Geschwister Tanner

Robert Walser · Kapitel 6 von 19

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Geschwister Tanner

Fünftes Kapitel.

F ü n f t e s K a p i t e l .

 

Sebastian war ein junger Poet, der seine Verse von einer kleinen Bühne herab

dem Publikum vortrug. Er pflegte sich dabei durch sein Ungestüm immer ein

wenig lächerlich zu machen. Er war in jungen Jahren seinen Eltern

durchgebrannt, hatte mit sechzehn Jahren in Paris gelebt und war mit zwanzig

zurückgekommen. Sein Vater war Musikdirektor in der kleinen Stadt, wo auch

Hedwig, die Schwester der drei Brüder, zu Hause war. Dort trieb Sebastian ein

merkwürdig tagediebisches Wesen, saß oder lag tagelang in einer

hochgelegenen, verstaubten Kammer, ausgestreckt auf einem schmalen Bett, in

dem er des Nachts schlief, ohne sich die Mühe zu nehmen, es für den Schlaf in

Ordnung zu bringen. Seine Eltern hielten ihn für verloren und ließen ihn tun,

was er wollte. Geld gaben sie ihm nicht, denn sie hielten es für unangebracht,

mit Geldspenden den Ausschweifungen ihres Sohnes entgegenzukommen, denen

sie ihn ausgesetzt wußten. Zu einem ernsthaften Studium war Sebastian nicht

mehr zu bewegen; er trieb sich, irgend ein Buch unter dem Arm oder in der

Tasche, auf den Bergen, in den Wäldern umher, kam oft mehrere Tage lang nicht

nach Hause, übernachtete, wenn das Wetter nur einigermaßen es gestattete, in

verfallenen, von keinem Menschen, nicht einmal von wilden und rauhen Hirten

benutzten Hütten, auf Weiden, die dem Himmel näher lagen als irgend einer

menschlichen Zivilisation. Er trug immer denselben zerschossenen Anzug aus

hellgelbem Tuch, ließ sich den Bart wachsen, legte aber sonst sehr viel Wert

darauf, angenehm und sauber zu erscheinen. Seine Fingernägel pflegte er mehr

als seinen Verstand, den er einfach verwildern ließ. Er war schön, und da es

bekannt war, daß er dichtete, so verbreitete sich um seine Person ein halb

lächerlicher, halb wehmütiger Zauberschein, und es gab viele vernünftige

Menschen in der Stadt, die den jungen Mann aufrichtig bemitleideten und sich

seiner, wo sie nur konnten, aufs herzlichste annahmen. Man lud ihn, da er ein

vortrefflicher Gesellschafter war, öfters zu Abendgeselligkeiten ein, und

entschädigte ihn solchermaßen ein wenig dafür, daß ihm die Welt weiter keine

Aufgaben stellte, die seinen Drang nach Betätigung hätten befriedigen können.

Sebastian besaß in hohem Grade diesen Drang, aber er war zu sehr aus dem

Geleise des allgemein gültigen und vorgeschriebenen Strebens hinausgekommen. Er strebte vielleicht zu wild, und nun, da er einsah, daß sein

Streben ihm nichts half, mochte er gar nicht mehr streben. Er spielte seine

eigenen Lieder, die er gedichtet hatte, auch auf der Laute und sang mit

angenehmer, weicher Stimme dazu. Das einzige Unrecht, allerdings ein großes,

das man ihm angetan hatte, bestand darin, daß man ihn, schon als Schulknaben,

verhätschelte und ihm half, sich einzubilden, daß er so etwas wie ein genialer

Bursche sei. Wie bohrte sich solch eine stolze Einbildung in das empfängliche

Knabenherz hinein! Erwachsene Frauen bevorzugten den Umgang mit dem

frühreifen, allesverstehenden Knaben, der ihnen einen unvergleichlichen Reiz

einflößte, auf Kosten seiner eigenen menschlichen Entwicklung. Sebastian

pflegte oft zu sagen: »Meine Glanzzeit liegt längst hinter mir.« Es war

schrecklich, einen so jungen Mann so sprechen zu hören. In der Tat, was er auch

machte, bezweckte, einleitete und tat, er tat es mit müdem, kaltem, halbem

Herzen, und so tat er eben nichts, er spielte bloß noch mit sich. Hedwig sagte

einmal zu ihm: »Sebastian, hören Sie, ich glaube, Sie weinen oft über sich

selber.« Er nickte mit dem Kopf und bestätigte es. Hedwig bemitleidete ihn und

steckte ihm manchmal etwas an Geld oder dergleichen zu, um ihm das Leben

etwas freundlicher zu machen. So nahm sie ihn auch diesmal auf die kleine

Reise mit, zu ihren Brüdern. An dem Abend, an dem Klara so selig war, Klaus

traurig und einsam, Simon glücklich, Kaspar aufgebracht und übermütig,

wandelten die beiden, Hedwig und ihr Poet, langsam und stillschweigend,

ebenfalls am Ufer entlang. Was konnte man sprechen; so schwieg man eben.

Kaspar kam ihnen entgegen:

»Wie ich höre, arbeiten Sie an einem Gedicht, das den Inhalt Ihres Lebens

widerspiegeln soll. Wie können Sie ein Leben wiedergeben wollen, wo Sie doch

kaum eines erlebt haben. Sehen Sie sich einmal an: wie stark und jung Sie sind,

und das will sich hinter den Schreibtisch verkriechen und in Versen sein Leben

besingen. Machen Sie das, wenn Sie fünfzig alt sind. Ich finde es übrigens

beschämend für einen jungen Mann, Verse zu verfertigen. Das ist keine Arbeit,

sondern nur ein Schlupfwinkel für Müßiggänger. Ich wollte nichts sagen, wenn

Ihr Leben fertig und abgeschlossen wäre durch irgend ein großes besänftigendes

Erlebnis, das den Menschen berechtigt, Rückschau zu halten auf Fehler,

Tugenden und Verirrungen. Sie aber scheinen noch nie gefehlt zu haben und

scheinen auch noch nie eine gute Tat begangen zu haben. Dichten Sie erst, wenn

Sie als Sünder oder als Engel dastehen. Dichten Sie lieber überhaupt gar

nicht.« –

Kaspar hatte keine gute Meinung von Sebastian; deshalb machte er sich auch

über ihn lustig. Für tragische Menschen fehlte ihm überhaupt jedes Verständnis,

oder vielmehr, weil er sie zu leicht und zu gut verstand, achtete er sie nicht. Überdies befand er sich heute abend in einer diabolischen Laune.

Hedwig ergriff für den armen Beleidigten, der sich nicht wehren konnte, das

Wort: »Das war nichts weniger als schön gesprochen von dir, Kaspar,« rief sie

ihrem Bruder mit der Wärme, die ihr die Lust an der Verteidigung gab, zu, »und

nichts weniger als klug. Es macht dir Freude, einen Menschen zu verletzen, den

alle Menschen um seines Unglücks willen schonen und achten sollten. Lache, so

viel du willst. Du bereust doch, was du gesagt hast. Kennte ich dich nicht so

genau, so müßte ich dich für einen rohen Burschen halten, für einen Quäler. So

gut man einen armen Menschen, einen Wehrlosen, peinigen kann, so gut kann

man auch ein armes Tier quälen. Wehrlose reizen nur zu leicht in den Starken die

Lust am Schmerzzufügen. Sei doch froh, wenn du dich stark fühlen kannst und

laß Schwächere in Frieden. Es wirft einen schlechten Schein auf deine Stärke,

wenn du sie mißbrauchst, um Schwache zu plagen. Warum genügt es dir nicht,

auf festen Füßen zu stehen, mußt du deinen Fuß noch auf den Nacken von

Schwankenden und Suchenden setzen, daß sie noch mehr irr an sich werden und

hinab, ganz hinab taumeln in die Wellen des An-Sich-Selbst-Verzweifelns?

Müssen denn Selbstvertrauen, Mut, Stärke und Zielbewußtheit immer die Sünde

begehen, roh und mitleidlos und so taktlos gegen die andern zu verfahren, die

ihnen doch gar nicht im Wege sind, die dastehen und begierig auf die Töne des

Ruhmes, der Achtung und des Erfolges horchen, die andern gelten? Ist es edel

und gut, eine sich sehnende Seele zu beleidigen? Dichter sind so leicht

verletzbar; o man verletze nie die Dichter. Übrigens spreche ich jetzt gar nicht

von dir, Kasparchen; denn was bist du denn schon so Großes in der Welt? Auch

du bist vielleicht noch nichts und hast keine Ursache, Menschen zu verhöhnen,

die ebenfalls noch nichts sind. Wenn du mit dem Schicksal ringst, so laß doch

andere, so wie sie's eben verstehen, auch ringen. Ihr seid beide Ringende und

bekämpft euch? Das ist sehr töricht und unklug. Es gibt für euch beide, durch

allerhand Tücken und Verirrungen und Verheißungen und Mißerfolge in eurer

Kunst Schmerzen genug, müßt ihr es da darauf abgesehen haben, euch noch

mehr Schmerz zuzufügen? Ich würde in Wahrheit Bruder zu einem Dichter sein,

wenn ich ein Maler wäre. Man blicke auch nie zu früh verächtlich auf einen

Fehlenden oder scheinbar Trägen und Tatlosen hernieder. Wie schnell kann sich

aus langen, dumpfen Träumen seine Sonne, seine Dichtung erheben! Nun dann:

wie stehen dann die voreiligen Verächter da? Sebastian ringt ehrlich mit dem

Leben, schon das sollte ein Grund zur Achtung und Liebe sein. Wie kann man

sich über sein weiches Herz lustig machen? Schäm' dich nur, Kaspar, und gib

mir nie wieder Anlaß, wenn du eine Spur von Liebe für deine Schwester hegst,

mich so über dich zu ereifern. Ich tu es nicht gern. Ich schätze Sebastian, weil

ich weiß, daß er den Mut hat, seine vielen Fehler einzugestehen. Übrigens, das ist alles geschwatzt und wieder geschwatzt, du kannst ja gehen, wenn es dir nicht

paßt, mit uns zu gehen. Was machst du nun für ein Gesicht, Kaspar! Weil dir ein

Mädchen, das den Vorzug genießt, deine Schwester sein zu dürfen, einen Vortrag

hält, willst du böse sein? Nein, sei es nicht. Bitte. Und du darfst dich ja gewiß

auch über den Dichter lustig machen. Warum nicht. Ich nahm es zu ernst vorhin.

Vergib mir.« –

Ein feines, schüchternes, aber zärtliches Lächeln spielte im Dunkeln um

Sebastians Lippen. Hedwig machte sich mit dem Bruder solange schmeichelnd

zu schaffen, bis er wieder heiter wurde. Er gab dann eine komische Nachahmung

ihrer schwungvollen Rede zum besten, daß alle drei in ein schallendes Gelächter

ausbrachen. Sebastian namentlich krümmte sich vor Lachen. Allmählich war

unter den Bäumen alles still und leer geworden; die Menschen waren in ihre

Häuser zurückgegangen, die Lichter träumten, aber es waren viele Lichter

gelöscht worden, die Ferne glitzerte nicht mehr. Dort, auf dem ländlichen Boden,

schien man die Lichter früher zu löschen; die fernen Berge lagen jetzt wie tote,

schwarze Körper, aber noch gab es einzelne Menschenpaare, die nicht heim

gingen, sondern die Absicht zu haben schienen, die ganze Nacht unter dem

Himmel plaudernd und wachend zu verbringen.

 

Simon und Klara saßen, in stille, lange Gespräche versunken, auf einer Bank.

Sie hatten sich so viel zu sagen, hätten eigentlich endlos plaudern mögen. Klara

würde immer über Kaspar gesprochen haben und Simon immer über die, die

neben ihm saß. Er hatte eine seltsame, freie, offene Manier, über Menschen zu

reden, die gerade seine Gefährten waren, die neben ihm saßen oder standen und

ihm zuhorchten. Es kam von selber, er fühlte immer für die am stärksten, die ihn

zum Sprechen veranlaßten, und sprach infolgedessen über sie und nicht über

Abwesende. Klara dachte nur an den Abwesenden. »Quält es dich nicht,« fragte

sie, »daß wir nur über ihn sprechen?« »Nein,« erwiderte Simon, »seine Liebe ist

die meine. Ich habe mich immer gefragt, wird nie einer von uns lieben? Ich

betrachtete es immer als etwas Wundervolles, für das wir beide zu schlecht

wären. Ich las viel in Büchern über Liebe, ich liebte immer die Liebenden.

Schon als Schulknabe lag ich über solchen Büchern stundenlang gebeugt und

bebte und zitterte und erschrak mit meinen Liebenden. Da war fast immer eine

stolze Frau und ein noch unbeugsamerer Charakter von Mann, ein Arbeiter in

der Bluse oder ein simpler Soldat. Die Frau war immer eine vornehme Dame.

Für ein Liebespaar von einfachen Leuten hätte ich damals keinen Sinn gehabt.

Meine Sinne wuchsen mit diesen Büchern auf und gingen darin unter, wenn ich das Buch schloß. Dann kam ich ins Leben und vergaß das alles. Ich biß mich in

Freiheitsgedanken fest, aber ich träumte davon, eine Liebe zu erleben. Was nützt

es mir, böse zu sein, daß die Liebe nun da ist und nicht mir gilt? Wie kindisch.

Beinahe bin ich sogar froh, daß sie nicht mich will, sondern einen andern, ich

möchte sie zuerst gesehen haben und sie erst dann erleben. Doch ich erlebe sie

nie. Ich glaube, das Leben will anderes von mir, hat anderes mit mir vor. Es läßt

mich alles lieben, was es nur an Erscheinungen mir zuwirft. Ich darf dich doch

lieben, Klara, auf andere, vielleicht dümmere Weise. Ist es nicht dumm, daß ich

so genau weiß, daß ich, wenn du es willst, sterben könnte für dich, sterben

wollte? Kann ich nicht sterben für dich? Ich würde es ganz selbstverständlich

finden. Ich lege keinen Wert auf mein Leben, nur Wert auf anderer ihr Leben,

und trotzdem liebe ich das Leben, aber ich liebe es deshalb, weil ich hoffe, daß

es mir Gelegenheit verschafft, es anständigerweise wegzuwerfen. Nicht wahr,

das ist töricht gesprochen? Laß mich deine beiden Hände küssen, damit du die

Empfindung hast, daß ich dir angehöre. Natürlich bin ich nicht dein und du wirst

nie etwas von mir verlangen wollen, denn was könnte dir einfallen, von mir zu

verlangen. Aber ich liebe Frauen von deinem Schlag, und einer Frau, die man

liebt, macht man gerne ein Geschenk, und so schenke ich dir mich, weil ich kein

besseres Geschenk weiß. Ich kann dir vielleicht nützlich sein, ich kann springen

für dich mit diesen meinen Beinen, ich kann den Mund halten, wo du wünschen

solltest, daß einer für dich schweigen möchte, ich kann lügen, wenn du in den

Fall kommst, dich eines schamlosen Lügners bedienen zu müssen. Es gibt edle

Fälle dieser Art. Ich kann dich tragen in meinen Armen, wenn du umfallen

solltest, und ich kann dich über Pfützen heben, damit du deinen Fuß nicht

beschmutzest. Sieh einmal meine Arme an. Kommen sie dir nicht vor, als höben,

als trügen sie dich schon? Was würdest du lächeln, wenn ich dich trüge, und ich

würde ebenfalls lächeln, denn ein Lächeln, wenn es kein unzartes ist, zwingt

immer das andere hervor. Dieses Geschenk, das ich dir mache, ist ein

bewegliches und ewiges; denn der Mensch, auch der simpelste, ist ewig. Ich

werde dir noch angehören, wenn du längst nichts mehr bist, nicht einmal ein

Stäubchen; denn das Geschenk überdauert immer den Beschenkten, damit es

trauern kann, das es seinen Besitzer verloren hat. Ich bin zum Geschenk

geboren, ich gehörte immer jemandem an, es verdroß mich, wenn ich einen Tag

lang umherirrte und niemanden fand, dem ich mich anbieten konnte. Nun gehöre

ich dir an, obgleich ich weiß, daß du dir wenig machst aus mir. Du bist

gezwungen, dir wenig aus mir zu machen. Geschenke pflegt man bisweilen zu

verachten. Ich zum Beispiel, wie verächtlich denke ich in meiner Seele von

Geschenken. Ich hasse förmlich das Beschenktwerden. Deshalb will es auch das

Schicksal, daß mich niemand liebt; denn gut und allsehend ist das Schicksal. Ich würde Liebe nicht ertragen können, denn ich kann Lieblosigkeit ertragen. Den

darf man nicht lieben, der lieben will, sonst würde man ihn nur stören in seiner

Andacht. Ich möchte nicht, daß du mich liebtest. Und sieh, daß du den andern

liebst, macht mich so glücklich; denn nun, versteh mich, gibst du mir die Bahn

frei, dich lieben zu dürfen. Ich liebe Gesichter, die sich von mir ab, einem andern

Gegenstand zu wenden. Die Seele, die eine Malerin ist, liebt diesen Reiz. Ein

Lächeln ist so schön, wenn es über eine Lippe geht, die man ahnt, nicht sieht. So

wirst du mir gefallen. Glaubst du, daß du nicht nötig hättest, mir zu gefallen?

Doch jetzt fällt es mir ein: Du brauchst mir nicht zu gefallen, du hast es wirklich

nicht nötig; denn ich bin dir gegenüber keines Urteils fähig, höchstens einer

Bitte; doch ich weiß nicht mehr, was ich rede.«

Klara weinte über seine Erklärung. Sie hatte ihn längst nahe zu sich

herangezogen und befühlte mit ihren schönen Händen, die von der Nachtluft

kühl geworden waren, seine brennenden Wangen. »Was du mir da sagtest, hättest

du gar nicht zu sagen brauchen, ich wußte es ja doch, wußte es ja doch, wußte –

es – ja – doch.« – Ihre Stimme nahm diejenige Zärtlichkeit an, die man

anwendet, wenn man Tieren, denen man ein bißchen weh getan hat, wieder

Liebe und Zutraulichkeit einflößen will. Sie war glücklich, und ihre Stimme

lispelte in den langgezogenen und hohen Tönen der Freudigkeit. Ihr ganzer

Körper schien mitzusprechen, als sie sagte: »Du tust so gut daran, mich zu

lieben, jetzt, da ich lieben muß. Ich werde jetzt noch einmal so freudig lieben.

Vielleicht werde ich einmal unglücklich sein, aber mit welcher Wonne werde ich

unglücklich sein. Es macht uns Frauen nur einmal im Leben Freude, unglücklich

zu sein, aber wir verstehen es, das Unglück auszukosten. Aber wie kann ich von

Schmerzen zu dir sprechen. Sieh, es empört mich bereits, davon nur gesprochen

zu haben. Wie kann ich es wagen, dich bei mir zu haben und nicht an mein

Glück zu glauben? Du machst einen glauben, du machst, daß man glauben darf.

Bleibe immer mein Freund. Du bist mein süßer Knabe. Deine Haare gleiten

durch meine Hände, und dein Kopf voll so unergründlicher Gedanken der

Freundschaft liegt mir im Schoße. Ich komme mir schön vor so; du machst mich

das empfinden. Du mußt mich küssen. Auf meinen Mund mußt du mich küssen.

Ich will eure Küsse vergleichen, Kaspars und deine. Ich will denken, daß er mich

küßt, wenn du mich küssest. Ein Kuß ist doch etwas Wundervolles. Wenn du

mich jetzt küssest, küßt mich eine Seele, kein Mund. Hat dir Kaspar gesagt, wie

ich ihn geküßt habe und wie ich ihn bat, daß er mich küssen solle? Er muß

anders küssen, er soll küssen lernen wie du, doch nein, warum sollte er küssen

wie du? Er küßt so, daß ich ihn gleich wieder küssen muß, du küssest so, daß

man sich noch einmal von dir küssen läßt, so, wie du es jetzt tust. Behalte mich

lieb, sei immer so lieb, und küsse mich noch einmal, daß ich, wie du vorhin gesagt hast, die Empfindung habe, daß du mir angehörst. Ein Kuß macht das so

verständlich. Wir Frauen wollen so belehrt werden. Du verstehst Frauen

eigentlich sehr gut, Simon. Man sollte es dir nicht anmerken. Komm nun, wir

wollen gehen!«

Sie erhoben sich, und als sie eine Weile gegangen waren, trafen sie auf die

drei andern. Hedwig nahm Abschied von ihren Brüdern und Frau Klara.

Sebastian begleitete das Mädchen. Als die beiden sich entfernt hatten, fragte

Klara Kaspar leise: »Darfst du deine Schwester der Begleitung dieses Herrn

anvertrauen?« Kaspar antwortete: »Würde ich es tun lassen, wenn ich es nicht

ruhig dürfte?«

Als sie nach Hause kamen, hörten sie im Wald einen Schuß fallen. »Er

schießt wieder,« sagte leise Klara. »Was will er mit seinem Schießen?« fragte

Kaspar, und Simon kam lachend mit der raschen Antwort zuvor: »Er schießt,

weil es ihm noch sonderbar vorkommt. Es liegt noch bis jetzt eine Art Idee

dahinter. Wann es aufgehört hat, interessant zu sein, wird er es schon bleiben

lassen.« Schon hörte man wieder einen Schuß. Klara runzelte die Stirn und

seufzte, und versuchte dann, die Ahnungen, die sie hatte, in einem Lachen zu

ersticken. Aber es war ein grelles Lachen, und die Brüder erbebten auf einen

Augenblick.

»Du benimmst dich seltsam,« sagte Agappaia, der plötzlich unter der

Haustüre erschien, eben, als sie eintreten wollten, zu seiner Frau. Diese schwieg,

als hätte sie nichts gehört. Dann legten sie sich alle schlafen.

Noch in derselben Nacht schrieb Klara, die keinen Schlaf fand, an Hedwig:

»Sie, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars, ich muß Ihnen schreiben.

Ich kann nicht schlafen, finde keine Ruhe. Ich sitze hier, halb ausgezogen, vor

meinem Schreibtisch, und bin gezwungen, so hin und her zu träumen. Es deucht

mich, daß ich an alle Menschen Briefe schreiben könnte, an jeden beliebigen

Unbekannten, an jedes Herz; denn alle Menschenherzen zittern für mich vor

Wärme. Heute, als Sie mir die Hand reichten, sahen Sie mich so lange an,

fragend, und mit einer gewissen Strenge, als wüßten Sie bereits, wie es mit mir

steht, als fänden Sie, daß es schlimm mit mir stehe. Sollte es in Ihren Augen

schlimm mit mir stehen? Nein, ich glaube nicht, daß Sie mich verdammen, wenn

Sie alles wissen werden. Sie sind so ein Mädchen, vor dem man keine

Geheimnisse haben mag, dem man alles sagen will, und ich will Ihnen alles

sagen, damit Sie alles wissen, damit Sie mich lieben können; denn Sie werden

mich lieb haben, wenn Sie mich kennen, und ich begehre darnach, von Ihnen

geliebt zu werden. Ich träume davon, alle schönen und klugen Mädchen um

mich geschart zu sehen, als Freundinnen und Beraterinnen und auch als meine

Schülerinnen. Sie wollen, hat mir Kaspar gesagt, Lehrerin werden und sich der Erziehung der kleinen Kinder opfern. Ich möchte auch Lehrerin werden, denn

Frauen sind zu Erzieherinnen wie geboren. Sie wollen etwas werden, wollen

etwas sein: das paßt zu Ihnen, das entspricht dem Bilde, das ich mir von Ihnen

mache. Er entspricht auch der Zeit, in der wir leben, und der Welt, die ein Kind

dieser Zeit ist. Das ist schön von Ihnen, und wenn ich ein Kind hätte, würde ich

es zu Ihnen in die Schule schicken, würde es ganz Ihnen überlassen, so daß es

sich daran gewöhnen müßte, Sie als eine Mutter zu verehren und zu lieben. Wie

werden die Kinder zu Ihnen emporblicken, um zu sehen, an Ihren Augen, ob Sie

strenge blicken oder gütig. Wie werden sie jammern in ihren kleinen, blühenden

Herzen, wenn sie Sie mit Sorgen im Gesicht in die Stunde kommen sehen; denn

Kindern ist Ihre Seele verständlich. Sie werden nicht lange mit unartigen

Kindern zu tun haben; denn ich denke mir, selbst die unartigsten und

verzogensten unter ihnen werden sich in kurzer Zeit ihrer Unarten vor Ihnen

schämen und es bereuen, Ihnen Schmerz eingeflößt zu haben. Ihnen gehorchen,

Hedwig, wie muß das süß sein. Ich möchte Ihnen gehorchen, möchte ein Kind

werden und die Lust empfinden, Ihnen folgsam sein zu dürfen. Sie wollen in ein

kleines, stilles Dorf ziehen! Um so schöner. Dann werden Sie Dorfkinder zu

unterrichten haben, die noch besser zu erziehen sind als die Kinder der Städte.

Aber Sie würden auch in der Stadt Erfolge erzielen. Sie sehnen sich nach dem

Lande, nach den niederen Häusern, nach den Gärtchen vor den Häusern, nach

den Menschengesichtern, die man dort sieht, nach dem Fluß, der vorbeirauscht,

nach dem einsamen, entzückenden Seeufer, nach den Pflanzen, die man im

stillen Walde sucht und findet, nach den Tieren auf dem Lande, nach der Welt

auf dem Lande. Sie werden alles finden; denn Sie passen dahin. Man paßt dahin,

wohin man sich sehnt. Gewiß finden Sie dort eines Tages die Antwort auf die

Frage, wie man es zu machen habe, daß man glücklich sei. Sie sind jetzt schon

glücklich, und ich fühle wohl, wie gern ich Ihre Munterkeit besitzen möchte.

Wenn man Sie sieht, möchte man glauben, daß man Sie schon längst gekannt

hätte und daß man auch wüßte, wie Ihre Mutter aussieht. Andere Mädchen findet

man hübsch, ja schön, aber von Ihnen möchte man gekannt und geliebt sein,

sowie man Sie nur ansieht. Sie haben etwas Lockendes, beinahe

Großmütterliches in Ihrem jungen, hellen Gesicht; vielleicht ist das das

Ländliche, was Sie an sich haben. Ihre Mutter war Bäuerin? Sie muß eine

schöne, liebe Bäuerin gewesen sein. Sie hat viel gelitten in der Stadt, sagte mir

einmal Kaspar; das glaube ich; denn ich meine sie vor mir sehen zu sollen, diese

Ihre Mutter. Sie soll sich stolz betragen haben und darunter gelitten haben.

Freilich; denn in der Stadt darf sich ein Mensch nicht so stolz betragen wie auf

dem Lande, wo sich eine Frau leicht als freie Herrin vorkommt. Ich möchte

Ihnen ein bißchen damit gefallen daß ich von Ihrer Mutter spreche, die Sie, als die Arme gebrochen und krank war, gepflegt und besorgt haben. Ich habe auch

ein Bild Ihrer Mutter gesehen und verehre und liebe sie, wenn Sie mir erlauben,

das zu tun. Mit Ihrer Erlaubnis würde ich es dann noch viel inniger tun. Könnte

ich sie sehen, könnte ich ihr zu Füßen fallen und ihre Hand nehmen und meine

Lippen darauf pressen. Wie wohl würde mir das tun. Es gliche einem

einstweiligen, teilweisen, armen Schuldenbezahlen; denn ich bin ihre

Schuldnerin und auch Ihre, Hedwig. Ihr Bruder Kaspar wird oft lieblos und rauh

zu Ihnen gewesen sein; denn junge Männer müssen oft hart zu denen sein, von

denen sie am meisten geliebt werden, um sich eine Bahn in die offene Welt zu

brechen. Ich begreife, daß ein Künstler oft Liebe als etwas ihn Hemmendes

abschütteln muß. Sie haben ihn als ganz jung gesehen, als einen Schulknaben,

der zur Schule gegangen ist, haben ihm seine Unarten vorgehalten, haben sich

mit ihm gestritten, haben ihn bemitleidet und beneidet, beschützt und gewarnt,

ausgescholten und gelobt, haben mit ihm seine ersten, erwachenden

Empfindungen geteilt und ihm gesagt, daß es schön sei, Empfindungen zu

hegen; haben sich von ihm zurückgezogen, als Sie merkten, daß er anderes, als

Sie, im Sinne trug; haben ihn gehen und machen lassen und gehofft, daß er

gedeihen möchte und nicht fallen möchte. Sie sehnten sich, als er fort war, nach

ihm und flogen ihm an den Hals, als er eines Tages zurückkehrte, und fingen

auch schon wieder an, ihn in Ihre Obhut zu nehmen; denn er ist solch ein

Mensch, daß er der Obhut zu bedürfen, beständig zu bedürfen scheint. Ich danke

Ihnen. Ich habe nicht Atem genug, nicht Herz genug und kein Wort, um Ihnen zu

danken. Und ich weiß nicht, ob ich Ihnen danken darf. Vielleicht wollen Sie

nichts von mir wissen. Ich bin eine Sünderin, aber vielleicht verdienen

Sünderinnen, daß man ihnen gestattet, zu lernen, was man zu tun hat, um

demütig zu erscheinen. Ich bin demütig, nicht geknickt, nicht etwa gebrochen,

aber voll flammender, bittender, flehender Demut. Ich will mit Demut gut

machen, was ich mit Liebe verbrochen habe. Wenn Sie Wert darauf legen, eine

Schwester zu haben, die froh ist, Ihre Schwester zu sein, so gehorche ich Ihnen.

Wissen Sie, was Ihr Bruder Simon mir gegeben hat? Sich selbst hat er mir

geschenkt, er hat sich weggeworfen an mich, und ich möchte mich wegwerfen

an Sie. Aber, Hedwig, wegwerfen kann man sich an Sie nicht. Das hieße ja:

Ihnen wenig geben zu wollen. Doch ich bin viel, seit ich Kaspar umarmt habe.

Ich fange an, mich zu brüsten und stolz reden, das will ich nicht. Ich will jetzt

versuchen, ob ich schlafen kann. Der Wald schläft ja auch, warum müssen

Menschen nicht schlafen können. Doch ich weiß, daß ich jetzt schlafen kann!« –

Während die Frau den Brief schrieb, saßen Simon und Kaspar bei der Lampe,

die sie angezündet hatten. Sie hatten noch keine Lust, sich zu Bett zu legen und

sprachen noch miteinander. Kaspar sagte: »Seit den letzten Tagen male ich überhaupt nicht mehr, und ich werde, wenn das so weiter geht, meine ganze

Kunst an den Nagel hängen und Bauer werden. Warum nicht? Muß es denn

gerade die Kunst sein? Könnte man denn nicht anders leben? Vielleicht ist es nur

eine Angewohnheit, daß man sich einbildet, um alles willen künstlerisch zu

arbeiten. Ja, vielleicht nach zehn Jahren wieder damit beginnen! Man würde

alles anders ansehen, viel einfacher, viel weniger phantastisch, und das könnte

nicht schaden. Man müßte den Mut und das Vertrauen besitzen. Das Leben ist

kurz, wenn man mißtraut, aber lang, wenn man vertraut. Was kann einem

entgehen? Ich fühle, daß ich von Tag zu Tag träger werde. Sollte ich mich da

aufraffen und wie ein Schulbub mich zwingen, meine Pflicht zu erfüllen? Habe

ich der Kunst gegenüber irgend eine Pflicht zu erfüllen? Das ließe sich so oder

so umwenden, man könnte es drehen, wie es einem gerade behagte. Bilder

malen! Das kommt mir jetzt so stupide vor, ist mir so gleichgültig. Man muß

sich gehen lassen. Ob ich hundert Landschaften male oder zwei, ist das nicht

ganz gleichgültig? Es kann einer immer malen und bleibt doch ein Stümper, dem

es nie einfällt, seinen Bildern einen Hauch von seinen Erfahrungen einzugeben,

weil er keine Erfahrungen gemacht hat, so lange er lebte. Wenn ich erfahrener

sein werde, werde ich auch den Pinsel geistvoller und gedankenvoller führen,

und dieses ist mir nicht gleichgültig. Was kommt's auf die Anzahl an. Und

trotzdem: irgend ein Gefühl sagt mir, daß es nicht gut ist, auch nur einen Tag

lang außer Übung zu bleiben. Das ist die Faulheit, die verdammte Faulheit!« – –

–

Er sprach nicht weiter; denn in diesem Augenblick tönte durch die Wände

ein langer, furchtbarer Schrei. Simon ergriff die Lampe und beide stürzten die

Treppe hinunter, in das Gemach, wo sie wußten, daß sie schlief. Den Schrei hatte

Klara ausgestoßen. Agappaia war auch herbeigesprungen, und sie fanden die

Frau ausgestreckt am Boden liegen. Sie hatte sich, wie es schien, ausziehen

wollen, um zu Bett zu gehen, und war, von einem heftigen Anfall gepackt,

umgefallen. Ihre Haare waren aufgelöst und die herrlichen Arme zuckten

fieberisch am Boden. Ihre Brust hob und senkte sich stürmisch, während ein

verwirrtes Lächeln um ihren Mund flog, der weit geöffnet war. Alle drei Männer

bogen sich zu ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die Zuckungen allmählich

sich verloren. Weh hatte sie sich beim Umfallen nicht getan, was leicht hätte

geschehen können. Man hob die Bewußtlose auf und legte sie, halb angekleidet,

wie sie war, auf ihr Bett, das säuberlich abgedeckt war. Sie wurde ruhiger, als

man ihr das Korsett öffnete. Sie atmete erleichtert auf und schien jetzt zu

schlafen. Und immer schöner lächelte sie und fing an zu schwärmen in

Lispeltönen, die wie Glocken aus weiter Ferne daherklangen, scharf, und doch

kaum vernehmbar. Man horchte gespannt und beratschlagte, ob es einen Zweck

hätte, aus der Stadt einen Arzt heraufzuholen. »Bleiben Sie doch noch,« sagte

Agappaia ruhig zu Simon, der sogleich sich auf den Weg machen wollte, »es

wird vorübergehen. Es ist nicht das erste Mal.« Sie saßen und horchten weiter

und sahen einander bedeutend an. Aus Klaras Munde war nicht viel zu

verstehen, als etwa kurze, abgerissene, halb gesungene, halb gesprochene Sätze:

»Im Wasser, nein, sieh doch, tief, tief. Das hat lange gebraucht, lange, lange.

Und du weinst nicht. Wenn du wüßtest. Es ist so schwarz und so schlammig um

mich herum. Aber sieh doch. Ein Veilchen wächst mir zum Munde heraus. Es

singt. Hörst du? Hörst du's? Man sollte meinen ich wäre ertrunken. So schön, so

schön. Gibt es nicht ein Liedlein darauf? Die Klara! Wo ist sie nun? Such sie,

such sie doch. Aber du müßtest ins Wasser gehen. Hu, schauert dich, nicht wahr?

Schauert mich gar nicht mehr. Ein Veilchen. Ich sehe die Fische schwimmen. Ich

bin ganz still, ich mache gar nichts mehr. Sei doch lieb, sei gut. Du blickst böse.

Die Klara liegt da, da. Siehst du, siehst du? Ich hätte dir noch etwas sagen

wollen, aber ich bin froh. Was hätte ich dir sagen wollen? Weißt es nicht mehr.

Hörst du mich klingen? Mein Veilchen ist es, das klingelt. Ein Glöckchen. Das

habe ich immer gewußt. Sage es nur nicht. Ich höre ja nichts mehr. Bitte, bitte« –

–

»Gehen Sie nur zu Bett. Wenn es schlimmer wird, werde ich Sie wecken,«

sagte Agappaia.

Es wurde nicht schlimm. Am andern Morgen war Klara wieder munter und

wußte nichts davon, was mit ihr geschehen war. Sie hatte etwas Kopfschmerzen, das war alles.

 

Klara fühlte sich himmlisch. Sie saß in einem dunkelblauen Morgengewand,

das in edlen Falten frei an ihrem Leibe herunterfloß, auf dem Balkon, der eine

Aussicht auf Tannen gewährte, die an diesem Morgen, wo ein leiser Windzug

daherwehte, sich sanft in ihren Spitzen hin und herbogen. Der Wald ist doch

herrlich, dachte sie und beugte sich, über das zierlich gearbeitete Geländer

gelehnt, mehr nach ihm zu, um seinen Duft näher zu haben. »Wie er daliegt, der

Wald, als schlummerte er schon jetzt der Nacht entgegen. Am Tag, mitten im

Sonnenschein, geht man in einen Wald, wie in einen Abend hinein, wo die

Geräusche schärfer und leiser sind und die Düfte feuchter und empfindsamer, wo

man ruhen kann und beten. Im Wald betet man unwillkürlich, und es ist auch der

einzige Ort in der Welt, wo Gott nahe ist; Gott scheint die Wälder erschaffen zu

haben, daß man wie in heiligen Tempeln darin bete; der eine betet nun so, der

andere so, aber alle beten. Wenn man unter einer Tanne liegt und ein Buch liest,

so betet man da, wenn Beten dasselbe ist wie das Verlorensein in Gedanken.

Mag Gott immer sein, wo er sein mag, im Wald ahnt man ihn und gibt ihm das

bißchen Glauben mit stillem Entzücken hin. Gott will nicht, daß man so sehr an

ihn glaubt, er will, daß man ihn vergißt, es freut ihn sogar, wenn er geschmäht

wird; denn er ist über alle Begriffe gütig und groß; Gott ist das Nachgiebigste

was es im Weltraum gibt. Er besteht auf nichts, will nichts, bedarf nichts. Etwas

wollen, das mag für uns Menschen sein, aber für ihn ist das nichts. Für ihn ist

nichts. Er ist froh, wenn man ihn anbetet. O dieser Gott ist entzückt und weiß

sich vor Seligkeit nicht zu fassen, wenn ich jetzt hingehe und ihm danke, nur ein

bißchen, wenn auch ganz oberflächlich, danke. Gott ist so dankbar. Ich möchte

wissen, wer dankbarer wäre. Er hat uns alles gegeben, der Unvorsichtige,

Gütige, und nun ist er so, daß er froh sein muß, wenn seine Geschöpfe seiner ein

wenig gedenken. Das ist das Einzige an unserem Gott, daß er nur dann Gott sein

will, wenn es uns gefällt, ihn als unseren Gott zu erhöhen. Wer lehrt mehr

Bescheidenheit als Er? Wer ist ahnungsvoller und stiller? Vielleicht hat Gott

auch nur Ahnungen über uns, so wie wir über ihn, und ich spreche zum Beispiel

hier bloß meine Ahnungen aus über ihn. Ahnt er auch, daß ich jetzt hier auf dem

Balkon sitze und seinen Wald wundervoll finde? Wüßte er doch, wie schön sein

Wald ist. Aber ich glaube, Gott hat seine Schöpfung vergessen, nicht etwa aus

Gram, denn wie könnte er des Grames fähig sein, nein, er hat einfach vergessen,

oder es scheint wenigstens, daß er uns vergessen hat. Man kann alles empfinden

über Gott; denn er läßt alle Gedanken zu. Aber man verliert ihn leicht, wenn man über ihn denkt, deshalb betet man zu ihm. Großer Gott, führe uns nicht in

Versuchung. So habe ich als Kind gebetet, wenn ich im Bettchen lag, und ich

habe mich immer über mich gefreut, wenn ich gebetet habe. Wie bin ich heute

glücklich und froh; alles an mir ist ein Lächeln, ein seliges Lächeln. Das ganze

Herz lächelt, die Luft ist so frisch, ich glaube, es ist Sonntag heute, da werden

die Leute aus der Stadt kommen und im Wald spazieren, und ich werde mir

irgend ein Kind aussuchen, es mir von seinen Eltern auf eine kleine Weile

erbitten, und mit ihm spielen. Wie ich so dasitzen kann und Freude empfinden

kann um mein bloßes Dasein, Dasitzen, Mich-über-das-Geländer-lehnen! Wie

ich mir schön vorkomme so. Fast könnte ich Kaspar vergessen, alles vergessen.

Ich begreife jetzt nicht, wie ich jemals über etwas weinen, wie mich jemals

etwas erschüttern konnte. Wie unerschütterlich ist der Wald und doch so

biegsam, warm, lebendig und süß. Welch ein Atmen aus den Tannen, welch ein

Rauschen! Das Rauschen der Bäume macht jede Musik überflüssig. Überhaupt,

nur in der Nacht möchte ich Musik hören, aber am Morgen nie, denn der Morgen

ist mir zu heilig dafür. Wie merkwürdig frisch ich mich fühle. Wie geheimnisvoll

das ist, sich schlafen legen, nein, zuerst müde sein, dann sich schlafen legen, und

dann erwachen und sich wie neugeboren fühlen. Jeder Tag ist ein Geburtstag für

uns. Wie wenn man in ein Bad stiege, so steigt man aus den Schleiern der Nacht

in die Wellen des blauen Tages. Nun wird bald die Glut des Mittags kommen, bis

wieder die Sonne sehnsüchtig versinkt. Welche Sehnsucht, welches Wunder vom

Abend zum Morgen, vom Mittag zu Abend, von der Nacht zum Morgen. Alles

würde man wundervoll finden, wenn man alles empfände, denn es kann ja nicht

eines wundervoll sein und das andere nicht. Ich glaube, ich muß gestern krank

gewesen sein, und man sagt es mir nur nicht. Wie schön und unschuldig noch

immer meine Hände aussehen. Wenn sie Augen hätten, so würde ich ihnen einen

Spiegel entgegenhalten, damit sie sähen, wie schön sie sind. Der kann glücklich

sein, den ich liebkose mit meinen Händen. Was für seltsame Gedanken ich doch

habe. Wenn Kaspar jetzt käme, müßte ich weinen, mich so sehen zu lassen. Ich

habe nicht an ihn gedacht, und er würde es fühlen, daß ich nicht an ihn gedacht

habe. Wie elend mich das auf einmal macht, zu denken, daß ich ihn

vernachlässigt habe. Bin ich denn seine Sklavin? Was geht er mich an?«

Sie weinte. Da kam Kaspar: »Was fehlt dir, Klara?«

»Nichts! Was sollte mir fehlen? Du bist ja da. Du hattest mir gefehlt. Ich bin

glücklich, aber ich leide es nicht, daß ich allein glücklich bin, ohne dich.

Deshalb weinte ich. Komm, komm,« und sie preßte ihn fest an sich.