Feenblut

Aileana Blair · Kapitel 13 von 16

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Feenblut

Dreizehn

 

 

Naoise lag mit geschlossenen Augen neben Ennis und schlief. Gleichmäßig atmete sie und sah so friedlich aus, als ob sie kein Wässerlein trüben könnte. Er betrachtete sie eingehend. Ihr hellblondes Haar war so unglaublich lang, es floss über ihre Schultern und das Bett, wie ein goldener Schleier. Ihre Haut war wie Alabaster und schimmerte, wie Perlmutt.

Sein Blick glitt zu ihrem Bauch. Vor ein paar Stunden noch war er flach gewesen, doch jetzt wölbte er sich schon merkbar. Ennis fragte sich, wie lange solch eine Schwangerschaft wohl dauerte und wie ein Feenkind wohl auf die Welt kam, doch dann verzog er den Mund und wollte gar nicht darüber nachdenken. Dieses Kind, das da in ihr mit unglaublicher Geschwindigkeit heranwuchs, war Seins. Wie hatte es so weit kommen können? Hatte Naoise ihn wirklich so in ihren Bann gezogen, dass er gar nichts mehr mitbekommen hatte? Jetzt jedoch, war sein Verstand klar, er wusste, wer er war. Nur wo er war, das wusste er leider immer noch nicht.

Ennis sah wieder auf ihren Bauch, legte dann seine Hand vorsichtig darüber und schloss die Augen. Plötzlich fühlte er eine kleine, flatternde Bewegung und erschrak. Schnell nahm er die Hand zurück, sog scharf die Luft ein, stand auf und zog sich an. Er wollte weg von hier und musste einen Weg hinaus finden.

Leise ging er zur Tür. Diesmal war sie nicht verschlossen und Ennis trat hinaus in einen dunklen Flur, den er durchschritt. Am anderen Ende konnte er einen Lichtschein erkennen, auf den er zuging. Als er aus dem Flur hinaustrat, staunte er nicht schlecht. Er betrat eine riesige Eingangshalle und befand sich im oberen Stockwerk. Eine steinerne Freitreppe führte nach unten in die Halle, die ganz aus weißem Marmor bestand, selbst das Treppengeländer und die Balustrade. Ganz oben, an der gewölbten Decke hing ein riesiger Kronleuchter, dessen Kristalle in allen Regenbogenfarben schillerten. Der Hingucker aber war die hintere Front des Gebäudes. Diese bestand ganz aus Glas, das seltsam schimmerte, und der Ausblick daraus war einzigartig. Ennis stand der Mund offen, als er den großen Vollmond am Nachthimmel sah, der die dunklen Wiesen und Hügel Irlands beschien. Auf einem davon befand sich einer dieser uralten Steinkreise, der selbst von hier aus gut zu sehen war.

Auf einmal hörte er eine männliche Stimme: »Wunderschön, nicht?«

Ennis wandte seinen Kopf in die Richtung, aus der die Stimme kam und sah ein männliches Ebenbild von Naoise auf sich zukommen. Er musste ziemlich verdutzt drein geblickt haben, denn die männliche Fee fing leise an zu lachen.

»Sag bloß, meine Schwester hat dir nichts von mir erzählt? Typisch Naoise.« Seine Stimme war tief und sanft. Er stand jetzt direkt neben Ennis und sah ihm ins Gesicht. »Ich bin Niall, Naoises Zwillingsbruder.«

Ennis betrachtete ihn eingehend. Er war größer als er und hatte diese filigrane, schlanke Statur, die den Feen eigen war. Sein Gesicht glich Naoises, nur war es markanter, männlicher und er hatte dasselbe lange Haar wie sie. Gekleidet war er in hellem Stoff, der mit Goldstickereien verziert war.

Niall musterte ihn ebenfalls und plötzlich erhellte sich sein Blick, als ihm etwas einfiel. Seine Lippen kräuselten sich wie in Zeitlupe zu einem Lächeln, welches jedoch seine Augen nicht erreichte. »Du bist deiner Mutter ja wie aus dem Gesicht geschnitten.« Niall klang tatsächlich leicht überrascht bei dieser Feststellung.

Ennis runzelte die Stirn, ein ganz seltsames Gefühl beschlich ihn und sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Woher kannte er seine Mutter?

Als ob Niall seine Gedanken las, antwortete er: »Es ist schon eine Weile her, doch ich erinnere mich genau an sie, denn ich hatte sie erwählt. Sie sollte mein Blut weiterführen, doch sie wehrte sich.«

Ennis atmete tief ein und sein Mund verzog sich schmerzlich, als er begriff, was Niall ihm da erzählte. Er schaute hinaus, über das nächtliche Irland, und hörte weiter schweigend zu.

»Tapfere kleine Jägerin, sie war ein starker Slayer und fast hätte sie mich vernichtet. Mit ihrem hübschen, silbernen Dolch fügte sie mir eine schwere Wunde zu, die nicht heilen wollte. Mein Blut floss und ich wurde immer schwächer, das kannte ich vorher nicht. Ich bin eine Fee, unverwundbar und unsterblich. Ich wehrte mich und irgendwie konnte ich ihr diesen hübschen Dolch aus der Hand schlagen und sie überwältigen. Es zog mich wie magisch zu ihr hin und ich wusste, das Einzige, das mich heilen konnte, war ihr Blut. Das Leben eines Slayers für meines, also löschte ich ihre Existenz aus.« Während er sprach, zog er den Dolch aus seinem Hemd und betrachtete ihn. »Silber fügt uns erheblichen Schaden zu, wir halten uns lieber fern davon, und diese Jägerin wusste das genau.«

Ennis biss die Zähne zusammen, während er Nialls Worte hörte. Er schluckte schwer. Der Mörder seiner Mutter stand direkt neben ihm und erzählte ihm seelenruhig und in allen Einzelheiten von ihrem Tod.

»Ich wusste ja nicht, dass sie ein Kind hatte«, fuhr Niall fort, betrachtete weiter den Dolch in seiner Hand und drehte ihn bedächtig hin und her. »Dass sie einen neuen Slayer geboren hatte.« Er hob die Nase und roch an Ennis. »Du riechst wie wir, viel von unserem Blut fließt durch dich. Du bist einer der reinsten Slayer, die mir je begegnet sind.«

Ennis strich sich mit den Händen durch die Haare und hoffte, dass Niall das Zittern seiner Finger nicht bemerkte. Er vergrub sie in seinen Hosentaschen, wo er sie langsam zu Fäusten ballte und sah weiter stur aus dem Fenster. Hass breitete sich in ihm aus, kroch aus seiner Mitte empor und vermischte sich mit der Wut, die ebenfalls von ihm Besitz ergriff. Er hatte genug, es würde jetzt ein Ende nehmen.

Ganz instinktiv begannen seine Jägerkräfte sich in ihm zu regen und die Wellen dieser in ihm schlummernden Energie durchströmten ihn unaufhaltsam. Ennis verstand endlich, dass dies ein Teil von ihm war, gegen den er nicht ankämpfen konnte. Diese Kraft gehörte zu ihm, wie sein wild pochendes Herz, machte ihn aus, hielt ihn am Leben. Er war diese Kraft, und Ennis wartete nur auf den richtigen Moment, um sie zu entfesseln.

»Es muss aufregend sein, Vater zu werden«, meinte Niall wie nebenbei. »Ich hatte leider noch nicht das Vergnügen, reine Slayer sind schwer zu finden. Wahrscheinlich bleibt mir nichts anderes übrig, als mich einer meiner Schwestern hinzugeben.«

Ennis atmete mittlerweile schwer. Es war anstrengend für ihn, seine Kräfte im Zaum zu halten, die jetzt mit aller Gewalt aus ihm herausbrechen wollten.

Niall gefror das Lächeln auf dem Gesicht, als er bemerkte, was in Ennis vorging. Seine Augen weiteten sich alarmiert und er trat einen Schritt zurück.

Ennis wandte sich ihm zu, konzentrierte sich auf ihn und sah ihn finster an. »Wenn du glaubst, dass ich mich darüber freue, dass deine Schwester ein Kind von mir erwartet, hast du dich geirrt.« Er machte einen Schritt auf Niall zu, der weiter vor ihm zurückwich, und schlagartig bekam er die volle Wucht von Ennis Kräften zu spüren.

Er schnappte erschrocken nach Luft, wollte fortlaufen, doch Ennis machte einen Satz auf ihn zu und hielt ihn am Arm fest. »Du gehst nirgendwo hin«, fauchte er und blickte in Nialls helle Augen.

Dieser fing an zu zittern, seine Knie wollten nachgeben und er hielt sich am Geländer fest, den silbernen Dolch noch immer in der Hand.

Ennis verstärkte seine Energien noch einmal, und diesmal sank Niall ächzend auf die Knie. Er riss ihm den Dolch aus der Hand. »Der gehört mir. Hast du nicht die Gravur auf dem Griff gelesen? Welcher Name steht da wohl?« Seine Stimme wurde lauter: »MacKenna. Das bin ich. Und auch meine Mutter war eine MacKenna!« Bei den letzten Worten holte er mit dem Arm aus und durchtrennte Niall mit dem Dolch die Kehle.

Wie Butter fuhr die Klinge durch die Haut, schwarzes Blut quoll hervor. Niall gab nur noch ein krächzendes Gurgeln von sich, als das Blut auch aus seinem Mund tropfte.

Ennis sah hasserfüllt auf ihn hinab und stach ihm den Dolch mit voller Wucht direkt ins Herz. Mit beiden Händen hielt Ennis den Dolch, beugte sich über Niall und flüsterte in sein Ohr: »Freust du dich schon auf deinen Tod? Ich schenke ihn dir, so wie du ihn damals meiner Mutter schenktest.«

Ein gellender Schrei ertönte auf einmal hinter ihm. »Niall!«, rief Naoise.

Ennis Kopf schnellte herum, doch schon war sie bei ihm und riss ihn mit aller Kraft von ihrem Bruder fort.

Ennis flog gegen das Treppengeländer und Schmerz flammte heiß in seinem Rücken auf. Durch die Wucht des Aufpralls verlor er die Balance, kippte über das Geländer, versuchte vergeblich, mit den Händen irgendwo Halt zu finden und stürzte in die Tiefe.

* * *

David teilte Patrick O´Donnell am Telefon den Stand der Dinge mit und legte dann auf. Er und Fiona waren geschockt über den Tod von Deacon. Davon hatten sie erfahren, als Shane und Ira völlig aufgelöst mit Dr. Andersson zurückgekommen waren.

Ira konnte gar nicht aufhören zu weinen, rannte in ihr Zimmer und Kayla kümmerte sich dort zusammen mit Una um sie. Die beiden waren ebenfalls völlig fassungslos über diese Hiobsbotschaft.

Shane brachte Dr. Andersson in eines der Gästezimmer, wo er sie an einen Stuhl fesselte und sie erst einmal im Auge behielt. Auch Silvie Andersson war schockiert und wie vor den Kopf geschlagen, denn sie konnte sich an die letzten Wochen so gut wie gar nicht erinnern. Immer wieder beteuerte sie ihre Unschuld und schwor, dass sie unter dem Bann der Fee gestanden habe.

David setzte sich seufzend zu Fiona, die gedankenverloren auf der Couch saß und in das knisternde Kaminfeuer starrte. »Patrick will, dass ich nach Stockholm komme und Dr. Andersson wieder zurückbringe. Das Venatorium wird sich um sie wegen ihrer Verfehlung kümmern, und der Ältestenrat will mit mir über die Ursprünglichen sprechen.«

Fiona blickte David ernst an und schob dann ihr Kinn nach vorne. »Am liebsten würde ich mich selbst um diese Dr. Andersson kümmern«, meinte sie ärgerlich. »Die Jäger in solch eine Gefahr zu bringen. Deacon musste sterben! Nicht auszudenken, was mit Ennis ist. Ich mache mir die größten Sorgen um ihn, David. Was, wenn er ...«

»Niemals«, unterbrach David sie. »Natürlich mache ich mir auch Sorgen um ihn, schließlich ist Ennis mein Sohn und ich will nicht, dass ihm etwas zustößt. Aber er ist auch ein Slayer und er wird es schaffen. Er hat die Stärke und die Macht seiner Mutter geerbt und wahrscheinlich auch ein bisschen von mir, außerdem hat er einen cleveren Freund. Mark O´Brian ist nicht zu unterschätzen. Du wirst sehen, er wird ihn unversehrt zurückbringen.«

Die beiden sahen sich eine Weile schweigend an.

»Wahrscheinlich hast du Recht, David«, gab Fiona seufzend zur Antwort.

»Komm doch mit nach Stockholm, es könnte ganz interessant werden dort, und ein Tapetenwechsel täte dir bestimmt auch ganz gut.«

Entrüstet sah sie ihn an. »Ich kann doch hier jetzt nicht weg. Erst muss ich wissen, was mit Ennis ist.«

»Er wird zurechtkommen, Fiona. Ennis ist ein Slayer.« Er blickte sie eindringlich an, dann umspielte ein kleines Lächeln seinen Mund. »Wolltest du nicht immer schon einmal ins Venatorium? Jetzt hättest du die Möglichkeit dazu und auf dem Weg dorthin, könntest du dich auch gebührend um Silvie Andersson ... nun ja ... kümmern.« Aus dem Lächeln wurde ein schelmisches Grinsen.

»Wie schaffst du es nur, deine Sorgen einfach so wegzustecken, David? Ich werde fast verrückt aus Angst um Ennis«, entgegnete Fiona immer noch mit besorgtem Gesichtsausdruck. Davids Aufmunterungsversuch konnte sie nicht aufheitern.

»Ich habe Vertrauen in ihn. Seine Kräfte werden ihm helfen und das weißt du auch, Fiona.«

Sie rang sich ein klägliches Lächeln ab und nickte. »In Ordnung David. Im Moment kann ich hier wirklich nichts tun. Ich werde mitkommen.« Wieder sah sie in das lodernde Feuer des Kamins.

David legte seinen Arm um Fiona, zog sie an sich und blickte ebenfalls ins Kaminfeuer.

* * *

Mark ließ die Kirche hinter sich und lief durch die Straßen Dublins. Er spürte Aidans Blut elektrisierend durch seinen Körper fließen, fühlte seine Kräfte wachsen und noch eine andere Veränderung: Der nahende Sonnenaufgang machte ihn nicht wie üblich schläfrig. Er spürte auch genau, wo er die anderen Feen finden konnte. Es war, als wäre er plötzlich mit ihnen verbunden. Aidan musste die ganze Zeit gewusst haben, wo Aileána und Naoise waren. Mark spürte auch noch die Präsenz von weiteren Feen. Es gab tatsächlich mehr von ihnen. Er war wie vor den Kopf geschlagen.

Der Sonnenaufgang stand kurz bevor und Mark fühlte nicht wie sonst diesen Drang, sich irgendwo in der Dunkelheit zu verstecken, sich notfalls sogar in die Erde zu graben. Ein seltsames Gefühl war das und er fragte sich, was passieren würde, wenn die Sonne aufging. Als er den Eingang zu einem Hinterhof entdeckte, huschte er kurzerhand hindurch, fand eine Feuerleiter und stieg diese hinauf, bis aufs Dach. Er suchte sich einen Platz, auf dem er genügend Halt hatte und schaute über die Dächer Dublins hinweg. Aus einem Schornstein vor ihm stieg Rauch auf und die Straßen unter ihm waren in schwarzgraue Schatten gehüllt. Am Horizont waren schon das Lila und Orange zu sehen, welches die aufgehende Sonne ankündigte. Seit über einem Jahr hatte er sie nicht mehr gesehen und konnte es kaum erwarten, ihre warmen Strahlen wieder auf seinem Gesicht zu spüren.

Gebannt blickte er zum Horizont und wartete. Dann sah er die ersten hellen Strahlen. Mark atmete schneller und war überwältigt von diesem Anblick. Mit jeder Sekunde schob sich die blendende Scheibe weiter hinauf in den Himmel und er musste die Augen gegen das grelle Licht zusammenkneifen. Zum ersten Mal seit langer Zeit sah er wieder einen Sonnenaufgang, blauen Himmel und klare, leuchtende Farben. Das Braun der kahlen Bäume, das Rot der Dächer, die bunten Häuserfassaden – so lange waren sie für ihn nur grau und schwarz in allen Schattierungen gewesen. Mark bemerkte die blutigen Tränen gar nicht, die ihm vor Freude über die Wangen liefen.

Nichts passierte, er ging nicht in Flammen auf, zerfiel nicht zu einem Häuflein Staub, sondern er stand hier und betrachtete Dublin bei Tageslicht. Aidans Blut machte dies möglich, Mark war nicht mehr an die Nacht gebunden.

»Kayla«, flüsterte er plötzlich. Was würde sie wohl dazu sagen? Endlich würde er ihre dunkelblauen Augen wieder im hellen Tageslicht sehen können, ihr volles, braunes Haar und ihr wunderschönes Lächeln, das er so liebte. Oh, er konnte es kaum erwarten, doch zuerst musste er Ennis finden, denn er hatte ein Versprechen einzulösen.

Una Somner hatte er geschworen, Ennis wieder heil zurückzubringen, und vor langer Zeit hatte er ihm selbst das Versprechen gegeben, ihm immer zu helfen. Er war ein Slayer und sein Freund, nie würde er Ennis MacKenna im Stich lassen.