Geschwister Tanner
Erstes Kapitel.
Geschwister Tanner
Roman
von
Robert Walser
Zweite Auflage
Verlag von Bruno Cassirer
Berlin
E r s t e s K a p i t e l .
Eines Morgens trat ein junger, knabenhafter Mann bei einem Buchhändler
ein und bat, daß man ihn dem Prinzipal vorstellen möge. Man tat, was er
wünschte. Der Buchhändler, ein alter Mann von sehr ehrwürdigem Aussehen,
sah den etwas schüchtern vor ihm Stehenden scharf an und forderte ihn auf, zu
sprechen. »Ich will Buchhändler werden,« sagte der jugendliche Anfänger, »ich
habe Sehnsucht darnach und ich weiß nicht, was mich davon abhalten könnte,
mein Vorhaben ins Werk zu setzen. Unter dem Buchhandel stellte ich mir von
jeher etwas Entzückendes vor und ich verstehe nicht, warum ich immer noch
außerhalb dieses Lieblichen und Schönen schmachten muß. Sehen Sie, mein
Herr, ich komme mir, so wie ich jetzt vor Ihnen dastehe, außerordentlich dazu
geeignet vor, Bücher aus Ihrem Laden zu verkaufen, so viele, als Sie nur
wünschen können zu verkaufen. Ich bin der geborene Verkäufer: galant, hurtig,
höflich, schnell, kurzangebunden, raschentschlossen, rechnerisch, aufmerksam,
ehrlich und doch nicht so dumm ehrlich, wie ich vielleicht aussehe. Ich kann
Preise herabsetzen, wenn ich einen armen Teufel von Studenten vor mir habe,
und kann Preise hochschrauben, um den reichen Leuten ein Wohlgefallen zu
erweisen, von denen ich annehmen muß, daß sie manches Mal nicht wissen, was
sie mit dem Geld anfangen sollen. Ich glaube, so jung ich noch bin, einige
Menschenkenntnis zu besitzen, außerdem liebe ich die Menschen, so
verschiedenartig sie auch sein mögen; ich werde also meine Kenntnis der
Menschen nie in den Dienst der Übervorteilung stellen, aber auch ebensowenig
daran denken, durch allzu übertriebene Rücksichtnahme auf gewisse arme Teufel
Ihr wertes Geschäft zu schädigen. Mit einem Wort: meine Liebe zu den
Menschen wird angenehm balancieren auf der Wage des Verkaufens mit der
Geschäftsvernunft, die ebenso gewichtig ist und mir ebenso notwendig erscheint
für das Leben wie eine Seele voll Liebe: Ich werde schönes Maß halten, dessen
seien Sie zum voraus versichert.« – Der Buchhändler sah den jungen Mann
aufmerksam und verwundert an. Er schien im Zweifel darüber zu sein, ob sein
Vis-à-vis, das so hübsch sprach, einen guten Eindruck auf ihn mache, oder nicht.
Er wußte es nicht genau zu beurteilen, es verwirrte ihn einigermaßen und aus
dieser Befangenheit heraus frug er sanft: »Kann ich mich denn, mein junger Mann, geeigneten Ortes über Sie erkundigen?« Der Angeredete erwiderte:
»Geeigneten Ortes? Ich weiß nicht, was Sie einen geeigneten Ort nennen! Mir
würde es passend erscheinen, wenn Sie sich gar nicht erkundigen wollten. Bei
wem sollte das sein, und was für einen Zweck könnte das haben? Man würde
Ihnen allerlei über mich hersagen, aber genügte denn das auch, Sie meinetwegen
zu beruhigen? Was wüßten Sie von mir, wenn man Ihnen zum Beispiel auch
sagte, ich sei aus einer sehr guten Familie entsprossen, mein Vater sei ein
achtbarer Mann, meine Brüder tüchtige, hoffnungsvolle Menschen und ich selber
sei ganz brauchbar, ein bißchen flatterhaft, aber zu Hoffnungen nicht
unberechtigt, ein bißchen dürfe man mir schon vertrauen, und so weiter? Sie
wüßten doch nichts von mir und hätten absolut nicht die kleinste Ursache, mich
nun mit mehr Ruhe in Ihr Geschäft als Verkäufer anzunehmen. Nein, Herr,
Erkundigungen taugen in der Regel keinen Pfifferling, ich rate Ihnen, wenn ich
mir Ihnen, dem alten Herrn gegenüber einen Ratschlag herausnehmen darf,
entschieden davon ab, weil ich weiß, daß, wenn ich geeignet und beschaffen
wäre, Sie zu hintergehen und die Hoffnungen, die Sie, gestützt auf
Informationen, auf mich setzen, zu täuschen, ich dies in um so größerem Maße
täte, je besser besagte Erkundigungen lauten würden, die dann nur gelogen
hätten, weil sie Gutes von mir sagten. Nein, verehrter Herr, wenn Sie gedenken,
mich zu verwenden, so bitte ich Sie, etwas mehr Mut zu bezeigen als die meisten
andern Prinzipale, mit denen ich zu tun hatte, und mich einfach auf den Eindruck
hin anzustellen, den ich Ihnen hier mache. Außerdem würden einzuziehende
Erkundigungen über mich nur schlecht lauten, um offen die Wahrheit zu sagen.«
»So? Warum denn? –«
»Ich bin noch überall, wo ich gewesen bin,« fuhr der junge Mensch fort,
»bald weitergegangen, weil es mir nicht behagt hat, meine jungen Kräfte
versauern zu lassen in der Enge und Dumpfheit von Schreibstuben, wenn es
auch, nach aller Leute Meinung, die vornehmsten Schreibstuben waren, zum
Beispiel gerade Bankanstalten. Gejagt hat man mich bis jetzt noch nirgends, ich
bin immer aus freier Lust am Austreten ausgetreten, aus Stellungen und Ämtern
heraus, die zwar Karriere und weiß der Teufel was versprachen, die mich aber
getötet hätten, wenn ich darin verblieben wäre. Man hat, wo ich auch immer
gewesen bin, regelmäßig meinen Austritt bedauert und mein Tun beklagt, mir
eine schlimme Zukunft versprochen, aber doch den Anstand besessen, mir Glück
auf meine fernere Laufbahn zu wünschen. Bei Ihnen (und des jungen Mannes
Stimme wurde auf einmal treuherzig), Herr Buchhändler, werde ich es sicherlich
jahrelang aushalten können. Jedenfalls spricht vieles dafür, Sie zu veranlassen,
einmal einen Versuch mit mir zu machen.« Der Buchhändler sagte: »Ihre
Offenherzigkeit gefällt mir, ich will Sie probeweise acht Tage in meinem Geschäft arbeiten lassen. Taugen Sie, und machen Sie dann Miene, weiter bei
mir zu bleiben, so wollen wir weiter miteinander reden.« Mit diesen Worten, die
zugleich des jungen Stellesuchers vorläufige Entlassung bedeuteten, klingelte
der alte Herr an der elektrischen Leitung, worauf, wie von einem Strom
herbeigeweht, ein kleiner, ältlicher, bebrillter Mann erschien.
»Geben Sie diesem jungen Herrn eine Beschäftigung!«
Die Brille nickte. Damit war nun Simon Buchhandlungsgehilfe geworden.
Simon, ja so hieß er nämlich. –
Um diese Zeit herum machte sich einer der Brüder Simons, der in einer
Residenzstadt wohnhafte und dort namhaft bekannte Doktor Klaus, Sorgen
wegen seines jungen Bruders Betragen. Es war dies ein guter, stiller,
pflichttreuer Mensch, der gar zu gern gesehen hätte, wenn seine Brüder so wie
er, der Älteste, im Leben einen festen, achtunggebietenden Boden unter die Füße
bekommen hätten. Dies war aber so sehr nicht der Fall, wenigstens bis jetzt, ja
so sehr war das Gegenteil der Fall, daß Doktor Klaus anfing, in seinem Herzen
sich Selbstvorwürfe zu machen. Er sagte sich zum Beispiel: »ich hätte derjenige
sein sollen, der schon längst allen Grund hätte haben müssen, diese Brüder auf
die rechte Bahn zu leiten. Ich habe es bis jetzt versäumt. Wie konnte ich nur
diese Pflicht versäumen und so weiter.« Doktor Klaus kannte tausende von
kleinen und großen Pflichten, und es mochte bisweilen den Anschein tragen, als
sehne er sich nach noch mehr Pflichten. Er war einer von den Menschen, die
sich, aus Pflichterfüllungsbedürfnis, in ein ganzes, beinahe zusammenstürzendes
Gebäude von lauter sauren Pflichten stürzen, aus Angst, es möchte vorkommen,
daß ihnen eine geheime, wenig bemerkbare Pflicht davonliefe. Sie schaffen sich
viele unruhige Stunden wegen solcher unerfüllten Pflichten, denken nicht daran,
daß eine Pflicht immer eine neue auf den Übernehmer der ersten ladet und
glauben, schon etwas wie eine Pflicht erfüllt zu haben, wenn sie sich wegen
deren dunklen Vorhandenseins ängstigen und beunruhigt fühlen. Sie mengen
sich leicht in Vieles, was sie, wenn sie weniger sorgenvoll darüber nachdächten,
in Gottes Welt gar nichts angeht, und wollen auch gern andere so sorgenbelastet
sehen. Sie pflegen mit Neid auf Unbefangene und Pflichtenfreie zu blicken und
sie dann leichtfertige Menschenbrüder zu schelten, weil sie so schön, mit so
leicht erhobenem Kopf, durch das Leben ziehen. Doktor Klaus zwang sich des
öftern zu einer gewissen kleinen, bescheidenen Sorglosigkeit, aber immer wieder
kehrte er zu den grauen, trüben Pflichten zurück, in deren Bann er wie in einem
dunklen Gefängnis schmachtete. Er hatte vielleicht einmal die Lust zum Abbrechen, damals als er noch jung war, aber ihm fehlte die Kraft, etwas, das
wie eine mahnende Pflicht aussah, unerledigt hinter sich zu lassen und darüber
mit einem Lächeln der Wegwerfung hinwegzuschreiten. Wegwerfung? O, er
warf nie etwas weg! Es hätte ihn, so deuchte ihn, wenn er es einmal versuchen
wollte, von unten bis oben zerschnitten; er würde immer des Weggeworfenen
mit Schmerz gedacht haben. Er warf nie etwas weg und er verlor sein junges
Leben damit, zurechtzulegen und zu untersuchen, was nie der Untersuchung,
Prüfung, Liebe und Beachtung wert war. So war er denn älter geworden, und
weil er denn doch durchaus nicht etwa ein empfindungs- und phantasieloser
Mensch war, machte er sich oft schwere Vorwürfe darüber, daß er die Pflicht
versäumte, selbst ein bißchen glücklich zu sein. Das war nun wieder ein neues
Pflichtversäumnis und bewies nur auf das Allertreffendste, daß es eben
Pflichtmenschen nie gelingt, alle ihre Pflichten zu erfüllen, ja, daß es solchen am
leichtesten vorkommen kann, über ihre Hauptpflichten hinwegzusehen, um erst
später, wenn es vielleicht schon zu spät geworden ist, ihrer wieder zu gedenken.
Doktor Klaus war mehr als einmal traurig über sich, wenn er des lieblichen
Glücks gedachte, das ihm entschwunden war, des Glücks, sich mit einem jungen,
lieben Mädchen verbunden zu sehen, das natürlich ein Mädchen aus tadelloser
Familie hätte sein müssen. Um diese Zeit herum, als er mit Wehmut seiner selber
gedachte, schrieb er an seinen Bruder Simon, den er aufrichtig lieb hatte und
dessen Betragen in der Welt ihn beunruhigte, einen Brief, der ungefähr
folgendermaßen lautete:
Lieber Bruder. Du scheinst gar nichts über Dich schreiben zu wollen.
Vielleicht geht es Dir nicht gut und schreibst deshalb nicht. Du bist wieder, wie
nun schon so oftmals, ohne eine feste, fixierte Tätigkeit, ich habe es zu meinem
Leidwesen erfahren müssen, und zwar von fremden Menschen. Von Dir darf ich,
wie es scheint, keine aufrichtigen Berichte mehr erwarten. Glaube nur, dies
schmerzt mich. Es sind jetzt so viele Dinge, die mich nur unangenehm berühren,
mußt auch Du, von dem ich mir immer vieles versprach, dazu beitragen, meine
Stimmung, die aus vielen Ursachen keine rosige ist, zu verdunkeln? Ich hoffe
noch, aber laß mich, wenn Du Deinen Bruder noch ein bißchen lieb hast, nicht
allzulang vergeblich auf Dich hoffen. Mache doch einmal etwas, das einen
berechtigen könnte, an Dich, sei es in dieser oder jener Hinsicht, noch zu
glauben. Du hast Talent und besitzest, wie ich mir gerne einbilde, einen hellen
Kopf, bist auch sonst klug, und in allen Deinen Äußerungen spiegelte sich
immer der gute Kern wieder, den ich in Deiner Seele von jeher wußte. Warum
nun aber, da Du doch die Einrichtungen dieser Welt einmal kennst, immer
wieder so wenig Ausdauer, so rasch wieder der Sprung in etwas anderes?
Ängstigt Dich Dein eigenes Betragen gar nicht? Ich muß Kraft in Dir vermuten, daß Du diesen immerwährenden Berufswechsel, der zu nichts in der Welt taugt,
ertragen kannst. Ich an Deiner Stelle würde längst an mir verzweifelt haben. Ich
verstehe Dich wirklich nicht in diesem Punkt, aber ich gebe gerade aus diesem
Grunde keineswegs die Hoffnung auf, Dich nun einmal energisch eine Laufbahn
ergreifen zu sehen, nachdem Du sattsam genug mußtest die Erfahrung gemacht
haben, daß ohne Geduld und guten Willen auf der Welt nichts zu erreichen ist.
Und Du willst doch sicher etwas erreichen. So ganz unehrgeizig kenne ich Dich
wenigstens nicht. Mein Rat ist nun der: Harre aus, füge Dich drei oder vier kurze
Jahre unter eine strenge Arbeit, folge Deinen Vorgesetzten, zeige, daß Du etwas
leisten kannst, aber auch, daß Du Charakter besitzest, dann wird sich Dir eine
Bahn eröffnen, die Dich durch die ganze bekannte Welt führt, wenn Du Lust
zum Reisen hast. Welt und Menschen werden sich Dir in ganz anderer Weise zu
erkennen geben, wenn Du wirklich etwas bist, wenn Du der Welt etwas bedeuten
kannst. So, scheint es mir, wirst Du vielleicht weit mehr Genugtuung am Leben
finden, als selbst der Gelehrte, der, obschon er die Fäden, an denen alles Leben
und Wirken hängt, genau erkennt, doch an die enge Welt seines Studierzimmers
gefesselt bleibt, wo ihm, wie ich aus eigener Erfahrung sagen darf, oft nicht
behaglich zumute ist. Noch ist es Zeit, daß Du ein ganz hervorragend tüchtiger
Kaufmann werden kannst, und Du weißt gar nicht, in welchem Maße gerade der
Kaufmann Gelegenheit hat, sein Leben zu einem von Grund aus lebensvollen
Leben zu gestalten. Wie Du jetzt bist, schleichst Du nur so um die Ecken und
durch die Spalten des Lebens: das soll aufhören. Vielleicht hätte ich da früher,
viel früher eingreifen, hätte Dir mehr mit Taten als mit bloßen, ermahnenden
Worten emporhelfen sollen, aber ich weiß nicht bei Deinem stolzen Sinn, der
darauf gerichtet ist, Dir immer und überall selber zu helfen, hätte ich Dich
vielleicht eher kränken als Dich wirklich überzeugen können. Was tust Du jetzt
mit Deinen Tagen? Erzähle mir doch davon. Ich verdiene es vielleicht, um der
Sorge willen, die ich mir Deinetwegen mache, daß Du etwas gesprächiger und
mitteilsamer mir gegenüber wirst. Ich selber, was bin ich denn für einer, daß man
sich hüten sollte, mir unbefangen und vertraulich in die Nähe zu treten? Bin ich
Dir ein Gefürchteter? Was gibt es an mir zu meiden? Etwa den Umstand, daß ich
der »Ältere« bin und vielleicht etwas mehr weiß, als Du? Nun denn, so wisse,
daß ich froh wäre, noch einmal jung zu werden, und unvernünftig und
unwissend. Ich bin nicht ganz so froh, lieber Bruder, wie es der Mensch sein
sollte. Ich bin nicht glücklich. Vielleicht ist es zu spät für mich, noch glücklich
zu werden. Ich bin jetzt in einem Alter, wo der Mann, der noch kein eigenes
Heim hat, nicht ohne die schmerzlichste Sehnsucht der Glücklichen gedenkt, die
die Wonne genießen, über der Leitung ihres Haushaltes eine junge Frau besorgt
zu sehen. Ein Mädchen zu lieben, das ist schön, Bruder. Und es ist mir versagt. – Nein, Du brauchst mich gar nicht zu fürchten, ich bin es, der Dich wieder
aufsucht, der Dir schreibt, der hofft, es werde ihm freundlich und zutraulich
geantwortet. Du stehst vielleicht reicher da, als ich, hast mehr Hoffnungen und
viel mehr Recht, solche zu hegen, hast Pläne und Aussichten, von denen ich mir
nicht einmal etwas träume, ich kenne Dich eben nicht mehr ganz, und wie wäre
das auch möglich nach Jahren der Trennung. Laß mich Dich wieder kennen
lernen und zwinge Dich, mir zu schreiben. Vielleicht erlebe ich es noch, meine
Brüder alle glücklich zu sehen; Dich möchte ich jedenfalls froh wissen. Was
macht Kaspar? Schreibt Ihr Euch? Was macht seine Kunst? Ich möchte gerne
auch von ihm etwas erfahren. Lebe wohl, Bruder. Vielleicht sprechen wir bald
einmal miteinander. Dein Klaus.
Nach Ablauf von acht Tagen trat Simon, als es Abend wurde, zu seinem
Prinzipal ins Kabinett und hielt diesem folgende Ansprache: »Sie haben mich
enttäuscht, machen Sie nur nicht solch ein verwundertes Gesicht, es läßt sich
nicht ändern, ich trete heute aus Ihrem Geschäft wieder aus und bitte Sie, mir
meinen Lohn auszubezahlen. Bitte, lassen Sie mich ausreden. Ich weiß nur zu
genau, was ich will. In den acht Tagen ist mir der ganze Buchhandel zum Greuel
geworden, wenn er darin bestehen soll, vom frühen Morgen bis am späten
Abend, während draußen die sanfteste Wintersonne scheint, an einem Pult zu
stehen, den Buckel zu krümmen, weil das Pult viel zu klein für meine Figur ist,
zu schreiben wie der verflucht-erst-beste Schreiber und eine Beschäftigung zu
erfüllen, die sich für meinen Geist nicht ziemt. Ich kann ganz anderes leisten,
mein Herr Buchhändler, als was man hier glaubt, für mich erübrigen zu können.
Ich glaubte, ich könne bei Ihnen Bücher verkaufen, elegante Menschen
bedienen, einen Bückling machen und adieu sagen zu Käufern, wenn sie im
Begriffe sind, den Laden zu verlassen. Auch dachte ich, ich bekäme Gelegenheit,
einen Blick in das geheimnisvolle Wesen des Buchhandels zu werfen und die
Züge der Welt im Gesichte und Gang des Geschäftes zu erhaschen. Aber nichts
von alledem. Glauben Sie, es stände so schlimm mit meiner Jugend, daß ich
nötig hätte, sie in einem nichtsnutzigen Bücherladen zu verkrümmen und zu
ersticken? Sie irren sich zum Beispiel auch, wenn Sie der Meinung sind, der
Buckel eines jungen Menschen sei dazu da, um krumm zu werden. Warum
haben Sie mir nicht ein gutes, anständiges, mir angemessenes Sitz- oder Stehpult
angewiesen? Gibt es nicht prachtvolle Schreibpulte nach amerikanischem
Schnitt? Wenn man schon einen Angestellten will, so meine ich, muß man ihn
auch unterzubringen wissen. Das wußten Sie, wie es scheint, nicht. Weiß Gott, es
wird alles mögliche von einem jungen Anfänger verlangt: Fleiß, Treue,
Pünktlichkeit, Takt, Nüchternheit, Bescheidenheit, Maß und Zielbewußtheit und
wer weiß was noch alles. Wem aber fiele es je ein, irgend welche Tugenden von einem Herrn Prinzipal zu verlangen. Soll ich meine Kräfte, meine Lust, tätig zu
sein, meine Freude an mir selber, und das Talent, daß ich das so glänzend
imstande bin, an ein altes, mageres, enges Buchladenpult wegwerfen? Nein, ehe
ich das täte, könnte es mir vorher einfallen, unter die Soldaten zu gehen und
meine Freiheit vollends zu verkaufen, nur um sie überhaupt nicht mehr zu
besitzen. Ich bin nicht gern, gnädiger Herr, der Besitzer von etwas Halbem,
lieber will ich zu den ganz Besitzlosen gehören, dann gehört mir meine Seele
wenigstens noch an. Sie werden denken, es zieme sich wenig, so heftig zu reden,
und dies sei auch nicht der schickliche Ort zu einer Rede: Wohlan, ich schweige,
bezahlen Sie mich, wie es mir zukommt, und Sie werden mich nie wieder zu
Gesicht bekommen.«
Der alte Buchhändler war ganz erstaunt, den jungen, stillen, schüchternen
Menschen, der während der acht Tage so zuverlässig gearbeitet hatte, nun in
solcher Weise sprechen zu hören. Aus dem anstoßenden Arbeitsraume sahen und
horchten einige fünf zusammengedrängte Köpfe von Beamten und
Handlungsdienern der Szene zu. Der alte Herr sprach: »Wenn ich das von Ihnen
vermutet hätte, Herr Simon, würde ich mich besonnen haben, Ihnen in meinem
Geschäfte Arbeit zu geben. Sie scheinen ja ganz merkwürdig wankelmütig zu
sein. Weil Ihnen ein Schreibpult nicht paßt, will Ihnen gleich das Ganze nicht
passen. Aus welcher Gegend der Welt kommen Sie denn her und gibt es dort
lauter junge Leute von Ihrem Schlag? Sehen Sie, wie Sie nun vor mir altem
Manne dastehen. Sie wissen wohl selbst nicht, was Sie in Ihrem unreifen Kopf
eigentlich wollen. Nun, ich halte Sie nicht davon ab, von mir wegzugehen, hier
ist Ihr Geld, aber offen gestanden, es hat mir nicht Freude gemacht.« Der
Buchhändler zahlte ihm sein Geld aus, Simon strich es ein.
Als er nach Hause kam, sah er den Brief seines Bruders auf dem Tisch
liegen, er las ihn und dachte dann bei sich: »Er ist ein guter Mensch, aber ich
werde ihm nicht schreiben. Ich verstehe es nicht, meine Lage zu schildern, sie ist
auch gar nicht des Beschreibens wert. Zu Klagen habe ich keinen Anlaß, zu
Freudesprüngen ebensowenig, zu schweigen allen Grund. Es ist wahr, was er
schreibt, aber eben deshalb will ich es bei der Wahrheit bewenden lassen. Daß er
unglücklich ist, hat er mit sich selbst abzumachen, aber ich glaube gar nicht, daß
er so sehr unglücklich ist. Das klingt in Briefen so. Man wird während des
Schreibens einfach fortgerissen zu unvorsichtigen Äußerungen. In den Briefen
will die Seele immer zu Wort kommen und sie blamiert sich in der Regel. Ich
schreibe also lieber nicht.« – Damit war die Sache abgetan. Simon war voller
Gedanken, schöner Gedanken. Wenn er dachte, kam er ganz unwillkürlich auf
schöne Gedanken. Am nächsten Morgen, die Sonne blendete hell, meldete er
sich beim Stellenvermittlungsbureau. Der Mann, der dort saß und schrieb, stand auf. Der Mann kannte Simon sehr gut und pflegte mit ihm mit einer Art
spöttischer, hübscher Vertrautheit zu verkehren. »Ah, Herr Simon! Sind Sie
wieder da! In welcher Angelegenheit kommen Sie denn?«
»Ich suche eine Stelle.«
»Sie haben schon zu wiederholten Malen Stelle gesucht bei uns, man möchte
versucht sein, zu sagen: Sie suchen mit einer unheimlichen Schnelligkeit
Stellen.« Der Mann lachte, aber leise, denn eines groben Lachens war er doch
nicht fähig. »Wo waren Sie denn zuletzt beschäftigt, wenn man Sie fragen darf?«
Simon erwiderte: »Ich war Krankenwärter, und es stellte sich heraus, daß ich
alle Eigenschaften besitze, um die Kranken pflegen zu können. Warum staunen
Sie so sehr bei dieser Eröffnung? Ist es so fürchterlich seltsam, wenn ein Mann
in meinem Alter verschiedenen Berufsarten nachgeht, wenn er den Versuch
macht, sich den verschiedenartigsten Menschen nützlich zu erweisen? Ich finde
das hübsch an mir, weil ich dabei etwas tue, was einen gewissen Mut erfordert.
Mein Stolz wird in keiner Weise verletzt dadurch, im Gegenteil, ich bilde mir
etwas darauf ein, allerhand Lebensaufgaben lösen zu können und nicht vor
Schwierigkeiten zu zittern, vor denen die meisten Menschen zurückschrecken.
Man kann mich brauchen, diese Gewißheit genügt mir, um meinen Stolz zu
befriedigen. Ich will nützlich sein.«
»Warum sind Sie denn nicht bei dem Krankenwärterberuf geblieben?« fragte
der Mann.
»Ich habe keine Zeit, bei einem und demselben Beruf zu verbleiben,«
erwiderte Simon, »und es fiele mir niemals ein, wie so viele andere, auf einer
Berufsart ausruhen zu wollen wie auf einem Sprungfederbett. Nein, das bringe
ich, und wenn ich tausend Jahre alt werde, nicht fertig. Lieber gehe ich unter die
Soldaten.«
»Passen Sie auf, daß es nicht mit Ihnen noch so weit kommt.«
»Es gibt auch noch andere Auswege. Das mit den Soldaten ist eine flüchtige
Redensart von mir, die ich mir angewöhnt habe, um meine Reden zu
beschließen. Was hat ein junger Mann, wie ich, nicht für Auswege. Ich kann,
wenn es Sommer ist, zu einem Bauern gehen, ihm auf dem Felde helfen, daß die
Ernte beizeiten unter Dach kommt, er wird mich willkommen heißen und meine
Kraft schätzen. Er wird mir zu essen geben, gutes Essen, denn man kocht gut auf
dem Lande, er wird mir, wenn ich von ihm wegziehe, etwas Bargeld in die Hand
drücken, und seine junge Tochter, ein frisches, bildschönes Mädchen, wird mir
zum Abschied zulächeln, in einer Weise, daß ich lange daran denken muß,
während ich weiter wandere. Was schadet es, zu wandern, auch wenn es regnet
oder gar schneit, wenn man seine gesunden Glieder hat und sich weiter keine
Sorgen macht. Sie, in Ihrer gedrückten Enge, stellen sich nicht vor, wie köstlich das Laufen auf Landstraßen ist. Sind sie staubig, so sind sie es eben, wer frägt da
lange darnach. Nachher sucht man sich an einem Waldrande ein kühles
Plätzchen aus, wo der Blick, wenn man so daliegt, die herrlichste Aussicht
genießt, wo die Sinne auf eine natürliche Weise ausruhen und die Gedanken
nach Lust und Geschmack denken können. Sie werden mir entgegenhalten, das
könne ein anderer, zum Beispiel Sie selber, auch haben, während Ihrer Ferien.
Aber Ferien, was ist das! Darüber kann ich nur lachen. Ich will mit Ferien nichts
zu tun haben. Ich hasse die Ferien geradezu. Verschaffen Sie mir nur nicht einen
Posten mit Ferien. Das hat nicht den geringsten Reiz für mich, ja ich würde
sterben, wenn ich Ferien bekäme. Ich will mit dem Leben kämpfen, bis ich
meinetwegen umsinke, will weder Freiheit noch Bequemlichkeit kosten, ich
hasse die Freiheit, wenn ich sie so hingeworfen bekomme, wie man einem Hund
einen Knochen hinwirft. Da haben Sie Ihre Ferien. Wenn Sie etwa denken, Sie
hätten in mir einen Menschen vor sich, den es nach Ferien gelüstet, so irren Sie
sich, aber ich habe leider alle Ursache, zu vermuten, Sie denken so von mir.«
»Hier ist eine Aushilfsstelle bei einem Advokaten zu besetzen, für ungefähr
einen Monat. Paßt Ihnen das?«
»Gewiß, mein Herr.«
Damit war Simon beim Advokaten. Er verdiente dort ein ganz hübsches Geld
und war ganz glücklich. Nie erschien ihm die Welt schöner, als während dieser
Advokatenzeit. Er machte angenehme Bekanntschaften, schrieb leicht und
mühelos den Tag über, rechnete Rechnungen nach, schrieb nach dem Diktat, was
er außerordentlich gut verstand, betrug sich, zu seinem Erstaunen ganz reizend,
so daß sein Vorgesetzter sich lebhaft um ihn bekümmerte, trank jeweilen
nachmittags seine Tasse Tee, und träumte, während er schrieb, zum luftigen,
hellen Fenster hinaus. Träumen, und doch seine Pflicht nicht hintenansetzen, das
verstund er prächtig. »Ich verdiene so viel Geld, dachte er bei sich, daß ich eine
junge Frau damit haben könnte.« Der Mond schien oft, wenn er arbeitete, zum
Fenster hinein, das entzückte ihn sehr.
Seiner kleinen Freundin Rosa gegenüber äußerte sich Simon
folgendermaßen: »Mein Advokat hat eine lange, rote Nase und ist ein Tyrann,
aber ich komme sehr gut aus mit ihm. Ich empfinde sein mürrisches,
gebieterisches Wesen als Humor und wundere mich, wie gut ich mich allen
seinen, und oft ungerechten Geboten unterziehe. Ich liebe es, wenn es ein wenig
scharf zugeht, das paßt mir, das schwingt mich bis zu einer gewissen warmen
Höhe hinauf und reizt meine Arbeitslust. Er hat eine schöne, schlanke Frau, die
ich malen möchte, wenn ich ein Maler wäre. Sie hat, glauben Sie es nur,
wunderbar große Augen und herrliche Arme. Oft macht sie sich etwas bei uns im
Bureau zu schaffen; wie muß sie da auf mich armen Schreibteufel herabsehen. Ich zittere, wenn ich solche Frauen sehe und bin doch glücklich. Lachen Sie?
Ihnen gegenüber bin ich leider gewöhnt, ohne Schranken offen zu sein, und ich
hoffe, Sie sehen das gerne an mir.«
Rosa liebte es in der Tat, wenn man offen zu ihr war. Sie war ein
merkwürdiges Mädchen. Ihre Augen hatten einen wundervollen Glanz, und ihre
Lippen waren geradezu schön.
Simon fuhr fort: »Wenn ich morgens um acht Uhr zur Arbeit gehe, fühle ich
mich so schön verwandt mit allen denen, die ebenfalls morgens um acht Uhr
anzutreten haben. Welche große Kaserne, dieses moderne Leben! Und doch wie
schön und gedankenvoll ist gerade diese Einförmigkeit. Man sehnt sich
beständig nach etwas, das an einen herantreten sollte, das einem begegnen
müßte. Man hat ja so sehr nichts, ist so sehr armer Teufel, kommt sich so
verloren vor in all der Gebildetheit, Geordnetheit und Exaktheit. Ich steige die
vier Treppen hinauf und trete ein, sage guten Tag und beginne mit meiner Arbeit.
Du guter Gott, wie wenig muß ich leisten, wie wenig Kenntnisse verlangt man
doch von mir. Wie wenig scheint man zu ahnen, daß ich noch ganz anderes fähig
wäre. Aber mir behagt jetzt diese reizende Anspruchslosigkeit seitens meiner
Arbeitgeber. Ich kann, während ich arbeite, denken, ich habe alle Aussicht ein
Denker zu werden. Ich denke oft an Sie!«
Rosa lachte: »Sie sind ein Schlingel! Aber fahren Sie fort, es interessiert
mich, was Sie da sagen.«
»Die Welt ist eigentlich herrlich,« sprach Simon weiter, »ich kann da bei
Ihnen sitzen, und es hindert mich niemand daran, stundenlang mit Ihnen zu
plaudern. Ich weiß, daß Sie mir gerne zuhören. Sie finden, daß ich nicht ohne
Anmut spreche, und ich muß jetzt innerlich furchtbar lachen, weil ich das gesagt
habe. Aber ich sage eben alles, was mir gerade durch den Sinn schießt, wäre es
auch zum Beispiel gerade ein Eigenlob. Ich kann mich auch mit ebensolcher
Leichtigkeit tadeln, und es freut mich sogar, wenn ich dazu Gelegenheit habe.
Sollte man denn nicht alles aussprechen dürfen? Wie vieles geht verloren, wenn
man es erst langsam prüfen will. Ich mag nicht lange überlegen, bevor ich
spreche, und ob es sich schickt oder nicht, es muß eben heraus. Wenn ich eitel
bin, so muß eben meine Eitelkeit ans Licht treten, wäre ich geizig, der Geiz
spräche aus meinen Worten, bin ich anständig, so wird ohne Zweifel die
Honettheit aus meinem Munde tönen, und würde mich Gott zu einem braven
Menschen gemacht haben, so redete die Tüchtigkeit aus mir, was ich auch immer
spräche. Ich bin in dieser Beziehung ganz sorglos, weil ich mich und uns ein
wenig kenne und weil ich mich davor schäme, im Gespräch Furcht zu bezeigen.
Wenn ich beispielsweise mit Worten jemanden beleidige, verletze, kränke oder
ärgere, kann ich den üblen Eindruck nicht mit den paar nächsten Worten wieder gutmachen? Ich denke über mein Sprechen erst nach, wenn ich auf dem Gesicht
meines Zuhörers unangenehme Falten sehe, so wie jetzt auf Ihrem Gesicht,
Rosa.«
»Das ist etwas anderes.« –
»Sind Sie müde?«
»Gehen Sie nach Hause, nicht wahr, Simon. Ich bin allerdings jetzt müde.
Sie sind hübsch, wenn Sie sprechen. Ich habe Sie sehr lieb.«
Rosa streckte ihrem jungen Freund ihre kleine Hand entgegen, dieser küßte
die Hand, sagte gute Nacht und ging fort. Als er weg war, weinte die kleine Rosa
lange still für sich. Sie weinte um ihren Geliebten, einen jungen Mann mit
Locken auf dem Kopf, elegantem Schritt, edelgeschnittenem Mund, aber
liederlicher Lebensart. »So liebt man die, die es nicht wert sind,« sagte sie für
sich, »und doch, liebt man etwas deshalb, weil man einen Wert abschätzen
möchte? Wie lächerlich. Was geht mich das Wertvolle an, wo ich das Geliebte
haben möchte.« Dann ging sie zu Bett.