Zur Psychopathologie des Alltagslebens

Sigmund Freud · Kapitel 2 von 13

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Zur Psychopathologie des Alltagslebens

II. Vergessen von fremdsprachigen Worten.

II.

 

Vergessen von fremdsprachigen Worten.

 

Der gebräuchliche Sprachschatz unserer eigenen Sprache scheint innerhalb der

Breite normaler Funktion gegen das Vergessen geschützt[1]. Anders steht es

bekanntlich mit den Vokabeln einer fremden Sprache. Die Disposition zum

Vergessen derselben ist für alle Redeteile vorhanden, und ein erster Grad von

Funktionsstörung zeigt sich in der Ungleichmässigkeit unserer Verfügung über

den fremden Sprachschatz, je nach unserem Allgemeinbefinden und dem Grade

unserer Ermüdung. Dieses Vergessen geht in einer Reihe von Fällen nach

demselben Mechanismus vor sich, den uns das Beispiel: S i g n o r e l l i enthüllt

hat. Ich werde zum Beweise hierfür eine einzige, aber durch wertvolle

Eigentümlichkeiten ausgezeichnete Analyse mitteilen, die den Fall des

Vergessens eines nicht substantivischen Wortes aus einem lateinischen Zitat

betrifft. Man gestatte mir, den kleinen Vorfall breit und anschaulich vorzutragen.

 

Im letzten Sommer erneuerte ich – wiederum auf der Ferienreise – die

Bekanntschaft eines jungen Mannes von akademischer Bildung, der, wie ich bald

merkte, mit einigen meiner psychologischen Publikationen vertraut war. Wir

waren im Gespräch – ich weiss nicht mehr wie – auf die soziale Lage des

Volksstammes gekommen, dem wir beide angehören, und er, der Ehrgeizige,

erging sich in Bedauern darüber, dass seine Generation, wie er sich äusserte, zur

Verkümmerung bestimmt sei, ihre Talente nicht entwickeln und ihre Bedürfnisse

nicht befriedigen könne. Er schloss seine leidenschaftlich bewegte Rede mit dem

bekannten Ve r g i l schen Vers, in dem die unglückliche D i d o ihre Rache an

Ä n e a s der Nachwelt überträgt: Exoriare …., vielmehr er wollte so schliessen,

denn er brachte das Zitat nicht zustande und suchte eine offenkundige Lücke der

Erinnerung durch Umstellung von Worten zu verdecken: Exoriar(e) ex nostris

ossibus ultor! Endlich sagte er geärgert: „Bitte machen Sie nicht ein so

spöttisches Gesicht, als ob Sie sich an meiner Verlegenheit weiden würden, und

helfen Sie mir lieber. An dem Vers fehlt etwas. Wie heisst er eigentlich

vollständig?“

 

Gerne, erwiderte ich und zitierte, wie es richtig lautet:

Exoriar(e) a l i q u i s nostris ex ossibus ultor!

 

„Zu dumm, ein solches Wort zu vergessen. Übrigens von Ihnen hört man ja, dass

man nichts ohne Grund vergisst. Ich wäre doch zu neugierig, zu erfahren, wie

ich zum Vergessen dieses unbestimmten Pronomen aliquis komme.“

 

Ich nahm diese Herausforderung bereitwilligst an, da ich einen Beitrag zu

meiner Sammlung erhoffte. Ich sagte also: Das können wir gleich haben. Ich

muss Sie nur bitten, mir a u f r i c h t i g und k r i t i k l o s alles mitzuteilen, was

Ihnen einfällt, wenn Sie ohne bestimmte Absicht Ihre Aufmerksamkeit auf das

vergessene Wort richten[2].

 

„Gut, also da komme ich auf den lächerlichen Einfall, mir das Wort in folgender

Art zu zerteilen: a und l i q u i s .“

 

Was soll das? – „Weiss ich nicht.“ – Was fällt Ihnen weiter dazu ein? – „Das

setzt sich so fort: R e l i q u i e n – L i q u i d a t i o n – F l ü s s i g k e i t –

F l u i d . Wissen Sie jetzt schon etwas?“

 

Nein, noch lange nicht. Aber fahren Sie fort.

 

„Ich denke,“ fuhr er höhnisch lachend fort, „an S i m o n von T r i e n t , dessen

Reliquien ich vor zwei Jahren in einer Kirche in Trient gesehen habe. Ich denke

an die Blutbeschuldigung, die gerade jetzt wieder gegen die Juden erhoben wird,

und an die Schrift von K l e i n p a u l , der in all diesen angeblichen Opfern

Inkarnationen, sozusagen Neuauflagen des Heilands sieht.“

 

Der Einfall ist nicht ganz ohne Zusammenhang mit dem Thema, über das wir

uns unterhielten, ehe Ihnen das lateinische Wort entfiel.

 

„Richtig. Ich denke ferner an einen Zeitungsartikel in einem italienischen

Journal, den ich kürzlich gelesen. Ich glaube, er war überschrieben: Was der h.

Augustinus über die Frauen sagt. Was machen Sie damit?“

 

Ich warte.

 

„Also jetzt kommt etwas, was ganz gewiss ausser Zusammenhang mit unserem

Thema steht.“

 

Enthalten Sie sich gefälligst jeder Kritik und –

 

„Ich weiss schon. Ich erinnere mich eines prächtigen alten Herrn, den ich vorige

Woche auf der Reise getroffen. Ein wahres O r i g i n a l . Er sieht aus wie ein grosser Raubvogel. Er heisst, wenn Sie es wissen wollen, B e n e d i k t .“

 

Doch wenigstens eine Aneinanderreihung von Heiligen und Kirchenvätern: Der

heilige S i m o n , S t . A u g u s t i n u s, S t . B e n e d i k t u s. Ein Kirchenvater

hiess, glaube ich, O r i g i n e s . Drei dieser Namen sind übrigens auch

Vornamen, wie P a u l im Namen K l e i n p a u l .

 

„Jetzt fällt mir der heilige J a n u a r i u s ein und sein Blutwunder – ich finde,

das geht mechanisch so weiter.“

 

Lassen Sie das; der heilige J a n u a r i u s und der heilige A u g u s t i n u s haben

beide mit dem Kalender zu tun. Wollen Sie mich nicht an das Blutwunder

erinnern?

 

„Das werden Sie doch kennen? In einer Kirche zu Neapel wird in einer Phiole

das Blut des heiligen Januarius aufbewahrt, welches durch ein Wunder an einem

bestimmten Festtage wieder f l ü s s i g wird. Das Volk hält viel auf dieses

Wunder und wird sehr aufgeregt, wenn es sich verzögert, wie es einmal zur Zeit

einer französischen Okkupation geschah. Da nahm der kommandierende General

– oder irre ich mich? war es Garibaldi? – den geistlichen Herrn bei Seite und

bedeutete ihm mit einer sehr verständlichen Geberde auf die draussen

aufgestellten Soldaten, er h o f f e , das Wunder werde sich sehr bald vollziehen.

Und es vollzog sich wirklich …“

 

Nun und weiter? Warum stocken Sie?

 

„Jetzt ist mir allerdings etwas eingefallen … das ist aber zu intim für die

Mitteilung .. Ich sehe übrigens keinen Zusammenhang und keine Nötigung, es zu

erzählen.“

 

Für den Zusammenhang würde ich sorgen. Ich kann Sie ja nicht zwingen, zu

erzählen, was Ihnen unangenehm ist; dann verlangen Sie aber auch nicht von mir

zu wissen, auf welchem Wege Sie jenes Wort „aliquis“ vergessen haben.

 

„Wirklich? Glauben Sie? Also ich habe plötzlich an eine Dame gedacht, von der

ich leicht eine Nachricht bekommen könnte, die uns beiden recht unangenehm

wäre.“

 

Dass ihr die Periode ausgeblieben ist?

 

„Wie können Sie das erraten?“

Das ist nicht mehr schwierig. Sie haben mich genügend darauf vorbereitet.

Denken Sie an die K a l e n d e r h e i l i g e n , a n d a s F l ü s s i g w e r d e n

d e s B l u t e s z u e i n e m b e s t i m m t e n T a g e, d e n A u f r u h r ,

w e n n d a s E r e i g n i s n i c h t e i n t r i t t, d i e d e u t l i c h e

D r o h u n g , d a s s d a s W u n d e r v o r s i c h g e h e n m u s s , s o n s t

.. Sie haben ja das Wunder des heiligen Januarius zu einer prächtigen Anspielung

auf die Periode der Frau verarbeitet.

 

„Ohne dass ich es gewusst hätte. Und Sie meinen wirklich, wegen dieser

ängstlichen Erwartung hätte ich das Wörtchen »a l i q u i s « nicht reproduzieren

können?“

 

Das scheint mir unzweifelhaft. Erinnern Sie sich doch an Ihre Zerlegung in a –

l i q u i s und an die Assoziationen: R e l i q u i e n , L i q u i d a t i o n ,

F l ü s s i g k e i t . Soll ich noch den als K i n d h i n g e o p f e r t e n heiligen

Simon, auf den Sie von den Reliquien her kamen, in den Zusammenhang

einflechten?

 

„Tun Sie das lieber nicht. Ich hoffe, Sie nehmen diese Gedanken, wenn ich sie

wirklich gehabt habe, nicht für Ernst. Ich will Ihnen dafür gestehen, dass die

Dame eine Italienerin ist, in deren Gesellschaft ich auch Neapel besucht habe.

Kann das aber nicht alles Zufall sein?“

 

Ich muss es Ihrer eigenen Beurteilung überlassen, ob Sie sich alle diese

Zusammenhänge durch die Annahme eines Zufalls aufklären können. Ich sage

Ihnen aber, jeder ähnliche Fall, den Sie analysieren wollen, wird Sie auf ebenso

merkwürdige „Zufälle“ führen.

 

Ich habe mehrere Gründe, diese kleine Analyse, für deren Überlassung ich

meinem damaligen Reisegenossen Dank schulde, zu schätzen. Erstens, weil mir

in diesem Falle gestattet war, aus einer Quelle zu schöpfen, die mir sonst versagt

ist. Ich bin zumeist genötigt, die Beispiele von psychischer Funktionsstörung im

täglichen Leben, die ich hier zusammenstelle, meiner Selbstbeobachtung zu

entnehmen. Das weit reichere Material, das mir meine neurotischen Patienten

liefern, suche ich zu vermeiden, weil ich den Einwand fürchten muss, die

betreffenden Phänomene seien eben Erfolge und Äusserungen der Neurose. Es

hat also besonderen Wert für meine Zwecke, wenn sich eine nervengesunde

fremde Person zum Objekt einer solchen Untersuchung erbietet. In anderer

Hinsicht wird mir diese Analyse bedeutungsvoll, indem sie einen Fall von

Wortvergessen o h n e Ersatzerinnern beleuchtet und meinen vorhin aufgestellten Satz bestätigt, dass das Auftauchen oder Ausbleiben von unrichtigen

Ersatzerinnerungen eine wesentliche Unterscheidung nicht begründen kann.[3]

 

Der Hauptwert des Beispieles: a l i q u i s ist aber in einem anderen seiner

Unterschiede von dem Falle: S i g n o r e l l i gelegen. Im letzteren Beispiel wird

die Reproduktion des Namens gestört durch die Nachwirkung eines

Gedankenganges, der kurz vorher begonnen und abgebrochen wurde, dessen

Inhalt aber in keinem deutlichen Zusammenhang mit dem neuen Thema stand, in

dem der Name Signorelli enthalten war. Zwischen dem verdrängten und dem

Thema des vergessenen Namens bestand bloss die Beziehung der zeitlichen

Kontiguität; dieselbe reichte hin, damit sich die beiden durch eine äusserliche

Assoziation in Verbindung setzen konnten.[4] Im Beispiele: aliquis hingegen ist

von einem solchen unabhängigen verdrängten Thema, welches unmittelbar

vorher das bewusste Denken beschäftigt hätte und nun als Störung nachklänge,

nichts zu merken. Die Störung der Reproduktion erfolgt hier aus dem Inneren

des angeschlagenen Themas heraus, indem sich unbewusst ein Widerspruch

gegen die im Zitat dargestellte Wunschidee erhebt. Man muss sich den Hergang

in folgender Art konstruieren: Der Redner hat bedauert, dass die gegenwärtige

Generation seines Volkes in ihren Rechten verkürzt wird; eine neue Generation,

weissagt er wie Dido, wird die Rache an den Bedrängern übernehmen. Er hat

also den Wunsch nach Nachkommenschaft ausgesprochen. In diesem Momente

fährt ihm ein widersprechender Gedanke dazwischen. »Wünschest du dir

Nachkommenschaft wirklich so lebhaft? Das ist nicht wahr. In welche

Verlegenheit kämest du, wenn du jetzt die Nachricht erhieltest, dass du von der

einen Seite, die du kennst, Nachkommen zu erwarten hast? Nein, keine

Nachkommenschaft, – wiewohl wir sie für die Rache brauchen.« Dieser

Widerspruch bringt sich nun zur Geltung, indem er genau wie im Beispiel

Signorelli eine äusserliche Assoziation zwischen einem seiner

Vorstellungselemente und einem Elemente des beanstandeten Wunsches

herstellt, und zwar diesmal auf eine höchst gewaltsame Weise durch einen

gekünstelt erscheinenden Assoziationsumweg. Eine zweite wesentliche

Übereinstimmung mit dem Beispiel Signorelli ergibt sich daraus, dass der

Widerspruch aus verdrängten Quellen stammt und von Gedanken ausgeht,

welche eine Abwendung der Aufmerksamkeit hervorrufen würden. – Soviel über

die Verschiedenheit und über die innere Verwandtschaft der beiden Paradigmata

des Namenvergessens. Wir haben einen zweiten Mechanismus des Vergessens

kennen gelernt, die Störung eines Gedankens durch einen aus dem Verdrängten

kommenden inneren Widerspruch. Wir werden diesem Vorgang, der uns als der

leichter verständliche erscheint, im Laufe dieser Erörterungen noch wiederholt begegnen.