Zur Psychopathologie des Alltagslebens

Sigmund Freud · Kapitel 7 von 13

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Zur Psychopathologie des Alltagslebens

VI. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen.

VI.

 

Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen.

 

Wenn jemand geneigt sein sollte, den Stand unserer gegenwärtigen Kenntnis

vom Seelenleben zu überschätzen, so brauchte man ihn nur an die

Gedächtnisfunktion zu mahnen, um ihn zur Bescheidenheit zu zwingen. Keine

psychologische Theorie hat es noch vermocht, von dem fundamentalen

Phänomen des Erinnerns und Vergessens im Zusammenhange Rechenschaft zu

geben; ja, die vollständige Zergliederung dessen, was man als tatsächlich

beobachten kann, ist noch kaum in Angriff genommen. Vielleicht ist uns heute

das Vergessen rätselhafter geworden als das Erinnern, seitdem uns das Studium

des Traumes und pathologischer Ereignisse gelehrt hat, dass auch das plötzlich

wieder im Bewusstsein auftauchen kann, was wir für längst vergessen geschätzt

haben.

 

Wir sind allerdings im Besitze einiger weniger Gesichtspunkte, für welche wir

allgemeine Anerkennung erwarten. Wir nehmen an, dass das Vergessen ein

spontaner Vorgang ist, dem man einen gewissen zeitlichen Ablauf zuschreiben

kann. Wir heben hervor, dass beim Vergessen eine gewisse Auswahl unter den

dargebotenen Eindrücken stattfindet und ebenso unter den Einzelheiten eines

jeden Eindrucks oder Erlebnisses. Wir kennen einige der Bedingungen für die

Haltbarkeit im Gedächtnis und für die Erweckbarkeit dessen, was sonst

vergessen würde. Bei unzähligen Anlässen im täglichen Leben können wir aber

bemerken, wie unvollständig und unbefriedigend unsere Erkenntnis ist. Man

höre zu, wie zwei Personen, die gemeinsam äussere Eindrücke empfangen, z. B.

eine Reise mit einander gemacht haben, eine Zeitlang später ihre Erinnerungen

austauschen. Was dem einen fest im Gedächtnis geblieben ist, das hat der andere

oft vergessen, als ob es nicht geschehen wäre, und zwar ohne dass man ein Recht

zur Behauptung hätte, der Eindruck sei für den einen psychisch bedeutsamer

gewesen als für den anderen. Eine ganze Anzahl der die Auswahl fürs

Gedächtnis bestimmenden Momente entzieht sich offenbar noch unserer

Kenntnis.

 

In der Absicht, zur Kenntnis der Bedingungen des Vergessens einen kleinen Beitrag zu liefern, pflege ich die Fälle, in denen mir das Vergessen selbst

widerfährt, einer psychologischen Analyse zu unterziehen. Ich beschäftige mich

in der Regel nur mit einer gewissen Gruppe dieser Fälle, mit jenen nämlich, in

denen das Vergessen mich in Erstaunen setzt, weil ich nach meiner Erwartung

das Betreffende wissen sollte. Ich will noch bemerken, dass ich zur

Vergesslichkeit im allgemeinen (für Erlebtes, nicht für Gelerntes!) nicht neige,

und dass ich durch eine kurze Periode meiner Jugend auch aussergewöhnlicher

Gedächtnisleistungen nicht unfähig war. In meiner Schulknabenzeit war es mir

selbstverständlich, die Seite des Buches, die ich gelesen hatte, auswendig

hersagen zu können, und kurz vor der Universität war ich imstande, populäre

Vorträge wissenschaftlichen Inhalts unmittelbar nachher fast wortgetreu

niederzuschreiben. In der Spannung vor dem letzten medizinischen Rigorosum

muss ich noch Gebrauch von dem Rest dieser Fähigkeit gemacht haben, denn ich

gab in einigen Gegenständen den Prüfern wie automatisch Antworten, die sich

getreu mit dem Text des Lehrbuches deckten, welchen ich doch nur einmal in

der grössten Hast durchflogen hatte.

 

Die Verfügung über den Gedächnisschatz ist seither bei mir immer schlechter

geworden, doch habe ich mich bis in die letzte Zeit hinein überzeugt, dass ich

mit Hilfe eines Kunstgriffes weit mehr erinnern kann, als ich mir sonst zutraue.

Wenn z. B. ein Patient in der Sprechstunde sich darauf beruft, dass ich ihn schon

einmal gesehen habe, und ich mich weder an die Tatsache noch an den Zeitpunkt

erinnern kann, so helfe ich mir, indem ich rate, d. h. mir rasch eine Zahl von

Jahren, von der Gegenwart an gerechnet, einfallen lasse. Wo Aufschreibungen

oder die sichere Angabe des Patienten eine Kontrolle meines Einfalles

ermöglichen, da zeigt es sich, dass ich selten um mehr als ein Halbjahr bei über

10 Jahren geirrt habe.[13] Ähnlich, wenn ich einen entfernteren Bekannten treffe,

den ich aus Höflichkeit nach seinen kleinen Kindern frage. Erzählt er von den

Fortschritten derselben, so suche ich mir einfallen zu lassen, wie alt das Kind

jetzt ist, kontrolliere durch die Auskunft des Vaters und gehe höchstens um einen

Monat, bei älteren Kindern um ein Vierteljahr fehl, obwohl ich nicht angeben

kann, welche Anhaltspunkte ich für diese Schätzung hatte. Ich bin zuletzt so

kühn geworden, dass ich meine Schätzung immer spontan vorbringe, und laufe

dabei nicht Gefahr, den Vater durch die Blossstellung meiner Unwissenheit über

seinen Sprössling zu kränken. Ich erweitere so mein bewusstes Erinnern durch

Anrufen meines jedenfalls weit reichhaltigeren unbewussten Gedächtnisses.

 

Ich werde also über a u f f ä l l i g e Beispiele von Vergessen, die ich an mir selbst

beobachtet, berichten. Ich unterscheide Vergessen von Eindrücken und Erlebnissen, also von Wissen, und Vergessen von Vorsätzen, also