Feenblut
Drei
Er träumte. Riesige Fratzen, die ihre Fangzähne fletschten, kamen auf ihn zu. Ennis kämpfte mit einem Schwert und schlug durch sie hindurch, doch wie wabernder Nebel stoben sie nur auseinander und zogen sich wieder zusammen, um ihn erneut anzugreifen. Er keuchte vor Anstrengung und war außer Atem. Das Schwert war fast zu schwer für ihn, seine Muskeln schmerzten bei jedem Hieb, den er ausführte, doch er musste weiter kämpfen. Sie ließen ihm keine Ruhe und griffen ihn immer wieder von allen Seiten an.
Ennis wollte schreien, doch kein Laut kam aus seiner Kehle. Plötzlich tauchte ein helles Licht auf. Die Fratzen mit ihren riesigen Reißzähnen jammerten und heulten und zogen sich angstvoll zurück. Das Licht wurde größer und er erkannte eine Gestalt, die langsam auf ihn zu kam. Es war die Blutfee!
Ihr hüftlanges Haar umfloss ihren Körper, als ob sie durch Wasser schwamm. Sie war so wunderschön und verführerisch. »Komm zu mir …«, raunte sie mit ihrer rauchigen Stimme und streckte ihm die Hand entgegen. »Deine Qual kann ein Ende haben, wenn du zu mir kommst …« Sie driftete immer weiter auf ihn zu, bis ihr Gesicht direkt vor seinem war. Der Blick ihrer dämonischen Augen durchdrang ihn bis auf den Grund seiner Seele. Ennis wollte das Wesen berühren, aber seine Hand floss einfach durch ihre Wange hindurch.
»Slayer …«, raunte sie mit verlockender Stimme.
Mit einem erstickten Schrei schreckte Ennis hoch und saß senkrecht im Bett. Er atmete laut aus und fuhr sich mit der Hand durch die verwuschelten, braunen Haare. Was war das denn für ein komischer Traum gewesen? Noch immer spürte er ihre Anziehungskraft und in seinem tiefsten Inneren sehnte er sich so sehr nach ihr, dass es schon fast schmerzhaft war. Er versuchte, dieses Gefühl abzuschütteln und in die Realität zurückzukehren. Benommen sah er zur Uhr auf dem Nachttisch. Sie zeigte Viertel nach elf.
Er stand auf und zog die Jalousien hoch. Die Sonne schien hell, aber draußen war alles weiß. Irgendwann in der Nacht hatte es wohl wieder angefangen zu schneien. Toll, dachte er, jetzt muss ich auch noch Schnee schippen, und das am Sonntag.
Seine Muskeln schmerzten nach dem Kampf der letzten Nacht und seine Wange pochte. Die Stelle, an der er den Schlag abbekommen hatte, war blutunterlaufen. Er ging nach unten, um sich Kaffee zu kochen und eine heiße Dusche zu nehmen. Mit einem warmen und bequemen Jogginganzug setzte er sich dann an den Küchentisch, auf dem die Jägerchronik lag. Er hatte sie gestern Nacht, als er nach Hause kam, einfach dort abgelegt und war todmüde zu Bett gegangen.
Ennis nahm sich den dicken Wälzer vor, schlug ihn auf und blätterte darin herum. Seine Tante hatte ihm von diesem Buch erzählt, aber gesehen hatte er es bis jetzt noch nie. Fiona hatte ihm immer nur alles erklärt. Jetzt lagen die Aufzeichnungen von Jägern schwarz auf weiß vor ihm, und obwohl es nur Kopien waren, war es doch ein seltsames Gefühl, als er darin herumblätterte.
Notizen, Geschichten, die sich tatsächlich ereignet hatten, vielleicht sogar Geheimnisse von Jägern, alle über die Jahrhunderte gesammelt – hier standen sie drin. Ennis konnte nun alles lesen und Dinge erfahren, von denen er nie etwas gehört hatte und er empfand so etwas wie Ehrfurcht.
Seine Tante hatte ein Lesezeichen an die Stelle im Buch gelegt, die vom Ursprung der Legende erzählte. Er schlug die Seite auf und fing an zu lesen.
Eintrag von D. Almqvist,
Die Legende von den Zwillingen Aidan und Aileána
In der Nacht zum 19. August 1912 stieß ich in England auf einen Nachtwandler. Er lag am Boden, war blutverschmiert und geschwächt und offensichtlich leicht verwirrt. Seine Hand war auf die immer noch stark blutende Wunde an seinem Hals gepresst. Er stammelte immer wieder 'Nein … Nein, bitte nicht …' und wollte vor mir wegkriechen. Das kam mir seltsam vor, denn ich hatte nicht einmal meinen Pflock in der Hand. Da ich nicht wusste, wie er reagieren würde, setzte ich meine Kräfte in Gang und zog ihn am Kragen hoch. Ich fragte ihn, vor wem er solche Angst hätte. 'Vor dem irischen Dämon …' stammelte er nur. Ich stutzte, davon hatte ich noch nie gehört. Ich fragte ihn, was das für ein Dämon sei. Er wusste es nicht, nur dass dieser Dämon selbst einem Nachtwandler gefährlich werden konnte. Ich wollte von ihm eine Beschreibung des Dämons haben. Er redete jedoch nur wirr von 'diesen Augen' und den 'Zähnen, die so spitz und lang waren'.
So sehr ich auch nachfragte, mehr konnte, oder wollte der Blutsauger mir anscheinend nicht erzählen. Ich ließ von der Kreatur ab und zog meinen Pflock hervor. Er tat mir fast schon leid, aber ich war ein Jäger. Ich musste ihn töten.
Dann reiste ich nach Irland und stellte Nachforschungen an. Endlich, nach ein paar Monaten, als ich fast schon aufgeben wollte, stieß ich bei einem Altertumsforscher auf die Legende von den Zwillingen Aidan und Aileána.
Die beiden lebten im Mittelalter in Irland. Aileána traf eines Tages am Fluss einen wunderschönen aber seltsamen Fremden. Er sah aus wie ein Engel und sie verliebten sich. Aber er war kein Mensch, sondern ein Wesen aus der Anderswelt. Er war Uliez, Prinz der Feen, seine Mutter war Aiobheal, die Feenkönigin. Uliez nahm Aileána mit in seine Welt, denn er wollte sie unsterblich machen, sodass sie für immer zusammen sein konnten. Doch da sie als Mensch geboren war, konnte er sie nicht vollständig verwandeln. Ein Druide gab Aileána in einem Ritual das Blut von Uliez zu trinken und sie wurde unsterblich, stark und wunderschön. Doch es hatte seinen Preis, sie musste sich von da an von Blut ernähren, wenn sie in der Menschenwelt war. Sie wurde zu einer Blutfee.
Aber Aileána wollte nicht ohne ihren Bruder Aidan sein. Sie hatten den Mutterleib geteilt und sie waren ihr Leben lang immer zusammen gewesen. Aileána liebte ihren Bruder sehr. Er musste so werden, wie sie, das war ihr sehnlichster Wunsch. Uliez war nicht einverstanden, denn es hatte ihn schon Überredung gekostet, von der Königin die Erlaubnis für Aileánas Verwandlung zu bekommen. Doch Aileána war fest entschlossen und verließ die Anderswelt, um ihren Bruder zu holen. Aber als sie zurückkehrte, war ein Jahr vergangen, Zeit hatte in der Anderswelt keine Bedeutung.
Aidan war nach Aileánas Verschwinden am Boden zerstört gewesen. Er hatte verzweifelt nach ihr gesucht, doch obwohl er nirgends eine Spur oder ein Lebenszeichen von ihr fand, gab er dennoch die Hoffnung nie ganz auf. In dieser schweren Zeit hatte er sich in Morrigan verliebt, die ihm immer beigestanden hatte. Morrigan und Aidan liebten sich sehr und jetzt wollten sie heiraten.
Genau am Morgen seiner Hochzeit tauchte Aileána wieder auf und stand plötzlich vor Aidan. Er war erleichtert, und seine Freude war groß, dass es seiner Schwester gut ging und sie wieder unversehrt zurück gekommen war, und das auch noch an seinem Hochzeitstag. Er umarmte sie, aber er bemerkte, das sie sich verändert hatte. Ihre Herzlichkeit war verschwunden und hatte Kälte und Härte Platz gemacht.
Er fragte sie, wo sie die ganze Zeit gewesen war. Sie erzählte ihm von Uliez und das sie mit ihm gegangen war, und er sie verwandelt hatte. Da zeigte sie ihm ihre wahre Gestalt.
Furcht kroch in ihm hoch bei ihrem Anblick, Aidan war entsetzt darüber, was sie getan hatte. Die dämonischen Augen, die ihn anschauten, versetzten ihm einen Stich ins Herz. Das war nicht mehr seine Schwester. Sie war wahrlich tot. Das sagte er Aileána auch.
Sie erwiderte, dass sie ihn mitnehmen wollte, damit er wie sie wird. Dann könnten sie für immer zusammenbleiben, schließlich waren sie Zwillinge. Doch Aidan weigerte sich. Er wollte Morrigan heute heiraten und eine Familie mit ihr gründen.
Da bekam Aileána Angst. Sie würde ihren Bruder verlieren und das konnte sie auf keinen Fall zulassen. Also packte sie Aidan ohne Gnade und trank sein Blut, um ihn zu schwächen. Dann nahm sie ihn mit zu dem Feenhügel in den Steinkreis - das Portal in die Anderswelt. Sie ging mit ihm hindurch und Aidans Schicksal war besiegelt. Durch den Blutverlust war er zu schwach, er konnte sich nicht wehren, als das Ritual mit ihm durchgeführt wurde.
Er wurde wie Aileána zu einer Blutfee.
Aber Aidan war rasend vor Wut, weil seine Schwester ihm das angetan hatte. Sie hatte ihn seines Lebens beraubt, und seiner Liebe. Morrigan. Er konnte nie mehr zu ihr zurück, konnte sie nicht heiraten, konnte kein normales Leben mehr führen.
Er stürzte sich auf Aileána und versuchte sie umzubringen. Uliez wollte dazwischen gehen, doch auch über ihn fiel Aidan her.
Da wurde Uliez wütend, weil Aidan nicht zu schätzen wusste, dass er ihm Unsterblichkeit und unermessliche Kräfte geschenkt hatte und verbannte ihn und seine Schwester aus der Anderswelt. Nur in der Nacht zu Samhain konnten sie für kurze Zeit hierher kommen, doch sobald diese Nacht vorbei war, mussten sie die Anderswelt wieder verlassen. Nur wenn Aidan die Seele Morrigans opferte und sie auch zu einer Blutfee machte, könnten sie wieder zurück.
Aileána war tief verzweifelt, sie konnte nie mehr mit Uliez zusammen sein. Sie flehte Aidan an, Morrigan zu holen, doch er weigerte sich, das würde er Morrigan nie antun!
Außerdem konnte er Aileána nicht verzeihen, was sie ihm angetan hatte. Alles Flehen von seiner Schwester half nichts. Dann sagte sie ihm, das sie selbst Morrigan holen würde, doch als Aidan das hörte, rannte er los, um seiner Schwester zuvor zu kommen.
Er ging zu Morrigan und tat das Grausamste, das er als Unsterblicher je tun würde. Er trank ihr Blut, nahm jeden Tropfen in sich auf und es war der süße Geschmack der Liebe, der ihn in einen Rausch versetzte und seine Sinne vernebelte. Er hielt Morrigan in seinen Armen, nahm ihr das Leben und setzte ihre Seele frei, während Kristalltränen seine Wangen hinab liefen.
Dann verschloss er sein Herz und würde es erst wieder öffnen können, wenn er Morrigans Seele gefunden hatte.
Als Aileána sah, was Aidan getan hatte, schrie sie auf vor Verzweiflung. Sie wusste, dass sie nun nie mehr mit Uliez zusammen sein konnte. Hass auf ihren Bruder flammte in ihrem Herzen auf, denn er hatte ihr diese einzige Möglichkeit genommen.
Aidan war es egal, er machte sich von da an auf die Suche nach Morrigans Seele. Er hatte schließlich die Ewigkeit, sie zu finden.
Der Altertumsforscher erzählte mir, dass sein Großvater ihm diese Geschichte immer erzählt hatte, als er noch klein war. Er hielt sie damals für ein Märchen, aber je älter er wurde, desto mehr glaubte er, dass diese Geschichte auch wahr sein könnte. Aber auch er wusste nicht, ob diese Wesen wirklich existierten, und auf welche Weise man sie töten konnte.
Ich dankte dem Mann für sein Vertrauen und verließ Irland wieder, um dem Venatorium die Geschichte mitzuteilen. Das mussten diese irischen Dämonen sein, von denen der Nachtwandler gesprochen hatte. Anscheinend existieren sie tatsächlich.
Damit jeder Jäger davon erfahren kann, habe ich die Legende hier aufgeschrieben, um die nachfolgenden Generationen zu warnen. Diese Dämonen mögen äußerst selten sein, aber dafür um so gefährlicher, da keiner weiß, wie man sie töten kann.
16. Januar 1913,
Daniel Almqvist, Jäger der schwedischen Linie
Wow, dachte Ennis. Das war doch mal eine Geschichte über Liebe und Hass. Der Traum der vergangenen Nacht schlich sich wieder in seine Erinnerung: Das wunderschöne, ovale Gesicht der Fee, wie sie ihn verführerisch gelockt hatte – was konnte dieses Wesen anderes sein, als eine irische Blutfee? Die Aufzeichnung der Legende lieferte eine plausible Erklärung dafür. Leider hatte er keinen Hinweis gefunden, wie man sich gegen ein solches Wesen wehren konnte. Ob seine Mutter auch etwas von ihrer Existenz gewusst hatte?
Ennis seufzte und blätterte weiter. Ein Eintrag erregte seine Aufmerksamkeit.
Die Jäger-Linien und ihre Kräfte
Das hörte sich doch interessant an. Er las, dass es verschiedene Linien innerhalb der Jäger gab und das jede dieser Linien zusätzlich noch eine besondere Kraft hatte. Es gab Jäger, die besonders schnell waren und andere, die einen Nachtwandler mental beeinflussen und dadurch wehrlos machen konnten. Dann gab es noch eine besonders seltene Linie, von der das Venatorium im Laufe seiner Existenz Kenntnis bekommen hatte. Nur von drei Jägern wusste man bis heute, dass sie von dieser Linie abstammten und den besonderen Jägerinstinkt, die Schnelligkeit und die mentale Beeinflussung in einem vereinten. Diese Jäger konnten aber noch dazu ihre Stärke an die der Gegner anpassen, was sie praktisch unangreifbar machte. Wenn nun so ein Jäger vor zwanzig Nachtwandlern stand, dann konnte er so stark sein wie all diese Nachtwandler zusammen. Diese Jäger waren quasi die ultimative Waffe gegen das Übernatürliche, geboren um jedes und alles zu töten, was nicht menschlich war. Sie konnten den Gegner mit den eigenen Waffen schlagen. Man wusste weder, warum diese Jäger so selten waren, noch welcher Linie sie genau entstammten und warum nur sie diese besonderen Fähigkeiten hatten.
Ennis raufte sich die Haare, »Mein lieber Herr Gesangsverein«, sagte er zu sich selbst. Er hatte schon wieder genug davon, schlug das Buch zu und stand auf.
Seine Schläfen pochten, als ob sich Kopfweh ankündigen wollte und seine Wange schmerzte. Er ging zum Kühlschrank und holte einen Eisbeutel aus dem Eisfach, den er auf seine Wange drückte, um den Schmerz etwas zu betäuben. Er lehnte sich an die Anrichte und schaute aus dem gegenüberliegenden Fenster und ließ seinen Gedanken freien Lauf.
Dank Mark hatte er gestern zum ersten Mal erfahren, wozu er als Jäger imstande war, wenn er seine Kräfte richtig nutzte. Die ganze Zeit hatte er nur eine vage Ahnung davon gehabt, obwohl Una und Fiona ihn immer ermutigt, ihm alles gezeigt und erklärt hatten. Aber er hatte die Kraft, die in ihm schlummerte nie bewusst hervor geholt, immer nur einen kleinen Teil davon aktiviert und geglaubt, dass das schon alles war.
Vielleicht sollte er noch einmal mit Fiona reden, oder besser noch mit Una. Fiona war schon lange nicht mehr mit ihm auf Jagd gegangen. Sie hatte es irgendwann Una überlassen, ihm alles beizubringen, was noch nötig war, um ein guter Jäger zu werden.
Er war froh, dass er damals zufällig Una kennengelernt hatte, als er sich vor lauter Freude über seinen ersten, getöteten Nachtwandler in einem Pub die Kante gegeben hatte. Mit ein paar Promille zu viel im Blut hatte er seine Tat groß heraus posaunt, als ihn plötzlich von hinten jemand vom Barhocker zog.
Da sah er zum ersten Mal ihr hübsches Gesicht. Sie hatte ihn eindringlich angesehen und den Finger an ihre Lippen gelegt, als Zeichen, das er still sein sollte. Sie bugsierte ihn aus der Bar, was nicht ganz einfach gewesen war, denn er konnte kaum geradeaus laufen. Als Krönung hatte er sich dann auch noch vor ihren Augen übergeben. Doch Una hatte sich um ihn gekümmert, ihn in einem Taxi bis nach Hause begleitet und seiner Tante ihre Nummer gegeben.
Es war ihm sehr peinlich gewesen, als er sie am nächsten Tag anrief, um sich bei ihr zu bedanken. Doch sie hatte nur gelacht und ihm gesagt, dass sie das verstehen konnte. Dann hatten sie sich verabredet und als sie in einem kleinen Bistro gesessen hatten, erzählte sie ihm, das sie auch eine Jägerin war. Darauf gestand Ennis ihr, das er von seiner Bestimmung erst seit kurzem wusste und eigentlich gar keine rechte Ahnung davon hatte. Sie versprach ihm zu helfen und von da an gingen sie immer zusammen los. Sie ließ ihn nie alleine, und wenn sie auf einen Blutsauger trafen, vernichteten sie ihn gemeinsam.
Als Ennis jetzt darüber nachdachte, fiel ihm auf, dass das wahrscheinlich ein Fehler gewesen war. Hätte er alleine kämpfen müssen, hätte er wohl viel früher seine Fähigkeiten richtig zu nutzen gewusst.
Er nahm den Eisbeutel vom Gesicht und legte ihn zurück ins Gefrierfach. Der Schmerz in seiner Wange war von der Kälte erst einmal betäubt, vielleicht half es auch gegen die Schwellung.
Mit den Armen stützte er sich am Kühlschrank ab und dachte über etwas nach, das ihm seit gestern Abend, bevor er ins Bett gegangen war, im Kopf herumspukte. Abrupt drehte er sich um und lief nach oben. Vor der Schlafzimmertür seiner Mutter machte er Halt. Er schluckte, dann drückte er die Klinke hinunter und öffnete sie vorsichtig. Seit dem Tod seiner Mutter hatte er ihr Zimmer nicht mehr betreten. So oft hatte er schon davor gestanden und jedes mal konnte er es einfach nicht über sich bringen, hineinzugehen.
Als er noch kleiner gewesen war, hatte er so oft vor dieser Tür gestanden und wollte hineingehen. Vielleicht lag seine Mutter ja auf dem Bett und schlief, und er konnte sich dann zu ihr legen? Doch jedesmal war er dann völlig verstört in sein Zimmer zurück gerannt, hatte sich auf das Bett geworfen und geweint. Schlussendlich hatte Tante Fiona ihn dann mit zu sich genommen, damit er von den Erinnerungen Abstand gewinnen konnte.
Aber heute wollte er ihr Zimmer betreten. Er suchte etwas Bestimmtes und er wusste mit Sicherheit, dass es sich hier befand.
Langsam trat er über die Schwelle und sah sich um. Er musste wieder schlucken und unterdrückte den Drang, sich einfach umzudrehen und das Zimmer zu verlassen. Das große Bett, in dem sie immer geschlafen hatte, stand an der hinteren Wand und war mit einer bunten Tagesdecke überzogen. Es erweckte den Anschein, als hätte sie nie darin gelegen. Die Vorhänge waren zugezogen und das Zimmer lag im Dämmerlicht. Überall war Staub und es roch muffig.
Ennis hätte das Licht einschalten können, aber er ließ es bleiben, er sah genug. Das, was er suchte, befand sich in ihrem Wandschrank. Er öffnete die Schiebetür und das Licht ging automatisch an. Erst flackerte es einen Moment, doch dann erhellte es den begehbaren Schrank. Rechts befand sich das Schuhregal, links hingen Blusen und Röcke, und in Fächern lagen ordentlich zusammengefaltet jede Menge T-Shirts und Hosen. Ihm gegenüber, an der hinteren Wand, hingen ihre Kleider und Jacken. Zielstrebig ging er darauf zu und schob die Kleidung beiseite. Eine nackte Holzwand war zu sehen.
Als er ungefähr sieben Jahre alt war, hatte seine Mutter ihm einmal gezeigt, wie er die Geheimtür öffnen konnte. Sie hatte ihm damals gesagt, dort wäre ihre Schatzkammer und nur er und sie dürften davon wissen. Dieses Geheimnis hatte er auch immer für sich bewahrt.
Ennis suchte einen Moment mit den Fingern nach dem versteckten Knopf, der die Wand öffnen sollte. Als er ihn ertastet hatte, drückte er ihn und die geheime Tür öffnete sich einen Spalt. Er schob sie langsam auf und konnte in den dahinter liegenden, kleinen Raum treten. Wegen seiner Größe musste er sich ein wenig ducken, dann stand er in der kleinen Kammer, in der sich das Waffenarsenal seiner Mutter befand.