Geschwister Tanner

Robert Walser · Kapitel 12 von 19

PDF-Seiten

Geschwister Tanner

Elftes Kapitel.

E l f t e s K a p i t e l .

 

Es war ungefähr zwei Uhr am Nachmittag, als Simon in der großen Stadt, die

er vor ungefähr drei Monaten verlassen hatte, mit der Eisenbahn wieder ankam.

Der Bahnhof war voll Menschen und ganz schwarz, mit jenem Geruch angefüllt,

der nur in kleinen, ländlichen Bahnhöfen nicht anzutreffen ist. Simon zitterte, als

er aus dem Wagen ausstieg, er war hungrig, steif, matt, traurig und mutlos und

konnte eine gewisse Beklemmung nicht los werden, obschon er sich sagte, daß

es eine dumme Beklemmung sei, die er da empfand. Er gab, wie es die meisten

Reisenden tun, sein Gepäck am Gepäckschalter ab und verlor sich unter die

Menschen. So wie er freie Bewegung bekam, fühlte er sich auch sofort besser

und wurde wieder auf seine leichte Gesundheit aufmerksam, die vom

Landaufenthalt her in vollkommen gutem Zustand war. Er aß etwas in einem

jener seltsamen Volkslokale. Da aß er nun wieder, ohne vielen Appetit; denn das

Essen war mager und schlecht, ganz gut für einen armen Städter, aber nicht für

einen verwöhnten Landbewohner. Die Menschen betrachteten ihn aufmerksam,

als ahnten sie, daß er vom Lande herkomme. Simon dachte: »Diese Menschen

müssen sicher fühlen, daß ich gewöhnt bin, besser zu speisen; denn es liegt so

etwas in der Art, wie ich mit diesem Essen umgehe.« In der Tat, er ließ die

Hälfte davon stehen, bezahlte und konnte nicht umhin, der Kellnerin leichthin zu

bemerken, wie wenig es ihm gemundet habe. Diese schaute den Spötter nur so

verächtlich an, freundlich verächtlich, ganz leicht, als hätte sie es nicht nötig,

deswegen empört zu sein, da es doch so einer gesagt hatte und nicht ein anderer.

Eines andern wegen, ja, dann schon, aber eines solchen! – Simon trat hinaus. Er

war doch glücklich, trotz dem minderwertigen Essen und der beleidigenden

Miene des Mädchens. Der Himmel war leicht blau. Simon schaute ihn an: ja, er

hatte hier doch auch einen Himmel. In dieser Beziehung war es doch dumm, so

sehr zu Ungunsten der Städte für das Land eingenommen zu sein. Er nahm sich

vor, jetzt nicht mehr an das Land zurückzudenken, sondern sich an die neue Welt

zu gewöhnen. Er sah, wie die Menschen vor ihm her gingen, viel schneller als

er; denn er hatte sich auf dem Lande einen schlenderischen, bedächtigen Schritt

angewöhnt, als fürchtete er, zu rasch vorwärts zu kommen. Nun, für heute wollte

er es sich noch gestatten, bäuerisch zu gehen, von morgen ab sollte es dann anders vorwärts gehen. Aber er betrachtete die Menschen mit Liebe, ganz ohne

jede Scheu, sah ihnen in die Augen, an die Beine, um zu sehen, wie sie die Beine

bewegten, an die Hüte, um den Fortschritt der Mode zu beobachten, an die

Kleider, um die seinen immer noch gut genug zu finden im Vergleich mit den

vielen unschönen, die er emsig studierte. Wie sie eilig gingen, diese Menschen.

Er hätte Lust gehabt, einen von ihnen aufzuhalten und ihn mit den Worten

anzureden: Wohin so schnell? Aber er hatte doch nicht den Mut zu einer so

törichten Handlung. Er fühlte sich wohl, sonst aber ein wenig matt und gespannt.

Eine kleine, nicht zu verhehlende Trauer hielt ihn gefangen, aber sie harmonierte

mit dem leichten, glücklichen, etwas getrübten Himmel. Sie harmonierte auch

mit der Stadt, wo es beinahe unschicklich ist, ein allzusonniges Gesicht zu

machen. Simon mußte sich gestehen, daß er da ginge und absolut nichts suche,

aber er hielt es für angebracht, wie alle andern solch eine Sucher- und

Vorwärtsdrängermiene zu machen, um nicht den eben angekommenen,

beschäftigungslosen Menschen darstellen zu müssen. Er mochte nicht auffallen

und es tat ihm wohl, zu bemerken, daß er weiter keinem Menschen durch sein

Betragen auffiel. Er schloß daraus, daß er noch immer befähigt sei, in der Stadt

zu leben, trug sich ein wenig strammer noch, als zuvor, und tat, als trüge er eine

kleine, elegante Absicht mit sich, die er gleichmütig verfolge, die ihm keine

Sorgen, nur Interesse entlocke, die seine Schuhe nicht beschmutzen und seine

Hände nicht anstrengen würde. Eben ging er jetzt durch eine schöne, reiche

Straße, die auf beiden Seiten mit blühenden Bäumen besetzt war, in der man, da

sie breit war, den Himmel freier vor Augen hatte. Es war wirklich eine herrliche,

lichte Straße, die einem das angenehmste Leben vorgaukeln konnte und jeden

Traum gestatten durfte. Simon vergaß jetzt sein Vorhaben, durch diese Straße mit

gesetzten, gezierten Bewegungen zu gehen, völlig. Er ließ sich gehen und tragen,

schaute bald zu Boden, bald hinauf, bald zur Seite in eines der vielen

Schaufenster, vor deren einem er endlich stehen blieb, ohne eigentlich etwas zu

betrachten. Er fand es angenehm, den Lärm der schönen, lebhaften Straße hinter

seinem Rücken und doch in seinen Ohren zu haben. Er unterschied in seinen

Sinnen die Schritte der einzelnen Passanten, die wohl alle denken mußten, er

stehe da, um etwas so recht ins Auge zu fassen, das im Schaufenster liege.

Plötzlich hörte er sich von jemand angesprochen. Er drehte sich um und

erblickte eine Dame, die ihn aufforderte, ein Paket, das sie ihm hinstreckte, bis in

ihr Haus zu tragen. Es war keine besonders schöne Dame, aber in diesem

Augenblick hatte Simon sich nicht lange zu besinnen, ob sie schön war oder

nicht, sondern hatte, wie ihm eine innere Stimme zurief, ihrer Aufforderung

lebhaft nachzukommen. Er ergriff das Paket, das gar nicht schwer war, und trug

es der Dame nach, die quer über die Straße mit kleinen, gemessenen Schritten ging, ohne sich nur einmal nach dem jungen Manne umzudrehen. Vor einem, wie

es schien, prachtvollen Hause angekommen, befahl ihm die Frau, mit hinauf zu

kommen, und er tat es. Er sah keinen Grund, warum er nicht hätte gehorchen

sollen. Mit dieser Dame in deren Haus zu gehen, das war etwas ganz

Natürliches, und der Stimme der Dame zu gehorchen war seiner Lage, die ihm

nichts vorschrieb, durchaus angemessen. Er würde vielleicht jetzt noch vor dem

Schaufenster stehen und gaffen, dachte er, indem er die Treppen hinaufstieg.

Oben angekommen, hieß ihn die Frau eintreten. Sie ging voran und ließ ihn

nachkommen und in ein Zimmer hineingehen, dessen Türe sie öffnete. Simon

schien es ein prächtiges Zimmer zu sein. Die Frau kam wieder hinein, setzte sich

in einen der Stühle, räusperte sich ein wenig, sah den vor ihr Stehenden an und

fragte ihn dann, ob er sich entschließen könne, bei ihr in Dienste zu treten. Er

mache ihr, fuhr sie fort, den Eindruck eines müßig in der Welt stehenden

Menschen, dem man eine Wohltat erweise, wenn man ihm Arbeit gebe. Im

übrigen gefalle er ihr soweit und er möchte ihr sagen, ob er gewillt sei, das

Anerbieten, das sie ihm mache, anzunehmen.

»Warum nicht,« antwortete Simon.

Sie sagte: »Ich scheine mich also nicht geirrt zu haben, wenn ich von Ihnen

gleich im ersten Augenblick angenommen habe, daß Sie ein junger Mensch sind,

der froh ist, irgendwo unterzukommen. Sagen Sie mir einmal, wie heißen Sie,

und was haben Sie bis jetzt getan in der Welt?«

»Ich heiße Simon, und ich habe bis jetzt nichts getan!«

»Wie kommt das?«

Simon sagte: »Ich habe von meinen Eltern ein kleines Vermögen bekommen,

das ich soeben bis auf den letzten Heller verzehrt habe. Ich habe es nicht für

nötig gefunden, zu arbeiten. Etwas zu lernen hatte ich keine Lust. Ich habe den

Tag als zu schön empfunden, als daß ich den Übermut hätte besitzen können, ihn

durch Arbeit zu entweihen. Sie wissen, wie viel durch tägliche Arbeit verloren

geht. Ich war nicht imstande, mir eine Wissenschaft anzueignen und dafür den

Anblick der Sonne und des abendlichen Mondes zu entbehren. Ich brauchte

Stunden, um eine Abendlandschaft zu betrachten, und habe Nächte durch, statt

am Schreibtisch oder im Laboratorium, im Grase gesessen, während zu meinen

Füßen ein Fluß vorüberfloß und der Mond durch die Äste der Bäume blickte. Sie

werden befremdend auf eine solche Aussage herabblicken, aber, sollte ich Ihnen

eine Unwahrheit berichten? Ich habe auf dem Lande und in der Stadt gelebt, aber

ich habe bis jetzt noch keinem Menschen auf der Welt einen einigermaßen

bemerkenswerten Dienst erwiesen. Ich habe Lust, das zu tun, jetzt, wo es

scheinen will, daß ich Gelegenheit dazu habe.«

»Wie konnten Sie so liederlich leben?«

»Ich habe das Geld nie geachtet, gnädige Frau! Dagegen könnte es mir, wenn

ich dazu veranlaßt würde, einfallen, ja, sogar am Herzen liegen, anderer

Menschen Geld für wertvoll zu erachten. Es will den Anschein haben, daß Sie

den Wunsch hegen, mich in Ihre Dienste zu nehmen: Nun, in diesem Fall würde

ich Ihre Interessen natürlich streng beobachten; denn in einem solchen Falle

hätte ich dann keine andern Interessen mehr, als die Ihrigen, die die meinen

wären. Meine eigenen Interessen! Wo wäre ich je dazu gekommen, eigene

Interessen zu haben! Wann hätte ich je eigene ernstliche Angelegenheiten

gehabt. Ich habe mein Leben bis jetzt vertändelt, weil ich es so wollte, da es mir

immer ganz als wertlos erschien. In fremden Interessen würde ich aufgehen, es

versteht sich von selber; denn wer keine eigenen Ziele hat, lebt eben für die

Zwecke, Interessen und Absichten Anderer.« –

»Sie müssen doch irgend eine Zukunft vor Augen haben wollen!« –

»Habe noch keinen Augenblick daran gedacht! Sie sehen mich etwas besorgt

und ziemlich unfreundlich an. Sie mißtrauen mir und trauen mir keine ernstliche

Absicht zu. Ich muß gestehen, ich habe bis zum heutigen Tage auch noch nie

irgend welche Absicht mit mir herumgetragen, weil mich bis jetzt noch niemand

zu der Pflege einer Absicht aufgefordert hat. Ich trete zum ersten Mal einem

Menschen gegenüber, der meine Dienste in Anspruch nehmen will; das

schmeichelt mir und veranlaßt mich, Ihnen kühn die Wahrheit zu sagen. Was

schadet es, daß ich bis dahin ein liederlicher Mensch gewesen bin, wenn ich nun

ein besserer werden will? Können Sie glauben, ich möchte nicht den Wunsch

haben, mich Ihnen dankbar dafür zu erweisen, daß Sie mich von der offenen

Straße weg in Ihr Zimmer ziehen, um mir ein Menschenlos zu geben? Ich habe

nicht eine Zukunft vor Augen, nur die Absicht, Ihnen zu gefallen. Ich weiß auch,

daß man gefällt, wenn man seine Pflicht erfüllt. Nun, diese Zukunft habe ich vor

Augen: meine Pflicht, die Sie mir aufgeben werden, zu erfüllen. Ich mag nicht

gern in eine viel weitere, als in die ganz nächste Zukunft hineindenken. Meine

Laufbahn interessiert mich nicht, die mag ausfallen, wie sie will, wenn ich nur

den Menschen gefalle.« –

Die Dame sagte hierauf: »Obschon es eigentlich eine Unvorsichtigkeit ist,

einen Menschen, der nichts ist und nichts kann, in Dienst zu nehmen, will ich es

doch tun; denn ich glaube, Sie haben den Wunsch, zu arbeiten. Sie werden mein

Diener sein und tun, was ich Ihnen auftragen werde. Sie können es als ein

besonderes Glück betrachten, Gnade gefunden zu haben, und ich will hoffen,

daß Sie sich Mühe geben werden, sie zu verdienen. Sie haben ja keinerlei

Zeugnisse bei sich, sonst stände es mir an, Sie nach Ihren Zeugnissen zu fragen.

Wie alt sind Sie?« –

»Zwanzig Jahre und etwas darüber!«

Die Dame nickte mit dem Kopf: »Das ist ein Alter, wo der Mensch daran

denken muß, sich für das Leben eine Aufgabe zu stellen. Nun, ich will vieles,

das mir an Ihrem Wesen nicht recht paßt, vorläufig übersehen und Ihnen

Gelegenheit geben, ein zuverlässiger Mann zu werden. Wir werden sehen!« –

Damit war diese Unterredung beendigt.

Die Dame führte Simon durch eine Flucht eleganter Zimmer, bemerkte,

indem sie ihrem jungen Begleiter voranschritt, daß es eine seiner Aufgaben sei,

die Zimmer zu reinigen, fragte, ob er imstande sei, einen Zimmerboden mit

Stahlspänen aufzureiben, ohne jedoch seine Antwort abzuwarten, als wüßte sie

schon, daß er das könne, als ob sie das nur gefragt hätte, um irgend eine Frage an

ihn zu richten, daß es ein bißchen ausforscherisch und hochmütig um seine

Ohren herum sause, öffnete eine Türe, ließ ihn in ein kleineres, warm mit

Teppichen aller Art ausgefüttertes Zimmer treten, wo sie ihn einem Knaben, der

im Bett lag, mit kurzen Worten vorstellte: Diesen kleinen Herrn, der krank sei,

werde er bedienen, wie, das werde ihm noch gesagt werden. Es war ein blasser,

hübscher, wenngleich von der Krankheit entstellter Knabe, der seine Augen kalt

auf diejenigen Simons richtete, ohne etwas zu sprechen. Man ahnte, daß er nicht

sprechen, vielleicht etwa nur lallen konnte, wenn man seinen Mund ansah, der

unbehilflich in dem Gesicht lag, als gehörte er gar nicht dazu, als klebe er dort

nur an und sei nicht immer dagewesen. Die Hände des Knaben indessen waren

sehr schön, sahen so aus, als trügen sie den ganzen Schmerz und die ganze

Schmach der Krankheit, als hätten sie es übernommen, den ganzen Umfang, die

ganze schöne Last weinender Trauer zu tragen. Simon konnte nicht umhin, diese

Hände einen Moment länger, als ihm gestattet war, liebend zu betrachten; denn

schon wurde er aufgefordert, der Dame zu folgen, die ihn durch einen Korridor

in die Küche führte, wo sie sagte, daß er der Köchin, wenn keine wichtigere

Arbeit für ihn vorliege, behülflich zu sein hätte. Das tue er sehr gern, entgegnete

Simon, wobei er das Mädchen anblickte, das die Herrin in der Küche zu sein

schien. Darauf, am nächsten Morgen nämlich, trat er seinen Dienst an, das heißt,

der Dienst trat an ihn heran und verlangte von ihm dieses und jenes und ließ ihm

keine Zeit mehr übrig, zu denken, ob es ein netter Dienst sei oder nicht. Die

Nacht hatte er bei dem Knaben, seinem jungen Herrn, zugebracht, schlafend und

immer wieder aufwachend; denn es war ihm befohlen worden, nur ganz leicht,

leise und oberflächlich, also absichtlich schlecht zu schlafen, damit er sich daran

gewöhne, schnell, bei jedem nur geflüsterten Ruf des Kranken, aus dem Bett zu

springen und nach des Knaben Befehle zu fragen. Simon glaubte der Mann zu

einem solchen Schlaf zu sein; denn wenn er gelinde nachdachte, verachtete er

den Schlaf und nahm gerne die Gelegenheit wahr, die ihn nötigte, sich aus einem

dichten und tiefen Schlaf nichts zu machen. Am nächsten Morgen sodann spürte er nicht im geringsten, daß er schlecht geschlafen habe, konnte aber auch nicht

nachzählen, wie oftmals er aus dem Bett aufgesprungen sei, und ging munter an

die Arbeit. Vorerst hatte er mit einem weißen, dicken Topf in der Hand auf die

Straße zu springen, um denselben dort von einer Frau mit frischer Milch füllen

zu lassen. Bei dieser Gelegenheit konnte er einen Augenblick lang den

erwachenden, feuchtglänzenden Tag betrachten, seine beiden Augen damit

trunken und feurig machen und wiederum die Treppe hinaufspringen. Er machte

die Beobachtung, daß ihm seine Glieder gut und geschmeidig gehorchten, wenn

er hinauf und hinunter eilte. Alsdann hatte er, bevor die Frau noch aus ihrem

Schlafe erwachte, mit dem Mädchen gemeinschaftlich diejenigen Zimmer

aufzuräumen, die ihm vorgeschrieben waren: das Eßzimmer, den Salon und das

Schreibzimmer. Der Boden mußte mit einem Besen abgekehrt, die Teppiche

abgebürstet, Tisch und Stühle abgewischt, Fenster angehaucht und abgeputzt und

alle im Zimmer befindlichen Gegenstände angerührt, in die Hand genommen,

gesäubert und wieder an Ort und Stelle gelegt werden. Das alles mußte

blitzschnell vor sich gehen, aber Simon dachte, wenn er das dreimal gemacht

habe, würde er es mit geschlossenen Augen tun können. Nachdem diese Arbeit

getan war, bedeutete ihm das Mädchen, daß er jetzt ein Paar Schuhe reinigen

könne. Simon nahm die Schuhe in die Hand, wahrhaftig, es waren der Dame ihre

Schuhe. Schöne Schuhe waren es, zierliche Schuhe mit Pelzbesatz und von so

zartem Leder wie Seide. Simon hatte immer für Schuhe geschwärmt, nicht für

alle, nicht für grobe, aber für so seine immer, und nun hielt er solch einen Schuh

in der Hand und hatte die Pflicht, ihn zu säubern, obgleich er eigentlich nichts

daran zu säubern bemerkte. Immer schienen ihm Füße von Frauen etwas

Heiliges zu sein, und Schuhe glichen in seinen Augen und Sinnen Kindern,

glücklichen, bevorzugten Kindern, die das Glück hatten, den feinbeweglichen,

empfindlichen Fuß zu bekleiden und zu umschließen. Welch eine schöne

Erfindung der Menschen, solch ein Schuh, dachte er, indem er daran mit einem

Tuch herumwischte, um so zu tun, als ob er putzte. Da wurde er von der Frau

selber überrascht, die in die Küche kam und ihn mit einem strengen Blick maß;

Simon beeilte sich, ihr Guten Tag zu sagen, worauf sie nur mit ihrem Kopf

nickte. Simon fand das allerliebst, ja entzückend, sich Guten Morgen sagen zu

lassen und nur so mit dem Kopf zu nicken als Erwiderung, als wolle man sagen:

ja, lieber Bursche, ja, ich danke dir, ich habe es gehört, es war sehr nett gesagt,

es hat mir gefallen!

»Sie müssen meine Schuhe besser putzen, Simon,« sagte die Frau.

Simon war sehr glücklich über ihren Tadel. Wie oft, wenn er durch heiße,

verbrannte, menschenleere Gassen geschlendert, absichtslos herumgewandert

war, empfand er in seinem Herzen Sehnsucht nach einem bösen, bissigen Tadel, nach einem Schimpfwort, nach einem Fluch und beleidigenden Ausruf, nur um

die Gewißheit zu haben, nicht ganz allein, nicht ganz ohne Teilnahme zu sein,

und wenn die Teilnahme auch eine rohe und verneinende gewesen wäre. »Wie

lieb klingt dieser Tadel aus ihrem Frauenmund,« dachte er, »wie bindet mich das

an sie, wie sehr verbindet und verknüpft und fesselt es, man fühlt solch einen

Tadel wie eine kleine, gar nicht sehr schmerzende Ohrfeige, eines Fehlers

wegen, den man begangen hat«; und Simon nahm sich im stillen vor, nur noch

Fehler zu begehen, nein, nicht gerade ausschließlich, denn das würde ihn zum

Tölpel gestempelt haben, aber regelmäßig kleinere Versehen, schön beabsichtigt,

um den Genuß zu haben, eine empfindliche und an Ordnung gewöhnte Dame

entrüstet zu sehen. Entrüstung, nein, nicht gerade Entrüstung, sondern mehr ein

Fragen, ein Staunen über seine, Simons Ungeschicklichkeit. Dann hätte man

Gelegenheit, in andern Punkten zu glänzen, und so durfte man das Vergnügen

haben, zu beobachten, wie sich ein strenges und ärgerliches Gesicht in ein

freundlicheres und befriedigtes verwandelte. Welche Freude, sich einen

Menschen zur Zufriedenheit innig umzustimmen, wenn man ihn vorher gekränkt

gesehen hat. »Heute morgen bereits einen lieben Tadel geerntet,« dachte Simon,

und weiter: »wie angenehm ist es, der Getadelte zu sein, es ist gewissermaßen

ein reiferer, überlegener Zustand. Ich bin wie geschaffen dazu, getadelt zu

werden; denn ich empfinde den Tadel dankbar, und nur solche verdienen

freundschaftlich getadelt zu werden, die dafür durch entsprechende

Körperhaltung, die sie anzunehmen haben, zu danken wissen.«

Simon stand wirklich entsprechend da, und er fühlte: »Nun erst bin ich der

Diener dieser Frau; denn sie tadelt mich, weil sie ein Recht in sich fühlt, mich

ohne viel Überlegen zurechtzuweisen, und dabei von mir ein korrektes

Schweigen erwartet. Wenn man einen untergebenen Beamten tadelt, so schmerzt

man ihn, und man trägt immer die geheime Absicht, ihm auch wirklich weh zu

tun durch das Merkenlassen der höheren Stufe, die man einnimmt. Einen Diener

tadelt man nur in der Absicht, ihn zu belehren und zu erziehen, so wie man ihn

haben will; denn ein Diener gehört einem, während man mit einem untergebenen

Beamten, wenn die Feierabendstunde schlägt, menschlich weiter nichts mehr zu

tun hat. Ich zum Beispiel jetzt bin mit der Wärme des Herzens getadelt worden,

dazu kommt noch, daß der Tadel von einer Frau kommt, die zu den Frauen

gehört, die immer lieblich sind, wenn sie sich so etwas herausnehmen. In der Tat,

Damen muß man einen Tadel aussprechen hören, um zu der Überzeugung zu

gelangen, daß sie es besser verstehen als die Männer, ohne kleinliche Kränkung

einen Fehler zu rügen. Vielleicht ist das aber falsch, und ich sehe, was, wenn es

von einem Mann kommt, mich verletzt, von Damen herkommend, nicht für

beleidigend, sondern für aufmunternd an. Einem Mann gegenüber empfinde ich immer die stolze Gleichstellung, einer Dame gegenüber niemals, weil ich ein

Mann bin, oder weil ich mich darauf vorbereite, einer zu werden. Vor Frauen

muß man sich entweder überlegen oder unterlegen fühlen! – Einem Kinde zu

gehorchen, wenn es reizend befiehlt, ist mir etwas Leichtes, dagegen einem

Mann: Pfui! Nur Feigheit und geschäftliche Interessen mögen einen Mann dazu

veranlassen, vor einem andern Mann zu kriechen: Niedrige Gründe, das! Aus

diesem Grunde bin ich froh, daß ich einer Frau zu gehorchen habe; denn das ist

natürlich, weil es niemals ehrverletzend sein kann. Eine Frau kann die Ehre eines

Mannes niemals verletzen, es sei denn beim Ehebruch, aber da benimmt sich der

in Frage kommende Mann meist als ein schwacher Tölpel, den es gar nicht

entehrt, wenn er betrogen wird, da ihn schon die Möglichkeit des Betruges längst

vorher in den Augen derer entehrt hat, die ihn kannten. Unglücklich können

Frauen machen, aber entehren können sie niemals; denn das wirkliche Unglück

ist keine Schande und kann nur auf rohe Gemüter und Sinnesarten komisch

wirken, auf solche Menschen, die sich allerdings ihrerseits dann eine Unehre

antun, es zu verlachen.«

»Kommen Sie!«

Mit diesem Wort riß die Dame ihren Diener aus seiner anmaßlichen

Gedankenreihe und befahl ihm, nun den kranken Knaben ankleiden zu gehen. Er

gehorchte und tat, was sie verlangte. Er trug ein Becken voll frischen Wassers an

das Bett und wusch mit einem Waschschwamm sorgsam das Gesicht des

Knaben, reichte ihm ein Glas, halbgefüllt mit klarem Wasser, und ließ ihn den

Mund damit wässern, was der Knabe mit seinen schönen Händen sehr hübsch

tat, nahm dann eine Bürste und einen Kamm zur Hand, brachte das Haar des im

Bett Liegenden in Ordnung und reichte ihm zum Schluß das Frühstück auf

einem silbernen Tablett dar, schaute zu, wie es bedächtig, mit vielem Absetzen,

verzehrt wurde, ohne müde oder gar ungeduldig zu werden; denn wie häßlich

und unpassend würde Ungeduld hier gewesen sein; trug das Geschirr wieder

hinaus und kam wieder, um nun den Kranken, der sich nicht selbst anziehen

konnte, anzukleiden. Er hob den leichten, dünnen Körper mit einiger Scheu zum

Bette heraus, nachdem er schon vorher den Füßen und Beinen die Strümpfe

übergezogen hatte, steckte an die Füße kleine Hausschuhe, nahm die Beinkleider

zur Hand, um sie anzuziehen, schnallte den Gurt der Hose zu, warf die

Hosenträger, wie es sich schickte, von hinten über, alles schnell, alles

geräuschlos, und so, daß jede Bewegung auch wirklich gleich etwas tat, legte

dem Hals des Knaben jetzt den Kragen um, einen breiten, umgelegten

Knabenkragen, befestigte mit gutem Geschick eine Krawatte an den

Hemdknopf; das Hemd war natürlich längst übergeworfen worden; reichte jetzt

die Weste, ließ die Arme hineinschlüpfen, ebenso den Rock und die paar Gegenstände, die der Knabe bei sich zu tragen pflegte, als Uhr, Uhrgehänge,

Messer, Taschentuch und Notizbuch, und das Werk war fertig. Nun mußte Simon

des kleinen Herrn Bett in Ordnung bringen, sowie das ganze Schlafzimmer in

der Weise, wie es ihm die Dame zeigte, aufräumen, die Fenster öffnen, die

Kissen, Bettdecke und das Laken ans Fenster legen und alles so machen, wie es

getan wird und wie er merkte, daß es getan werden mußte. Die Dame verfolgte

alle seine Bewegungen, wie ein Fechtmeister den Bewegungen seines Schülers

folgt, und fand, daß er sich mit Talent in die Arbeit schickte. Sie sagte nicht etwa

ein Wort der Anerkennung. Würde ihr nicht von ferne eingefallen sein.

Außerdem mochte ihr Diener an ihrem Schweigen merken, daß sie seine Art und

Weise billige. Es freute sie, wie zart er mit ihrem Sohn umgegangen war, da sie

bemerkt hatte, wie jede Bewegung Simons beim Ankleiden dessen Achtung für

den Kranken aussprach. Sie mußte lächeln, als sie gewahrt hatte, mit welcher

Scheu er zuerst angefaßt, und wie er dann später die Scheu überwunden hatte

und mit seinem Tun kräftiger, ruhiger und gleichmäßiger geworden war. Dieser

junge Mann gefiel ihr vorläufig, mußte sie sich sagen. »Wenn er fortfährt, wie er

angefangen hat, so will ich ihn dafür lieb haben, daß er mich nicht in meinem

Gefühl, das ich mir gleich von Anfang an von ihm machte, betrogen hat,« dachte

sie. »Er ist sehr still und anständig und scheint das Talent zu besitzen, sich mit

jeder Lage gleich vertraut machen zu können. Und da er, wie ich glaube aus

seinen Manieren schließen zu dürfen, aus gutem Hause herstammt, will ich ihn,

um seiner Mutter willen, die vielleicht noch lebt, und um seiner Geschwister

willen, die vielleicht geachtete Stellungen einnehmen und besorgt sind um sein

Schicksal, zu einem klugen und schönen Betragen anhalten und will Freude

haben, wenn ich sehe, daß er einschlägt und sich so benimmt, wie man es von

ihm erwartet. Vielleicht darf ich ihn in kurzem etwas zutraulicher behandeln, als

man gezwungen ist, mit seinen Dienstboten zu verkehren. Aber ich will acht

geben und ihm keinen Anlaß geben, durch zu frühes freundliches

Entgegenkommen, mir unverschämt zu begegnen. In seinem Charakter sitzt eine

leise Beigabe von Unverschämtheit und Trotz, und diese darf nicht geweckt

werden. Ich werde immer mein Gefallen, das ich an ihm habe, unterdrücken

müssen, wenn ich will, daß er immer die Lust hat, mir zu gefallen. Ich glaube, er

liebt mein strenges Gesicht, ich erriet so etwas, als er vorhin lächelte, wo ich ihn

doch ziemlich unfreundlich getadelt habe. Die Menschen muß man erraten,

wenn man sie von ihrer schönen Seite haben will. Er hat Seele, dieser junge

Mann, man muß ihm deshalb auch seelenvoll und seelenbewußt entgegentreten,

um etwas bei ihm zu erreichen. Man nimmt Rücksicht, und tut doch so, als ob

man keine nähme, wie man ja auch wirklich keine zu nehmen nötig hätte. Aber

es ist besser und klüger, man nimmt, wenn man mit Ruhe kann.« – Sie beschloß, den Simon ein bißchen abenteuerlich zu nehmen, und schickte ihn jetzt aus, um

Einkäufe zu machen.

Das war nun wieder etwas ganz Neues für Simon, durch die Straßen zu eilen,

mit einem Korb oder mit einer ledernen Tragtasche in der Hand, Fleisch und

Gemüse zu kaufen, in die Läden zu treten und dann wieder nach Hause zu

springen. In den Straßen sah er die Menschen ihren verschiedenartigen

Geschäften nachgehen, jeder trug sich mit einer Absicht und er selber auch. Es

schien ihm, daß die Leute sich über seine Gestalt verwunderten. Sollte sein Gang

etwa nicht zu dem gefüllten Korbe, den er leicht trug, passen? Waren seine

Bewegungen zu frei, als daß sie zu seinem Auftrage, nämlich zum Botenlaufen,

gestimmt hätten? Aber es waren freundliche Blicke, die er bekam; denn man sah

ihn eilig und geschäftig, und er mußte den Eindruck eines pflichteifrigen Mannes

machen. »Wie schön ist es doch,« dachte Simon, »so mit einer Pflicht im Kopf

durch die Straßen neben den wimmelnden Menschen her zu laufen, von einigen

überholt zu werden, die längere Beine haben, und andere wieder zu überflügeln,

die träger gehen, als wenn sie Blei in ihren Schuhen hätten. Wie hübsch ist es,

von den sauberen Mägden für ihresgleichen angeblickt zu werden, zu

beobachten, welchen Scharfblick diese einfachen Wesen haben, zu sehen, daß sie

beinahe Lust hätten, bei einem schnell stehen zu bleiben, um zehn Minuten lang

plaudern zu können. Wie die Hunde auf der Straße laufen, als wären sie hinter

dem Wind her, wie Greise noch geschäftig sind mit ihren gebeugten Nacken und

Rücken! Und da möchte man noch schlendern! Wie entzückend sind die

einzelnen Frauen, an denen man, ohne beachtet zu werden, vorüberrennen darf.

Was sollte man von ihnen beachtet werden. Wäre noch schöner! Es genügt doch,

selber Beobachteraugen zu haben. Hat man etwa die Sinne nur, daß sie

gestachelt werden, und nicht, damit man sie selber stachle? Die Augen der

Frauen an einem solchen Straßenmorgen, wie dieser, wenn sie so in die Ferne

blicken, sind etwas Herrliches. Augen, die an einem vorbeisehen, sind schöner,

als solche, die einen ansehen. Es ist, als verlören sie dadurch. Wie man rasch

denkt und fühlt, wenn man so rasch läuft. Nur den Himmel nicht betrachten!

Nein, lieber nur empfinden, daß da oben, über dem Kopf und über den Häusern

etwas Schönes und Weites schwebt, etwas Schwebendes, vielleicht Blaues, ganz

gewiß Duftiges. Man hat Pflichten, und das ist auch etwas Schwebendes,

Fliegendes, Hinreißendes. Man trägt etwas mit sich, das man nachzählen und

abliefern muß, um als zuverlässiger Mensch dastehen zu können, und ich bin

gegenwärtig so, daß es mir mein einziges Vergnügen ist, als zuverlässiger

Mensch dazustehen. Die Natur? Mag sie sich einstweilen verstecken. Ja, es ist

mir, als ob sie sich verborgen hielte, da, hinter den langen Häuserreihen. Der

Wald, er reizt mich vorläufig nicht mehr, soll mich nicht reizen. Immerhin, es hat etwas Schönes, zu denken, daß alles doch noch da ist, während ich flüchtig und

geschäftig durch die blendende Straße eile, mich um nichts bekümmere, als um

das, was ich mit meiner Nase denken könnte, so einfach ist es.« – Er zählte das

Geld in der Westentasche mit fühlenden Fingern nach, ohne es heraus zu

nehmen, und ging nach Hause.

Nun hatte er den Tisch zu decken.

Er mußte ein sauberes, weißes Tischtuch über den Tisch breiten, daß die

Falten nach oben zu liegen kamen, dann die Teller hinlegen, so, daß der

Tellerrand nicht über den Tischrand hinausragte, dann Gabel, Messer und Löffel

hinlegen, Gläser aufstellen und eine Karaffe mit frischem Wasser, Servietten auf

die Teller legen und das Salzgefäß auf den Tisch stellen. Stellen und legen,

hinlegen und anfassen und hinstellen, zart anfassen, dann wieder gröber, Tücher

mit Fingerspitzen anfassen und Teller nur mit Vorsicht berühren, ausbreiten und

ausrichten, nämlich die Bestecke, keinen Lärm dabei verursachen, schnell sein

und doch wiederum behutsam, vorsichtig und kühn, steif und glatt, ruhig und

doch energisch, Gläser nicht aneinanderklirren, und Teller nicht klappern lassen,

aber über ein vorkommendes Klappern und Klirren auch nicht erstaunt sein,

sondern es begreiflich finden, dann der Herrschaft melden, daß der Tisch

gedeckt sei, und dann die Speisen auftragen und dann zur Tür hinausgehen, um

wieder hineinzugehen, wenn geklingelt wurde, zusehen, wie gegessen wurde und

Freude dabei empfinden, sich zu sagen, daß es hübscher sei, zu sehen, wie

gegessen werde, als selber zu essen, dann den Tisch wieder abräumen, das

Geschirr hinaustragen, einen Rest Braten in den Mund stecken und dabei eine

frohlockende Miene machen, als wäre es etwas, um dabei eine frohlockende

Miene machen zu müssen, dann selber essen und finden, daß man jetzt wirklich

verdiene, selber etwas zu essen: das alles mußte Simon. Er mußte nicht alles,

zum Beispiel mußte er nicht gefrohlockt haben, wenn er stahl, aber es war sein

erster, zarter Diebstahl, und deswegen mußte er frohlocken; denn es erinnerte ihn

lebhaft an die Kindheit, wo man stiehlt, irgend etwas aus dem Speiseschrank,

und dabei frohlockt.

Nach dem Essen hatte er dem Mädchen zu helfen, das Geschirr zu säubern,

abzuwaschen und abzutrocknen, und das Mädchen war nicht wenig erstaunt, zu

sehen, wie behend er das machte. Wo er das gelernt hätte? »Ich war doch auf

dem Lande,« antwortete Simon, »und auf dem Lande tut man dergleichen. Ich

habe dort eine Schwester, die Lehrerin ist, der habe ich beim Geschirrtrocknen

immer geholfen.«

»Das war hübsch von Ihnen.«