
Bahnwärter Thiel
Allsonntäglich saß der Bahnwärter Thiel in der Kirche zu Neu-Zittau, ausgenommen die Tage, an denen er Dienst hatte oder krank war und zu Bette lag, beginnt Hauptmanns berühmte Novelle: Im Verlaufe von zehn Jahren war er zweimal krank gewesen, das eine Mal infolge eines vom Tender einer Maschine herabgefallenen Stückes Kohle, das ihn getroffen und mit zerschmettertem Bein in den Bahngraben geschleudert hatte, das andere Mal einer Weinflasche wegen, die aus dem vorüberrasenden Schnellzuge mitten auf seine Brust geflogen war. Die ersten fünf Jahre hatte er den Weg von Schön-Schornstein, einer Kolonie an der Spree, herüber nach Neu-Zittau allein machen müssen, bis er eines Tages in Begleitung eines schmächtigen und kränklich aussehenden Frauenzimmers erschien, die zu seiner herkulischen Gestalt wenig gepasst hatte, und ihr am Altar der Kirche feierlich die Hand zum Bunde fürs Leben reichte. Zwei Jahre saß das junge, zarte Weib ihm zur Seite in der Kirchenbank, dann plötzlich saß der Bahnwärter wieder allein wie zuvor.





