Feenblut
Sechzehn
»Wie geht’s David, Fiona und Ira?« Una sah Ennis mit einem erwartungsvollen Lächeln an, als er aus der Küche kam und sich neben sie auf die Couch setzte.
Er legte sein Smartphone auf dem niedrigen Couchtisch ab, legte einen Arm um Una und zog sie an sich. »Denen geht’s gut. Sie sehen sich Stockholms Sehenswürdigkeiten an und im Venatorium waren sie auch schon. Silvie Andersson legt sich ziemlich ins Zeug für uns alle. Ira wird vermutlich dort bleiben, um eine gute Ausbildung zu bekommen.«
Una kuschelte sich an Ennisʼ Brust und genoss die ungestörte Zweisamkeit mit ihm. »Hm … dein Vater und Fiona scheinen ziemlich verliebt zu sein.«
Ennis verzog das Gesicht und schüttelte sich. »Hör auf davon zu reden. Ich will mir gar nicht vorstellen, dass meine Tante und mein Vater …«
Sie zwickte ihn in die Seite und meinte: »Es ist aber so. Ich finde es klasse! Fiona war lange genug allein, ich glaube, ich habe noch nie einen Mann an ihrer Seite gesehen.«
Erneut schüttelte sich Ennis. »Das weiß ich ja und ich freue mich auch für sie. Trotzdem, allein die Vorstellung daran … Können wir nicht von etwas anderem reden?« Dabei hob er ihr Kinn mit einem Finger an, sodass sie ihn ansehen musste. Ennis lächelte, als er in ihre großen, blauen Augen sah. Das hier war sein Mädchen, seine Jägerin. Ihre Eltern hatten sich mittlerweile daran gewöhnt, dass sie bei ihm wohnte, die Bedingung dafür war jedoch, dass sie ihr Studium nicht schleifen ließ. Damit konnte Ennis leben. Er beugte den Kopf zu ihr und küsste sie ganz zart.
»Ich liebe dich Ennis«, hauchte Una in den Kuss hinein.
Da zog er sie fester an sich und erwiderte: »Und ich liebe dich. Schon lange.« Dann blickte er sie wieder an und ein warmes, sanftes Gefühl durchströmte ihn. »Ich hätte es dir schon damals sagen sollen, als wir uns kennengelernt haben, aber ich hatte nicht den Mut dazu.«
»Schhh«, machte sie und legte ihm einen Finger auf die Lippen, damit er still war. Zärtlich sah sie ihm in die braunen Augen, bevor sie ihn küsste.
* * *
Als die Nacht angebrochen war, machte Ennis sich auf den Weg in die Stadt. Der Frühling kam mit großen Schritten näher, der Schnee war schon lange geschmolzen und die Nacht war angenehm kühl und nicht mehr so eisig, wie noch vor ein paar Wochen. Sein schwarzer Ledermantel blähte sich im seichten Wind, während er durch die dunklen Gassen Dublins lief und seine inneren Fühler nach übernatürlichen Wesen ausstreckte. Sein Waffengürtel war wie immer gut bestückt. Pflöcke, Weihwasser, ein Schwert und die Axt hingen schwer über seinen Hüften – Ennis war bereit. Plötzlich blieb er stehen und ein kleines Lächeln kräuselte sich auf seinen Lippen. Er drehte sich um und sah Mark auf sich zukommen.
»Bereit für die Nacht, Slayer?« Ebenfalls ganz in Schwarz gekleidet stand er vor Ennis und seine grünen Augen funkelten ihn vergnügt an.
»Jep«, antwortete er und blickte Mark ins Gesicht. Es war immer noch neu für ihn, seinen Freund so verändert zu sehen. Das Grün seiner Augen hatte einen goldenen Schimmer bekommen und auch seine Haut war von einem leichten Goldglanz überzogen. Aber was wirklich außergewöhnlich war: Er konnte bei strahlendem Sonnenschein einfach durch den Tag spazieren. Trotzdem war er kein Mensch, zu viel übernatürliches Blut floss durch seine Adern. Nicht einmal Mark selbst wusste so genau, was er denn nun eigentlich war. Eines jedoch stand fest, er war immer noch Mark O ´Brian, sein bester Kumpel und ein Slayer. Er ernährte sich ausschließlich vom Blut der Untoten und ging regelmäßig mit ihm zusammen auf Jagd. Ennis war sogar ein kleines bisschen eifersüchtig auf ihn, denn er war stärker als er und vor allem wirklich unverwundbar. Marks Verletzungen heilten in Nullkommanichts, wohingegen Ennisʼ Wunden ein paar Tage brauchten, um anständig zu verheilen. Stolz war Ennis aber auch, denn er und Mark waren die stärksten Slayer, die Irland – ja, vielleicht sogar die ganze Welt – zu bieten hatte.
»Dann mal los.« Mark schlug Ennis auf die Schulter. »Ich habe unten am Hafen ein Nest entdeckt. Mindestens vier Blutsauger auf einem Haufen.«
Sie machten sich auf den Weg und kamen nach einer Weile bei einer halb verfallenen Lagerhalle in der Nähe des Dubliner Hafens an. Mark rieb sich die Hände und freute sich schon auf den bevorstehenden Kampf. Leise schlichen sie sich an und untersuchten das Schloss des großen Eingangstors. Es war nicht verriegelt und sie zwängten sich leise hindurch. Mark hielt Ennis am Arm zurück. »Wie gehen wir vor?«, wollte er wissen.
Ennis streckte seine Fühler aus und erwiderte: »Es sind fünf.« Ein breites Grinsen zog sich über sein Gesicht und seine Augen funkelten angriffslustig. »Ich werde sie alleine erledigen.« Dann musterte er Mark kurz von oben bis unten und meinte noch: »Na gut, einen lasse ich für dich übrig, zum Abendessen.«
Mark grinste und nickte. »Okay, dann werde ich zusehen. Das lasse ich mir nicht entgehen.« Mit einem kleinen Lächeln lehnte er sich gegen die Wand und verschränkte lässig die Arme vor der Brust
Ennis zog sein Schwert aus der Scheide und nahm die Axt in die andere Hand. Schon waren seine Kräfte aktiviert und er fokussierte sie auf die fünf Blutsauger im hinteren Teil der Halle. Zielstrebig lief er los, ein wilder Ausdruck lag auf seinem Gesicht und surrend schwang er sein Schwert. Als die Nachtwandler ihn bemerkten, hob er die Axt und wartete nur darauf, dass einer von ihnen in seine Reichweite kam.
»Verdammt, ein Jäger ...«, rief einer der Vampire und wollte sofort zum Angriff übergehen, doch als er erkannte, wer da mit gezogenen Waffen auf ihn zukam, blieb er auf der Stelle stehen und seine Augen weiteten sich vor Furcht. Er hatte nicht einmal mehr die Zeit, sich umzudrehen und zu flüchten. Mit einem siegessicheren Lächeln warf Ennis die Axt mit voller Wucht direkt in den Kopf des Blutsaugers, der daraufhin wie ein nasser Sack einfach umfiel.
Ennis lief hin, zog die Axt wieder aus dessen Kopf und sah die anderen Blutsauger mit einem finsteren Lächeln an. In seinen Augen zeigte sich ein silbriger Glanz und ein Kribbeln machte sich in seiner Magengegend bemerkbar. Es war die Vorfreude auf den bevorstehenden Kampf. »Ich bin nicht irgendein Jäger«, meinte er mit bedrohlicher Stimme, während die vier anderen Untoten ängstlich vor ihm zurückwichen. »Ich bin Ennis MacKenna.« Reihum blickte er dann von einem zum anderen. «Wer will als Nächstes?«
ENDE
13. Mai 2015
Aileana Blair
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Aileana Blair