Briefe an Ludwig Tieck, Zweiter Band

Karl von Holtei · Kapitel 123 von 142

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Briefe an Ludwig Tieck, Zweiter Band

Marbach, Gotthard Oswald.

 

Geb. zu Jauer in Schlesien, wo er dem dort verstorbenen Senior K. C. H. M. am 13.

April 1810 geboren wurde. Unter Franke in Liegnitz gediehen seine ersten poetischen Versuche. In Halle gerieth er aus der Theologie in die Philosophie, und diese führte ihn auf Spinoza, den er 1831 in einer Gedächtnißrede gefeiert. Nachdem er als Doktor promovirt hatte, zog er nach Leipzig, wo er sich an der Universität habilitirte, sich mühsam aber energisch durchkämpfte, und sowohl wissenschaftlich wie kritisch anerkennende Achtung erwarb. Er ist mit Rosalie Wagner (siehe Ad. Wagners Briefe in dieser Sammlung) verheirathet gewesen; und die Verbindung mit dieser liebenswerthen, sanften Künstlerin (die der Tod ihm nach kurzer, beglückender Ehe raubte) hat ihn, den Gelehrten, wohl auch zur Theilnahme an belletristischen Unternehmungen bewogen. Neben philosophischen, philologischen, physikalischen Werken trat er mit litterarischen Abhandlungen, ja mit Poesieen verschiedener Gattung hervor. Er lebt jetzt (so viel uns bekannt) als Gymnasial-Professor in Leipzig, und ist Sächs. Hofrath.

 

I.

 

Leipzig , 5. Aug. 1839.

Hochverehrtester Herr!

 

Auch der Ruhm und die Größe haben ihre Beschwerlichkeiten! Dies werden Sie, hochverehrter Herr, wahrscheinlich heut nicht zum erstenmale erfahren. Die Huldigungen, welche ich Ihnen hiermit als dem Sängerkönige des deutschen Vaterlandes darbringe, sind mit einer Bitte verknüpft. Das Amt eines Richters, welches ich Sie bei Übersendung der beiliegenden Proben zu üben bitte, kann beschwerlich, aber auch erfreulich sein. Beschwerlich, wenn das Urtheil ungünstig; erfreulich, wenn es günstig ausfallen muß. Dennoch weigern Sie Sich nicht es zu übernehmen! Müssen Sie Ihrer Überzeugung nach das Verdammungsurtheil sprechen; so brauchen Sie eines namenlosen Jünglings nicht zu schonen, sind vielmehr der Poesie, welche Sie mit unsterblichen Kränzen geschmückt hat, verpflichtet, jeden Andrang eines ungeweihten streng zurückzuweisen. Können Sie aber einen strebenden, für alles Höchste begeisterten Jüngling durch Ihre Aufmunterung größere Schwungkraft des Geistes und freudigeren Muth verleihen; gewiß so wird dieß Geschäft um so angenehmer für Sie sein, je mehr Sie selbst zu der Überzeugung gelangt sind, daß unsere Zeit begeisterter und begeisternder Rede vor allem bedürfe.