Geschwister Tanner
Vierzehntes Kapitel.
V i e r z e h n t e s K a p i t e l .
Nachdem er eine Stunde gelesen hatte, löschte er die Lampe aus, öffnete das
Fenster, ging zum Zimmer hinaus, zu der Haustüre hinaus, auf die steile Straße.
Eine schwere, warme Dunkelheit empfing ihn. Das alte Stadtviertel war voll von
kleinen Wirtschaften, so daß einem beim Gehen die Wahl schwer werden konnte.
Er ging noch einige Schritte in der lebhaft von Menschen erfüllten Straße und
trat dann in eine Kneipe ein. Um einen runden Tisch herum war eine kleine,
fröhliche Gesellschaft versammelt, deren Mittelpunkt ein kleiner Spaßmacher
sein mußte; denn alles lachte, sowie er nun den Mund auftat. Es mußte einer
jener Menschen sein, die, was sie auch sagen mochten, stets komisch und
lachmuskelerregend wirkten. Simon setzte sich zu zwei noch jungen Männern an
den gleichen Tisch und horchte unwillkürlich auf das, was sie sprachen. Sie
sprachen ernsthaft und in ziemlich klugen Ausdrücken miteinander. Der
Gegenstand ihrer Auseinandersetzung schien ein junger, unglücklicher Mann zu
sein, den sie beide mochten näher gekannt haben. Jetzt aber ließ der eine von
ihnen den andern, ohne ihn zu unterbrechen, erzählen, und Simon hörte
folgendes:
»Ja, er war ein prachtvoller Kerl! Schon als Knabe, als er noch langes Haar
und kurze Hosen trug und an der Hand eines Kindermädchens durch die Straßen
der kleinen Stadt spazieren ging. Die Leute sagten, indem sie sich nach ihm
umsahen: »Welch ein bildhübscher, kleiner Kerl!« Seine Aufgaben hat er mit
viel Talent gemacht, ich meine seine Schüleraufgaben. Seine Lehrer haben ihn
geliebt; denn er war sanft und gut zu erziehen. Seine Klugheit machte es ihm
spielend leicht, seine Pflichten in der Schule zu erfüllen. Er hat prachtvoll
geturnt, gezeichnet und gerechnet. Wenigstens weiß ich, daß ihn die Lehrer den
später nachkommenden Schülergenerationen und sogar den weiter
vorgeschrittenen Klassen als ein Muster gepriesen haben. Seine weichen
Gesichtszüge mit den wundervollen Augen voll männlicher Ahnung bestrickten
alle, die mit dem Knaben zu tun hatten. Er genoß eine gewisse Berühmtheit, als
ihn seine Eltern auf die höhere Schule schickten. Von der Mutter verzärtelt, was
jedermann begriff, und von allen bewundert, mußte sein Geist frühzeitig jene
Weichheit der Bevorzugten und Anerkannten erhalten, jenes Gehenlassen, jene schöne Sorglosigkeit, die dem jungen Menschen gestattet, sich der Genüsse des
Lebens spielend zu bemeistern. In die Ferien brachte er glänzende Zeugnisse und
eine Schar junger Kameraden mit nach Hause und berauschte das Ohr seiner
Mutter mit Erzählungen von seinen mannigfachen Erfolgen. Natürlich
verschwieg er seiner Mutter die Erfolge, die er schon damals begann, bei den
leichtfertigen Mädchen zu machen, die ihn schön und liebenswürdig fanden. Die
Ferien benutzte er zu Wanderungen im Tiefland; auf den ausgedehnten, hohen
Bergen, die ihn lockten, weil sie so hoch hinauf und so weit in die
unbestimmteste Ferne sich hineindehnten, verbrachte er Tage, nicht nur Stunden,
mit der ausgelassenen Gesellschaft von gleich schwärmerisch Gesinnten wie er
selber. Er bannte und bezauberte sie alle. – Er glich in seiner Gesundheit und
Schmiegsamkeit, sowohl seelisch wie körperlich, einem Gott, der nur zum
Vergnügen eine Zeitlang auf dem Gymnasium zu studieren schien. Wenn er ging,
sahen ihm die Mädchen nach, als würden sie von seinen zurückgeworfenen
Blicken an ihn herangezogen. Auf seinem blonden, schönen Kopf trug er kokett
die blaue Studentenmütze. Er war entzückend leichtsinnig. Einmal, es war
gerade Jahrmarkt, und der große Platz, wo sonst das Vieh zusammengetrieben
wird, stand voller Buden, Hütten, Karussells, Rutschbahnen und Reitbahnen,
schoß er mit einem scharf geladenen Vogelgewehr, statt mit einer der üblichen,
unschädlichen Flinten, in eine Schießbude hinein, vor der er immer zu sehen
war, da ihn das Mädchen, das dort die Gewehre darreichte, entzückte. Die kleine
Kugel drang durch die Leinewand der Bude hindurch, in den Wagen hinein, der
dicht dahinter stand, und soll dort um ein Haar ein in einer Wiege schlafendes,
kleines Kind verletzt haben. Es war der Wagen, den diese herumziehenden Leute
als Familienwohnung benutzten. Der Streich kam natürlich aus, mehrere andere
Streiche kamen zu dem einen, und das nächste Mal, als wieder Ferien waren,
stand in dem Zeugnis des jungen Studenten eine bissige Bemerkung des Rektors,
der gleichzeitig den Eltern einen Brief, großzügig und voll Feierlichkeit, schrieb,
worin er ihnen ans Herz legte, ihren Sohn freiwillig aus der Schule zu nehmen,
da sonst die Notwendigkeit bevorstünde, denselben auszuweisen. Gründe:
sinnloses Betragen, Ansteckung, böse Einwirkung, Unverantwortlichkeit, hohe
Verantwortung, Pflichten und doch Rücksichten und alles jenes, was eben für
einen solchen Fall immer Gründe sind: die Sittlichkeit in Gefahr und: Schutz der
noch Unverdorbenen, und so weiter.« –
Der erzählende Mann schwieg eine Weile.
Diese Gelegenheit benutzte Simon, um sich bemerkbar zu machen und sagte:
»Ihre Erzählung interessiert mich aus manchem Standpunkt. Bitte, gestatten
Sie mir, daß ich Ihnen ferner zuhören darf. Ich bin ein junger, eben aus seiner
Lebensstellung herausgetretener Mann und lerne vielleicht einiges aus Ihrer Erzählung; denn mir scheint, daß man immer gewinnt beim Anhören einer
wahrhaften Geschichte.« –
Die beiden Männer sahen sich Simon aufmerksam an, doch schien er ihnen
keinen unguten Eindruck zu machen, vielmehr bat ihn der, der erzählt hatte, nur
zuzuhören, wenn es ihm Spaß machen könne, und jener erzählte weiter:
»Die Eltern des Jünglings gerieten natürlich ob dieser Ausweisung in große
Bestürzung und in noch größeren Kummer; denn wo gäbe es Eltern, die so
gleichgültig wären, daß sie sich in einem so betrübenden Fall, wie dieser war, in
alltäglicher Weise benehmen könnten. Sie meinten zuerst, daß es am besten sei,
den Schlingel ganz aus der gelehrten Laufbahn fortzunehmen, und ihn einen
harten Beruf, wie Mechaniker oder Schlosser, lernen zu lassen. Das Wort und
Land Amerika kam ihnen schon in den Sinn, es mußte ihnen angesichts der Lage
ihres Sohnes beinahe von selbst zufliegen. Aber es kam anders. Wiederum siegte
die Zärtlichkeit der Mutter, wie schon so oft, wenn der Vater energisch
einzuschreiten gesonnen war, so auch bei dieser Gelegenheit. Der junge Mann
wurde in ein entlegenes, einsames Seminar geschickt, wo er sich auf den
Lehrerberuf vorzubereiten hatte. Es war ein französisches Seminar, wo der Junge
gar nicht anders konnte, als sich, wie es sich geziemte, aufzuführen. Wenigstens
ging er von da aus, nach Ablauf seiner Zeit, als praktischer, jugendlicher Lehrer
in die Welt. In der Nähe seiner Heimatstadt bekam er eine vorläufige Stelle als
Lehrer. Er unterrichtete die Kinder so gut, als er nur vermochte, las, wenn es ihm
die Zeit erlaubte, zu Hause die französischen und englischen Klassiker in ihrer
Sprache; denn er hatte für Sprachen ein wahrhaft wunderbares Talent, dachte
heimlich an eine andere Karriere, schrieb Briefe nach Amerika zwecks einer
Anstellung als Hauslehrer, die indessen erfolglos blieben, und trieb ein Leben
zwischen Pflicht und scheuer Ungebundenheit. Da es Sommer war, ging er mit
seinen Schülern öfters im tiefen, reißenden Kanal baden. Er badete dann selber
mit, um seinen Schülern zu zeigen, wie man es anzustellen hatte, wenn man
schwimmen lernen wollte. Eines Tages aber riß ihn der Wasserstrudel derart fort,
daß es aussah, wie wenn er jetzt ertrinken mußte. Die Schüler rannten schon in
das Städtchen zurück, wo sie schrieen: »Unser Lehrer ist ertrunken.« Aber der
junge, kräftige Mann arbeitete sich aus den Wirbeln des tückischen Wassers
heraus und kam wieder nach Hause. Nach einiger Zeit befand er sich indessen an
einem anderen Ort, und zwar mitten in den Bergen, in einem kleinen, aber doch
reichen Dorf, wo er angenehme Menschen fand, die ihn weniger als Lehrer wie
vielmehr als Menschen respektierten. Er war ein vorzüglicher Klavierspieler und
flotter Geselle überhaupt, der in einer Gesellschaft von einigen Menschen den
Zauberfaden der Unterhaltung ganz nur um sich herum zu drehen verstand. Ein
sehr liebes, aber schon nicht mehr junges Fräulein verliebte sich in den Lehrer, derart, daß sie ihm alles nur Mögliche an Bequemlichkeit und Komfort
zukommen ließ und ihn mit den ersten Leuten im Dorf bekannt machte. Sie
stammte aus einer alten Offiziersfamilie, deren Vorfahren einst in fremden
Ländern Kriegsdienste verrichtet hatten. So schenkte sie ihm denn eines Tages
zum Andenken einen zierlichen Galanterie-Degen, der immerhin eine nicht
ungefährliche Waffe gewesen sein mochte und der vielleicht gar zu seiner Zeit
einmal in Blut getaucht worden war. Es war ein feines Stück, und das gute, liebe
Fräulein überreichte ihm den Zierrat mit niedergeschlagenen Augen, wobei sie
vielleicht einen tiefen Seufzer unterdrückte. Sie hörte ihm zu, wenn er, in
romantisch edler Haltung, am Klavier saß und darauf spielte, und konnte kein
Auge von seiner Gestalt abwenden. Oft fuhr sie mit ihm zusammen, da es Winter
war, auf dem hochgelegenen, kleinen Bergsee Schlittschuh, und beide freuten
sich dieses schönen Vergnügens. Aber der junge Mann wünschte bald wieder
abzureisen, um so mehr, da er nur zu lebhaft die warmen, verlockenden Bande
fühlte, die ihn so gern für immer an das Dorf gefesselt hätten, denen er aber
entfliehen mußte, wenn er irgendwie noch den Wunsch besaß, nach etwas
Großem in der Welt zu streben. Er reiste, und zwar mit dem Gelde des Fräuleins,
die reich war, und die sich eine wehmütige und kummervolle Freude daraus
machte, es ihm ohne jeden Vorbehalt zu geben. So ging er nach München, wo er
ein ziemlich flottes Leben führte, nach Art der dortigen Studenten, kam wieder
heim, sah sich nach einer Stelle um, und erhielt eine solche in einem
Privatinstitut, das am Fuße einer tannenwaldgeschmückten Bergkette lag. Dort
mußte er junge Bürschlein aus allen Erdteilen, reicher Leute Kinder,
unterrichten, tat es eine Zeitlang mit großer Liebe und viel Interesse, bekam
Händel mit seinem Vorgesetzten, dem Inhaber des Institutes, und reiste wieder
weg. Dann kam Italien an die Reihe, wohin er sich als Hauslehrer begab, und
dann England, wo er auf einem Gutsitze zwei aufwachsende Mädchen
unterrichtete, mit denen er indessen nur Tollheiten trieb. Er kam wieder heim,
wilde Ideen spukten in seinem Kopf, und in seinem leer gewordenen Herzen
brannten nur noch hilflose Phantasieen, die keine Rechte auf die Wirklichkeit
besaßen. Seine Mutter, in deren Schoß sich zu werfen es ihn verlangte, starb zu
dieser Zeit. Er war leer und trostlos. Er bildete sich ein, sich jetzt auf die Politik
werfen zu sollen, aber er besaß für dieses Fach weder die genügende Übersicht
und Ruhe, noch auch nur den nötigen Schliff und Takt mehr. Er schrieb auch
Börsenberichte, aber ohne Sinn; denn er dichtete sie, und zwar aus einem bereits
zerstörten Geiste heraus. Er verfaßte Gedichte, Dramen und musikalische
Kompositionen, malte, zeichnete, aber dilettantisch und kindlich. Inzwischen
hatte er wiederum Stellung genommen, freilich nur für kurze Zeit, und dann
wieder Stellung, und dann wieder! An einem halben Dutzend Orten trieb er sich herum, glaubte und sah sich überall betrogen und verletzt, verlor den Anstand
vor den Schülern, lieh Geld von ihnen; denn er besaß nie Geld. Noch war er ein
schlanker, schöner Mensch, sanft und vornehm von Ansehen und immer noch
edel in seinem Betragen, solange er mit seinem Kopf oben war. Aber das war nur
noch selten der Fall. Nirgends in der Welt konnte man ihn lange gebrauchen,
man schickte ihn fort, sowie man hinter sein Wesen kam, oder er ging von selber
aus ganz absonderlichen, selbst zusammengedichteten Ursachen. Das mattete
und lähmte ihn natürlich vollends herunter. Aus Italien hatte er noch
begeisterungsfrohe, ideale Briefe an seinen Bruder geschrieben. In London, wo
er Not litt, war er einmal in das Kontor eines sehr reichen Seidenhändlers, eines
Onkels von ihm, mit der Bitte getreten, man möchte ihm in seiner elenden Lage
beistehen, und bat um Geld, vielleicht nicht gerade mit Worten, aber man
merkte, was er wollte, und schickte ihn achselzuckend fort, ohne ihm etwas zu
geben. Wie mußte sein schöner, sanfter Menschenstolz schon gelitten haben,
wenn er den Mut fand, Unwürdige anbetteln zu gehen. Doch was mußte er nicht
tun, da er Not litt! Man kann von Stolz sprechen, man muß aber auch all der
Zufälle des Lebens gedenken, wo es unmenschlich ist, von einem Menschen
noch Stolz zu verlangen. Und der, der gebeten hatte, war weich! Er hatte von
jeher ein kindlich weiches Herz, und dem Schmerz und der Reue über ein
verlornes Leben war es ein Leichtes, dieses Herz zu zerstören. Eines Tages, nach
all den Umherwanderungen, erschien er wieder zu Hause, blaß, matt, müde und
in seinen Kleidern heruntergerissen. Sein Vater empfing ihn wahrscheinlich
herzlos, seine Schwester so gut, als sie durfte vor des entrüsteten Vaters Augen.
Er gedachte, einen kleinen Redakteurposten zu erhalten, und trieb sich
inzwischen in der Stadt herum, wo er allen Mädchen Ringe schenkte und zu
ihnen sagte, er wolle sie heiraten. Er war ganz offenbar schon kindisch. Man
munkelte natürlich und lachte. Dann ging er noch einmal fort, in eine
Lehrerstelle, aber dort erwies es sich, daß er für die Welt unmöglich geworden
war. Er kam eines Tages mit einem nackten Fuß in die Schulstunde, Schuh und
Strumpf fehlten an dem einen seiner Füße. Er wußte nicht mehr, was er tat, oder
er tat eben das, was sein anderer, irrer Geist ihm zu tun befahl. Zu derselben Zeit
radierte er in seinem militärischen Dienstbuch die dort notierte Degradation aus,
die ihm eines begangenen, schweren Fehlers wegen schon früher zudiktiert
worden war. Infolgedessen wurde er, da dieses kühne Vergehen ans Licht kam,
ins Gefängnis gesperrt. Von dort wurde er, da man über seinen Geisteszustand
zur Klarheit gelangte, in ein Irrenhaus gebracht, wo er heute noch ist. Ich weiß
das alles, da ich oft mit ihm zusammen gewesen bin, in vielen Jahren, im Zivil
sowohl wie beim Militär, und auch geholfen habe, ihn dahin abzuführen, wo er
sich jetzt befindet und wohin er leider gebracht werden mußte.«
»Traurig!« sprach der andere der beiden Männer.
»Wir wollen austrinken und gehen,« sagte der Erzähler und fügte noch hinzu:
»Manche wollen behaupten, daß die leichtfertigen Weiber, zu denen er
Beziehungen hatte, ihn zugrunde gerichtet hätten, aber ich glaube es nicht, da ich
überzeugt bin, daß man den schlimmen Einfluß, den diese Weiber auf einen
Mann ausüben, meistens überschätzt. So schlimm ist das alles nicht, aber
vielleicht liegt es in der Familie.«
Simon sprang auf, lebhaft angeregt und mit der Röte des Unwillens auf den
Wangen:
»Was da? In der Familie? Da irren Sie sich, mein edler Herr Erzähler. Sehen
Sie mich, bitte, einmal gründlich an. Entdecken Sie an mir vielleicht auch so
etwas, das in der Familie liegen könnte? Muß ich auch ins Irrenhaus kommen?
Das müßte ich ohne Zweifel, wenn es in der Familie läge, denn ich bin auch aus
der Familie. Der junge Mann ist mein Bruder. Ich schäme mich durchaus nicht,
einen nur unglücklichen und keineswegs verderblichen Menschen offen meinen
Bruder zu nennen. Heißt er nicht Emil, Emil Tanner? Könnte ich das wissen,
wenn er nicht mein leiblicher lieber Bruder wäre? Ist sein Vater, der auch der
meinige ist, etwa nicht Mehlhändler, der auch in Burgunderweinen und
Provencer-Öl einen ganz stattlichen Handel treibt?«
»In der Tat, das stimmt alles,« sagte der Mann, der vorhin erzählt hatte.
Simon fuhr fort: »Nein, in der Familie kann es nicht liegen. Ich leugne das,
solange ich lebe. Es ist einfach das Unglück. Die Weiber können es nicht sein.
Da haben Sie recht, wenn Sie sagen, die Weiber seien es nicht. Müssen daran die
armen Weiber immer schuld sein, wenn die Männer ins Unglück geraten?
Warum denken wir darüber nicht etwas einfacher? Kann es nicht im Charakter,
in einem Stäubchen der Seele liegen? So und immer so: und deshalb so?
Schauen Sie, bitte, was ich jetzt für eine Art von Handbewegung mache: So, so!
Darin liegt es. Der Mensch fühlt so, und dann handelt er so, und alsdann stößt er
an mancherlei Mauern und Unebenheiten so an. Die Menschen denken immer
gleich an grausige Vererbung und so weiter. Mir erscheint das lächerlich. Und
welche Feigheit und welche Unehrerbietung, den Eltern und Voreltern an seinem
Unglück Schuld geben zu wollen. Mangel an Anstand und Mut und noch etwas:
unziemliche Weichherzigkeit ist das! Wenn das Unglück über einen herbricht, so
bringt man eben die erforderliche Manier mit, die es dem Schicksal bequem
macht, daraus ein Unglück zu formen. Wissen Sie, was mein Bruder mir war,
mir und Kaspar, dem andern Bruder, uns Jüngeren? Gelehrt hat er uns auf
gemeinschaftlichen Spaziergängen Schönes und Hohes zu empfinden, zu einer
Zeit, da wir noch die wüstesten Schlingel waren, die nur auf schlechte Streiche
ausgingen. Aus seinen Augen tranken wir das Feuer der Begeisterung für die Kunst. Können Sie sich denken, was für eine herrliche, verständnissuchende,
streberische, im schönsten und kühnsten Sinn streberische Zeit das war? Wir
wollen noch eine Flasche Wein trinken, ich will sie bezahlen, ja, ich, obschon ich
ein lumpiger Stellenloser bin. Heda! Herr Wirt, ein Flasche Wadtländer. Und
zwar vom besten, den Sie haben. – Ich bin ein ganz mitleidloser Mensch.
Meinen armen Bruder Emil habe ich schon längst vergessen. Ich komme auch
gar nicht dazu, an ihn zu denken, denn sehen Sie, ich bin einer, der so in der Welt
steht, daß er sich mit Händen und Füßen wehren muß, um aufrecht zu stehen.
Umfallen mag ich nur dann, wenn ich nicht mehr den Gedanken ans Aufstehen
habe. Ja, dann habe ich vielleicht Zeit, an die Unglücklichen zu denken, und
Mitleid zu haben, wenn ich selber des Mitleids würdig geworden bin. Noch bin
ich es aber nicht, und ich gedenke noch zu lachen und Scherz zu treiben
angesichts meines Todes. Sie sehen in mir einen ziemlich unverwüstlichen
Menschen, der allerhand Mißgeschick zu ertragen versteht. Das Leben, es
braucht mir gar nicht so sehr zu glänzen, so glänzt es doch schon in meinen
Augen. Es ist mir meistens schön und ich verstehe die Menschen nicht, die es
unschön nennen und es damit beschimpfen. Jetzt kommt der Wein. Ich komme
mir immer ganz vornehm vor, wenn ich Wein trinke. Mein armer Bruder lebt
noch! Ich danke Ihnen, mein Herr, daß Sie mein Gedächtnis heute auf einen
Unglücklichen gestoßen haben. Und nun: ganz ohne jede Weichherzigkeit:
stoßen Sie an, meine Herren: Es lebe das Unglück! –«
»Warum, wenn ich fragen darf?«
»Sie übertreiben!«
»Das Unglück bildet, deshalb bitte ich Sie, es mit diesem funkelnden Glase
Wein hochleben zu lassen. Noch einmal! So. Ich danke Ihnen. Lassen Sie mich
Ihnen sagen, daß ich ein Freund des Unglücks bin, und zwar ein sehr inniger
Freund, denn es verdient die Gefühle der Vertrautheit und Freundschaft. Es
macht uns besser, und das ist ein großer Dienst, den es uns da erweist. Es ist ein
echter Freundschaftsdienst, der erwidert werden muß, will man anständig
heißen. Das Unglück ist der etwas mürrische, aber desto ehrlichere Freund
unseres Lebens. Es wäre ziemlich frech und ehrlos von uns, das zu übersehen.
Im ersten Augenblick verstehen wir das Unglück nie, deshalb hassen wir es im
Moment seines Kommens. Es ist ein so feiner, leiser, unangemeldeter Geselle,
der uns immer überrascht, wie wenn wir nur Tölpel wären, die man immer
überraschen kann. Wer das Talent hat, zu überraschen, der muß schon, was er
auch sei und woher er auch komme, etwas ganz außerordentlich Feines sein.
Nichts von sich ahnen lassen, und auf einmal da sein, nicht den leisesten
neugierigen, vorauseilenden Geschmack und Duft an sich haben, und dann
einem so plötzlich vertraulich auf die Achsel klopfen, »Du« zu einem sagen und dazu lächeln und einem in ein blasses, mildes, alleswissendes, schönes Gesicht
blicken lassen: dazu gehört mehr als Brotessen, dazu gehören andere Apparate
als nur Flugapparate, mit deren halber Erfindung wir Menschen schon zum
voraus in großtönenden, schicksalumwerfenden Worten prahlen. Ja, das
Schicksal, das Unglück ist schön. Es ist gut; denn es enthält auch das Glück, sein
Gegenteil. Es erscheint mit beiderlei Waffen bewaffnet. Es hat eine zornige und
vernichtende, aber auch eine sanfte und liebliche Stimme. Es weckt neues
Leben, wenn es altes erschlagen hat, das ihm nicht gefallen hat. Es reizt zum
Besser-Leben. Alle Schönheit, wenn wir noch hoffen, Schönes zu erleben,
verdanken wir ihm. Es läßt uns Schönheiten überdrüssig werden und zeigt uns
mit seinen ausgestreckten Fingern neue! Ist eine unglückliche Liebe nicht die
gefühlvollste und deshalb zarteste, feinste und schönste? Tönt nicht noch das
Verlassensein in weichen, schmeichelnden und wohltuenden Tönen? Ist das alles
neu, was ich Ihnen da sage, meine Herren? Freilich ist es neu, wenn man es sagt;
denn es sagt es selten einer. Den meisten mangelt der Mut, das Unglück zu
begrüßen, als etwas, worin man die Seele baden kann, wie Glieder im Wasser.
Man sehe sich doch nur einmal an, wenn man sich nackt ausgezogen hat und
jetzt nackt dasteht: Welch eine Pracht: ein nackter, gesunder Mensch! Welch ein
Glück: das mit nichts mehr bekleidet-Sein, das nackt-Dastehn! Ein Glück ist es
schon, auf die Welt zu kommen, und kein weiteres Glück zu haben, als gesund
zu sein, ist ein Glück, das die edelsten Steine, alle schönen Teppiche und
Blumen, die Paläste und die Wunder überglitzert und überstrahlt. Das
Wundervollste ist die Gesundheit, es ist ein Glück, zu dem kein weiteres,
ähnliches hinzugefügt werden kann, es sei denn, daß der Mensch im Laufe der
Zeiten roh genug geworden ist, um zu wünschen, daß er doch nur krank sein
möchte und dafür einen Geldbeutel voll Geld besitzen. Zu dieser Fülle von
Pracht und Glück, wenn man wirklich geneigt ist, das nackte, straffe,
bewegliche, warme, mit auf das Erdenleben gekommene Glied als eine solche
Fülle zu betrachten, muß eine Art Gegengewicht treten: das Unglück! Es kann
uns hindern überzuschäumen, es schenkt uns die Seele. Es bildet unsere Ohren
dafür aus, den schönen Klang zu vernehmen, der tönt, wenn Seele und Körper,
ineinandervermischt, ineinanderübergetreten, zusammen atmen. Es macht aus
unserem Körper etwas Körperlich-Seelenvolles und die Seele bringt es zu einem
festen Dasein mitten in uns, daß wir, wenn wir wollen, unseren ganzen Körper
als eine Seele empfinden, das Bein als eine springende, den Arm als eine
tragende, das Ohr als eine horchende, die Füße als eine edel gehende, das Auge
als die sehende und den Mund als die küssende Seele. Es macht uns erst lieben,
denn wo liebte man, mit nicht auch ein wenig Unglück? In den Träumen ist es
noch schöner als in der Wirklichkeit, denn wenn wir träumen, verstehn wir auf einmal die Wollust und entzückende Güte des Unglücks. Sonst ist es uns meist
hinderlich, namentlich, wenn es in Form eines Geldverlustes zu uns kommt.
Aber kann das ein Unglück sein? Wenn wir auch einen Kassenschein verlieren,
was verlieren wir? Recht unangenehm freilich ist das, aber es ist kein Grund zu
längerer Trostlosigkeit, als es braucht, um einzusehen, daß es kein wirkliches
Unglück ist. Und so weiter! Man könnte viel reden darüber. Zuletzt wird man es
doch müde. –«
»Sie sprechen wie ein Dichter, mein Herr,« bemerkte lächelnd einer der
Männer.
»Das kann sein. Der Wein macht mich immer dichterisch reden,« entgegnete
Simon, »so wenig ich sonst Dichter bin. Ich pflege mir Vorschriften zu machen
und bin im allgemeinen wenig geneigt, mich von Phantasieen und Idealen
hinreißen zu lassen, da ich das für äußerst unklug und für anmaßend halte.
Glauben Sie mir nur, ich kann ein sehr trockener Mensch sein. Es ist auch
keineswegs statthaft, jeden Menschen, den man einmal von Schönheit reden
hört, gleich für einen schwärmenden Dichter zu halten, wie Sie es zu tun
scheinen; denn ich denke, daß es sogar einmal einem sonst ganz kalt
überlegenden Pfandleihhändler oder Bankkassier einfallen kann, über anderes
nachzudenken, als über Sachen seines geldzusammenkratzenden Berufes. Man
nimmt in der Regel zu wenig gefühlsinnige und der Nachdenklichkeit fähige
Menschen an, weil man sie nicht anders beobachten gelernt hat. Ich mache es
mir zur Aufgabe, mit einem jeden Menschen ein kühnes, herzliches Gespräch zu
führen, damit ich am schnellsten sehe, mit wem ich es zu tun habe. Man blamiert
sich mit einer solchen Lebensregel des öftern, und manchmal kriegt man dafür
sogar, beispielsweise von einer zarten Dame, eine Ohrfeige, aber was schadet
das! Mir macht es Vergnügen, mich bloßzustellen, und ich darf immer überzeugt
sein, daß die Achtung von solchen, bei denen man sich mit dem ersten freien
Wort etwas vergibt, nicht gar so sehr viel wert ist, als daß man deshalb Ursache
zum Betrübtsein hätte. Menschenachtung muß immer leiden unter der
Menschenliebe. Das wollte ich Ihnen auf Ihre etwas spöttische Bemerkung
sagen, womit Sie mich zu treffen meinten.«
»Ich wollte Sie keineswegs verletzen.«
»So war es hübsch von Ihnen,« sagte Simon und lachte dazu. Dann sagte er
plötzlich nach einigem Stillschweigen: »Was übrigens Ihre Erzählung von
meinem Bruder betrifft, so hat diese mich allerdings getroffen. Er lebt noch,
mein Bruder, und kaum ein Mensch denkt jetzt an ihn; denn wer sich wegstiehlt,
namentlich an einen so düsteren Ort, wie er, der wird gestrichen aus den
Gedächtnissen. Armer Kerl! Sehen Sie, ich könnte sagen, daß es nur einer
kleinen Änderung in seinem Herzen, vielleicht eines Pünktchens mehr in seiner Seele bedurft hätte, um ihn zum schaffenden Künstler zu machen, dessen Werke
die Menschen entzückt hätten. So wenig braucht es, um stark zu werden, und so
wenig wiederum, um sein Unglück zu vollenden. Was will man reden. Er ist
krank und steht auf der Seite, wo keine Sonne mehr ist. Ich werde jetzt mehr an
ihn denken, denn sein Unglück ist doch ein zu grausames. Es ist ein Elend, das
zehn Verbrecher nicht einmal verdienen, geschweige denn er, der solch ein Herz
hatte. Ja, das Unglück ist manchmal nicht schön, jetzt bekenne ich es gerne. Sie
müssen wissen, mein Herr, ich bin trotzig und behaupte gern etwas wild in die
Welt hinein, was gar keine Art hat. Mein Herz ist zuweilen ganz hart, besonders
hart ist es, wenn ich andere Menschen voll Mitleid sehe. Da möchte ich immer
so hineinwettern, hineinlachen in das warme Mitleid. Sehr schlecht von mir,
sehr, sehr schlecht! Ich bin überhaupt noch lange kein guter Mensch, aber ich
hoffe es noch zu werden. Es hat mich sehr gefreut, mit Ihnen haben reden zu
dürfen. Das Zufällige ist immer das Wertvollste. Ich scheine etwas viel
getrunken zu haben, und es ist hier so heiß im Lokale, mich verlangt hinaus.
Leben Sie wohl, meine Herren. Nein! Nicht auf Wiedersehen. Durchaus nicht.
Das habe ich nicht im Sinne. Mich verlangt durchaus nicht darnach. Viele
Menschen habe ich noch kennen zu lernen, da darf ich nicht so frivol sagen: auf
Wiedersehen. Das hieße nur lügen; denn ich begehre Sie nicht wiederzusehen,
außer zufällig, und dann wird es mir eine Freude sein, wenn auch eine maßvolle.
Ich mache nicht gern Umstände, und bin gern wahr, und das zeichnet mich
vielleicht aus. Ich hoffe, daß es mich auch in Ihren Augen auszeichnet, wiewohl
Sie mich jetzt ziemlich erstaunt und dumm ansehen, als wären Sie beleidigt. Gut,
seien Sie es. Zum Teufel noch einmal, womit habe ich Sie beleidigt. Sie?«
Der Wirt trat herzu und mahnte Simon zur Ruhe:
»Gehen Sie lieber, es ist Zeit mit Ihnen.«
Und er ließ sich sanft in die dunkle Gasse hinausbefördern.
Es war eine tiefe, schwarze, schwüle Nacht. Es war, als schleiche sie als
etwas Schleichendes die Wände entlang. Bisweilen stand ein hohes Haus ganz
dunkel da, und dann war wieder eines, das gelblich und weißlich leuchtete, als
besäße es den besonderen Zauber, in einer so dunklen Nacht zu leuchten. Die
Mauern der Häuser rochen so seltsam. Es war etwas Feuchtes und Dumpfiges,
das ihnen entströmte. Einzelne Lichter erhellten zuweilen einen Fleck der Gasse.
Oben ragten die kühnen Dächer über die glatte, hohe Wand der Häuser hinaus.
Die ganze weite Nacht schien sich in dieses kleine Gassengewirr gelegt zu
haben, um hier zu schlafen, oder um hier zu träumen. Es gingen noch einzelne
späte Menschen umher. Hier taumelte einer und sang dabei, ein anderer fluchte,
daß es den Himmel zerreißen mochte, ein dritter lag schon am Boden, während
der Tschako eines Polizisten hinter einer Hausecke hervorblitzte. Wenn man schritt, tönten einem die Schritte unter den Füßen. Simon begegnete einem alten,
betrunkenen Mann, der in der ganzen Breite der Gasse hin und her schwankte.
Es war ein elendes und zugleich fröhliches Bild: wie die dunkle, plumpe Gestalt
so hin und her geschleudert wurde, als bekäme sie Stöße von einer
geschmeidigen, unsichtbaren Hand. Da ließ der alte, weißbärtige Mann seinen
Stock fallen, wollte denselben vom Boden wieder aufheben, was ja für den
Betrunkenen eine schreckliche Aufgabe sein mußte, und schien infolgedessen
selber zu Boden stürzen zu wollen. Aber Simon, von einem lächelnden
Erbarmen ergriffen, eilte auf den Mann und auf den Stock zu, hob diesen auf und
drückte ihn dem Mann in die Hand, der einen Dank in der merkwürdigen
Sprache der Betrunkenen murmelte, in einem Ton, als hätte er Grund, noch
beleidigt zu sein. Dieser Anblick wirkte sofort ernüchternd auf Simon, und er
bog aus dem alten Stadtviertel ab in die neuere, elegantere Gegend. Als er über
eine Brücke, die beide Stadtteile voneinander trennte, hinüberging, sog er den
seltsamen Duft des fließenden Flußwassers ein. Er schritt die Straße hinunter, in
der er vor drei Wochen von jener Dame vor dem Schaufenster angesprochen
wurde, sah in dem Haus seiner früheren Herrin noch Licht brennen, dachte
daran, daß sie noch gestern seine Herrin gewesen war, schritt weiter unter den
Bäumen, bis er zu dem breit und dunkel liegenden See kam, der zu schlafen
schien in seiner ganzen, herrlichen Ausdehnung. Ein solcher Schlaf! Wenn so ein
ganzer See schlief mit all seinen Abgründen, das machte Eindruck. Ja, das war
doch etwas Seltsames, kaum zu Verstehendes. Simon schaute noch eine Zeitlang
hinaus, bis er Sehnsucht bekam, selber zu schlafen. O, er würde jetzt herrlich
schlafen. So ruhig würde es über ihn kommen, und morgen würde er lang im
Bett bleiben, morgen war ja Sonntag. Simon ging heim.