Geschwister Tanner

Robert Walser · Kapitel 17 von 19

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Geschwister Tanner

Sechzehntes Kapitel.

S e c h z e h n t e s K a p i t e l .

 

Noch die ganze Woche lang verkehrte Simon in dieser müßiggängerischen

Weise mit dem Krankenwärter, mit dem er sich bald stritt und dann wieder

versöhnte. Er spielte Karten, wie einer, der es schon jahrelang trieb und rollte die

Billardkugeln, mitten am heißen Tag, während alles, was Hände hatte, arbeitete.

Er sah die sonnenbeschienenen Straßen und die Gassen im Regenwetter, aber

durch ein Fenster und mit einem Glas Bier in der Hand, führte lange, nutzlose,

wilde Reden nachts, mittags und abends mit allerhand unbekannten Menschen,

bis er sah, daß er nichts mehr zum Leben besaß. Und eines Morgens ging er

nicht mehr zu Heinrich, sondern trat in eine Stube hinein, wo verschiedene junge

und alte Männer an Pulten saßen und schrieben. Es war die Schreibstube für

Stellenlose, wo diejenigen hinkamen, die durch irgend einen Umstand in die

Lage geraten waren, wo es ein Ding der Undenkbarkeit geworden ist, noch in

einem Geschäfte Anstellung zu erhalten. Diese Sorte von Menschen schrieb dort

im kargen Tagelohn mit hastigen Fingern, unter der strengen Aufsicht eines

Aufsehers oder Sekretärs, Adressen, meist geschäftliche Adressen zu Tausenden,

die von großen Firmen in dieser Schreibstube bestellt wurden. Schriftsteller

gaben dort ihre hingesudelten Manuskripte und Studentinnen ihre beinahe

unleserlichen Doktorarbeiten ab, um sie entweder mit der Schreibmaschine

abtypen, oder mit der geläufigen, sauberen Feder abschreiben zu lassen. Des

Schreibens unkundige Leute, die irgend etwas zu schreiben hatten, brachten ihre

Schreibereien dorthin, wo sie in Kürze befriedigt wurden. Büffetdamen,

Kellnerinnen, Plätterinnen und Kammerzofen ließen sich ihre Zeugnisse dort ins

Reine schreiben, um sie präsentieren zu können. Wohltätigkeitsvereine gaben

tausende von Jahresberichten ab, die adressiert und in die umliegende Welt

versandt werden mußten. Der Naturheilverein ließ dort die Einladungen zu

volkstümlichen Vorträgen ins Mehrfache schreiben, und Professoren hatten

Arbeit genug für die Schreiber, die wiederum froh waren, wenn sie Arbeit

hatten. Das ganze Schreibergeschäft wurde von der Gemeinde mit jährlichen

Beiträgen unterstützt und von einem Verwalter geleitet, einem ehemals ebenfalls

Stellenlosen, für den man diese Stelle schuf, um dem Mann in seinen alten Tagen

eine passende Beschäftigung zu geben. Er stammte gewissermaßen aus einer alten, patrizischen Familie, hatte reiche Verwandte im Stadtrat, die nicht gern

mitansehen mochten, wie eines ihrer Familienglieder auf schmachvolle Weise

verdarb. So ward der Mann der König und Beschützer aller Vagabunden,

verlorenen Menschen und traurigen Existenzen, und er versah dieses Amt mit

lässiger Würde, als ob er niemals in seinem wilden Leben, das ihn auch eine

Zeitlang in Amerika herumschweifen ließ, die Bitternisse der Not geschmeckt

hätte.

Simon machte eine Verbeugung vor dem Verwalter der Schreibstube.

»Was wollen Sie?«

»Arbeit!«

»Heute ist nichts los. Kommen Sie morgen früh wieder, da wird sich

vielleicht etwas für Sie Passendes finden. Schreiben Sie vorläufig heute Ihren

Namen, Wohnort, Heimatort, Beruf und Ihr Alter sowie Ihre Adresse auf dieses

Blatt Papier, und kommen Sie morgen pünktlich um acht Uhr, sonst wird keine

Arbeit mehr da sein,« sagte der Verwalter.

Er pflegte immer zu lächeln und zu näseln, wenn er sprach. Gegenüber

Stellenlosen nahm er außerdem immer einen sanftmütig-höhnischen Ton an,

ganz ohne jegliche Absicht, es kam einfach so und nicht anders aus des Mannes

Mund heraus. Sein Gesicht war eingefallen und vermergelt, hatte die Farbe des

kalten, weißen Kalkes und endete in einem zerzausten grauen Spitzbart, als ob

der Bart der herunterhängende und spitzige Gesichtsfetzen gewesen wäre. Seine

Augen lagen in tiefen Höhlen und des Mannes Hände zeugten von Krankheit

und leiblicher Verwüstung.

Simon arbeitete schon am nächsten Tag, frühmorgens um acht Uhr, in der

Schreibstube, und nach ein paar Tagen hatte er sich an die Gesellen, die dort

arbeiteten, gewöhnt. Es waren Menschen, die sich im Leben einmal irgend eine

Liederlichkeit zuschulden kommen ließen und den Boden dann unter ihren

schwankenden Füßen verloren hatten. Es waren Menschen da, die um eines

begangenen, schweren Vergehens willen früher einmal im Gefängnis gesessen

hatten. Von einem alten, sehr gut aussehenden Manne wußte man, daß er

jahrelang im Zuchthaus gesessen hatte, eines schweren sittlichen Verbrechens

wegen, das er an seiner eigenen, leiblichen Tochter verübte, die ihn dem Richter

verklagte. Er verzog, so lange Simon ihn sah, nie eine Miene seines stillen,

sonderbaren Gesichtes, als ob das Schweigen und Horchen dort in dem Gesicht

einheimisch und zur Notwendigkeit geworden wäre. Er arbeitete ruhig, friedlich

und langsam, sah gut aus, blickte einen ruhig an, wenn man ihn anschaute, und

schien sich einer quälenden Erinnerung nicht im leisesten bewußt zu sein. Sein

Herz schien so still zu schlagen, wie seine alte Hand arbeitete. Nichts von

Verzerrung eines einzigen Zuges war in seinem Gesicht zu bemerken. Alles schien er gebüßt, alles abgewaschen zu haben, was ihn je verunzierte und

beschmutzt hatte. Seine Kleider waren ordentlicher als die des Verwalters,

obschon er arm sein mußte. Merkwürdig gepflegt waren seine Zähne und seine

Hände, seine Schuhe und seine Kleider. Seine Seele schien ruhig und

außerordentlich rein zu sein. Simon dachte über ihn: »Warum nicht? Ist denn

eine Sünde nicht abzuwaschen und soll eine Strafe das ganze Leben vernichten?

Nein, diesem Manne sieht man weder eine begangene Sünde noch eine erduldete

Strafe an. Er scheint beides völlig vergessen zu haben. Es mußte Güte und Liebe

in dem Mann stecken, und viel, sehr viel Kraft. Aber immerhin: wie

sonderbar!« –

Unterschlagung, Diebstahl, Hochstapel und Landstreichertum hatten in der

Schreibstube ihre Vertreter. Daneben gab es nur Unglückliche, Ungeschickte, die

das Leben übertölpelte, und Fremde aus dem Ausland, die einfach brotlos

dastanden, weil sie sich in ihren Hoffnungen betrogen sahen. Notorische

Faulenzer und ewig Unzufriedene waren gewiß auch da. Jede Mischung von

Selbstschuld und Pech war vorhanden, nicht minder die Frivolität, die sich ein

Vergnügen daraus machte, so heruntergekommen zu sein. Simon konnte hier den

Mann in seinen verschiedenen Charakteren kennen lernen, doch dachte er selber

nicht so sehr ans Beobachten, weil er auch einer der anderen war, der eben auch

ausfüllte und in dem Leben und Treiben der Schreibstube, in deren Sorgen,

Mühen und kleinen Fragen und Vorkommnissen wie in einem Strom untersank.

Als ein selber in die Sache Versunkener dachte er nicht so sehr an die Sache, als

an das leibliche Bedürfnis, wie alle andern. Alle verdienten hier mit Schreiben,

was sie auch sogleich wieder vertrinken und veressen mußten, wenn sie leben

wollten. Der Verdienst floß in die Kehlen hinunter, von der Hand in den Mund.

Simon kam dazu, sich außerdem noch einen Strohhut und ein Paar billige

Schuhe zu kaufen. Aber wenn er an die Zimmermiete dachte, so mußte er sich

gestehn, daß er nicht imstande sein würde, auch das Geld für diese noch flüssig

zu machen. Jeweilen abends, wenn er fertig geschrieben hatte, war er müde und

glücklich. Er ging dann, in Gesellschaft eines seiner Schreibgesellen, mit

hocherhobenem Kopf durch die Straßen und lächelte mit Gedankenlosigkeit die

vorübergehenden Menschen an. Er brauchte sich gar nicht einer schönen und

stolzen Haltung zu befleißigen, es kam von selber, die Brust dehnte sich und

reckte sich ihm wie ein gespannter Bogen, wenn er zur Schreibstubentür hinaus

an die Luft trat. Über seine Glieder fühlte er sich auf einmal als geborner Herr

und Meister und er achtete auf seine Schritte mit Bewußtheit. Die Hände hielt er

jetzt nicht mehr in der Hosentasche, das würde ihm würdelos vorgekommen

sein. Überhaupt schlenderte er sich nicht mehr, sondern spazierte mit

gemessenem Bewußtsein, als übe er erst jetzt, in seinem einundzwanzigsten Lebensjahre, die Glieder an einem schönen, festen Gange. Man sollte ihm

keinerlei Armut anmerken, aber man sollte spüren, daß er ein junger Mann sei,

der eben von der Arbeit herkomme und nun sich einen Abendspaziergang gönne.

An der emsigen, beweglichen Straßenwelt hing sein Auge mit Entzücken. Wenn

eine Karosse mit einem Paar tanzender, zierlicher Pferde vorbeikam, so musterte

er mit scharfem Blick nur den Gang der trabenden Tiere und verschmähte es, den

Herrschaften im Wagen einen Blick zuzuwerfen, so, als hätte er nur Interesse für

die Pferde, weil er ein Kenner sei. »Das ist angenehm,« dachte er, »und man

muß lernen, seine Blicke zu beherrschen und sie dahin zu führen, wo es

anständig und männlich ist, sie hinzulenken.« Viele Damen streifte er mit

Seitenblicken und mußte innerlich lachen, zu bemerken, welchen Eindruck das

machte. Und er träumte dabei, wie immer! Nur daß er jetzt auf die Zähne biß

beim Träumen und sich keine träge, müde Haltung mehr gestattete: »Wenn ich

auch einer der ärmsten Teufel bin, so fällt es mir doch nicht ein, mir das merken

zu lassen, im Gegenteil, die Geldverlegenheit verpflichtet gewissermaßen zu

einem stolzen Benehmen. Wäre ich reich, so dürfte ich mir vielleicht den

Schlendrian noch erlauben. So aber nicht, weil der Mensch auf ein

Gleichgewicht bedacht sein muß. Ich bin hundemüde: aber ich muß immer

denken: andere haben auch Ursache, müde zu sein. Man lebt nicht für sich allein,

sondern für alle. Man hat die Verpflichtung, eine musterhafte, stramme

Erscheinung zu sein, so lange man beobachtet wird, so daß sich weniger Mutige

ein Beispiel daran nehmen können. Man soll den Eindruck der sorglosen

Festigkeit machen, wenn einem auch die Kniee dabei zittern und der Magen

einem in die Kehle hinauf singt vor Leere. Solches kann einem

heranwachsenden Manne Vergnügen machen! Die Glocke hat noch nicht zwölfe

geschlagen, für keinen; denn jeder hat jedesmal, wenn er arm daniederliegt, die

Aussicht, hoch zu kommen. Eine Ahnung sagt mir, daß eine freie, stolze Haltung

schon allein das Lebensglück an sich zieht wie ein elektrischer Strom, und in der

Tat, man fühlt sich gehobener und reicher, wenn man anständig einhergeht. Ist

man in Begleitung eines andern schlecht gekleideten, armen Teufels, wie es hier

der Fall ist, so hat man umsomehr Veranlassung, kopfhoch zu gehen, indem man

damit gewissermaßen des anderen schlechte Frisur und Haltung sanft und

energisch entschuldigt, vor Menschen, die darüber verwundert sind, zwei so

ungleich sich betragende Gesellen miteinander innig verbunden, auf Du und Du,

in der eleganten Straße spazieren zu sehen. So etwas bringt Achtung ein, wenn

auch nur flüchtige. Reizend ist es ja, zu denken, daß man angenehm absticht von

einem Begleiter, der das Zeug noch nicht so los hat oder nie los haben wird.

Übrigens ist mein Geselle ein älterer, unglücklicher Mann, ehemaliger

Korbflechtereibesitzer, heruntergekommen durch allerlei Mißgeschick und jetzt Schreiber im Taglohn, wie ich, nur daß ich nicht ganz wie ein Schreiber und

Taglöhner aussehe, sondern eher wie ein toller Engländer, während mein

Kamerad aussieht wie einer, der sich schmerzlich zurücksehnt nach einstigen

besseren Tagen. Sein Gang und sein immerwährendes, liebes, rührendes

Kopfnicken erzählen sein Unglück mit ganz schamloser Sprache. Er ist ein

älterer Mann und will nicht mehr imponieren, nur noch sich ein bißchen aufrecht

halten. Mir imponiert er; denn ich kenne seinen Schmerz und weiß, welche

drückende Last er mit sich trägt. Ich bin stolz darauf, mit ihm so durch ein

schönes Straßenviertel zu gehen und drücke mich ganz unverschämt nahe an ihn

an, um meine ungenierte Vorliebe für seinen geringen Anzug zu demonstrieren.

Ich erhalte viele erstaunte Blicke, manches wundervolle Auge sieht mich seltsam

fragend an, das muß mir Spaß machen, der und jener soll's holen! Ich spreche

laut und mit Nachdruck. Der Abend ist so schön geeignet zum Sprechen. Ich

habe gearbeitet den Tag über. Etwas Herrliches ist es, den Tag über gearbeitet zu

haben und dann am Abend so schön müde und ausgesöhnt mit allem zu sein. So

gar keine Sorgen, kaum einen Gedanken zu haben. So leichtfertig spazieren zu

dürfen, mit dem Gefühl, keinem Menschen weh getan zu haben. Sich

umzusehen, ob man vielleicht jemandem gefalle. Zu fühlen, daß man jetzt ein

bißchen liebenswerter und achtenswerter sei, als früher, da man ein Tagedieb

war, dessen Tage wie in einen Abgrund dahinsanken und verrauchten wie Rauch

vertrieben wird. Viel zu fühlen, viel, an so einem geschenkten Abend! Den

Abend wie ein Geschenk zu empfinden, denn das ist er denen, die den Tag für

die Arbeit hergeben. So schenkt man und wird beschenkt.« –

 

Simon machte immer mehr die Beobachtung, daß die Schreibstube eine

kleine Welt für sich war, in der großen. Neid und Streberei, Haß und Liebe,

Übervorteilung und Ehrlichkeit, heftiges und bescheidenes Wesen machten sich

hier im Kleinen, um ganz lumpiger Vorteile willen, ebensogut und scharf

bemerkbar, wie überall, wo es dem Kampf um das tägliche Auskommen galt.

Jede Empfindung und jeder Drang konnte hier seine Betätigung finden, wenn

auch in geringfügigem Maßstab. Glänzende Kenntnisse nützten allerdings in der

Schreibstube nicht viel. Ein Träger von solchen konnte sie hier höchstens

improvisatorisch zum besten geben, es half ihm zum Ansehen, aber es half ihm

nicht dazu, sich dafür einen besseren Anzug anschaffen zu können. Es gab

etliche unter den Schreibstubenburschen, die drei Sprachen perfekt sprachen und

schrieben. Diese wurden zum Übersetzen verwendet, aber sie verdienten damit

nicht mehr als die plumpen Adressenschreiber und die Abschreiber von Manuskripten; denn die Schreibstube ließ keinen einzigen hochkommen, sonst

würde sie ja ihre Zwecke und ihren ganzen Sinn verfehlt haben. Bestand sie

doch immer nur, um Stellenlosen ein kümmerliches Leben zu gestatten, und

nicht deshalb, um hohe, unverschämte Löhne auszubezahlen. Wenn einer

überhaupt des Morgens um acht Uhr nur Arbeit fand, so mußte er froh sein. Oft

kam es vor, daß der Verwalter zu einer Gruppe von Wartenden die Worte sprach:

»Tut mir sehr leid. Heute leider nichts da. Kommen Sie um zehn Uhr wieder.

Möglich, daß dann Aufträge eingelaufen sind!« und um zehn Uhr: »Es ist besser,

Sie fragen morgen früh wieder nach. Heute wird wohl kaum noch etwas

einlaufen!« Diese Abgewiesenen, unter denen sich auch Simon mehr als einmal

befand, gingen dann langsam, Mann für Mann, trübselig die Treppe hinunter,

wieder auf die Straße, wo sie einstweilen, als ob sie sich erst besinnen müßten,

in einer runden, hübschen Gruppe stehen blieben und sich dann, einer nach dem

andern, in alle Richtungen zerstreuten. Es war kein Vergnügen, ohne Geld in den

Straßen der Stadt zu bummeln, jeder wußte das, und ein jeder dachte: »Wie wird

das erst im Winter werden?«

Manchmal kamen ganz fein gekleidete Leute von eleganten Manieren in die

Schreibstube, um nach Arbeit zu fragen. Denen pflegte der Verwalter zu sagen:

»Wie es mir den Anschein macht, passen Sie besser in das Getriebe des

Weltlebens als in die Schreibstube. Hier muß einer den ganzen Tag still sitzen,

den Rücken krümmen und fleißig arbeiten, wenn er eine Kleinigkeit verdienen

will. Ich spreche so offen zu Ihnen, weil ich die Empfindung habe, daß Ihnen das

doch nicht passen würde. Und dann machen Sie mir auch nicht den Eindruck der

trübseligen, notdürftigen Armut. Ich aber bin verpflichtet, zu allererst die Armen

zu beschäftigen, das heißt solche, an denen man die Kleider womöglich in

Fetzen herunterhängen sieht als Beweis ihrer Verkommenheit. Sie dagegen sehen

mir zu stattlich aus, so daß es eine Sünde wäre, Ihnen hier Arbeit geben zu

wollen. Mischen Sie sich unter die feine Welt, rate ich Ihnen. Es scheint, daß Sie

die Düsterkeit der Schreibstuben verkennen, wenn Sie mit so munterem Gesicht

hierherkommen, um nach Arbeit zu fragen, als wollten Sie auf den Tanzboden

gehen. Hier pflegt man linkische, trotzige Verbeugungen zu machen, meistens

aber gar keine, Sie aber verbeugten sich vorhin vor mir wie ein vollendeter

Weltmann. Das geht nicht, ich kann Sie nicht gebrauchen, ich habe weder eine

Arbeit, die Ihnen genügen könnte, noch eine Welt, in die Sie hineinpassen, für

Sie. Sie werden als Verkäufer oder als Hotelsekretär jede Stunde Anstellung

finden, wenn Sie es nicht nur darauf abgesehen haben, in dieser Stadt nach

Abenteuern zu suchen, wie es mir beinahe den Anschein hat. Hier erlebt ein

junger Mann nur Entmutigung, aber sonst weiter kein Abenteuer. Wer

hierherkommt, der weiß, warum er gekommen ist. Sie scheinen es sicherlich nicht gewußt zu haben. Ihre ganze Erscheinung ist beleidigend für meine

Arbeiter, das müssen Sie zugeben, wenn Sie nur einen Blick in die Stube werfen.

Sehen Sie mich an: ich habe auch die Welt gesehen, kenne alle Großstädte der

Welt, ich würde auch nicht hier sitzen, wenn ich nicht müßte. Wer hierher

kommt, hat schon Unglück und mannigfaches Mißgeschick erlitten. Hierher

kommen die Taugenichtse, Bettler, Schelme und Schiffbrüchigen: mit einem

Wort, die Unglücklichen. Nun frage ich Sie: sind Sie ein solcher? Nein, und

deshalb verlassen Sie jetzt, bitte, dieses Lokal, das keine Luft enthält, die Sie

imstande wären, auf die Länge einzuatmen. Ich kenne die Figuren, die hierher

gehören! Und zur Genüge! Leben Sie wohl!«

Und mit einer Handbewegung pflegte er solche für die Schreibstube nicht

passende Menschen lächelnd zu entlassen. Der Verwalter besaß Schliff und

Bildung, und er zeigte beides gelegentlich gerne vor solchen hereingeschneiten

und hergewehten Besuchern, die mehr der Neugierde, als der Not wegen

hierherkamen.

An der Schreibstube vorüber floß ein stiller, grüner, tiefer und alter Kanal,

ehemaliger Festungsgraben und Bindemittel zwischen dem See und dem

fließenden Fluß, dem man das Seewasser auf solche Weise auf die Reise in die

fernen Meere mitgab. Es war überhaupt die stillste Stadtgegend, die etwas

Zurückgezogenes und Dörfliches an sich hatte. Wenn nun die Abgewiesenen die

Treppe hinuntertrampelten, so setzten sie sich gerne noch eine Weile auf das

Geländer am Bord dieses Kanals, was dann aussah, als wenn eine Reihe von

großen, seltsamen, ausländischen Vögeln darauf säße. Etwas Philosophisches

hatte das, und in der Tat, manch einer schaute hinab in die grüne, tote

Wasserwelt und grübelte ebenso vergeblich über die Unerbittlichkeit des

Schicksals nach, wie ein Philosoph in seinem Studierzimmer zu tun pflegt. Der

Kanal hatte etwas, das zum Träumen und Nachsinnen aufforderte, und dazu

hatten die Stellenlosen reichlich Gelegenheit.

Die Schreibstube war zugleich ein Arbeitsmarkt für Kaufleute. Es kam zum

Beispiel ein Herr oder eine Dame in die Stube, trat zu dem Verwalter ins

Kabinett und wünschte auf einen oder auf ein paar Tage einen Mann, das heißt,

eine Kraft zur Aushilfe ins Haus hinein. Dann kam der Verwalter in die

Türeinrahmung, musterte seine Gesellen, und rief nach einiger Überlegung einen

Mann beim Namen: dieser hatte dann eine kleine, acht-, ein-, zwei- oder

vierzehntägige Anstellung gefunden. Das war immer ein neiderweckendes

Ereignis, wenn einer beim Namen aufgerufen wurde, denn auswärts arbeitete ein

jeder gern, weil der Verdienst größer und die Arbeit kurzweiliger war. Außerdem

bekam solch ein Mann bei gutherzigen Leuten vormittags und nachmittags einen

schönen Imbiß zum Frühstück und zur Vesper, was unter keinen Umständen zu verachten war. Da bestand nun immer ein Streben nach solchen Stellen und ein

Liebäugeln mit dem Aufgerufenwerden. Viele glaubten sich stets

ungerechterweise zurückgesetzt, und andere glaubten wieder, dem Verwalter und

seinem Unterbeamten recht hofieren und schmeicheln zu sollen, um das

Ersehnte zu erlangen. Es war ungefähr dasselbe, wie wenn ein Rudel

abgerichteter Hunde nach einer an einem Bindfaden immer wieder

hochgezogenen Wurst springt, wo auch einer immer glaubt, der andere hätte

nicht das Recht, nach der Wurst zu schnappen, ohne indessen Gründe dafür

angeben zu können. So knurrte auch hier einer den andern um des erschnappten

Vorteiles willen an, ganz wie in der großen Handels-, Gelehrten-, Künstler- und

Diplomatenwelt, wo es auch nicht viel anders, nur etwas geriebener,

hochfahrender und kultivierter zugeht.

Simon arbeitete auch einige Male auswärts, wie es in der abgekürzten

Schreibstubensprache hieß, aber er hatte kein Glück damit. Das eine Mal wurde

er von seinem Prinzipal, einem pfiffigen und ziemlich brutalen Liegenschafts-

und Rechtsagenten, der sich beinahe als der liebe Gott selber vorkam, zum

Teufel gejagt, weil er in einer Zeitung las, statt mit der Feder zu arbeiten, und

das andere Mal warf er selber seinem Chef, einem Frucht- und Gemüsehändler

en gros die Feder vor die Nase und sagte ihm nur die Worte: »Machen Sie's

selber!« Die Frau des Fruchthändlers wollte Simon allerhand Vorschriften

machen; da brach er einfach ab; denn, nach seinem Gefühl, wollte ihn das Weib

nur verletzen und demütigen, was er aber schließlich doch nicht nötig hatte sich

bieten zu lassen; so empfand er wenigstens.