Geschwister Tanner

Robert Walser · Kapitel 14 von 19

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Geschwister Tanner

Dreizehntes Kapitel.

D r e i z e h n t e s K a p i t e l .

 

Nach Verlauf von drei Wochen befand sich Simon, frei aller Verpflichtungen,

in einer engen, steilen, heißen Gasse und überlegte, ob er in ein Haus treten

solle, oder nicht. Die Mittagssonne brannte hinunter und preßte alle üblen

Dünste aus den Mauern heraus. Kein Lüftchen wehte. Wo hätte ein Lüftchen in

diese Gasse eindringen können. Draußen in den modernen Straßen mochte es

wehen, aber hier schien schon seit Jahrhunderten kein Windzug mehr getrieben

und gefegt zu haben. Simon hatte eine kleine Summe Geld in der Tasche. Sollte

er in die Eisenbahn steigen und in die Berge reisen? Es reiste jetzt alles in die

Berge. Seltsame, fremde Menschen, Männer und Frauen, zogen einzeln, paar-

oder gruppenweise durch die weißen, hellen Straßen. Von den Hüten der Damen

flatterten lustige Schleier herab und die Männer gingen in Kniehosen, und

gelben Sommerschuhen. Sollte sich nicht Simon dazu entschließen, diesen

Fremden in die Berge nachzureisen? Kühl wäre es sicher dort oben, und in

einem hochgelegenen Hotel würde er sicher Arbeit finden. Er konnte ja den

Führer spielen, stark war er genug dazu, und auch klug genug, um bei

Gelegenheit sagen zu können: »Sehen Sie, meine Damen und Herren, diesen

Wasserfall, oder diesen Bergsturz, oder dieses Dorf, oder diese Felswand, oder

diesen blauen, schimmernden Fluß.« Er würde das Zeugs dazu haben, um den

reisenden Herrschaften mit Worten eine Landschaft zu schildern. Auch könnte er

ja, wenn der Fall einträte, eine ermüdete und ängstliche Engländerin in seinen

Armen tragen, wenn es gälte, einen Paß von drei Schuh Breite zu überschreiten.

Lust dazu hätte er ja. Überhaupt, die Amerikanerinnen und die Engländerinnen:

er würde englisch sprechen lernen, und das war nach seinen Begriffen eine süße

Sprache, die so gelispelt und gehaucht klang, so schroff und weich zugleich.

Aber er ging nicht in die Berge, sondern in das alte, hohe, dicke, finstere

Haus in der Gasse, klopfte an eine Türe, und fragte eine Frau, die herauskam, um

zu sehen, wer klopfe, ob hier ein Zimmer zu vergeben sei.

»Ja, es sei eines.«

»Ob er es wohl ansehen könne, und ob es wohl ein Zimmer sei, nicht zu

groß, nicht zu teuer, für einen ärmeren Menschen?«

Nachdem sie ihm das Zimmer gezeigt hatte, fragte die Frau:

»Was sind Sie?«

»O, ich bin nichts. Stellenlos bin ich. Aber ich werde mir eine Stelle suchen.

Seien sie unbesorgt. Ich bezahle Ihnen diese Summe hier zum voraus, damit Sie

einigermaßen ruhig sein können. Hier, bitte!«

Und er gab ihr ein größeres Geldstück als Vorausbezahlung in die Hand. Es

war eine fette Frauenhand, und die Frau, die zufrieden war, sagte:

»Leider ist das Zimmer nicht sonnig, es geht auf die Gasse.«

»Das ist mir sehr lieb,« erwiderte Simon, »ich liebe den Schatten. Ich würde

jetzt die Sonne im Zimmer nur hassen, bei dieser warmen Jahreszeit. Das

Zimmer ist sehr hübsch, und ich muß sagen, sehr billig. Es ist für mich wie

geschaffen. Das Bett scheint gut zu sein. O ja. Bitte. Untersuchen wir es nicht

erst lange. Hier ist auch ein Kleiderschrank, der mehr Kleider fassen könnte, als

ich besitze, und hier bemerke ich zu meinem freudigen Erstaunen einen

Lehnsessel zum bequemen Sitzen. In der Tat, wenn das Zimmer solch einen

Sessel aufweist, so ist es in meinen Augen überreich ausgestattet. Dort hängt

sogar ein Bild an der Wand: ich liebe das, wenn nur ein einziges Bild im Zimmer

hängt, man kann es um so inniger betrachten. Einen Spiegel sehe ich auch, um

mein Gesicht darin zu betrachten. Es ist ein gutes Glas und gibt die Züge

deutlich wieder. Es gibt viele Spiegelgläser, die die Züge verzerrt wiedergeben,

wenn man hineinschaut. Dieser Spiegel ist ganz vortrefflich. Hier an diesem

Tisch werde ich meine Offertschreiben abfassen, die ich an verschiedene

Geschäftshäuser absenden will, um eine Anstellung zu erlangen. Ich hoffe, es

wird mir glücken. Ich sehe gar nicht ein, warum es mir nicht glücken sollte, da

es mir schon so oft geglückt ist. Sie müssen wissen, ich habe öfters die Stellen

gewechselt. Das ist ein Fehler, den ich hoffe beiseite legen zu können. Sie

lächeln! Ja, das ist aber sehr ernst. Mit dem Zimmer haben Sie mir sozusagen

eine Gnade erwiesen, denn es ist ein Zimmer, worin sich ein Mensch, wie ich

bin, glücklich fühlen kann. Ich werde mich immer bemühen, meinen

Verpflichtungen Ihnen gegenüber prompt nachzukommen.«

»Ich glaube es auch,« sagte die Frau.

»Ich wollte,« fuhr Simon fort, »zuerst in die Berge gehen. Aber dieses

schattige Zimmer ist schöner als selbst die weißesten Berge. Ich fühle mich ein

bißchen matt und möchte mich eine Stunde hinlegen, darf ich das?«

»Ei, freilich! Es ist doch jetzt Ihr Zimmer!«

»Nicht doch!«

Und dann legte er sich schlafen.

Er hatte einen sonderbaren Traum, der ihn noch lange nachher beschäftigte:

Es war in Paris, aber warum es in Paris war, das wußte er nicht mehr. Zuerst

ging er durch eine Straße, die war ganz mit grünem, saftigem Laub bedeckt, so daß die Schleppen der Damen das Laub rauschend hinter sich nachzogen. Immer

fiel ein leiser grüner Regen von kleinen, flüsternden Blättern, und ein

unaussprechlich sanfter Wind wehte daher, wie ein Hauch von Wolken. Die

Häuser waren wunderbar hoch, bald grau, bald gelblich, bald schneeweiß. Die

Männer, die auf der Straße dahergingen, trugen die Locken lang herunter, wo sie

über die Schultern fielen, auch Zwerge mit schwarzen Fräcken und roten Hüten

liefen, sie konnten den anderen zwischen den gekreuzten Beinen

durchschlüpfen. Die Damen in ihren Schleppen waren herrliche Figuren, groß,

viel größer als die Männer, die doch auch schlank erschienen. An den schlanken

Büsten der Damen hingen Lorgnetten bis zum Leib hinunter und ein Bogen von

schweren, üppigen Haaren überspannte ihre lieblichen Köpfe. Obenauf saßen

winzige Hütchen mit noch winzigeren Federchen, aber einzelne trugen große,

weit und herrlich herunterfallende Federn, die den ganzen Kopf zurückzubiegen

schienen. Etwas Wundervolles waren die Hände und die Arme der Frauen, die

mit langen, schwarzen Handschuhen bis über die zierlichen Ellbogen hinaus

bedeckt waren. Es schien überhaupt, so weit man blickte, alles wundervoll. Die

großen Häuser wollten sich immer auf und nieder bewegen wie seltsame

natürliche Kulissen in einem Theater. Das Licht gehörte halb dem Tag und halb

wieder der vorgerückten Nacht. Jetzt gelangte man zu einem Haus, das ganz mit

wildem Grün überdeckt war. »Dort wohnen die schönsten Frauen von Paris«,

wurde einem gesagt, wenn man frug. Auf einmal bog sich eine duftige, weiße

Wolke in die Straße herunter. Wenn man erstaunt fragte: »Was ist das?« wurde

geantwortet: »Sie sehen, es ist eine Wolke. Eine Wolke ist in den Pariserstraßen

keine seltene Erscheinung. Sie aber sind wohl Ausländer, daß Sie sich noch

darüber verwundern können.« Die Wolke blieb als ein weißer Schaum, ähnlich

einem großen Schwane, auf der Straße liegen. Viele Damen liefen zu ihr hin und

rupften kleine Stücke davon ab und setzten sie sich, unter wundervollen

Armbewegungen, auf die Hüte oder warfen sie einander scherzend zu, daß sie an

den Kleidern hängen blieben. Man dachte: »Seht doch, diese Pariser! Da lächeln

sie leicht über den Ausländer, der sich wundert. Aber wundern sich die Pariser

nicht selber jeden neuen Tag über die Schönheiten ihrer Stadt!« Dann kamen die

bösen Pariser-Gassenjungen und kitzelten die Wolke mit brennenden

Streichhölzchen, da flog die Wolke wieder auf, leicht und majestätisch in die

Höhe, bis sie über den Häusern verschwand. Wieder beobachtete man die Straße.

In den schönen, vorspringenden Restaurants servierten die Kellner in hellgrauen

Fräcken und die Damen tranken Kaffee und plauderten mit ihren entzückenden

Stimmen. Poeten standen auf erhöhten Brettern und sangen die Lieder, die sie zu

Hause gedichtet hatten. Sie waren in braunen, edlen Samt gekleidet. Es waren

keine lächerlichen Erscheinungen, nichts weniger als das. Man amüsierte sich mit dem, was sie zum besten gaben, ohne ihnen besondere Aufmerksamkeit zu

schenken, was in Paris unmöglich wäre. Schöne, schlanke Hunde liefen hinter

den Menschen her und betrugen sich so, als wüßten sie, daß man sich in Paris

gut aufführen muß. Jegliche Figur und Erscheinung schien mehr zu schweben,

als zu gehen, mehr zu tanzen, als zu schreiten, mehr zu fliegen als zu laufen.

Und doch lief, ging, sprang, schritt und marschierte alles ganz natürlich. Die

Natur schien sich in dieser Straße niedergesetzt zu haben. Ganze Schafherden

durchzogen mit Geläute, das immer bim-bim machte, die Straße wie ein

abendliches Tal, den dunkelgekleideten Hirten voran. Dann kamen Kühe mit

großen Glocken: bim-bam und: bum-bum! Und doch war es eine Straße und gar

keine Bergweide, mitten in Paris war es, im Herzen der europäischen Eleganz.

Allerdings, die Straße war breit wie ein großer, breiter Strom. Jetzt auf einmal

wurden die Lichter angezündet, von kleinen, behenden Jungen, die lange

Anzünderstäbe trugen. Mit diesen machten sie die Hähne oben an den Laternen

auf, daß das Gas herausströmte aus den Leitungen und zündeten dann an. So

sprangen sie von einer Laterne zur andern, bis alle angezündet waren. Nun

schimmerten die Lichter überall hervor und schienen zu wandern mit den

beweglichen Menschen. Was war das für ein zauberhaftes, weißes Licht, und

diese Teufelsjungen, die es entzündeten, wo sprangen sie her, wo hin, wo weg,

wo hinaus? Wo waren sie zu Hause, hatten sie auch Eltern, Brüder, Schwestern,

gingen sie auch zur Schule, konnten sie auch groß werden, Frauen heiraten,

Kinder erzeugen, alt werden und sterben? Sie waren alle in blaue kurze Röcke

gekleidet gewesen und schienen Gummischuhe getragen zu haben, denn man

hörte sie nur huschen, nicht gehen. Weg waren sie. Nun sah man, so wie es

Abend wurde, wunderbar-merkwürdige Frauengestalten auf der wandelnden

Straße. Sie trugen übergroße Haarfüllen, mit hellgelben und tiefschwarzen

Haaren. Ihre Augen glänzten und schimmerten, daß es einem weh tat. Das

Herrlichste an ihnen waren die Beine, die nicht von Schleppen oder Röcken

bedeckt waren, sondern sich zeigten bis zur Kniehöhe, von wo an eine

spitzenrauschende Hose sie umhüllte. Die Füße, bis hinauf beinahe zu den

biegsamen Knieen, waren mit hohen, aus feinstem Leder geschaffenen Schuhen

bekleidet. Die Schuhe selbst waren das Zarteste, was sich dazu eignen konnte,

einen bewegsamen Frauenfuß zu umschließen. Man mußte nur sehen und aus

dem Herzen heraus lachen. Der Gang dieser Frauen hatte etwas zum Jubeln

Schwebendes, wieder Schweres und wieder Tanzendes. Wie die gingen, das war

zum Nachzeichnen und Mitfühlen, das hob einen mit, und zog einen nach,

machte einen mit den Augen das Süße anträumen, machte die Seele erwachen

und nachdenken darüber, wie es komme, daß Gott die Frauen so schön

erschaffen. Man fühlte lebhaft: »Wenn die Götter irgendwo heimisch sein könnten auf der Erde, was zwar nicht denkbar, so müßte dieser Ort Paris sein.«

Auf einmal, ohne daß er es sich versah, befand sich Simon auf einer aus

dunklem Holz gezimmerten und geschnitzten Treppe, die ihn in ein Zimmer

hinaufführte, wo auf einem Diwan ein schlafendes Mädchen lag. Wie er näher

zusah, war es Klara. Ein Kätzchen schlummerte neben ihr, und die Schlafende

hielt es mit dem Arm umschlungen. Ein Diener, ein Neger, trug ein Abendessen

herein, und Simon setzte sich an den Tisch, während aus der Zimmerdecke

hernieder, wie das Geplätscher eines kostbaren, erfinderischen Brunnens, eine

leise, gedämpfte Musik rauschte, die bald in der Ferne und bald neben seinem

Ohr erklang. »In Paris wird seltsam serviert,« dachte Simon, indem er es sich,

wie in einem Märchen von Gebrüder Grimm, wohlschmecken ließ. Da erwachte

die Schlafende. »Komm, ich will dir etwas zeigen,« lispelte sie ihm zu. Er erhob

sich, und sie öffnete mit einem Zauberstab, wie es schien, eine Flügeltüre,

wenigstens sah man nicht, daß sie eine ihrer Hände dazu gebrauchte. »Ich bin

jetzt eine Zauberin geworden,« lächelte sie den erstaunten Simon an, »zweifle

nicht daran, aber laß es dich auch keineswegs erschrecken. Ich zeige dir nichts

Abstoßendes.« Er ging mit ihr in das andere Zimmer, sie hauchte ihn mit ihrem

duftenden, warmen Atem an, und auf einmal erblickte er seinen Bruder Klaus,

wie er dasaß und an seinem Schreibtische schrieb. »Er ist fleißig und schreibt an

seinem Lebenswerke,« sprach Klara mit leiser, hindeutender Stimme. »Siehst du,

wie er ein gedankenvolles Gesicht macht. Er geht in seinen Betrachtungen über

den Lauf der Flüsse, die Geschichte und das Alter der Berge, die Windungen der

Täler und der Erdschichten unter. Aber dazwischen denkt er jetzt seines Bruders,

er denkt an dich! Sieh, wie seine Stirne sich faltet. Du scheinst ihm Sorgen zu

machen, du Böser! Er kann leider nicht sprechen, sonst würden wir beide hören,

wie er denkt über dich und was er zu deinem Tun meint, das ihn bekümmert. Er

liebt dich, sieh ihn nur an! Ein solcher Mensch liebt seinen Bruder und möchte

ihn in der Welt als braven, geachteten Mann wissen. Aber das Bild löst sich, wie

ich sehe, schon auf. Komm. Ich zeige dir jetzt etwas anderes.« – Indem sie das

sagte, öffnete sie zugleich eine zweite, etwas kleinere Türe mit ihrem Stäbchen,

das sie wirklich in der Hand trug, und Simon erblickte seine Schwester Hedwig

ausgestreckt auf einem mit weißen Linnen bedeckten Lager. Es duftete

wundervoll nach Kräutern und Blumen in diesem Gemach. »Sieh sie an,« sagte

Klara, und ein Zittern ließ ihre klare, leise Stimme erbeben, »sie ist gestorben.

Das Leben tat ihr zu weh. Weißt du, was es heißt, Mädchen sein und leiden? Ich

habe ihr einen Brief geschrieben, einen langen, heißen, sehnsuchtsvollen Brief,

damals, du weißt, und sie hebt nie mehr die Hand, um mir zu antworten. Sie

geht, ohne auf die Frage der Welt: »Warum kommst du nicht?« geantwortet zu

haben. Wie sie wortlos scheidet: so mädchen- und blumenhaft! Wie lieb sie war. Du als Bruder empfindest das lange nicht so, wie ich als Freundin. Siehst du, wie

sie lächelt! Wenn sie noch reden könnte, würde sie sicher freundlich reden. Sie

redete streng. Sie hat sich jammernd auf die Lippen gebissen. Das siehst du aber

ihrem Mund nicht an. Der Tod muß sie geküßt haben, daß sie immer noch

lächeln kann, im Tode! Es war ein tapferes Mädchen. Wie eine Blume ist sie

gestorben, die stirbt, wenn sie welkt. Laß uns weiter gehen. In meinem

Zauberreich darf man nicht gaffen. Habe ich dir weh getan, sag mal? Nein doch:

was ist Schmerzendes an einem so schönen Tod? Ihr ließt sie leiden, das, das war

schmerzhaft. Ich will dir nicht weh tun. Komm, jetzt wirst du noch etwas

anderes sehen.« Und mit diesen Worten ließ sie eine dritte Tür aufspringen, und

Simon schaute in ein geräumiges Maleratelier. Er spürte den Geruch von

Ölfarben, und an den Wänden sah er seines Bruders Bilder herumhängen, er

selber, Kaspar, arbeitete, den Rücken zeigend, an einer Staffelei, ganz versunken,

wie es schien, in die Arbeit. »Still, störe ihn nicht, er arbeitet,« sagte Klara,

»man darf Schaffende nicht stören. Ich wußte immer, daß er nur für die Kunst

lebte, schon damals, als ich noch glaubte, ihm zu folgen, ihm folgen zu können.

Nein, es ist besser so. Ich würde ihn nur aufgehalten und gehindert haben. Er

muß alles um sich her vergessen, selbst das Liebste, wenn er will, daß er

schaffen kann. Solch ein Schaffen verlangt Abtötung alles Lieben und Innigen,

um eine Liebe und eine Innigkeit ganz auf das Schaffen zu übertragen. Das

verstehst du nicht, das versteht nur er. Wenn du mich ihn so sehen siehst, glaubst

du da nicht, daß es mich drängt, mich ihm in die Arme zu werfen? Zu hören, was

er mir sagt, wenn ich ihn flüsternd und voll Bangen frage: »Liebst du mich,

Kaspar?« Er würde mich dann sicher streicheln, aber ich würde voll Ahnung

einen Zug des Mißmutes auf seiner schönen Stirne entdecken. Und diese

Entdeckung würde mich, wie eine für immer Verdammte, tausend Höhen vor

ihm in einen unwürdigen, schmutzigen Abgrund hinunterwerfen. Nein, das

macht Klara nicht. Sie ist mir zu gut zu so etwas, und er ist mir zu gut und zu

lieb, so, wie er ist. So stehe ich hinter seinem Rücken, und darf ruhig ahnen, wie

er schafft, wie er die große, feurige, dampfende Kugel, die Kunst, vorwärtswälzt,

einem herrlichen Ringer gleich, der seinen letzten Atemzug hergibt, um zum

Siege über den Gegner zu gelangen. Siehst du, wie es ihn hinreißt, den Pinsel zu

führen, womit er an der tausendtönigen Glocke seiner Farben läutet, jede Linie

linienhafter, jede Farbe farbiger, jeden Druck bestimmter, und jede Sehnsucht

sehnsuchtsvoller hinzumalen. Sein Blick, den ich so liebte, war von jeher in den

Formen, und er bedarf hier in Paris nur einer einfachen Stube, um die Welt in

Bildern zu erfassen. Die Natur hat er wie eine üppige Geliebte in seine Arme

gefaßt und drückt nun Küsse um Küsse auf ihren Mund, daß beiden der Atem

vergeht, ihm und der Natur. Es will mir beinahe scheinen, als sei die Natur, echten Künstlern gegenüber, machtlos und ohnmächtig vor Hingebung, wie eine

solche Geliebte, von der man alles verlangt, was man will. Auf jeden Fall, und

du siehst es, hat Kaspar zu tun, mit Kopf, Gefühl und mit beiden Händen; wie

ein wildes, ungebändigtes Pferd zerrt und arbeitet er, und wenn er nachts schläft,

so arbeitet er in wilden Träumen noch immer fort; denn die Kunst ist hart und

scheint mir die schwerste Aufgabe, die sich ein ehrenhafter und aufrichtiger

Mensch stellen kann. Störe ihn nie an seiner heiligen Aufgabe; denn er schafft

für die Lust späterer Geschlechter. Wenn ich ihm nun so meine schwache, arme

Liebe aufdrängen wollte, was wäre das für eine unschöne, verdammenswerte

Sache. Eine Frau mag auch nicht gerne da küssen, wo sie fühlen muß, daß

verletzte Gedanken zwischen den Küssen zucken, die sterben, die von den

Küssen erwürgt werden. Welch eine unüberlegte Mörderin wäre man! So aber ist

alles schön; ein bißchen weh tut es einem, hinter einem Rücken und hinter

Schultern und Locken stehen zu sollen, aber man hört in seiner Seele dafür

Glocken läuten und empfindet die süße Berechtigung und Makellosigkeit seiner

Stellung in der Welt. Irgendwo müssen die Gefühle gedämpft und geordnet

werden und Stellung behaupten. Selbst eine schwache Frau wird genau wissen,

was sie in einem solchen Fall zu tun hat. Einem Künstler zuzuschauen, jeder

seiner Bewegungen gedankenvoll zu folgen, ist schöner, als ihn beeinflussen zu

wollen, als ob man gierig wollte, daß man auch etwas abbekäme, etwas

bedeutete für ihn und die Welt. Jede Stellung hat ihre Bedeutung, aber das

unbefugte Dreinreden und Einmischen niemals! Vieles müßte ich dir noch sagen.

Aber komm jetzt.« – Wieder tönte eine wundersame, unbegreifliche Musik, aus

allen Zimmern, zu allen Decken und Wänden heraus, wie ein fernes, aus einem

kleinen Wäldchen kommendes, tausendstimmiges Vogelgezwitscher, als Simon

von Klara weggeführt wurde. Sie traten wieder in das erste Gemach und sahen

das schwarze Kätzchen mit seiner Pfote in einen dünnhalsigen Milchkrug

hineingreifen. Als es aber die beiden Menschen sah, sprang es fort und kauerte

sich hinter einen Stuhl, wo es mit seinen brennend-gelben Augen aufmerksam

hervorguckte. Klara öffnete ein Fenster, und: wunderbarer Anblick! Es schneite

in der sommerlichen, grünen Straße, und zwar so dicht, so sehr Flocke an

Flocke, daß ein Hindurchschauen unmöglich war. »Das ist hier in Paris keine

Seltenheit,« sagte Klara, »es schneit hier mitten im heißen Jahr, es gibt hier keine

bestimmten Jahreszeiten, so wie es auch keine bestimmten Redensarten gibt. In

Paris muß man auf alles schnell gefaßt sein. Wenn du längere Zeit hier wohnst,

wirst du es auch lernen und wirst dir das Staunen, das nicht am Platz ist,

abgewöhnen. Hier ist alles ein schnelles, graziöses, bescheidenes Erfassen.

Achtung vor der Welt: das gilt hier als das Höchste und Feinste. Du wirst es

schon lernen. Zum Beispiel, dieser Schnee: Was glaubst du wohl; wirst du dir denken können, daß er bis über die hohen Häuser hinaufkommen wird? Es ist so,

und aller Wahrscheinlichkeit nach liegen wir jetzt einen Monat lang im Schnee

begraben. Was tut es viel: wir haben Beleuchtung und eine warme Stube. Ich

werde meistens schlafen; denn eine Zauberin muß eben viel schlafen; du wirst

mit dem Kätzchen spielen oder ein Buch lesen, ich habe die schönsten

Pariserromane hier in meiner Bibliothek. Die Pariserdichter schreiben

entzückend, du wirst sehen. Und dann nach einem Monat, apropos: wir haben ja

auch Musik, nicht wahr, und dann, wie gesagt, nach einem Monat ist Frühling in

den Pariserstraßen. Da wirst du sehen, wie nach der langen Eingeschlossenheit

sich die Menschen auf offener Straße umhalsen und Tränen der

Wiedersehensfreude weinen werden. Es wird alles ein Umschlingen sein. Die

Lust, die lange zurückgehaltene, wird zu den glänzenden Augen, zu den Lippen

und Stimmen herausbrechen, und geküßt wird werden im Mai, aber du wirst es

an dir selber erfahren. Stelle dir vor, die Luft wird ganz blau und warmfeucht in

die Straßen hinuntersinken, der Himmel geht dann in Paris spazieren und mischt

sich unter die entzückten Menschen. Die Bäume blühen an einem Tag empor und

duften wunderbar, Vögel werden singen, Wolken werden tanzen und Blumen

durch die Luft schwirren wie ein Regen. Und das Geld wird sich in den Taschen,

selbst in den ärmsten und zerrissensten vorfinden. Aber ich will jetzt schlafen.

Siehst du, wie ich schon schläfrig werde. Benutze du indessen die Zeit und

studiere eines der Werke, das du finden wirst und das geeignet ist, dich einen

ganzen Monat lang zu fesseln. Es gibt solche Bücher. Gute Nacht!« – Und damit

schlief sie ein. Die Katze aber wollte sich zu ihr hinauf legen, Simon sprang ihr

nach, sie entfloh, er ihr nach, und immer entwischte sie ihm aus den Händen,

wenn er sie schon erfaßt hatte. Er sprang sich in eine furchtbare

Atembeklemmung hinein, aus der er schließlich erwachte.

»Ich habe da einen wehmütigen Traum gehabt,« dachte er, als er sich vom

Bette erhob.

 

Es war inzwischen Abend geworden. Er ging an das Fenster und schaute

zum ersten Mal in die Gasse hinunter, die tief unter ihm lag. Zwei Männer

gingen dort unten, sie hatten gerade Platz zwischen den hohen Mauern, um

bequem nebeneinander herzugehen. Sie sprachen, und der Klang ihrer Worte

drang seltsam deutlich zu seinen Ohren hinauf, die Mauern entlang die den

Klang weitertrugen. Der Himmel war von einem goldenen, tief-satten Blau, das

eine unbestimmte Sehnsucht erweckte. Simon gerade gegenüber tauchten jetzt

im Fenster des andern Hauses zwei Weibergestalten auf und berührten ihn mit

ihren ziemlich frechen, lachenden Blicken. Es war ihm, als würde er mit

unsauberen Händen angerührt. Die eine der Gestalten sagte zu ihm hinüber, mit

ganz gewöhnlich-lauter Stimme, – denn es war, als säße man zusammen zu Dritt

in einem Zimmer, in dem sich nur zufällig ein schmales Band freier Himmelsluft

befände: »Sie sind wohl sehr einsam!«

»O ja! Aber es ist hübsch, einsam zu sein!«

Und er schloß das Fenster, während die beiden Weiber in ein Gelächter

ausbrachen. Was konnte er mit ihnen reden, was nicht unflätig gewesen wäre.

Heute war er nicht aufgelegt. Die Veränderung, die wieder in sein Leben

eingerissen war, hatte ihn ernst gestimmt. Er zog die weißen Vorhänge vor,

zündete die Lampe an, und las in dem Roman von Stendhal weiter, den er auf

dem Land, bei Hedwig, nicht hatte fertig lesen können.