Zur Psychopathologie des Alltagslebens
VI. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen.
VI.
Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen.
Wenn jemand geneigt sein sollte, den Stand unserer gegenwärtigen Kenntnis
vom Seelenleben zu überschätzen, so brauchte man ihn nur an die
Gedächtnisfunktion zu mahnen, um ihn zur Bescheidenheit zu zwingen. Keine
psychologische Theorie hat es noch vermocht, von dem fundamentalen
Phänomen des Erinnerns und Vergessens im Zusammenhange Rechenschaft zu
geben; ja, die vollständige Zergliederung dessen, was man als tatsächlich
beobachten kann, ist noch kaum in Angriff genommen. Vielleicht ist uns heute
das Vergessen rätselhafter geworden als das Erinnern, seitdem uns das Studium
des Traumes und pathologischer Ereignisse gelehrt hat, dass auch das plötzlich
wieder im Bewusstsein auftauchen kann, was wir für längst vergessen geschätzt
haben.
Wir sind allerdings im Besitze einiger weniger Gesichtspunkte, für welche wir
allgemeine Anerkennung erwarten. Wir nehmen an, dass das Vergessen ein
spontaner Vorgang ist, dem man einen gewissen zeitlichen Ablauf zuschreiben
kann. Wir heben hervor, dass beim Vergessen eine gewisse Auswahl unter den
dargebotenen Eindrücken stattfindet und ebenso unter den Einzelheiten eines
jeden Eindrucks oder Erlebnisses. Wir kennen einige der Bedingungen für die
Haltbarkeit im Gedächtnis und für die Erweckbarkeit dessen, was sonst
vergessen würde. Bei unzähligen Anlässen im täglichen Leben können wir aber
bemerken, wie unvollständig und unbefriedigend unsere Erkenntnis ist. Man
höre zu, wie zwei Personen, die gemeinsam äussere Eindrücke empfangen, z. B.
eine Reise mit einander gemacht haben, eine Zeitlang später ihre Erinnerungen
austauschen. Was dem einen fest im Gedächtnis geblieben ist, das hat der andere
oft vergessen, als ob es nicht geschehen wäre, und zwar ohne dass man ein Recht
zur Behauptung hätte, der Eindruck sei für den einen psychisch bedeutsamer
gewesen als für den anderen. Eine ganze Anzahl der die Auswahl fürs
Gedächtnis bestimmenden Momente entzieht sich offenbar noch unserer
Kenntnis.
In der Absicht, zur Kenntnis der Bedingungen des Vergessens einen kleinen Beitrag zu liefern, pflege ich die Fälle, in denen mir das Vergessen selbst
widerfährt, einer psychologischen Analyse zu unterziehen. Ich beschäftige mich
in der Regel nur mit einer gewissen Gruppe dieser Fälle, mit jenen nämlich, in
denen das Vergessen mich in Erstaunen setzt, weil ich nach meiner Erwartung
das Betreffende wissen sollte. Ich will noch bemerken, dass ich zur
Vergesslichkeit im allgemeinen (für Erlebtes, nicht für Gelerntes!) nicht neige,
und dass ich durch eine kurze Periode meiner Jugend auch aussergewöhnlicher
Gedächtnisleistungen nicht unfähig war. In meiner Schulknabenzeit war es mir
selbstverständlich, die Seite des Buches, die ich gelesen hatte, auswendig
hersagen zu können, und kurz vor der Universität war ich imstande, populäre
Vorträge wissenschaftlichen Inhalts unmittelbar nachher fast wortgetreu
niederzuschreiben. In der Spannung vor dem letzten medizinischen Rigorosum
muss ich noch Gebrauch von dem Rest dieser Fähigkeit gemacht haben, denn ich
gab in einigen Gegenständen den Prüfern wie automatisch Antworten, die sich
getreu mit dem Text des Lehrbuches deckten, welchen ich doch nur einmal in
der grössten Hast durchflogen hatte.
Die Verfügung über den Gedächnisschatz ist seither bei mir immer schlechter
geworden, doch habe ich mich bis in die letzte Zeit hinein überzeugt, dass ich
mit Hilfe eines Kunstgriffes weit mehr erinnern kann, als ich mir sonst zutraue.
Wenn z. B. ein Patient in der Sprechstunde sich darauf beruft, dass ich ihn schon
einmal gesehen habe, und ich mich weder an die Tatsache noch an den Zeitpunkt
erinnern kann, so helfe ich mir, indem ich rate, d. h. mir rasch eine Zahl von
Jahren, von der Gegenwart an gerechnet, einfallen lasse. Wo Aufschreibungen
oder die sichere Angabe des Patienten eine Kontrolle meines Einfalles
ermöglichen, da zeigt es sich, dass ich selten um mehr als ein Halbjahr bei über
10 Jahren geirrt habe.[13] Ähnlich, wenn ich einen entfernteren Bekannten treffe,
den ich aus Höflichkeit nach seinen kleinen Kindern frage. Erzählt er von den
Fortschritten derselben, so suche ich mir einfallen zu lassen, wie alt das Kind
jetzt ist, kontrolliere durch die Auskunft des Vaters und gehe höchstens um einen
Monat, bei älteren Kindern um ein Vierteljahr fehl, obwohl ich nicht angeben
kann, welche Anhaltspunkte ich für diese Schätzung hatte. Ich bin zuletzt so
kühn geworden, dass ich meine Schätzung immer spontan vorbringe, und laufe
dabei nicht Gefahr, den Vater durch die Blossstellung meiner Unwissenheit über
seinen Sprössling zu kränken. Ich erweitere so mein bewusstes Erinnern durch
Anrufen meines jedenfalls weit reichhaltigeren unbewussten Gedächtnisses.
Ich werde also über a u f f ä l l i g e Beispiele von Vergessen, die ich an mir selbst
beobachtet, berichten. Ich unterscheide Vergessen von Eindrücken und Erlebnissen, also von Wissen, und Vergessen von Vorsätzen, also