Feenblut
Fünf
Die Fahrt nach Hause war eine Katastrophe. Als Ennis losfuhr, zeigte Una mit dem Daumen nach hinten zu Mark. »Was macht der denn hier?«
Genervt atmete Ennis aus und entgegnete: »Er kommt mit.« Durch den Rückspiegel warf er einen Blick auf Mark. Der saß mit saurer Miene da und sah aus, als wollte er sich am liebsten in Luft auflösen. »Er weiß ein paar Dinge, die wir vielleicht erfahren sollten.«
»Mir juckt es in den Fingern, ihm einfach den Kopf abzuhacken«, grummelte Una.
»Deine Freundin kann mich nicht leiden«, warf Mark ein. »Kannst du mich nicht irgendwo absetzen, Ennis? Ich hänge doch irgendwie an meinem Leben.«
»O ja, Ennis, schmeißen wir ihn raus! Am besten in die Liffey, da kann er dann ein bisschen schwimmen. Bei diesen Temperaturen soll das ja gut für den Kreislauf sein.« Sie drehte sich zu Mark um und sah ihn an, als wollte sie ihn mit Blicken töten.
»Ich habe keinen Kreislauf mehr«, flötete Mark. »Theoretisch bin ich gar nicht am Leben. Untot, schon vergessen?«
»Nicht wenn ich dir einen Pflock durchs Herz ramme, Blutsauger.« Sie kramte in ihrer Jacke und zog einen Pflock hervor.
Ennis versuchte ruhig zu bleiben, doch in ihm begann es zu brodeln, das war ja nicht zum Aushalten mit den beiden.
Mark beugte sich vor, seine Stimme hatte einen gefährlichen Unterton: »Vorsicht, Jägerin! Ich bin ziemlich durstig. Dein Pflock würde mich nicht im geringsten davon abhalten, dir deinen zarten Hals aufzureißen.«
Da platzte Ennis der Kragen: »Hört auf! Haltet alle beide die Klappe! Keiner pfählt hier irgendjemanden und gebissen wird auch nicht. Ich versuche zu fahren.«
Mark lehnte sich wieder zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und sah aus dem Fenster. Sicherheitshalber hielt Una jedoch immer noch den Pflock in der Hand.
»Pack das Ding weg, Una. Mark ist einer von uns.«
»Wie kann der einer von uns sein? Er ist ein Nachtwandler. Alles in mir schreit förmlich danach, ihn zu töten.«
»Una, bitte!« Ennis riss sich gehörig am Riemen, um nicht vollkommen die Beherrschung zu verlieren, »Ich kenne ihn schon eine Weile, außerdem war er ein Jäger. Er hat das Mal, Una.«
»Na und? Das kann er sich doch auftätowiert haben. Das beweist gar nichts.« Sie dachte gar nicht daran, den Pflock loszulassen und hielt ihn immer noch fest in der Hand.
Ennis verlor endgültig die Geduld. Genervt stöhnte er auf und trat abrupt in die Bremsen. Als der Wagen anhielt, riss er Una bei noch laufendem Motor den Pflock aus der Hand, ließ das Fenster auf seiner Seite herunter und warf ihn im hohen Bogen hinaus. Dann atmete er einmal tief durch und machte das Fenster wieder zu.
Mark konnte sich ein hämisches Lachen nicht verkneifen und Una schaute Ennis fassungslos an. Beleidigt kniff sie die Lippen zusammen, verschränkte ihre Arme vor der Brust und sagte keinen Ton mehr.
»Vielen Dank«, rief Ennis, als endlich Ruhe im Auto herrschte. Er schaltete den CD-Spieler an und fuhr weiter. Den Rest des Weges hörten sie Heavy Metal, und zwar so laut, dass eine Unterhaltung unmöglich war.
Es hatte aufgehört zu schneien, als sie bei Ennis ankamen und der Vollmond schien hell am sternenklaren Himmel.
Una schaute Mark giftig an, als sie ausstiegen, bereit ihn sofort anzugreifen, sollte er auch nur eine falsche Bewegung machen.
Mark hielt sich dicht an Ennis, als sie zur Tür gingen, er wollte Una nicht zu Nahe kommen. Ennis rollte mit den Augen, das Benehmen der beiden war ja schon fast lächerlich. Er war froh, als er die Haustür öffnete und endlich im Warmen war.
Mark wich Ennis immer noch nicht von der Seite. »Lass mich bloß nicht mit ihr alleine, Alter«, raunte er ihm zu.
»Das habe ich genau gehört«, gab Una zurück, während sie ihre Jacke aufhängte. Zu Ennis gewandt meinte sie noch: »Wenn du hier drin kein Blutbad willst, solltest du mich wirklich nicht mit ihm alleine lassen.« Damit ging sie in die Küche, um Tee zu kochen. Da sie schon oft im Haus von Ennis gewesen war, kannte sie sich bestens aus.
Ennis stöhnte. Das konnte ja heiter werden mit den beiden unter einem Dach. »Du«, sagte er zu Mark und zeigte mit dem Finger zur Couch. »Setz dich da hin und rühr dich nicht von der Stelle.«
»Dann sag deiner Freundin, sie soll sich gefälligst zusammenreißen«, murrte Mark, ging zur Couch und setzte sich.
Ennis fragte ihn noch, während er seinen Mantel aufhängte: »Möchtest du vielleicht auch einen Tee?«
Mark blickte ihn verächtlich an und bleckte seine Fangzähne: »Sehe ich etwa aus wie ein Teetrinker?«
Ennis zuckte mit den Schultern und ging dann zu Una in die Küche.
»Wow!«, entfuhr es ihr beim Anblick seines Waffengürtels, an dem die Axt und der Dolch hingen. »Wo hast du den denn her?« Sie nahm den Dolch und betrachtete ihn bewundernd.
Ennis erzählte ihr kurz von der Waffenkammer seiner Mutter und nahm ihr den Dolch sanft aus der Hand, bevor er sie umarmte.
»Bist du okay, oder hat dir der Blutsauger vorhin etwas angetan?«, raunte er ihr ins Ohr.
»Ich bin okay.« Sie schmiegte sich an ihn und genoss seine Nähe. »Hab nur ein paar blaue Flecken. Dieser Nachtwandler war auf einmal gar nicht mehr so stark, wie hast du das gemacht?« Fragend blickte sie zu ihm hoch.
»Ich habe ihm seine Kräfte genommen.« Ennis schaute ihr zärtlich in die blauen Augen. »Ich lasse nicht zu, dass dir etwas passiert.«
»Das kannst du tatsächlich?«, flüsterte sie erstaunt.
Ennis nickte und beugte sich hinab, um Una zu küssen. Genau in dem Moment pfiff der Wasserkessel ohrenbetäubend. Widerwillig ließ er sie los und seufzte.
Una nahm den Kessel vom Herd und goss heißes Wasser in zwei Tassen.
Ennis lugte durch die Tür zu Mark, der sich gelangweilt auf der Couch lümmelte und auf seinem Handy herumtippte. Konnte er ihm wirklich noch trauen? Auf jeden Fall wusste er irgendetwas und er musste herausfinden, was das war.
»Kannst du dich zusammenreißen, Una?« Eindringlich sah er sie an, während sie ihm seinen Tee reichte. »Wir müssen herausfinden, was er weiß.«
Sie seufzte und nickte dann: »Okay, ich versuche es.«
Beide gingen ins Wohnzimmer. Una bedachte Mark mit einem finsteren Blick und setzte sich in einen Sessel. Ennis stellte seine Tasse auf den Kaminsims und legte ein paar Holzscheite ein, die er gleich entzündete.
»Also, dann erzähl mal«, forderte er Mark auf. Das Feuer fing an zu lodern und wohlige Wärme breitete sich im Raum aus. Ennis nahm seinen Tee und setzte sich neben Una auf die Armlehne des Sessels. »Was weißt du?«
Mark atmete tief ein und begann zögerlich zu erzählen. »Ich wurde nicht gegen meinen Willen zu einem Blutsauger gemacht.« Er senkte den Blick, denn es fiel ihm sichtlich schwer darüber zu sprechen. »Ich habe es absichtlich getan.«
»Wie? Warum das denn?« Ennis sah ihn überrascht an und nahm schnell einen Schluck von seinem Tee.
»Wir brauchten jemanden, der sich unbehelligt unter den Nachtwandlern bewegen kann. Auch wenn ihr das jetzt nicht glaubt, ich habe mich freiwillig verwandeln lassen. Jetzt bin ich selbst eine dieser Kreaturen, die ich mein Leben lang abgrundtief gehasst, gejagt und getötet habe. Aber ich musste es tun, denn wir müssen an Informationen herankommen. Und wir müssen Jägerinnen und Jäger wie dich aufspüren und finden, damit das Venatorium nichts von ihnen erfährt.«
Jetzt schaute Una Mark voller Mitleid an. Ein Jäger, der sich freiwillig hatte verwandeln lassen, sie konnte es kaum glauben. »Wer ist Wir?«, wollte sie dann wissen.
Mark würdigte Una keines Blickes, als er antwortete. »Ich, der Vater von Ennis und eine Handvoll anderer Jäger, mit diesen speziellen Fähigkeiten. Deine Mutter gehörte auch dazu.« Er wagte Ennis kaum anzusehen, so sehr fürchtete er dessen Reaktion.
»Du kennst meinen Vater?« Ennis brachte nicht mehr als ein Flüstern heraus. Innerlich war er nun völlig aufgewühlt. Mark wusste, wer und wo sein Vater war, und das wahrscheinlich schon die ganze Zeit. Ärger stieg plötzlich in ihm hoch.
Mark nickte und sprach weiter. »Ich hoffe, ihr wisst jetzt, dass ihr mir vertrauen könnt. Ich war einmal ein guter Jäger und im Herzen bin ich es immer noch, auch wenn ich jetzt Jagd auf das Blut von Verbrechern und Mördern mache, statt auf Nachtwandler. Irgendwie muss ich ja schließlich überleben.« Den letzten Satz murmelte er leise vor sich hin. »Außerdem kämpfe ich für eure Freiheit. Damit ihr endlich ohne Angst vor dem Venatorium leben könnt.«
Ennis schüttelte fassungslos den Kopf. »Du weißt schon die ganze Zeit Bescheid und hast mir nichts gesagt«, rief er außer sich vor Wut, sprang auf und warf seine Tasse in den Kamin, die dort klirrend zerschellte.
Vor lauter Schreck zuckte Una zusammen, so wütend hatte sie Ennis noch nie erlebt.
»Ich durfte es dir nicht sagen«, entgegnete Mark. »Dein Vater wollte es nicht. Ich sollte dich nur in Situationen bringen, in denen du nicht anders konntest, als deine Kräfte zu nutzen. Du solltest endlich erkennen, wozu du geboren wurdest.«
Ennis stützte sich mit beiden Händen am Kaminsims ab und versuchte, seine Wut unter Kontrolle zu bekommen, sonst würde er Mark eigenhändig in Stücke reißen. »Also war es auch kein Zufall, dass ich dich damals in der Gosse gefunden habe?«
Mark schüttelte den Kopf. »Er hat mich auf dich angesetzt. Ich soll auf dich aufpassen.«
»Ich hätte dich damals kalt machen sollen«, presste Ennis zwischen den Zähnen hervor.
»Aber du konntest es nicht«, erwiderte Mark leise.
»Ich würde es tun, und zwar ohne zu zögern«, warf Una ein.
Mark bedachte sie mit einem vernichtenden Blick.
Ennis Gesicht war immer noch wutverzerrt, während er in das Kaminfeuer blickte und nachdachte. Da fiel ihm etwas ein. »Moment mal …« Er drehte sich zu Mark um. »Hast du nicht gesagt, dass meine Mutter auch eine Ursprüngliche war? Wie konnte sie dann von einem Nachtwandler getötet werden?«
Mark wand sich sichtlich unbehaglich auf der Couch und vermied es, Ennis direkt anzusehen. »Es war kein Nachtwandler, Ennis.«
»Wer war es dann?«
»Es war eine Blutfee«, antwortete er nur widerwillig.
Ennis Wut war schlagartig verraucht. Nun stand er völlig niedergeschlagen da und ließ seine Schultern hängen. Mark hatte es ja vorhin gesagt - sein Leben war eine Lüge. Alles war nun infrage gestellt und nichts war wie vorher. Das, was er eben erfahren hatte, musste er erst einmal verdauen.
Una hatte die ganze Zeit nur still zugehört und meldete sich jetzt wieder zu Wort. »Was will dieses verdammte Biest eigentlich von Ennis?«, fragte sie scharf und schaute Mark mit funkelnden Augen an, in denen es gefährlich blitzte.
Ennis fiel plötzlich seine Tante ein. »Was ist mit Fiona, weiß sie auch Bescheid? Hat sie mich auch die ganze Zeit angelogen?«
Mark zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht, und das ist die Antwort auf beide Fragen. Aber ich wäre an deiner Stelle sehr vorsichtig, Jäger. Diese Blutfee, sie hat deinen Geruch. Sie kann dich überall finden.« Er schaute von Ennis zu Una und wieder zurück.
Ennis hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und nickte langsam. »Soll sie nur kommen, dann wird sie ihr blaues Wunder erleben.«
»Dein Vater möchte dich sehen, Alter. Wenn du zu ihm gehst, wird er dir bestimmt alles erklären können. Ich sollte dir nur helfen, dein Potenzial zu entdecken und dich schützen, so gut es geht.«
»Ach«, rief Ennis und der Ärger in ihm flammte erneut auf. »Jetzt, nach zweiundzwanzig Jahren will er mich endlich sehen, wo war er die ganze Zeit?« Er rieb sich über die Stirn. »Kannst ihm sagen, das ich es mir überlegen werde. Er soll aber nicht damit rechnen.«
»Jägerin«, wandte sich Mark dann an Una. »Wenn du Ennis wirklich liebst, dann hältst du deinen kleinen Mund. Kein Wort darüber zu irgendjemandem. Das Venatorium darf nichts erfahren.« Eindringlich schaute er ihr in die Augen und Una spürte, dass er es ernst meinte. Der Argwohn, den sie ihm gegenüber hegte, ließ ein wenig nach und sie nickte.
Mark stand auf, ging zu Ennis und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Ich werde David Hughes ausrichten, dass du es dir überlegen wirst.«
Ennis blickte Mark erstaunt an, als er zum ersten mal den Namen seines Vaters hörte.
»Wir sehen uns.« Mark drehte sich um und schon war er verschwunden, wie es so seine Art war. Kalte Nachtluft drang durch die Eingangstür, die nun sperrangelweit offenstand. Una ging hin, machte sie zu und lehnte sich einen Moment dagegen, denn auch sie musste erst einmal sacken lassen, was sie eben alles gehört hatte. Als sie wieder ins Wohnzimmer kam, saß Ennis auf der Couch und blickte nachdenklich ins Feuer. Seinen Waffengürtel hatte er auf den Couchtisch gelegt.
Una setzte sich neben ihn und lehnte sich an seine Schulter. Er legte die Arme um sie und hielt sie ganz fest. So saßen sie eine Weile da und hingen ihren Gedanken nach.
»Du bist doch aber noch meine Una Somner, die kleine Jägerin, in die ich mich verliebt habe?«, fragte Ennis leise.
Sie nickte schmunzelnd. »Ja, das bin ich. Da gibt es keine unliebsamen Enthüllungen meinerseits.«
Eng umschlungen saßen sie da und sahen dem lodernden Feuer zu. Als es nur noch glimmte und schließlich ganz erlosch, waren beide schon tief und fest eingeschlafen.