Briefe an Ludwig Tieck, Zweiter Band

Karl von Holtei · Kapitel 73 von 142

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Briefe an Ludwig Tieck, Zweiter Band

Kapitel II

Von Oehlenschlägern weiß ich unmittelbar gar nichts. Aber daß er in Paris wenigstens gewesen ist, lese ich in öffentlichen Blättern. Ob er noch dort, oder vielleicht jetzt in Italien ist, habe ich nicht erfahren können. In Italien wird er schwerlich lange bleiben. Er hatte eine Art von Abneigung dafür und schien eine Furcht zu haben, daß ihm das Clima nicht bekommen würde. Seinen Aladdin erwarte ich sehnlichst und begreife nicht, warum er nicht erscheint.

Ich habe jetzt den Calderon zu lesen angefangen. Die Autos Sacramentales waren unter meiner Erwartung. Ich fand schöne Verse, eine gewisse Pracht in der Ausführung, viel Beachtbares für Musik, aber wenig Phantasie. Nach ein Paar Proben gieng ich zu den Comedias über, die mich mehr anziehen. Vorjetzt hat mich besonders ein Stück interessirt: Das Leben ist ein Traum. Ein kraftvoller junger Mann, durch üble Behandlung verwildert, wird durch die grellsten Contraste zwischen Thron und Gefängniß dahin gebracht, daß er nicht mehr weiß, ob er wacht oder träumt. Dieß wird bey ihm ein daurender Zustand, er handelt in diesem Glauben und wird dadurch gemildert. Vielleicht hätte diese Idee in der Ausführung noch mehr benutzt werden können. Überhaupt finde ich in den Comedias oft eine gewisse Flüchtigkeit der Behandlung, aber die Kühnheit der Ideen hat einen großen Reitz. Shakespear scheint mehr mit Liebe gedichtet zu haben, und bey Calderon mehr die Kraft zu prävaliren. Er trotzt allen Forderungen von Wahrscheinlichkeit und schaltet unumschränkt in seiner Welt.

Der neue Meß-Catalog ist einer der magersten selbst für die Michaelismesse. Die Buchhändler scheinen sich fast bloß auf Anecdotenkram und politische Kannegießereyen einlaßen zu wollen.

Bey Herrn von Burgsdorf und seinen unvergeßlichen Nachbarinnen erhalten Sie unser Andenken. Die Meinigen empfehlen sich Ihnen bestens.

Körner .

 

II.

 

Dresden, am 23. Jan. 1814.

Die übersendeten Bücher und Musikalien, theuerster Freund, habe ich richtig erhalten. Der Farqhuar ist mir sehr lieb, da ich längst mit ihm genauer bekannt zu werden wünschte, ob er wohl in seiner zügellosen Manier sich eigentlich unter honetten Leuten nicht sehen lassen darf. Ich habe aber jetzt sogar Amtshalber eine wahre Sehnsucht nach dem Ächtkomischen. Man hat mir eine Aufsicht über das hiesige deutsche Theater aufgetragen, und das Geschäft ist nicht undankbar, da ich mehr Eifer bey den Schauspielern und mehr Empfänglichkeit bey dem jetzigen Publikum wahrnehme, als ich erwartete. Mein Wunsch ist nach und nach den „nassen Jammer“ von dem hiesigen Theater zu verdrängen, und das Publikum nach und nach an eigentlichen Kunstgenuß zu gewöhnen. An Tragödien fehlt es uns nicht, aber gute Lustspiele sind äußerst selten. Inmittelst müssen sogenannte Spektakelstücke, Zaubereyen und dergleichen mit aushelfen, die mir immer lieber sind, als Ifflands platte Moral. Vielleicht finde ich jemand, der einen Farqhuar’schen Stoff nach dem Bedürfniß der Zeit behandelt.