Geschwister Tanner

Robert Walser · Kapitel 11 von 19

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Geschwister Tanner

Zehntes Kapitel.

Z e h n t e s K a p i t e l .

 

Hedwig sagte eines Abends: »Ich möchte bald meinen, daß ich wie durch

eine leichte, aber undurchsichtbare Scheidewand vom Leben getrennt bin. Aber

ich kann nicht traurig darüber sein, sondern ich kann nur darüber nachdenken.

Andern Mädchen geht es vielleicht ebenso, ich weiß es nicht. Vielleicht habe ich

meinen Lebensberuf verfehlt, als ich meinte, einen Beruf für das Leben lernen zu

sollen. Wir Mädchen lernen ja doch nur halb, es ist uns nicht um das Lernen zu

tun. Wie sonderbar mir das jetzt vorkommt, daß ich Lehrerin geworden bin.

Warum bin ich nicht Modistin geworden oder sonst etwas? Ich kann mir gar

nicht mehr vorstellen, welche Gefühle mich dazu getrieben haben, einen solchen

Beruf zu ergreifen, wie diesen. Was war es denn so Wunderbares, so

Verheißungsvolles, das mich damals erfaßte? Glaubte ich gar, eine Wohltäterin

zu werden, und glaubte ich, es werden zu müssen, die Verpflichtung, die

Sendung spüren zu müssen, es zu werden? Man glaubt so Vieles, wenn man

unerfahren ist, und die Erfahrungen machen einen wieder an anderes glauben.

Wie merkwürdig. Es liegt eine Härte gegen sich selbst darin, das Leben so ernst

aufzufassen, wie ich es aufgefaßt habe. Ich muß es dir sagen, Simon: ich habe es

zu ernst und zu heilig aufgefaßt; ich habe nicht daran gedacht, daß ich ein

Mädchen bin, als ich unternahm, was nur Männer unternehmen sollten. Niemand

hat mir gesagt, daß ich ein Mädchen bin. Niemand hat mir geschmeichelt mit

einer solchen Bemerkung. Es hat niemand meiner so gedankenvoll gedacht, als

es wäre nötig gewesen, mir eine solche einfache Bemerkung zu machen, auf die

ich gehorcht hätte, wenn ich im ersten Augenblick auch die Empörte gespielt

hätte. Ich würde darauf gehorcht haben, wenn der Ton aus einem Herzen

gekommen wäre. Aber ich hörte nur Worte, oberflächliche und leicht

hingesprochene: »Tu das, tu das. Das ist gut, daß du einen Beruf ergreifen willst.

Macht dir alle Ehre.« Und so weiter. Eine sonderbare Ehre, ein unglückliches,

innerlich armes und sehnsüchtiges Mädchen zu sein, wie jetzt ich mit dieser

Ehre von Beruf. Ein Beruf ist eine Last durchs Leben für einen Mann mit starken

Schultern und vorwärtsstrebendem Willen, ein Mädchen wie mich erdrückt er.

Habe ich Freude an meinem Beruf? Gar keine Spur, und ich bitte dich, erschrick

nur nicht über dieses Geständnis, das ich dir mache, weil du einer bist, dem man mit einer Art Lust Geständnisse macht. Du verstehst mich, ich weiß es. Andere

würden mich vielleicht ebensogut verstehen, aber nicht gern, aus diesem oder

jenem Grunde. Du verstehst gern, weil du keine Gründe hast, über einfache und

offene Geständnisse zu erschrecken. Du lebst mein ganzes Leben in dir mit, mit

mir, deiner Schwester. Du bist eigentlich zu gut dazu, nur mein Bruder zu sein.

Es ist schade, daß du mir nicht mehr sein kannst: Auch das würdest du gerne

sein; denn du nickst mit deinem Kopfe. Laß mich weiter erzählen. Wenn man

dich als Zuhörer hat, erzählt man gerne. So höre denn weiter, daß ich

entschlossen bin, meine Schulkarriere aufzugeben, und zwar bald; denn meine

Kräfte halten dies Leben nicht lange mehr aus. Ich glaubte, es wäre ein schönes

Leben, Kinder in die Welt hineinzuführen, sie zu unterrichten, ihnen die Seelen

für die Tugenden zu öffnen, sie zu überwachen und zu belehren. Es ist ja auch

eine ganz schöne Aufgabe, aber sie ist viel zu schwer für mich Schwache; ich

bin ihr nicht gewachsen, lange nicht. Ich glaubte, ich wäre es, aber ich sehe das

Gegenteil ein: mich zusammensinken sehe ich unter meiner Aufgabe, die mir

eine tägliche Erholung sein sollte und die mir nur eine Last ist, die ich als

ungebührlich und ungerecht empfinde. Das, was einen niederdrückt, empfindet

man als ungerecht. Unrecht, dieses zu empfinden, sollte ich haben? Liegt nicht

in meiner Empfindung das Maß für mir zugefügtes Unrecht? Und was kann ich

denn dafür, daß das Unrecht in seiner Art unschuldig und süß ist: die Kinder?

Die Kinder! Ich kann sie nicht mehr ertragen. Ich freute mich in der ersten Zeit

über alle ihre Gesichter, über ihre kleinen Bewegungen, über ihren Eifer und

selbst über ihre Fehler. Ich freute mich über den Gedanken, mich dieser jungen,

schüchternen und hilflosen Menschenschar gewidmet zu haben. Aber kann ein

solcher einziger Gedanke über ein Leben hinwegtäuschen, kann man ein ganzes

Leben mit einer Idee hinwegdenken? Wehe, wenn diese Idee und dieses Opfer

einem eines Tages gleichgültig werden, wenn man den Gedanken, der einem

alles ersetzen soll, nicht mehr mit so inniger Leidenschaft zu denken vermag, als

es nötig ist, um den Tausch in der Seele zu rechtfertigen. Wehe, wenn man

überhaupt einen Tausch merkt. Dann fängt man an zu grübeln, zu unterscheiden,

abzuschätzen, mit Wehmut und Zorn zu vergleichen, und ist unglücklich, so

wankelmütig und untreu geworden zu sein, und ist froh, wenn nur immer ein Tag

zu Ende ist, um in der Stille weinen zu können. Einmal nur mit einem Hauch

treulos, will man mit dem Lebensgedanken, der nur auf vollkommener Hingabe

beruht, nichts mehr zu tun haben und sagt sich: Ich tu meine Pflicht, weiter

denke ich an nichts mehr! Die Kinder blieben mir immer lieb, sie sind mir

immer lieb geblieben. Wem könnten Kinder nicht lieb sein? Aber wenn ich

unterrichte, denke ich an anderes, an ferneres und weiteres, als ihre kleinen

Seelen sind, und das ist der Verrat, den ich an ihnen begehe, den ich nicht mehr mit ansehen will. Eine Schullehrerin muß in den kleinen Dingen mit ihrer

ganzen Liebe untergehen, sonst vermag sie nicht Gewalt auszuüben, und ohne

Gewalt bleibt sie wertlos. Vielleicht ist das übertrieben gesprochen, und ich bin

auch fest davon überzeugt, daß alle, oder die meisten Menschen, zu denen ich so

spräche, diese Sprache übertrieben finden würden. Diese Sprache aber entspricht

meiner Auffassung vom Leben; da ist es wohl unmöglich, daß ich anders

sprechen könnte. Ich habe es noch nicht gelernt, eine Zufriedenheit, eine

Genugtuung, ein Wohlbefinden zu lügen, das ich nicht empfinde, und ich glaube,

man irrt sich, wenn man annimmt, daß ich das je lernen werde. Ich bin zu

schwach, um täuschen und heucheln zu können, und ich erblicke, so scharf ich

auch nachdenke, keine Gründe, die das Vorlügen rechtfertigten. Wenn ich mit dir

jetzt so rede, so ist das nur die Ausnutzung eines Augenblickes, nach dem ich

mich schon lange gesehnt habe, um meine ganze Schwäche einmal entladen zu

können. Es tut einem so wohl, seine Schwäche eingestehen zu dürfen, nach den

Monaten der peinigenden Zurückhaltung, die eine Stärke verlangte, deren ich

nicht fähig bin. Ich bin der Pflichterfüllung, die mir nicht schmeichelt, auf die

Dauer nicht fähig, und ich suche jetzt nach einer Arbeit, die meinem Stolz und

meiner Schwäche zusagen wird. Ob es mir gelingen wird? Ich weiß es

wahrhaftig nicht, aber ich weiß nur, und das bestimmt, daß ich suchen muß, bis

ich die Überzeugung gefunden habe, daß es ein Glück und eine Pflicht gibt,

beides eines! Ich will Erzieherin werden und habe bereits einer reichen,

italienischen Dame brieflich meine Dienste angeboten, in einem vielleicht zu

langen Briefe, in welchem ich ihr geschrieben habe, daß ich imstande sei, zwei

Kinder, ein Mädchen und einen Knaben, in allem Wünschenswerten zu

unterrichten. Ich habe in dem Briefe, ich weiß nicht, was alles, gesagt, daß ich

die Schulstube gerne mit der Kinderstube vertauschen möchte, daß ich die

Kinder liebe und achte, daß ich Klavier spielen und schöne Sachen sticken

könne und daß ich ein Mädchen sei, dem man nur mit Strenge zu begegnen

brauche, um ihm eine Wohltat zu erweisen. Ich habe mich sehr stolz in dem

Schreiben ausgedrückt, habe der Dame gesagt, daß ich zu lieben, zu gehorchen

verstände, aber nicht zu schmeicheln, daß ich wohl schmeicheln könnte, aber nur

dann, wenn ich es selber mir beföhle; daß ich mir meine zukünftige Herrin lieber

stolz und streng, als nachgiebig vorstelle, daß es mir Schmerz und Enttäuschung

bereiten würde, wenn ich sie so fände, daß man sie, wenn man die Absicht hätte,

leicht und frech hintergehen könnte; daß ich nicht die Absicht hätte, zu ihr zu

kommen, um bei ihr auszuruhen, sondern daß ich hoffe, Arbeit für mein Herz

und auch für meine Hände zu bekommen. Ich habe ihr das Geständnis gemacht,

daß ich schon jetzt, in der Vorausahnung, ihre beiden Kinder innig liebe, daß es

mir an der nötigen Achtung vor Kindern nicht fehle, um dieselben streng und zugleich hingebungsvoll zu erziehen, daß ich erwarte, daß man mich gewähren

lasse, ihr, der Dame, in diesem Sinn zu dienen, daß ich eine zugleich heftige und

gelassene Auffassung vom Dienen hätte und daß ich nicht dazu zu bewegen

wäre, von meiner Auffassung abzuweichen. Zu glattem und

speichelleckerischem Dienst sei ich nicht zu gebrauchen, ebensowenig hätte ich

das Talent, auf eine unzarte, unstolze Weise zuvorkommend zu sein. Daß ich

aber auf eine milde Behandlung zu Gunsten einer kalten und strengen, wenn es

nur zugleich keine beleidigende sei, gern verzichtete, daß ich meinen Stand sehr

wohl und zu jeder Zeit von dem ihrigen abzumessen verstände, daß ich keine

Gerechtigkeit aber Stolz verlange, der ihr verbieten würde, mir ungerecht zu

begegnen und daß ich in meiner Seele entzückt wäre, wenn sie mir, wenn auch

nur einmal im Jahr, ein Zeichen gütiger Zufriedenheit gäbe, das ich mehr zu

schätzen wüßte als Vertraulichkeit, die für mich erniedrigend und keine Gnade

wäre, daß ich hoffe, eine Dame zu finden, an der ich emporblicken könne, um zu

lernen, wie man sich in allen Fällen zu benehmen habe und daß sie nicht zu

fürchten brauche, in mir eine Schwätzerin in ihren Dienst zu nehmen, der es ein

Vergnügen wäre, ihre Geheimnisse auszuplaudern. Ich sagte ihr, daß ich nicht

imstande sei, zu sagen, wie gern ich sie bewundern und ihr gehorchen möchte

und ihr zeigen möchte, in welcher Weise ich es verstünde, ihr niemals lästig zu

fallen. Ich sprach dann die Befürchtung und zugleich die Hoffnung aus, daß ich

die Sprache ihres Landes, obwohl ich sie noch gar nicht kenne, doch sicher bald

lernen würde, wenn man mir nur zeigte, wie ich mich dabei zu verhalten habe.

Sonst wisse ich nichts, was mich nicht dazu berechtige, in ihr Haus zu treten,

sagte ich zum Schluß, als vielleicht die Schüchternheit, die meinem Auftreten

noch anklebe, die ich aber zu überwinden hoffe; das Linkische und Unbeholfene

sei sonst nicht meine Natur – –«

»Hast du den Brief schon abgeschickt?« fragte Simon.

»Ja,« fuhr Hedwig fort »was hätte mich daran sollen verhindern können. Ich

werde vielleicht bald von hier fortgehen, und die Abreise macht mir Kummer;

denn ich verlasse viel und werde vielleicht nichts dafür bekommen, das mich das

Weggeworfene und im Stich Gelassene vergessen ließe. Trotzdem bin ich fest

entschlossen wegzugehen; denn ich mag nicht mehr allein sein mit meinen

Träumen. Auch du gehst ja bald fort, und was sollte ich dann noch hier? Du

lassest mich wie einen Brocken, wie einen schlecht gewordenen Gegenstand

zurück, oder vielmehr so: der ganze Ort, das Dorf, alles hier ist dann der

Brocken, der verlassene, unbeachtete und weggeworfene Gegenstand, und ich

dann noch mitten drin? Nein, ich habe mich zu sehr daran gewöhnt, das Leben,

das wir hier führen, mit Hilfe deiner Augen anzusehen, es schön zu finden, so

lange du es schön fandest; und du fandest es schön, und so fand ich es auch noch schön. Aber weiter würde ich es nicht mehr schön und groß genug für mich

finden, ich würde es verachten, weil es eng und stumpf wäre, und es wäre auch

eng und stumpf durch meine gleichgültige Verachtung. Ich kann nicht leben und

mein Leben verachten. Ich muß mir ein Leben suchen, ein neues, und wenn das

ganze Leben auch nur in einem einzigen Suchen nach Leben bestehen sollte.

Was ist das: geachtet zu sein, gegen das andere: glücklich zu sein und den Stolz

des Herzens befriedigt zu haben. Auch unglücklich zu sein ist noch schöner als

geachtet zu sein. Ich bin unglücklich, trotz der Achtung, die ich genieße; ich

verdiene vor mir diese Achtung also nicht; denn in meinen Augen ist nur das

Glück achtenswert. Infolgedessen muß ich versuchen, ob es möglich ist,

glücklich zu sein, ohne Achtung zu beanspruchen. Vielleicht gibt es ein Glück

dieser Art für mich und eine Achtung, die man der Liebe und der Sehnsucht

zollt, nicht der Klugheit. Ich will nicht deshalb unglücklich sein, weil mir der

Mut fehlte, mir einzugestehen, daß man unglücklich werden kann, weil man

versuchte, glücklich zu werden. Solches Unglück ist achtenswert, das andere

nicht; denn Mangel an Mut kann man nicht achten. Wie kann ich länger zusehn,

daß ich mich zu einem solchen Leben verdamme, das nur Achtung einbringt und

nur Achtung von Andern, die einen immer so haben wollen, wie es ihnen am

besten paßt! Warum soll es das? Und warum muß man die Erfahrung machen,

daß das, was es einem eingebracht hat, zum Schluß nichts wert ist? Da hat man

dann gesorgt und gehütet und gewartet und ist nur genarrt worden. Es ist bitter

unklug, auf etwas warten zu wollen; es kommt nicht zu uns, wenn wir nicht

hingehen und es uns holen. Freilich, es wird einem so viel Furcht eingejagt von

Fürchtlingen, die um einen besorgt scheinen. Ich hasse sie jetzt beinahe, die den

Kopf schütteln, sobald man nur etwas Mutiges sagt. Wie würden die sich erst

betragen, wenn sie hörten, daß man das Mutheischende zur Ausführung gebracht

hat. Wie diese vielen Ratgeber schwinden vor der Herzensgewalt einer frei

vollbrachten Tat! Und wie sie einen knechten mit ihrer süßlichen Liebe, wenn

man diesen Mut nicht findet und sich ihnen ausliefert. Man wird mich hier mit

vielem Bedauern wegziehen sehen und es nicht verstehen wollen, warum ich

einen so angenehmen und ersprießlichen Platz verlasse; und auch ich verlasse

das Land mit einem Gefühl, das mich noch immer überreden möchte, hier zu

bleiben. Ich habe geträumt, Bäuerin zu werden, einem Mann anzugehören,

einem einfachen und zarten Menschen, ein Heim zu besitzen mit einem Stück

Land und Stück Garten, wozu ein Stück Himmel gehört hätte, zu bauen und zu

pflanzen, keine weitere Liebe als Achtung zu verlangen und das Entzücken zu

haben, meine Kinder aufwachsen zu sehen, womit ich mich für allen Verlust

einer tieferen Liebe entschädigt gefunden hätte. Der Himmel würde die Erde

berührt haben, ein Tag hätte den andern in die Zeiten hinuntergerollt, und ich wäre unter Sorgen eine alte Frau geworden, die an sonnigen Sonntagen unter der

Haustüre gestanden und die Vorübergehenden beinahe schon verständnislos

angeblickt hätte. Ich würde dann nie wieder nach Glück gestrebt und heißere

Empfindungen vergessen haben, hätte meinem Manne und seinen Geboten und

dem gehorcht, was mir als Pflicht würde vorgeschwebt haben. Und ich hätte

gewußt, was einer Bäuerin Pflicht wäre. Meine Träume wären mit den Tagen wie

Abende eingeschlafen und würden nie mehr wieder etwas gefordert haben. Ich

würde zufrieden und heiter gewesen sein, zufrieden, weil ich nichts anderes

gewußt, und heiter, weil es sich nicht geziemt hätte, meinem Manne eine

unmutige Stirne mit dunklen Sorgen zu zeigen. Mein Mann würde vielleicht den

Takt besessen haben, in der ersten Zeit, da noch vieles heißer gedrängt und

gepocht hätte, mich zu schonen und mich sanft für meine kommende Aufgabe zu

erziehen, was ich dankbar würde haben geschehen lassen mit mir; dann wäre es

auch gegangen, und eines Tages würde ich verwundert an mir die Beobachtung

gemacht haben, daß ich innerlich Frauen von heftiger und sehnsüchtiger

Gemütsart, das heißt, solche von meinem eigenen früheren Schlag, nicht mehr

dulden mochte, weil ich sie für gefährlich und schädlich hielte. Mit einem Wort:

ich würde geworden sein wie die andern und würde das Leben verstanden haben,

wie die andern es verstehen. Doch das alles blieb nur ein Traum. Einem andern

als dir würde ich mich hüten, so etwas zu sagen. Vor dir werden Träumende

nicht lächerlich, auch verachtest du niemanden, weil er träumt, denn du

verachtest überhaupt niemanden. Ich bin auch sonst gar nicht ein so

überspanntes Mädchen. Wie käme ich dazu! Ich habe jetzt nur ein wenig zu viel

gesprochen, und wenn ich so spreche, spreche ich leicht etwas zu viel. Man

möchte alle seine Gefühle erläutern und kann es doch nie, man redet sich nur in

eine Heftigkeit hinein. Komm, gehen wir zu Bett.« –

Sie sagte sanft und ruhig Gute Nacht.

»Ich bin doch froh,« sagte sie am andern Morgen, »daß ich noch hier bin.

Wie kann man sich nur so stürmisch von einer Stelle wegwünschen. Als ob es

hierauf ankäme! Ich muß beinahe lachen und schäme mich ein wenig, gestern so

mitteilsam gewesen zu sein. Und doch bin ich froh; denn einmal muß man sich

aussprechen. Wie du gestern mir nur so geduldig zuhören konntest, Simon! So

beinahe andächtig! Und doch bin ich auch darüber froh. Am Abend ist man nicht

wie am Morgen, nein, so ganz anders, so verschieden im Ausdruck und im

Empfinden. Eine einzige Nacht ruhig geschlafen zu haben, das kann, habe ich

gehört, einen Menschen ganz verändern. Ich glaube es wohl. Gestern so

gesprochen zu haben, kommt mir heute am hellen Morgen wie ein ängstlicher,

übertriebener, trauriger Traum vor. Was war es denn nur! Soll man denn die

Dinge so reizbar schwernehmen? Denke gar nicht mehr daran! Ich muß gestern müde gewesen sein, so wie ich immer des Abends müde bin, aber jetzt bin ich so

leicht, so gesund, so frisch, wie neu geboren. Ich habe ein so gelenkiges Gefühl,

als hebe mich jemand empor, als trüge mich etwas, wie man jemand trägt in

einer Sänfte. Mach die Fenster auf, indes ich noch im Bett liege. Es ist so schön,

im Bett zu liegen, wenn die Fenster aufgemacht werden, so wie du es jetzt tust.

Wo nehme ich nur all die Fröhlichkeit her, die mich jetzt ganz einhüllt. Draußen

scheint mir die schöne Gegend zu tanzen, die Luft dringt zu mir hinein. Ist es

heute Sonntag? Wenn nicht, so ist es ein Tag wie geschaffen zum Sonntag.

Siehst du die Geranien? Sie stehen so schön vor dem Fenster. Was wollte ich

gestern? Glück? Habe ich es denn nicht schon jetzt? Soll man erst suchen

müssen in der unbekannten Ferne, unter den Menschen, die gewiß gar keine Zeit

haben, an das Glück zu denken? Es ist gut, wenn man für Vieles nicht Zeit hat,

recht gut, denn, hätte man Zeit, so würde man ja sterben vor lauter Anmaßung.

Wie hell ist mir jetzt im Kopf. Nicht ein einziger Gedanke mehr, der nicht, wie

seine Herrin, nämlich ich, froh und leicht daläge, ganz ebenso wie ich. Willst du

mir das Frühstück ans Bett bringen, Simon? Es würde mir Spaß machen, mich

von dir bedienen zu lassen, wie wenn ich eine portugiesische Noblesse wäre und

du ein Mohrenkind, das meinen leisesten Wink verstände. Natürlich bringst du

mir das Verlangte. Warum solltest du dich weigern, mir eine Aufmerksamkeit zu

erweisen? Seit wie lange bist du jetzt bei mir? Warte einmal, es war Winter, als

du ankamst, der Schnee fiel, ich weiß es noch so gut, und seitdem, wie viele

schöne und regnerische Tage sind schon vorbeigegangen. Jetzt wirst du bald

gehen; aber mir das Vergnügen stehlen, dich noch ein paar weitere Tage bei mir

zu haben, das darfst du nicht. Nach drei Tagen werde ich zu dir sagen: »Bleib

noch drei«, und du wirst dich ebensowenig widersetzen können, als jetzt, da du

mir das Frühstück an mein Bett bringst. Du bist ein merkwürdig

widerstandsloser und skrupelloser Mensch. Was man von dir verlangt, das tust

du. Du willst alles, was man will. Ich glaube, man könnte von dir viel

Ungebührliches verlangen, ehe du es einem übel nähmest. Man kann sich eines

gewissen verächtlichen Gefühles dir gegenüber nicht enthalten. Ein ganz klein

wenig verachte ich dich, Simon! Aber ich weiß, es macht dir nichts wenn man so

zu dir spricht. Ich halte dich übrigens für einer Heldentat fähig, wenn es dir

darauf ankommt. Sieh, ich denke doch ganz gut von dir. Dir gegenüber erlaubt

man sich alles. Dein Betragen erlöst anderer Betragen von jeder Art Unfreiheit.

Ich habe dir früher Ohrfeigen gegeben, ich habe dich stets der Mutter zur

Bestrafung angezeigt, wenn du Übeltaten verrichtetest, jetzt bitte ich dich, mir

einen Kuß zu geben, oder so: laß mich dir lieber einen geben. Auf die Stirn, ganz

behutsam! So! Ich bin wie eine Heilige heute am Tag gegen gestern am Abend.

Ich habe ein Gefühl für kommende Zeiten und lasse nun alles kommen. Lache nur nicht! Es würde mich übrigens freuen, wenn du lachtest; denn das ist für den

frühen, blauen Morgen der passendste Laut. Nun bitte ich dich, aus dem Zimmer

zu gehen und mir die Freiheit zu lassen, mich anzukleiden.« –

Simon ließ sie allein.

»Ich bin immer daran gewöhnt gewesen,« sagte Hedwig im Laufe des Tages

zu Simon, »dich als etwas mir Unterlegenes zu behandeln. Vielleicht halten es

andere Menschen mit dir auch so. Du machst wenig den Eindruck der Klugheit,

viel mehr den der Liebe, und du weißt, wie man diese Empfindung ungefähr

einschätzt. Ich glaube nicht, daß du je mit deinem Tun und Trachten Erfolg

haben wirst unter den Menschen, aber du wirst dir sicher auch nie deswegen

einen kummervollen Gedanken machen, was dir, so wie ich dich kenne,

wenigstens nicht ähnlich sähe. Nur die dich kennen, werden dich tieferer

Empfindung und kühner Gedanken für fähig erachten, die andern nicht. Das ist

der Schwerpunkt und die Ursache, weshalb du sehr wahrscheinlich im Leben

erfolglos bleibst: Man muß dich immer erst kennen lernen, ehe man dir glaubt,

und das nimmt Zeit in Anspruch. Der erste Eindruck, der den Erfolg macht, wird

dir immer versagen, aber du wirst deswegen deine Ruhe keineswegs verlieren.

Dich werden nicht viele Menschen lieben, aber es wird etliche unter ihnen

geben, die sich alles von dir versprechen. Das werden einfache und gute

Menschen sein, denen du gefallen wirst; denn deine Blödigkeit kann sehr weit

gehen. Du hast etwas Blödes an dir, etwas Unzurechnungsfähiges, etwas, wie

soll ich sagen, Unbekümmert-Läppisches. Das wird Viele beleidigen, man wird

dich frech nennen, und du wirst viele unfeine, früh mit ihrem Urteil über dich

fertige Feinde haben, die dir zu schwitzen geben können; doch wird dir das nie

Angst einjagen. Andere werden dir immer unzart und du wirst andern immer

unverschämt vorkommen; das wird Reibereien geben, sieh dich vor! In einer

größeren Gesellschaft von Menschen, wo es doch darauf ankommt, daß man sich

zeigt und beliebt macht durch hervorragendes Sprechen, wirst du immer stumm

bleiben, weil es dich nicht reizt, den Mund noch aufzutun, wo schon so viele

durcheinanderschwatzen. Man wird dich infolgedessen übersehen: du wirst dann

trotzig und benimmst dich unschicklich. Dagegen werden es manche Menschen,

die dich kennen gelernt haben, für einen Vorzug halten, mit dir allein ein

herzliches Gespräch zu führen; denn du verstehst es, zuzuhorchen, und das ist im

Gespräch vielleicht wichtiger, als selbst das Sprechen. Man wird gern einem

verschwiegenen Menschen, wie dir, Geheimnisse und Seelenangelegenheiten

anvertrauen, und du wirst dich im diskreten Verschweigen und Aussprechen

meist als Meister erweisen, unbewußt, meine ich, nicht als ob du dir

irgendwelche Mühe dabei gäbest. Du sprichst ein bißchen schwerfällig, hast

einen etwas plumpen Mund, der sich zuerst öffnet und offen bleibt, ehe du zu sprechen anfängst, als erwartetest du die Worte von außen aus irgend einer

Richtung her, daß sie dir in den Mund hineinflögen. Du wirst den meisten

Menschen eine uninteressante Erscheinung sein, fade für die Mädchen,

unbedeutend für Frauen, absolut unvertrauensvoll und unenergisch für Männer.

Ändere dich doch da ein wenig, wenn es in deiner Macht steht! Gib etwas mehr

acht auf dich und sei eitler; denn ganz und gar nicht eitel sein, das wirst du bald

selbst für einen Fehler halten müssen. Zum Beispiel, Simon, sieh dir doch

einmal wieder deine Hosen an: Unten zerfetzt! Allerdings, und ich weiß schon:

es sind nur Hosen, aber Hosen sollen ebensogut in Stand gesetzt sein wie Seelen,

denn es zeugt doch von Nachlässigkeit, zerrissene und zerfetzte Hosen zu tragen,

und die Nachlässigkeit kommt aus der Seele. Du mußt also auch eine zerfetzte

Seele haben. Was ich dir noch sagen wollte: Du glaubst doch nicht etwa, daß ich

dies im Scherz gesagt habe? Da lacht er. Hältst du mich nicht für ein bißchen

erfahrener als dich? Doch nein! Du bist erfahrener, aber indem ich sage, daß dir

noch vieles zu erfahren bevorsteht, beweise ich doch sicher auch wiederum

Erfahrung. Oder etwa nicht?« –

Sie dachte eine Weile nach, und fuhr dann fort:

»Wenn du nun, was ja bald geschehen muß, von mir fort bist, so schreibe mir

nicht. Ich will es nicht. Du sollst nicht meinen, du müßtest verpflichtet sein, mir

von deinem ferneren Treiben eine Nachricht zukommen zu lassen.

Vernachlässige mich, wie du es früher auch getan hast. Was sollte uns beiden das

Schreiben nützen? Ich werde hier weiter leben und es als einen Genuß

empfinden, öfters daran zu denken, daß du drei Monate lang da warst. Die

Gegend wird mich emportragen und mir dein Bild zeigen. Ich werde alle die

Orte aufsuchen, die wir zusammen schön gefunden haben, und ich werde sie

noch schöner finden; denn ein Fehler, ein Verlust macht die Dinge noch schöner.

Mir und der ganzen Gegend wird etwas fehlen, aber diese Lücke und selbst

dieser Fehler werden meinem Leben noch innigere Empfindungen aufdrücken.

Ich bin nicht aufgelegt, einen Mangel als einen Druck zu empfinden. Wie käme

ich dazu! Im Gegenteil: etwas Befreiendes, Erleichterndes liegt darin. Und dann:

Lücken sind dazu da, um mit etwas Neuem gefüllt zu werden. Am Morgen

werde ich, wenn ich im Begriffe bin aufzustehen, glauben, deinen Schritt und

deinen Kopf und deine Stimme zu vernehmen, und lächeln über die Täuschung.

Weißt du was: ich habe die Täuschungen lieb, und du mußt sie ebenfalls lieb

haben, ich weiß es. Merkwürdig, wie viel ich zusammenrede in diesen Tagen.

Diese Tage! Ich meine, die Tage müßten jetzt selber fühlen, wie kostbar sie mir

sind und müssen, aus Rücksicht auf mich, langsamer, gedehnter, träger und

verweilerischer auftreten, auch leiser! Sie tun es auch. Ich spüre ihr Nahen wie

einen Kuß und ihr dunkles sich Entfernen wie einen Händedruck, wie ein

Winken mit einer lieben, bekannten Hand. Die Nächte! Wie viele Nächte hast du

bei mir geschlafen, schön geschlafen; denn du verstehst zu schlafen, da drüben

in der Kammer, im Strohbett, das bald nun herrenlos und schlaflos sein wird. Die

Nächte, die jetzt noch kommen, werden nur schüchtern herankommen zu mir,

wie kleine, schuldbewußte Kinder mit gesenkten Augen zum Vater oder zur

Mutter kommen. Die Nächte werden weniger still sein, Simon, wenn du fort bist

und ich will dir sagen warum: du warst so still in der Nacht, du vermehrtest mit

deinem Schlaf die Stille. Wir waren zwei stille, ruhige Menschen während allen

diesen Nächten; nun werde ich allein still sein müssen, etwas gezwungen, und es

wird weniger still sein; denn ich werde mich öfters im Dunkel im Bett aufrichten

und auf irgend etwas aufhorchen. Dann werde ich fühlen, daß es viel weniger

still mehr ist. Vielleicht werde ich dann weinen, gar nicht etwa wegen dir, und

ich bitte dich, dir nichts darauf einzubilden. Seh einer doch, da will er sich gleich

etwas vormachen. Nein, nein, Simon, wegen dir wird niemand weinen. Wenn du

fort bist, bist du fort. Das ist alles. Glaubst du, um dich könnte man weinen?

Keine Rede. Das darf dir nie in den Sinn kommen. Man spürt, daß du fort bist, man merkt es sich, aber weiter? Etwa Sehnsucht, oder dergleichen? Nach einem

Menschen von deinem Schlag empfindet niemand Sehnsucht. Du weckst keine.

Kein Herz wird dir je nachzittern! Dir einen Gedanken weihen? I, was! Ja,

nachlässig, so wie man eine Nadel aus der Hand fallen läßt, wird man

gelegentlich deiner gedenken. Mehr verdienst du auch nicht, und wenn du

hundert Jahre alt würdest. Du hast nicht das mindeste Talent, Andenken zu

hinterlassen. Du hinterlässest auch gar nichts. Ich wüßte nicht, was du

hinterlassen könntest; denn du besitzest ja gar nichts. Du hast keine Ursache, so

frech zu lachen, ich spreche im Ernst. Geh mir aus den Augen! Marsch!« –

 

Während der folgenden Tage war schlechtes, regnerisches Wetter, auch das

war wiederum ein Anlaß zum Dableiben. Simon konnte doch nicht bei diesem

Wetter seine Reise antreten. Er hätte gekonnt, ja, aber mußte es denn gerade bei

schlechtem Wetter sein? So blieb er noch. Einen oder zwei Tage, mehr nicht,

dachte er. Er saß beinahe den ganzen Tag in dem leeren, großen Schulzimmer

und las in einem Roman, den er noch fertig zu lesen wünschte, ehe er ging.

Manchmal lief er zwischen den Reihen von Bänken auf und ab, immer das Buch

in der Hand, dessen Inhalt ihn so sehr fesselte, daß er mit seinen Gedanken nicht

davon wegkam. Er kam nicht vorwärts mit seinem Lesen; denn immer blieb er

stecken in Gedanken. Ich lese noch so lange, als es noch regnet, dachte er; wenn

es schönes Wetter wird, muß ich fortfahren, aber nicht mit Lesen, sondern

fortfahren, und zwar wirklich.

Hedwig sagte am letzten Tag zu ihm:

»Nun gehst du wohl, nun ist es wohl abgemacht. Leb wohl. Komm ganz in

meine Nähe und gib mir die Hand. Ich werde mich vielleicht in kurzer Zeit

einem Mann hinwerfen, der mich nicht verdient. Ich werde das Leben verspielt

haben. Ich werde viel Achtung genießen. Man wird sagen: das ist eine tüchtige

Frau. Eigentlich habe ich nicht den Wunsch, jemals wieder etwas von dir zu

hören. Versuche ein braver Mann zu werden. Mische dich in öffentliche

Angelegenheiten, mach von dir reden, es würde mir Vergnügen machen, aus der

Leute Mund von dir zu hören. Oder lebe dahin, wie du es kannst und verstehst,

bleibe im Dunkel, kämpfe im Dunkel mit den vielen Tagen, die noch kommen

werden. Ich mute dir nie Schwächlichkeiten zu. Was soll ich noch sagen, um dir

Glück mit auf deine Reise zu wünschen? Bedanke dich doch. Ja, du! Denkst du

nicht daran, mir zu danken für das Hiersein, das ich dir gewährt habe? Nein, laß

es, denn es stünde dir nicht gut an. Du verstehst nicht, eine Verbeugung zu

machen und zu sagen, daß du gar nicht wüßtest, wie du danken solltest. Dein Betragen war deine Dankbarkeit. Ich habe mit dir die Zeit gejagt und getrieben,

daß es ihr heiß wurde vor uns. Hast du wirklich nicht mehr Sachen, als da in

diesen kleinen Koffer hineingehen? Du bist wirklich arm. Ein Reisekoffer ist das

ganze Haus, das du in der Welt bewohnst. Das hat etwas Hinreißendes aber auch

etwas Erbärmliches. Geh jetzt. Ich werde dir aus dem Fenster nachschaue. Wenn

du oben auf dem Hügelrand bist, wende dich um und blicke noch einmal nach

mir. Was sollten wir noch mehr Zärtlichkeiten tauschen? Du Bruder zu mir

Schwester? Was hat es zu sagen, wenn eine Schwester ihren Bruder auch nie

mehr wiedersieht? Ich entlasse dich ziemlich kalt, weil ich dich kenne und weiß,

daß du die Wärme beim Abschied hassest. Zwischen uns bedeutet das nichts. So

sage mir denn adieu und geh denn.« –