Feenblut

Aileana Blair · Kapitel 7 von 16

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Feenblut

Sieben

 

Er hörte Schritte und sein Herz setzte beinahe aus. Vor Nervosität stand ihm der kalte Schweiß auf der Stirn. Die Tür wurde geöffnet und eine junge Frau sah ihn freundlich an.

Ennis war perplex, er hatte fest damit gerechnet, dass sein Vater öffnete. Gerade wollte er den Mund aufmachen und nach David fragen, als sie erstaunt feststellte: »Meine Güte, du bist deinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.« Sie winkte ihn herein. »David erwartet dich schon.« Damit schloss sie die Tür hinter Ennis und zeigte ihm die Garderobe, wo er seine Jacke aufhängen konnte.

»Wow«, entfuhr es der Frau mit Blick auf seinen Waffengürtel. »So eine Axt hätte ich auch gerne. Die gleitet doch bestimmt wie Butter durch den Hals von einem Blutsauger?«

»Ähm ...« Ennis sah verwirrt aus, auf solch ein Geplapper war er nicht vorbereitet.

»Entschuldige«, sagte sie und lächelte, als sie seine Verwirrung bemerkte. »Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Kayla Dawson. Auch eine Ursprüngliche.« Dann legte sie leicht ihre Hand in seinen Rücken und führte ihn in einen schmalen Flur. »Die letzte Tür links, da findest du David.« Sie nickte ihm aufmunternd zu, drehte sich um, lief zurück durch den Eingangsbereich und verschwand in einer Tür.

Ennis wappnete sich innerlich, holte tief Luft und lief den Flur entlang, bis er vor der besagten Tür stand. Gleich würde er seinen Vater kennenlernen. Seine Nervosität wuchs wieder, sein Herz pochte wild und er wischte seine feuchten Handflächen an der Hose ab. Dann klopfte er zaghaft an.

»Herein«, hörte er eine tiefe, angenehme Stimme.

Ennis drückte die Klinke und trat ein. Er schloss die Tür hinter sich und sah sich um. Das Zimmer war groß und luftig. Links befand sich eine Fensterfront, die alles in winterlich helles Licht tauchte. Die Wand ihm gegenüber bestand fast nur aus Regalen voller Bücher, davor stand ein riesiger, altmodischer Schreibtisch, auf dem sich ein Laptop und jede Menge Akten und Unterlagen befanden. Rechts gab es einen großen Kamin, in dem ein warmes Feuer prasselte, davor eine gemütliche Ledercouch und ein kleiner Tisch.

David Hughes stand vor dem Kamin, die Hände in den Hosentaschen und schaute ihn ebenfalls nervös an.

Ennis wusste nicht, was er sagen sollte, sondern musterte ihn nur – das war also sein Vater. David war mittleren Alters, fast so groß wie er selbst und hatte jede Menge Lachfältchen um die braunen Augen. Sein Haar war ebenfalls braun, doch er trug es länger und hatte es im Nacken zusammengebunden. An den Schläfen zeigten sich erste graue Strähnen. Es war als blickte Ennis in ein älteres Spiegelbild seiner selbst, er hatte nicht gewusst, dass die Ähnlichkeit zu seinem Vater so frappierend war.

»Hallo Ennis«, sagte David leise, mit angenehm tiefer Stimme, und durchbrach die betretene Stille. Er musste schlucken, weil er überwältigt war, endlich seinen Sohn zu sehen. »Das letzte Mal, als ich dich sah, warst du noch ein Baby.«

Ennis räusperte sich verlegen. Er ging näher zu David, seine Nervosität legte sich langsam. Auch David beäugte ihn neugierig.

Es war ein komisches Gefühl, vor seinem Vater zu stehen. Ennis war befangen, wusste nicht, was er sagen oder tun sollte. Bei jedem anderen hätte er einfach gegrüßt und eine Unterhaltung angefangen, aber so locker konnte er nicht auf David zugehen. Einfach weil er sein Vater war, den er sein Leben lang vermisst hatte. Ennis hob fragend die Augenbrauen. »Du hast mich also schon einmal gesehen?«

»Natürlich«, antwortete David leise. »Ich war mit Jane – deiner Mutter – im Kreißsaal, als du geboren wurdest. Ich habe deine Nabelschnur durchtrennt und dich dann gebadet. Du warst so klein und zerbrechlich, ich habe dich vom ersten Moment an geliebt.«

Das hatte Ennis nicht gewusst. Er schluckte schwer, als er das hörte.

»Setz dich doch.« David zeigte auf die Couch, dann ging er schnell zu seinem Schreibtisch und holte etwas aus einer Schublade hervor. Er kam zurück und setzte sich neben Ennis. Dann gab er ihm ein Bild, und als Ennis es betrachtete, stockte ihm der Atem. Er erkannte seine Mutter, die in einem Krankenhausbett saß mit ihm als Baby im Arm. Daneben saß David und hielt sie fest. Die beiden lächelten glücklich in die Kamera. Ennis schossen bei diesem Anblick Tränen in die Augen und er konnte kaum noch etwas erkennen. Er vermisste seine Mutter so sehr. Dieses Foto zu sehen machte ihm mehr denn je klar, dass sie nie wieder zurückkommen würde. Schnell wischte er die Tränen fort und fasste sich wieder.

David schluckte, als er bemerkte, wie sehr Ennis berührt war. »Meinst du wirklich, ich hätte dich und deine Mutter vergessen, euch einfach im Stich gelassen? Nein, niemals.«

Ennis gab ihm das Foto zurück. Das Feuer knisterte leise und war für ein paar Minuten das einzige Geräusch, das zu hören war. Die Wärme, die es verströmte und sich wie eine Decke über Ennis legte, tat gut. »Aber das hast du«, entgegnete er. »Ich kannte bis gestern nicht einmal deinen Namen.« Er schaute David vorwurfsvoll ins Gesicht. »Warum hat sie nie etwas von dir gesagt? Wieso hat Fiona geschwiegen? All die Jahre habe ich immer nur dasselbe gehört, jedes Mal wenn ich fragte, und sie hat es ebenfalls die ganze Zeit gewusst. Ist sie auch eine Ursprüngliche?«

David nickte und sah Ennis betrübt an. »Deine Mutter und auch Fiona hassten ihre Blutlinie. Fiona versuchte sich, so gut es ging aus der ganzen Sache rauszuhalten und Jane verstand das. Deine Mutter war eine mächtige Jägerin – ein Slayer. Sie war besser als ich, konnte allein mit der Kraft ihrer Gedanken einen Nachtwandler außer Gefecht setzen. Trotzdem wollte sie nur ein normales Leben, besonders als du geboren wurdest. Sie wollte nichts mehr wissen von alledem, und sie hatte große Angst vor dem Venatorium. Deswegen hat sie mich damals fortgeschickt, obwohl ich es nicht wollte. Du solltest ganz normal aufwachsen.« David seufzte. »Sie hätte dir alles gesagt, sobald der Jäger in dir erwacht wäre, hätte dich eingewiesen und ausgebildet, doch leider …« Er sagte einen Moment lang nichts und schaute gedankenverloren ins Feuer, dann fuhr er fort. »Ich habe versucht sie davon abzubringen, auf keinen Fall wollte ich sie alleine lassen – schon gar nicht mit einem Kind. Doch sie wollte nichts davon hören. In der Hinsicht bist du wie sie, Ennis. Sie hätte alles dafür gegeben ein normales Leben zu führen, aber sie war ein Slayer, eine Ursprüngliche, so wie du. Am Ende gab ich nach, schweren Herzens. Ich habe Jane geliebt, was sollte ich also tun? Alles, was mir noch blieb, war finanziell für euch zu sorgen, damit es euch an nichts fehlt.« David blickte Ennis ernst an. »Es ging einzig und allein um deine Sicherheit. Alles nur, damit du vor dem Venatorium sicher bist. Glaube mir, es fiel uns wirklich nicht leicht.«

Ennis kochte langsam über vor Wut. Er konnte es nicht mehr hören, dieses Wort: Venatorium. Er hatte nicht wenig Lust, es einfach in die Luft zu sprengen.

David fuhr fort: »Als deine Mutter starb, hat Fiona für dich gesorgt, ihr Bestes versucht, dich zu einem Jäger auszubilden, aber nach all der Zeit hielt auch sie es für besser, wenn du erst einmal nichts von mir erfährst, dass alles so bleibt, wie es ist.«

Ennis schwieg eine ganze Weile. Er konnte David keinen Vorwurf mehr machen und auch nicht wütend auf ihn sein. Seine Mutter, wie auch Fiona, hatten die Schuld daran zu tragen, dass er nie etwas von seinem Vater gewusst hatte. Auch wenn sie es nur gut gemeint hatten und ihn nur schützen wollten, waren sie es gewesen, die den Kontakt zu seinem Vater verhindert hatten. Es war jetzt auch egal. Alle hatten es immer nur gut gemeint, ob es nun gut war oder nicht. Wenigstens wusste er jetzt Bescheid und konnte sich auf dringendere Probleme konzentrieren.

»Gut«, meinte Ennis dann. »Ich danke dir, dass wenigstens du so ehrlich warst, und mir alles gesagt hast. Aber bitte erwarte nicht von mir, dass ich dich jetzt ›Dad‹ nenne.« Sein Blick ruhte auf David, der ein vorsichtiges Lächeln zeigte. Es war genauso schief, wie das von Ennis, der daraufhin zurücklächelte.

»David reicht vollkommen.« Sein Lächeln wurde breiter, »Ich werde gar nicht erst versuchen, mich wie dein Vater aufzuführen. Fürs Erste reicht es, wenn wir Freunde sind.« Er hielt Ennis die Hand hin.

Der zögerte einen Moment und schlug dann ein. »Okay. Damit bin ich einverstanden.«

Sie lächelten sich an und waren erleichtert, den ersten Schritt hinter sich zu haben.

Ennis dachte über all das nach, was ihm David eben erzählt hatte, bis seine Gedanken am Venatorium hängen blieben. »Was will dieses Venatorium eigentlich von uns?« Er blickte David fragend an. »Wenn es doch eine Vereinigung der Jäger ist, sollten wir doch eigentlich nichts zu befürchten haben. Wir sind schließlich auch Jäger.«

»Da hast du natürlich recht«, erwiderte David seufzend. »Als Jäger kannst du vom Venatorium jede Hilfe bekommen, die du brauchst. Man kann eine professionelle Kampfausbildung dort machen, kann alles über die verschiedenen übernatürlichen Wesen lernen, wie man sie am besten vernichtet und man kann etwas über die Geschichte der Jäger erfahren. Die haben Aufzeichnungen, welche fast siebenhundert Jahre zurückreichen.«

»Wow«, meinte Ennis anerkennend. »Siebenhundert Jahre Jägergeschichte.«

»Hat dir Fiona jemals die Entstehungsgeschichte der Jäger erzählt?«

Ennis runzelte die Stirn. »Nein, ich dachte, uns gibt es schon immer, so wie die Nachtwandler und Werwölfe oder die Dämonen.«

»Nein, mein Junge«, David schüttelte langsam den Kopf. »Uns gibt es erst seit circa tausend Jahren. Wir stammen in direkter Linie von den Sídhe ab.«

Ennis gefror das Blut in seinen Adern, als er diese Worte hörte. Ungläubig blickte er seinen Vater an. »Das meinst du doch nicht ernst?«

Aber David nickte. »Doch, es ist so, Ennis. Und deswegen haben wir diese besonderen Kräfte, sind stärker und schneller als jeder andere Jäger. Wir haben reines Feenblut in den Adern. Deswegen würde das Venatorium am liebsten einen der Ursprünglichen in die Finger bekommen, um unsere Kräfte zu erforschen.«

Ennis war wie vor den Kopf geschlagen. Wenn das, was sein Vater da erzählte die Wahrheit war, dann konnte er seinem Schicksal nicht entkommen. Er würde nie ein normales Leben führen können, diesen Gedanken musste er sich langsam aber sicher aus dem Kopf schlagen. Mark hatte recht gehabt, sein Leben würde von jetzt an nie wieder so sein, wie es einmal war.

David bemerkte Ennisʼ inneren Aufruhr und legte ihm tröstend eine Hand auf den Arm.

Der schüttelte heftig den Kopf. Er wollte das alles gar nicht wissen. Hastig stand er auf, lief zu den deckenhohen Fenstern auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes, und schaute hinaus. Die Straßen waren schneebedeckt, die grauen Wolken am Himmel gaben der Sonne keine Chance und kündeten von neuerlichem Schneefall.

Wir haben reines Feenblut in den Adern. Dieser Satz hallte wie ein Echo in seinem Kopf wider. Ennis sollte von so einer Kreatur abstammen? Das konnte einfach nicht sein. Fühlte er sich deswegen so zu dieser Fee hingezogen? In seinem Kopf herrschte heilloses Durcheinander, in seinem Brustkorb wurde es zu eng und er bekam kaum noch Luft. Ennis schloss die Augen und atmete tief ein, um sich irgendwie zu beruhigen und wieder einen klaren Gedanken fassen zu können. Er straffte die Schultern und wandte sich wieder zu David. »Wie wurden die Jäger erschaffen?«

David stand auf. Hinter ihm prasselte das Kaminfeuer dessen Schein ihn umgab, wie eine brennende Aura. Es wirkte wie eine Vision von etwas Unheilvollem. »Zuserst möchte ich dir die anderen vorstellen«, sagte er und ging zur Tür, öffnete sie und wartete auf Ennis. Den Blick auf David gerichtet ging er langsam an ihm vorbei, durch die Tür.