Feenblut
Zehn
»Verdammt noch mal!« Mark packte Shane am Kragen und blitzte ihn wutentbrannt an. Seine Fangzähne fingen an zu pochen und er musste an sich halten, um ihn nicht in Stücke zu reißen.
»Hey!«, rief David ihn zur Raison und versuchte ihn vergeblich von Shane zu trennen. Dieser gab Mark unvermittelt eine Kopfnuss und stieß ihn hart von sich.
»Reg dich ab«, brummte Shane und rieb sich die schmerzende Stirn. »Es ging alles viel zu schnell. Wir konnten nichts tun.«
Sie befanden sich alle in Davids Zimmer und zerbrachen sich die Köpfe darüber, wie es jetzt weitergehen sollte. Kayla und Fiona saßen mit einer in Tränen aufgelösten Una auf der Couch und versuchten sie zu beruhigen. Deacon lente mit verschränkten Armen am Kaminsims und beobachtete still das Geschehen. Ira saß mit besorgter Miene an Davids Schreibtisch und hatte es sich mit angezogenen Beinen in seinem Stuhl bequem gemacht.
Mark war außer sich. Ennis war entführt worden, von dieser verdammten Fee. Wie hatte das passieren können? Als Shane ihn anrief und ihm alles erzählt hatte, war er gleich hierher gekommen. Ein Slayer in den Fängen dieser Wesen – das konnte nur Eines bedeuten. Er stieß einen unterdrückten Schrei aus und schlug mit der Faust in seine Hand.
Sein Blick fiel auf Kayla. Ihre Augen flehten ihn an, sich zu beruhigen. Mark seufzte und sah schnell wieder weg. Es tat weh, sie nach so langer Zeit wieder zu sehen und zu wissen, dass er für sie verloren war.
»Wenn ihr euch an die Gurgel geht, nützt das Ennis überhaupt nichts«, kam Deacons Stimme vom Kamin. »Du weißt doch soviel über diese Feen Mark, wo könnte sie ihn hingebracht haben?«
»Es gibt da jemanden, der uns garantiert helfen kann.« Mark wechselte einen Blick mit David, der vor Sorge um Ennis ziemlich mitgenommen aussah.
Kayla zog hörbar die Luft ein, als sie Marks Worte hörte. Sie wusste, wen er damit meinte.
Shane nickte wissend. »Aidan O´Leary«, sagte er in den Raum.
Mark ging zum Fenster und schaute nach draußen. Die Nacht war klar und wolkenlos. Die Bäume und die Straßen waren immer noch weiß und alles wirkte so friedlich wie im Winterwunderland, doch das war es ganz und gar nicht. Er schüttelte den Kopf und konnte es immer noch nicht glauben. Die Fee hatte sich Ennis einfach geschnappt. Mark hatte es nicht geschafft, sie von ihm fernzuhalten, wie er es eigentlich vorgehabt hatte. Seine eigene Schuld war es, dass Ennis jetzt in Gefahr schwebte. Hätte er ihm gleich reinen Wein eingeschenkt, wäre alles anders gekommen. Aidan war der Einzige, der ihnen jetzt noch helfen konnte.
Auf einmal spürte er eine Hand auf seiner Schulter und als er den Kopf drehte, sah Kayla ihn an. Freude gemischt mit Traurigkeit und Unsicherheit lagen in ihrem Blick. Seit Monaten hatten sie sich nicht mehr gesehen, Mark hatte den Kontakt mit ihr vermieden. Eine Jägerin und ein Nachtwandler – wie sollte das funktionieren? Er hätte permanent Hunger auf ihr Blut und sie hätte ständig den Drang, ihm einen Pflock durchs Herz zu treiben oder ihm den Kopf abzuhacken.
Mark sah in ihre dunkelblauen Augen, hob die Hand und berührte mit den Fingern ihre Wange. Er vermisste sie sehr. Seine Gefühle für sie waren immer noch dieselben, wie vor seiner Wandlung, und das würde sich auch nie ändern.
Kayla berührte seine Hand. Mark schloss die Augen und sog ihren Geruch ein, beugte den Kopf und legte seine Stirn gegen ihre. Es tat so gut, sie wieder leibhaftig vor sich zu haben, nicht nur in seinen Träumen. »Mein Herz …«, flüsterte er so leise, dass nur sie es hörte.
Shane räusperte sich lautstark und Ira kicherte. Deacon rief: »Küss sie doch endlich, Mann!«
Mark hob genervt den Kopf und rollte mit den Augen. Kayla lächelte spöttisch und zeigte Deacon den Mittelfinger.
»Haben wir nicht ein dringenderes Problem?«, ertönte Fionas ungehaltene Stimme. »Ennis ist entführt worden, und ihr frotzelt hier lustig herum. Ich fasse es nicht!« Fionas Stimme wurde immer lauter, so aufgebracht war sie. »Sind Una und ich denn die Einzigen, die sich deswegen Sorgen machen?«
Una schluchzte auf und verbarg ihren Kopf an Fionas Schulter.
»Was können wir denn tun?«, fragte Deacon, der immer noch gegen den Kamin lehnte und versuchte, nicht in Richtung Una zu blicken. Er konnte Frauen einfach nicht weinen sehen.
Mark löste sich von Kayla. Seine Fangzähne pochten schmerzhaft, Hunger und Wut stiegen in ihm hoch – nicht gut in einem Raum voller Jäger. Er wandte sich an David. »Du weißt nicht zufällig, wo Aidan zu finden ist?«
David schüttelte den Kopf. »Das letzte Mal, als ich ihn sah, war am Tag deiner Wandlung.«
Mark erinnerte sich. Aidan hatte geholfen, den uralten Vampir, dessen Blut er sich einverleibt hatte, in Schach zu halten. Als die Wandlung vollzogen war, hatte er ihm sogar einen Teil seiner Kraft geschenkt. Er wollte sichergehen, dass er als neugeborener Nachtwandler überlebte. Sogar einen Schwur hatte er ihm geleistet, Du wirst wieder sein, wie du warst, mein Jäger. Das waren Aidans Worte gewesen. Aber was war er denn jetzt? Nur ein Nachtwandler mit einem Jägermal auf der Brust, das ihn jede Nacht qualvoll daran erinnerte, dass er einmal ein Jäger gewesen war.
Das Ziehen in seinen Zähnen wurde stärker, er musste schleunigst raus hier und lief zur Tür. Mit der Hand an der Klinke meinte er noch: »Ennis hätte von Anfang an alles erfahren müssen, das wäre der beste Schutz für ihn gewesen. Es war falsch, ihm nicht die Wahrheit über seine Herkunft und Bestimmung zu sagen. Er musste alles selbst herausfinden, weil man uns einen Maulkorb verpasst hat.« Mit anklagendem Blick sah er alle an, auch Fiona. Dann wandte er sich noch an Una. »Ich werde Ennis finden und zu dir zurück bringen, Jägerin«, schwor er und verschwand aus der Tür.
Kayla lief ihm nach. »Mark!«, rief sie, als sie zur Tür hinaus rannte.
Deacon und Shane nickten. »Mark hat recht, David«, sagte Shane müde.
Deacon stieß sich vom Kamin ab und fuhr sich mit den Händen durch die roten Locken. »Wie sollen wir also jetzt vorgehen, wo fangen wir an?« Er schaute zu Una, deren Augen rot vom vielen Weinen waren und die gedankenverloren vor sich hinstarrte.
»Das möchte ich auch gerne wissen.« Mit unverhohlenem Ärger in der Stimme wandte Fiona sich an David.
Ratlos vergrub der die Hände in den Hosentaschen und meinte: »Mark kann Aidan bestimmt aufspüren, dann sehen wir weiter.«
Shane schüttelte den Kopf. Das war doch keine Lösung, außerdem hatte er eine Mordswut im Bauch – am meisten auf sich selbst, weil er Ennis nicht hatte helfen können. Jetzt tatenlos hier herumstehen zu müssen, machte ihn fast verrückt.
Plötzlich sprang Ira auf, die die ganze Zeit alles nur still beobachtet hatte. »Wir sollten uns diese Schwedin vorknöpfen!« Ihre helle Stimme drang laut durch den Raum und alle Köpfe drehten sich zu ihr um.
Mark hörte Kayla nach ihm rufen, aber er musste weg von hier und lief weiter. Der Hunger wütete immer stärker in ihm und er wusste nicht, was passieren würde, wenn er ihr in diesem Zustand gegenübertrat. Doch sie rannte schon die Treppe hinunter, also machte er im Foyer des alten Theaters halt. Er atmete so tief ein, dass seine Lungen zu bersten drohten und wartete, drehte sich aber nicht um.
»Bitte, komm nicht näher«, knurrte er. Mark roch sie, spürte ihren Blick in seinem Nacken und alles, was er wollte war, sie ganz fest in den Armen zu halten. Verfluchte Scheiße, dachte er bei sich. Warum konnte man seine Gefühle nicht einfach abschalten?
Der Ton in seiner Stimme warnte Kayla und ein paar Meter hinter ihm blieb sie stehen. »Ich habe dich so sehr vermisst«, hauchte sie. »Warum kommst du nicht mehr zurück?« Ihre Stimme war voller Tränen.
»Weil ich ein Blutsauger bin und du eine Jägerin«, presste er hervor. Der pochende Schmerz in seinen Fängen wurde langsam unerträglich und er wusste nicht, wie lange er sich noch beherrschen konnte.
Kayla kam einen Schritt auf ihn zu und Mark konnte jetzt auch die Wärme ihres Körpers in seinem Rücken spüren. Er sah über seine Schulter und warnte sie: »Bleib wo du bist, Kayla. Sonst verliere ich die Kontrolle.«
»Mark«, flehte sie.
»Ich weiß«, seufzte er und seine Stimme wurde ganz sanft. »Mir geht es genauso. Glaube mir, mein Herz. Wenn ich könnte, würde ich bei dir bleiben, das weißt du.« Jetzt drehte er sich doch zu ihr um. Blutige Tränen liefen ihm aus den Augen, die er sich energisch fortwischte. »Doch ich kann nicht«, flüsterte er noch, und dann war er verschwunden.
Kayla hörte die Tür des Hintereingangs zuschlagen und wusste, dass Mark fort war. Sie hielt sich schluchzend die Hände vor das Gesicht und in ihrer Brust wütete ein tiefer Schmerz, als ob ihr soeben das Herz herausgerissen worden war.
* * *
Ennis öffnete die Augen und blinzelte. Feenduft hing immer noch in der Luft. Wo war er? Ruckartig setzte er sich auf und sah sich um. Er befand sich in einem riesigen Bett – nackt. Was zum Teufel ...? Er sah sich um.
Ennis befand sich in einem großen Raum, dessen Wände aus nacktem Stein waren. Brennende Fackeln hingen zwischen Fenstern aus Bleiglas, durch die er den Mond am schwarzen Nachthimmel sehen konnte. Alles wirkte, wie in einem dieser alten Schlösser aus längst vergangenen Zeiten.
Wie war er hier hergekommen? Er konnte sich nicht erinnern. Alles war verschwommen, seit dem Moment in dem er Una dort neben Aileána hatte sitzen sehen. Shane war bei ihm gewesen und sie hatten versucht gegen die Blutfee zu kämpfen. Dann erinnerte er sich an nichts mehr, nur noch an Träume. Er und diese blonde Fee, hier in diesem Bett …
Ihm wurde schlagartig speiübel und er würgte. Das war kein Traum gewesen. Ihr Duft hatte seine Sinne vernebelt, ihn eingelullt, gebannt. Ennis war ihr williger Sklave gewesen.
Er krallte seine Finger in die Laken und sein Mund verzerrte sich vor Wut und Ekel. Verzweifelt hob er die Hände und sah sie an, da entdeckte er etwas Glitzerndes an seinen Fingern. Er drehte die Handflächen nach oben und sie waren übersät von funkelndem Staub. Er sah zum Laken und auch dort glitzerte es zwischen den Falten. Er zog es glatt und fand kleine, tränenförmige Kristalle. Vorsichtig nahm er einen zwischen Daumen und Zeigefinger, hielt ihn hoch und betrachtete ihn im flackernden Fackelschein. Das Funkeln war wunderschön, erinnerte ihn irgendwie an Diamanten, nur hatte dieser Kristall keine Facetten, war glatt und sehr zerbrechlich. Als er nur ein bisschen Druck darauf ausübte, zerfiel er zu diesem schimmernden Staub, der langsam hinab rieselte. Ennis fing ihn mit der anderen Hand auf. Es waren die Tränen einer Fee.
Er hob die Hand an sein Gesicht und atmete den Staub ein. Warum er das tat, wusste er nicht, es war wie eine innere, unbewusste Eingebung.
Ennis fröstelte, stieg aus dem Bett und suchte nach seiner Kleidung. Er entdeckte sie auf einem fein geschnitzten Holzstuhl in einer Ecke des Raumes. Auf einem kleinen, hölzernen Tisch daneben, stand eine Flasche und auch etwas zu Essen. Ennis ging hin, zog seine Hose und seinen Pullover an, schraubte den Verschluss der Flasche auf und roch daran. Es war anscheinend nur Wasser. Auf einem Tablett lagen Brot, kaltes Hühnchen und Gemüse. Bei dem Anblick lief ihm das Wasser im Munde zusammen und sein Magen fing an zu knurren. Das letzte Mal hatte er im Theater mit den anderen gegessen. Wie lange war das her, wie lange war er schon hier? Mist, er hatte sein Zeitgefühl verloren. Ennis ging zu den Fenstern, aber sie waren verschlossen und man konnte sie nicht öffnen, es gab keine Griffe. Auf der anderen Seite des Raumes befand sich eine schwere Holztür, er ging hin und versuchte auch sie zu öffnen, aber natürlich war sie ebenfalls verschlossen. Ennis war hier gefangen.
Die Fensterscheiben einzuschlagen machte keinen Sinn, denn die Scheiben waren durch graue Eisenstreben getrennt und er passte bestimmt nicht durch eine dreißig mal dreißig Zentimeter kleine Öffnung hindurch. Noch dazu befand er sich in einem höheren Stockwerk.
»Verdammt!«, fluchte er laut und trat gegen die Tür. Die Hände auf die Hüften gestemmt drehte er sich um. Das Essen auf dem Tisch lachte ihn an. Okay, er war hungrig, also ging er zum Tisch und bediente sich. Erst nahm er etwas von dem Hühnchen, roch daran und dann steckte er sich ein Stück in den Mund. Mmm... es schmeckte köstlich. Er nahm sich noch mehr, setzte sich, nahm die Gabel, die neben dem Teller lag und aß alles auf. Das Loch in seinem Magen war erst einmal gestopft. Mit großen Schlucken trank er noch die halbe Flasche leer, dann wischte er sich mit dem Handrücken über den Mund und schob das Tablett von sich.
Und was jetzt? Er sah sich in dem Raum um und wusste nicht weiter. Sein Dolch war ihm anscheinend abgenommen worden und er war hier gefangen. Er hatte keine Ahnung, wo er war und warum er hier war. Was wollte Naoise von ihm? Wie konnte er von hier nur entkommen? Ennis stand auf, ging zu einem der Fenster und blickte hinaus. Er sah nur dunkle Wiesen und Hügel, teilweise von etwas Schnee bedeckt. Er kannte diese Gegend überhaupt nicht und nahm an, dass er sich nicht mehr in Dublin oder Umgebung befand.
Er ging wieder zur Tür und rüttelte an der Klinke, natürlich war sie immer noch verschlossen. Er wurde wütend, weil er hier wie ein Tier gefangen war, und warf sich gegen die Tür, was ihm aber nur höllische Schmerzen in der Schulter bereitete.
Ennis sah sich noch einmal im Raum um. Die lodernden Fackeln an den Wänden tauchten alles in flackerndes, warmes Licht. Über dem Bett hing ein Wandteppich, den er nun genauer betrachtete.
Darauf war eine männliche Fee zu sehen, mit goldblonden Locken und Augen in einem schimmernden goldbraun. Es waren nicht dieselben Augen, wie bei Naoise, Aidan und Aileána, diese Fee dort wirkte nicht im Mindesten mehr menschlich. Er war groß und feingliedrig, mit perlmuttfarbener Haut und sein engelsgleiches Gesicht blickte gebieterisch und doch sanft auf Ennis herab. Kleine Schauer liefen ihm über den Rücken bei diesem Anblick. Wenn dieses Wesen auf dem Wandteppich schon solch eine Faszination auf ihn ausübte, wie würde er erst auf Ennis wirken, wenn er leibhaftig vor ihm stand? Es gab noch mehr auf dem Wandteppich zu sehen. Hinter diesem Wesen wurde eine Welt dargestellt, die eindeutig nicht irdisch war. Bäume und farbenfrohe Pflanzen, bunt und leuchtend, wie keine, die Ennis kannte. In der Ferne, am Rand des Bildes, war ein Schloss zu erkennen, reinweiß und über allem thronend. Ennis fragte sich, ob das die Anderswelt war, und wenn ja, dann war diese Fee dort auf dem Gobelin wahrscheinlich eine reinblütige Fee.
Ist doch scheißegal, sagte er zu sich selbst und drehte sich abrupt weg. Er hatte ja wohl ganz andere Probleme. Ärger wallte in ihm hoch, als er eine Kommode direkt neben dem Bett erblickte. An der Wand darüber hing ein Spiegel in einem geschnitzten Holzrahmen. Alles hier in diesem Raum wirkte irgendwie, als ob es Teil des Schlosses auf dem Wandteppich war, nur nicht so hell und strahlend, sondern dunkler und düster.
Ennis konnte sich in dem Spiegel sehen. Er ging näher darauf zu, und als er sich selbst betrachtete, erschrak er. Das konnte doch nicht er sein, mit diesem Schimmer auf der Haut und diesem ungewöhnlichen Glanz in den Augen. Überall lag dieser Feenstaub auf ihm, ein Leuchten ging von seinem Inneren aus und er wirkte irgendwie … unwirklich.
Unbändiger Zorn flammte bei seinem Anblick in ihm auf – sie würden ihn nicht in ein solches Wesen verwandeln. Niemals! Er riss den Spiegel von der Wand und schleuderte ihn auf den Boden. Der Holzrahmen brach und das Spiegelglas zerbarst. Ennis riss die Schubladen der Kommode heraus, in der Hoffnung, irgendetwas darin zu finden. Doch nichts, sie waren alle leer. Hätte er wenigstens seinen Dolch, dann hätte er etwas, womit er sich wehren oder verteidigen konnte, aber Naoise musste ihn weggenommen haben. Verdammt! Er wollte ihn wieder haben, schließlich hatte er seiner Mutter gehört.
Er sah auf den zerbrochenen Spiegel, ein Stück davon war abgesplittert. Ennis hob es auf und betrachtete es. Man konnte es durchaus als Waffe gebrauchen. Er ging zum Bett, legte die Scherbe neben sich und vergrub sein Gesicht in den Händen. Una kam ihm in den Sinn. Hatten die anderen sie befreien können und waren auch sie alle heil davongekommen? Er hoffte es inständig. Wenn Una oder den anderen irgendetwas zugestoßen war, würde er durchdrehen. Aber mit seinem Dolch hatte er Aileána schwer verwundet, vielleicht hatten sie eine Chance gegen die Fee gehabt.
Ennis ließ sich in die Laken fallen und griff nach der Spiegelscherbe, hielt sie vor sich und betrachtete sie nachdenklich. Butter-Honig-Geruch stieg ihm leise in die Nase und der Staub aus Naoises Tränen wirbelte und tanzte, wie kleine glitzernde Schneeflocken in der Luft. Ennis schloss seine Augen und suchte die Kraft in seinem Inneren. Unas Lächeln tauchte vor seinem geistigen Auge auf und die Kraft wurde stärker. Tränen liefen aus seinen Augenwinkeln. Ein unsäglicher Schmerz zog an seinem Herzen, denn er würde sich jetzt von ihr verabschieden.
»Leb wohl«, flüsterte er in den Raum.
Er holte Naoises Bild vor Augen und legte all sein Gefühl hinein, rief mental ihren Namen und fegte alles andere aus seinem Gehirn, bis es nur noch sie und ihn gab.
Ennis breitete seine Arme auf dem Bett aus, öffnete die Hand und ließ die Scherbe fallen. Seine Hände glitten über das Laken und der schimmernde Staub blieb daran haften. Er fuhr sich damit über das Gesicht und über jeden freien Zentimeter seiner Haut, er leckte den Staub sogar von den Fingern. Dann begann es in seinem ganzen Körper zu prickeln und Wärme breitete sich in ihm aus. Die Tränen der Fee taten ihre Wirkung.
Auf einmal wurde der Feenduft stärker, erfüllte die Luft schwer mit diesem typischen Geruch. Ennis lächelte, es hatte geklappt, sie kam wieder. Sein Herz schlug schneller und Adrenalin schoss in seine Adern, Angst machte sich in ihm breit. Der Geruch intensivierte sich von Sekunde zu Sekunde und Ennis schloss die Augen. Wenn er die Möglichkeit hätte, sich in Luft aufzulösen, würde er es sofort tun. Doch er hatte einen Plan und musste es zumindest damit versuchen.
Ennis atmete tief ein und wartete.