Fahr Rad!, Die Rückeroberung der Stadt
Groningen
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1 Groningen, 70er-Jahre
2 Der Vismarkt, ehemals als Parkplatz genutzt.
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IN GRONINGEN SPIELT
DAS AUTO EINE NEBENROLLE
Renate van der Zee und
Marco te Brömmelstroet
Die niederländische Stadt Groningen kann gut und tiker Max van den Berg – der gerade einmal 24
gerne als die Welthauptstadt des Fahrrads gelten. Jahre alt war, als er die Verantwortung für die städ-
Mehr als 60 Prozent aller Fahrten in der Universi-tische Verkehrs- und Stadtentwicklungspolitik über-
tätsstadt werden mit dem Fahrrad zurückgelegt; nahm – davon, das Auto aus dem Stadtzentrum zu
bei Fahrten von beziehungsweise zu den Bildungs-vertreiben und wieder Raum für Fußgänger und
einrichtungen steigt der Anteil sogar auf mehr als Radfahrer zu schaffen. Seinerzeit war das uner-
70 Prozent. hört, aber seine Partei, die sozialdemokratische
Diese Tatsache wird noch bemerkenswerter „Partij van de Arbeid“, hatte bei den Wahlen gerade
durch den Umstand, dass sich die Fahrradinfra-fast die absolute Mehrheit erreicht.
struktur in Groningen nicht sehr von derjenigen in Als van den Berg seine Pläne zur Einschrän-
anderen niederländischen Städten unterscheidet. kung des Autoverkehrs zugunsten von Fußgängern,
Manche behaupten, dass sie an vielen Stellen im Radfahrern und öffentlichen Verkehrsmitteln vor-
Stadtgebiet sogar eher schlecht ist. Warum also ist stellte, gab es Tumult im Stadtrat. Selbst innerhalb
das Fahrrad in Groningen ein derartig beliebtes seiner eigenen Partei gab es Personen, die seine
Fortbewegungsmittel? Haltung scharf ablehnten. Vier Lokalpolitiker tra-
Zunächst einmal besitzt Groningen eine er-ten mit der Begründung zurück, dass eine Zusam-
staunlich junge Bevölkerung. Fast 18 Prozent der menarbeit mit van den Berg unmöglich sei. Ihre
200.700 Einwohner sind Studierende – ein Faktor, Nachfolger waren sehr jung, politisch sehr links
der bekanntlich eine starke Fahrradnutzung nach eingestellt und teilten van den Bergs Vision. Man
sich zieht. Zweitens sorgt der kompakte und viel-war überzeugt, dass ein entschlossener Top-down-
fältige Charakter der Stadt dafür, dass die Distan-Ansatz, der unternehmensorientierte Interessen-
zen zwischen den Orten der täglichen Aktivitäten gruppen ausschloss, erforderlich war, um das kur-
kurz sind. Der entscheidende Punkt ist jedoch, dass ze Zeitfenster optimal zu nutzen.
Groningen radikale und konsequente Entscheidun- Van den Bergs „Verkehrswegeplan“ unterteilt
gen getroffen hat, um die vorherrschende Rolle des das Zentrum in vier Sektoren. Autofahrern wurde
Autos in der Innenstadt zurückzudrängen. es unmöglich gemacht, direkt von einem Sektor in
Wie in den meisten europäischen Städten war einen anderen zu fahren – sie müssen dafür auf die
das Radfahren auch hier im frühen 20. Jahrhun-Ringstraße um die Innenstadt ausweichen –, wäh-
dert die dominierende Verkehrsform. 1 Aber in den rend Radfahrer und Fußgänger sich frei bewegen
50er- und 60er-Jahren wuchs der Autoverkehr ra-können. Dadurch wurde das Autofahren im Stadt-
pide und sorgte in den niederländischen Städten zentrum unattraktiv und zeit aufwendig.
für eine erhebliche Verkehrsbelastung. Dem US- Statt die Stadt dem Auto anzupassen, passte
amerikanischen Vorbild folgend, begannen Stadt-van den Berg das Auto der Stadt an. Es gab starke
planer, alte Viertel niederzureißen und Autobahnen Widerstände von Unternehmern und Ladeninha-
mitten durch das gewachsene städtische Gefüge bern, die um den Fortbestand ihrer Geschäfte fürch-
zu führen. Zusammen mit großen Vorstadt-Wohn-teten. Van den Berg hingegen war überzeugt, dass
siedlungen, Parkhäusern und massiven modernis-sein Plan für ein angenehmes städtisches Umfeld
tischen Bauten bildeten sie einen entscheidenden sorgen würde, das schließlich sogar mehr Men-
Bestandteil des Ideals der funktionsgetrennten schen ins Zentrum locken würde. Und er sollte
Stadt. In Groningen jedoch träumte der Lokalpoli-Recht behalten.
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Im Jahr 1977 wurde der Verkehrswegeplan über liche Verhaltensregeln hier ein stärkeres Gewicht
Nacht eingeführt. Schilder wurden aufgestellt, um als die Vorfahrtsregeln haben. Wiederum ist der
Straßen als Einbahnstraßen auszuweisen oder Wert hauptsächlicher symbolischer Natur. Denn
deren Richtung zu ändern. Anschließend wurden auch hier zeigt sich, dass die Radfahrer den Vor-
neue Radwege gebaut und Bäume gepflanzt. Der rang erhalten. Sieht man hinter der Windschutz-
Vismarkt, ein zentraler Platz, der zu einem großen scheibe der Choreografie der Radfahrer zu, die
Parkplatz geworden war, gewann seine historische sich an der Kreuzung auf geradezu magische Wei-
Funktion als Markt zurück. In den folgenden Jahr-se umkurven, kann man sich als Autofahrer nur
zehnten war der Stadtrat bestrebt, wichtige Insti- zweitklassig fühlen.
tutionen, zum Beispiel das Krankenhaus, in rad- Groningen legt nun Radwege zwischen der
fahrerfreundlicher Lage in der Stadt zu behalten. Stadt und Nachbardörfern an, während der direkte
Die von vielen Seiten befürchtete wirtschaft-Zugang mit dem Auto oft beschränkt wird. Der
liche Katastrophe blieb aus. Die meisten Läden nächste – radikale – Schritt besteht darin, die Busse
überlebten, manche blühten sogar auf. Es brauchte aus dem Stadtzentrum zu entfernen und sie auf
einige Zeit, bis sich die Autofahrer an die neue die Ringstraße zu verweisen. Das wird noch mehr
Lage angepasst hatten, und Ortsfremde werden Raum für Fußgänger und Radfahrer und mehr
auch heute noch ihre Schwierigkeiten haben. Da-öffentliche Flächen mit Bäumen und Sitzbänken
für besitzt Groningen derzeit die sauberste Luft schaffen. Es bedeutet aber auch, dass die Bushal-
aller niederländischen Großstädte, und viele Stra-testellen aus dem Zentrum weiter nach außen ver-
ßen im Zentrum sind erstaunlich ruhig. legt werden. Interessanterweise ist diese Maßnah-
Groningen erlebte einen dramatischen Men-me kaum umstritten. Selbst die Laden besitzer
talitätswandel. Van den Bergs Verkehrswegeplan scheinen es für eine gute Idee zu halten.
hatte große symbolische Bedeutung: Statt die do- Groningens Fahrradstrategie ist keine Blau-
minierende Rolle im Verkehr zu spielen, muss sich pause, die andere Städte einfach eins zu eins ko-
das Auto in Groningen mit einer Nebenrolle begnü-pieren können. Es handelt sich um ein niemals
gen. Im Stadtzentrum ist es nur ein Gast. Folglich abgeschlossenes Projekt. Und es geht dabei min-
stiegen die Menschen aufs Fahrrad um. destens ebenso sehr um symbolische wie um bau-
Eine zweite wichtige Maßnahme, die 1989 liche Eingriffe. In der Vergangenheit wurden konse-
eingeführt wurde, unterstrich den Vorrang des quente Entscheidungen getroffen, aber es ist ein
Fahrrads: das „Grün für alle Radfahrer“. An 28 andauernder Prozess diese weiterhin zu treffen.
Hauptverkehrskreuzungen in der Stadt erhalten
Radfahrer gleichzeitig in alle Richtungen grünes
Licht. Das trennt den Radfahr- vom Autoverkehr
und erhöht die Sicherheit beträchtlich. Dieses Sys- ANMERKUNGEN
tem ist schnell und effizient, weil viele Radfahrer 1 Oldenziel, Ruth u.a. (Hg.): Cycling Cities: The European
gleichzeitig und schnell die Kreuzung überqueren Experience. Eindhoven, 2016. 2 Bratzel, Stefan: ‘Conditions of success in sustainable können. „Grün für alle“ erfordert natürlich einige urban transport’. In: Transport Reviews, 19 (2) (1999), Umsicht aufseiten der Radfahrer, da gesellschaft-S. 177—190.
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3 Leitfaden Innenstadt für Groningen 2017,
Entwurf Straßenprofil
4 van den Berg-Plan (Entwurf 1977)
5 Leitfaden Innenstadt für Groningen 2017,
Visualisierung
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STADSBALKON
1 Situation vor dem Bahnhofsgebäude
aus dem 19. Jahrhundert
2 Konzept
3 Längsschnitt
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Stadsbalkon Groningen
Cross Section 1/2/3
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Das Gebiet um den Bahnhof von Groningen wurde in eine STANDORT Onderdoor, Groningen, Niederlande
dy namische städtische Zone verwandelt, in deren Mittelpunkt FERTIGSTELLUNG 2007 der Bahnhof aus dem 19. Jahrhundert steht. Zunächst wurde
das Bahnhofsgebäude vollständig restauriert und dann mit ENTWURF Architekten: KCAP Architects
einem Vorplatz versehen, der auf die Ebene der Wartehalle & Planners, Rotterdam; Bau ingenieure: Arup, Amsterdam und der Bahnsteige angehoben wurde. Dieser „Stadtbalkon“
bietet Reisenden und Passanten einen Ort für einen Bummel BAUHERR Stadt Groningen
mit Blick über die Stadt. Darunter befindet sich eine Parkein-PROGRAMM Entwurf des Bahnhofsvorplatzes richtung für rund 4.000 Fahrräder, die an dem unterirdischen (6.200 m2) und einer unterirdischen Radweg liegt. Die Modularisierung und Durchbrüche im Fuß- Parkeinrichtung für rund 4.000
gängerdeck sorgen für diverse Verbindungen zwischen dem Fahrräder an einer unterirdischen Durchfahrt für Radfahrer, im Raum oben und unten. Rahmen eines von KCAP ausgear- Wie viele alte Bahnhöfe hat auch der Groningens im Lauf beiteten Master planes.
der Jahre viele seiner ursprünglichen Funktionen eingebüßt.
Es gab keinen Bedarf mehr für eine Pförtnerloge oder für Per-
sonal an der Gepäckaufbewahrung, und sogar die Fahr kar ten-
schalter sind inzwischen fast überflüssig. Gleichwohl hat das
Bahnhofsgebäude mit seiner prächtigen Architektur immer
noch einen hohen symbolischen Wert. Um 1999 wurde es um-
fassend renoviert, dabei wurden die ursprünglichen Fresken,
Wandmalereien und anderen dekorativen Elemente in alter
Pracht wiederhergestellt.
Der Bahnhof war ein zentrales Element bei den Umstruk-
turierungsplänen. Am Rand des historischen Zentrums gelegen,
bildet er ein markantes Tor zur Stadt, während das Groninger
Museum auf der anderen Seite des Singel-Kanals ein Gegen-
stück des 20. Jahrhunderts bildet. Die Gestaltung des Vor-
platzes, bei dem sich das erhöhte Niveau der Bahnsteige und
der Bahnhofshalle fortsetzt, versieht das Bahnhofsgebäude mit
einer neuen, monumentalen Umgebung. Um den kulturellen
Bezug zwischen Bahnhof und Museum hervorzuheben, blieben
die Sichtachsen zwischen den beiden Gebäuden von neuer Be-
bauung frei.
Der neue Vorplatz schafft auch eine Lösung für den star-
ken Radverkehr an dieser Stelle. Unter dem Platz verläuft ein
Radweg, der an der großzügigen Parkeinrichtung für rund
4.000 Fahrräder vorüberführt. Die beiden kurzen Seiten der
Fußgängerterrasse schwingen sich wie Flügel aufwärts, um
Zugang zu dieser Durchfahrt zu gewähren. Diese Modularisie-
rung der Oberfläche verstärkt die Beziehung zwischen Bahnhof
und Museum.
Licht und Luft können über das Fußgängerdeck eindrin-
gen, das an verschiedenen Stellen durchbrochen ist. Diese Öff-
nungen verbinden die Räume oberhalb und unterhalb der Fuß-
gänger terrasse und bestimmen auch die Platzierung der Bänke
und Pavillons auf und in dem „Stadtbalkon“. An den beiden
Enden stoßen große Laubbäume durch den angehobenen
Boden des Fußgängerbereichs. Der Platz ist eine verkehrsfreie
Zone mit Raum für kulturelle Aktivitäten. Der „Balkon“ ver-
wandelt den Bahnhof in ein angemessenes Tor, mit dem die
Stadt sich als eine Stadt der Kultur präsentieren kann.
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Wem gehört der
öffentliche Raum?
Barbara Lenz
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„Die Rückeroberung der Stadt“ – das klingt nach Mobilitätswünsche zu realisieren, deutliche Unter-
einem Feldzug, und tatsächlich erfolgen Zunahme schiede aufweisen. Zwar ist der Zeitaufwand für
und Ausbreitung des Radverkehrs in vielen Städten Alltagsmobilität über die verschiedenen Altersgrup-
nicht reibungslos. Die Auseinandersetzung findet pen zwischen 14 und 74 Jahren hinweg sehr ähn-
vor allem auf den Straßen der Städte statt, da Rad-lich und beträgt im Durchschnitt zwischen 80 und
fahrer, Fußgänger, Autofahrer und öffentlicher Ver-86 Minuten pro Tag, deutliche Unterschiede erge-
kehr sich den begrenzten und kaum erweiterbaren ben sich jedoch in puncto zurückgelegte Kilometer:
Straßenraum teilen müssen; dabei stoßen Forde-Bei den ganz jungen, den 14- bis 17-Jährigen, sind
rungen durch neu entstehenden Raumbedarf und es 30 Kilometer pro Tag, bei den 65- bis 74-jährigen
das Beharren auf „angestammtes“ Gewohnheits-Senioren 28 Kilometer. Demgegenüber legt die hoch-
recht aufeinander. Die Kritik der Radfahrer richtet aktive Altersgruppe zwischen 30 und 49 Jahren
sich besonders dagegen, dass ihr Anteil an der städ-mehr als 50 Kilometer pro Tag zurück. 4 Dahinter
tischen Verkehrsfläche weit unter ihrem Anteil am verbergen sich Unterschiede in der Verkehrsmittel-
Verkehrsaufkommen liegt, während dem Auto über-nutzung. In einer ganz groben Einschätzung kann
proportional viel Fläche zur Verfügung steht. Dass man sagen: Je mehr Kilometer durchschnittlich
der „Feldzug“ der Radfahrer durchaus erfolgreich gefahren werden, desto mehr wird das Auto genutzt.
sein kann, zeigt das Beispiel Berlin, wo die Ent- Das Fahrrad erreicht seine größte Bedeutung
wicklung des Radverkehrs ein wichtiger Bestand-als Verkehrsmittel im Alltag bei Jugendlichen, die
teil des neuen Mobilitätsgesetzes ist, das im August 14 Prozent ihrer Wege mit dem Fahrrad zurücklegen.
2017 im Entwurf vorgelegt wurde. Aber auch Seniorinnen und Senioren nutzen das
37 Prozent der sogenannten Siedlungs- und Fahrrad vergleichsweise häufig; mit einem Fahr-
Verkehrsfläche gehören in Deutschland dem Ver-radwegeanteil von über 10 Prozent liegen sie leicht
kehr, fast 90 Prozent davon sind Straßen und Wege. über dem Bundesdurchschnitt.
Ein großer Teil dieser Flächen ist dem motorisierten In vielen Städten in Deutschland nimmt der
Verkehr gewidmet. So hat ein Projekt von Studie-Anteil des Radverkehrs seit einigen Jahren bestän-
renden in Berlin gezeigt, dass die Flächenanteile dig zu. Frankfurt am Main beispielsweise berichtet
des öffentlichen Straßenraums, die dem Auto zur eine Verdopplung des Fahrradanteils auf 14,4 Pro-
Verfügung stehen, 19-mal so groß sind wie die Flä-zent für den Zeitraum von 1998 bis 2013. 5 In Ham-
chenanteile für das Fahrrad. 1 Berechnungen zum burg ist im Zeitraum von 2002 bis 2008 der Rad-
Flächenbedarf von Fahrzeugen ermitteln 13,5 Qua-verkehrsanteil von 9 auf 12 Prozent gestiegen. 6 In
dratmeter pro durchschnittlichem Pkw und 1,2 München lag er 2013 bei über 17 Prozent und da-
Qua dratmeter pro Fahrrad im ruhenden Verkehr mit um 7 Prozentpunkte höher als im Jahr 2002. 7
sowie 65,2 Quadratmeter pro Pkw und 41 Qua-Allerdings verteilt sich der Radfahranteil nicht
dratmeter pro Fahrrad bei einer Geschwindigkeit gleichmäßig auf alle Stadtgebiete, und er entwi-
im fließenden Verkehr von 30 Stundenkilometern. ckelt sich in den verschiedenen Teilen einer Stadt
Beim Pkw steigt dieser Flächenbedarf auf circa 140 auch unterschiedlich.
Quadratmeter an, wenn eine Geschwindigkeit von Aus diesen Zahlen wird deutlich, dass die
50 Stundenkilometern unterstellt wird. 2 bauliche und funktionale Struktur von städtischen
Zum wachsenden Flächenbedarf des Autover-Teilräumen einen wichtigen Einfluss auf den Um-
kehrs trägt allerdings nicht nur die wachsende Zahl fang der Fahrradnutzung ausübt. Zu den wichti-
an Fahrzeugen bei, sondern auch das Größerwer-gen Faktoren auf infrastruktureller Seite gehört
den der Fahrzeuge selbst; das betrifft nahezu alle der Umfang von Radverkehrswegen im Straßen-
Fahrzeugklassen. Ein „Durchschnittsauto“ wie der raum sowie deren Engmaschigkeit, aber auch der
VW Golf ist zwischen der Modellreihe 2008 und Anteil an Straßen mit vergleichsweise langsamem
dem Nachfolgermodell 2017 um sechs Zentimeter Verkehr und die Verfügbarkeit von Fahrradabstell-
länger geworden. 3 Gleichzeitig nimmt der Anteil anlagen. 8 Angesichts des höchs ten Anteils an Rad-
der großen Fahrzeuge wie SUVs, Gelän de wagen wegen bei Strecken zwischen einem und fünf Kilo-
und Utilities am Fahrzeugbestand in Deutschland metern 9 und für die Wegezwecke „Einkauf“ und
laufend zu und erreichte im Jahr 2017 13 Prozent. „Freizeit“ ist davon auszugehen, dass sich die räum-
Diskussionen und Auseinandersetzungen um liche Nähe von entsprechenden Infrastrukturen
die Frage „Wem gehört der öffentliche Raum?“ fin-positiv auf die Fahrradnutzung auswirkt.
den überall in Deutschland statt. Dahinter steht ein Die Fahrradnutzung weist auch Zusammen-
anhaltend hoher Bedarf an Mobilität, der für alle hänge mit der soziodemografischen Struktur der
Bevölkerungsgruppen gilt, wenngleich die spezifi-Bevölkerung auf. Der Fahrradmonitor 2015 berich-
schen Bedürfnisse ebenso wie die Möglichkeiten, tet auf Grundlage einer repräsentativen Befragung,
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dass eine vergleichsweise häufige Fahrradnutzung vor allem diejenigen Effekte des Carsharing von
tendenziell eher ein Oberschichtphänomen ist. 10 Bedeutung, die sich auf den Modal Split (Vertei-
Gleichzeitig gibt es eine häufige Fahrradnutzung lung des Transportaufkommens auf verschiedene
vor allem in den großen Städten ab 250.000 Ein-Verkehrsmittel) von Personen und ihren Autobesitz
wohnern; Ausflüge, Einkäufe und Erledigungen, beziehen. Bemerkenswert ist dabei zum einen die
aber auch Treffen mit Freunden und Bekannten Tatsache, dass die Nutzer von Carsharing zu einem
sind wesentliche Gründe, weshalb Wege mit dem überdurchschnittlich hohen Anteil im Besitz einer
Fahrrad zurückgelegt werden. Dies unterstreicht ÖPNV-Zeitkarte und damit ÖPNV-Intensivnutzer
die positive Wirkung funktionsgemischter Stadt-sind. Zum anderen stützen wissenschaftliche Unter-
strukturen auf die Nutzung des Fahrrads. suchungen die Annahme, dass Carsharing die Nicht-
Während das Radfahren in den Städten an anschaffung oder sogar Abschaffung des privaten
Bedeutung zunimmt, findet zur gleichen Zeit ein Pkw unterstützt. Car sharing fungiert dann als eine
Wandel der Mobilitätsoption „Auto“ statt – das Auto Art „Mobilitätsversicherung“, die die Verfügbarkeit
muss nicht länger ein Fahrzeug sein, das die Nut-eines Pkw für diejenigen Fälle garantiert, in denen
zer auch selbst besitzen. Denn zusätzlich zum sta-er unbedingt gebraucht wird. Damit hat Carsharing
tionsgebundenen Carsharing, das es bereits seit eine unmittelbare Wirkung auf den Verbrauch an
den 80er-Jahren gibt, ist inzwischen das stations- öffentlichem Straßenraum für den ruhenden Ver-
ungebundene Carsharing verfügbar. „Stationsge-kehr; in einer Untersuchung aus dem Jahr 2016 gibt
bunden“ bedeutet, dass die Fahrzeuge an einem der Bundesverband CarSharing (bcs) an, dass ein
fixen Standort (oder „Heimathafen“) zur Verfügung Carsharing- Auto 19 private Fahrzeuge ersetzt. 11
gestellt werden; beim stationsungebundenen Car- Mobilitätsansprüche und Mobilitätsverhalten
sharing haben die Fahrzeuge keinen festen Stand-in den Städten verändern sich. Um diese Verände-
ort, sondern sind quasi überall im Straßenraum rung im Sinne einer nachhaltigen Stadtgestaltung
abgestellt; dies allerdings nur innerhalb eines fest-nutzen zu können, bedarf es einer integrierten län-
gelegten Geschäftsgebietes mit hoher Arbeitsplatz- gerfristigen strategischen Planung in den Städten.
und Bevölkerungsdichte in einigen wenigen großen Dies beinhaltet auch die Integration neuer Ange-
Großstädten in Deutschland. botsformen in städtische Verkehrsstrategien und
Das eigentlich neue Mobilitätskonzept beim -konzepte. Hierbei sind auch Forschung und Unter-
Carsharing ist das stationsungebundene oder „fle-nehmen, Verbände und unabhängige Initiativen
xible“ Carsharing, das erst mit der Digitalisierung gefordert. Entwicklungen, wie wir sie heute in der
möglich wurde. Denn Voraussetzung für dieses Automobilindustrie mit dem neuen Geschäftsfeld
System, das ohne feste Ankerpunkte im Raum aus-„Mobilitätsdienstleistungen“ sehen, werden noch
kommt, ist die laufende Ortung des Fahrzeugs und vielfältiger werden. Wichtig ist: Mobilität muss für
die Anzeige des Fahrzeugstandorts über digitale alle Bevölkerungsgruppen möglich sein. Gemein-
Medien, aber auch die Abrechnung per digitaler sames Ziel aller Beteiligten sollte es dabei sein, die
Erfassung der Nutzung und Hinterlegung von Nut-Lebensqualität in den Städten zu erhalten und wei-
zer- und Bezahldaten. Aus städtischer Sicht sind ter zu verbessern.
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ANMERKUNGEN
1 Fahrradportal der Bundesregierung gefördert durch das
Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur
aus Mitteln des Nationalen Radverkehrsplans 2020:
„Flächen-Gerechtigkeits-Report“ — Nur 3 Prozent der
Straßenfläche für Radfahrer reserviert, nationaler-
radverkehrsplan.de/de/aktuell/nachrichten/flaechen-
gerechtigkeits-report-nur-3-prozent-der, aufgerufen
am 30.10.2017.
2 Randeloff, Martin: Vergleich unterschiedlicher Flächen-
inanspruchnahmen nach Verkehrsarten (pro Person),
2015, www.zukunft-mobilitaet.net/wp-content/
uploads/2014/08/flaechenbedarf-verkehr-pkw-
radverkehr-fussgaenger- strassenbahn-bus-oepnv-
flaechen-flaechenaufteilung_ 3000px.jpg, aufgerufen
am 7.11.2017.
3 http://de.automobiledimension.com, aufgerufen am
15.11.2017
4 Institut für angewandte Sozialwissenschaft infas/Deut-
sches Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR: Mobilität in
Deutschland. Ergebnisbericht. Strukturen — Aufkommen
— Emissionen — Trends. Bonn, Berlin, 2010.
5 www.frankfurt-greencity.de/umwelt-frankfurt/
frankfurts- luft/fahr-rad/, aufgerufen am 25.1.2018.
6 www.hamburg.de/radverkehr/2995622/gruende-
fuer-das-radfahren/, aufgerufen am 25.1.2018.
7 von Sassen, Wiegand: ‘Radlhauptstadt München. Strategien
zur umfassenden Förderung des Radverkehrs’. Lecture
at the TU Munich, May 23, 2013. http://www.vt.bgu.tum.
de/fileadmin/w00bnf/www/VKA/2013/Radverkehr_
Muenchen_vSassen.pdf, aufgerufen am 25.1.2018.
8 Hardinghaus, Michael: ‘InfRad: Infrastruktur als Einfluss-
faktor auf den Radverkehr.’ Präsentation beim Nationalen
Radverkehrskongress 2017, 2016, www.nationaler-
radverkehrskongress. de/programm/vortraege/
A1_Hardinghaus_Praesentation.pdf, aufgerufen am
30.10.2017.
9 s. Anm. 4
10 Sinus Markt- und Sozialforschung: Fahrrad-Monitor
Deutschland 2015. Ergebnisse einer repräsentativen
Online-Befragung. 2015, S.20, www.bmvi.de/Shared-
Docs/DE/Anlage/VerkehrUndMobilitaet/Fahrrad/
fahrrad-monitor-deutschland-2015.pdf__blob=
publicationFile, aufgerufen am 30.10.2017.
11 Bundesverband CarSharing bcs (2017): Aktuelle Zahlen
und Daten zum Carsharing in Deutschland, carsharing.de/
alles-ueber-carsharing/carsharing-zahlen, aufgerufen
am 30.10.2017.
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