Feenblut
Zwei
Ennis hatte Una nach Hause gefahren, aber sie gingen noch eine Runde um den Block. Die Nacht war kalt und sternenklar und alles war mit einer dünnen Schneeschicht bedeckt. Die beiden waren in dicke Schals und Mäntel gehüllt. Una wohnte noch bei ihren Eltern, während Ennis seit seinem achtzehnten Lebensjahr im Haus seiner Mutter wohnte. Sie hatte ihm genügend Geld hinterlassen, so dass er ein angenehmes Leben führen konnte. Er musste nicht arbeiten, aber studierte wie Una Medienwissenschaften am Trinity-College.
»Woran denkst du, Ennis?«, fragte Una.
»An meine Mutter«, antwortete er. »Daran, dass sie mir nie gesagt hat, was ich bin.«
»Sie hätte es dir sagen müssen, dich irgendwie darauf vorbereiten sollen, das stimmt schon. Sie hatte bestimmt ihre Gründe, es nicht zu tun.« Sie blieb stehen und schaute zu ihm auf. »Aber Fiona und ich, wir versuchen doch, es dir so einfach wie möglich zu machen, Ennis. In den letzten vier Jahren war ich fast immer an deiner Seite auf der Jagd. Ich habe dir mehr über deine Fähigkeiten beigebracht, als deine Tante und trotzdem willst du nicht richtig akzeptieren, was du nun einmal bist.«
Er schaute in ihre Augen, und erkannte darin die tiefen Gefühle, die sie für ihn empfand. »Ich will das alles nicht, Una. Meine Mutter ist gestorben, ermordet worden, weil sie eine Jägerin war. Ich …«, er zögerte einen Moment. »… ich habe Angst, dass ich so ende wie sie.« Seine Augen blickten Una bekümmert an. »Ich bin erst zweiundzwanzig und will einfach ein normales Leben führen und von alledem eigentlich nichts wissen.«
»Ennis, du wirst nicht so enden wie sie«, sagte Una mit Nachdruck. »Wir sind ganz normal. Wir haben nur … einen Zusatz.“ Bei diesem Ausdruck musste sie schmunzeln. »Wir sind etwas besonderes, Ennis. Wir beschützen die Menschheit.«
»Die Menschheit will doch gar nicht beschützt werden«, brummte er. »Hast du mal gesehen, was im Kino für Filme laufen? Oder welche Bücher die Bestsellerlisten anführen? Da werden Nachtwandler auf einmal zu gequälten Seelen, die sich in Menschen verlieben. Da draußen …«, aufgeregt machte er eine ausladende Handbewegung, »… gibt es tatsächlich Leute, die solche Kreaturen werden wollen, die Blut trinken wollen. So etwas ist doch krank, Una!«
Sie lachte und nahm seine Hände in ihre. »Ja Ennis, weil sie die Wahrheit nicht kennen. Sie sind noch nie einem echten Nachtwandler begegnet, haben nicht einmal eine Ahnung davon, dass sie existieren und wie gefährlich sie eigentlich sind, aber wir schon.« Ihre Augen funkelten ihn an, und auf einmal wurde ihm warm ums Herz. Er fühlte, was er so noch nie gefühlt hatte: Liebe.
Ennis schaute in ihr Gesicht und sein Herz fing an, schneller zu schlagen. Er zog sie an sich und beugte sich zu ihr hinab, bis ihre Lippen sich berührten. Una legte die Arme um seinen Hals und erwiderte seinen Kuss, sanft und zärtlich. Dabei hielten sie sich so fest, als ob sie sich nie wieder loslassen wollten. Irgendwann endete der Kuss, und sie sahen sich lächelnd an. Una schmiegte sich an Ennis und er gab ihr einen Kuss auf das Haar. Sie war so klein, ging ihm gerade mal bis zur Schulter, trotzdem konnte sie gegen einen Nachtwandler kämpfen, wie eine Löwin. Er war glücklich, sie im Arm zu halten und fragte sich, warum er ihr nicht schon viel früher seine Gefühle gezeigt hatte. Aber seine Angst davor, abgewiesen oder gar verletzt zu werden, war einfach zu groß gewesen.
»Vielleicht gehe ich nach Stockholm«, sagte Una unvermittelt. Ihre Worte trafen Ennis wie ein Schlag. Das Gefühl von Glück, das ihn eben noch durchströmt hatte, war auf einmal wie weggefegt und Angst, sie zu verlieren, breitete sich in ihm aus.
Una schaute zu ihm hoch. »Mein Vater meint, ich könnte im Venatorium meine Fähigkeiten noch weiter ausbauen und sogar verbessern. Er kann mir nichts mehr beibringen.« Sie hatte Angst vor seiner Reaktion und blickte ihn zaghaft an.
Ennis ließ sie abrupt los und drehte sich weg. Er war wütend. Am meisten auf sich selbst, denn er hatte endlich den Mut gehabt, ihr seine Gefühle zu zeigen. Und jetzt wollte sie fortgehen? Ihn alleine lassen? In seinem Inneren herrschte totaler Aufruhr. Er ballte die Hände zu Fäusten und hätte am liebsten irgendetwas zertrümmert.
»Ennis …«, flehte Una leise. Sie wusste genau, wie es gerade in ihm aussah. Hätte sie bloß nichts gesagt. Sie hatte den wunderschönen Moment mit ihm einfach durch ihre unbedachten Worte zerstört. So lange hatte sie darauf gewartet, dass er sich ihr endlich öffnete, doch sie konnte ihren Mund nicht halten. Sie hätte ihm sagen sollen, dass sie ihn liebte, denn das tat sie. Schon lange wusste sie, was sie für Ennis empfand, doch er hatte sie nie nahe genug an sich herangelassen. Heute hatte er sie endlich geküsst, sie einfach an sich gezogen und ihr diesen heiß ersehnten Kuss gegeben. Nun versuchte sie die Situation zu retten, griff nach seinem Arm und stellte sich vor ihn. »Ennis, sieh mich an«, sagte sie eindringlich und blickte zu ihm auf. Sein Gesicht war schmerzverzerrt und er wich ihrem Blick aus. »Sei doch jetzt nicht sauer, ich gehe ja nicht morgen oder übermorgen. Eigentlich will ich überhaupt nicht gehen. Ich möchte viel lieber hier bleiben, bei dir.« Una versuchte zu lächeln, doch es gelang ihr nicht ganz.
Bei ihrem letzten Satz fielen Ennis tausend Steine vom Herzen und er war unglaublich erleichtert. Während sein Blick ihre Augen suchte, atmete er tief ein und sagte: »Wenn du gehen willst, kann ich dich nicht aufhalten, Una. Ich will nur, das du glücklich bist.«
»Und ich will, dass du glücklich bist, Ennis.«
»Das bin ich, wenn du bei mir bist. Ich will nicht, dass du gehst.« Den letzten Satz flüsterte er und sie sahen sich tief in die Augen.
Das Klingeln seines Handys riss ihn jäh von ihrem Anblick los. Scharf zog er die Luft ein. »Verdammt!«, fluchte er, drehte sich weg und ging ein paar Schritte, um ungestört reden zu können. Auf dem Display sah er, dass es Mark war. »Was ist los?«
»Wir treffen uns bei der alten Papierfabrik im Industriegebiet, in einer halben Stunde«, hörte er ihn sagen.
»Okay, ich werde da sein.« Ennis legte auf. Mist, eigentlich wollte er nach Hause. Er war müde und außerdem hätte er am liebsten die ganze Nacht mit Una verbracht. Was wollte Mark nur von ihm um diese Uhrzeit? Außerdem war ihm kalt, die Ohren und die Zehen froren ihm langsam ab.
Er ging wieder zu Una und legte den Arm um sie. »Ich muss gehen«, seufzte er. »Aber ich bringe dich erst noch nach Hause.«
* * *
Ennis stand an der verabredeten Stelle unter einer Straßenlaterne und wartete auf Mark, von dem weit und breit noch nichts zu sehen war. Wenn Una oder Fiona wüssten, dass Ennis mit einem Nachtwandler befreundet war, dann würden sie ihm wohl gehörig den Kopf waschen. Aber als er vor ein paar Monaten mutigerweise einmal alleine auf die Jagd gegangen war, hatte er Mark schwer verletzt in einer Seitenstraße entdeckt. Als er seinen Pflock hervor geholt hatte, um ihn in Marks Herz zu stoßen, konnte er es nicht. Ennis hatte irgendwie Mitleid mit ihm bekommen, als er ihn übel zugerichtet dort liegen sah, weggeworfen wie einen Müllsack und mit dem drohenden Sonnenaufgang dem Tode ausgeliefert. Er hatte etwas getan, das er bis heute nicht verstand. Ohne nachzudenken, hatte er sich das Handgelenk aufgeritzt und ihm sein Blut gegeben, auch wenn er ein Jäger und somit eigentlich sein Feind war. Mark war ihm deswegen so dankbar gewesen, dass er Ennis geschworen hatte, ihn zu beschützen und ihm zu helfen. Im Gegenzug sollte Ennis ihm helfen, diejenigen, die ihm das angetan hatten, zu vernichten.
Mark hielt sein Wort. Er half ihm sogar dabei, andere Nachtwandler aufzuspüren und zu töten. Er war noch ziemlich jung, seine Menschlichkeit war ihm bis jetzt noch nicht verloren gegangen. Aber Ennis wusste, dass der Tag kommen würde, an dem er tun musste, was er damals, als er ihn gefunden hatte, noch nicht tun konnte. Schließlich war er ein Jäger und Mark ein Nachtwandler, sie waren natürliche Feinde und das war ihnen beiden bewusst.
Jetzt stand er hier und wartete auf ihn. Langsam fror Ennis entsetzlich, trat von einem Fuß auf den anderen und hatte seine behandschuhten Hände unter die Achseln geklemmt, um sie zu wärmen. Die zehn Minuten Autofahrt hatten ihn nicht richtig aufgewärmt. Wenigstens hatte er sich noch seine Mütze und Handschuhe, die in seinem Auto lagen, übergezogen.
»Hey Alter.« Mark stand plötzlich wie aus dem Nichts neben ihm.
Ennis erschrak und machte einen kleinen Satz zur Seite. »Mensch, Mark, musst du dich immer so anschleichen?«
»Tschuldigung, aber ich kann nichts dafür. Ich bin eben so.« Mark grinste.
Als Ennis ihn ansah, fror er noch mehr. Anscheinend machte Mark die Kälte nichts aus, denn er trug nur einen schwarzen Rollkragenpullover, eine Jeans und Sneakers. Seine Hände hatte er lässig in den Hosentaschen.
»Warum sollte ich mich mitten in der Nacht, bei dieser Eiseskälte, mit dir treffen?« Fragend schaute Ennis ihn an.
Mark wies mit dem Kopf in Richtung der alten Fabrikhalle, die dunkel in einer Seitenstraße gegenüber aufragte. »Da drin befinden sich die drei Arschlöcher, die mich damals kalt machen wollten. Du sollst mir helfen, sie auszuschalten.«
Ennis schaute ihn entgeistert an. »Bist du wahnsinnig? Wie kommst du auf die Idee, dass ich drei Nachtwandler zur Strecke bringen kann? Ich habe ja schon die größten Probleme mit nur einem. Nein mein Freund, alleine gehe ich da nicht mit dir rein.«
»Und wer soll uns helfen?«, fragte Mark trocken.
Ennis schaute zur Fabrikhalle und zögerte. »Niemand«, gestand er dann.
Mark drehte sich zu Ennis und blickte ihm offen ins Gesicht. »Was ist eigentlich dein Problem?«, fragend hob er die Augenbrauen. »Alter, du bist ein Jäger. Du bist in der Lage, jeden Nachtwandler zu töten. Warum machst du nicht endlich das, wozu du geboren wurdest?«
Ennis zuckte mit den Schultern, aber er antwortete nicht. Doch Mark hatte ihm mit seiner Frage einen Denkanstoß gegeben. Warum tat er nicht, was ein Jäger tun sollte? Was hinderte ihn? Was hielt ihn innerlich zurück? Mark hatte es auf den Punkt gebracht: Was war sein Problem? Er hatte gesehen, wie Fiona und Una kämpften und sie übten ihre Bestimmung mit bewundernswerter Klasse aus. Sie gingen mit Leichtigkeit und Zielstrebigkeit voran und ließen sich von ihren Instinkten führen. Am Ende lagen vor ihnen lauter tote Nachtwandler. Sie taten es, ohne einen Moment zu zögern, aber er hatte auch die Mordlust dabei in ihren Augen erkannt.
Mark riss ihn aus seinen Gedanken, als er ihm kurz auf die Schulter klopfte, »Komm, legen wir los, Jäger, sonst erfrierst du mir hier noch.«
Ennis nickte und die beiden überquerten die Straße. Dann bogen sie in die dunkle Nebenstraße ein, auf deren anderer Seite sich die verlassene Fabrik befand.
Es wurde finster um sie herum, da hier keine Straßenlaternen brannten und die Lichter der Fabrik schon lange kaputt waren. Das Eingangstor war nur halb angelehnt und Mark und Ennis schlüpften hindurch. Sie liefen schnell und lautlos über das verlassene Gelände und drückten sich in die Schatten des heruntergekommenen Gebäudes. Durch eines der halb blinden Fenster konnten sie einen schwachen Lichtschein erkennen.
Ennis lugte vorsichtig durch die Scheibe, um herauszufinden, was da drinnen vor sich ging. Die Halle war weitläufig und man sah ihr an, dass sie schon lange leer stand. Im hinteren Teil brannte eine einzelne Glühbirne und drei Gestalten bewegten sich in dem schwachen Schein. »Hast du irgendeinen Plan?«, fragte Ennis flüsternd.
»Nein«, antwortete Mark ebenso leise. »Habe sie entdeckt, bin ihnen gefolgt und habe dich dann angerufen. Ich will, dass sie büßen, für das, was sie mir angetan haben.«
Ennis sah den entschlossenen und wilden Ausdruck in seinen Augen. Okay, das war schon mal gut. Ein wütender Nachtwandler konnte ihm nur hilfreich sein. »Aber wie kommen wir jetzt da rein, ohne dass sie aufmerksam auf uns werden?«
»Tja Alter, wir müssen wohl auf das Überraschungsmoment zählen und gleich angreifen, dann haben wir gute Chancen. Aktiviere deine Jägerkräfte, ich will nicht, dass wir beide heute drauf gehen.«
»Dein Vertrauen in mich ist echt rührend«, wisperte Ennis leicht ironisch.
»Du solltest selbst mehr Vertrauen in dich haben, Jäger. Du weißt anscheinend gar nicht, was in dir steckt.« Mark zwinkerte ihm zu. »Du packst das. Komm, da vorne ist der Eingang«, fügte er noch hinzu und zog Ennis mit sich.
Der wunderte sich über Marks Zuversicht, doch jetzt musste er sich erst einmal auf die Situation hier konzentrieren. Zeit zum Nachdenken hatte er später noch, jedenfalls hoffte er das.
Dann standen sie vor der stählernen Eingangstür. Ennis schloss die Augen und versuchte seinen Kopf zu leeren und seinen Instinkt einzuschalten. Er tat das selten voll bewusst, weil er sich immer dagegen wehrte, seine Kontrolle aufzugeben und sein Handeln von dieser unbekannten Kraft lenken zu lassen. Doch jetzt wollte er es zum ersten Mal. Er wollte wissen, wozu er als Jäger fähig war.
Er atmete tief ein und aus, und dann konnte er es fühlen. Es schien ihm wie Wellen, die ihn langsam überfluteten. Die Kraft breitete sich in ihm aus, durch jede Faser seines Körpers, und Ennis ließ es diesmal zu, ohne sich dagegen zu wehren. Adrenalin schoss durch seine Adern und er spürte die Kälte der Nacht nicht mehr. Er fokussierte seine Kräfte auf die Nachtwandler in der Fabrik und öffnete die Augen wieder. Während er sein langes Messer aus der Gürtelhalterung zog, nickte er Mark zu. Das war sein Zeichen, dass es losgehen konnte.
Mit voller Kraft trat Mark die Tür ein, sodass sie fast aus den Angeln flog. Schnell liefen die beiden in die Halle und Ennis sondierte mit Blicken die Lage. Die Blutsauger hatten sich bei dem Krach erschrocken zu ihnen umgedreht. Sogar ein weiblicher Nachtwandler befand sich unter ihnen. Na, die bekam man selten zu Gesicht.
Am hinteren Ende der Halle hatten sich die drei ein Lager gemacht, wo eine abgewetzte Couch an der Wand stand, auf der ein gefesseltes und geknebeltes Mädchen saß. Auf der anderen Seite, in der Ecke, erkannte er schwach eine zusammengekauerte Gestalt, die regungslos am Boden lag, wahrscheinlich war sie tot. Wie auf Kommando fletschten die Blutsauger ihre Reißzähne.
Mark tat dasselbe und ein knurrender Laut entwich seiner Kehle. Er hatte im Vorbeigehen eine herumliegende, stabile Holzlatte aufgehoben und sie mit dem Knie in der Mitte entzwei gebrochen. Eine Hälfte davon reichte er Ennis, der sie ergriff und fest in der Hand hielt. Seine Sinne waren aufs äußerste geschärft und auf die Blutsauger fokussiert.
Mark preschte plötzlich los, und stürzte sich auf einen der Nachtwandler. Der andere wollte ihn wegzerren, doch er gab ihm einen heftigen Tritt in die Magengrube. Der Blutsauger flog ein paar Meter durch die Luft und landete unsanft auf dem Boden. Mark schien alleine zurechtzukommen und Ennis machte sich erst einmal keine Sorgen um ihn.
Mit einem Schrei rannte die Blutsaugerin auf ihn zu, ein hämisches Grinsen erschien auf seinem Gesicht, und Ennis freute sich irgendwie auf das, was jetzt kam. Geschickt wich er ihr aus und trat ihr noch gezielt in den Rücken. Sie stolperte und fiel auf die Knie, doch blitzschnell war sie auf den Beinen und wollte sich wieder auf ihn stürzen.
Ennis handelte nur noch instinktiv, seine eigenen Gedanken waren völlig ausgeschaltet. Das Gefühl, solch eine Macht zu besitzen, war einfach unbeschreiblich. Als sie wieder auf ihn zukam, packte er sie von hinten und schlitzte ihr mit dem Messer den Hals auf. Ein gurgelnder Laut kam aus ihrer Kehle und Blut spritze auf. Sie sank auf den Boden. Ennis packte sie bei den Haaren und stellte sich breitbeinig über sie. Er rammte ihr die Holzlatte in den Brustkorb und ließ sie einfach sterbend liegen.
Er ging auf die anderen zu, die Mark mittlerweile im Schwitzkasten hatten. Einer hielt ihn von hinten fest und drückte ihm die Kehle zu, während der andere ihm den Arm verdrehte. Ennis hörte das Brechen von Knochen und Marks ersticken Aufschrei. Schnell holte er den Flachmann mit dem Weihwasser aus seiner Gürteltasche und öffnete den Verschluss. Er spritzte dem Nachtwandler, der Mark den Arm gebrochen hatte, etwas davon ins Gesicht. Der schrie auf und taumelte ein paar Schritte nach hinten, während das Weihwasser auf seiner Haut zischte. Ennis sprang vor und schlitzte auch ihm gezielt mit dem Messer den Bauch auf. Stöhnend und ächzend ging der Blutsauger zu Boden.
Dem Anderen, der Mark immer noch von hinten mit einem Arm die Kehle zudrückte, hackte er mit einem Hieb den Arm ab. Schrill heulte der Nachtwandler auf und aus dem Armstumpf quoll das Blut in Strömen hervor.
Mark stolperte ein paar Schritte nach vorne, als er wieder frei war, und hielt sich den gebrochenen Arm.
Ennis zeigte mit einer Kopfbewegung auf das gefesselte Mädchen auf der Couch und rief ihm zu: »Bring sie raus hier!«
Mark nickte und tat, was Ennis ihm befohlen hatte.
Ennis spritzte das restliche Weihwasser in das Gesicht des Nachtwandlers, dem er gerade den Arm abgeschlagen hatte. Ein heulendes Schreien kam aus seinem Mund und er fixierte Ennis wutentbrannt. Der entdeckte die Holzlatte, die ein paar Schritte entfernt vor der Couch lag. Da er aber genau zwischen den beiden Kreaturen stand, konnte er nicht hingehen, um sie zu holen. Der andere Nachtwandler rappelte sich langsam wieder auf. Ennis schloss die Augen und konzentrierte sich auf seine innere Kraft. Sie wuchs immer weiter an und er konnte spüren, wie er die Kräfte der Blutsauger in sich aufnahm.
Nach einem gekonnten Tritt in den Brustkorb flog der eine ein paar Meter weit und prallte an die gegenüberliegende Wand. Der andere warf sich knurrend auf Ennis und verpasste ihm einen Schlag ins Gesicht. Schmerz flammte in seiner Wange auf und Ennis ging unter der Wucht zu Boden, doch er hielt sein Messer fest im Griff. Es war im Moment seine einzige Waffe. Schnell kroch er zur Couch, beachtete den Schmerz nicht, und holte sich die Holzlatte. Auf einmal bekam er einen heftigen Tritt in den Rücken. Keuchend ging er wieder zu Boden, doch er drehte sich blitzschnell auf den Rücken und hielt die Holzlatte direkt vor sich. Spitz ragte sie auf und der Nachtwandler, der sich im selben Moment auf ihn stürzte, wurde aufgespießt. Die Latte durchdrang seine Brust, trat aus seinem Rücken heraus und nur wenige Zentimeter vor seinem Gesicht blieb der Nachtwandler regungslos daran hängen. Überdeutlich konnte Ennis die langen, geifernden Fangzähne in dem verzerrten Mund sehen und sein gurgelndes Ächzen hören. Ennis hob die Hand mit seinem Messer und mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, schnitt er ihm den Kopf ab.
Er hievte den leblosen Körper zur Seite und stand auf. Der Nachtwandler, dem er den Arm abgetrennt hatte, kam langsam auf ihn zu. Er war blutverschmiert und sah zum Fürchten aus. Das Blut rann ihm aus der Nase und der offenen Schulter, an der vorhin noch sein Arm gewesen war. Fast sah er aus wie ein Zombie, denn seine Haut war durch den Blutverlust grau und ledrig geworden.
Ennis Lippen kräuselten sich zu einem bedrohlichen Lächeln. Dieser hier war schon fast am Ende. Er ließ ihn auf sich zukommen, während er entschlossen da stand und wartete. Der Nachtwandler machte einen Schritt, dann noch einen und noch einen. Ennis hielt sein Messer fest in der Hand und war bereit, ihn ebenfalls zu vernichten.
Als alles vorbei war, sammelte Ennis die Überreste zu einem Haufen zusammen, den er dann in Brand steckte. Angewidert spuckte er noch in das Feuer, verließ die Halle und trat aus der Tür in die eiskalte Nachtluft hinaus. Schwer atmend und mit pochendem Herzen stand Ennis ein paar Minuten einfach nur so da. Langsam wurde er wieder er selbst. Die Kraft in ihm ebbte Schritt für Schritt zurück und er fing an zu zittern. Seine Jacke, die Handschuhe, ja selbst sein Gesicht – alles war über und über mit Blut besudelt. Übelkeit kroch in ihm hoch. Er drehte sich zur Seite und musste sich übergeben.
»Alles okay, Alter?«, fragte Mark, der auf einmal neben ihm stand.
Ennis nickte. »Geht schon ...« Er räusperte sich und wischte sich mit einem Taschentuch, das er aus seiner Jackentasche gekramt hatte, den Mund ab.
Mark klopfte ihm auf die Schulter. »Du warst klasse, Jäger!« Er grinste ihn an. »Das solltest du öfter tun.«
»Was? Kotzen?«
Mark lachte. »Du hast die Drei erledigt ohne zu zögern. Du bist ein Slayer, Alter. Hast du jetzt gesehen, was in dir steckt? Mann, du hast sie alle platt gemacht«, feixte er.
»Was ist mit der Kleinen?« Ennis schaute sich um, konnte das Mädchen aber nirgends entdecken.
»Ich hab sie raus gebracht, dann habe ich ihr die Fesseln abgenommen und sie hypnotisiert. Sie erinnert sich an nichts und ist wohl nach Hause gegangen.«
»Du hast sie doch hoffentlich nicht gebissen?«
»Ich war versucht, es zu tun, habe mich aber zusammengerissen. Du kannst beruhigt sein.«
Ennis sah Mark eindringlich in die Augen.
»Wirklich nicht. Du kannst mir glauben.«, versicherte Mark und sah Ennis offen ins Gesicht.
»Okay.« Ennis war beruhigt. »Wie geht’s deinem Arm?«
»Schmerzt noch, aber ist fast schon geheilt«, antwortete Mark und drehte den Arm ein paar mal hin und her.
»Ich muss heim«, meinte Ennis dann müde. »Ich brauche dringend Schlaf, außerdem fühle ich mich langsam wie ein Eiszapfen. Wir sehen uns.«
»Du hast echt was drauf, Jäger«, sagte Mark mit Bewunderung in der Stimme. »Ich möchte nicht dein Feind sein.« Blitzschnell war er verschwunden, genauso, wie er gekommen war. Daran würde Ennis sich wohl nie gewöhnen können.
Er trottete langsam zu seinem Auto. Am liebsten würde er jetzt zu Una gehen, doch es war halb drei in der Nacht. Er war tief erschüttert über sein Handeln und das, was in ihm schlummerte. Vollkommen erschrocken darüber, was er anrichten konnte, wenn er es zuließ. Heute hatte er es zum ersten Mal in aller Deutlichkeit erlebt, und er hatte das dumpfe Gefühl, dass das noch lange nicht alles war. Nach dieser Nacht hatte er richtiggehend Angst vor sich selbst.