Feenblut
Zwölf
Ennis blickte aus dem Fenster und sah zu, wie hinter den Hügeln die Sonne langsam aufging. Die Tür wurde geöffnet und Naoise kam herein.
»Ich habe von dir geträumt«, hörte er ihre rauchige Stimme und die leisen Geräusche ihrer Füße auf dem Boden, während sie langsam auf das Bett zu ging, bis sie vor ihm stand. Ihr Schatten fiel auf Ennis und er lächelte sie an. Sie war so wunderschön, ihr unglaublich langes Haar schimmerte im hellen Licht wie Gold und sie trug ein weißes, fast durchsichtiges Kleid. Unter dem Stoff waren die Konturen ihres Körpers genau zu erkennen.
Naoise neigte den Kopf zur Seite und sah ihn an. »Du hast dich verändert«, stellte sie fest. »Ich spüre keine Traurigkeit mehr in dir, keine Angst, keine Wut.«
Ennis setzte sich auf und blickte direkt in ihre ungewöhnlichen Feenaugen. Er stieg aus dem Bett und stand dann direkt vor ihr. Sanft nahm er ihr Gesicht zwischen seine Hände.
»Ich fühle es«, flüsterte sie. »Es kommt aus deinem Inneren.« Naoise ergriff sein Handgelenk und roch seine Haut. »Du riechst wie ich.« Sie durchbohrte mit den Zähnen die Haut und nahm sein Blut. »Du schmeckst wie ich.« Sie leckte über ihre Lippen. »Du bist wie ich.«
Er legte seinen Arm um ihre Taille, die andere strich an ihrem Hals entlang. »Nein«, hauchte er an ihr Ohr. »Ich bin nur ein Mensch.« Seine Hand glitt weiter über ihre Brust, bis hinunter zu ihrem Bauch. »Erfüllt von deiner Magie und deinem Zauber. Du veränderst mich.« Er hielt inne und spreizte die Finger über ihren Unterleib.
Naoise nickte. »In mir entsteht eine neue Existenz.«
Ennis schloss die Augen. Wenn er sich ganz stark konzentrierte, konnte er den kleinen, schnellen Herzschlag in ihr hören. Es lebte in ihr, dieses Wesen, welches er gezeugt hatte. Ennis war überwältigt, sein Atem ging schneller, damit hatte er nicht gerechnet. Er sah Naoise freudig überrascht an.
»Ich verspüre Angst.« Leise kamen die Worte aus ihrem Mund.
»Warum?«
»Es ist das erste Mal, dass ich eine neue Existenz erschaffe. Mutter hat etliche verloren, bevor sie uns gebar.«
»Gibt es noch mehr von euch?«
»Es gibt zu wenige wie dich, stark und mit reinem Blut. Nur sie können neues Leben in uns wachsen lassen.«
Ennis nahm sie in die Arme, er sandte ihr jedes Gefühl, das er empfand. »Hab keine Angst«, flüsterte er ihr zu. »Ich bin Ennis MacKenna, direkter Nachfahre von Erin, der ersten Jägerin. Alles wird gut.«
Sie verschränkten ihre Finger ineinander und sanken aufs Bett, wo sich ihre Lippen zu einem zarten Kuss fanden.
* * *
Mark stand vor dem großen, hölzernen Eingangsportal der Kirche und war erstaunt, Aidan hier vorzufinden. Konnte er überhaupt eintreten? Das hier war geweihter Boden und er war ein Blutsauger. Dass er hier nicht Willkommen war, konnte er deutlich fühlen, doch er musste zu Aidan. Er war der Einzige, der ihnen jetzt noch helfen konnte.
Also stieß er die Tür auf und laut knarrend gab sie den Blick ins Innere frei. Am gegenüberliegenden Ende konnte er den reich geschmückten Altar erkennen, über dem an der Wand ein großes, hölzernes Kreuz hing. Der Anblick tat seinen Augen weh und er senkte den Blick. Mark trat ein und es fühlte sich an, als ob er gegen eine Wand aus Gummi lief, die ihn wieder zurückdrängen wollte, hinaus aus diesem heiligen Ort, an dem er nichts zu suchen hatte. Auf seiner Haut breitete sich ein brennendes Gefühl aus, als ob er einen fürchterlichen Sonnenbrand bekam, doch er setzte tapfer einen Fuß vor den anderen und kämpfte sich weiter voran.
Er entdeckte Aidan, der einsam im rechten Teil der Kirche auf einer hölzernen Bank saß und sich nicht einmal nach ihm umblickte. »Wesen der Dunkelheit sind hier nicht Willkommen«, hallte seine samtene Stimme durch die Kirche. »Das weißt du doch, Mark.«
Auf einmal war das Gefühl, wie gegen eine Wand zu laufen weg, genau wie das Brennen auf Marks Haut und auch der Blick auf das Kreuz über dem Altar, tat seinen Augen nicht mehr weh. Er konnte ganz normal weiter gehen und sich dann neben Aidan auf die Bank setzen. Er musste irgendetwas getan haben, um ihn vor den Auswirkungen dieses Ortes zu schützen.
»Wir brauchen deine Hilfe«, sagte Mark ohne Umschweife. »Naoise hat Ennis entführt, und wir können ihn nirgends finden. Selbst ich kann keine Spur von ihm entdecken. Bitte hilf uns.«
»Natürlich könnt ihr ihn nicht finden«, antwortete Aidan ohne Mark anzusehen. »Denn er ist nicht hier, sondern in einer Art Zwischenwelt, außerhalb der Zeit.«
Mark seufzte und rieb sich verzweifelt mit der Hand über die Stirn. »Und wie können wir ihn zurückholen?« Er sah Aidan flehend an.
»Gar nicht. Er muss sich selbst daraus befreien, oder eine Fee muss ihn wieder in diese Welt schicken.«
Bei diesen Worten fühlte Mark sich wie am Boden zerstört. Es schien hoffnungslos zu sein und er stöhnte laut auf. »Aber man muss doch irgendetwas tun können, du kannst etwas tun, Aidan!«, rief er und packte ihn am Arm. Aidan warf ihm einen finsteren Blick zu und Mark ließ sofort seinen Arm wieder los. Leiser fuhr er dann fort: »Du bist eine Fee, Aidan. Du kannst dorthin und ihn zurückholen.«
Er antwortete nicht, sondern blickte wieder nach vorne auf das Kreuz. Nach einer ganzen Weile sagte er dann: »Er ist an einem Ort, den Aileána für sich beansprucht.«
»Soll das etwa heißen, du willst uns nicht helfen?« Entrüstet sah Mark ihn an. »Das glaube ich jetzt nicht ...«
»Ich habe meine Schwester seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen. Ich spüre auch kein Verlangen danach. Sie ist Schuld an meinem Schicksal, das ich nie gewollt habe und ich habe geschworen, dass sie mich nie wiedersehen wird.«
»Und was ist mit uns, deinen Slayern, wie du immer sagst? Willst du Ennis einfach seinem Schicksal überlassen? Er könnte sterben«, warf Mark ihm mit unverhohlenem Ärger vor. »Das willst du also einfach so in Kauf nehmen?«
Aidans perliges Lachen hallte durch die Kirche. Amüsiert blickte er Mark an. »Ennis wird nicht sterben. Er ist ein starker Jäger, stärker als alle anderen.«
»Das beruhigt mich überhaupt nicht. Verdammt noch mal, ich muss doch irgendetwas unternehmen.«
Aidan legte einen Finger an seine Lippen. »Psst, wir sind hier in einer Kirche, da flucht man nicht.«
Mark seufzte und versuchte, seine Wut auf Aidan zu unterdrücken. »Dann bring mich an diesen Ort und verschwinde von mir aus wieder von dort. Aber lass mich jetzt nicht hängen, Aidan. Ich flehe dich an!«
»Wieso willst du ihm unbedingt helfen, Mark? Hast du kein Vertrauen in seine Kräfte? Glaube mir, er ist mehr als fähig, mit ihnen fertig zu werden.«
Mark druckste herum und wollte nicht so recht mit der Sprache heraus. Er sah sich in der Kirche um, betrachtete die großen Buntglasfenster und die Nischen, in denen verschiedene Heiligenstatuen standen, zu denen man beten konnte. Das Taufbecken stand rechts vom Altar und war mit einer verzierten Abdeckung versehen. Dann sah er auf seine Hände, die in seinem Schoß lagen und fing an, zu erklären: »Naoise hatte es auf mich abgesehen. Sie war schon lange hinter mir her und hat mich verfolgt. Es fiel mir immer schwerer, ihr zu widerstehen. Als wir nach Dublin zu David gingen, dachte ich, ich wäre sie endlich los, doch auch hier fand sie mich. Und als David noch andere Slayer ausfindig machen wollte, kam ich auf die Idee, mich als Köder anzubieten. Mich wandeln zu lassen, um Jäger auf mich aufmerksam zu machen und so die Slayer zu David bringen zu können. Ein anderer Grund war, mich für Naoise uninteressant zu machen. Als Nachtwandler konnte ich endlich ihrer Anziehungskraft entkommen.« Mark seufzte tief. »Es war der größte Fehler meines Lebens. Ich kann nicht mit Kayla zusammen sein, weil mir ständig nach ihrem Blut dürstet, und sie hat ständig den Drang, mich zu töten. Das würde sie ohne zu zögern tun, wenn ihre Kräfte die Kontrolle übernehmen. Doch Naoise hat tatsächlich von mir abgelassen, sie kann nichts mit einem unreinen, untoten Nachtwandler anfangen. Aber irgendwie hat sie Ennis entdeckt und jetzt hat sie ihn sich geschnappt. Ich muss ihm helfen, Aidan. Verstehst du das jetzt?«
Er nickte und sah Mark ins Gesicht. »Und du meinst wirklich, dass du als Nachtwandler gegen mehrere Feen ankommen könntest?«
Marks Augen wurden groß und er zog überrascht die Augenbrauen hoch. »Mehrere ...?«, flüsterte er.
»Ja, mehrere«, meinte Aidan. »Oder dachtest du, Naoise, ich und meine Zwillingsschwester wären die Einzigen?«
Marks Hoffnungen schwanden dahin, und er wusste nicht mehr weiter. Damit hatte er nicht gerechnet und musste Schlucken.
»Aileána hat einen Weg gefunden, neue Feen auf die Welt zu bringen, ich bin daran nicht ganz unschuldig.« Er senkte den Blick und betrachtete seine Hände, die in seinem Schoß lagen. »Meistens leben sie in der Zwischenwelt. Sie verstecken sich dort vor den Menschen und warten darauf, in die Anderswelt eintreten zu können, aus der Aileána und ich damals verbannt wurden. Aileána wünscht sich nichts sehnlicher, als wieder mit Uliez vereint zu sein, dem Prinz der Feen, der mich damals auf ihr Geheiß hin ebenfalls verwandelte. Den ich aus Wut darüber so erzürnte, dass er uns mit Verbannung strafte. Mir war es gleich, mein Leben war vorbei, meine große Liebe Morrigan war für mich verloren. Ich tötete sie sogar, damit ihr nicht dasselbe Schicksal bevorstand. Ich war gerade als Fee geboren worden und konnte meine Kräfte und den Hunger nach Blut nicht einschätzen. Als ich begriff, was ich angerichtet hatte, weinte ich bittere Tränen über ihren Tod. Jedoch ohne es zu wissen, brachten meine Tränen sie ins Leben zurück. Da sie vor ihrem Tod schon schwanger gewesen war, ohne es zu ahnen, gebar sie daraufhin meine Tochter Erin. Die erste Jägerin in dieser Welt.«
Mit schmerzverzerrtem Mund ging Aidans Blick ins Leere, als ob er alles wieder vor sich sah, es noch einmal durchlebte. Er erzählte weiter. »Für Aileána brach die Welt zusammen, als sie merkte, dass sie nie wieder mit Uliez vereint sein konnte. Ich hatte ihr diesen Weg genommen und sie hasste mich dafür. Sie war so wütend auf mich, ich lief davon und wollte sie nie wiedersehen. Damals trieb mich mein Bluthunger immer wieder in die Dörfer der Menschen und eines Tages fand ich Morrigan wieder. Mit einem kleinen Mädchen auf dem Schoß saß sie im Gras und sang ein altes Kinderlied. Wie vom Donner gerührt versteckte ich mich hinter einem Baum und konnte es nicht glauben. Wie konnte es sein, dass sie lebte und ein Kind hatte? Ich wusste es nicht, bis mir einfiel, dass bei ihrem Tod meine Tränen auf sie gefallen waren. Unbewusst musste ich sie damit wieder zum Leben erweckt haben.«
Aidans Gesicht erhellte sich, als er von Morrigan und seiner Tochter erzählte, Kristalltränen rannen aus seinen Augen und ein seltsames Leuchten breitete sich in ihm aus, »Das Mädchen sah aus wie ich, hatte mein schwarzes Haar und meine Augen. Ich konnte es nicht fassen, Morrigan lebte und hatte ein Kind von mir. Ich wollte zu ihr laufen, sie und mein Kind in den Arm nehmen und festhalten, aber ich brachte es nicht übers Herz. Zu gut erinnerte ich mich an Morrigans Reaktion auf mich, die Angst in ihren Augen, als sie mich sah – das Monster, welches ich geworden war. Also blieb ich im Verborgenen, doch war seitdem immer in ihrer Nähe, beobachtete sie und wachte über sie und meine Tochter. Manchmal des Nachts schlich ich in ihr Haus und betrachtete sie im Schlaf. Ich strich meiner Tochter übers Haar und flüsterte ihr liebevolle Worte zu. Auch Morrigan flüsterte ich manchmal zu, dass ich sie liebte. Dann wachte sie am nächsten Morgen weinend auf, weil sie von mir geträumt hatte.«
»Also war meine Existenz nicht nur schlecht, ich war nicht nur ein grausames Monster, sondern die Kräfte, die ich in mir hatte, konnten auch Gutes bewirken. Ich sah meine Tochter aufwachsen und als sie in die Pubertät kam, begann sie, die Wesen der Dunkelheit aufzuspüren und zu vernichten. Es schien ein natürlicher Trieb in ihr zu sein und sie gewann jeden Kampf. Ich war stolz auf sie und wusste, dass sie ein glückliches Leben führen würde. Deswegen bin ich hier, bei den Jägern, die direkt von meiner Linie abstammen, ihr seid meine Nachkommen. Aileána aber fand einfach keinen Sinn in ihrer Existenz. Sie war einsam und suchte mich irgendwann auf. Sie verlangte unter Tränen von mir, ihr zu helfen – und ich tat es, warum auch immer. Vielleicht, weil sie meine Zwillingsschwester war und ich sie nicht leiden sehen konnte. Doch danach war meine Scham so groß, dass ich fortrannte und sie seitdem nie wieder sah. Ich weiß aber, dass sie ein Zwillingspärchen gebar, meine Kinder, Naoise und Niall. Jedoch wollte ich sie nie sehen und auch Aileána nicht. Deswegen ging sie auf die Suche nach den stärksten Slayern, da sie wusste, dass sie von mir abstammten, und versuchte sich mit ihnen zu paaren. Es gelang ihr nur bedingt. Sie will sich ihr eigenes Reich schaffen, noch mehr Feen in die Welt setzen und dazu braucht sie die Slayer. Ich weiß jedoch, dass ihr das nicht gelingen kann und ich weiß auch, dass sie all das nur tut, weil sie Uliez nicht vergessen kann.« Nach dieser langen Erzählung holte Aidan erst einmal tief Luft und verfiel dann in Schweigen.
Auch Mark sagte nichts und dachte über das nach, was er eben gehört hatte. Gedankenverloren nahm er einige der Tränen von Aidan zwischen die Finger und verrieb sie zu glitzerndem Staub. Nach einer Weile meinte er dann: »Aidan, vielleicht wäre es mal an der Zeit für eine Aussprache zwischen euch. Ihr seid Geschwister, in jeder Familie gibt’s doch mal Streit. Und während ihr eure Sache klärt, hole ich Ennis zurück. Du bist doch der Einzige, der Aileána gewachsen ist, was können wir schon gegen sie ausrichten? Wir mögen zwar die Ursprünglichen sein, aber gegen euch haben wir so gut wie keine Chance. Wir brauchen Hilfe.« Inständig flehte er Aidan an.
Der blickte immer noch geradeaus, betrachtete den Altar und das große Holzkreuz, an dem ein für die Sünden der Menschheit blutender Jesus Christus hing. »Ich werde Aileána nicht mehr unter die Augen treten. Sie hat keinen Bruder mehr. Ich kann dir nicht helfen, Mark.« Seine Stimme klang hart. Der samtene, weiche Ton, der sonst darin lag, war verschwunden.
In Mark kroch Ärger hoch, der sich langsam zu Wut wandelte. Das hatte er von Aidan nicht erwartet. Er war immer auf der Seite der Slayer gewesen, hatte geholfen wenn es nötig war, und jetzt, wo sie seine Hilfe am dringendsten brauchten, versagte er ihnen diese. »Denk doch mal an David«, unternahm er einen letzten Versuch, Aidan umzustimmen. »Er ist am Boden zerstört, weil sein Sohn entführt wurde und vielleicht sterben wird.«
Aidan erwiderte nichts, saß nur da und schwieg beharrlich. Er hatte alles gesagt, was er zu sagen hatte.
Mark holte Luft und seufzte dann. »Okay, du willst also wirklich nicht«, presste er zwischen den Lippen hervor. »Dann lässt du mir keine andere Wahl.« Er erhob sich und blickte auf Aidan hinab, der ihn immer noch nicht ansah.
Der Feentanz konnte beginnen.
Mark konzentrierte sich und sammelte all seine Kräfte, und davon hatte er Einige. Er war ein Nachtwandler und ein Jäger, und Aidan hatte ihm damals nach seiner Wandlung einen Teil seiner Kraft geschenkt. Außerdem hatte er Naoises Blut in sich, von der er getrunken hatte, als er ihr in seiner ersten Nacht als Blutsauger begegnet war. Er wusste, wenn er Ennis helfen wollte, brauchte er mehr – viel mehr.
Aidan merkte plötzlich, dass Mark etwas vorhatte, sprang auf und sah ihn an. Mark fletschte knurrend die Fangzähne und sein hungriger Blick klebte an ihm, als er zurückwich.
Doch mit einem Satz war Mark bei ihm und biss in seinen Hals. Aidans schwarzes Blut schoss hervor, Mark zog seinen Kopf an den Haaren zurück und trank, soviel er konnte.
Aidan schrie laut auf, mit diesem Angriff hatte er nicht gerechnet. Er stieß Mark mit aller Kraft von sich. Der flog ein paar Meter weit und krachte dann durch eines der Buntglasfenster. Unsanft landete er draußen vor der Kirche im Gras, umgeben von den Glassplittern des Fensters. Sofort sprang er auf die Füße und war mit einem Satz wieder in der Kirche. Erneut fühlte er das Brennen auf seiner Haut und verspürte den Drang, diesen heiligen Ort auf der Stelle zu verlassen, doch diesmal bedeutend schwächer und er ignorierte es einfach. Alles, was er wollte, war Aidans Blut und er würde nicht aufgeben, bis er es hatte.
Aidan war mittlerweile zum Altar zurückgewichen. Er spürte Marks Entschlossenheit und dass er ebenfalls alle Kräfte aufbringen musste, um mit ihm fertig zu werden. Plötzlich merkte er, wie sein Körper schwächer wurde, etwas zog und zerrte an seinem Inneren und Aidan versuchte, dagegen anzukämpfen. Er blickte in Marks Augen, die ihn wild funkelnd ansahen.
Irgendwie erfüllte es Aidan mit Stolz, zu sehen, dass Mark, trotzdem er sein menschliches Dasein aufgegeben hatte, immer noch ein Slayer durch und durch war.
Mark lief mit langsamen Schritten auf Aidan zu, hielt ihn immer im Blick und brachte all seine Kräfte auf, um ihn zu schwächen. Der Geschmack des Feenblutes lag immer noch in seinem Mund und er wollte alles haben. Die Wirkung war wie eine Droge und die Kräfte, die es ihm verlieh, waren enorm. Mark wollte diese Macht. Er brauchte sie, um Ennis helfen zu können.
Der typische Feengeruch nach Honig und Butter hing schwer in der Kirche, doch Mark verspürte nur eine leichte Übelkeit deswegen. Er machte noch einen Schritt auf Aidan zu und blieb dann stehen. Er konnte die Anspannung in ihm sehen, als er versuchte, gegen ihn anzukämpfen.
»Diesmal wirst du den Kürzeren ziehen, Aidan«, sein Ton klang zuckersüß. »Du wirst heute Nacht verlieren.«
Aidan erwiderte nichts darauf, glaubte ihm das sogar. Er überlegte, ob er es Mark schwer machen und alles aufbringen sollte, was er zu bieten hatte, oder ob er sich ihm einfach kampflos ergeben sollte.
Auf einmal hörte er Marks Stimme, die ein altes irisches Wiegenlied summte, welches er sogar noch aus seiner Kindheit kannte. Seine Mutter hatte es ihm und Aileána immer vorgesungen, als sie noch klein waren. Aidan hörte gebannt zu, die Melodie drang in seinen Kopf und seinen Körper, erfüllte ihn mit einem Gefühl von Glück, welches er nie wieder loslassen wollte.
Er stand wie angewurzelt da, wie gebannt von dieser Melodie. Selbst als er Marks scharfe Reißzähne in seiner Haut spürte, konnte er sich nicht rühren.
Aidan ließ es geschehen und wehrte sich nicht. Er hatte dieses ewige Leben leid und wollte nach Hause, dorthin, wo jedes Lebewesen einmal hingehen musste. Glitzernde Tränen liefen ihm die Wangen hinab, während Mark seine Existenz in sich aufnahm, ihn immer weiter schwächte. »Endlich ist es soweit ...«, wisperte er, »endlich kann ich nach Hause gehen.«
Eine Gestalt tauchte vor ihm auf. Feuerrote Locken, Sommersprossen, und dieses wunderschöne Lächeln, welches er so lange vermisst hatte. Morrigan streckte ihre Hand nach ihm aus und wartete auf ihn.
Aidan klammerte sich an Mark, bis die erlösende Dunkelheit kam, in der er seiner geliebten Morrigan wieder begegnen würde. Er konnte es kaum erwarten ...