Fahr Rad!, Die Rückeroberung der Stadt
Grüne Infrastruktur. Eine Positionsbestimmung
Grüne Infra struk tur.
Eine Positions -
be stimmung
Till Rehwaldt
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Mit der immer intensiveren Nutzung städtischer sind uns viele Elemente der Grünen Infrastruktur
und landschaftlicher Räume werden immer höhere unter anderem Namen oder in anderen Zusammen-
Anforderungen an die Leistungsfähigkeit unserer hängen durchaus vertraut. Jedoch stellen sich heute
Umwelt gestellt. Urbanes Wachstum und gleich-vor allem in Bezug auf die nötigen Anpassungen
zeitige Entleerung ländlicher Regionen, Klimaver-an klimatische und soziale Veränderungen viele
änderungen und Energiewende erzeugen Anpas-Fragen in einer neuen Schärfe. So haben sich in
sungsdruck und Konflikte. Weite Flächen werden den letzten Jahren die ursprünglichen Ansätze
durch Energiepflanzenanbau oder Solarfelder in Grüner Infrastruktur mit hoher Dynamik zu einem
Anspruch genommen, immer mehr Verkehrs- und komplexen Denkmodell weiterentwickelt, wobei
Stromtrassen zerschneiden den Landschaftsraum. dieser Prozess noch nicht abgeschlossen ist. Und
Unter großen Anstrengungen werden derzeit vor-letztlich haben wir die zunehmende Beliebtheit
han dene Infrastrukturen den ver änderten Bedin-des neuen Begriffs sicher auch der Sehnsucht nach
gungen angepasst, ganze Systeme werden um-einer gewissen Ordnung zu verdanken, mit deren
gebaut. Parallel dazu zeigt sich vor allem in der Hilfe wir in einer immer unübersichtlicher werden-
Dis kus sion um klimarelevante Leistungen von Öko- den Welt die vielfältigen Anforderungen an künf-
systemen die Tendenz, die Elemente des urbanen tige Grünräume sortieren können.
und landschaftlichen Freiraumes ebenso komplex Die Entwicklung städtischer Freiraumsysteme
zu betrachten und ihnen als „Grüne Infrastruktur“ hat eine längere Tradition, die bereits einige Gene-
einen eigenständigen Wert zuzuweisen. rationen zurückreicht. In Europa wurde es erstmals
Ursprünglich in den 1980er-Jahren in den mit dem Niederlegen der Befestigungsanlagen mög-
USA entstanden, fand dieser Begriff eine zuneh-lich, über Stadtgrün als ein System nach zudenken.
mend breitere Verwendung; spätestens seit der Es entstanden zunächst Anlagen, die sich über die
Veröffentlichung der EU-Strategie einer Grünen Gemeinsamkeit des (ringförmigen) Raumes defi-
Infrastruktur 1 hat die Diskussion auch hierzulande nierten, besetzt mit einem „Grün“ als in schmuck-
an Fahrt aufgenommen. So wird im jüngst von der volle Form gebrachter Naturersatz für den fla-
Bundesregierung vorgelegten „Weißbuch Stadt-nierenden Stadtbürger. Mit der zunehmenden
grün“ auf dieses Thema mehrfach verwiesen, 2 und Bedeutung sozialer und ökologischer Aspekte wur-
auch eine Studie des Bundesamtes für Naturschutz 3 den die Systeme jedoch komplexer und vielfältiger,
befasst sich damit. räumlich und funktionell ausdifferenziert.
Obwohl die Grüne Infrastruktur derzeit kei- Auch heute besteht im Zuge von städtebauli-
nes falls einheitlich definiert wird, können doch chen Projekten wieder die Chance, Freiraum strate-
zwei Aspekte besonders herausgestellt werden. gisch zu denken. Vielerorts wird es möglich, bisher
Zunächst besitzt der Begriff eine „landschaftliche gewerblich genutzte oder von Verkehrsinfrastruk-
Dimension“, indem er die Vernetzung von ökolo-tur besetzte Flächen als Grünräume in das städti-
gisch wirksamen Räumen in Gebieten mit agrari-sche System einzuweben, dabei nicht nur Bin nen-
scher Nutzung bezeichnet. Ähnlich einem Biotop-räume zu schaffen, sondern auch Verknüpfungen
verbundsystem steht dabei vor allem der Verknüp-in die urbane Peripherie oder den Landschaftsraum.
fungsgedanke, die Realisierung eines regional Dies geschieht jedoch in einem mittlerweile völlig
relevanten Grünsystems im Fokus. veränderten gesellschaftlichen Kontext. Nicht mehr
Die „urbane Dimension“ des Begriffs erwei-bürgerliche Promenadenwege sind gefragt, son-
tert seine ursprüngliche Definition um eine lokale dern ein Ensemble aus Räumen, das unsere gewan-
Handlungsebene. Als Grüne Infrastruktur werden delten Ansprüche an Mobilität, Erholung, urbanes
in diesem Zusammenhang Strategien der Klima-Gärtnern und andere Funktionen optimal befrie-
anpassung, insbesondere der Regenentwässerung, digt, dabei noch das Klima schützt und die Biodi-
im städtischen Raum bezeichnet. 4 Ziel ist es dabei, versität stärkt.
die „Graue Infrastruktur“ der Stadt, das heißt die Bei diesem enormen Erwartungsdruck ist es
(unterirdischen) Anlagen der Regenentwässerung nur zu verständlich, dass die Diskussion über Stadt-
in offene Systeme zu transformieren, dabei die grün in den letzten Jahren vielfach von Konflikten
nötigen Kapazitätserweiterungen für Starkregen-gezeichnet ist, die sich vor allem zwischen sozialen
fälle zu generieren, gleichzeitig aber auch eine und ökologischen Zielstellungen entwickeln. Somit
stärkere ökologische und soziale Wirksamkeit des ist die aktuell notwendige Anpassung an Klimaver-
öffentlichen Raumes zu erzeugen. änderungen eigentlich nur der Anlass, um über
Nun könnte man skeptisch vermuten, dass eine seit Langem überfällige Neudefinition von Frei-
schon wieder ein modischer Begriff altbekannte raumsystemen nachzudenken und sich dabei vor
Wahrheiten neu verpacken würde. Und tatsächlich allem an ganzheitlichen, multifunktionalen und
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raumsparenden Ansätzen zu orientieren. In dieser wobei Klimaschutz und Klimaanpassung eine be-
Hinsicht erscheint das Modell der Grünen Infra-son dere Rolle spielen. Vor allem den Verknüpfun-
struk tur geradezu als ideal geeignet. Auch könnte gen innerhalb dieses Netzes kommt dabei eine wich-
es damit endlich gelingen, die Systemleistungen tige Bedeutung zu. In sich verdichtenden urbanen
von Freiräumen umfassend zu beschreiben. Wäh-Räumen sind Verbindungsstränge gefragt, die ein
rend die Leistungsfähigkeit von tech nischen Infra-Nebeneinander einer Vielzahl von Funktio nen auf
strukturen wie zum Beispiel von Verkehrs- oder engstem Raum möglich machen. Dabei kann vor
Versorgungsnetzen sowohl qualitativ als auch quan-allem die Stärkung der Stadt-Umland- Routen, also
titativ relativ gut zu ermitteln ist, fehlen im ungleich der radialen Grünachsen, den Freiraum von Innen-
komplexeren Feld der ökologisch und klimatisch städten entlasten. Wenn es möglich ist, auf ange-
wirksamen Systeme häufig noch praktikable Metho-nehmen Wegen attraktive Parks und Landschaften
den und Instrumente. Die Definition von Grünräu-zu erreichen, kann der Druck auf übernutzte Flä-
men als Infrastruktur kann dazu dienen, dafür erst-chen vermindert werden.
mals einen integrierenden Rahmen zu schaffen, die Dabei ist vor allem Kombinationstalent ge-
ermittelten Daten zu bewerten und daraus notwen-fragt. So kann beispielsweise mit der Offenlegung
dige Entwicklungen ab zuleiten. eines verrohrten Bachlaufes ein durchgehendes
Mit der aktuellen Diskussion erfährt der Be-Gewässerbiotop mit Hochwasserschutzfunktion
griff „grün“ erneut eine Bedeutungserweiterung. entstehen, welches von einer Ufervegetation mit
Im städtischen Kontext bereits sehr umfassend als hoher Biodiversität gesäumt wird. Wenn den Bach
„Freiraum“ interpretiert, kommt nunmehr eine im dann noch ein Fuß- und Radweg begleitet, können
englischen Sprachraum schon länger verstandene wir tatsächlich von Grüner Infrastruktur sprechen.
Bedeutung im Sinne von „verträglich“, „ressourcen- Eingebettet in derartige Systeme erlangt auch
schonend“ oder „emissionsfrei“ hinzu. So steht das der Radverkehr eine neue Bedeutung. Mit der durch
Wort „grün“ für eine langfristige Strategie, für eine Elektroantriebe vergrößerten Reichweite sind zu-
Weltanschauung – eine Perspektive, die uns Deut-nehmend auch entferntere Freiräume nutzbar – ein
schen im gesellschaftlichen Kontext irgendwie weiteres Argument für den Ausbau der Stadt-Um-
bekannt vorkommt. Leider ist aber gerade deshalb land-Verbindungen. Dabei darf die Umsetzung die-
die Diskussion um die Grüne Infrastruktur nicht ser Strategie nicht allein den Kommunen überlassen
immer leicht, teilweise wird – absichtlich oder nicht bleiben; Bund und Länder müssen wie auch bei
– dem Begriff ein parteipolitischer Hintergrund den Fernstraßen den Bau und die Unterhaltung von
unterstellt. Doch dies ist hoffentlich ein temporäres Radfernwegen übernehmen, aber dies nicht nur
Problem. Mehr und mehr stellt sich dagegen her-entlang von Bundesstraßen, sondern auch auf alter-
aus, dass das Wort „Infrastruktur“ eine hohe Ver-nativen Routen und vor allem auch innerhalb der
ständlichkeit und Kompatibilität im politischen Städte. Und zu einem Radweg gehört auch eine
Diskurs besitzt. Ganz anders als einzelne Grün-begleitende Infrastruktur aus Rastplätzen, Toiletten
räume oder Biotopverbindungen verspricht die und Stromtankstellen. All diese Bausteine müssen
„Grüne Infrastruktur“, dass sie als ein geordnetes in ein übergeordnetes Konzept integriert werden,
System – wie auch die technische oder soziale Infra-wofür in besonderer Weise die Grüne Infrastruktur
struktur – messbare Leistungen erbringt, dass sie geeignet ist. Für die Entwicklung und Realisierung
aber selbstverständlich auch stetig gepflegt und dieser neuen Systeme ist ein grundsätzliches Um-
erneuert werden will. denken auf allen Planungsebenen erforderlich.
Wir können also festhalten, dass sich Grüne Genauso zielstrebig und beharrlich, wie wir über
Infrastruktur heute als ein multifunktionales Ge-viele Jahrzehnte das Straßennetz und andere tech-
füge von landschaftlichen und urbanen Freiräumen nische Infrastrukturen entwickelt haben, müssen
definieren lässt, welche vielfältige ökologische, wir nunmehr den Ausbau der Grünen Infrastruktur
soziale und wirtschaftliche Leistungen erbringen, vorantreiben.
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ANMERKUNGEN
1 European Commission: Building a Green Infrastructure
for Europe, Luxembourg 2013, ec.europa.eu/environment/
nature/ecosystems/docs/green_infrastructure_broc.pdf,
aufgerufen am 25.10.2017.
2 Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und
Reaktorsicherheit (Hg.): Weißbuch Stadtgrün. Grün in der
Stadt — Für eine lebenswerte Zukunft. Berlin, 2017.
3 Bundesamt für Naturschutz (Hg.): Urbane Grüne Infra-
struktur. Grundlage für attraktive und zukunftsfähige
Städte. Berlin, 2017.
4 United States Environmental Protection Agency: Green
Infrastructure Opportunities that Arise During Municipal
Operations. Washington, D.C., 2015, www.epa.gov/
sites/production/files/2015—09/documents/green_
infrastructure_roadshow.pdf, aufgerufen am 25.10.2017.
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