Geschwister Tanner

Robert Walser · Kapitel 16 von 19

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Geschwister Tanner

Fünfzehntes Kapitel.

F ü n f z e h n t e s K a p i t e l .

 

Am nächsten Morgen erwachte er erst, als die Glocken klangen. Er bemerkte

von seinem Bette aus, daß ein herrlicher, blauer Tag draußen sein mußte. In den

Fensterscheiben blitzte so ein Licht, das auf einen wunderbaren Morgenhimmel

hoch über der Gasse schließen ließ. Etwas Hellgoldenes ließ sich ahnen, wenn

man die gegenüberliegende Hausmauer länger ansah. Man mußte bedenken, wie

schwarz und düster diese fleckige Wand bei beflecktem Himmel aussehen

mußte. Man sah lange dahin und stellte sich vor, wie jetzt der See, mit den

Segeln darauf, sich ausnähme, in dem goldenen, blauen Morgenwetter. Gewisse

Waldwiesen, gewisse Aussichten und gewisse Bänke unter den grünen, üppigen

Bäumen, der Wald, die Straßen, die Promenaden, die Wiesen auf dem Rücken

des breiten Berges, vollbesetzt mit Bäumen, die Abhänge und Waldschluchten,

in denen das Grün nur so wucherte, die Quelle und der Waldbach mit den großen

Steinen und dem leise singenden Wasser, wenn man daran saß und sich davon

einschläfern ließ. Das alles war zu sehen, deutlich, wenn Simon auf die Wand

hinüberblickte, die doch nur eine Wand war, aber die heute das ganze Bild eines

seligen Menschensonntages widerspiegelte, nur weil etwas wie ein Hauch von

blauem Himmel darauf auf und ab schwebte. Dazu klangen ja die Glocken in

den bekannten Tönen, und Glocken, ja, die verstanden es, Bilder aufzuwecken.

Er nahm sich, immer noch im Bett liegend, vor, von jetzt ab fleißiger zu sein,

etwas zu studieren, zum Beispiel eine Sprache, und überhaupt geregelter zu

leben. Wie viel hatte er versäumt! Das Lernen mußte einem doch viel Freude

machen. Es war so schön, sich das vorzustellen, recht innig und lebhaft, wie das

wäre, wenn man emsig lernte und lernte, und gar nicht aus dem Lernen

herauskäme. Er fühlte eine gewisse menschliche Reife in sich: nun wohl, um so

schöner müßte das Lernen werden, wenn mit der ganzen, bereits erworbenen

Reife gelernt würde. Ja, das wollte er nun tun: lernen, sich Aufgaben stellen, und

einen Reiz darin finden, Lehrer und Schüler in eigener Person zu sein. Zum

Beispiel, wie würde es mit einer fremden, wohlklingenden Sprache sein, etwa

mit der französischen? »Ich würde Wörter lernen und sie meinem Gedächtnisse

fest einprägen. Wie käme mir da meine allezeit lebhafte Einbildungskraft zu

Hilfe. Der Baum: l'arbre. Ich würde in meinem ganzen Gefühl den Baum sehen. Klara käme mir in den Sinn. Ich würde sie in einem weißen, weitgefalteten Kleid

unter einem breiten, schattigen, dunkelgrünen Baum sehen. So käme mir wieder

vieles, beinahe schon ganz vergessenes in den Sinn. Der Sinn würde stärker und

lebhafter im Erfassen. So, wenn man nichts lernt, stumpft man zusammen. Wie

süß ist gerade die Kleinheit, das Anfängerische! Ich erblicke jetzt einen hohen

Reiz darin und begreife nicht, wie ich so lange, so lange trotzig und träge sein

konnte. O, die ganze Trägheit liegt nur im Trotz des Mehrwissen-wollens und

des vermeintlichen Besser-wissens. Wenn man nur recht weiß, wie wenig man

weiß, kann es noch gut kommen. Ich würde mir bei dem Klang des fremden

Wortes das deutsche inniger denken und mir seinen Sinn weiter ausbreiten in

Gedanken, so würde mir auch die eigene Sprache ein neuer, reicherer Laut voll

ungekannter Bilder werden. Le jardin: der Garten. Hier würde ich an den

ländlichen Garten Hedwigs denken, den ich doch mitgeholfen habe,

anzupflanzen, als es Frühling wurde. Hedwig! Alles würde mir wieder einfallen,

blitzschnell, was sie gesagt, getan, gelitten und gedacht hat, während all der

Tage, die ich bei ihr verbracht habe. Ich habe keine Ursache, so schnell

Menschen und Dinge zu vergessen und meine Schwester erst recht nicht.

Damals, als wir den Garten schon bepflanzt hatten, schneite es nachts wieder,

und wir hatten großen Kummer, es würde uns nichts wachsen in unserem Garten.

Für uns bedeutete das viel; denn wir versprachen uns aus dem Garten recht viel

schönes Gemüse. Wie schön ist es doch, mit einem Menschen den gleichen

Kummer teilen zu können. Wie müßte es erst sein, wenn man die Schmerzen und

das Ringen eines ganzen Volkes mitlitte und mitkämpfte. Ja, das alles würde mir

einfallen beim Lernen einer Sprache, und noch so viel mehr, so vieles, das ich

mir jetzt noch gar nicht ausdenken kann. Nur lernen, nur lernen, gleichviel, was!

Ich will mich auch in die Naturgeschichte versenken, ich ganz allein, ohne

Lehrer, an Hand eines billigen Buches, das ich gleich morgen kaufen werde,

denn heute ist Sonntag, da sind freilich alle Läden geschlossen. Das geht alles,

ganz gewiß. Wozu ist man auf der Welt. Bin ich mir etwa seit einiger Zeit gar

nichts mehr schuldig? Aufraffen muß ich mich endlich, es ist wahrlich die

höchste Zeit.«

Und er sprang aus dem Bett, als wenn es ihm ein Bedürfnis wäre, gleich jetzt

mit den neuen Plänen anzufangen. Rasch kleidete er sich an. Der Spiegel sagte

ihm, daß er wirklich ganz nett aussähe, das befriedigte ihn.

Wie er eben die Treppe hinuntergehen wollte, begegnete ihm Frau Weiß,

seine Wirtin und Zimmervermieterin. Sie war ganz in Schwarz gekleidet und

trug ein kleines Gebetbuch in der Hand, sie kam soeben aus der Kirche. Sie

lachte, als sie den Simon erblickte, recht munter, und fragte ihn, ob er denn nicht

auch zur Kirche hätte gehen mögen.

Er sei schon seit Jahren in keiner Kirche mehr gewesen, erwiderte er.

Die Frau erschrak über ihr ganzes, gutes Gesicht hinweg, als sie solche

Worte vernahm, die ihr ungebührlich erschienen zum Munde eines jungen

Mannes heraus. Sie wurde nicht böse; denn sie war durchaus keine unduldsame

Frömmlerin, aber sie mußte doch zu Simon sagen, da täte er doch nicht ganz

recht. Sie glaube es übrigens gar nicht. Er sähe ihr durchaus nicht so aus. Aber

wenn es wahr wäre, so möchte er bedenken, daß er nicht gut handle, niemals in

die Kirche zu gehen.

Simon versprach ihr, um sie bei guter Laune zu erhalten, nächstens in die

Kirche zu gehen, worauf sie ihn ganz freundlich anschaute. Er indessen ging die

Treppe hinunter, ohne sich weiter bei ihr aufzuhalten. »Ein liebes Weib,« dachte

er, »und ich gefalle ihr, ich merke es immer, wenn ich einer Frau gefalle. Wie

lustig sie mit mir wegen der Kirche geschmollt hat. So übers ganze Gesicht ein

Schmollen: das kleidet eine Frau immer. Das sehe ich sehr gern. Sie hat

außerdem Respekt vor mir. Ich werde mir den ferner zu erhalten wissen bei ihr.

Aber ich werde nicht viel und nicht oft zu ihr reden. Sie wird dann wünschen,

ein Gespräch mit mir anzufangen, und wird froh über jedes Wort sein, das ich

mit ihr spreche. Ich mag gern solche Frauen, wie sie eine ist. Das Schwarz steht

ihr herrlich. Wie lieb das kleine Gebetbuch aussah, das sie in ihrer üppigen Hand

trug. Eine Frau, die betet, erhält eigentlich einen sinnlichen Reiz mehr. Wie

schön diese blasse Hand aus dem Schwarz des Ärmels heraustrat. Und ihr

Gesicht! Nun, schon gut! Es ist jedenfalls sehr angenehm, etwas Liebes für die

Reserve zu haben, so gleichsam im Hinterhalt. Man besitzt dann eine Art Heim,

ein Zuhausesein bei jemandem, einen Rückhalt, einen Zauber, da ich doch

einmal ohne einen gewissen vorhandenen Zauber nicht leben kann. Sie hatte

noch den Wunsch, vorhin, auf der Treppe, weiter mit mir zu sprechen. Ich habe

aber abgebrochen; denn ich hinterlasse bei Frauen gern unerfüllt gebliebene

Wünsche. So setzt man seinen Wert nicht herab, sondern schraubt ihn in die

Höhe. Die Frauen wollen das übrigens selber, daß man so handelt.«

Die Straße wimmelte von sonntäglich geputzten Menschen. Die Frauen

gingen alle in hellen, weißen Kleidern, die Mädchen trugen an ihren weißen

Röcken farbige, breite Schleifen, die Männer waren einfach gekleidet in hellere

Sommerstoffe, Knaben trugen Matrosenkleider, Hunde liefen hinter ein paar

Menschen her; im Wasser, in ein Drahtgitter eingeschlossen, schwammen

Schwäne herum, etliche junge Leute beugten sich über das Geländer der Brücke

und sahen ihnen aufmerksam zu, wieder andere Männer gingen ziemlich

feierlich zur Urne und gaben dort ihre Stimmzettel zu den Wahlen ab, die

Glocken läuteten zum zweiten oder zum dritten Mal, der See schimmerte blau

und die Schwalben flogen hoch oben in der Luft, über die Dächer hinweg, die in der Sonne strahlten; die Sonne war zuerst eine Sonntag-Vormittagsonne, dann

eine Sonne schlechthin und dann noch eine Extrasonne für ein paar

Künstleraugen, die wohl mit unter der Menge sein mochten; dazwischen grünten

und breiteten sich die Bäume der städtischen Parkanlagen aus; unter der

dunkleren Baumschattenwelt spazierten wieder andere Frauen und andere

Männer; Segelschiffe flogen im Wind auf dem blauen, fernen Wasser, und träge,

an Fässer angebundene Boote schaukelten am Ufer; hier flogen wieder andere

Vögel und Menschen standen hier still, die die blaue, weißliche Ferne und die

Berggipfel betrachteten, die am fernen Himmel wie köstliche, weiße, beinahe

unsichtbare Spitzen herunterhingen, als ob der ganze Himmel eine hellblaue

Morgenmantille gewesen wäre. Alles hatte etwas zu betrachten, zu plaudern, zu

empfinden, zu zeigen, hinzuweisen, zu bemerken und zu lächeln. Aus einem

Pavillon klangen jetzt die Töne einer Musikkapelle wie flatternde, zwitschernde

Vögel aus dem Grün heraus. Dort im Grün spazierte auch Simon. Die Sonne

warf durch das Blätterwerk helle Flecken auf den Weg, auf den Rasen, auf die

Bank, wo Kindermädchen Kinderwägelchen hin und her rollten, auf die Hüte der

Damen und auf die Achseln der Männer. Alles plauderte, schaute, blickte, grüßte

und promenierte durcheinander. Die vornehmen Karossen rollten auf der Straße,

die elektrische Straßenbahn sauste ab und zu vorbei, und die Dampfschiffe

pfiffen und man sah durch die Bäume ihren Rauch dick und schwer

davonfliegen. Draußen im See badeten junge Menschen. Die sah man allerdings,

unter dem Grün auf und ab spazierend, nicht, aber man wußte es, daß dort nackte

Leiber im flüssigen Blau herumschwammen und herausleuchteten. Was leuchtete

eigentlich heute nicht? Was flimmerte nicht? Alles flimmerte, blitzte, leuchtete,

schwamm in Farben und verschwamm zu Tönen vor den Augen. Simon sagte

mehrere Male hintereinander zu sich: »Wie schön ist ein Sonntag!« Er sah den

Kindern und allen Menschen in die Augen, er sah alles selig und verwirrt an,

bald erhaschte er eine schöne, einzelne Bewegung, und bald trat ihm das Ganze

vor die Augen. Er setzte sich zu einem anscheinend noch jungen Manne auf eine

Bank und blickte dem Mann in die Augen. Es entspann sich ein Gespräch

zwischen ihnen, denn es war so leicht, mit reden anzufangen, wo alles so

glücklich war.

Der andere Mann sprach zu Simon:

»Ich bin Krankenwärter, aber gegenwärtig bin ich nichts als Bummler. Ich

komme aus Neapel, wo ich im Fremdenhospital die Kranken pflegte. Vielleicht

werde ich schon in zehn Tagen irgendwo in Inner-Amerika sein, oder in

Rußland; denn man schickt uns überall da hin, wo ein Wärter verlangt wird, sei

es auch auf den Südseeinseln. Man sieht auf diese Weise die Welt, das ist wahr,

aber die Heimat wird einem so fremd, ich kann mich da nicht genügend ausdrücken. Sie zum Beispiel leben wahrscheinlich immer in Ihrer Heimat, sie

umgibt Sie immerwährend, Sie fühlen sich von den Bekannten umschlossen, Sie

schaffen hier, Sie sind hier glücklich und erleben sicher hier auch Ihr

Mißgeschick, gleichviel, Sie dürfen wenigstens an einen Boden, an ein Land, an

einen Himmel, wenn ich es so sagen darf, gebunden sein. Es ist schön, an etwas

gefesselt zu sein. Man fühlt sich wohl, hat ein Recht, sich wohl zu fühlen und

darf auf das Verständnis und die Liebe seiner Mitmenschen hoffen. Aber ich?

Nein! Sehen Sie, ich bin zu schlecht geworden für meine engere Heimat,

vielleicht auch zu gut, zu alles verstehend. Ich kann nicht mehr mitempfinden

mit meinen Landsleuten. Ihre Vorliebe verstehe ich ebensowenig mehr wie ihren

Zorn und ihre Abneigung. Jedenfalls bin ich fremd. Und ich fühle, es wird einem

übel genommen, daß man fremd geworden ist. Und gewiß hat man recht, das zu

tun; denn ich habe unrecht getan, mich zu entfremden. Was nützt es mir, wenn

auch meine Ansichten über Vieles weltmännischer und klüger sind, wenn ich mit

meinen Ansichten nur verletze? Dann sind es schlechte Ansichten, wenn sie

verletzen. Eines Landes Sitten und Anschauungen sind etwas, das man heilig

halten muß, wenn man nicht eines Tages ein Fremdling darin werden will, wie es

mit mir geschehen ist. Nun, ich reise ja sehr bald wieder weg, zu meinen

Kranken.«

Er lächelte und fragte Simon: »Was sind Sie?«

»Ich bin in meinem eigenen Lande ein sonderbarer Geselle,« antwortete

Simon, »ich bin eigentlich Schreiber, und Sie können sich leicht denken, was ich

da für eine Rolle in meinem Vaterlande spiele, wo der Schreiber so ziemlich der

letzte Mensch ist, den es in der Rangordnung der Klassen gibt. Andere junge

Handelsbeflissene reisen, um sich auszubilden, in das ferne Ausland, und

kommen dann mit einem ganzen Sack voller Kenntnisse wieder heim, wo ihnen

ehrenvolle Stellen offen gehalten werden. Ich nun, müssen Sie wissen, bleibe

immer im Lande. Es ist gerade so, als fürchte ich, daß in anderen Ländern keine

oder nur eine minderwertige Sonne scheine. Ich bin wie festgebunden und sehe

immer Neues im Alten, deshalb vielleicht gehe ich so ungern fort. Ich verkomme

hier, ich sehe es wohl, und trotzdem, ich muß, so scheint es, unter dem Himmel

meiner Heimat atmen, um überhaupt leben zu können. Ich genieße natürlich

wenig Achtung, man hält mich für liederlich, aber das macht mir so nichts, so

gar nichts aus. Ich bleibe und werde wohl bleiben. Es ist so süß, zu bleiben. Geht

denn die Natur etwa ins Ausland? Wandern Bäume, um sich anderswo grünere

Blätter anzuschaffen und dann heimzukommen und sich prahlend zu zeigen? Die

Flüsse und die Wolken gehen, aber das ist ein anderes, tieferes Davongehen, das

kommt nie mehr wieder. Es ist auch kein Gehen sondern nur ein fliegendes und

fließendes Ruhen. Ein solches Gehen, das ist schön, meine ich! Ich blicke immer die Bäume an, und sage mir, die gehen ja auch nicht, warum sollte ich nicht

bleiben dürfen? Wenn ich im Winter in einer Stadt bin, so reizt es mich, sie auch

im Frühling zu sehen, einen Baum im Winter, ihn auch im Frühling prangen und

seine ersten, entzückenden Blätter ausbreiten zu sehen. Nach dem Frühling

kommt immer der Sommer, unerklärlich schön und leise, wie eine glühende,

große, grüne Welle aus dem Abgrund der Welt herauf, und den Sommer will ich

doch hier genießen, verstehen Sie mich, mein Herr, hier, wo ich den Frühling

habe blühen sehen. Da ist zum Beispiel dieses kleine Wiesen- oder Rasenbord.

Wie süß ist das im Vorfrühling anzusehen, wenn der Schnee eben unter der

Sonne darauf zerronnen ist. Aber um diesen Baum und um dieses Bord und um

diese Welt handelt es sich: ich glaube, ich würde an anderen Orten den Sommer

nicht bemerken. Die Sache ist die: ich habe eine recht verteufelte Lust, hier am

Fleck zu bleiben und eine ganze Menge unlustiger Gründe, die mir das Reisen

ins Ausland verbieten. Zum Beispiel: hätte ich etwa Reisegeld? Sie werden

wissen, man braucht Geld, um mit der Eisenbahn oder mit dem Schiff zu fahren.

Ich habe noch Geld für etwa zwanzig Mahlzeiten; aber ich habe kein Reisegeld.

Und ich bin froh, daß ich keines habe. Mögen andere reisen und klüger

heimkommen. Ich bin klug genug, eines Tages hier im Lande mit Anstand zu

sterben.«

Nach einem kurzen Stillschweigen, während dessen der Krankenwärter ihn

unverwandt anblickte, fuhr er fort:

»Und dann habe ich auch gar kein Verlangen darnach, Karriere zu machen.

Was andern das meiste ist, ist mir das mindeste. Ich kann das Karrieremachen in

Gottes Namen nicht achten. Ich mag leben, aber ich mag nicht in eine Laufbahn

hineinlaufen, was so etwas Großartiges sein soll. Was ist Großartiges dabei:

frühzeitig krumme Rücken vom Stehen an zu kleinen Pulten, faltige Hände,

blasse Gesichter, zerschundene Werktagshosen, zittrige Beine, dicke Bäuche,

verdorbene Mägen, kahle Platten auf den Schädeln, grimmige, anschnauzige,

lederne, verblaßte, glutlose Augen, abgemergelte Stirnen und das Bewußtsein,

ein pflichtgetreuer Narr gewesen zu sein. Ich danke! Ich bleibe lieber arm aber

gesund, verzichte auf eine Staatswohnung, zugunsten eines billigen Zimmers,

wenn es auch auf die dunkelste Gasse hinausgeht, lebe lieber in

Geldverlegenheiten als in der Verlegenheit, wo ich sommers hinreisen soll, um

meine verdorbene Gesundheit aufzuputzen, bin allerdings nur von einem

einzigen Menschen geachtet, nämlich von mir selber, aber das ist einer, an

dessen Achtung mir am meisten liegt, bin frei und kann jedesmal, wenn es die

Notwendigkeit verlangt, meine Freiheit für einige Zeitlang verkaufen, um

nachher wieder frei zu sein. Es lohnt sich, um der Freiheit willen arm zu bleiben.

Ich habe zu essen; denn ich besitze das Talent, mit ganz Wenigem satt zu werden. Ich werde rasend, wenn man mir mit dem Wort und mit der Zumutung

kommt, die in dem Worte »Lebensstellung« liegt. Ich will Mensch bleiben. Mit

einem Wort: ich liebe das Gefährliche, das Abgründige, Schwebende und das

Nicht-Kontrollierbare!«

»Sie gefallen mir,« sagte der Krankenwärter.

»Ich wollte durchaus nicht Ihr Gefallen erwecken, aber es freut mich

trotzdem, wenn ich Ihnen gefalle, da ich einigermaßen von der Leber wegrede.

Übrigens hätte ich nicht nötig gehabt, heftig auf andere zu werden. Das ist

immer dumm, und man hat kein Recht, Verhältnisse zu beschimpfen, weil sie

einem nicht behagen. Man kann ja fortgehen, ich kann ja fortgehen! Aber nein,

es behagt mir eben. Meine Lage gefällt mir. Die Menschen gefallen mir, so wie

sie sind. Ich meinesteils suche auch mit allen Mitteln meinen Mitmenschen zu

gefallen. Ich bin fleißig und arbeitsam, wenn ich einen Auftrag zu erfüllen habe,

aber meine Lust an der Welt opfere ich niemandem zu Gefallen, höchstens

würde ich sie dem heiligen Vaterlande hinopfern, wozu bis jetzt die Gelegenheit

noch immer ausgeblieben ist und wohl auch ausbleiben wird. Mögen sie

immerzu Karriere machen, ich begreife sie, sie wollen bequem leben, sie wollen

sorgen, daß ihre Kinder auch etwas haben, sie sind vorsehende Väter, deren Tun

nur achtenswert ist, mich mögen sie eben auch machen lassen, sie mögen mich

auf meine Weise dem Leben seinen Reiz abzureißen versuchen lassen, das

versuchen alle, alle, nur nicht alle auf die gleiche Art. Es ist ja so wundervoll,

reif genug zu sein, um alle machen zu lassen in ihrer Art, so wie es jeder

versteht. Nein, wenn einer dreißig Jahre lang sein Amt treu verwaltet hat, ist er

am Ende seiner Lebensbahn durchaus kein Narr gewesen, wie ich vorhin in der

Heftigkeit sagte, sondern ein Ehrenmann, der verdient, daß man ihm Kränze aufs

Grab legt. Sehen Sie, ich will keine Kränze auf mein Grab bekommen, das ist

der ganze Unterschied. Mein Ende ist mir gleichgültig. Sie sagen mir immer,

jene andern, ich werde meinen Übermut noch schwer büßen müssen. Nun wohl,

dann büße ich und erfahre dann doch, was büßen heißt. Ich erfahre gern alles

und deshalb fürchte ich nicht so viel, wie die, die um eine glatte Zukunft besorgt

sind. Ich habe immer Angst, es möchte mir eine einzige Lebenserfahrung

entgehen. Darauf bin ich ehrgeizig wie zehn Napoleone. Doch jetzt bin ich

hungrig, ich möchte essen gehen, kommen Sie mit? Es würde mich freuen.«

Und sie gingen zusammen.

Nach dem etwas wilden Gerede war Simon plötzlich weich und sanft

geworden. Er sah mit entzückten Augen die schöne Welt an, die runden, üppigen

Kronen der hohen Bäume und die Straßen, wo die Menschen gingen. »Die

lieben, geheimnisvollen Menschen!« dachte er bei sich und gestattete es, daß

sein neuer Freund ihm die Schulter mit der Hand berührte. Er sah es gerne, daß der andere so vertraulich wurde, es paßte, es verband und löste auf. Er sah alles

mit lachenden, glücklichen Augen an, wobei er wieder dachte: »Wie sind doch

Augen schön!« Ein Kind hatte zu ihm den Blick erhoben. Mit so einem

Kameraden zu gehen, wie der Krankenwärter war, erschien ihm als etwas ganz

Neues, noch nie Erlebtes, als etwas jedenfalls Angenehmes. Auf dem Wege

kaufte derselbe bei einem Gemüsehändler ein Gericht frischer Bohnen und in

einer Metzgerei Speck und lud Simon zu sich zum Mittagessen ein. Gerne wurde

das Angebot angenommen.

»Ich koche immer selbst,« sagte der Krankenwärter, als sie beide in dessen

Wohnung anlangten, »ich habe mir das angewöhnt. Es macht Spaß, glauben Sie

es mir nur. Passen Sie auf, wie vortrefflich Ihnen die Bohnen mit dem schönen

Speck schmecken werden. Ich stricke mir zum Beispiel auch selber meine

Strümpfe und wasche meine Wäsche selber. So erspart man viel Geld. Ich habe

das alles gelernt, und warum sollten sich solche Arbeiten nicht auch

ausnahmsweise einmal für einen Mann schicken, wenn er ausgesprochenen Sinn

dafür hat. Ich sehe nicht ein, was in einer solchen Beschäftigung Beschämendes

liegen sollte. Ich fertige mir auch selber Hausschuhe, wie diese hier sind, an.

Einige Aufmerksamkeit erfordert schon solch eine Arbeit. Pulswärmer für den

Winter zu stricken oder Westen zu machen, bietet mir keine besonderen

Schwierigkeiten. Wenn man immer so allein ist, und auf Reisen, wie ich, kommt

man auf wunderliche Sachen. Machen Sie es sich, oder, mach es dir bequem,

Simon! Sollte ich mir nicht gestatten dürfen, dir das »Du« anzutragen?« –

»Warum nicht? Gern!« Und Simon errötete auf ihm ganz unbegreifliche

Weise.

»Ich habe dich sehr lieb vom ersten Augenblick an gewonnen,« sprach der

Wärter, der sich Heinrich nannte, weiter, »man braucht dich nur anzusehen, um

überzeugt zu sein, daß du ein lieber Kerl bist. Ich hätte Lust, dich zu küssen,

Simon.« –

Simon wurde es schwül in dem Zimmer. Er stand vom Stuhle auf. Er ahnte,

was es für einer sei, der ihn so merkwürdig zärtlich ansah. Aber was schadete

das. »Ich will es gehen lassen,« dachte er. »Ich mag dem Heinrich, der sonst nett

ist, deswegen nicht grob kommen!« Und er gab seinen Mund her und ließ sich

darauf küssen.

Was war es denn weiter!

Übrigens fand er es hübsch und dem Zustand von Weichheit, in dem er sich

befand, angemessen, sich so zärtlich behandeln zu lassen. Wenn es auch diesmal

nur ein Mann war! Er fühlte deutlich, daß dessen seltsame Neigung zu ihm der

schonenden und vorläufig dahin gehen lassenden Rücksicht bedurfte, und er

hätte es nie vermocht, die Hoffnungen des Mannes zu zerstören, wenn es nun einmal auch unwürdige Hoffnungen waren. Mußte er denn deswegen empört

tun? »Keine Rede,« dachte sich Simon, »ich lasse ihn einstweilen gewähren, es

paßt zu allem, was jetzt um mich herum vorgeht!«

Den Abend verbrachten beide mit einer Wanderung von Kneipe zu Kneipe;

denn der Wärter war ein ziemlich leidenschaftlicher Trinker, weil er mit seiner

freien Zeit nicht viel anderes anzufangen wußte. Simon fand es für passend, in

jeder Beziehung mitzumachen. Er lernte dort in den kleinen, dumpfigen

Wirtschaften Menschen kennen, die mit unglaublicher Ausdauer Karten spielten.

Das Kartenspiel schien solchen eine ganz eigene Welt zu sein, in der sie sich

nicht gern stören ließen. Andere saßen den ganzen Abend da und klemmten

einen spitzen, langen Zigarrenstengel zwischen den Zähnen herum, ohne sich

weiter bemerkbar zu machen, als etwa dadurch, daß sie den Zigarrenrest, wenn

er zu kurz geworden war, um zwischen den Lippen noch weiter gepreßt zu

werden, an die Spitze ihres Sackmessers steckten, um ihn bis zu der kleinsten

Kürze herunterrauchen zu können. Eine abgemagerte, wüste Klavierspielerin

erzählte ihm, daß ihre Schwester eine schlechte Schwester aber eine berühmte

Konzertsängerin sei, mit der sie längst aufgehört habe, familiär zu verkehren.

Simon fand es begreiflich, aber er benahm sich zart und sagte ihr nicht, daß er es

begreiflich fände. Er hielt die Person mehr für unglücklich als verdorben, und

das Unglück ehrte er immer, während er die Verdorbenheit für die Folge des

Unglückes hielt, das wenigstens Anstand erforderte. Er sah dicke, kleine,

furchtbar lebhafte Wirtinnen, die sich den Gästen unter allerhand

Zutraulichkeiten nahten, während ihre Männer auf Sofas und in Lehnstühlen

schliefen. Oft wurde ein gutes, altes Volkslied gesungen, von einem, der im

Singen solcher alter Lieder, was die Tonart und den Wechsel der Stimme betraf,

Meister war. Diese Lieder klangen schön und wehmütig, man spürte

unwillkürlich, wie manche rauhe und helle Kehle sie schon, einstmals und viel

früher, gesungen haben mußte. Einer riß beständig Witze, es war ein kleiner,

junger Mensch in einem alten, großen, breiten, hohen, tiefen Hut, den er

irgendwo beim Trödler erstanden haben mußte. Sein Mund war schmierig und

seine Witze nicht minder, aber sie zwangen zum Lachen, ob man wollte oder

nicht. Einer sagte ihm: »Ich bewundere Ihren Witz, Sie!« Aber der Witzige

lehnte die dumme Bewunderung mit gut gespielter Verwunderung ab, und das

war ein wirklicher Witz, der jeden Gebildeten hätte freuen können. Der Wärter

erzählte allen Menschen, die neben ihn zu sitzen kamen, er sei im Grunde

genommen zu schlecht und wieder, wenn er es recht bedenke, zu gut für seine

Heimat. Simon dachte: »Wie dumm!« Aber von Neapel stattete der

Krankenpfleger weit hübscheren Bericht ab, so sagte er zum Beispiel, daß dort in

den Museen wundervolle Überreste von antiken Menschen zu sehen seien, und man könne daran sehen, daß die früheren Menschen uns an Größe, Breite und

Dicke weit übertroffen hätten. Arme hätten diese Menschen gehabt wie wir

Beine etwa! Das müsse ein Geschlecht von Weibern und Männern gewesen sein,

das! Was wir dagegen seien? Einfach eine heruntergekommene, verkrüppelte,

verkümmerte, zugespitzte, in die Länge und Dünne gesprungene und zerrissene

und zerfetzte und abgemagerte Generation. Auch den Golf von Neapel wußte er

in anmutigen Worten zu schildern. Viele hörten ihm aufmerksam zu, aber viele

schliefen und weil sie schliefen, konnten sie nichts hören.

Simon kam sehr spät nach Hause, fand die Haustüre verschlossen, hatte aber

keinen Schlüssel bei sich und klingelte an der Hausglocke ziemlich

unverschämt; denn er war in einem Zustand, in welchem man stets rücksichtslos

zu sein pflegt. Ein Fenster öffnete sich sogleich auf den heftigen Schall, den die

Glocke verursachte, und eine weiße Gestalt, ohne Zweifel die Frau in ihrer

Nachtjacke, warf den in dickes Papier gewickelten Schlüssel hinunter.

Am nächsten Morgen lächelte sie ihm, statt erzürnt über ihn zu sein, in der

freundlichsten Weise »Guten Morgen« entgegen, und erwähnte mit keinem Wort

die Störung in der Nacht. Simon fand es deshalb auch nicht am Platz, ein Wort

darüber zu sagen und entschuldigte sich, halb aus Zartheit und halb aus

Bequemlichkeit, nicht.

Er ging weg und suchte den Wärter auf. Der Montagmorgen war wiederum

prachtvoll. Die Menschen waren alle an ihrer Arbeit, die Gassen waren

infolgedessen leer und hell, er trat in das Zimmer, wo der Wärter noch schläfrig

im Bette lag. Simon bemerkte an den Wänden des Zimmers heute, was er

gestern nicht beobachtet hatte, eine Menge ziemlich süßlicher, christlicher

Wanddekorationen: Engelchen mit rötlichen Köpfchen aus Papier geschnitten

und Tafeln mit Sprüchen, die in geheimnisvolle, trockene Blumen gerahmt

waren. Er las sämtliche Sprüche, es waren tiefe darunter, die zum Nachdenken

reizten, Sprüche, die vielleicht älter waren als acht alte Menschen miteinander,

aber auch glättliche, neue Sprüche, die sich so lasen, als ob sie zu Tausenden in

einer Fabrik fabriziert worden wären. Er dachte: »Wie seltsam ist das! Überall,

in vielen einzelnen Zimmern und Zimmerchen, wohin man auch kommen mag,

und was man auch gerade verüben mag, sieht man solche Stücke alter

Religionen an Wänden hängen, die teils viel sagen, und teils wieder weniger,

teils auch gar nichts mehr. Was glaubt der Wärter? Sicher nichts! Vielleicht ist

die Religion bei vielen, heutigen Menschen nur noch so halbe, oberflächliche

und unbewußte Geschmackssache, eine Art Interesse und Gewohnheit,

wenigstens bei den Männern. Vielleicht hat eine Schwester des Wärters dieses

Zimmer auf diese Weise ausgeschmückt. Ich glaube es; denn die Mädchen haben

innigeren Grund zur Frömmigkeit und zum religiösen Nachsinnen als die Männer, deren Leben immer mit der Religion gestritten hat, von jeher, wenn es

nicht gerade Mönche waren. Aber ein protestantischer Pfarrer in schneeweißen

Haaren, mit mildem, geduldigem Lächeln und edlem Gang, wenn er durch

einsame Waldlichtungen schreitet, ist und bleibt etwas Schönes. In der Stadt ist

die Religion weniger schön als auf dem Land, wo Bauern leben, deren Lebensart

schon an und für sich etwas Tiefreligiöses hat. In der Stadt gleicht die Religion

einer Maschine, was etwas Unschönes ist, auf dem Lande dagegen empfindet

man den Gottesglauben als dasselbe wie ein blühendes Kornfeld, oder wie eine

ausgedehnte, üppige Wiese, oder wie das entzückende Anschwellen leicht

gebogener Hügel, auf deren Höhe ein verstecktes Haus steht, mit stillen

Menschen, denen das Nachsinnen wie ein Freund ist. Ich weiß nicht, mir kommt

vor, als ob in der Stadt der Pfarrer zu dicht neben dem Börsenspekulanten und

dem glaubenslosen Künstler wohne. Es mangelt in der Stadt dem Gottesglauben

an der gehörigen Entfernung. Die Religion hat hier zu wenig Himmel und zu

wenig Geruch von Erde. Ich kann es nicht so gut sagen, und was kümmert es

mich überhaupt. Religion ist nach meiner Erfahrung Liebe zum Leben, inniges

Hangen an der Erde, Freude am Moment, Vertrauen in die Schönheit, Glauben

an die Menschen, Sorglosigkeit beim Gelage mit Freunden, Lust zum Sinnen

und das Gefühl der Verantwortungslosigkeit in Unglücksfällen, Lächeln beim

Tode und Mut in jeder Art Unternehmungen, die das Leben bietet. Zuletzt ist

tiefer, menschlicher Anstand unsere Religion geworden. Wenn die Menschen

voreinander den Anstand bewahren, bewahren sie ihn auch vor Gott. Was will

Gott mehr wollen? Das Herz und die feinere Empfindung können zusammen

einen Anstand hervorbringen, der Gott wohlgefälliger sein dürfte, als finsterer,

fanatischer Glaube, der den Himmlischen selbst beirren muß, so daß er am Ende

noch wünschen wird, keine Gebete mehr zu seinen Wolken hinaufdonnern zu

hören. Was kann ihm unser Gebet sein, wenn es derart anmaßlich und plump zu

ihm hinaufdringt, als ob er schwerhörig wäre? Muß man ihn sich nicht mit den

allerfeinsten Ohren vorstellen, wenn man ihn überhaupt denken kann? Ob ihm

die Predigten und die Orgeltöne recht angenehm sind, ihm, dem

Unaussprechlichen? Nun, er wird eben lächeln zu unsern immer noch so

finsteren Bemühungen und er wird hoffen, daß es uns eines Tages einfällt, ihn

ein wenig mehr in Ruhe zu lassen.«

»Sie sind ja so nachdenklich, Simon,« sagte der Wärter.

»Gehen wir?« fragte Simon.

Der Krankenwärter war fertig geworden, und beide gingen zusammen die

steilen Wege den Berg hinauf. Die Sonne schien glühend heiß. Sie traten in einen

kleinen, üppig verwachsenen Biergarten hinein und ließen sich einen

Frühschoppen reichen. Als sie indessen gehen wollten, ermunterte sie die Wirtin, eine hübsche Frau, zum Dableiben, und sie blieben, bis es Abend wurde. »So

vertrinkt man, ehe man es denkt, den hellen Sommertag,« dachte Simon mit

einem Gefühl, das mit taumelnder Lust und mit einem sanften, schönen,

melodiösen Weh gemischt war. Die Farben des Abends im Grün machten ihn

trunken. Sein Freund schaute ihm tief und verlangend in die Augen und schlang

den Arm um seinen Hals. »Eigentlich ist das häßlich,« dachte Simon. Auf dem

Wege wurden alle Weiber und Mädchen in der auffallendsten Weise von den

beiden angesprochen. Die Arbeiter kamen von der Arbeit heim, Menschen, die

noch rüstig gingen, die Schultern seltsam wiegten, als atmeten sie jetzt befreit

auf. Simon entdeckte prachtvolle Gestalten unter ihnen. Als sie in den heißen,

aber schon dunkel gefärbten Wald kamen, der den Berg krönte, sank unten in der

fernen Welt die Sonne unter. Sie lagerten sich in grüne Blätter und Gesträuch

hinein und schwiegen und atmeten nur so. Dann kam, was Simon jetzt erwartete,

die Annäherung seines Kameraden, die ihn aber durchaus erkältete.

»Es hat keinen Sinn,« sagte er, »hören Sie auf oder so: höre doch auf.«

Der Wärter ließ sich beschwichtigen, aber er war unmutig geworden, Leute

kamen vorbei, sie mußten aufstehen und den Platz verlassen. Simon dachte:

»Warum verbringe ich den Tag mit einem solchen Menschen?« Aber er gestand

sich gleich darauf, daß er eine gewisse Freude an ihm habe, trotz seiner

seltsamen, unschönen Neigungen. »Ein anderer würde den Wärter verachten,«

dachte er weiter, indem sie den Rückweg einschlugen, »aber ich bin so einer, der

einen jeden Menschen in seiner Art und Unart interessant und liebenswert findet.

Ich komme nicht bis zur Menschenverachtung, oder ich verachte eigentlich nur

die Feigheit und Leblosigkeit, aber ich finde an der Verdorbenheit sehr leicht

etwas Interessantes. Und in der Tat, sie klärt über vieles auf, läßt tiefer in die

Welt blicken und macht einen erfahrener und macht milder und treffender

urteilen. Man muß mit allem bekannt werden, und man lernt es nur kennen,

wenn man es tapfer berührt. Irgend jemandem ausweichen, aus Furcht, das

würde ich meiner für unwürdig halten. Überdies: einen Freund haben, ist

unschätzbar! Was schadet es, wenn es ein etwas merkwürdiger Freund ist.« –

Simon fragte:

»Bist du mir böse, Heinrich?«

Der aber sprach nichts mehr. Sein Gesicht hatte einen finsteren Ausdruck

angenommen. Wieder langten sie an dem Biergarten an, der jetzt in seinen

zierlichen Umrissen dunkel war. Farbige, schimmernde Lampions erleuchteten

das dunkle Grün an einigen Stellen, Geräusch und Gelächter drang heraus, und

die beiden, angelockt von dem lustigen, feurigen Leben, gingen wieder hinein,

wo sie von der Wirtin freundschaftlich begrüßt wurden.

Der rote, dunkle Wein funkelte in den hellen Gläsern, die Lichtschimmer vermengten sich mit den erhitzten Gesichtern, die Blätter von dem Gebüsch

berührten die Kleider der Frauen, es schien so selbstverständlich, daß man die

heiße Sommernacht in einem lispelnden Garten mit Trinken, Singen und Lachen

verbrachte. Aus dem tief gelegenen Bahnhof drang das Gelärm der Eisenbahnen

herauf an die Ohren der Schwärmenden. Ein reicher, langer, rotbäckiger

Weinhändlerssohn machte sich mit Simon in einem kühnen, philosophierenden

Gespräch zu schaffen. Der Wärter widersprach in allem, weil er unmutig und

ärgerlich war. Die Kellnerin, ein schlankes, brünettes Mädchen, setzte sich zu

Simon und ließ es sich gefallen, daß er sie eng an sich heranzog, um sie zu

küssen. Sie ertrug den Kuß gern, mit stolzen, geschwungenen Lippen, die wie

dazu geschaffen schienen, Wein zu schlürfen, zu lachen und zu küssen. Der

Wärter wurde noch böser und wollte aufbrechen, woran man ihn aber verhindern

konnte. Da sang einer, ein junger, braungefärbter, dunkler Bursche mit grünem

Jägerhut ein Lied, während sein Mädchen, das sich, an seine Brust

angeschmiegt, eng an ihn lehnte, in leisen, glücklichen Tönen mitsang. Das

klang so berauschend, dunkel und südlich. Simon dachte: »Lieder sind doch

immer wehmütig, wenigstens die schönen. Sie mahnen ans Aufbrechen!« Aber

er blieb noch lange in dem nächtlichen Garten.