Fahr Rad!, Die Rückeroberung der Stadt

Annette Becker · Kapitel 4 von 16

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Fahr Rad!, Die Rückeroberung der Stadt

Grüne Infrastruktur. Eine Positionsbestimmung

Grüne Infra struk tur.

 

Eine Positions -

 

be stimmung

 

Till Rehwaldt

 

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Mit der immer intensiveren Nutzung städtischer sind uns viele Elemente der Grünen Infrastruktur

und landschaftlicher Räume werden immer höhere unter anderem Namen oder in anderen Zusammen-

Anforderungen an die Leistungsfähigkeit unserer hängen durchaus vertraut. Jedoch stellen sich heute

Umwelt gestellt. Urbanes Wachstum und gleich-vor allem in Bezug auf die nötigen Anpassungen

zeitige Entleerung ländlicher Regionen, Klimaver-an klimatische und soziale Veränderungen viele

änderungen und Energiewende erzeugen Anpas-Fragen in einer neuen Schärfe. So haben sich in

sungsdruck und Konflikte. Weite Flächen werden den letzten Jahren die ursprünglichen Ansätze

durch Energiepflanzenanbau oder Solarfelder in Grüner Infrastruktur mit hoher Dynamik zu einem

Anspruch genommen, immer mehr Verkehrs- und komplexen Denkmodell weiterentwickelt, wobei

Stromtrassen zerschneiden den Landschaftsraum. dieser Prozess noch nicht abgeschlossen ist. Und

Unter großen Anstrengungen werden derzeit vor-letztlich haben wir die zunehmende Beliebtheit

han dene Infrastrukturen den ver änderten Bedin-des neuen Begriffs sicher auch der Sehnsucht nach

gungen angepasst, ganze Systeme werden um-einer gewissen Ordnung zu verdanken, mit deren

gebaut. Parallel dazu zeigt sich vor allem in der Hilfe wir in einer immer unübersichtlicher werden-

Dis kus sion um klimarelevante Leistungen von Öko- den Welt die vielfältigen Anforderungen an künf-

systemen die Tendenz, die Elemente des urbanen tige Grünräume sortieren können.

und landschaftlichen Freiraumes ebenso komplex Die Entwicklung städtischer Freiraumsysteme

zu betrachten und ihnen als „Grüne Infrastruktur“ hat eine längere Tradition, die bereits einige Gene-

einen eigenständigen Wert zuzuweisen. rationen zurückreicht. In Europa wurde es erstmals

Ursprünglich in den 1980er-Jahren in den mit dem Niederlegen der Befestigungsanlagen mög-

USA entstanden, fand dieser Begriff eine zuneh-lich, über Stadtgrün als ein System nach zudenken.

mend breitere Verwendung; spätestens seit der Es entstanden zunächst Anlagen, die sich über die

Veröffentlichung der EU-Strategie einer Grünen Gemeinsamkeit des (ringförmigen) Raumes defi-

Infrastruktur 1 hat die Diskussion auch hierzulande nierten, besetzt mit einem „Grün“ als in schmuck-

an Fahrt aufgenommen. So wird im jüngst von der volle Form gebrachter Naturersatz für den fla-

Bundesregierung vorgelegten „Weißbuch Stadt-nierenden Stadtbürger. Mit der zunehmenden

grün“ auf dieses Thema mehrfach verwiesen, 2 und Bedeutung sozialer und ökologischer Aspekte wur-

auch eine Studie des Bundesamtes für Naturschutz 3 den die Systeme jedoch komplexer und vielfältiger,

befasst sich damit. räumlich und funktionell ausdifferenziert.

Obwohl die Grüne Infrastruktur derzeit kei- Auch heute besteht im Zuge von städtebauli-

nes falls einheitlich definiert wird, können doch chen Projekten wieder die Chance, Freiraum strate-

zwei Aspekte besonders herausgestellt werden. gisch zu denken. Vielerorts wird es möglich, bisher

Zunächst besitzt der Begriff eine „landschaftliche gewerblich genutzte oder von Verkehrsinfrastruk-

Dimension“, indem er die Vernetzung von ökolo-tur besetzte Flächen als Grünräume in das städti-

gisch wirksamen Räumen in Gebieten mit agrari-sche System einzuweben, dabei nicht nur Bin nen-

scher Nutzung bezeichnet. Ähnlich einem Biotop-räume zu schaffen, sondern auch Verknüpfungen

verbundsystem steht dabei vor allem der Verknüp-in die urbane Peripherie oder den Landschaftsraum.

fungsgedanke, die Realisierung eines regional Dies geschieht jedoch in einem mittlerweile völlig

relevanten Grünsystems im Fokus. veränderten gesellschaftlichen Kontext. Nicht mehr

Die „urbane Dimension“ des Begriffs erwei-bürgerliche Promenadenwege sind gefragt, son-

tert seine ursprüngliche Definition um eine lokale dern ein Ensemble aus Räumen, das unsere gewan-

Handlungsebene. Als Grüne Infrastruktur werden delten Ansprüche an Mobilität, Erholung, urbanes

in diesem Zusammenhang Strategien der Klima-Gärtnern und andere Funktionen optimal befrie-

anpassung, insbesondere der Regenentwässerung, digt, dabei noch das Klima schützt und die Biodi-

im städtischen Raum bezeichnet. 4 Ziel ist es dabei, versität stärkt.

die „Graue Infrastruktur“ der Stadt, das heißt die Bei diesem enormen Erwartungsdruck ist es

(unterirdischen) Anlagen der Regenentwässerung nur zu verständlich, dass die Diskussion über Stadt-

in offene Systeme zu transformieren, dabei die grün in den letzten Jahren vielfach von Konflikten

nötigen Kapazitätserweiterungen für Starkregen-gezeichnet ist, die sich vor allem zwischen sozialen

fälle zu generieren, gleichzeitig aber auch eine und ökologischen Zielstellungen entwickeln. Somit

stärkere ökologische und soziale Wirksamkeit des ist die aktuell notwendige Anpassung an Klimaver-

öffentlichen Raumes zu erzeugen. änderungen eigentlich nur der Anlass, um über

Nun könnte man skeptisch vermuten, dass eine seit Langem überfällige Neudefinition von Frei-

schon wieder ein modischer Begriff altbekannte raumsystemen nachzudenken und sich dabei vor

Wahrheiten neu verpacken würde. Und tatsächlich allem an ganzheitlichen, multifunktionalen und

 

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raumsparenden Ansätzen zu orientieren. In dieser wobei Klimaschutz und Klimaanpassung eine be-

Hinsicht erscheint das Modell der Grünen Infra-son dere Rolle spielen. Vor allem den Verknüpfun-

struk tur geradezu als ideal geeignet. Auch könnte gen innerhalb dieses Netzes kommt dabei eine wich-

es damit endlich gelingen, die Systemleistungen tige Bedeutung zu. In sich verdichtenden urbanen

von Freiräumen umfassend zu beschreiben. Wäh-Räumen sind Verbindungsstränge gefragt, die ein

rend die Leistungsfähigkeit von tech nischen Infra-Nebeneinander einer Vielzahl von Funktio nen auf

strukturen wie zum Beispiel von Verkehrs- oder engstem Raum möglich machen. Dabei kann vor

Versorgungsnetzen sowohl qualitativ als auch quan-allem die Stärkung der Stadt-Umland- Routen, also

titativ relativ gut zu ermitteln ist, fehlen im ungleich der radialen Grünachsen, den Freiraum von Innen-

komplexeren Feld der ökologisch und klimatisch städten entlasten. Wenn es möglich ist, auf ange-

wirksamen Systeme häufig noch praktikable Metho-nehmen Wegen attraktive Parks und Landschaften

den und Instrumente. Die Definition von Grünräu-zu erreichen, kann der Druck auf übernutzte Flä-

men als Infrastruktur kann dazu dienen, dafür erst-chen vermindert werden.

mals einen integrierenden Rahmen zu schaffen, die Dabei ist vor allem Kombinationstalent ge-

ermittelten Daten zu bewerten und daraus notwen-fragt. So kann beispielsweise mit der Offenlegung

dige Entwicklungen ab zuleiten. eines verrohrten Bachlaufes ein durchgehendes

Mit der aktuellen Diskussion erfährt der Be-Gewässerbiotop mit Hochwasserschutzfunktion

griff „grün“ erneut eine Bedeutungserweiterung. entstehen, welches von einer Ufervegetation mit

Im städtischen Kontext bereits sehr umfassend als hoher Biodiversität gesäumt wird. Wenn den Bach

„Freiraum“ interpretiert, kommt nunmehr eine im dann noch ein Fuß- und Radweg begleitet, können

englischen Sprachraum schon länger verstandene wir tatsächlich von Grüner Infrastruktur sprechen.

Bedeutung im Sinne von „verträglich“, „ressourcen- Eingebettet in derartige Systeme erlangt auch

schonend“ oder „emissionsfrei“ hinzu. So steht das der Radverkehr eine neue Bedeutung. Mit der durch

Wort „grün“ für eine langfristige Strategie, für eine Elektroantriebe vergrößerten Reichweite sind zu-

Weltanschauung – eine Perspektive, die uns Deut-nehmend auch entferntere Freiräume nutzbar – ein

schen im gesellschaftlichen Kontext irgendwie weiteres Argument für den Ausbau der Stadt-Um-

bekannt vorkommt. Leider ist aber gerade deshalb land-Verbindungen. Dabei darf die Umsetzung die-

die Diskussion um die Grüne Infrastruktur nicht ser Strategie nicht allein den Kommunen überlassen

immer leicht, teilweise wird – absichtlich oder nicht bleiben; Bund und Länder müssen wie auch bei

– dem Begriff ein parteipolitischer Hintergrund den Fernstraßen den Bau und die Unterhaltung von

unterstellt. Doch dies ist hoffentlich ein temporäres Radfernwegen übernehmen, aber dies nicht nur

Problem. Mehr und mehr stellt sich dagegen her-entlang von Bundesstraßen, sondern auch auf alter-

aus, dass das Wort „Infrastruktur“ eine hohe Ver-nativen Routen und vor allem auch innerhalb der

ständlichkeit und Kompatibilität im politischen Städte. Und zu einem Radweg gehört auch eine

Diskurs besitzt. Ganz anders als einzelne Grün-begleitende Infrastruktur aus Rastplätzen, Toiletten

räume oder Biotopverbindungen verspricht die und Stromtankstellen. All diese Bausteine müssen

„Grüne Infrastruktur“, dass sie als ein geordnetes in ein übergeordnetes Konzept integriert werden,

System – wie auch die technische oder soziale Infra-wofür in besonderer Weise die Grüne Infrastruktur

struktur – messbare Leistungen erbringt, dass sie geeignet ist. Für die Entwicklung und Realisierung

aber selbstverständlich auch stetig gepflegt und dieser neuen Systeme ist ein grundsätzliches Um-

erneuert werden will. denken auf allen Planungsebenen erforderlich.

Wir können also festhalten, dass sich Grüne Genauso zielstrebig und beharrlich, wie wir über

Infrastruktur heute als ein multifunktionales Ge-viele Jahrzehnte das Straßennetz und andere tech-

füge von landschaftlichen und urbanen Freiräumen nische Infrastrukturen entwickelt haben, müssen

definieren lässt, welche vielfältige ökologische, wir nunmehr den Ausbau der Grünen Infrastruktur

soziale und wirtschaftliche Leistungen erbringen, vorantreiben.

 

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ANMERKUNGEN

1 European Commission: Building a Green Infrastructure

for Europe, Luxembourg 2013, ec.europa.eu/environment/

nature/ecosystems/docs/green_infrastructure_broc.pdf,

aufgerufen am 25.10.2017.

2 Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und

Reaktorsicherheit (Hg.): Weißbuch Stadtgrün. Grün in der

Stadt — Für eine lebenswerte Zukunft. Berlin, 2017.

3 Bundesamt für Naturschutz (Hg.): Urbane Grüne Infra-

struktur. Grundlage für attraktive und zukunftsfähige

Städte. Berlin, 2017.

4 United States Environmental Protection Agency: Green

Infrastructure Opportunities that Arise During Municipal

Operations. Washington, D.C., 2015, www.epa.gov/

sites/production/files/2015—09/documents/green_

infrastructure_roadshow.pdf, aufgerufen am 25.10.2017.

 

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