Briefe an Ludwig Tieck, Zweiter Band
Kapitel I
Hbrg., am 1. Ostertage 35.
Hochgeehrter Herr Hofrath.
Mein Schwager Waymar, den Sie ja von Carlsruhe her kennen gastirt in Dresden: wem könnte ich ihn besser empfehlen, als Ihnen. Er selber, natürlich, muß seine Sache vor den Lampen verfechten, aber welche Kritik könnte dem redlich aufstrebenden Talente fördersamer sein, als die Ihrige. Gönnen Sie ihm diese.
Wie wehe that es mir, Sie am Tage der Vorstellung des „Prinzen v. Homburg“ nicht mehr in Carlsruhe zu finden: ich hätte bei neurer Belehrung, dafern Sie eine Austauschung der Ideen mir erlaubt hätten, gewinnen können.
Mein guter Meyer als Churfürst hat mir viele Wunden geschlagen, und sicher auch Ihnen. Waymar verfehlte namentlich die Actschlußscene „Mein Vetter Friedrich will den Brutus spielen u. s. w.“ Ihre Ansicht wird ihn aufklären, besser denn die meine. — Der „Hohenzoller“ war absonderlich komisch. Empfehlen Sie mich gefälligst Ihren Damen, die einen Fremdling so liebreich aufnahmen, und streichen Sie nicht aus der Liste Ihres Gedächtnisses
Ihren Verehrer
C. Lebrün .
II.
Hamburg, d. 3t. Dc. 40.
Hochgeehrter Herr Hofrath.
Sie sind schon daran gewöhnt, unreife Producte zugesandt zu erhalten, mithin kommt es Ihnen wohl auf das plus ou moins nicht mehr an. Der Arbeit, die ich Ihrem Wohlwollen empfehle, habe ich mich mit großer Liebe unterzogen, und kann ihr nur in sofern das Wort reden, als ich ihre Nothwendigkeit erkannte. Der einzige, zu einer Fortsetzung der Schütze’schen Geschichte befähigte, unser Schmidt, erliegt fast der Last der Tagesgeschäfte, und Hand mußte einmal angelegt werden. So machte ich mich daran. Ich habe schon in der Vorrede gesagt, wie ich wünsche verbeßert zu werden. Mein Bemühen, die neuere Zeit der älteren gegenüber zu stellen war ein gewagtes, aber ein nothwendiges. Ob meine Ansichten Eingang finden werden und können, muß ich dahin gestellt sein laßen. Mindestens habe ich ehrlich ausgesprochen, wie sich mir das deutsche Theater jetzt darstellt, und von woher ich glaube, daß seine Erkräftigung ausgehen müßte. Kann sein, daß ich irre, dann möge, der guten Absicht wegen, das errare humanum est auch mir zu Gute kommen. Haben Sie, hochgeehrter Herr Hofrath, einmal Zeit und Lust, einen Blick in mein Büchlein zu thun, so danke ich Ihnen im Voraus, und ersuche Sie nur, mir die Zumuthung zu vergeben. Indem ich mich den lieben Ihren und der Frau Gräfin hochachtungsvoll empfehle, verbleibe ich mit unwandelbarer Verehrung
Ihr dankbarer und ergebner
C. Lebrün.