Zur Psychopathologie des Alltagslebens

Sigmund Freud · Kapitel 5 von 13

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Zur Psychopathologie des Alltagslebens

V. Verlesen und Verschreiben.

V.

 

Verlesen und Verschreiben.

 

Dass für die Fehler im Lesen und Schreiben die nämlichen Gesichtspunkte und

Bemerkungen Geltung haben, wie für die Sprechfehler, ist bei der inneren

Verwandtschaft dieser Funktionen nicht zu verwundern. Ich werde mich hier

darauf beschränken, einige sorgfältig analysierte Beispiele mitzuteilen, und

keinen Versuch unternehmen, das Ganze der Erscheinungen zu umfassen.

 

A. Verlesen.

 

a. Ich durchblättere im Caféhaus eine Nummer der »Leipziger Illustrierten«, die

ich schräg vor mir halte, und lese als Unterschrift eines sich über eine Seite

erstreckenden Bildes: Eine Hochzeitsfeier i n d e r O d y s s e e. Aufmerksam

geworden und verwundert rücke ich mir das Blatt zurecht und korrigiere jetzt:

Eine Hochzeitsfeier a n d e r O s t s e e. Wie komme ich zu diesem unsinnigen

Lesefehler? Meine Gedanken lenken sich sofort auf ein Buch von R u t h s

»Experimentaluntersuchungen über Musikphantome etc.«, das mich in der

letzten Zeit viel beschäftigt hat, weil es nahe an die von mir behandelten

psychologischen Probleme streift. Der Autor verspricht für nächste Zeit ein

Werk, welches »Analyse und Grundgesetze der Traumphänomene« heissen wird.

Kein Wunder, dass ich, der ich eben eine »Traumdeutung« veröffentlicht habe,

mit grösster Spannung diesem Buch entgegensehe. In der Schrift R u t h s über

Musikphantome fand ich vorne im Inhaltsverzeichnis die Ankündigung des

ausführlichen induktiven Nachweises, dass die althellenischen Mythen und

Sagen ihre Hauptwurzeln in Schlummer- und Musikphantomen, in

Traumphänomenen und auch in Delirien haben. Ich schlug damals sofort im

Texte nach, um herauszufinden, ob er auch um die Zurückführung der Szene,

wie O d y s s e u s vor N a u s i k a a erscheint, auf den gemeinen

Nacktheitstraum wisse. Mich hatte ein Freund auf die schöne Stelle in G .

K e l l e r s »Grünem Heinrich« aufmerksam gemacht, welche diese Episode der

Odyssee als Objektivierung der Träume des fern von der Heimat irrenden

Schiffers aufklärt, und ich hatte die Beziehung zum Exhibitionstraum der Nacktheit hinzugefügt (p. 170). Bei R u t h s entdeckte ich nichts davon. Mich

beschäftigen in diesem Falle offenbar Prioritätsgedanken.

 

b. Wie kam ich dazu, eines Tages aus der Zeitung zu lesen: „I m F a s s durch

Europa, anstatt: z u F u s s?“ Diese Auflösung bereitete mir lange Zeit

Schwierigkeiten. Die nächsten Einfälle deuteten allerdings: Es müsse das Fass

des Diogenes gemeint sein, und in einer Kunstgeschichte hatte ich unlängst

etwas über die Kunst zur Zeit Alexanders gelesen. Es lag dann nahe, an die

bekannte Rede Alexanders zu denken: Wenn ich nicht Alexander wäre, möchte

ich Diogenes sein. Auch schwebte mir etwas von einem gewissen H e r m a n n

Z e i t u n g vor, der in eine Kiste verpackt sich auf Reisen begeben hatte. Aber

weiter wollte sich der Zusammenhang nicht herstellen, und es gelang mir nicht,

die Seite in der Kunstgeschichte wieder aufzuschlagen, auf welcher mir jene

Bemerkung ins Auge gefallen war. Erst Monate später fiel mir das bei Seite

geworfene Rätsel plötzlich wieder ein, und diesmal zugleich mit seiner Lösung.

Ich erinnerte mich an die Bemerkung in einem Zeitungsartikel, was für

sonderbare Arten der B e f ö r d e r u n g die Leute jetzt wählten, um nach Paris

zur Weltausstellung zu kommen, und dort war auch, wie ich glaube, scherzhaft

mitgeteilt worden, dass irgend ein Herr die Absicht habe, sich von einem

anderen Herrn in einem F a s s nach Paris rollen zu lassen. Natürlich hätten diese

Leute kein anderes Motiv, als durch solche Torheiten Aufsehen zu machen.

H e r m a n n Z e i t u n g war in der Tat der Name desjenigen Mannes, der für

solche aussergewöhnliche Beförderungen das erste Beispiel gegeben hatte. Dann

fiel mir ein, dass ich einmal einen Patienten behandelt, dessen krankhafte Angst

vor der Zeitung sich als Reaktion gegen den krankhaften E h r g e i z auflöste,

sich gedruckt und als berühmt in der Zeitung erwähnt zu sehen. Der

mazedonische Alexander war gewiss einer der ehrgeizigsten Männer, die je

gelebt. Er klagte ja, dass er keinen Homer finden werde, der seine Taten besinge.

Aber wie konnte ich nur n i c h t d a r a n d e n k e n, dass ein anderer

A l e x a n d e r mir näher stehe, dass Alexander der Name meines jüngeren

Bruders ist! Ich fand nun sofort den anstössigen und der Verdrängung

bedürftigen Gedanken in betreff dieses Alexanders und die aktuelle

Veranlassung für ihn. Mein Bruder ist Sachverständiger in Dingen, die Tarife

und T r a n s p o r t e angehen, und sollte zu einer gewissen Zeit für seine

Lehrtätigkeit an einer kommerziellen Hochschule den Titel Professor erhalten.

Für die gleiche B e f ö r d e r u n g bin ich an der Universität seit mehreren Jahren

vorgeschlagen, ohne sie erreicht zu haben. Unsere Mutter äusserte damals ihr

Befremden darüber, dass ihr kleiner Sohn eher Professor werden sollte als ihr

grosser. So stand es zur Zeit, als ich die Lösung für jenen Leseirrtum nicht finden konnte. Dann erhoben sich Schwierigkeiten auch bei meinem Bruder;

seine Chancen, Professor zu werden, fielen noch unter die meinigen. Da aber

wurde mir plötzlich der Sinn jenes Verlesens offenbar; es war, als hätte die

Minderung in den Chancen des Bruders ein Hindernis beseitigt. Ich hatte mich

so benommen, als läse ich die Ernennung des Bruders in der Zeitung, und sagte

mir dabei: Merkwürdig, dass man wegen solcher Dummheiten (wie er sie als

Beruf betreibt) in der Zeitung stehen (d. h. zum Professor ernannt werden) kann!

Die Stelle über die hellenistische Kunst im Zeitalter Alexanders schlug ich dann

ohne Mühe auf und überzeugte mich zu meinem Erstaunen, dass ich während

des vorherigen Suchens wiederholt auf derselben Seite gelesen und jedesmal wie

unter der Herrschaft einer negativen Halluzination den betreffenden Satz

übergangen hatte. Dieser enthielt übrigens gar nichts, was mir Aufklärung

brachte, was des Vergessens wert gewesen wäre. Ich meine, das Symptom des

Nichtauffindens im Buche ist nur zu meiner Irreführung geschaffen worden. Ich

sollte die Fortsetzung der Gedankenverknüpfung dort suchen, wo meiner

Nachforschung ein Hindernis in den Weg gelegt war, also in irgend einer Idee

über den mazedonischen Alexander, und sollte so vom gleichnamigen Bruder

sicherer abgelenkt werden. Dies gelang auch vollkommen; ich richtete alle

meine Bemühungen darauf, die verlorene Stelle in jener Kunstgeschichte wieder

aufzufinden.

 

Der Doppelsinn des Wortes »B e f ö r d e r u n g « ist in diesem Falle die

Assoziationsbrücke zwischen den zwei Gedankenkreisen, dem unwichtigen, der

durch die Zeitungsnotiz angeregt wird, und dem interessanteren, aber

anstössigen, der sich hier als Störung des zu Lesenden geltend machen darf. Man

ersieht aus diesem Beispiel, dass es nicht immer leicht wird, Vorkommnisse wie

diesen Lesefehler aufzuklären. Gelegentlich ist man auch genötigt, die Lösung

des Rätsels auf eine günstigere Zeit zu verschieben. Je schwieriger sich aber die

Lösungsarbeit erweist, desto sicherer darf man erwarten, dass der endlich

aufgedeckte störende Gedanke von unserem bewussten Denken als fremdartig

und gegensätzlich beurteilt werden wird.

 

c. Ich erhalte eines Tages einen Brief aus der Nähe Wiens, der mir eine

erschütternde Nachricht mitteilt. Ich rufe auch sofort meine Frau an und fordere

sie zur Teilnahme daran auf, dass d i e arme Wilhelm M. so schwer erkrankt und

von den Ärzten aufgegeben ist. An den Worten, in welche ich mein Bedauern

kleide, muss aber etwas falsch geklungen haben, denn meine Frau wird

misstrauisch, verlangt den Brief zu sehen und äussert als ihre Überzeugung, so

könne es nicht darin stehen, denn niemand nenne eine Frau nach dem Namen des Mannes, und überdies sei der Korrespondentin der Vorname der Frau sehr wohl