Geschwister Tanner
Sechstes Kapitel.
S e c h s t e s K a p i t e l .
Simon fing an, das träge, schlenderische Leben, das er führte, als etwas
Unerträgliches zu empfinden. Er fühlte, daß er bald wieder schaffen und
tagewerken mußte: »Es hat doch etwas für sich, zu leben wie die Meisten. Es
beginnt mich zu ärgern, so müßig und absonderlich zu sein. Das Essen schmeckt
mir nicht mehr, die Spaziergänge ermüden mich, und was ist denn Großes und
Erhebendes daran, sich auf heißen Landstraßen von Fliegen und Bremsen
zerstechen zu lassen, durch Dörfer zu laufen, steile Wände hinunter zu springen,
auf erratischen Felsblöcken zu hocken, den Kopf zu stützen, ein Buch
anzufangen zu lesen und es nicht bis zu Ende lesen zu können, dann in einem,
wenn auch schönen, so doch abgelegenen See zu baden, sich wieder anzuziehen
und auf den Heimweg zu machen und dann zu Hause den Kaspar zu finden, der
ebenfalls vor Trägheit nicht mehr weiß, auf welchem Bein er stehen und mit
welcher Nase er denken soll, oder welchen Finger er an eine seiner Nasen legen
soll. Man bekommt bei diesem Leben leicht eine Menge Nasen und möchte den
ganzen Tag seine zehn Finger an seine zehn Nasen legen und denken. Dabei
lachen einen die eigenen Nasen nur aus und machen die lange Nase. Nun, was ist
das etwa Göttliches, wenn man sieht, wie einem zehn Nasen oder mehr die lange
Nase machen. Ich illustrierte damit nur die Tatsache, daß man bei diesem
Herumlungerleben dumm wird. Nein, ich fange an, mir wieder so etwas wie ein
Gewissen zu machen, und zu denken, daß es wiederum bei dem
Gewissenmachen nicht bleiben darf, sondern daß man irgend etwas tun muß. In
der Sonne herumlaufen, kann auf die Dauer kein Tun sein, und Bücher liest nur
ein Tropf; denn das ist man, wenn man sonst weiter nichts tut. Das Schaffen
unter Menschen ist doch schließlich das allein und einzig Bildende. Was nun
tun? Vielleicht Gedichte schreiben? Wenn ich das tun möchte bei dieser
Sommerhitze, müßte ich zuerst Sebastian heißen, dann täte ich's vielleicht. Der
tut es, das bin ich überzeugt. Das ist ein Mensch, der erst einen Ausflug macht,
See, Wald, Berge, Bäche, Pfützen und Sonnenschein genau studiert, eventuell
Notizen macht, dann heimgeht und einen Aufsatz darüber schreibt, den dann die
Zeitungen drucken, die die Welt bedeuten. Kann das ein Tun für mich sein?
Wohl, wenn ich es verstünde, aber ich bin Stümper in diesen Sachen. Also hingehen und wieder Buchstaben kratzen, Rechnungen ausradieren und Tinte
verbrauchen. Ja, ich glaube, daß ich das tun muß, obwohl es keine Ehre für mich
ist, wieder von vorne anzufangen, was ich einst verlassen habe. Aber es muß
sein. In diesem Falle denkt man nicht an die Ehre, sondern an das Notwendige
und Unabänderliche. Ich bin jetzt zwanzig Jahre alt. Wie komme ich dazu, schon
zwanzig Jahre alt zu sein? Welche Entmutigung müßte für einen anderen darin
liegen, zwanzig Jahre alt zu sein und nun von vorne anzufangen, da, wo man bei
der Entlassung aus der Schule stand. Aber ich will es so lustig wie nur möglich
nehmen, da es doch einmal sein muß. Ich will ja auch gar nicht vorwärtskommen
im Leben, ich will nur leben, daß es ein bißchen eine Art und Weise hat. Weiter
gar nichts. Eigentlich will ich nur leben, bis es wieder Winter wird, und dann,
wenn es schneit und Winter ist, werde ich weiter zu leben wissen, wird es mir
zum Bewußtsein kommen, wie ich am besten weiter zu leben habe. Es macht mir
viel Vergnügen, so das Leben in kleine, einfache, leicht zu lösende Rechnungen
einzuteilen, die kein Kopfzerbrechen machen, die sich von selber lösen. Im
Winter bin ich übrigens immer klüger und unternehmender als im Sommer. Bei
der Wärme, bei all dem Blühen und Duften ist nichts anzufangen, während die
Kälte und der Frost schon von selber vorwärtstreiben. Also bis im Winter etwas
Geld zusammenscharren, und im schönen Winter dann das Geld zu irgend etwas
Nützlichem verbrauchen. Es käme mir nicht drauf an, im Winter Sprachen zu
studieren, tagelang, in ungeheizten Zimmern, bis mir die Finger abgefrören, aber
der Sommer ist für diejenigen, die Ferien erhalten, für solche, die sich in
Sommerfrischen gütlich tun, die ein Vergnügen darin finden, barfuß, ja nackt auf
heißen Wiesen herumzuspringen, höchstens einen ledernen Schurz um die
Lenden, wie Johannes der Täufer, der außerdem Heuschrecken soll gegessen
haben. So will ich mich jetzt auf das Bett der täglichen Arbeit in Schlaf legen
und erst wieder erwachen, wenn der Schnee über die Erde fliegt und die Berge
weiß werden und die Nordstürme dahersausen, daß einem die Ohren erfrieren
und in Flammen des Frostes und Eises zergehen. Die Kälte ist mir eine Glut,
unbeschreiblich, nicht auszudrücken! So wird's gemacht, oder ich müßte nicht
Simon heißen. Klara wird im Winter eingehüllt sein in dicke, weiche Pelze, ich
werde sie durch die Straßen begleiten, es wird auf uns herabschneien, so leise, so
heimlich, so lautlos und so warm. O, Einkäufe zu machen, wenn es schneit in
den schwarzen Straßen und die Magazine mit Lichtern erhellt sind. In einen
Laden hineinzutreten mit Klara oder hinter Klaras Gestalt her und zu sagen: die
Dame wünscht dies und das zu kaufen. Klara duftet in ihren Pelzen und ihr
Gesicht, wie wird das schön sein, wenn wir dann wieder auf die Straße
hinausgehen. Vielleicht wird sie im Winter dann irgendwo in einem feinen
Geschäft arbeiten, wie ich, und ich werde sie jede Nacht abholen können, außer sie beföhle mir einmal, sie lieber nicht abzuholen. Agappaia jagt seine Frau
vielleicht fort, und sie wird dann gezwungen sein, irgendwo eine Anstellung
anzunehmen, was ihr leicht sein wird, da sie eine vornehme Erscheinung ist.
Weiter denke ich nicht. Weiter als so denkt vielleicht Herr Spielhagen von der
Aktiengesellschaft für elektrische Leuchtkörper, aber ich nicht; denn ich bin
nicht so gestellt und häufe mir nicht so viele Verpflichtungen in der Welt an, daß
ich gezwungen wäre, weiter als so zu denken. Ach, der Winter! Wenn er nur bald
kommt.« –
Schon am nächsten Tag arbeitete er in einer großen Maschinenfabrik, die zur
Inventuraufnahme eine ganze Anzahl von jungen Leuten brauchte. Den Abend
verbrachte er dann lesend an einem Fenster, oder er verlängerte seinen Heimweg
von der Fabrik nach Klaras Hause, indem er einen weiten Bogen um den ganzen
Berg herummachte, in dem dunklen Grün der vielen Waldschluchten, welche den
breiten Berg durchschnitten. An einer Quelle, bei der er stets vorbeikam, löschte
er jedesmal seinen großen Durst und lag dann auf einer einsam gelegenen
Waldwiese, bis ihn die Nacht daran erinnerte, endlich nach Hause zu gehen. Er
liebte das Übergehen des Sommerabends in die Sommernacht, dieses langsame,
rötliche Sinken der Farben des Waldes in das Dunkel der gänzlichen Nacht. Er
pflegte dann ohne Worte und Gedanken zu träumen, sich keinen Vorwurf mehr
zu machen und sich der schönen Müdigkeit zu überlassen. Oft schien es ihm, als
zische neben ihm, in den dunklen Büschen, eine feurig-rote große Kugel aus der
schlafenden Erde empor, und wenn er dahin blickte, war es der Mond, der
schwebend und schwer aus dem Welt-Hintergrund hervortanzte. Wie hing dann
sein Auge an der bleichen, leichten Gestalt dieses schönen Gestirnes. Es war ihm
so sonderbar, daß diese ferne Welt gleich hinter dem Gebüsch versteckt zu sein
schien, zum befühlen und daran fassen nahe. Alles schien ihm nahe zu sein. Was
war denn dieser Begriff der Ferne gegen solche Fernen und Nähen. Das
Unendliche schien ihm plötzlich das Nächste. Wenn er nach Hause kam, durch
all das schwere, singende, duftende Grün der Nacht hindurch, empfand er es als
etwas Geheimnisvolles und Liebes, wenn ihm Klara, was sie jeden Abend tat,
entgegentrat, um ihn zu empfangen. Ihre Augen schienen immer geweint zu
haben, wenn sie so kam oder auf diese Weise wartete. Dann saßen sie
zusammen, bis tief in die Nacht hinein, auf dem kleinen Balkon, der in eine Art
Sommerhäuschen in schwebender Höhe verwandelt war und spielten mit
winzigen Karten ein Spiel, oder die Frau sang irgend eine Melodie, oder sie ließ
sich von ihm etwas vorerzählen. Wenn sie ihm zu guter Letzt Gute Nacht sagte,
so schlief er so wohl, als wenn es ein Zauberwort gewesen wäre, dieses ›Gute
Nacht‹ von ihr, mit dem sie die Macht besessen hätte, ihn an einen besonders
tiefen und schönen Schlaf zu fesseln. Am Morgen glitzerte der silberne Tau an den Gesträuchen, an den Gräsern und Blättern, wenn er in sein Geschäft lief, um
zu schreiben und das Inventar der Maschinenfabrik aufnehmen zu helfen.
Einmal, an einem Sonntag, da er von einem Spaziergang zurückkehrte, fand er
Klara schlafend auf dem Diwan in seinem Zimmer. Von draußen tönte eine
Handharfe aus einem der armseligen Berg-Vorstadthäuschen, in denen arme
Arbeiter wohnten. Die Fensterläden waren zugezogen, und ein grünes, heißes
Licht befand sich im Zimmer. Er setzte sich neben die Schlafende ans Fußende
und sie berührte ihn leise mit ihren Füßen. Dieser Druck tat ihm so wohl, und er
sah unverwandt das Gesicht der Schlummernden an. Wie schön war sie, wenn
sie schlief. Sie gehörte zu den Frauen, die am schönsten sind, wenn ihre
Gesichtszüge unbeweglich ruhen. Klara atmete in ruhigen Wellen; ihre Brust, die
halb entblößt war, bewegte sich sanft auf und ab; ihren herabhängenden Händen
war ein Buch entfallen. In Simon stieg der Gedanke auf, hinzuknieen und diese
schönen Hände still zu küssen, aber er tat es nicht. Er würde es vielleicht getan
haben, wenn sie wach dagelegen wäre, aber schlafend? Nein! Geheime,
verstohlene, erschelmte Zärtlichkeiten sind nicht meine Sachen, dachte er. Ihr
Mund lächelte, als schliefe sie nur so und wüßte, daß sie schliefe. Dieses
Lächeln der Schlafenden verbot jeden unzarten Gedanken, aber es zwang,
hinzusehen auf diesen Mund, auf dieses Gesicht, auf dieses Haar und auf diese
länglichen Wangen. Im Schlaf preßte Klara plötzlich ihre Füße stärker an Simon,
dann erwachte sie und schaute sich fragend um und blieb lange an Simons
Augen hängen, als verstände sie irgend etwas nicht. Dann sagte sie: »Du, Simon!
Höre einmal.«
»Was denn?«
»Wir werden nicht mehr lange in diesem Hause wohnen. Agappaia hat alles
verspielt und verloren. Er ist in die Hände von Schwindlern geraten. Das Haus
ist bereits verkauft und zwar an deinen Frauenverein für Volkswohl und
Mäßigkeit. Die Damen gründen hier ein Waldkurhaus für das arbeitende Volk.
Agappaia hat sich einer Gesellschaft von Asienforschern angeschlossen und
wird bald wegreisen, um dort irgendwo in Indien eine versunkene griechische
Stadt zu entdecken. An mich denkt er schon gar nicht mehr. Wie seltsam, es
kränkt mich gar nicht einmal. Mein Mann war überhaupt nie fähig, mich zu
kränken. Genug! Ich werde in einem einfachen Zimmer wohnen, in der Stadt
unten, und Kaspar und du, ihr werdet mich besuchen. Ich werde eine Stelle
bekleiden, irgend eine Stelle, so wie du. Im Herbst ziehen wir aus, dann soll
auch sogleich dieses Haus umgebaut werden. Was sagst du dazu?«
»Mir ist das sehr lieb. Ich dachte auch schon daran, mich zu ›verändern‹.
Jetzt kommt es ja von selbst. Ich freue mich sehr darauf, dich in deinem
zukünftigen Heim besuchen zu können.«
Und beide malten sich die Zukunft aus und lachten dabei.
Kaspar befand sich in einem kleinen Landstädtchen, wo er den Auftrag zu
erledigen hatte, einen Tanzsaal zu dekorieren, das heißt, dessen Wände von oben
bis unten zu bemalen. Es war inzwischen Herbst geworden und eines Tages
machte sich Simon, es war ein Sonnabend, nach Feierabend auf den Weg, um die
Nacht durch die Strecke zu Fuß zu gehen, die ihn von Kaspar trennte. Warum
sollte er nicht eine ganze Nacht lang wandern können. Er hatte eine Landkarte
zur Hand genommen und darauf mit dem Zirkel die Zahl der Stunden, die er
brauchte, um nach dem Städtchen zu gelangen, scharf abgemessen und hatte
wahrgenommen, daß er gerade in einer Nacht, wenn er die Zeit ausnutzte,
hingelangen konnte. Der Weg führte ihn zuerst durch die Vorstadt, wo Rosa,
seine alte Freundin, wohnte, und er verschmähte nicht, ihr im Vorbeilaufen einen
kurzen Besuch abzustatten. Sie war sehr erfreut, ihn nach so langer Zeit wieder
einmal zu sehen, nannte ihn einen bösen, treulosen Menschen, daß er sie so habe
im Stich lassen können, sagte das aber mehr in einem schmollenden als in einem
gereizten Ton und ließ es sich nicht nehmen, Simon ein Glas Rotwein zu trinken
zu geben, das, wie sie sagte, ihn für seine Nachtwanderung stärken solle. Auch
briet sie ihm auf ihrem Gasherde schnell eine Wurst, stichelte den Dastehenden,
während sie kochte, mit nicht unartigen, aber wohlgesetzten Worten, sagte, er
müsse ja sehr gut mit Frauen versehen sein und machte ihn lachend darauf
aufmerksam, daß er eigentlich die Wurst nicht verdiene, sie nun aber doch haben
solle, wenn er künftig fleißiger zu ihr käme. Das versprach, während er sich das
Essen schmecken ließ, Simon und trat bald darauf seine Wanderung mit einigem
Bangen vor der Anstrengung, die ihm bevorstand, an. Aber jetzt noch feige
zurückkehren und die Eisenbahn benutzen, das mochte er doch nicht. So lief er
denn vorwärts und fragte immer wieder nach dem richtigen Weg, um ja sicher zu
gehen. Bei den Wegweisern zündete er ein Streichhölzchen an, hielt es in die
nötige Höhe, um zu sehen, wo der Weg weiter hinliefe. Er ging mit einer ganz
rasenden Schnelligkeit, als fürchtete er, der Weg möchte ihm unter seinen Füßen
entgehen und davonlaufen. Der Rotwein Rosas hatte ihn befeuert und er
wünschte nur, daß bald die Berge kämen, die zu überwinden ihm eine Lust und
Leichtigkeit gewesen wäre. So kam er in das erste Dorf und hatte Mühe, sich auf
den verschiedenen Dorfwegen, die alle kreuz und quer liefen, zurechtzufinden.
Er rief deshalb einen Schmied an, der noch hämmerte, und von diesem erfuhr er,
daß er richtig ging. Nun kam eine Landschaft, die ganz verschwommen war,
weil sie aus lauter Gebüschen bestand; es ging bergaufwärts; dann kam eine Art Hochebene, die etwas Schauerliches an sich hatte. Es war tiefdunkel, kein Stern
am ganzen Himmel, hin und wieder kam der Mond hervor, aber die Wolken
verdeckten sein Licht wieder. Nun lief Simon durch einen finsteren Tannenwald,
er fing an zu keuchen und paßte besser auf seine Schritte auf; denn er stieß
immer wieder an Steine, die im Wege lagen, und das langweilte ihn doch ein
wenig. Der Tannenwald hörte auf, Simon atmete freier; denn in dunklen Wäldern
zu gehen, so allein, ist nicht immer ungefährlich. Ein großes Bauernhaus stand
plötzlich vor ihm wie aus der Erde emporgewachsen und engte seinen Blick ein,
ein großer Hund schoß hervor, sprang auf den Wanderer los, aber biß nicht.
Simon blieb ganz still und ruhig stehen, starrte den Hund nur an, und so wagte
der Hund nicht zu beißen. Weiter ging es! Brücken kamen, die donnerten in der
Stille unter den raschen Schritten, denn sie waren von Holz, es waren alte
Holzbrücken mit Dächern und Heiligenbildern am Ein- und Ausgange. Simon
fing an, gezierte Schritte zu machen, um sich Unterhaltung zu verschaffen.
Plötzlich, auf ganz offenem, aber düsterem Feld stand ein starker Mann vor ihm,
der ihn anschrie und ihn dabei fürchterlich anstarrte. »Was wollen Sie?« schrie
Simon seinerseits, aber er machte eine Schwenkung rund um den Mann herum
und lief fort, ohne hören zu wollen, was der Mann wollte. Sein Herz klopfte, es
war die Plötzlichkeit der Erscheinung, nicht der Mann selber, die ihn erschreckt
hatte. Dann marschierte er durch ein schlafendes, endlos langes Dorf. Ein
weißes, langes Kloster sah ihm entgegen und verschwand wieder. Es ging wieder
bergauf. Simon dachte an gar nichts mehr, die zunehmende Anstrengung lähmte
seine Gedanken; stille Brunnen wechselten mit einsamen Baumgruppen, Wälder
mit Wolken, Steine mit Quellen, es schien alles mit ihm zu gehen und hinter ihm
zu versinken. Die Nacht war feucht, finster und kalt, seine Wangen aber brannten
und seine Haare wurden naß vom Schweiß. Auf einmal erblickte er zu seinen
Füßen etwas gestreckt Liegendes, Weites, Schimmerndes und Glänzendes: es
war ein See; Simon blieb stehen. Von da an ging es abwärts auf einem
fürchterlich schlechten Weg. Zum ersten Mal taten ihm seine Füße weh, aber er
achtete nicht darauf, sondern ging weiter. Äpfel hörte er dumpf auf die Wiesen
fallen. Wie geheimnisvoll schön die Wiesen waren: undurchsichtbar und dunkel.
Das Dorf, das nun folgte, erweckte sein Interesse durch die vornehmen Häuser,
die es zur Schau trug. Aber hier wußte Simon nicht mehr weiter. So sehr er
suchte, den rechten Weg fand er nicht. Da es ihn erbitterte, wählte er, ohne sich
lange zu besinnen, die Hauptstraße. Eine Stunde mochte er gegangen sein, als
ihm ein deutliches Gefühl sagte, daß er eine falsche Richtung eingeschlagen
hatte, er kehrte wieder um, weinte beinahe vor Zorn und schlug seine Füße
gegen die Straße, als hätten sie die Schuld getragen. Er kam wieder ins Dorf
zurück: zwei Stunden versäumt: welche Schmach! Er fand auch sogleich den rechten Weg, nun, da er die Augen besser auftat, lief fort, unter Bäumen, die ihr
Laub fallen ließen, auf einem schmalen Seitenwege, der ganz mit raschelnden
Blättern bedeckt war. Er gelangte in einen Wald, es war ein Bergwald, der
schroff in die Höhe strebte, und da Simon keinen Weg mehr vor sich sah, ging er
einfach gerade aus, suchte sich, immer höher steigend, durch das dichteste
Tannengeäst seine Bahn, zerkratzte sich sein Gesicht, zerrieb seine Hände, aber
es ging wenigstens hinauf, bis endlich der Wald aufhörte, durch den er sich
stöhnend und fluchend hindurchgerungen, und eine freie Weide vor seinen
Augen lag. Er ruhte einen Moment: »Herrgott, wenn ich zu spät komme: welche
Blamage!« Weiter! Er ging nicht mehr, er sprang, indem er rücksichtslos seine
Beine in die weiche Ackererde stampfte. Ein bleiches, schüchternes Morgenlicht
streifte von irgendwoher seine Augen. Er sprang über Hecken, die ihn zu höhnen
schienen. Auf einen Weg achtete er schon längst nicht mehr. Eine anständige,
breite Straße, das blieb in seiner Phantasie als etwas Köstliches hängen, nach
dem er sich von Herzen sehnte. Es ging wieder bergabwärts, in schmale, kleine
Schluchten, wo die Häuser an den Halden wie Spielzeuge klebten. Er roch die
Nußbäume, unter denen er lief; unten im Tal schien so etwas wie eine Stadt zu
sein, aber das war nur eine gierige Ahnung. Endlich fand er die Straße. Seine
Beine selbst schienen mitzujubeln über den Fund und er ging ruhiger, bis er
einen Brunnen fand, zu dessen Röhre er sich wie ein Wahnsinniger hinstürzte.
Unten gelangte er in eine kleine Stadt, kam bei einem weißglänzenden,
zierlichen, anscheinend geistlichen Palais vorbei, dessen Verfallenheit ihn tief
rührte, und wieder ging es ins offene Land hinaus. Hier fing der Tag an zu
grauen. Die Nacht schien zu erbleichen; die lange, stille Nacht machte ein
Zeichen der Bewegung. Simon stürmte jetzt den Weg nur so beiseite. Wie
bequem erschien ihm das Gehen auf einer solchen glatten Straße, die in großen
Windungen zuerst aufwärts, dann prachtvoll gedehnt bergab führte. Nebel
sanken auf die Wiesen nieder und gewisse Tagesgeräusche meldeten sich dem
Ohr. Wie lang doch eine Nacht war. Durch diese Nacht, die er auf der Erde
durchgelaufen, saß vielleicht ein Gelehrter, vielleicht gar sein Bruder Klaus, bei
der Lampe am Schreibtisch, und wachte ebenso sauer und mühsam. Ebenso
wundervoll mußte einem solchen Stillesitzenden der erwachende Tag
vorkommen, wie jetzt ihm, dem Landstraßenläufer. Schon zündete man in
kleinen Häusern die Frühmorgenlichter an. Eine zweite, größere Stadt erschien,
zuerst mit Vorhäusern, dann mit Gassen, dann mit Toren und einer breiten
Hauptstraße, in der Simon ein herrliches Haus mit Statuen von Sandstein auffiel.
Es war eine alte Stadtburg, die jetzt als Postgebäude diente. Schon gingen
Menschen auf der Straße, die er fragen konnte nach dem Weg, wie am Abend
zuvor. Es ging wieder ins flache, freie Land hinaus. Der Nebel zerstob, Farben zeigten sich, entzückte Farben, entzückende Farben, Morgenfarben! Es schien
ein herrlicher, blauer Herbstsonntag werden zu wollen. Nun begegnete Simon
Leuten, namentlich Frauen, sonntäglich geputzten, die vielleicht schon von weit
herkamen, um in die Stadt zur Kirche zu gehen. Immer bunter wurde der Tag.
Jetzt sah man die roten, glühenden Früchte neben der Straße in der Wiese liegen,
auch fielen beständig reife Früchte von den Bäumen. Es war das reine Obstland,
durch das Simon nun weiterschritt. Handwerksburschen begegneten ihm, ganz
bequemlich; die nahmen das Gehen nicht so ernst wie er. Eine ganze
Gesellschaft dieser Burschen lag ausgestreckt an einem Wiesenrand in den ersten
Strahlen der Sonne: welches Bild der Behaglichkeit! Eine Kuh wurde
vorbeigeführt, und die Frauen sagten so schön ›guten Tag‹. Simon aß Äpfel auf
dem Weg, auch er wanderte jetzt ruhig durch das fremde, schöne, reiche Land.
Die Häuser an der Straße waren so einladend, aber noch schöner und zierlicher
waren die Häuser, die mitten unter den Bäumen, tiefer im Land, mitten im Grün
steckten. Die Hügel gingen anmutig und sanft in die Höhe, die Höhen lockten,
alles war blau, von einem herrlichen, feurigen Blau durchzogen, auf Wagen
fuhren ganze Gesellschaften von Leuten daher und endlich sah Simon ein
kleines Häuschen am Weg, dahinter eine Stadt, und sein Bruder steckte den Kopf
durch das Fenster des Hauses. Er war zur rechten Zeit angekommen, kaum eine
Viertelstunde nach der vereinbarten Zeit. Und er ging mit Frohlocken in das
Haus hinein.
Drinnen im Zimmer, beim Bruder, betrachtete er alles mit großen Augen,
obschon gar nicht viel zu betrachten war. In einer Ecke stand das Bett, aber es
war ein interessantes Bett; denn Kaspar schlief darin, und das Fenster war ein
wunderbares Fenster; obgleich es nur aus einfachem Holz war und simple
Vorhänge hatte, schaute doch eben erst Kaspar durch dieses Fenster hinaus. Am
Boden, auf dem Tisch, auf der Bettdecke, auf Stühlen herum lagen Zeichnungen
und Bilder. Jedes einzelne Blatt glitt durch des Besuchers Finger, alles war schön
und so vollendet. Es war Simon beinahe unbegreiflich, was für ein Arbeiter der
Maler war, es lag so viel vor seinen Augen, er konnte kaum mit Ansehen fertig
werden. »Wie das die Natur selber ist, was du malst!« rief er aus: »Es wird mir
immer halb traurig zumute, wenn ich neue Bilder von dir betrachte. Jedes ist so
schön, glänzt von Empfindung und trifft die Natur wie in ihr Herz, und du malst
immer Neues, willst immer Besseres, vernichtest womöglich Vieles, das in
deinen Augen schlecht geworden ist. Ich kann keines von deinen Bildern
schlecht finden, alle rühren mich und bezaubern meine Seele. Nur ein Strich von
dir oder eine Farbe geben mir von deinem schlechthin wundervollen Talent eine
feste und unerschütterliche Überzeugung. Und wenn ich deine Landschaften, die
so breit und warm mit dem Pinsel gemalt sind, ansehe, sehe ich immer dich, und ich fühle eine Art Weh mit dir, das mir sagt, daß es nie ein Ende gibt in der
Kunst. Ich verstehe die Kunst so gut und das Drängen der Menschen, das sie
ihretwegen empfinden, und die Sehnsucht, so um die Liebe und Gnade der Natur
zu werben. Was wollen wir, wenn wir es entzückend finden, eine Landschaft
abgebildet zu sehen? Ist es nur ein Genuß? Nein, wir wollen damit etwas erklärt
finden, aber etwas, das gewiß immer unerklärlich bleiben wird. Es schneidet so
tief in uns hinein, wenn wir, an einem Fenster liegend, träumend eine
untergehende Sonne betrachten, aber das ist noch gar nichts gegen eine Straße,
in der es regnet, wo die Frauen ihre Röcke zierlich hochheben, oder gegen den
Anblick eines Gartens oder Sees unter dem leichten Morgenhimmel oder gegen
eine einfache Tanne im Winter oder gegen eine Gondelfahrt bei Nacht oder
gegen eine Alpenansicht. Nebel und Schnee entzücken uns nicht minder als
Sonne und Farben; denn der Nebel verfeinert wieder die Farben, und der Schnee
ist doch, zum Beispiel unter dem Blau des erwärmenden Vorfrühlingshimmels,
eine tiefe, wundervolle, beinahe unverständliche Sache. Wie schön ich das von
dir finde, Kaspar, daß du malst und so schön malst. Ich möchte ein Stück Natur
sein und mich lieben lassen, so wie du jedes Stück Natur liebst. Der Maler muß
doch wohl die Natur am heftigsten und am schmerzlichsten lieben, viel
stürmischer und zitternder und aufrichtiger als selbst der Dichter, als zum
Beispiel so ein Sebastian, von dem ich doch hörte, daß er sich eine Hütte auf den
Weiden zum Wohnen eingerichtet hat, damit er ungestört, wie ein Einsiedler in
Japan, die Natur anbeten kann. Die Dichter hangen sicher weniger treu an der
Natur, als ihr Maler; denn sie treten in der Regel mit verbildeten und verstopften
Köpfen an sie heran. Doch vielleicht irre ich mich, und ich würde mich in
diesem Fall gerne geirrt haben. Wie mußt du gearbeitet haben, Kaspar. Du hast
doch gewiß keine Ursache, dir selber Vorwürfe zu machen. Das würde ich nicht
tun. Nicht einmal ich tue es, und wahrhaftig, ich hätte es sicher nötig. Aber ich
tu es deshalb nicht, weil es einen unruhig macht und weil die Unruhe ein
häßlicher, des Menschen unwürdiger Zustand ist.« –
»Da hast du recht,« sprach Kaspar.
Sie gingen dann beide durch die kleine Stadt, sahen alles an, was bald, und
wiederum bei der Innigkeit, womit sie es taten, doch nicht bald geschehen war,
begegneten dem Briefträger, der Kaspar einen Brief einhändigte und eine
Grimasse dazu schnitt. Der Brief war von Klara. Die Kirche wurde bewundert
und die Majestät der Stadttürme, die trotzigen Stadtmauern, welche oft
durchbrochen worden waren, die Rebhäuser und Lusthäuser am Berge, in denen
das Leben ausstarb seit so langer Zeit. Die Tannen schauten ernst auf das alte
Städtchen herab, dazu war der Himmel so süß und die Häuser schienen zu
trotzen und verdrießlich zu sein in ihrer Dicke und Breite. Die Wiesen schimmerten, und die Hügel mit den goldenen Buchenwäldern lockten in die
Höhe und Ferne hinein. Am Nachmittag gingen die jungen Männer in den Wald.
Viel sagten sie nicht mehr. Kaspar war still geworden, sein Bruder fühlte, an was
er dachte und wollte ihn nicht aufwecken; denn ihm schien es wichtiger, daß
gedacht werde, als wenn geredet worden wäre. Sie setzten sich auf eine Bank.
»Sie will nicht von mir lassen,« sagte Kaspar, »sie ist unglücklich.« Simon sagte
nichts, aber er empfand eine gewisse Freude für seinen Bruder, daß die Frau
unglücklich um ihn war. Er dachte: »Ich finde es schön, daß sie unglücklich ist.«
Diese Liebe entzückte ihn. Bald wurde jedoch Abschied genommen; denn
Simon mußte, und diesmal mit der Bahn, zurückreisen.