Feenblut
Vier
Eine Dreiviertelstunde später hatte Ennis alles, was er brauchte und seinen Jogginganzug gegen Boots, Cargohose und einen warmen, beigefarbenen Rollkragenpullover getauscht. In der Waffenkammer seiner Mutter hatte er einen reich verzierten, silbernen Dolch mit Perlmuttgriff entdeckt, den er sich in seine Gürtelhalterung steckte, genau wie die kleine, halbmondförmige Streitaxt mit dem schön geschnitzten Holzstiel, die er dort ebenfalls gefunden hatte. Sogar eine Armbrust befand sich in dem kleinen Schrank, die er aber liegen ließ, weil sie einfach zu unhandlich war. Bis heute hatte Ennis nicht gewusst, das seine Mutter solche Waffen besaß. Ein paar Pflöcke verstaute er in seinem Rucksack, zwei davon befestigte er an seinem Gürtel. Jetzt war er bestens ausgerüstet und füllte schnell noch seinen Flachmann mit Weihwasser, den er auch an seinem Gürtel befestigte. Eine volle Flasche davon tat er noch als Reserve in seinen Rucksack, dann ging er nach unten.
Er hatte Hunger, doch in seinem Kühlschrank befanden sich nur eine fast leere Colaflasche und ein verschimmelter Käse. Angewidert nahm er ihn und beförderte ihn in den Mülleimer. Mist! Er musste irgendwann unbedingt einkaufen gehen. Nun gut, er würde sich heute eben irgendwo eine Pizza holen müssen.
Sein Handy lag auf dem Küchentisch, Ennis nahm es und wählte Unas Nummer. Als sie abhob, hörte er ihre fröhliche Stimme: »Hey, schön das du dich meldest.«
Er musste lächeln und sein Herz machte einen Hüpfer. »Können wir uns sehen?«
»Klar, bei mir oder bei dir?«, scherzte sie.
»Wie wär´s, wenn ich dich abhole und wir gehen zur Pizza-Hütte? Ich habe heute noch nichts gegessen, mir knurrt der Magen.«
»Okay, wann bist du hier?«
»Bin in einer halben Stunde bei dir.« Er legte auf und freute sich sehr darauf, Una bald schon wiederzusehen. Seit sie sich gestern Abend geküsst hatten, waren seine Gefühle für sie noch stärker geworden. Er musste sich eingestehen, dass er wirklich verliebt in Una war. Von jetzt an würde er seine Verabredungen mit ihr einhalten, koste es, was es wolle.
Lächelnd und voller Vorfreude zog er seinen dunklen Ledermantel an und schulterte den Rucksack. Selbst, dass er seinen schwarzen SUV erst einmal vom Schnee befreien musste, tat seiner guten Laune keinen Abbruch. Die Sonne schien und gleich würde er Una wieder sehen. Fröhlich vor sich hin pfeifend setzte er sich in den Wagen und startete ihn.
Als er durch die Windschutzscheibe blickte, stand direkt vor dem Kühler auf einmal die Blutfee.
Ihre langen Haare wehten im seichten Wind und sie sah unglaublich schön und verführerisch wie ein Engel aus. Sie blickte ihn leise lächelnd an.
Ennis konnte es nicht fassen. Wie hatte sie ihn gefunden? Was wollte sie von ihm? Er konnte den aufsteigenden Ärger kaum unterdrücken, sein Wagen lief immer noch und er dachte daran, sie einfach über den Haufen zu fahren.
Da stieg ihm wieder dieser typische Duft von Honig und Butter in die Nase und er verspürte diese betörende Anziehungskraft, die sie auf ihn ausübte. Selbst in seinem Traum von vergangener Nacht war es so gewesen.
»Slayer …«, hörte er deutlich ihre verführerische Stimme in seinem Kopf, ihre Lippen bewegten sich nicht. Ennis verspürte den fast unwiderstehlichen Drang einfach auszusteigen und zu ihr zu gehen, sich ihrer Verlockung hinzugeben.
Es kostete Ennis eine enorme Anstrengung, dieses Gefühl zu ignorieren, aber er schaffte es. Der Gedanke an Una half ihm, er wollte sie nicht schon wieder versetzen. Auch der Ärger, den er verspürte, half ihm, diesem Wesen zu widerstehen. Wie konnte sie es wagen, einfach hier aufzutauchen? Ennis tat das Einzige, was er tun konnte, stellte den Motor ab, holte tief Luft und schloss die Augen.
Seine innere Kraft floss wieder in Wellen durch ihn hindurch, kroch in jede Faser seines Körpers. Er fokussierte sie auf die Fee und spürte ihr Wesen. Es war unglaublich, fühlte sich ganz anders an, wie bei einem Nachtwandler. Reiner, mächtiger, facettenreicher.
Auf einmal tat Ennis etwas, das er vorher noch nie getan hatte. Rein instinktiv versuchte er, ihre Kraft in sich aufzunehmen. Nach einer Weile konnte er es fühlen, die Stärke und die Macht dieser Blutfee gingen auf ihn über. Ennis öffnete seine Lider und sah sie finster an. Ihre dämonischen Augen weiteten sich, als sie merkte, was er vorhatte. Das hatte sie anscheinend nicht erwartet.
Er ließ nicht locker, wollte alles von ihr, doch die Fee wehrte sich. Sie stützte ihre Hände auf die Motorhaube, während sie versuchte, gegen seine Kraft anzukämpfen.
Ennis sah ihre Augen wild aufblitzen, doch er nahm all seine Energie und sog weiter ihre Kräfte in sich. Dann startete er wieder den Motor und ein gefährliches Lächeln kräuselte sich auf seinen Lippen. Als die Fee bemerkte, was er als nächstes vorhatte, trat sie einen Schritt zurück und war plötzlich verschwunden, einfach so ins Nichts.
Als die mentale Verbindung abbrach, fiel Ennis in seinen Sitz zurück, einen Teil der fremden Kraft spürte er jedoch noch immer in sich. Ihm war schwindelig und wieder übel, aber diesmal musste er sich wenigstens nicht übergeben. Er wartete einen Moment, bis er sich besser fühlte und fuhr dann los.
Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf: Konnte es sein, dass er einer dieser seltenen Jäger war, von denen er vorhin gelesen hatte? Wenn das wirklich so war, dann wusste er nicht, wie er damit umgehen sollte. Das wäre einfach zu viel für ihn.
* * *
»Ennis, was ist los mit dir?« Una schaute ihn besorgt an. Sie saßen in der Pizza-Hütte, in einer kleinen, gemütlichen Nische, vor ihnen jeweils ein Teller mit lecker duftender Pizza. »Du bist so still heute und deine Pizza hast du kaum angerührt.«
Ennis blickte sie an und lächelte halbherzig. Vorhin hatte er Una nur flüchtig begrüßt und den leicht enttäuschten Ausdruck darüber in ihrem Gesicht bemerkt. Er hatte sich zwar riesig gefreut sie wieder zu sehen, aber das Erlebnis mit der Fee kurz zuvor ging ihm nicht aus dem Kopf. Überhaupt war er seit gestern Nachmittag mit all den neuen Erkenntnissen und Geschehnissen ziemlich überfordert.
Ennis zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, eigentlich habe ich einen riesigen Kohldampf.«
»Na, dann iss doch«, ermunterte sie ihn. »Wo hast du eigentlich die Wunde an deiner Wange her? Das wollte ich dich schon die ganze Zeit fragen, aber du warst irgendwie völlig in deine eigenen Gedanken versunken.«
»Ich bin gestern Nacht noch auf drei Blutsauger gestoßen und habe sie vernichtet«, antwortete er, während er ein Stück seiner Pizza nahm und hinein biss. Sie schmeckte köstlich. Da erst merkte er, wie hungrig er war, und verschlang das restliche Stück fast auf einmal.
»Du hast sie ganz alleine erledigt?« Una bekam große Augen. Sie konnte es kaum glauben. Ennis, der sich sonst kaum traute, auch nur mit einem einzigen Nachtwandler zu kämpfen, hatte gleich drei auf einmal vernichtet?
Ennis kaute auf dem nächsten Stück Pizza. »Genau. Sie schmoren hoffentlich in der Hölle, wo sie hingehören.«
Una sah ihn stolzerfüllt an.
»Siehst du Ennis, du kannst es, wenn du willst«, rief sie aus und ihr Gesicht strahlte. »Du hast überhaupt keinen Grund für Selbstzweifel.«
Sein schlechtes Gewissen meldete sich zu Wort, weil er ihr bis jetzt nichts von Mark erzählt hatte. Schnell schaute er auf seinen Teller, um Una nicht ansehen zu müssen. Sie würde sofort merken, dass er etwas vor ihr verbarg.
Una legte ihre Finger unter sein Kinn und drehte seinen Kopf ein wenig zur Seite, um die Blessur auf seiner Wange besser in Augenschein nehmen zu können. »Du hast es doch hoffentlich gekühlt?«
Ennis nickte und nahm einen tiefen Atemzug. Sie drehte seinen Kopf, sodass er sie anschauen musste.
»Wir müssen reden, Una.« Ennis blickte ihr tief in die Augen, ergriff ihre Hand und führte sie an seine Lippen. Wieder machte sich dieses warme, wohlige Gefühl in seiner Brust bemerkbar. Er schloss die Augen und roch den Duft ihrer Haut. »Ich liebe dich.« Die Worte kamen einfach so aus seinem Mund. Ennis war selbst überrascht, als er das sagte, und schaute ihr mit flatterndem Herzen in die Augen. Wie würde sie auf seinen Gefühlsausbruch reagieren?
Una sah ihn überglücklich an. »Ich liebe dich doch schon lange, Ennis«, erwiderte sie leise und blickte ihm zärtlich in die Augen.
Ihm fielen tausend Steine vom Herzen und am liebsten würde er sie jetzt küssen. Da sie sich aber gegenübersaßen und der Tisch zwischen ihnen stand, gestaltete sich das etwas schwierig. Der Kuss musste leider warten. Widerstrebend ließ er ihre Hand los, seufzte und widmete sich dem letzten Stück Pizza.
Plötzlich hatte er das dumpfe Gefühl, dass sie beobachtet wurden. Er sah aus dem Fenster, konnte aber niemanden sehen, die Straße war wie leer gefegt. Mittlerweile war es dunkel und es fing wieder an zu schneien. Er schaute sich noch in der Pizzeria um, aber da keiner der anderen Gäste ihnen Beachtung schenkte, versuchte er das Gefühl zu ignorieren.
»Du wolltest doch mit mir reden.« Una schaute Ennis erwartungsvoll an.
Er überlegte, ob er ihr von Mark erzählen sollte, entschied dann aber, damit noch zu warten. So erzählte er Una zunächst einmal, was er heute in der Chronik gelesen hatte und von dem Vorfall mit der Blutfee. Una zog erstaunt die Augenbrauen hoch, während sie gespannt zuhörte.
»Ich frage mich, ob ich wirklich einer dieser besonderen Jäger bin«, gab Ennis zu bedenken. »Und wenn, dann macht mir das richtig Angst – vor mir selbst. Ich werde ein Anderer, wenn ich diese Kraft in mir zulasse, jemand, der ich nicht sein will.« Er wischte sich mit der Serviette den Mund ab und schob seinen Teller zur Seite. Dieses Gefühl, beobachtet zu werden, bereitete ihm langsam Sorgen, es ließ sich einfach nicht abschütteln.
»Diese Seite steckt in jedem von uns Ennis«, erwiderte Una. »Wenn wir nicht einen Teil dieses Bösen in uns hätten, könnten wir gar nicht dagegen kämpfen.«
»Ich habe festgestellt, dass ich dieses Abschlachten regelrecht genieße. Hinterher hasse ich mich selbst dafür, dass ich zu so etwas fähig bin.« Er schüttelte angewidert den Kopf.
»Denk doch nur, wie viel Gutes wir damit bewirken können«, eindringlich sah Una ihn an. »Und du scheinst einer dieser besonderen Jäger zu sein Ennis. Ich habe noch nie von einem gehört, der diese Fähigkeiten besitzt.« Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe herum. »Wenn du die tatsächlich hast, dann bist du praktisch unbesiegbar. Nichts und niemand kann dir etwas anhaben, nicht einmal diese Blutfee.«
»Warum sind diese Fähigkeiten nur so selten?« Ennis seufzte. »Was will diese verdammte Fee überhaupt von mir? Das frage ich mich schon die ganze Zeit.«
Langsam sträubten sich seine Nackenhaare, da er sich immer noch beobachtet fühlte. Erneut schaute er sich um, diesmal genauer, doch niemand blickte auch nur in ihre Richtung. Vor dem Fenster war auch nichts Ungewöhnliches zu erkennen.
»Was ist denn, Ennis?« Irritiert blickte sich nun auch Una um. »Du machst mich ganz nervös.«
»Merkst du nichts? Ich habe ständig das Gefühl, dass wir beobachtet werden.«
Sie sah sich wieder um. »Bist du sicher? Ich merke nichts.« Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass die Unruhe langsam auch von ihr Besitz ergriff.
»Lass uns lieber gehen«, meinte Ennis knapp. »Irgendetwas stimmt hier nicht.«
Hastig winkte er einen Kellner zu sich. Sie bezahlten, zogen ihre Mäntel an und verließen das Lokal.
Kalte Nachtluft schlug ihnen entgegen, Schnee rieselte herab. Ennis nahm Una bei der Hand und im Schein der Straßenlaternen liefen sie schnell über die Straße. Una hatte Mühe mit ihm Schritt zu halten, doch sie bemerkte seine Anspannung und anhand ihrer Instinkte registrierte sie nun ebenfalls, dass sie nicht alleine waren. Bei diesem Wetter waren kaum Autos unterwegs und Ennis hatte seinen Wagen auf einem großen, abgelegenen Parkplatz abgestellt.
Ennis versuchte, so schnell wie möglich mit Una dorthin zu gelangen. Der Gürtel mit seinen Waffen lag darin und er befürchtete, dass er sie brauchen würde. Endlich hatten sie den Parkplatz erreicht und es waren nur noch wenige Meter bis zum Auto. Seine Instinkte sagten ihm, dass sich mindestens fünf Nachtwandler irgendwo dort draußen befanden, die es aus irgendeinem Grund auf ihn abgesehen hatten. Er zog seinen Autoschlüssel aus der Jackentasche und drückte den Taster. Es piepte, die Scheinwerfer leuchteten kurz auf und die Autotüren wurden entriegelt.
Da durchschnitt eine Stimme die Nacht. »Jäger!«
Ennis rannte los und zog Una mit sich. »Los, schnell zum Auto. Meine Waffen sind da drin.«
»Ich habe mein Messer und einen Pflock dabei.«
»Das reicht nicht.« Schnell atmend rannten sie auf den Wagen zu.
Plötzlich wurde Una gepackt und von ihm fortgerissen. Ennis hörte ihren verzweifelten Aufschrei und stoppte abrupt, schlitterte aber noch auf dem Schnee und wäre beinahe ausgerutscht.
Es schneite immer heftiger. Hektisch schaute Ennis sich um. Wo war Una nur? Wie konnte es so ein dreckiger Blutsauger wagen, sich einfach sein Mädchen zu schnappen? Endlich konnte er sie durch das dichte Schneegestöber ausmachen, wenn auch nur schemenhaft: Ein Nachtwandler hatte sie von hinten fest umklammert und hielt sie in eisernem Griff.
»Wir haben deine Kleine, Jäger!«, rief er.
»Lass sie gehen!«, rief Ennis wütend zurück und verzweifelt überlegte er, was er tun konnte. Sollte er zu Una rennen und versuchen sie zu befreien? Sollte er zu seinem Auto rennen, um seine Waffen zu holen? Wo waren die anderen, deren Anwesenheit er ebenfalls ganz genau spürte?
»Ich werde sie genauso abschlachten, wie du gestern unsere Schwester und unsere Brüder!«, rief der Nachtwandler ihm zu. »Dein Mädchen ist so gut wie tot!«
Una wehrte sich heftig. Sie zerrte wie wild am Arm des Blutsaugers und trat ihm kräftig auf den Fuß. Er hatte seine liebe Mühe mit ihr, als sie noch versuchte, ihn über ihre Schulter zu werfen, doch er hielt sie weiter fest und fletschte schließlich seine Zähne, um sie zu beißen.
Verdammte Scheiße, dachte Ennis, dem das Herz in die Hose rutschte. Was sollte er bloß tun? Die anderen Nachtwandler umzingelten ihn langsam, kamen bedrohlich näher und er sah keinen Weg, irgendwie an seine Waffen zu kommen.
Plötzlich erkannte er einen von ihnen – Mark. »Was …?«, entfuhr es ihm fassunglos. Was wollte der denn hier? Hatte Mark ihn etwa reingelegt? Wut kochte in Ennis hoch, das hatte er nicht erwartet, aber er hatte jetzt keine Zeit darüber nachzudenken. Wenn Mark ihn aus irgendeinem Grund ans Messer geliefert hatte, dann würde er eben heute Nacht genauso sterben wie die anderen auch.
Ennis schloss die Augen und konzentrierte sich, er ließ seinen Instinkt die Kontrolle übernehmen. Zunächst fokussierte er den Nachtwandler, der Una festhielt. Er fing an, dessen Kräfte auf sich zu lenken und in sich aufzunehmen. Es funktionierte, er spürte sie durch seinen Körper fließen wie einen sanften Strom. Er atmete tief ein und fokussierte nun seine Kraft auch auf Mark und die anderen Nachtwandler, bis deren Kräfte ebenfalls auf ihn übergingen. Sie schnappten erschrocken nach Luft, als sie merkten, was da passierte, und dass sie nichts dagegen tun konnten.
Ennis hatte es tatsächlich geschafft, die Kräfte aller fünf Kreaturen in sich aufzunehmen und öffnete nun wieder die Augen.
Seine Sinne waren extrem geschärft, er konnte fast genauso gut sehen wie am Tag. Sein Gehör nahm jedes noch so kleine Geräusch wahr und er fühlte sich, als könnte er Bäume ausreißen. Doch grenzenloser Zorn flammte in ihm auf, als er sah, dass der eine Blutsauger Una immer noch in seinen Fängen hielt.
»Lass sie endlich gehen!«, rief er noch einmal, mit einer Stimme voller Wut und abgrundtiefem Hass. Sein wilder Blick erschreckte den Nachtwandler, der nun deutlich geschwächt war.
Una wehrte sich heftiger, da sie nun eine Chance sah, sich doch noch zu befreien. Ennis wollte ihr unbedingt helfen, doch er war zu weit entfernt. Der Nachtwandler konnte Una immer noch etwas antun, bevor Ennis bei ihnen war. Außerdem waren da noch Mark und die anderen drei, die gefährlich näherkamen.
Plötzlich fiel ihm der silberne Dolch ein, den er im Waffenschrank seiner Mutter gefunden hatte, und der jetzt leider unerreichbar im Auto lag. Vor seinem geistigen Auge stellte er sich den Dolch bildlich vor, wie er ihn fest in der Hand hielt und dann mental in die Stirn des Nachtwandlers rammte.
Der Blutsauger schrie plötzlich schmerzerfüllt auf, als ob ihn tatsächlich der Dolch getroffen hätte. Seine Hände schnellten zu seinem Kopf, den er sich schreiend vor Schmerzen hielt, und Una war wieder frei. Sie stolperte zwar erst nach vorn, fing sich aber schnell wieder und holte dann sofort ihr Messer hervor. Zumindest konnte sie sich jetzt wehren.
Ennis wandte sich wieder den drei anderen Nachtwandlern zu, die mittlerweile knurrend auf ihn zustürmten. Nur Mark hielt sich aus irgendeinem unerfindlichen Grund zurück.
Ennis fing an zu grinsen, als freute er sich auf den Kampf, der jetzt stattfinden würde. Der Jäger in ihm hatte die völlige Kontrolle übernommen.
Er ging zum Angriff über, hob die Hand mit seinem Autoschlüssel und rannte auf den Ersten zu. Er stach den Schlüssel mit voller Wucht in das Auge des Blutsaugers, der schrill aufschrie, sein blutendes Auge hielt und davon taumelte. Dann stieß Ennis seinen Ellenbogen mit aller Kraft zurück und traf das Gesicht des Blutsaugers hinter ihm. Der schnellte zurück und fiel ein paar Meter weiter auf den schneebedeckten Boden. Jemand packte Ennis von hinten und schleuderte ihn herum. Als er wieder Boden unter den Füßen hatte, fand er im frischen Schnee keinen Halt und rutschte aus. Blitzschnell erkannte er den Vorteil, der sich ihm bot, ließ sich fallen und schlitterte ein Stück weiter, wodurch die Faust seines Angreifers statt in sein Gesicht auf den schneebedeckten Boden schlug. Da tauchte Mark direkt vor ihm auf. Ennis nahm ihn in die Beinschere und brachte ihn zu Fall.
Nun sah Ennis seine Chance gekommen. Er sprang blitzschnell auf, sprintete zu seinem Wagen, riss den Kofferraum auf und schnappte sich die Axt und den Dolch. Er schaffte es gerade noch, den Kofferraum wieder zu schließen, denn im selben Moment waren seine Angreifer schon wieder aufgetaucht. Ennis stützte sich am Dach des Wagens ab, während er mit einem Bein kräftig nach hinten trat und einen der Blutsauger an der Brust traf. Der flog durch die Wucht des Tritts zurück und riss noch einen anderen mit sich zu Boden.
Ennis machte einen Satz und sprang auf das Dach seines Autos. Durch den Schnee war das Autodach rutschig und er hatte kaum Halt, doch schnell fand er einen sicheren Stand und riskierte einen Blick zu der Stelle, wo Una mit dem anderen Nachtwandler kämpfte. Sie schien unverletzt. Ennis stand da, in der rechten Hand hielt er die Axt, in der linken den Dolch. Obwohl er inzwischen umzingelt war, sah er noch, wie Una es schließlich schaffte, den Nachtwandler zu töten.
Siegesgewiss grinste er, sprang vom Auto direkt auf einen der Nachtwandler und durch die Wucht des Aufpralls fielen beide nach hinten. Noch im Fall schwang Ennis seine Axt und trennte ihm den Kopf ab. Sofort sprang er hoch, da versuchte auch schon ein anderer, ihm die Faust ins Gesicht zu schlagen. Ennis wehrte den Schlag mit der linken Hand ab und schwang gleichzeitig mit der rechten seine Axt, die den Angreifer seitlich am Kopf traf. Mit seinem Dolch durchtrennte er ihm noch die Kehle. Blut spritzte Ennis ins Gesicht, da griff ihn schon der Dritte von hinten an.
Mark hielt sich aus dem Kampf heraus, stand ein Stück entfernt und sah einfach nur zu. Was war bloß mit ihm los?
Plötzlich war Una bei Ennis. Sie hielt ihr Messer fest und sicher in der Hand und war bereit, ihm zu helfen. Langsam ging sie auf Mark zu, der vor ihr zurückwich.
Ennis griff nach hinten, packte seinen Angreifer am Arm, beugte sich ächzend nach vorne und mithilfe der Hebelwirkung schleuderte er ihn vor sich auf den Boden. Er stellte seinen Fuß in die Kehle des Nachtwandlers, um zu verhindern, dass er sich aus dem Staub machte. Ennis tötete ihn noch nicht, denn er hatte ein paar Fragen. »Woher habt ihr erfahren, dass ich es war, der eure Kumpel gestern getötet hat?«
Der Nachtwandler sagte nichts, doch sein Blick huschte kurz zu Mark, dann wieder zurück zu Ennis. Das war eine eindeutige Antwort! Also drückte er mit seinem Stiefel kräftiger zu, bis der Kehlkopf seines Opfers brach. Dann trat er zurück und köpfte auch ihn.
Ennis sah sich um. Una stand immer noch mit dem Messer drohend da und ließ Mark nicht aus den Augen, der etwas Abstand zwischen sich und die beiden Jäger gebracht hatte. Doch er machte keine Anstalten zu fliehen.
Ennis lief auf ihn zu, seine Augen funkelten gefährlich. Mark regte sich nicht. »Una, steig schon mal in den Wagen«, warf er ihr im Vorübergehen zu, doch er sah sie dabei nicht an. Sein finsterer Blick blieb fest auf Mark gerichtet.
»Nein!«, erwiderte sie entschlossen. »Was ist, wenn du Hilfe brauchst?«
»Los, steig in den Wagen!«, sagte Ennis mit einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. »Ich komme schon zurecht.«
Una erschrak bei Ennis bedrohlichem Anblick und seinem rauen Ton. So kannte sie ihn gar nicht, aber jetzt begriff sie, was er vorhin in der Pizza-Hütte gemeint hatte. Trotzdem ging sie nur widerstrebend zum Auto.
Dann stand Ennis vor Mark und sah ihm geradewegs in die Augen. Er erkannte Angst darin, aber auch Bewunderung und Respekt und so etwas wie Traurigkeit.
»Warum hast du das getan?«, Ennis Stimme war gefährlich leise.
»Keine Ahnung, Alter«, erwiderte Mark ausweichend und zuckte mit den Schultern.
Ennis packte ihn plötzlich an der Kehle, »Du hetzt mir vier Blutsauger auf den Hals und bringst Una in Gefahr, und du weißt nicht, warum?«, rief er vor Wut und Enttäuschung. Er hatte Mark immer als seinen Freund angesehen, trotz der Tatsache, dass er ein Nachtwandler war. Das war wohl ein Fehler gewesen.
Mark ächzte schwer unter dem eisernen Griff von Ennis. Er versuchte sich von ihm loszumachen, doch es gelang ihm nicht. »Ich wollte dir nichts Böses, das musst du mir glauben«, presste er hervor und versuchte zu beschwichtigen.
»Wie kann ich das, Mark? Ich will dich nicht töten, aber wenn es unbedingt sein muss …«
»Dann wirst du es tun«, beendete Mark seinen Satz. Ennis ließ ihn abrupt los und Mark hielt sich die schmerzende Kehle. Vorsichtig sah er Ennis an. »Du hast dein Potenzial endlich erkannt und weißt jetzt, was in dir steckt. Kein Blutsauger wird mehr vor dir sicher sein, auch ich nicht. Aber du musst mir einfach vertrauen.«
»Das kann ich aber nicht«, entgegnete Ennis kühl.
»Es wäre aber besser. Dein Leben, so wie du es kennst, ist eine Lüge. Wenn du die Wahrheit weißt, wird nichts mehr für dich sein, wie es war.«
»Was ist denn die Wahrheit?«, rief Ennis jetzt verzweifelt. »Das wüsste ich nämlich zu gerne.«
Mark atmete tief ein und stieß hörbar die Luft aus. »Ich kann dir das nicht sagen, aber ich kann dir etwas zeigen, das dich vielleicht überzeugen wird, mir zu glauben.«
Mark öffnete seine Lederjacke und schob sein T-Shirt bis über die Brust hoch. Ennis trat einen Schritt zurück. Was er da sah, ließ ihm vor Staunen den Mund offenstehen. Er konnte es kaum glauben, denn auf Marks Brust sah er das Zeichen der Dreieinigkeit – dasselbe, welches er auf seiner Brust trug. Das Mal der Jäger.
Mark zog sein Shirt wieder herunter und schaute Ennis ganz offen ins Gesicht. »Ich würde dich nie verraten, Jäger. Glaubst du mir das jetzt?«
Ennis schluckte schwer, damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Mark war einmal ein Jäger gewesen? Der Schock über diese Erkenntnis traf Ennis tief. Gleichzeitig tauchten aber neue Fragen in ihm auf. »Wer hat dir das angetan und dich verwandelt?«
Mark seufzte tief. »Lange Geschichte, Alter.«
Una öffnete die Autotür und rief: »Was ist jetzt Ennis, können wir endlich los? Ich friere mir hier alles ab!«
Er sah kurz zu ihr hinüber, gab aber keine Antwort. Wieder an Mark gewandt fragte er: »Was weißt du noch alles? Du sagst, mein Leben sei eine Lüge. Was bedeutet das?«
Mark straffte die Schultern und sein Blick wurde fest. »Es gibt noch andere wie dich. Ich war genau wie du, bevor …«, er sprach es nicht aus, schüttelte nur langsam den Kopf. »Sie wollen nicht entdeckt werden. Wenn das Venatorium von den Ursprünglichen Wind bekommt, wer weiß, was dann mit ihnen passiert. Die sind hinter Jägern wie dir her, wegen der besonderen Fähigkeiten. Kannst froh sein, dass dein Mädchen sie nicht hat.«
Ennis musste erst einen Moment überlegen, bis ihm die Bedeutung von Marks Worten klar wurde. »Heißt das etwa, sie waren auch hinter meiner Mutter her, weil sie eine dieser besonderen Jägerinnen war?«
Mark nickte.
Da rief Una erneut nach Ennis, der immer noch zu verdauen versuchte, was Mark ihm da gerade erzählt hatte. Nun war er total durcheinander und verlor die Geduld. Er packte Mark am Arm und zog ihn mit sich zum Auto. »Steig ein!«, befahl er ihm. »Du weißt garantiert noch mehr. Vielleicht sogar etwas über meine Freundin, die Blutfee.«
Marks Augen weiteten sich entsetzt und er musste unwillkürlich schlucken, als er Ennis Worte hörte.
»Dachte ich mir´s doch«, murmelte Ennis, während Mark auf den Rücksitz kroch, mit einer Miene, die verriet, dass er am liebsten ein paar tausend Kilometer weit weg wäre.
Ennis schlug die Autotür zu und warf einen Blick über den Parkplatz, bevor er selbst einstieg.
Vier tote Nachtwandler färbten den Schnee blutrot. Es sah aus, wie ein Schlachtfeld und genauso fühlte Ennis sich auch. In seinem Inneren tobte ein Krieg, und er war bereit, ihn um jeden Preis auszufechten.