,

sagt eine Patientin zu Beginn der Stunde, die Laute vertauschend, wobei ihr

wieder die Artikulationsschwierigkeit („Wiener Weiber Wäscherinnen waschen

weisse Wäsche – F i s c h f l o s s e “ und ähnliche Prüfworte) zur Entschuldigung

dienen kann. Auf den Sprechfehler aufmerksam gemacht, erwidert sie prompt:

„Ja, das ist nur, weil Sie heute »Ernscht« gesagt haben.“ Ich hatte sie wirklich

mit der Rede empfangen: „Heute wird es also Ernst“ (weil es die letzte Stunde

vor dem Urlaub werden sollte) und hatte das »Ernst« scherzhaft zu »Ernscht«

verbreitert. Im Laufe der Stunde verspricht sie sich immer wieder von neuem,

und ich merke endlich, dass sie mich nicht bloss imitiert, sondern dass sie einen

besonderen Grund hat, im Unbewussten bei dem Worte Ernst als Namen zu

verweilen.[8]

 

d. „Ich bin so verschnupft, ich kann nicht durch die A s e n a t m e n – Nase

atmen“ passiert derselben Patientin ein anderes Mal. Sie weiss sofort, wie sie zu

diesem Sprechfehler kommt. „Ich steige jeden Tag in der H a s e n a u e r g a s s e

in die Tramway, und heute früh ist mir während des Wartens auf den Wagen

eingefallen, wenn ich eine Französin wäre, würde ich A s e n a u e r aussprechen,

denn die Franzosen lassen das H im Anlaut immer weg.“ Sie bringt dann eine

Reihe von Reminiszenzen an Franzosen, die sie kennen gelernt hat, und langt

nach weitläufigen Umwegen bei der Erinnerung an, dass sie als 14jähriges

Mädchen in dem kleinen Stück „Kurmärker und Picarde“ die Picarde gespielt

und damals gebrochen Deutsch gesprochen hat. Die Zufälligkeit, dass in ihrem

Logierhaus ein Gast aus Paris angekommen ist, hat die ganze Reihe von

Erinnerungen wachgerufen. Die Lautvertauschung ist also Folge der Störung

durch einen unbewussten Gedanken aus einem ganz fremden Zusammenhang.

 

e. Ähnlich ist der Mechanismus des Versprechens bei einer anderen Patientin,

die mitten in der Reproduktion einer längst verschollenen Kindererinnerung von

ihrem Gedächtnis verlassen wird. An welche Körperstelle die vorwitzige und

lüsterne Hand des Anderen gegriffen hat, will ihr das Gedächtnis nicht mitteilen.

Sie macht unmittelbar darauf einen Besuch bei einer Freundin und unterhält sich

mit ihr über Sommerwohnungen. Gefragt, wo denn ihr Häuschen in M. gelegen

sei, antwortet sie: an der B e r g l e n d e anstatt B e r g l e h n e .

 

f. Eine andere Patientin, die ich nach Abbruch der Stunde frage, wie es ihrem

Onkel geht, antwortet: „Ich weiss nicht, ich sehe ihn jetzt nur i n f l a g r a n t i“.

Am nächsten Tage beginnt sie: „Ich habe mich recht geschämt, Ihnen eine so dumme Antwort gegeben zu haben. Sie müssen mich natürlich für eine ganz

ungebildete Person halten, die beständig Fremdwörter verwechselt. Ich wollte

sagen: e n p a s s a n t.“ Wir wussten damals noch nicht, woher sie die unrichtig

angewendeten Fremdworte genommen hatte. In derselben Sitzung aber brachte

sie als Fortsetzung des vortägigen Themas eine Reminiszenz, in welcher das

Ertapptwerden i n f l a g r a n t i die Hauptrolle spielte. Der Sprechfehler am

Tage vorher hatte also die damals noch nicht bewusst gewordene Erinnerung

antizipiert.

 

g. Gegen eine Andere muss ich an einer gewissen Stelle der Analyse die

Vermutung aussprechen, dass sie sich zu der Zeit, von welcher wir eben handeln,

ihrer Familie geschämt und ihrem Vater einen uns noch unbekannten Vorwurf

gemacht habe. Sie erinnert sich nicht daran, erklärt es übrigens für

unwahrscheinlich. Sie setzt aber das Gespräch mit Bemerkungen über ihre

Familie fort: „Man muss ihnen das eine lassen: Es sind doch besondere

Menschen, sie haben alle G e i z – ich wollte sagen G e i s t .“ Das war denn auch

wirklich der Vorwurf, den sie aus ihrem Gedächtnis verdrängt hatte. Dass sich in

dem Versprechen gerade jene Idee durchdrängt, die man zurückhalten will, ist

ein häufiges Vorkommnis (Vgl. den Fall von M e r i n g e r : zum Vorschwein

gekommen). Der Unterschied liegt nur darin, dass die Person bei M e r i n g e r

etwas zurückhalten will, was ihr bewusst ist, während meine Patientin das

Zurückgehaltene nicht weiss, oder wie man auch sagen kann, nicht weiss, dass

sie etwas und was sie zurückhält.

 

h. „Wenn Sie Teppiche kaufen wollen, so gehen Sie nur zu Kaufmann in der

Mathäusgasse. Ich glaube, ich kann Sie dort auch empfehlen“, sagt mir eine

Dame. Ich wiederhole: „Also bei M a t h ä u s …. bei K a u f m a n n will ich

sagen.“ Es sieht aus wie Folge von Zerstreutheit, wenn ich den einen Namen an

Stelle des anderen wiederhole. Die Rede der Dame hat mich auch wirklich

zerstreut gemacht, denn sie hat meine Aufmerksamkeit auf anderes gelenkt, was

mir weit wichtiger ist als Teppiche. In der Mathäusgasse steht nämlich das Haus,

in dem meine Frau als Braut gewohnt hatte. Der Eingang des Hauses war in

einer anderen Gasse, und nun merke ich, dass ich deren Namen vergessen habe

und ihn mir erst auf einem Umweg bewusst machen muss. Der Name Mathäus,

bei dem ich verweile, ist mir also ein Ersatzname für den vergessenen Namen

der Strasse. Er eignet sich besser dazu als der Name Kaufmann, denn Mathäus

ist ausschliesslich ein Personenname, was Kaufmann nicht ist, und die

vergessene Strasse heisst auch nach einem Personennamen: Radetzky.

 

i. Folgenden Fall könnte ich ebenso gut bei den später zu besprechenden »Irrtümern« unterbringen, führe ihn aber hier an, weil die Lautbeziehungen, auf

Grund deren die Wortersetzung erfolgt, ganz besonders deutlich sind. Eine

Patientin erzählt mir ihren Traum: Ein Kind hat beschlossen, sich durch einen

Schlangenbiss zu töten. Es führt den Entschluss aus. Sie sieht zu, wie es sich in

Krämpfen windet usw. Sie soll nun die Tagesanknüpfung für diesen Traum

finden. Sie erinnert sofort, dass sie gestern abends eine populäre Vorlesung über

erste Hilfe bei Schlangenbissen mit angehört. Wenn ein Erwachsener und ein

Kind gleichzeitig gebissen worden sind, so soll man zuerst die Wunde des

Kindes behandeln. Sie erinnert auch, welche Vorschriften für die Behandlung der

Vortragende gegeben hat. Es käme sehr viel darauf an, hat er auch geäussert, von

welcher Art man gebissen worden ist. Hier unterbreche ich sie und frage: Hat er

denn nicht gesagt, dass wir nur sehr wenig giftige Arten in unserer Gegend

haben, und welche die gefürchteten sind? „Ja, er hat die K l a p p e r schlange

hervorgehoben“. Mein Lachen macht sie dann aufmerksam, dass sie etwas

Unrichtiges gesagt hat. Sie korrigiert jetzt aber nicht etwa den Namen, sondern

sie nimmt ihre Aussage zurück. „Ja so, die kommt ja bei uns nicht vor; er hat

von der Viper gesprochen. Wie gerate ich nur auf die Klapperschlange?“ Ich

vermutete, durch die Einmengung der Gedanken, die sich hinter ihrem Traum

verborgen hatten. Der Selbstmord durch Schlangenbiss kann kaum etwas

anderes sein als eine Anspielung auf die schöne Kleopatra. Die weitgehende

Lautähnlichkeit der beiden Worte, die Übereinstimmung in den Buchstaben

Kl..p..r in der nämlichen Reihenfolge und in dem betonten a sind nicht zu

verkennen. Die gute Beziehung zwischen den Namen K l a p p e r schlange und

K l e o p a t r a erzeugt bei ihr eine momentane Einschränkung des Urteils,

derzufolge sie an der Behauptung, der Vortragende habe sein Publikum in Wien

in der Behandlung von Klapperschlangenbissen unterwiesen, keinen Anstoss

nimmt. Sie weiss sonst so gut wie ich, dass diese Schlange nicht zur Fauna

unserer Heimat gehört. Wir wollen es ihr nicht verübeln, dass sie an die

Versetzung der Klapperschlange nach Egypten ebensowenig Bedenken knüpfte,

denn wir sind gewöhnt, alles Aussereuropäische, Exotische zusammenzuwerfen,

und ich selbst musste mich einen Moment besinnen, ehe ich die Behauptung

aufstellte, dass die Klapperschlange nur der neuen Welt angehört.

 

Weitere Bestätigungen ergeben sich bei Fortsetzung der Analyse. Die Träumerin

hat gestern zum erstenmal die in der Nähe ihrer Wohnung aufgestellte

A n t o n i u s gruppe von S t r a s s e r besichtigt. Dies war also der zweite

Traumanlass (der erste der Vortrag über Schlangenbisse). In der Fortsetzung

ihres Traumes wiegte sie ein Kind in ihren Armen, zu welcher Szene ihr das

Gretchen einfällt. Weitere Einfälle bringen Reminiszenzen an »A r r i a und M e s s a l i n a «. Das Auftauchen so vieler Namen von Theaterstücken in den

Traumgedanken lässt bereits vermuten, dass bei der Träumerin in früheren

Jahren eine geheim gehaltene Schwärmerei für den Beruf der Schauspielerin

bestand. Der Anfang des Traumes: „Ein Kind hat beschlossen, sein Leben durch

einen Schlangenbiss zu enden“, bedeutet wirklich nichts anderes als: Sie hat sich

als Kind vorgenommen, einst eine berühmte Schauspielerin zu werden. Von dem

Namen M e s s a l i n a zweigt endlich der Gedankenweg ab, der zu dem

wesentlichen Inhalt dieses Traumes führt. Gewisse Vorfälle der letzten Zeit

haben in ihr die Besorgnis erweckt, dass ihr einziger Bruder eine nicht

standesgemässe Ehe mit einer Nicht-A r i e r i n , eine M é s a l l i a n c e eingehen

könnte.

 

Bei dem psychotherapeutischen Verfahren, dessen ich mich zur Auflösung und

Beseitigung neurotischer Symptome bediene, ist sehr häufig die Aufgabe

gestellt, aus den wie zufällig vorgebrachten Reden und Einfällen des Patienten

einen Gedankeninhalt aufzuspüren, der zwar sich zu verbergen bemüht ist, aber

doch nicht umhin kann, sich in mannigfaltigster Weise unabsichtlich zu verraten.

Dabei leistet oft das Versprechen die wertvollsten Dienste, wie ich an den

überzeugendsten und andererseits sonderbarsten Beispielen dartun könnte. Die

Patienten sprechen z. B. von ihrer Tante und nennen sie konsequent, ohne das

Versprechen zu merken, »meine Mutter«, oder bezeichnen ihren Mann als ihren

»Bruder«. Sie machen mich auf diese Weise aufmerksam, dass sie diese

Personen miteinander »identifiziert«, in eine Reihe gebracht haben, welche für

ihr Gefühlsleben die Wiederkehr desselben Typus bedeutet. Andere Male reicht

eine ungewöhnlich klingende Wortfügung, eine gezwungen erscheinende

Ausdrucksweise hin, um den Anteil eines verdrängten Gedankens an der anders

motivierten Rede des Patienten aufzudecken.

 

In groben wie in solchen feineren Redestörungen, die sich eben noch dem

»Versprechen« subsumieren lassen, finde ich also nicht den Einfluss von

Kontaktwirkungen der Laute, sondern den von Gedanken ausserhalb der

Redeintention massgebend für die Entstehung des Versprechens und hinreichend

zur Aufhellung des zustande gekommenen Sprechfehlers. Die Gesetze, nach

denen die Laute verändernd auf einander einwirken, möchte ich nicht

anzweifeln; sie scheinen mir aber nicht wirksam genug, um für sich allein die

korrekte Ausführung der Rede zu stören. In den Fällen, die ich genauer studiert

und durchschaut habe, stellen sie bloss den vorgebildeten Mechanismus dar,

dessen sich ein ferner gelegenes psychisches Motiv bequemerweise bedient,

ohne sich aber an den Machtbereich dieser Beziehungen zu binden. In einer grossen Reihe von Substitutionen wird beim Versprechen von solchen

Lautgesetzen völlig abgesehen. Ich befinde mich hierbei in voller

Übereinstimmung mit W u n d t , der gleichfalls die Bedingungen des

Versprechens als zusammengesetzte und weit über die Kontaktwirkungen der

Laute hinausgehende vermutet.

 

Wenn ich diese »entfernteren psychischen Einflüsse« nach W u n d t s Ausdruck

für gesichert halte, so weiss ich andererseits von keiner Abhaltung, um auch

zuzugeben, dass bei beschleunigter Rede und einigermassen abgelenkter

Aufmerksamkeit die Bedingungen fürs Versprechen sich leicht auf das von

M e r i n g e r und M a y e r bestimmte Mass einschränken können. Bei einem

Teil der von diesen Autoren gesammelten Beispiele ist wohl eine kompliziertere

Auflösung wahrscheinlicher. Ich greife etwa den vorhin angeführten Fall heraus:

 

Es war mir auf der S c h w e s t …

B r u s t so s c h w e r .

 

Geht es hier wohl so einfach zu, dass das s c h w e das gleichwertige B r u als

Vorklang verdrängt? Es ist kaum abzuweisen, dass die Laute s c h w e ausserdem

durch eine besondere Relation zu dieser Vordringlichkeit befähigt werden. Diese

könnte dann keine andere sein als die Assoziation: S c h w e s t e r – B r u d e r ,

etwa noch: B r u s t der S c h w e s t e r , die zu anderen Gedankenkreisen

hinüberleitet. Dieser hinter der Szene unsichtbare Helfer verleiht dem sonst

harmlosen s c h w e die Macht, deren Erfolg sich als Sprechfehler äussert.

 

Für anderes Versprechen lässt sich annehmen, dass der Anklang an obszöne

Worte und Bedeutungen das eigentlich Störende ist. Die absichtliche Entstellung

und Verzerrung der Worte und Redensarten, die bei unartigen Menschen so

beliebt ist, bezweckt nichts anderes, als beim harmlosen Anlass an das Verpönte

zu mahnen, und diese Spielerei ist so häufig, dass es nicht wunderbar wäre,

wenn sie sich auch unabsichtlich und wider Willen durchsetzen sollte. Beispiele

wie: E i s c h e i s s w e i b c h e n für E i w e i s s s c h e i b c h e n , A p o p o s Fritz

für A p r o p o s , L o k u s k a p i t ä l für L o t u s k a p i t ä l etc. vielleicht noch

die Alabüsterbachse (Alabasterbüchse) der hl. Magdalena gehören wohl in diese

Kategorie.[9] – „Ich fordere Sie auf, auf das Wohl unseres Chefs a u f zustossen“,

ist kaum etwas anderes als eine unbeabsichtigte Parodie als Nachklang einer

beabsichtigten. Wenn ich der Chef wäre, zu dessen Feierlichkeit der Festredner

diesen Lapsus beigetragen hätte, würde ich wohl daran denken, wie klug die

Römer gehandelt haben, als sie den Soldaten des triumphierenden Imperators

gestatteten, den inneren Einspruch gegen den Gefeierten in Spottliedern laut zu äussern. – M e r i n g e r erzählt von sich selbst, dass er zu einer Person, die als

die älteste der Gesellschaft mit dem vertraulichen Ehrennamen »Senexl« oder

»altes Senexl« angesprochen wurde, einmal gesagt habe: „Prost Senex altesl!“

Er erschrak selbst über diesen Fehler (p. 50). Wir können uns vielleicht seinen

Affekt deuten, wenn wir daran mahnen, wie nahe »Altesl« an den Schimpf »alter

Esel« kommt. Auf die Verletzung der Ehrfurcht vor dem Alter (d. i., auf die

Kindheit reduziert, vor dem Vater) sind grosse innere Strafen gesetzt.

 

Ich hoffe, die Leser werden den Wertunterschied dieser Deutungen, die sich

durch nichts beweisen lassen, und der Beispiele, die ich selbst gesammelt und

durch Analysen erläutert habe, nicht vernachlässigen. Wenn ich aber im stillen

immer noch an der Erwartung festhalte, auch die scheinbar einfachen Fälle von

Versprechen würden sich auf Störung durch eine halb unterdrückte Idee

a u s s e r h a l b des intendierten Zusammenhanges zurückführen lassen, so

verlockt mich dazu eine sehr beachtenswerte Bemerkung von M e r i n g e r .

Dieser Autor sagt, es ist merkwürdig, dass niemand sich versprochen haben will.

Es gibt sehr gescheute und ehrliche Menschen, welche beleidigt sind, wenn man

ihnen sagt, sie hätten sich versprochen. Ich getraue mich nicht, diese Behauptung

so allgemein zu nehmen, wie sie durch das »niemand« von M e r i n g e r

hingestellt wird. Die Spur Affekt aber, die am Nachweis des Versprechens hängt

und offenbar von der Natur des Schämens ist, hat ihre Bedeutung. Sie ist

gleichzusetzen dem Ärger, wenn wir einen vergessenen Namen nicht erinnern,

und der Verwunderung über die Haltbarkeit einer scheinbar belanglosen

Erinnerung, und weist allemale auf die Beteiligung eines Motivs am

Zustandekommen der Störung hin.

Das Verdrehen von Namen entspricht einer Schmähung, wenn es absichtlich

geschieht, und dürfte in einer ganzen Reihe von Fällen, wo es als unabsichtliches

Versprechen auftritt, dieselbe Bedeutung haben. Jene Person, die nach M a y e r s

Bericht einmal »F r e u d e r « sagte anstatt F r e u d , weil sie kurz darauf den

Namen »B r e u e r « vorbrachte (p. 38), ein andermal von einer

F r e u e r - B r e u d schen Methode (p. 28) sprach, war wohl ein Fachgenosse und

von dieser Methode nicht sonderlich entzückt. Einen gewiss nicht anders

aufzuklärenden Fall von Namensentstellung werde ich weiter unten beim

Verschreiben mitteilen. In diesen Fällen mengt sich als störendes Moment eine

Kritik ein, welche bei Seite gelassen werden soll, weil sie gerade in dem

Zeitpunkte der Intention des Redners nicht entspricht. In anderen und weit

bedeutsameren Fällen ist es Selbstkritik, innerer Widerspruch gegen die eigene

Äusserung, was zum Versprechen, ja zum Ersatz des Intendierten durch seinen

Gegensatz nötigt. Man merkt dann mit Erstaunen, wie der Wortlaut einer

Beteuerung die Absicht derselben aufhebt, und wie der Sprechfehler die innere

Unaufrichtigkeit blossgelegt hat.[10] Das Versprechen wird hier zu einem

mimischen Ausdrucksmittel.

 

Man gelangt von hier aus zu jenen Redestörungen, die nicht mehr als

Versprechen beschrieben werden, weil sie nicht das einzelne Wort, sondern

Rhythmus und Ausführung der ganzen Rede beeinträchtigen, wie z. B. das

Stammeln und Stottern der Verlegenheit. Aber hier wie dort ist es der innere

Konflikt, der uns durch die Störung der Rede verraten wird. Ich glaube wirklich

nicht, dass jemand sich versprechen würde in der Audienz bei Seiner Majestät,

in einer ernstgemeinten Liebeswerbung, in einer Verteidigungsrede um Ehre und

Namen vor den Geschworenen, kurz in all den Fällen, in denen m a n g a n z

d a b e i i s t, wie wir so bezeichnend sagen. Selbst bis in die Schätzung des

Stils, den ein Autor schreibt, dürfen wir und sind wir gewöhnt, das

Erklärungsprinzip zu tragen, welches wir bei der Ableitung des einzelnen

Sprechfehlers nicht entbehren können. Eine klare und unzweideutige

Schreibweise belehrt uns, dass der Autor hier mit sich einig ist, und wo wir

gezwungenen und gewundenen Ausdruck finden, der, wie so richtig gesagt wird,

nach mehr als einem Scheine schielt, da können wir den Anteil eines nicht

genugsam erledigten, komplizierenden Gedankens erkennen, oder die erstickte

Stimme der Selbstkritik des Autors heraushören.