Fahr Rad!, Die Rückeroberung der Stadt
Oslo
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1 Rad fahren für jedes Alter. Pflegeheime werden
seit 2015 von der Stadt Oslo bei der
Anschaffung von Christiania Bikes (dänische
Lastenräder) unterstützt. Heute gibt es mehr
als 50 solcher Räder in 36 Pflegeheimen,
auch 6 ehrenamtliche Einrichtungen haben
Fahrräder in ihrem Angebot.
2 Autofreies Stadtleben: 2017 wurden erste
Veränderungen umgesetzt um mehr Raum zu
schaffen für ein städtisches Leben in dem
Fußgänger und Radfahrer Vorrang gegenüber
5 dem Pkw-Verkehr haben. Insgesamt soll zwischen 2015 und 2019 eine Fläche von
1,3 km2 umgestaltet werden.
3 Die Stadt Oslo hat jüngst einen Rahmen-
vertrag für E-Bikes und Cargo räder für alle ihre
Angestellten abgeschlossen. Mehr als 200
Räder wurden an die Angestellten verteilt,
von Hebammen, für ihre Hausbesuche, bis zu Klempnern für ihre Kundenbesuche im
ganzen Stadtgebiet.
4 „Last Mile project”: Einige Unternehmen,
Organisationen und Einrichtungen haben
begonnen Cargoräder für ihre Arbeit zu nutzen.
5 Ein Winterdienst sorgt für die ganzjährige
Nutzung der Radwege.
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OSLO WIRD ZUM
RADPARADIES
Laura Bliss
Barcelona hat seine Superblocks und niederländi- Für die Radfahrerwelt „gibt es derzeit welt-
sche Städte haben ihre Fahrrad-Superhighways – weit keine aufregendere Stadt als Oslo“, meint
Oslo kann zwar noch nicht mit einer solchen Mikael Colville-Andersen, der Gründer des Radin-
Fahr rad infrastruktur aufwarten, macht dies aber frastruktur-Beratungsbüros Copenhagenize.
durch be geistertes Engagement für dieses Ver- Wenige Städte entwickeln in dieser Frage ei-
kehrsmittel wett. nen solchen Ehrgeiz: Oslos Ziel für 2025 entspricht
Das ist die Geschichte, die ich von einer Rad-einer Verdoppelung des gegenwärtigen Fahrradan-
tour mit Øyvind Aas durch Oslo an einem grauen, teils, und viele Hindernisse müssen dabei über-
windigen Oktoberfreitag mitnehme. Aas, der Leiter wunden werden. Wegen des jahrzehntelangen
der Öffentlichkeitsarbeit des norwegischen Rad-Vertrauens auf Auto und Straßenbahn gilt Radfah-
fahrerbunds, kam zu unserem Treffen am Haupt-ren weitgehend nur als Sport oder Hobby.
bahnhof mit einem Lastenfahrrad, einem eindrucks- Radelt man durch Oslos Stadtzentrum und
vollen, dreirädrigen Gefährt mit einem Sitz vorne, die dicht bebaute unmittelbare Umgebung, fällt
das er und seine Frau mit städtischen Fördermit-auf, wie regellos sich diese Art der Fortbewegung
teln erstanden hatten. Ich mietete ein Fahrrad von anfühlt. Es gibt zwar rund 180 Kilometer an Rad-
einer nahegelegenen Bikesharing-Station. wegen, aber viele sind in schlechtem Zustand, so-
Seit Mitte des ersten Jahrzehnts des 21. Jahr-dass man auf dem Bürgersteig fahren darf, wenn
hunderts ist die Einwohnerzahl in Oslo stärker einem danach ist. Fahrräder dürfen Einbahnstra-
gewachsen als in fast jeder anderen europäischen ßen in beide Richtungen benutzen, aber wer an
Stadt. Um mit diesem Wachstum zurechtzukom-den Einfahrten in diese Straßen Vorfahrt hat, ist
men, muss Oslo die Frage, wie sich die Bewohner nicht immer deutlich. Überwiegend beherrscht der
in der Stadt bewegen, neu denken. Autoverkehr die Straßen.
In der Nähe des Osloer Hafens deutete Aas Noch gibt es keine kritische Masse von Rad-
auf die Wohntürme am Ufer und die gewerblichen fahrern, die bessere Normen durchsetzen könnte.
Projekte, die heute dort aufragen, wo einst ein Aber wir sahen ein paar andere Radler: einen Pulk
Indus triegebiet war. „Die Straßenbahnen sind an von Bankangestellten in Radlerhosen, die von der
ihrer Kapazitätsgrenze“, erklärte er. Die Straßen Arbeit nach Hause fuhren, ein paar Touristen auf
mögen zwar nicht mit denen meiner Heimatstadt Leihfahrrädern und eine Freundin von Aas, die mit
New York vergleichbar sein, nach Osloer Verhält-ihrem städtisch subventionierten Lastenrad Kaffee-
nissen sind sie aber verstopft. So kommt ein drittes satz einsammelt. Ich fragte sie, was sie von der
Verkehrsmittel im Herzen der norwegischen Haupt-Radinfrastruktur der Stadt hält. Sie antwortete:
stadt ins Spiel: das Fahrrad. Dies beweisen die rot „Ich glaube, sie wird langsam besser. Sie ist aber
markierten Radwege in der Stadt und eine Reihe noch nicht gut genug, dass sich die Menschen
von Straßen, die für Autos gesperrt sind. Fahrräder sicher fühlen.“
selbst werden billiger. Das alles dient dem Ziel, Genau dieses Ergebnis erbrachte 2013 eine
den Anteil der Fahrten mit dem Fahrrad an allen Untersuchung zu der Frage, warum nicht mehr
unternommenen Wegen in der Stadt von acht Pro-Osloer Fahrrad fahren. Gewisse Macho-Pendler
zent im Jahr 2013, auf mindestens 16 Prozent mögen sich unter allen Bedingungen mit dem Rad
zu steigern. sicher fühlen, aber Untersuchungen haben nach-
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gewiesen, dass Frauen und ältere Menschen aus-Preise für die verbleibenden erhöht sowie von Auto-
gewiesene Radwege, ruhige Verkehrsbedingungen fahrern höhere Gebühren verlangt, wenn diese zu
und eine gewisse Menge anderer Radfahrer als Spitzenzeiten in die Stadt fahren. Bis 2019 sollen
Verkehrsteilnehmer brauchen, um sich auf einem zudem 60 Kilometer neue und sanierte Radwege
Fahrrad sicher zu fühlen. Das relative Risiko, als verwirklicht werden. Das Ergebnis wird eine deut-
Radfahrer verletzt zu werden, geht in Oslo tatsäch-lich veränderte, fahrradorientierte Stadt sein, in
lich zurück, wie von offizieller Seite betont wird, der Radwege aus dem völlig verkehrsberuhigten,
denn die absolute Zahl der Radfahrer ist mit der 1,3 km2 großen Zentrum in alle Richtungen führen.
Einwohnerzahl der Stadt gewachsen. Aber die Au- Der Widerstand der Geschäfteinhaber und
ßenwahrnehmung ist nicht einladend, denn die Autofahrer war so heftig, wie man erwarten konnte.
Zahl der schweren Unfälle steigt immer noch, und Viele fürchteten, dass eine Innenstadt mit weniger
geschützte Radwege sind selten. „Das Wichtigste Parkplätzen zu einer „toten Zone“ ohne Läden und
ist es, eine gute und sichere Radwegeinfrastruktur Geschäfte werden würde. Die Politiker argumen-
zu schaffen“, erklärt Lan Marie Nguyen Berg, Oslos tierten dagegen, machten aber schließlich Konzes-
Vizebürgermeisterin für Umwelt und Verkehr, den sionen: Die autofreie Zone ist nun beträchtlich
lokalen Medien. Der Schlüssel liege darin, den Rad-kleiner als im ursprünglichen Plan, und die Stra-
fahrern mehr Raum auf der Straße zu geben. ßen bleiben für den Liefer- und Busverkehr frei. Tor
Genau das versucht die Stadt, seit Nguyen Henrik Anderson, der stellvertretende Bürgermeis-
Bergs Umweltpartei Die Grünen (Miljøpartiet De ter Oslos, glaubt, dass der Unterschied dennoch
Grønne) seit ihrem guten Abschneiden bei der Wahl spürbar sein wird: „Es wurde bisher nicht deutlich
von 2015 an der Stadtregierung beteiligt ist. Im genug vermittelt, wie viel Platz Autos verbrauchen.
gleichen Jahr machte Oslo weltweit Schlagzeilen, Wenn Menschen den Vorrang gegenüber Autos
weil die Stadt als erste in Europa bis 2019 Autos bekommen, wird es viel bequemer, sich in dem
vollständig und rund um die Uhr aus dem Zentrum Gebiet zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu bewegen.“
verbannen will. Die Stadt will dieses Ziel verwirk- Die praktische Umsetzung für das autofreie
lichen, indem sie 800 Parkplätze beseitigt und die Zentrum begann im Sommer 2017, als die Stadt-
6 Der sogenannte Oslo Standard sieht eine
Breite für Radwege von 2,2—2,5 m vor. 6
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verwaltung Parkplätze entfernte und an ihrer Stelle Es mag seltsam anmuten, dass Oslo nicht über
Blumenkästen aufstellte. Sie begann auch damit, die gleiche Fahrradkultur verfügt wie einige skan-
„den roten Teppich auszurollen“, wie Aas in Anspie-dinavische Nachbarländer. Vor dem Zweiten Welt-
lung auf die Signalfarbe von Oslos neuen Radwegen krieg waren Fahrräder in den Straßen der Stadt
scherzt. Viele (wenn auch nicht alle) der neuen durchaus stark verbreitet. In der Nachkriegszeit
Radwege entsprechen dem „Oslo-Standard“, einem hemmten Handelsbeschränkungen die flächende-
2016 eingeführten Regelwerk für die bauliche Um-ckende Verbreitung von Autos in Norwegen, aber
setzung der Radwegeinfrastruktur, das den Zielen diese Restriktionen fielen in den 60erJahren, un-
der Stadt und dem Sicherheitsbedürfnis der Ein-gefähr zur selben Zeit, als Öl vor den norwegischen
wohner Rechnung trägt. Küsten entdeckt wurde. Das Land wurde zu einem
Norwegens landesweite Planungsvorschrif-der wohlhabendsten in der Welt, und der Prozent-
ten für sichere Straßen und Wegegestaltung – die satz der Autobesitzer ist einer der höchsten in
aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts stammen Europa. Oslos Verwaltung dachte schon in den
– sind nicht ausreichend, um den hohen Fahrradan-50er-Jahren an ein stadtweites Radwegenetz, das
teil zu erreichen, den Oslo wünscht. Der Hauptun-aber nie verwirklicht wurde. Selbst nachdem die
terschied besteht in der Breite: Laut der landesweit Stadt 2010 ein spezielles Amt für den Radverkehr
geltenden Regelung darf ein Radweg nicht breiter geschafften hatte, änderte sich wenig: Zwischen
sein als 1,80 Meter. Aber in Straßen voller Auto-2005 und 2015 wurden pro Jahr gerade einmal 1,5
verkehr kann dies beängstigend schmal wirken. Kilo meter Radwege gebaut.
Nach Oslos eigenen Normen sollen neue Radwege Nun aber will Oslo diese Zahl verzehnfachen.
eine Breite von bis zu 2,50 Meter haben. Sie sind Neben dem Bevölkerungswachstum sind auch Um-
außerdem mit eigenen Schildern zu markieren weltprobleme eine Ursache für das neue Engage-
und in einer hellen Kontrastfarbe zu gestalten und ment der Stadt zugunsten des Fahrradverkehrs.
sollen, wo immer möglich, gänzlich vom Autover-Norwegen ist ein Land der grünen Wälder, der
kehr separiert werden. Das ist eine beträchtliche unberührten Fjorde und des klaren, blauen Himmels
Abweichung von der landesweiten Norm, bei deren – aber die Luftqualität in den Städten kann erstaun-
Aufstellung man hauptsächlich Autobahnen und lich schlecht sein, und Oslo bildet dabei keine Aus-
keine Städte im Blick hatte. nahme: Laut Angaben des norwegischen Gesund-
Oslo bemüht sich außerdem, mit Fördermit-heitsamts verursacht die Luftverschmutzung in
teln mehr Menschen zum Umsteigen vom Auto aufs Oslo pro Jahr 185 vorzeitige Todesfälle. Die Dunst-
Fahrrad zu bewegen. Um Familien vom Kauf eines bildung lässt sich wegen winterlicher Inversions-
neuen Autos abzuhalten, gewährt die Stadt im Jahr wetterlagen nicht völlig verhindern, aber sehr wohl
2017 Bürgern, die stattdessen ein elektrisches Las-begrenzen, denn der Verkehr ist für mehr als 60
tenfahrrad kaufen, einen Zuschuss von 1.000 Euro. Prozent der städtischen Treibhausgasemissionen
Im Jahr zuvor gab es im Rahmen eines weiteren verantwortlich. Mehr mit dem Auto zurückgelegte
erfolgreichen Programms einen Zuschuss von rund Wege stattdessen mit dem Fahrrad zurückzulegen,
500 Euro für ein Standard-E-Bike. Diese Subventi-würde helfen die Emissionen zu verringern und
onen blieben nicht ohne Kritik – manche meinen, einen kleinen Beitrag zum Erfüllen der norwegi-
dass Wohlhabende davon übermäßig profitieren –, schen Klimaziele zu leisten.
und trotz des Zuschusses wurden Lastenfahrräder Bevor das geschieht, müssen noch viel mehr
in Oslo nicht von so vielen Menschen gekauft wie rot markierte Radwege gebaut und viele gefährli-
erhofft. Eine deutlich sichtbarere Verbesserung für che Kreuzungen entschärft werden. Den Anteil des
Radfahrer ist die Maßnahme, dass die Stadt jetzt Fahrradverkehrs innerhalb von weniger als zehn
auf mehr Radwegen während der langen, kalten Jahren zu verdoppeln ist ein äußerst ehrgeiziges
Winter den Schnee räumen lässt – ein weiterer Ziel. Aber viele andere Städte beweisen, dass sich
Schritt, um mehr Menschen dazu zu bringen, das der Anteil tatsächlich steigern lässt, wenn man Platz
Fahrrad zu nutzen. für das Fahrrad schafft. Und Oslo ist dabei, sein Enga-
Anders als viele Städte, die für eine fortschritt- gement in praktische Maßnahmen umzusetzen.
liche Verkehrspolitik kämpfen, genießt Oslo weit- Nachdem Aas mir geholfen hatte, am Ende der
gehend die Unterstützung der Landesregierung. Tour mein Leihfahrrad an der Station anzuschließen,
Norwegen strebt mit hohen Anreizen für elektri-nahm er mich auf dem Notsitz seines Lastenfahr-
sche Fahrzeuge und Investitionen in Höhe von fast rads mit zurück zum Bahnhof. „Fahrräder bringen
einer Milliarde Dollar für den landweiten Ausbau Menschen zusammen, nicht wahr?“, meinte er, als
von Radfernwegen eine Reduktion des Autoverkehrs ich abstieg. Und das stimmt und trifft auch auf Städ-
und des Verbrauchs fossiler Brennstoffe an. te zu, die ihnen den erforderlichen Raum geben.
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200 cm
500 cm
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7 Die Innenstadt von Oslo wird
innerhalb des ersten Rings (rötlich
gefärbte Straßen) autofrei.
8 Autoparkplätze auf den Straßen
werden für Fahrräder ausgewiesen
9 + 10 Eva Kolstads Straße vorher und nachher
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OSLO CITY BIKE
Das neue Programm Oslo City Bike startete im April 2016 und STANDORT 185 Stationen in Oslo, Norwegen
ersetzt Oslos altes System durch ein fortschrittliches und nut-PROJEKTSTART 2016 zerfreundliches Bike-Sharing-Programm. Das neue System
stellt mehr Fahrräder und Stationen zur Verfügung und ver-ENTWURF Urban Infrastructure Partner, Oslo
wendet eine digitale Plattform. Bei der App Oslo City Bike BAUHERR Stadt Oslo können sich Nutzer unmittelbar registrieren, den Standort
der Räder erfahren und sie sogleich entsperren. Damit ist das PROGRAMM BikeSharing: Im September 2017
gesamte System leichter zugänglich. gab es 185 Stationen und ungefähr 2.000 Leihfahrräder. Bei Fertig Oslo City Bike zielt darauf ab, seinen Nutzern ein Bike- stellung des Sys tems sollen 3.000 sharing-Erlebnis zu bieten, das Spaß macht und leicht zu nut- Fahrräder zur Verfügung stehen.
zen ist. Die ästhetische Gestaltung gibt sich spielerisch und
aufgeschlossen; im Ergebnis ist das Fahren mit den City Bikes
zu einem wichtigen Faktor in Oslos örtlicher Kultur und im
städtischen Raum geworden. Dank des täglichen Austauschs
mit den Nutzern und des datengestützten Betriebs, der die
Verfügbarkeit von Rädern und Anschlüssen verbessert, hat
das neue System zu einer massiven Zunahme der Fahrrad-
nutzung in Oslo geführt. Vier Monate nach dem Start erreichte
die Zahl der Ausleihen die Millionenmarke, bei einer durch-
schnittlichen Anzahl von 9,7 Fahrten pro Fahrrad und Tag.
Verglichen mit dem alten Programm haben die Registrierun-
gen um 35 Prozent zugenommen.
Mit dem Ende der ersten Saison im Oktober 2016 waren
bereits alle alten Stationen ersetzt, viele neue errichtet und
die Marke von zwei Millionen Fahrten überschritten, womit
Oslo City Bike eines der am effizientesten genutzten Fahrrad
Sharing-Programme weltweit ist. In der zweiten Saison wur-
den mehr als 2,5 Millionen Fahrten gezählt.
Oslo City Bike ist flexibel entworfen, um sich an die Be-
dürfnisse der Stadt, künftige technologische Fortschritte und
Änderungen im Nutzerverhalten anpassen zu können. Das
System wächst und expandiert; bei der Weiterentwicklung
wird aber immer ein einziges Ziel im Blickfeld stehen: die
Menschen in Oslo mit besserer und effizienterer Mobilität vor
Ort zu versorgen.
1 Es gibt 185 Verleih-Stationen mit
2.000 Rädern
2 2017, in der zweiten Saison, wurden
über 2,5 Millionen Fahrten gezählt
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AKROBATEN BRÜCKE
„Akrobaten“ („der Akrobat“) ist eine Fußgänger- und Radfah-STANDORT Bjørvika Oslo. Dronning Eufemias
rerbrücke, die 19 Bahngleise am Osloer Hauptbahnhof über- gate — Annette Thommessens plass. Barcode, Oslo, Norwegen quert. Die Brücke bildet eine direkte Verbindung zwischen
alten und neuen Stadtteilen der norwegischen Hauptstadt FERTIGSTELLUNG 2011
und bietet über Treppen und Aufzüge auch Zugang hinunter ENTWURF Architekten: L2 Arkitekter, Oslo zu den Bahnsteigen. Bauingenieure: Rambøll Norge, Oslo Die größte Herausforderung bei der Brücke bestand
darin, dass diese genügend Abstand zu den Bahngleisen BAUHERR Bjørvika Infrastruktur
haben und gleichzeitig für Fußgänger und Radfahrer von PROGRAMM Die 206 m lange und 6 m breite
beiden Seiten aus den umliegenden Stadtteilen direkt zu gäng- AkrobatenBrücke für Fußgänger und
lich sein musste. Überdies gab es nur vier mögliche Gründungs- Radfahrer schafft eine direkte Verbindung zwischen dem alten Oslo punkte, zwischen denen die Brücke insgesamt 67 Meter über- und dem neuen Stadtteil Bjørvika. spannen musste. Diese Herausforderungen wurden zur
Grund lage des wesentlichen Gestaltungsmotivs, die Tragkon-
struktion über dem Überweg anzulegen, woraus sich die
spektakuläre Gestalt ergibt.
Vier Stahlsäulen in Form der Ziffer 7 halten einen 5 Meter
breiten, dreieckigen, an beiden Seiten verjüngten Stahlträger.
Der Überweg ist von diesem Träger mithilfe einer Reihe dün-
ner Stahlstäbe abgehängt und beidseitig von einem hohen Glas-
geländer eingefasst, das den Nutzern einen klaren und unge-
hinderten Blick auf die Stadt in beiden Richtungen gewährt.
1 Brücke über die Gleise des Osloer
Hauptbahnhofs
2 Die Brücke verbindet die Stadtviertel Grønland
und Bjørvika und bietet einen großartigen
Blick auf Oslos neue Hochhauszeile, den
sogenannten Barcode.
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DRONNING EUFEMIA’S GATE
Die neuen Hauptstraßen in Bjørvika sind als Alleen gestaltet: STANDORT Dronning Eufemia’s gate
die Königin-Eufemia-Straße, die König-Håkon V.-Straße und [KöniginEufemiaStraße], Oslo, Norwegen die Langkaigata werden zu den Hauptstraßen in Oslos neuem
Viertel Bjørvika. Sie sind als bepflanzte Alleen mit einer Viel-FERTIGSTELLUNG 2015
Straße besitzt einen asymmetrischen Schnitt mit einem breiten, zahl von Verkehrsfunktionen gestaltet. Die Königin-Eufemia- ENTWURF Landschaftsarchitekten: Dronninga landskap, Oslo; Architekten: bepflanzten Bürgersteig auf der sonnigen Nordseite. Heller Birger Heyerdal arkitekter, Oslo;
Granit wurde für die Bordsteine und als Belag für die Bürger- Licht planung: Zenisk, Oslo; Berater: Holoconsult, Slependen steige verwendet. 100 Straßenhocker sind längs der Straße
verteilt, die im Frühjahr für Komfort sorgen. BAUHERR Statens Vegvesen East Region
2018 fährt die Straßenbahn auf der grasbewachsenen, von tationsstreifen auf der Königin-Eufemia-Straße platziert. Seit Die Straßenbahntrasse ist asymmetrisch in einen Vege-PROGRAMM Neue Hauptstraße in Oslo, Bjørvika mit einem 1.500 m langen Radweg in beide Richtungen, Bushalte
hohen Eichen flankierten Trasse. Kastenförmig geschnittener stellen, Stellplätzen für 50 Fahrräder und einer grasbewachsenen Kreuzdorn schafft eine sichere grüne Barriere zwischen der Straßenbahnt rasse in der Mitte. Straßenbahn und der Straße. Kletterrosen ranken an schlan- 500 Bäume sorgen für ein freund
ken Gestellen empor und sollen an die Falten im Hochzeits- liches Erscheinungsbild.
kleid von Königin Eufemia im Jahre 1299 erinnern.
Mehr als 500 Straßenbäume aus 100 Arten und Varie-
täten wurden gruppenweise gepflanzt, die die Vielfalt des 21.
Jahrhunderts widerspiegeln. Die Auswahl der Baumarten
richtet sich nach den schwierigen klimatischen Bedingungen
des modernen Oslo. Die Straßenbäume sind so angeordnet,
dass sich auf dem nördlichen Bürgersteig der Königin-Eufe-
mia-Straße eine Wanderung von Ostasien über den Kaukasus
und Europa bis ins westliche Amerika ergibt. Auf der südli-
chen, schattigeren Seite werden Gruppen aus Ulmen, Eschen,
Linden und Ahorn bäumen gepflanzt. Die Straßenbepflanzung
in Bjørvika ist eines der größten Straßenprojekte in Europa.
1 Luftaufnahme
2 Lageplan, 1 die Oper von Oslo
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FUTUREBUILT
FutureBuilt ist ein Zehn-Jahres-Programm (2010–2020) mit STANDORT Stadtgebiet Oslo, Norwegen
dem Ziel, CO-neutrale Stadtviertel und hochwertige Archi-2 PROJEKTBEGINN 2010 tektur zu schaffen. In dieser Zeit sollen 50 Pilotprojekte –
Stadtviertel und einzelne Gebäude – mit geringstmöglichen FERTIGSTELLUNG 2020
Treibhausgasemissionen verwirklicht werden. Diese Proto-ENTWURF Verschiedene typen werden auch zu einer guten städtischen Umwelt bei-
tragen, dies in Hinblick auf ökologische Kreisläufe, Gesundheit PROGRAMM Pilotprojekte in den Bereichen
gasemissionen aus dem Verkehr, dem Energie- und Material-und das allgemeine Erscheinungsbild der Stadt. Stadt entwicklung, Schulen, Radver kehr, Kindergärten, Büro gebäude, Die Pilotprojekte sind darauf ausgelegt, die Treibhaus- Kulturzentren, Wohnungsbauvorha ben und Schwimmhallen
verbrauch um mindestens 50 Prozent zu reduzieren. Die
Projekte wollen Veränderungen sowohl im privaten wie im
öffentlichen Sektor anstoßen.
FutureBuilt ist eine Zusammenarbeit zwischen zehn
Partnern: den Stadtverwaltungen von Oslo, Bærum, Asker
und Drammen, dem Ministerium für regionale Verwaltung
und Modernisierung, der Husbanken (Regierungsorganisation
für die Umsetzung von Bau- und Wohnungspolitik), Enova
(Norwegischer Energie-Nationalfonds), dem nationalen Amt
für Gebäudetechnologie und -verwaltung, der Green Buil-
ding Alliance und der Nationalen Vereinigung norwegischer
Architekten.
1 Ulsholtveien 31: Die neuen, CO-armen Eigenhei-2
me bieten Ladestationen für Elektroautos, einen
Fahrrad-Pavillon mit Werkstatt und einen Fahrrad-
Pool. Entwurf: Haugen/Zohar arkitekter, Oslo
und Dronninga Landskap, Oslo.
2 Die Brynseng-Schule ist eine neue Grundschule.
Im Schulbereich gibt es keine Autoparkplätze.
Entwurf: HRTB Arkitekter, Oslo und Bjørbekk &
Lindheim, Oslo.
3 Fahrradpark: Mit der Einrichtung von Fahrrad- und
Spielparks stellt die Stadtverwaltung von Oslo
Kindern und jungen Menschen spannende Orte
bereit, an denen sie ihre Fertigkeiten als Radfahrer
entwickeln können. Entwurf: Jens Jensen.
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Radeln in der Stadt
Christiane Thalgott
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Schön, wenn wir viele sind, aber ich wäre lieber ohne so gut gemanagt werden wie in Amsterdam, dann
die vielen. Radeln wäre viel schöner ohne drängelnde wären sie auch attraktive Mobilitätsspots).
Rennradler neben mir und doppelt breite Kinderan Automobilisten brauchen ca. 38 Quadratmeter
hänger vor mir, finde ich. (Je älter, desto mehr.) Viele und mehr Fahrbahn sowie noch mal 25 Quadrat-
Radlerinnen und Radler brauchen viel mehr Platz, meter zum Abstellen. 1
damit Radeln auch für viele schön ist! Da ist noch viel Wie sieht die Realität unserer Verkehrsflächen-
zu tun! verteilung aus? Sehr ungerecht, wenn man die Men-
schen als Maßstab wählt und nicht, wie bei Inge-
Radeln ist praktisch und, wenn es nicht regnet nieuren üblich, den Platzbedarf der Verkehrsmittel.
oder gar schneit, sehr angenehm. Die hoffentlich Ebenso ist sie sehr ungerecht, wenn man die Ver-
frische Luft weht einem um die Nase, die Bewe-letzbarkeit der Verkehrsteilnehmer als Maßstab
gung vor und nach dem täglichen Sitzen am Com-wählt. Wer als Knautschzone nur die Nase hat, wird
puter und in Besprechungen tut gut. Das Beachten von sechs Quadratmeter großen und zwei Tonnen
der Regeln behindert manchmal das zügige Fort-schweren Pkws an den Rand oder manchmal sogar
kommen, aber da wissen wir Radler uns zu helfen. unter die Räder gedrängt.
Etwas Anarchismus muss eben sein. Fußwege sind meist sehr schmal, zwei bis
Wenn nur die anderen nicht so viele wären, drei Meter oder weniger, und sind nicht nur für die
wenn mit der Zahl der Menschen in der Stadt auch Fußgänger da, für Alte und Junge, für Kinderwagen
der Platz in ihr wachsen könnte, so wie ein Kleid und Rollatoren, für Hunde und spielende Kinder, sie
oder Anzug mit der Leibesfülle und Größe erwei-sind darüber hinaus der Übergang zu den Häusern,
tert wird! Vorplatz zu den Hauseingängen, den Schaufens-
Jedes Jahr kommen mehr Menschen in die tern. Sie bieten Platz für Auslagen, für Straßencafés
Stadt, in München kommen beispielsweise circa und auch den einen oder anderen achtsamen Rad-
14.000 zu den 1,5 Millionen Einwohnern dazu, und ler. Hier lebt die Stadt, das Quartier.
alle klagen über die anderen, die auch gekommen Autostraßen sind meist sehr breit, 12 bis 15
sind oder die schon da sind und Platz zum Wohnen Meter und mehr, aber noch sind sie meist nur für
und auf der Straße beanspruchen. Verflixt! die Autos da, manchmal auch für Radler, befeuert
Verkehrspolitik in der Stadt war in den letz-durch Versuchsanordnungen an Radeltagen oder
ten 40 Jahren im Wesentlichen Autopolitik. Neue Ähnlichem. Sie trennen oft mehr, als dass sie verbin-
Straßen wurden vierspurig angelegt. Für Pkw- Stell-den. Ohne gründliche Umgestaltung auch der Rän-
plätze am Straßenrand in den Gründerzeitvierteln der taugen sie nicht zur multifunktionalen Nutzung.
wurden teure Umbauten auf Kosten der Fußwege Dabei braucht es heute in den Städten für die
vorgenommen, Fußgänger wurden zur Marginalie Bewegung der vielen zu Fuß und mit dem Rad mehr
erklärt. Radler gab es wenige, sie waren nicht so Raum als früher. Die schnelle Bewegung braucht
wichtig, darum sollten sie sich mit anderthalb Me-mehr Raum als die langsame. Das gilt für alle, die
ter schmalen Radwegen an Hauptverkehrs straßen unterwegs sind – Jogger und Spaziergänger, für
und dem Mitfahren in Tempo-30-Zonen begnügen. Rennradler, Kurierfahrer und Touristengruppen
Der Platz ist sehr knapp in der Stadt, auch und für Automobilisten. Für alle Bewegungen un-
fürs eigentlich doch bescheidene Radeln. Freien terschiedlicher Geschwindigkeiten und die Überhol-
Platz gibt es nicht mehr, überall haben wir Nut-vorgänge braucht es mehr Platz. Väter mit Kindern
zungskonkurrenzen. Natur- und Klimaschutz for-in Anhängern wollen ebenso vorankommen wie
dern ebenso mehr Raum wie Wohnungen, Arbeits-der Fahrradkurier und ich, die normale Radlerin
plätze und Freizeitangebote und, nicht zuletzt, der auf dem Weg ins Büro. Die Überholvorgänge sind
Verkehr. Aber die Menschen brauchen genug Platz, oft gewagt und irritieren andere Verkehrsteilneh-
damit sie friedlich miteinander in den Städten mer, wenn es zu eng ist, mich zum Beispiel.
leben können – Platz für mehr Wohnungen, aber Die oft nur anderthalb bis zwei Meter schma-
auch für mehr Grün. len Radwege reichen nicht für den heutigen Rad-
Bei den Verkehrsflächen gibt es große Unter-verkehr; es braucht eher straßenbreite Radwege
schiede im Platzbedarf: Fußgänger beanspruchen wie in den Niederlanden und Kopenhagen. Auch
nur zwei bis drei Quadratmeter und vielleicht einen viele Gehwege sind fürs Alltagsleben mit Kindern
Caféstuhl als Treffpunkt und zum Ausruhen. Rad-und Straßencafés zu schmal.
ler benutzen sieben bis acht Quadratmeter und
sind zum Abstellen mit einem Laternenpfahl oder RADVERKEHRSPLANUNG
einem Zaun zufrieden (die großen Fahrradabstell-Nachdem die Verkehrsplanung das Fahrrad vor 30
anlagen an Bahnhöfen könnten so schön sein und Jahren als „tüchtiges“ Verkehrsmittel wiederent-
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deckt hat, das erfolgreich zur Mobilität beitragen Mindestens so wichtig ist es aber auch, den
kann, sind in kleinen Schritten Verbesserungen Raum, den der ruhende Verkehr bisher noch im
erfolgt. Verkehrsregeln wurden geändert, Fahrrad-öffentlichen Raum einnimmt, unter den neuen An-
straßen eingerichtet, an Knoten, an Ampeln und mit forderungen kritisch auf seine Möglichkeiten und
einzelnen neuen schnellen Wegführungen manches Chancen zu prüfen. Je mehr auch Gewerbetreibende
erreicht: Und doch sind es mehr Stückwerk und aufs Rad steigen, desto dringender wird für sie ein
papierene Wunschlisten als Gesamtplanungen. Es angemessenes Platzangebot zum Laden und Ver-
ist noch viel zu wenig Platz für die vielen erwünsch-teilen. Dazu brauchen Leihräder und Leihautos
ten Radler. Dringend müssen wesentlich bessere Platz, ebenso wie die Ladesäulen für E-Mobilität
Bedingungen in den deutschen Städten geschaffen und ihre Kunden.
werden. Das geht immer seltener ohne spürbare Breitere und sichere Fuß- und Radwege haben
und mutige Eingriffe in die vorhandene Raumver-erste Priorität beim Kampf um und Neuverteilen
teilung, damit Fußgänger und Radler aus reichend des von den Automobilen zurückzugewinnenden
Platz haben, um ihren Anteil an der Mobilität zu Raums – und natürlich klimawirksames Grün, Ver-
leisten. Die bisherigen Budgets reichen aber nicht sickerungsflächen und Bäume. Unsere Städte wer-
für die notwendigen Umbauten. den, dank der vielen Radlerinnen und Radler, nicht
Mit den Pedelecs bekommen weite Rad-nur leiser und gesünder, sondern auch grüner und
schnell verbindungen für Pendler mehr Frequenz; schöner!
es werden wesentlich mehr Menschen als bis - Augen auf im Verkehr! Das bedeutet, den Blick
her täglich weite Wege fahren. In München sind von Radlern und Fußgängern einzunehmen und die
solche Verbindungen sternförmig und tangen - Verkehrswege zu unser aller Nutzen umzubauen. Es
tial geplant. ist noch viel zu tun!
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ANMERKUNG
1 Apel, Dieter: „Leistungsfähigkeit und Flächenbedarf der
städtischen Verkehrsmittel“ In: Handbuch der kommu-
nalen Verkehrsplanung. Berlin,1996: Abgestellte Autos in
der Garage: 25 m2. Im zähflüssigen Verkehr brauchen
Fußgänger: 2—3 m2, Radfahrer: 7—8 m2 und Pkw: 38 m2.
Pkw bei 30—40 km/h: 90 m2.
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