Geschwister Tanner

Robert Walser · Kapitel 4 von 19

PDF-Seiten

Geschwister Tanner

Drittes Kapitel.

D r i t t e s K a p i t e l .

 

Am andern Morgen packte der Maler seine Landschaften aus der Mappe und

es fiel zuerst ein ganzer Herbst heraus, dann ein Winter, alle Stimmungen der

Natur wurden wieder lebendig. »Wie wenig das ist von allem dem, was ich

gesehen habe. So schnell das Auge eines Malers ist, so langsam, so träge ist

seine Hand. Was muß ich noch alles schaffen! Ich meine oft, ich müßte verrückt

werden.« Alle drei, Klara, Simon und der Maler, umstanden die Bilder. Es wurde

wenig, aber nur in Ausrufen des Entzückens gesprochen. Plötzlich sprang Simon

zu seinem Hut, der auf dem Boden des Zimmers lag, setzte ihn wild und zornig

auf den Kopf, stürzte zur Türe hinaus, mit dem Ausruf: »Ich habe mich

verspätet.«

»Eine Stunde zu spät! Das sollte bei einem jungen Manne nicht

vorkommen!« wurde ihm auf der Bank gesagt.

»Wenn es aber doch vorkommt?« fragte der Gescholtene trotzig.

»Wie, Sie wollen noch aufbegehren? Meinetwegen! Machen Sie, was Sie

wollen!«

Das Betragen Simons wurde dem Direktor gemeldet. Dieser beschloß, den

jungen Mann zu entlassen, er rief ihn zu sich und sagte es ihm mit ganz leiser,

sogar gütiger Stimme. Simon sprach:

»Ich bin recht froh, daß es ein Ende hat. Glaubt man vielleicht, daß man mir

damit einen Schlag versetzt, daß man meinen Mut knickt, mich vernichtet, oder

dergleichen? Im Gegenteil, man erhebt mich, man schmeichelt mir damit, man

flößt mir wieder, nach so langer Zeit, einen Tropfen Hoffnung ein. Ich bin nicht

dazu geschaffen, eine Schreib- und Rechenmaschine zu sein. Ich schreibe ganz

gern, rechne ganz gern, betrage mich mit Vorliebe unter meinen Mitmenschen

mit Anstand, bin gern fleißig und gehorche, wo es mein Herz nicht verletzt, mit

Leidenschaft. Ich würde mich auch bestimmten Gesetzen zu unterwerfen wissen,

wenn es darauf ankäme, aber es kommt mir hier seit einiger Zeit nicht mehr

darauf an. Als ich mich heute morgen verspätete, wurde ich nur zornig und

ärgerlich, war mit gar keiner ehrlichen, gewissenhaften Besorgnis erfüllt, machte

mir keine Vorwürfe, oder höchstens den Vorwurf, daß ich noch immer der

dumme, feige Kerl sei, der, wenn es acht Uhr schlägt, springt, in Bewegung kommt, wie eine Uhr, die man aufzieht und die eben läuft, wenn sie aufgezogen

wird. Ich danke Ihnen, daß Sie die Energie besitzen, mich zu entlassen, und bitte

Sie, von mir zu denken, was Ihnen beliebt. Sie sind gewiß ein schätzenswerter,

verdienstvoller, großer Mann, aber, sehen Sie, ich möchte auch so einer sein, und

deshalb ist es gut, daß Sie mich fortschicken, deshalb war es eine segensreiche

Tat, daß ich mich heute, wie man sich ausdrückt, unstatthaft benommen habe. In

Ihren Bureaus, von denen man solches Aufheben macht, in denen so gern jeder

beschäftigt sein möchte, ist von einer Entwicklung eines jungen Mannes nicht zu

reden. Ich pfeife darauf, den Vorzug zu genießen, der mit der Auszahlung eines

festen monatlichen Gehaltes verbunden ist. Ich verkomme, verdumme, verfeige,

verknöchere dabei. Sie werden es überraschend finden, mich solcher Ausdrücke

bedienen zu hören, aber Sie werden es zugeben, daß ich die völlige Wahrheit

spreche. Hier kann nur einer ein Mann sein: Sie! – Kommt Ihnen nie der

Gedanke, es möchten sich unter Ihren armen Untergebenen Leute befinden, die

den Drang haben, auch Männer zu sein, wirkende, schaffende,

achtunggebietende Männer. Ich kann es unmöglich hübsch finden, so ganz in der

Welt auf der Seite zu stehen, nur um nicht in den Ruf zu gelangen, ein

unzufriedener und wenig anstellbarer Mensch zu sein. Wie groß ist hier die

Versuchung zur Furcht und wie klein die Verlockung, sich aus dieser

jämmerlichen Furcht loszureißen. Daß ich es heute herbeigeführt habe, dieses

beinahe Unmögliche, das schätze ich an mir, mag man dazu sagen, was man nur

immer will. Sie, Herr Direktor, verschanzen sich hier, Sie sind nie sichtbar, man

weiß nicht, wessen Befehlen man gehorcht, man gehorcht gar nicht, sondern

stumpft nur seinen eigenen schwachen Angewöhnungen nach, die das richtige

treffen. Welch eine Falle für junge, zur Bequemlichkeit und Trägheit neigende

junge Leute. Hier wird nichts verlangt von all den Kräften, die möglicherweise

den jungen Mannesgeist beseelen, nichts erforderlich gemacht, was einen Mann

und Menschen auszeichnen könnte. Weder Mut noch Geist, weder Treue noch

Fleiß, weder Schaffenslust noch Begierde nach Anstrengungen können einem

hier helfen, sich vorwärtszubringen: ja, es ist sogar verpönt, Kraft und Fülle zu

zeigen. Natürlich, es muß ja verpönt sein, bei diesem langsamen, trägen,

trocknen, erbärmlichen Arbeitssystem. Leben Sie wohl, mein Herr, ich gehe, um

mich gesund zu arbeiten, wäre es auch, um Erde zu schaufeln oder etliche Säcke

Kohlen auf meinem Rücken zu schleppen. Ich liebe jedwelche Arbeit, nur solche

nicht, bei deren Ausübung nicht sämtliche verfügbare Kräfte angespannt

werden.«

»Soll ich Ihnen, trotzdem Sie es eigentlich nicht verdient haben, ein Zeugnis

ausstellen?«

»Ein Zeugnis? Nein, stellen Sie mir keines aus. Wenn ich kein Zeugnis, als höchstens ein schlechtes verdient habe, will ich gar keines. Ich selbst stelle mir

von jetzt an meine Zeugnisse aus. Ich will mich von nun an nur noch auf mich

selbst berufen, wenn jemand nach meinen Zeugnissen fragt, das wird bei

vernünftigen, klarblickenden Menschen den allerbesten Eindruck hervorrufen.

Ich freue mich, zeugnislos von Ihnen wegzugehen, denn ein Zeugnis von Ihnen

würde mich nur an meine eigene Feigheit und Furcht erinnern, an einen Zustand

der Trägheit und Kraftentäußerung, an die Zeit der nutzlos dahingelebten Tage,

an die Nachmittage voll wütender Befreiungsversuche, an die Abende der

schönen, aber zwecklosen Sehnsucht. Ich danke Ihnen, daß Sie die Absicht

hatten, mich in freundlicher Weise zu entlassen, das zeigt mir, daß ich einem

Manne gegenübergestanden bin, der vielleicht einiges von dem, was ich sprach,

begriffen hat.«

»Junger Mann, Sie sind viel zu heftig,« sprach der Direktor, »Sie untergraben

sich Ihre Zukunft!«

»Ich will keine Zukunft, ich will eine Gegenwart haben. Das erscheint mir

wertvoller. Eine Zukunft hat man nur, wenn man keine Gegenwart hat, und hat

man eine Gegenwart, so vergißt man, an eine Zukunft überhaupt nur zu denken.«

»Leben Sie wohl. Ich fürchte, Sie werden etwas Schlimmes erleben. Sie

interessierten mich, deshalb habe ich Ihre Worte angehört. Sonst würde ich mit

Ihnen nicht so viel Zeit verloren haben. Vielleicht haben Sie Ihren Beruf

verfehlt, vielleicht wird etwas aus Ihnen. Lassen Sie es sich immerhin gut

gehen.«

Mit einer Neigung des Kopfes war Simon entlassen, und er befand sich bald

draußen auf der Straße. Vor einer Konditorei erblickte er einen Mann auf- und

abgehen, wahrscheinlich in Erwartung von irgend jemandem, vielleicht einer

Frau, was konnte er wissen. Aber der Mann erweckte sein Interesse. Es war, auf

den ersten Blick, ein abschreckend häßlicher Mensch, mit einem ganz

ungewöhnlich großen und gebogenen Schädel, einem Vollbart im Gesicht und

etwas müdem, ja tierischem Ausdruck in den Augen. Sein Gang war geziert,

aber edel, seine Kleidung fein und geschmackvoll. In der Hand trug er einen

gelben Spazierstock; er schien ein Gelehrter zu sein, aber ein noch junger

Gelehrter. Der ganze Mann, wie er sich bewegte, hatte etwas Sanftes,

Herzenbewegendes. Es schien, daß man es wagen durfte, diesen Herrn ohne

weiteres anzusprechen, und Simon tat es.

»Verzeihen Sie, mein Herr, Sie so ohne weiteres anzureden. Ich habe eine

Vorliebe für Sie gewonnen, sowie ich Sie nur anblickte. Ich wünsche ihre

Bekanntschaft zu machen. Sollte dieser lebhafte Wunsch nicht genügender

Anlaß sein, um einen Menschen, wie Sie sind, auf offener Straße anzusprechen?

Sie sehen so aus, als ob Sie jemand suchten, als ob Sie irgend jemanden vermuteten, der auf diesem Platze Sie erwartete. Es ist ein solches Gewimmel

von Menschen hier, daß es schwer sein wird für Sie allein, die betreffende

Person zu entdecken. Ich will Ihnen suchen helfen, wenn Sie das Vertrauen

haben, mir mit einigen Merkmalen den Menschen zu schildern, zu dem es Sie

hinzieht. Ist es eine Dame?«

»Es ist allerdings eine Dame,« erwiderte der Herr lächelnd.

»Wie sieht sie aus?«

»Schwarzgekleidet vom Kopf bis zu den Füßen. Große, schlanke

Erscheinung. Große Augen, die, wenn Sie sie erblicken, Ihnen noch nachsehen,

lange, lange, wenn es auch gar nicht der Fall ist. Um den Hals trägt sie eine

Kette von großen, weißen Perlen, an den Ohren lange, herabhängende Ohrringe.

Ihre Knöchel sind von goldenen, einfachen Reifen umschlossen. Ich meine die

Knöchel der Hände; das Gesicht hat etwas Volles, Ovales, Üppiges. Sie werden

es schon sehen. Um ihren Mund, obgleich man sich darin täuscht, spielt etwas

Verschlossenes und Listiges, es ist ein etwas zugekniffener Mund. Übrigens trägt

sie gern einen breiten Hut mit herabhängenden Federn. Der Hut scheint dem

Kopf und dem Haar nur so angeflogen. Genügt Ihnen diese Beschreibung noch

nicht, so mache ich Sie darauf aufmerksam, daß sie ein Windspiel bei sich an

einer dünnen, schwarzen Leine führt. Sie geht nie aus ohne den Hund. Ich werde

auf diesen Posten bleiben und Sie zurückerwarten. Ich bin Ihnen dankbar für Ihr

Anerbieten, ganz abgesehen davon, daß Sie mich schon Ihrer Anrede halber

lebhaft interessieren. Das Gewirr von Menschen wird wirklich immer größer. Es

scheint hier ein Fest zu sein.«

»Ja, ich glaube, es ist so etwas. Ich pflege mich um Feste wenig zu

bekümmern.«

»Warum denn?«

»Man geht so seine eigenen Wege! Auf Wiedersehen!« Damit ging Simon

durch die dichten Menschenmassen so schnell als möglich hindurch. Von allen

Seiten wurde er gedrängt und geschoben, beinahe gehoben. Aber auch er drängte

und er fand es höchst belustigend, so das Gewühl von Leibern und Gesichtern

langsam zu durchqueren. Endlich gelangte er auf eine Art Insel, das heißt, auf

einen kleinen, leeren Platz, und wie er sich umsah, erblickte er plötzlich Frau

Klara. Sie hatte wirklich einen Hund bei sich. Seit er bei ihr wohnte, hatte er sich

nie um die Frau näher gekümmert, wußte also auch nicht, daß sie die

Gewohnheit hatte, mit ihrem Hund auszugehen.

»Es sucht Sie ein Herr,« sagte er als sie ihn bemerkte.

»Mein Mann wahrscheinlich,« erwiderte sie, »kommen Sie, wir gehen

zusammen. Er ist von der Reise plötzlich zurückgekehrt, ohne mir nur ein Wort

zu schreiben. So macht er es immer. Wie haben Sie seine Bekanntschaft gemacht? Wie kommen Sie dazu, in seinem Auftrag Damen zu suchen? Sie sind

doch ein sonderbarer Mensch, Simon. Was? Ihre Stellung haben Sie aufgegeben?

Nun, was wollen Sie jetzt unternehmen? Kommen Sie! Hier durch! Hier ist

besser durchkommen. Ich werde Sie meinem Mann vorstellen.«

 

Man beschloß, den Abend im Theater zu verbringen. Kaspar wurde davon

benachrichtigt und er fand sich zur bestimmten Stunde vor dem Theater, das sich

als ein weißes, herrliches Gebäude am Ufer des Sees erhob, ein. Als der Vorhang

aufging, sah man nur in einen grauen, leeren Raum hin. Doch der Raum belebte

sich alsobald, denn es erschien eine Tänzerin mit nackten Beinen und Armen,

die zu einer leisen Musik tanzte. Ihr Leib war von einem durchschimmernden,

flatternden, fließenden Gewand umhüllt, das, so schien es, die Linien des Tanzes

noch einmal für sich, in der schwebenden Luft, nachzeichnete. Man empfand die

völlige Unschuld und Grazie dieses Tanzes und es würde niemandem eingefallen

sein, in der Nacktheit des Mädchens etwas Unkeusches und unrein-

Beabsichtigtes zu finden. Ihr Tanz löste sich oft in ein bloßes Schreiten auf, doch

auch dieses blieb Tanz, und ein anderes Mal wieder schien die Tanzende von

ihren eigenen Wellen in die Höhe erhoben zu werden. Wenn sie zum Beispiel ein

Bein erhob und den schönen Fuß krümmte, so geschah das in einer so neuen,

unbefangenen Weise, daß jedermann dachte: wo habe ich das einmal gesehen,

wo? Oder habe ich das nur irgend einmal geträumt? Der Tanz dieses Mädchens

hatte etwas Schweres und Naturgemäßes. Gewiß, ihre Kunst war vielleicht,

streng nach Ballettregeln genommen, nicht allzugroß, ihr Können mochte weit

zurückbleiben hinter dem Können und Leisten anderer Tänzerinnen. Aber sie

besaß die Kunst, mit ihrer bloßen, mädchenscheuen Anmut zu entzücken. Wenn

sie niederflog, so geschah es so süß-schwer, und das Emporfliegen zu höherem

Schwung berauschte alle Seelen durch die Wildheit und Unschuld dieser

Bewegung. Wenn sie sich bewegte, war sie auch erregt von dieser ihrer

flüchtigen Bewegung, und ihre Erregung erfand zu den Tönen immer neue

Schwingungen. Ihre Hände glichen zwei schönen weißen, flatternden Tauben.

Das Mädchen lächelte, wenn es tanzte, es mußte glücklich dabei sein. Ihre

Kunstlosigkeit wurde als höchste Kunst empfunden. Einmal flog sie in großen

weichen Sprüngen, wie ein gejagter Hirsch, von einem Takt in den andern. Sie

schien wie ein Wellengesprudel zu tanzen, daß sich an einem niedern Ufer

zerschlägt und verspritzt, bald floß sie wie eine breite, sonnige, machtvolle

Welle dahin, wie eine Welle mitten im See, bald war es wieder wie ein Geriesel

von Flocken und Steinchen, immer war es anders, und immer so seelenvoll. Die Empfindungen aller Zuschauer tanzten mit Lust und mit Schmerzen mit. Einigen

preßte der Tanz Tränen in die Augen, reine Tränen des Mit-Entzückens, Mit-

Tanzens. Wie schön war es, zu sehen, daß, da das Mädchen seinen Tanz

beendete, bejahrte, ehrfurchtgebietende Frauen sich stürmisch erhoben, dem

Mädchen mit Tüchern zuwinkten und ihr Blumen in den Bühnen-Abgrund

hinabwarfen. »Sei unsere Schwester,« schien aller Lächeln zu bitten. »Welche

Freude, dich meine Tochter, wenn du's wolltest, zu nennen,« schienen die

Damen zu jubeln. Das hundertköpfige Zuschauerpublikum sah die Kleine auf

der einsamen Bühne und vergaß die Grenze, überhaupt alle Scheidewand. Viele

Arme bogen sich, wie wenn sie hätten liebkosen mögen, in die Luft; die Hände,

die zuwinkten, bebten. Man rief Worte hinab, die die bloße Freude erfand. Selbst

die kalten, goldenen Figuren der Dekoration schienen lebendig werden zu

wollen und den Lorbeer, den sie in den Händen trugen, einmal auf ein Haupt

fallen zu lassen. So schön hatte Simon das Theater noch nie gesehen. Klara war

sehr entzückt, wer hätte es an diesem Abend nicht sein können. Nur Herr

Agappaia blieb still und sagte kein Wort. Kaspar sagte: »Ich will eine solche

Ovation malen, das müßte ein herrliches Bild werden.« »Aber schwer zu

malen,« sagte Simon, »dieser Duft und Glanz der Freude, dieses Schimmern des

Entzückens, das Kalte und Warme, das Bestimmte und Verschwommene, Farben

und Formen in diesem Duft, das Gold und das schwere Rot, so untergehend in

allen Farben, und die Bühne, der kleine Brennpunkt und das kleine, selige

Mädchen darauf, die Kleider der Damen, die Gesichter der Männer, die Logen

und alles andere, wirklich, Kaspar, es würde sehr schwer sein.«

Klara sagte: »Wenn man jetzt an eine stille Landschaft denkt, da draußen

liegen sie, die Wälder und Hügel und die weiten Wiesen, und man sitzt hier in

einem glitzernden Theater. Wie sonderbar. Vielleicht ist aber alles Natur. Nicht

nur das Große und Stille da draußen, sondern auch das Bewegliche und Kleine,

was die Menschen erschaffen. Ein Theater ist auch Natur. Was die Natur uns

heißt zu bauen, kann auch nur Natur, etwas freilich wie Abart der Natur sein.

Mag die Kultur so fein werden wie sie will, sie bleibt doch Natur, denn sie ist

doch nur die langsame Erfindung durch Zeiten, und zwar von Wesen, die an der

Natur immer hangen werden. Wenn Sie ein Bild malen, Kaspar, so wird es

Natur, denn Sie malen mit Ihren Sinnen und Fingern und diese haben Sie doch

von der Natur bekommen. Nein, wir tun gut daran, sie zu lieben, immer ihrer

recht zu gedenken, sie, wenn ich so sagen darf, anzubeten, denn irgendwo

müssen die Menschen gebetet haben, sonst werden sie schlecht. Wenn wir nun

lieben, was uns am nächsten ist, so ist das ein Vorteil, der unsere Jahrhunderte

stürmischer vorwärts treibt, der uns mit der Erde gedankenvoll rollen läßt, ein

Vorteil, der uns das Leben schneller und seliger empfinden macht, den wir also

packen und ergreifen müssen, tausendmal, in tausend Momenten, was weiß

ich!« – – –

Sie war ganz feurig geworden im Sprechen. »Habe ich auch etwas

Vernünftiges gesprochen?« fragte sie Kaspar.

Kaspar antwortete nicht. Sie waren längst aus dem Theater heraus und

befanden sich auf dem Nachhauseweg.

Simon war mit Herrn Agappaia ein Stück vorausgegangen.

»Erzählen Sie mir etwas,« bat Klara ihren Begleiter.

»Ich habe einen Kollegen, Erwin mit Namen,« erzählte Kaspar, indem er

neben der Frau herging, »er ist wenig talentvoll, oder vielleicht war er in seiner

frühesten Jugend einmal talentvoll. Dagegen ist er noch immer, trotzdem ihm

das Malen nicht den geringsten Erfolg verspricht, wie ein Satan in seine Kunst

verliebt. Alle seine Bilder nennt er schlecht, und sie sind es auch, aber er arbeitet

jahrelang an ihnen. Er kratzt immer wieder ab und malt von neuem. So die Natur

zu lieben, wie er, muß eine Qual sein und ist eine Schande; denn ein Mann von

Vernunft läßt sich nicht lange von einem Gegenstand, und sei es auch die Natur

selber, foppen und narren und peinigen. Natürlich ist nicht die Kunst seine

Peinigerin, sondern er selber ist sein Quäler mit seiner armseligen Auffassung

von Kunst und Welt. Dieser Erwin liebt mich. Ich malte, als wir beide Anfänger

waren, zusammen mit ihm. Wir tummelten uns auf den Wiesen herum, unter den

Bäumen, die ich immer nur in vollster prangendster Blütenpracht vor mir sehe,

wenn ich an jene »gottvolle« Zeit denke. Dieses Wort »gottvoll« ist eines, das

Erwin in seiner blinden Überschwenglichkeit geprägt hat, wenn er vor Landschaften stand, deren Schönheit seine Fassungskraft überstieg. »Kaspar,

sieh einmal diese gottvolle Landschaft,« das hat er, ich weiß nicht wie viel

hundertmal, zu mir gesagt. Schon damals, obgleich er ganz hübsche Bilder

zustande brachte, die mit Talent gemacht waren, kritisierte er sich bissig und

schonungslos. Er vernichtete seine gelungenen Bilder und hob nur die

mißlungenen auf, weil er nur diese als wertvoll empfand. Sein Talent litt

furchtbar unter diesem beständigen Mißtrauen, bis es schließlich unter solcher

schlechter Behandlung eintrocknete und versiegte wie ein Quell, der von der

Sonne verbrannt und ausgesogen wird. Ich riet ihm öfters, fertige Bilder zu

einem bescheidenen Preis zu verkaufen, aber er hätte mir für diese Zumutung

beinahe die Freundschaft aufgekündet. Über mich verwunderte er sich täglich

mehr, wie ich nur so leicht und ziemlich frivol vor mich hinmalen konnte, aber

er achtete mein Talent, das er zugeben mußte. Er wünschte, ich möchte meine

Kunst mit mehr Ernst betreiben, ich antwortete, daß es bei der Kunstausübung

nur des Fleißes, des fröhlichen Eifers und der Naturbeobachtung bedürfe, um zu

etwas zu kommen, und machte ihn auf den Schaden aufmerksam, den der

übertriebene, heilige Ernst um eine Sache der Sache antun könne und müsse. Er

glaubte mir wirklich, war aber zu schwach, um sich von seinem verbohrten

Ernst, in den er festgebissen war, loszureißen. Dann reiste ich weg, und bekam

die sehnsüchtigsten Briefe von ihm, die voll Trauer über meine Abreise klangen.

Ich sei noch derjenige gewesen, der ihn noch ein wenig munter erhalten hätte.

Ich möchte doch zurückkehren, oder wenn nicht, so bäte er mich, daß ich ihm

erlaube, mir nachzureisen. Er tat es auch. Er war immer hinter mir wie mein

leibeigener Schatten, so oft ich ihn auch kalt, spöttisch und von oben herab

behandelte. Er vermied die Frauen, ja er haßte sie, denn er befürchtete, von

ihnen von der Heiligkeit seiner Lebensaufgabe abgelenkt zu werden.

Infolgedessen lachte ich ihn aus und es kann sein, daß ich ihn ziemlich

verächtlich behandelt habe. Er malte immer schwerfälliger und war immer

versessener in die Studien. Ich riet ihm, nicht so sehr zu studieren und mehr die

Hand an den Pinsel zu gewöhnen. Er versuchte es und weinte beim Anblick

meines sorglosen In-den-Tag-hinein-Schaffens. Da unternahmen wir zusammen

eine Reise nach meiner Heimat, Sie wissen! Über die breiten hohen Berge geht

es da, in tiefe Täler steil hinunter und sogleich wieder hinauf. Mir war es ein

Spaß zum Handausstrecken, ein Genießen, ein etwas schnelleres Atmen, eine

größere Inanspruchnahme der Beine, weiter nichts. Erwin kam kaum vorwärts:

wirklich, seine Kräfte waren bereits zerrüttet von der Ausschweifung seines

Kunstsehnens. Eines Tages erblickten wir, es war gegen Abend, auf einer hohen

Bergweide stehend, vor uns, durch Tannengeäst hindurch die drei Seen meiner

Heimat. Erwin schrie bei diesem Schauspiel auf. Es war in der Tat unvergeßlich schön. Unten klang das Gelärm der Eisenbahnen, und Glocken tönten herauf.

Die Stadt konnte man noch nicht sehen, aber ich wies Erwin mit der

ausgestreckten Hand auf die Stelle, wo sie liegen mußte. Wie die Gewänder von

Fürstinnen lagen blitzend und sanft leuchtend die Seen ausgebreitet, von edlen

Berglinien umschlossen, mit entzückend zierlichen Uferbildungen, und so weit

in der Ferne, und doch so nah. Noch an diesem Abend rückten wir, verstaubt und

ausgehungert, zu Hause an. Meine Schwester freute sich über den stillen Gast,

den ich brachte. Es mag jetzt etwa drei Jahre her sein. Sie schloß sich mit der

Zeit an ihn an, und ich darf glauben, daß eine stille Liebe zu Erwin in ihr

brannte. Es schmerzte sie, zu sehen, in welcher Weise ich mit ihrem

Schutzbefohlenen umging. Sie bat mich, freundlicher und achtungsvoller von

ihm zu reden, wenn ich von ihm in etwas lustigem Tone sprach. Lange hielt es

der arme Kerl auch nicht aus. Eines Tages nahm er Abschied. Meiner Schwester

hat er einen Spruch ins Tagebuch schreiben müssen. Wie komisch das alles ist

und doch wie tief. Vielleicht hatte er, da er ihr ins Buch schrieb, die Hand

gedankenvoll gestützt, und sich eine Zukunft mit meiner Schwester ausgedacht.

Was versprach ihm die Kunst? Ich hatte einige Sorge, meine Schwester würde

etwas wie eine Szene machen. Aber sie schaute ihn bloß innig und gütig an beim

Abschiednehmen. Er durfte sie nicht anschauen, er wagte es nicht. Kam er sich

vor wie ein Erbärmlicher? Leicht möglich. Vielleicht glaubte er überhaupt nicht,

daß Mädchen ihn lieben und zum Mann begehren könnten, denn er hatte ein

Muttermal quer über das ganze Gesicht. Aber in meinen Augen hat ihn das

immer veredelt. Ich sah ihn sehr gerne an. Wir reisten, und dann frug er mich

einmal, ob er meiner Schwester schreiben dürfe. »Was geht das mich an,« rief

ich aus. »Schreibe, wenn du Lust hast!« Er ging wieder nach Hause, in die ganz

tote, düstere Umgebung seiner Akademieprofessoren. Ich bemitleidete ihn, aber

trennte mich kalt von ihm, wenigstens zeigte ich ihm die Kälte, denn es war mir

unangenehm, einem Bemitleidenswerten gegenüber warm zu werden. Er schrieb

einige Briefe, die ich nicht beantwortete, und er schreibt auch jetzt, und auch

jetzt antworte ich nicht. Er hängt zum Verzweifeln an mir. Ist es da nötig, noch

zu antworten? Er ist verloren, er macht absolut keinen Fortschritt. Seine

gegenwärtigen Bilder sind schrecklich. Und doch hat kein Mensch ein so inniges

Bündnis mit mir gehabt wie er, und wenn ich an jene Tage denke, wo wir

zusammen an der Natur hingen! Was geht alles in der Welt vorüber. Man muß

schaffen, schaffen und nochmals schaffen, dazu ist man da, nicht zum

Bemitleiden.«

»Der arme Mensch,« sagte Klara, »ich habe Mitleid mit ihm. Ich möchte,

daß er hier wäre, und wenn er krank wäre, wie gerne möchte ich ihn pflegen. Ein

unglücklicher Künstler ist wie ein unglücklicher König. Wie tief in der Seele muß es ihn schmerzen, sich so talentlos zu wissen. Ich kann es mir so gut

denken. Armer Kerl. Ich möchte ihm Freundin sein, da Sie keine Zeit haben,

Mitleid mit ihm zu empfinden. Ich hätte Zeit. Was für arme Menschen gibt es

doch auf der Welt!«

Kaspar sagte leise zu ihr und ergriff zum ersten Mal ihre Hand: »Wie gut Sie

sind!« –

Der Wald war tiefschwarz, alles war dunkel, das Haus war ein dunkler Fleck

im Dunkel. Simon und Agappaia warteten auf die beiden andern an der Haustür.

»Sie kommen nicht. Kommen Sie, wir wollen hineingehen.«

»Ich möchte mich gleich schlafen legen,« sagte Simon.

Als er bereits im Bett lag und die Augen zuschließen wollte hörte er plötzlich

einen Schuß fallen. Erschreckt bis zum äußersten sprang er auf, riß das Fenster

auf und schaute hinaus. »Was ist das,« rief er hinunter. Aber nur seine eigene

Stimme widerhallte vom Walde her. Der Wald war in eine schauerliche

Totenstille gehüllt. Plötzlich vernahm er, wie unten eine Männerstimme sprach:

»Es ist nichts, schlafen Sie. Verzeihen Sie, daß ich Sie erschreckt habe. Ich

pflege des Nachts öfters im Walde zu schießen, es macht mir Vergnügen, so den

Schuß knallen und widerhallen zu hören. Der eine pfeift gern eine Melodie, um

sich, wenn alles so still um ihn ist, zu zerstreuen. Ich schieße. Tragen Sie

Sorgfalt, daß Sie sich nicht erkälten so am offenen Fenster. Die Nächte sind jetzt

noch kühl. Gleich werden Sie wieder schießen hören und dann werden Sie sich

wohl nicht mehr ängstigen. Ich erwarte noch meine Frau. Gute Nacht. Schlafen

Sie wohl.« Simon legte sich wieder nieder. Dennoch fand er keinen Schlaf. Die

Stimme des Mannes hatte ihm so merkwürdig geklungen, so ruhig, und das eben

war das Eigentümliche. So eisig, eigentlich ganz gewöhnlich freundlich, aber

eben darin lag das Eisige. Es mußte etwas dahinter stecken. Aber vielleicht

kannte er nur dieses Mannes Gewohnheiten nicht. »Es gibt,« dachte er für sich,

»heutzutage ja sonderbare Käuze genug. Das Leben ist ja so langweilig, das

fördert das Anwachsen der Käuze. Man wird, ehe man es recht weiß, zum

seltsamen Kauz. So mag auch dieser Agappaia gar nichts Wunderliches mehr in

seinen Wunderlichkeiten sehen. Man nennt es einfach Sport und schlägt alle

fremden Gedanken damit nieder. Immerhin, ich will jetzt versuchen, zu

schlafen.« – aber es kamen andere Gedanken, die alle mit Nächten zu tun hatten.

Er dachte an kleine Kinder, die nicht in dunkle Zimmer zu gehen wagen, die

nicht einschlafen können im Dunkel. Die Eltern prägen den Kindern die

fürchterliche Angst vor dem Dunkel ein und schicken dann zur Strafe die

Unartigen in stille, schwarze Kammern. Da greift nun das Kind im Dunkel, im

dicken Dunkel und stößt nur auf Dunkel. Des Kindes Angst und das Dunkel

kommen ganz gut miteinander aus, aber nicht das Kind mit der Angst. Das Kind hat soviel Talent, Angst zu haben, daß die Angst immer größer wird. Sie

bemächtigt sich des kleinen Kindes, denn sie ist etwas so Großes, Dickes,

Schweratmendes; das Kind würde zum Beispiel gern schreien wollen, aber es

wagt es nicht. Dieses Nicht-Wagen vergrößert noch seine Angst; denn etwas

Furchtbares muß da sein, wenn man nicht einmal vor Angst Angstschreie

ausstoßen darf. Das Kind glaubt, jemand horche im Dunkel. Wie schwermütig

einen das macht, sich solch ein armes Kind vorzustellen. Wie die armen Öhrchen

sich anstrengen, ein Geräusch zu erhorchen: nur den tausendsten Teil eines

Geräuschleins. Nichts hören ist viel angstvoller als etwas hören, wenn man

schon einmal im Dunkel steht und hinhorcht. Überhaupt schon: hinhorchen und

beinahe das eigene Horchen hören. Das Kind hört nicht auf, zu hören. Manchmal

horcht es, und manchmal hört es nur, denn das Kind weiß zu unterscheiden in

seiner namenlosen Angst. Wenn man sagt: hören, so wird eigentlich etwas

gehört, aber wenn man sagt: horchen, so horcht man vergeblich, man hört nichts,

man möchte hören. Horchen ist Sache des Kindes, das in eine dunkle Kammer

eingesperrt wird, zur Strafe für Unarten. Denke man sich jetzt, daß jemand

herankäme, leise, fürchterlich leise. Nein, das lieber nicht denken. Lieber das

nicht denken. Derjenige, der das denkt, stirbt mit dem Kinde vor Schreck. So

zarte Seelen haben Kinder, und solchen Seelen solche Schrecknisse zudenken!

Eltern, Eltern, stecket nie eure unartigen Kinder in dunkle Kammern, wenn ihr

sie vorher gelehrt habt, Angst vor dem sonst so lieben, lieben Dunkel zu

empfinden. – –

Jetzt hatte Simon keine Angst mehr, es möchte noch in dieser Nacht etwas

vorkommen. Er schlief ein, und als er am Morgen erwachte, sah er seinen Bruder

ruhig neben sich im Bett schlafen. Er hätte ihn küssen mögen. Er zog sich, um

den Schlafenden nicht zu wecken, so behutsam wie möglich an, öffnete leise die

Türe und ging die Treppe hinunter. Auf der Treppe begegnete er Klara. Sie

schien schon eine ganze Weile da gewartet zu haben. Simon hatte jedoch kaum

guten Morgen gesagt, als ihn auch schon die Frau, die heftig bewegt schien, um

den Hals faßte und an sich zog und voll Liebe küßte. »Ich will dich auch küssen,

du bist ja sein Bruder,« sagte sie mit leiser, gepreßter, glückseliger Stimme.

»Er schläft noch,« sagte Simon. Es war seine Gewohnheit, Zärtlichkeiten, die

nicht ihm galten, sanft abzuweisen. Diese Ruhe brachte ihre Seele erst recht in

Bewegung. Sie ließ ihn nicht weitergehen, sondern schloß ihn fester an sich,

indem sie seinen Kopf in ihre beiden Hände nahm und Küsse auf seine Stirne

und auf seine Wangen drückte. »Ich habe dich so lieb wie einen Bruder. Du bist

jetzt mein Bruder. Ich habe so wenig und so viel, siehst du! Ich habe gar nichts,

ich habe alles gegeben. Wirst du mich meiden? Nein, nicht wahr, nein! Ich

besitze dein Herz, ich weiß es. Ich bin reich mit einem solchen Vertrauten. Du liebst deinen Bruder, wie keiner ihn liebt. Mit so viel Stärke und Willen. Erzähle

mir von dir. Wie schön kommst du mir vor. Du bist ganz anders, als er. Man

kann dich nicht beschreiben. Er sagte es auch, man könne dich kaum fassen. Und

doch, wie vertrauensvoll wirft man sich dir entgegen. Küsse mich. Ich bin dein,

in dem Sinne, wie dein Herz es will. Dein Herz ist das Schöne an dir. Sage nur

nichts. Ich verstehe, daß man dich nicht versteht. Du verstehst alles. Du bist gut

zu mir, sage, sage ja. Nein, sage nicht ja. Es ist nicht nötig, ist gar, gar nicht

nötig. Deine Augen haben schon ja gesagt. Ich wußte es schon lange. Ich wußte

schon lange, daß es solche Menschen gäbe, zwinge dich nur nicht zur Kälte.

Schläft er? O nein, gehe noch nicht. Ich muß mich noch ein wenig zanken mit

dir. Ich bin eine dumme, dumme, dumme Frau, nicht wahr.«

In diesem Tone würde sie fortgeredet haben, aber Simon wehrte ihr ab, ganz

sanft, wie es seine Art war. Er sagte, er wolle einen Spaziergang machen. Sie sah

ihm nach, wie er davonging, aber er bekümmerte sich nicht im geringsten um

ihren Blick. »Ich diene ihr, wenn sie mich zu einem Dienst braucht;

selbstverständlich!« sagte er zu sich. »Ich würde wahrscheinlich mein Leben

hinwerfen für sie, wenn es ihr diente zu ihrem Wohlsein, es zu fordern; sehr

wahrscheinlich! Ja, es ist ziemlich sicher, daß ich das täte, gerade für so eine. Sie

hat so etwas Derartiges. Mit einem Wort: sie beherrscht mich natürlich, aber was

ist da weiter zu grübeln. Ich habe an andere Sachen zu denken. Zum Beispiel

heute morgen bin ich glücklich, ich spüre meine Glieder wie feine, geschmeidige

Drähte. Wenn ich meine Glieder spüre, bin ich glücklich, und da denke ich an

keinen Menschen auf der Welt, weder an ein Weib, noch an einen Mann, einfach

an nichts. Ach, ist das schön hier im Wald so am sonnigen Morgen. Ist das

schön, frei zu sein. Mag jetzt eine Seele an mich denken, mag sie, oder mag sie

nicht, jedenfalls denkt die meinige an gar nichts. Ein solcher Morgen weckt

immer eine gewisse Brutalität in mir, aber das schadet nichts, im Gegenteil, ist

die Grundlage zum selbstlosen Naturgenuß. Herrlich, herrlich. Wie das Gras in

der Sonne blitzt. Wie der weiße Himmel um die Erde brennt. Es kann ja auch

heute noch kommen, dieses Weichwerden. Wenn ich an jemand denke, dann tu

ich es heftig. Aber köstlicher ist es, so wie ich jetzt bin. Lieblicher Morgen. Soll

ich dir ein Lied singen. Ja, du bist selber ein Lied. Viel lieber möchte ich

schreien und laufen wie der Teufel, oder Schüsse abknallen wie der dumme

Teufel Agappaia.« –

Er warf sich auf die Matte nieder und träumte.