Feenblut
Eins
Ennis MacKenna versteckte sich in einer Mauernische. Schneeflocken rieselten langsam vom Himmel herab. Er hatte seinen Schal über Mund und Nase gezogen, damit sein dampfender Atem ihn nicht verriet. Seine Augen waren auf zwei Gestalten fixiert, die sich ein paar Meter von ihm entfernt befanden. Eine Frau hielt einen Mann fest und biss immer wieder brutal in seinen Hals, verleibte sich jeden Tropfen aus der klaffenden Wunde ein.
Verdammte Blutsauger, dachte er, seit wann können die auch tagsüber ihrer ›Lieblingsbeschäftigung‹ nachgehen? Er konnte es nicht fassen.
Als er auf dem Weg zu seinem Auto gewesen war, hatte er beobachtet, wie dieses Wesen den Mann in einen Hinterhof gezerrt hatte, die Hand über seinen Mund gepresst, damit er nicht schreien konnte. Ungläubig war Ennis ihnen vorsichtig gefolgt, äußerst darauf bedacht nicht entdeckt zu werden, und hatte sich dann hier im Hofeingang versteckt. Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt und alles in ihm schrie danach, wegzulaufen und sich in Sicherheit zu bringen. Doch der Jäger in ihm ließ das nicht zu, seine Instinkte hatten ihn fest im Griff und Ennis konnte nichts dagegen tun.
Endlich ließ sie von ihrem Opfer ab. Der Mann hing leblos in ihren Armen. Mit halb geöffnetem Mund blickte sie auf ihn hinab, sein Blut tropfe von ihren Zähnen und Lippen. Sie wischte es mit dem Ärmel fort, dann nahm sie den Mann über die Schulter und weg war sie. So schnell, dass Ennis dachte, sie hätte sich einfach in Luft aufgelöst. Ungewöhnlich. Nachtwandler waren zwar schnell, aber er hatte noch nie erlebt, dass einer vor seiner Nase einfach so ins Nichts verschwand.
Seine Anspannung ließ ein wenig nach, er zog sich den Schal vom Gesicht, atmete tief durch und verließ sein Versteck. Innerlich noch in Alarmbereitschaft ging er zu der Stelle, an der sie den Mann getötet hatte. Diese Kräfte machten ihm Angst, trotzdem achtete er auf seinen Instinkt, der ihm schon manches Mal das Leben gerettet hatte.
In der dünnen Schneeschicht, die den Asphalt bedeckte, konnte er tatsächlich ihre Fußspuren ausmachen. Er setzte sich in die Hocke und inspizierte die Stelle genauer. Außer einigen Blutspritzern im Schnee und ihren Fußspuren konnte er nichts entdecken.
Ennis stand wieder auf, drehte sich um und lief zum Hofeingang. Er wollte so schnell wie möglich aus dieser Sackgasse heraus. Immer noch rieselten vereinzelte Schneeflocken herab. Es war Nachmittag und dicke Wolken verdeckten die Sonne.
Plötzlich stand sie im Hofeingang, diese Kreatur, die er eben beobachtet hatte und versperrte ihm den Weg. Adrenalin schoss durch seine Adern, sein Herzschlag ging schneller und seine Muskeln spannten sich an. Er konnte nicht fliehen, denn es gab keinen Ausweg, nur Mauern und Fenster, die alle verschlossen waren.
Auf einmal machte sie einen Schritt auf ihn zu, dann noch einen, langsam kam sie ihm bedrohlich näher. Sie war groß, Ennis selbst maß fast einen Meter fünfundneunzig und sie war nicht viel kleiner als er. Sie konnte ihm geradewegs ins Gesicht schauen und musterte ihn mit Augen, die eine seltsam hellgraue Farbe hatten.
Sie war ungewöhnlich schön, mit hellgoldenem Haar, das bis über die Hüften reichte. Sie wirkte kein bisschen mehr wie das blutrünstige Monster, welches er eben noch in Aktion gesehen hatte. Sie hatte beinahe etwas Engelhaftes an sich, und er roch einen Duft nach Butter und Honig, der ihm die Sinne rauben wollte. Sehnsucht flammte in ihm auf, ein Verlangen danach, sich einfach gehen zu lassen, nach Hause zu kommen – zu ihr. Kleine Schauer jagten über seinen Rücken. Ennis schluckte, sie übte eine magische Anziehungskraft auf ihn aus und es fiel ihm schwer, ihr zu widerstehen. Er bot all seine Kräfte auf, um diesen Gefühlen Herr zu werden.
Auf einmal flackerte etwas vor seinen Augen auf und verschwand gleich wieder. Für einen kurzen Moment sah sie aus, wie eine Dämonin – ihre Augen waren weiß, ohne Iris und die Pupille länglich geschlitzt, wie die einer Schlange oder Katze.
Was war das für ein Wesen?
Er hielt ihrem Blick stand, hob die Hand an den Reißverschluss seiner Jacke und zog ihn herunter. So hatte er freien Zugriff auf die Waffen, die an seinem Gürtel hingen – ein langes Messer, ein spitzer Holzpflock und ein Flachmann, gefüllt mit Weihwasser.
Einem normalen Nachtwandler konnte er einen Pflock ins Herz rammen und er vertrocknete wie eine Rosine und war tot. Wenn er dieser Kreatur, die am helllichten Tag herumlaufen konnte, ohne dass ihr das etwas ausmachte, jetzt den Pflock ins Herz rammte, würde sie dann sterben? Er wusste es nicht.
Er zog den Pflock aus der Halterung und hielt ihn sicher in der Hand, bereit zuzustoßen, er wartete nur auf den richtigen Moment.
Sie stand nicht einmal zwei Meter entfernt, ihr Blick huschte kurz zu dem Pflock in seiner Hand und dann wieder zurück zu ihm. Ihre Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln. »Du meinst, das könnte mich aufhalten?«, fragte sie mit rauchiger Stimme.
Ennis erwiderte nichts. Sein Blick haftete an ihr, als sie noch einen Schritt auf ihn zu machte und dann fast direkt vor ihm stand.
»Was bist du?« Seine Stimme war leise und hatte einen gefährlichen Unterton.
Sie lächelte immer noch, doch mit einem Anflug von Verwunderung und Respekt auf dem Gesicht. »Du kannst mir widerstehen, Jäger.« Sie neigte den Kopf neugierig zur Seite. »Aber du weißt nicht, was ich bin? Vielleicht findest du es noch heraus.«
Seine Instinkte hatten wieder die Oberhand gewonnen und mit einer schnellen Bewegung stieß er ihr den Pflock tief in die Brust. Überrascht von seinem Angriff ächzte und krümmte sich das Wesen zusammen. Ennis sah seine Chance zu entkommen und rannte los, an ihr vorbei und raus aus dem Hinterhof. Er bog rechts ab und lief in Richtung einer Einkaufsstraße. Möglichst schnell musste er unter Menschen kommen, damit sein Geruch sich dort verlor. Ennis rannte durch die Straßen Dublins, so schnell er konnte, ohne noch einmal zurückzublicken.
Seine Tante schenkte ihm einen Kaffee ein. Er nahm die Tasse in beide Hände und blies kurz auf das dampfende Getränk, bevor er vorsichtig daran nippte. Wärme kroch in seine kalten Finger und er blickte gedankenverloren in die Tasse. »Wie kann es sein, dass ein verdammter Blutsauger am helllichten Tag draußen herum spaziert und Menschen tötet? Ich dachte, die können Tageslicht nicht vertragen.« Er schüttelte langsam den Kopf und nippte noch einmal an dem heißen Kaffee. »Was war das, Fiona? Es trinkt Blut, kann blitzschnell verschwinden... Das muss doch ein Nachtwandler gewesen sein!«
»Der Pflock hat sie nicht getötet?«
»Ich weiß es nicht.« Ennis seufzte. »Ich wollte nur lebend da rauskommen, bin gerannt wie der Teufel, über drei Blocks, bis ich endlich bei meinem Auto war. Dann bin ich gleich zu dir gefahren.« Er schaute in die braunen Augen seiner Tante.
Sie blickte nachdenklich vor sich hin, dann fiel ihr anscheinend etwas ein. »Und du hast diese dämonischen Augen gesehen?«
»Naja, gesehen. Eher schienen sie irgendwie durch, als ob hinter ihrem Gesicht ein anderes wäre – ach, ich kann es nicht richtig beschreiben. Dann war da noch diese magische Anziehungskraft – sie war so wunderschön, ich konnte ihr nur mit Mühe und Not widerstehen.«
Seine Tante schüttelte den Kopf. »Das kann nicht sein.«
Ennis schaute sie fragend an.
»Das ist doch nur eine Legende …«, sprach sie leise weiter, mehr zu sich selbst. Sie schaute ihn seltsam an und diesmal schwang auch so etwas wie Angst in ihrem Blick mit.
»Tante Fiona!«, meinte Ennis mit Nachdruck. Sie wusste doch irgendetwas.
Fiona stand hastig auf und verließ die Küche. »Einen Moment, Ennis«, sagte sie, während sie ins Wohnzimmer ging. »Ich muss was suchen.«
Während er ihr nachblickte, piepte sein Handy. Es war eine SMS von Una: Wo bist du? Wollten wir uns nicht treffen? Mist! Er hatte sie völlig vergessen. Seufzend wählte Ennis ihre Nummer und wartete bis sie abhob.
»Was ist dir diesmal dazwischen gekommen?«, hörte er ihre leicht genervte Stimme.
»Es tut mir leid, Una. Ich... es... «, stammelte er. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er schon wieder eine Verabredung mit ihr nicht eingehalten hatte. Aber er tat das ja nicht mit Absicht und sie wusste das genau.
»Ach, ich will es gar nicht hören. Ist ja doch immer dasselbe Ennis. Komisch nur, dass ich es schaffe, eine Verabredung einzuhalten – besonders am Tag!« Das letzte Wort betonte sie extra.
Ennis stieß genervt die Luft durch seine Lippen. »Una, bitte. Hör zu, ich bin gerade bei meiner Tante. Komm vorbei, wenn du willst. Die Sache solltest du dir auch anhören.«
Seufzend gab sie nach. »Okay, ich bin in zehn Minuten da.« Una legte auf.
Er trank noch einen Schluck von seinem Kaffee, als Fiona wieder in die Küche kam. Im Arm hielt sie einen dicken Wälzer, legte ihn auf den Tisch und setzte sich.
»Una ist auf dem Weg hierher«, teilte er ihr mit.
»Ah, wie schön«, freute sich Fiona. Sie mochte Una Somner sehr.
Ennis sah sich den Wälzer an, der in brüchiges Leder eingebunden war. Das keltische Zeichen der Dreieinigkeit war darauf abgebildet. Dasselbe Zeichen, welches er über seiner linken Brust trug und das irgendwann während seiner Pubertät dort erschienen war. Zu dem Zeitpunkt waren auch seine Fähigkeiten erwacht.
Seine Tante hatte ihm damals alles erklärt, und zuerst hielt er sich für obercool. Er war ein Jäger, ein Held - Juhuu! Bis sie ihn mit auf die Jagd nahm, um ihm zu zeigen, was er war und wie er vorgehen musste. Als er damals seinem ersten Nachtwandler gegenüberstand, hatte er sich vor Angst beinahe in die Hose gemacht und Fiona musste ihm helfen, sonst hätte er diesen Kampf wohl mit seinem Leben bezahlt. Sachte strich er mit den Fingern über das Zeichen.
»In dieser Chronik steht so einiges drin, Ennis«, sie schaute ihn mit ernstem Blick an. »Du musst endlich anfangen, deine Hausaufgaben zu machen, wenn du überleben willst. Die Probezeit ist vorbei, mein Junge.«
»Es reicht doch, wenn Una bei mir ist«, erwiderte er, fast ein bisschen trotzig. »Sie weiß alles und hilft mir immer, und wir gehen meist gemeinsam los.«
»Ennis, Una wurde von ihren Eltern auf ihre Aufgabe vorbereitet, von klein auf. Sie haben sie eingewiesen und trainiert. Deine Mutter hat das leider nicht gemacht, weil sie dir eine normale Kindheit ermöglichen wollte. Sie hatte die Hoffnung …«, Fiona zögerte einen Moment, bevor sie fortfuhr. »Sie hatte gehofft, die Gabe würde bei dir vielleicht nicht zum Vorschein kommen, weil dein Vater kein Jäger war.«
»Weißt du denn, wer mein Vater war?«, fragte Ennis hoffnungsvoll.
Doch seine Tante schüttelte nur langsam den Kopf. Sie vermied es, Ennis direkt anzusehen, stand auf und holte eine Packung Kekse aus einem Schrank, die sie auf einem Teller verteilte. »Deine Mutter hat nie von ihm gesprochen, hat nur gesagt, er wäre kein Jäger und wolle nichts mit ihr und dem Kind in ihrem Bauch zu tun haben.«
Ennis schaute nachdenklich auf seine Hände und schluckte. Es tat weh, so etwas zu hören.
Da klingelte es an der Tür. Fiona stellte den Teller auf den Tisch. »Ah, das wird Una sein!«, rief sie erfreut und ging zur Tür.
Ennis trank seine Tasse leer und verzog das Gesicht, denn der Kaffee war mittlerweile kalt geworden. Seine Tante und Una begrüßten sich herzlich, dann kamen sie in die Küche. Er stand auf und schaute Una mit schiefem Lächeln an. Sie machte einen Schmollmund und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Sorry, Una«, sagte er und nahm sie kurz in den Arm. »Aber mir ist da etwas ziemlich seltsames passiert.« Er schaute in ihre blauen Augen und stupste mit dem Finger ihre Nase. »Es war keine Absicht.«
Da erst strahlte ihn an. Ihre Wangen und die Nase waren von der kalten Winterluft noch gerötet und ihr schwarzes, schulterlanges Haar war zerzaust.
Sie setzten sich. Fiona goss ihr eine Tasse Kaffee ein, nahm dann ebenfalls Platz und stützte ihren Kopf in die Hand. Sie lächelte die beiden an, als ob sie sagen wollte: Wann seht ihr endlich ein, dass ihr ineinander verliebt seid?
Ennis rollte mit den Augen, als er den Blick seiner Tante bemerkte.
»Also los, dann erzähl mal, Ennis«, Una blickte ihn erwartungsvoll an und nahm sich einen Keks. »Und wehe, die Geschichte ist nicht gut.«
Sie bekam große Augen und war genauso verblüfft wie Ennis, als sie hörte, was er berichtete. Ein Blutsauger am helllichten Tag, davon hatte sie auch noch nie gehört. Geschweige denn, es mit eigenen Augen gesehen.
»Tja«, sagte Fiona und nahm das Buch, schlug es auf und blätterte darin herum, als ob sie nach etwas Bestimmten suchte. »Das Einzige, das mir dazu eingefallen ist, steht hier drin. Aber wir alle hielten es bis jetzt nur für eine Legende. Kein Jäger hat je davon berichtet, selbst einmal eine zu Gesicht bekommen zu haben.« Sie blätterte immer noch.
»Eine?«, fragte Una verständnislos. »Eine was?«
»Eine Fee«, antwortete Fiona.
Die beiden schauten sie belustigt an. Ennis schnaubte und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Ungläubig schüttelte er den Kopf und verschränkte die Arme vor der Brust.
Una stand der Mund offen und sie schaute Fiona skeptisch an. »Eine Fee? Also ...« Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, das klang ja wirklich unglaublich.
Fiona schaute die beiden an und ihr ernsthafter Blick verriet, dass sie nicht scherzte. »Ihr habt doch bestimmt schon von den alten Legenden gehört? Von der Anderswelt und den Sídhe – den Feen? Die Geschöpfe der Dunkelheit, Dämonen, Geister, Werwölfe, Elfen und so weiter. Es heißt, dass an Samhain die Grenzen der Anderswelt mit unserer Welt verschwimmen und Menschen dann durch die Portale dorthin gelangen können. Aber die Sídhe können jederzeit in unsere Welt, nicht nur an Samhain, und hier drin«, sie tippte auf das Buch, das aufgeschlagen vor ihr lag, »steht die Legende von Aidan und Aileána. Ein Zwillingspaar, das irgendwann im Mittelalter in Feen verwandelt wurde. Aber da sie nur verwandelt wurden, hatte die Sache einen Preis. Sie mussten sich von Blut ernähren, zumindest in unserer Welt. Sie waren die ersten der sogenannten Blutfeen. Ich denke, du bist heute einer begegnet, Ennis.« Fiona schaute ihn eindringlich an. »Diese Wesen sind wirklich unsterblich. Dein Pflock hat sie wohl aufgehalten, aber bestimmt nicht getötet. Keiner weiß, wie man sie vernichten kann. Man weiß so gut wie nichts über sie, deswegen sind sie sehr gefährlich.«
Ennis schnaubte wieder. »Soll ich etwa auch an den Weihnachtsmann glauben?«, fragte er sarkastisch.
Seine Tante sah ihn scharf an.
»Entschuldigung, Fiona«, sagte er kleinlaut. »Aber wie kann man denn so etwas glauben?«
»Da fällt mir etwas ein«, meldete sich Una zu Wort, »Mein Vater hat mir einmal etwas darüber erzählt, aber damals war ich noch klein, ich dachte, es wären Märchen. Ich muss deiner Tante recht geben. Wir dürfen nicht einfach alles so abtun, Ennis. Gerade wir wissen doch ganz genau, dass es da draußen mehr gibt, als man sich vorstellen kann.«
»Du solltest dir das durchlesen«, meinte Fiona noch. »Und auch den Rest vom Buch, Ennis. Du bist ein Jäger wie wir alle hier und solltest über alles Bescheid wissen, sonst wirst du nicht überleben, mein Junge.«