Geschwister Tanner
Siebentes Kapitel.
S i e b e n t e s K a p i t e l .
Es wurde Winter. Simon, der sich selber überlassen war, saß in einem kleinen
Zimmer, mit einem Mantel bekleidet, am Tische und schrieb. Er wußte nicht,
was er mit der Zeit beginnen sollte, und weil er von seinem Beruf her zu
schreiben gewöhnt war, so schrieb er jetzt ganz wie absichtslos von selber und
zwar auf kleine Papierstreifen, die er sich mit der Schere zurechtgeschnitten
hatte. Draußen war nasses Wetter, und der Mantel, mit dem Simon umhüllt war,
diente dazu, einen Ofen zu ersetzen. Ihm behagte dieses In-der-Stube-sitzen,
während draußen heftige Winde wehten, die Schnee versprachen. Es war ihm
behaglich zumute, so zu sitzen und etwas zu machen und sich der Einbildung zu
überlassen, ein vergessener Mensch zu sein. Er dachte zurück an seine Kindheit,
die noch gar nicht so weit rückwärts entfernt war, und die doch so fern lag wie
ein Traum, und schrieb:
»Ich will mich an die Kindheit zurückerinnern, da dies, in meinem jetzigen
Falle, eine spannende und belehrende Aufgabe ist. Ich war ein Knabe, der sich
gern an warme Öfen mit dem Rücken lehnte. Ich kam mir dabei wichtig und
traurig vor und machte ein zufriedenes und zugleich wehmütiges Gesicht. Auch
zog ich, wenn ich nur immer konnte, weiche Filzschuhe für die Stube an, das
heißt, das Wechseln der Schuhe, das Tauschen der nassen mit den warmen,
machte mir die größte Freude. Eine warme Stube hatte etwas Zauberhaftes für
mich. Ich war nie krank und beneidete immer die, die krank sein konnten, die
man pflegte, für die man etwas feinere Worte hatte, wenn man zu ihnen sprach.
Deshalb dachte ich mich öfters krank und war gerührt, wenn ich in meiner
Einbildung vernahm, wie meine Eltern zärtlich zu mir redeten. Ich hatte ein
Bedürfnis darnach, zärtlich behandelt zu werden, und es geschah nie. Vor meiner
Mutter fürchtete ich mich, weil sie so selten zärtlich sprach. Ich hatte das
Renommee eines Spitzbuben, und ich glaube, nicht mit Unrecht, aber es war
doch manchmal verletzend für mich, immer daran erinnert zu werden. Ich hätte
gern verzärtelt werden mögen; als ich aber einsah, daß es unmöglich war, daß
man mir diese Aufmerksamkeit schenke, wurde ich ein Flegel und verlegte mich
darauf, diejenigen zu ärgern, welche den Vorzug genossen, brave, geliebte
Kinder zu sein. Das war meine Schwester Hedwig und mein Bruder Klaus. Nichts machte mir größeres Vergnügen, als Ohrfeigen von ihnen zu bekommen;
denn daran sah ich, daß ich das Geschick dazu hatte, sie zornig auf mich zu
machen. Von der Schule habe ich keine große Erinnerung mehr, aber ich weiß,
daß sie mir eine Art Entgeltung wurde für die kleine Zurücksetzung, die ich im
elterlichen Hause erfuhr: ich konnte mich auszeichnen. Es war mir eine
Genugtuung, gute Zeugnisse nach Hause zu tragen. Ich fürchtete die Schule und
verhielt mich infolgedessen dort brav; ich blieb in der Schule überhaupt immer
zurückhaltend und zaghaft. Die Schwächen der Lehrer blieben mir indessen
nicht lange verhüllt, doch kamen sie mir mehr schrecklich als lächerlich vor.
Einer der Lehrer, ein plumper, ungeheurer Mensch, hatte ein wahres
Säufergesicht; trotzdem fiel es mir nie ein, daß er ein Säufer hätte sein können,
dagegen von einem andern ging ein rätselhaftes Gerücht in der Schulwelt umher,
daß er am Trunk untergegangen wäre. Dieses Mannes Leidensgesicht vergesse
ich nie. Die Juden hielt ich für vornehmere Menschen als die Christen; denn es
gab etliche entzückend schöne Judenfrauen, vor denen ich, wenn ich ihnen auf
der Gasse begegnete, erbebte. Öfters mußte ich, im Auftrage meines Vaters, in
eines der eleganten Judenhäuser gehen, und es roch immer wie nach Milch in
diesem Hause, und die Dame, die mir dort die Tür aufzuschließen pflegte, hatte
weiße, weite Kleider an und brachte einen warmen, gewürzigen Duft mit sich
heraus, vor dem ich anfangs einen Abscheu hatte, den ich aber nachher lieben
lernte. Ich glaube, ich trug nicht gerade hübsche Kleider als Knabe, jedenfalls
sah ich mit boshafter Bewunderung einige andere Knaben an, die hohe schöne
Schuhe trugen, glatte Strümpfe und gutsitzende Anzüge. Ein Knabe besonders
machte mir tiefen Eindruck wegen seiner Zartheit an Gesicht und Händen,
wegen der Weichheit seiner Bewegungen und der Stimme aus seinem Munde. Er
glich völlig einem Mädchen, war immer in weiche Stoffe gekleidet und genoß
bei den Lehrern eine Achtung, die mich stutzig machte. Ich sehnte mich
krankhaft danach, von ihm eines Wortes gewürdigt zu werden und war glücklich,
als er mich eines Tages vor dem Schaufenster einer Papierhandlung unvermittelt
ansprach. Er schmeichelte mir, weil ich so schön schrieb, und sprach das
Verlangen danach aus, eine ebenso schöne Schrift wie ich zu besitzen. Wie freute
mich das, diesem jungen Gott von Knaben in einem Stück wenigstens überlegen
zu sein, und ich wehrte seine Schmeicheleien errötend und selig von mir ab.
Dieses Lächeln! Ich erinnere mich noch, wie er lächelte. Seine Mutter war lange
Zeit mein Traum. Ich überschätzte sie zu Ungunsten meiner eigenen Mutter.
Welches Unrecht! Diesen Knaben griffen einige Spottvögel in unserer Klasse an,
indem sie die Köpfe zusammensteckten und sagten, er sei ein Mädchen und zwar
ein wirkliches, nur verkleidet in den Kleidern eines Knaben. Natürlich war es
nur Unsinn, aber mich traf das wie ein Donnerschlag und ich glaubte lange Zeit, in diesem Knaben ein verkleidetes Mädchen verehren zu sollen. Seine
überweiche Figur gab mir allen Anlaß zu überspannten romantischen
Empfindungen. Natürlich war ich zu schüchtern und stolz, ihm meine Vorliebe
für ihn zu erklären, und so hielt er mich für einen seiner Feinde. Wie vornehm
wußte er sich abzusondern. Wie merkwürdig, jetzt das zu denken! – Im
Religionsunterricht entzückte ich einmal meinen Lehrer, weil ich für eine
bestimmte Empfindung ein bestimmtes treffendes Wort fand; auch das ist mir
unvergeßlich geblieben. In verschiedenen Fächern war ich überhaupt sehr gut,
aber es war immer beschämend für mich, als Muster dazustehen, und ich
bemühte mich oft förmlich, schlechte Resultate zu erzielen. Mein Instinkt sagte
mir, daß mich die Überflügelten hassen könnten, und ich war gerne beliebt. Ich
fürchtete mich davor, von den Kameraden gehaßt zu werden, weil ich das für ein
Unglück hielt. Es war in unserer Klasse Mode geworden, die Streber zu
verachten, deshalb kam es öfters vor, daß sich intelligente und kluge Schüler aus
Vorsicht einfach dumm stellten. Dieses Verhalten, wenn es bekannt wurde, galt
als musterhaftes Betragen unter uns, und in der Tat, es hatte wohl einen Anstrich
von Heroismus, wenn auch in mißverstandenem Sinne. Von Lehrern
ausgezeichnet zu werden, war also mit der Gefahr der Mißachtung verbunden.
Welch eine seltsame Welt: die Schule. In einer der frühesten Schulklassen hatte
ich einen Schulkameraden, einen kleinen Knirps mit Flecken im spitzigen
Gesicht, dessen Vater ein herumsaufender Korbflechter war, den alle Leute
kannten. Da mußte nun der kleine Kerl immer vor der ganzen höhnenden Klasse
das Wort Schnaps aussprechen, was er nicht konnte, da er immer Snaps statt
Schnaps sagte, infolge eines armseligen Zungenfehlers. Wie gab uns das zu
lachen. Und wenn ich jetzt daran denke: wie roh war doch das. Ein anderer, ein
gewisser Bill, ein drolliger kleiner Bursche, kam immer zu spät in die
Schulstunde, weil seine Eltern ein Haus in einer einsamen, wilden, weit von der
Stadt entfernten Berggegend bewohnten. Dieser Spätling mußte jedes Mal für
sein Zuspätkommen die Hand ausstrecken, um einen bissigen, scharf
schmerzenden Schlag mit dem Meerrohr darauf zu empfangen. Der Schmerz
preßte dem Kleinen jedes Mal Tränen zu den Augen heraus. Welche Spannung
rief in uns diese Abstrafung hervor. Ich hebe übrigens hervor, daß ich hier nicht
irgend jemand, vielleicht den betreffenden Lehrer, wie man leicht glauben
könnte, anklagen will, sondern einfach mitteile, was ich noch weiß aus jenen
Zeiten. – Auf dem Berge, im Wald, oberhalb der Stadt, pflegte sich, damals mehr
als heutzutage, wie ich annehme, allerhand arbeitsloses, wildes, verkommenes
Volk anzusammeln, um aus Schnapsflaschen im Dickicht zu trinken, Karten zu
spielen, oder um mit den Weibern zu buhlen, denen das Elend und der Jammer
zum Gesicht herausglotzten, und die aus den Fetzen von Kleidern, die sie trugen, erkenntlich waren. Man nannte diese Menschen Vaganten. Eines Sonntag
Abends gingen wir, Hedwig, Kaspar und ich mit einem Mädchen, das wir Anna
nannten, und das unserem Hause treu war, auf einem schmalen Weg über diesen
Berg und sahen, als wir in eine Waldlichtung voll Felsstücken hinaustraten, wie
ein Mann eben eines dieser Felsstücke mit seiner Faust ergriff und es einem
andern Mann, seinem Gegner, ins Gesicht schleuderte, daß es einen Krach gab
und das Blut des Getroffenen, der alsobald zu Boden stürzte, herausspritzte. Der
Streit, dessen Ende, da wir sogleich flohen, wir nicht sahen, schien aus Anlaß
eines Weibes entstanden zu sein, wenigstens ist mir eine düstere, große
Weibsfigur noch immer deutlich vor Augen, die damals gelassen dagestanden ist
und dem Streit mit böser Haltung zusah. Ich trug ein tiefes Weh und einen
Schauder nach Hause, der mich am Essen verhinderte und noch lange Zeit jene
Waldstelle meiden ließ. Es lag etwas Furchtbares, Uranfängliches in diesem
Männerkampf. –
Kaspar und ich hatten einen gemeinschaftlichen Freund, Sohn eines
Großrates und angesehenen Kaufmanns, den wir wegen seiner Bereitwilligkeit
und Unterwürfigkeit gegen unsere Pläne sehr liebten. Zu diesem gingen wir oft
in das elterliche, großrätliche Haus, wo uns eine zierliche Dame, seine Mutter,
jedes Mal freundlich willkommen hieß. Wir spielten mit unseres Freundes
Baukasten und Bleisoldaten stundenlang und unterhielten uns vortrefflich.
Kaspar zeichnete sich im Bauen von Festungen und Palästen und im Entwerfen
von Schlachtenplänen aus. Unser Freund hing sehr an uns; an Kaspar, wie es mir
schien, noch mehr als an mir; und er besuchte auch uns öfters in unserem Hause,
wo es freilich nicht ganz so fein war. Hedwig hatte ihn sehr lieb. Seine Mutter
war von der unsrigen ganz verschieden, die Zimmer waren glänzender als bei
uns, der Ton war ein anderer, ich meine: der Ton der Umgangssprache; aber bei
uns war es in allem lebhafter. Damals lebte in unserer Stadt eine reiche Dame für
sich allein in einem herrlichen Garten, natürlich in einem Haus, aber das Haus
sah man nicht vor lauter Efeu und Bäumen und Springbrunnen, die es
verdeckten. Diese Dame hatte drei Töchter, schöne, blasse Mädchen, von denen
es hieß, daß sie alle zwei Wochen ein neues Kleid anzögen. Die Kleider
behielten sie nicht im Schrank, sondern ließen sie durch besondere Botenläufer
unter den Leuten der Stadt verkaufen. Hedwig besaß einmal ein Seidenkleid und
ein paar Schuhe von einem dieser Mädchen, und diese schon getragenen Sachen
flößten mir, als ich sie betrachtete und anrührte, einen geheimen Abscheu ein,
vermischt mit dem höchsten Interesse und einer Teilnahme, wegen der ich oft
ausgelacht wurde. Die Dame saß immer in ihrem Hause oder höchstens einmal
im Theater, wo sie erschreckend weiß aussah in ihrer dunkelroten Loge. Das
mittlere von den drei Mädchen war wohl das schönste. Ich sah sie in meiner Phantasie immer zu Pferde; sie hatte so ein Gesicht, das dazu geschaffen war,
vom Rücken eines tanzenden Pferdes auf eine gaffende Volksmenge
herabzublicken und alle die Augen niederschlagen zu machen. Alle drei
Mädchen sind jetzt wohl längst verheiratet. – Einmal hatten wir eine
Feuersbrunst, und zwar nicht in der Stadt selber, sondern in einem Nachbardorfe.
Der ganze Himmel in der Runde war gerötet von den Flammen, es war eine
eisige Winternacht. Die Menschen liefen auf dem gefrorenen, knirschenden
Schnee, auch ich und Kaspar; denn unsere Mutter schickte uns weg, um zu
erfahren, wo es brenne. Wir kamen zu den Flammen, aber es langweilte uns, so
lang in das brennende Gebälk zu schauen, auch froren wir, und so liefen wir bald
wieder nach Hause, wo uns Mutter mit all der Strenge einer Geängstigten
empfing. Meine Mutter war damals schon krank. Kaspar trat ein wenig später
aus der Schule aus, in der er keinen Erfolg mehr hatte. Ich hatte noch ein Jahr
vor mir, aber eine gewisse Melancholie ergriff mich und hieß mich auf die Dinge
der Schule mit Bitterkeit herabsehen. Ich sah das nahe Ende kommen und den
nahen Anfang von etwas Neuem. Was es sein sollte, darüber konnte ich mir nur
allerhand unkluge Gedanken machen. Ich sah meinen Bruder öfters, mit Paketen
beladen, in seinem Geschäftsleben, und dachte darüber nach, warum er so
niedergeschlagen dabei aussah und sein Gesicht zur Erde niederhing. Es mußte
nicht schön sein, dieses Neue, wenn man dabei die Augen nicht aufschlagen
durfte. Aber Kaspar hatte damals sich auf seinen Beruf zu besinnen angefangen,
er schien immer zu träumen und war von einer sonderbaren Gelassenheit, was
dem Vater nichts weniger als gefiel. Wir bewohnten jetzt ein geringeres
Vorstadthaus, dessen Anblick ein erkältender war. Die Wohnung war Mutter
nicht recht. Sie hatte überhaupt eine eigentümliche Krankheit, sich von ihrer
jeweiligen Umgebung verletzt zu fühlen. Sie mochte von vornehmen kleinen
Häusern in Gärten schwärmen. Was kann ich wissen. Sie war eine sehr
unglückliche Frau. Wenn wir zum Beispiel alle beim Essen saßen, ziemlich
schweigsam, wie wir es gewohnt waren, erfaßte sie plötzlich eine Gabel oder ein
Messer und warf es von sich weg, über den Tisch hinaus, so daß alle mit den
Köpfen zur Seite bogen; wenn man sie dann beruhigen wollte, kränkte es sie,
und wenn man ihr Vorwürfe machte, noch viel mehr. Vater hatte einen schweren
Stand mit der Kranken. Wir Kinder erinnerten uns mit Wehmut und Schmerz der
Zeiten, wo sie eine Frau war, der alles mit einem Gemisch von Hochachtung und
Zärtlichkeit begegnete, wo, wenn sie die helle Stimme ansetzte und einen rief,
man sich beglückt fühlte zu ihr hinzueilen. Alle Damen der Stadt erwiesen ihr
Artigkeiten, die sie mit Grazie und Bescheidenheit abzulehnen wußte; diese
entschwundene Zeit erschien mir schon damals wie ein zaubervolles Märchen
voll entzückender Düfte und Bilder. Ich lernte also schon früh, mich schönen Erinnerungen mit Leidenschaft hinzugeben. Ich sah wieder das hohe Haus, wo
die Eltern ein reizendes Galanteriewarengeschäft hatten, wo viele Menschen zu
uns hineinkamen, um zu kaufen, wo wir Kinder eine helle, große Kinderstube
besaßen, in welche die Sonne mit einer Art Vorliebe hineinzuscheinen schien.
Dicht neben unserem hohen Hause kauerte ein kleines, schräges, zerdrücktes,
uraltes Haus mit einem spitzigen Giebeldach, darin wohnte eine Witwe. Sie hatte
einen Hutladen, einen Sohn und eine Verwandte und, ich glaube, noch einen
Hund, wenn ich mich recht erinnere. Wenn man zu ihr in den Laden trat,
begrüßte sie einen so freundlich, daß man das bloße dieser Dame
Gegenüberstehen als einen Wohlgenuß empfand. Sie preßte einem dann
verschiedene Hüte auf den Kopf, führte einen vor den Spiegel und lächelte dazu.
Ihre Hüte rochen alle so wunderbar, daß man wie gebannt dastehen mußte. Sie
war eine gute Freundin meiner Mutter. Dicht daneben, das heißt, dicht neben
dem Hutladen glitzerte und lockte eine schneeweiße Konditorei, eine
Zuckerbäckerei. Die Zuckerbäckersfrau schien uns ein Engel zu sein, nicht eine
Frau. Sie hatte das zarteste, ovalste Gesicht, das man sich denken kann; die Güte
und die Reinheit schienen diesem Gesicht die Formen gegeben zu haben. Ein
Lächeln, das einen zum frommen Kinde machte, wenn es einen traf, bezauberte
und versüßte noch ihre süßen Züge. Die ganze Frau schien wie geschaffen dazu,
Süßigkeiten zu verkaufen, Sachen und Sächelchen, die man nur mit
Nadelspitzenfingern anrühren durfte, wenn man ihnen den köstlichen
Geschmack nicht rauben wollte. Das war auch eine Freundin meiner Mutter. Sie
hatte viele Freundinnen.« –
Simon hörte auf zu schreiben. Er ging zu einer Photographie seiner Mutter,
die an der schmutzigen Wand seines Zimmers hing, und preßte, indem er sich
auf die Fußspitzen erhob, einen Kuß darauf. Dann zerriß er das Geschriebene,
weder mit Unmut noch mit vielem Besinnen, einfach deshalb, weil es keinen
Wert mehr für ihn besaß. Dann ging er zu Rosa, in die Vorstadt hinaus und sagte
zu ihr: »Ich werde nun vielleicht bald eine Anstellung in einer kleinen Landstadt
bekommen, was für mich jetzt das Schönste wäre, was es geben könnte. Eine
kleine Stadt ist doch etwas Entzückendes. Man hat da sein altes, behagliches
Zimmer, das man für merkwürdig wenig Geld bekommt. Vom Geschäft ins
Zimmer zu gelangen, wäre mit ein paar Schritten leicht abgetan. Alle Leute
grüßen einen in der Gasse und denken sich, wer der junge Herr wohl sein könne.
Diejenigen Weiber, die Töchter haben, geben einem schon im Geiste eine ihrer
Töchter zur Frau. Das wird die jüngste Tochter sein mit den Ringellocken und
den herabhängenden, schweren Ohrringen an den kleinen Ohren. Im Geschäft
würde man sich langsam unentbehrlich machen, und der Chef wäre glücklich,
eine solche Erwerbung wie mich gemacht zu haben. Abends nach Hause gekommen, säße man im geheizten Zimmer, und die Bilder an den Wänden
würden angesehen, von denen eines vielleicht die schöne Kaiserin Eugenie
darstellen dürfte und ein anderes eine Revolution. Die Tochter des Hauses käme
vielleicht herein und brächte mir Blumen, warum nicht? Ist dies alles in einer
Kleinstadt nicht möglich, wo die Menschen einander so zärtlich begegnen?
Eines Tages aber, in der warmen, hellen Mittagspause, würde dasselbe Mädchen
schüchtern an meiner Tür anklopfen, einer Tür, nebenbei gesagt, die aus der
Rokokozeit herstammte, würde sie aufmachen und zu mir in das Zimmer treten
und zu mir, unter einer unendlich feinen Seitenbeugung des schönen Kopfes,
sagen: »Wie sind Sie immer so still, Simon. Sie sind so bescheiden und machen
gar keine Ansprüche. Sie sagen nicht: mir fehlt dieses oder jenes. Sie lassen alles
so gehen. Ich fürchte, Sie sind unzufrieden.« Ich würde lachen und sie
beruhigen. Dann plötzlich, wie von seltsamen Gefühlen ergriffen, könnte es ihr
einfallen zu sagen: »Wie still und schön die Blumen sind, da auf dem Tische. Sie
sehen aus, als ob sie Augen hätten und es ist mir, als ob sie lächelten.« Ich würde
überrascht sein, so etwas aus dem Munde einer Kleinstädterin zu hören. Dann
würde ich es plötzlich natürlich finden, in langsamen Schritten zu der
Dastehenden und Zaudernden hinzugehen, meinen Arm um ihre Figur zu legen
und das Mädchen zu küssen. Sie würde es geschehen lassen, aber nicht so, daß
man versucht wäre, auf unschöne Gedanken zu verfallen. Sie würde die Augen
tief niederschlagen und ich hörte das Pochen ihres Herzens, das Wogen ihren
schönen, runden Brust. Ich würde sie bitten, mir ihre Augen zu zeigen, und
daraufhin würde sie sie aufmachen und ich würde in den Himmel ihrer
geöffneten, fragenden Augen hineinschauen. Das würde ein langes Bitten und
Schauen sein. Erst wäre es ein flehender Blick von ihr, dann würde es mich
reizen, sie ebenso anzusehen, dann würde ich natürlich lachen müssen und sie
würde mir trotzdem vertrauen. Wie wunderbar könnte das sein, und das kann
sein in einer kleinen Stadt, wo die Menschen mit Blicken so viel sagen. Ich
würde sie wieder küssen auf ihren seltsam gebogenen und geschweiften Mund
und ihr schmeicheln, so, daß sie meinen Schmeicheleien glauben müßte und es
also dann wieder keine bloßen Schmeicheleien wären, und ihr sagen, daß ich sie
als mein Weib betrachtete, worauf sie, wieder den Kopf so wundervoll zur Seite
biegend, ja sagen würde. Denn was könnte sie mir entgegnen, wenn ich ihr den
Mund zudrückte, wie einem Kind, wenn ich sie nun mit Küssen bedeckte, die
Herrliche, die ein Lächeln des Übermutes und des Siegesgefühles nicht zu
unterdrücken vermöchte? Freilich, Siegerin wäre sie und ich ihr Besiegter, das
würde sich ja bald zeigen, denn ich würde ihr Mann werden und ihr damit mein
ganzes Leben, meine Freiheit und alle Gelüste, die Welt zu sehen, opfern und
schenken. Nun würde ich sie immer betrachten und sie immer schöner finden. Bis zu unserer Vermählung würde ich wie ein Schelm hinter ihren Reizen, die sie
hinter sich fallen ließe, her sein. Ich würde ihr zusehen, wenn sie auf den
Zimmerboden hinkniete, abends, um im Ofen Feuer anzufachen. Ich würde viel
lachen, wie ein Blödsinniger, nur um nicht immer allzu feine Worte des
Zärtlichseins zu gebrauchen, und vielleicht würde ich sie öfters auch roh
behandeln, um die Züge des Schmerzes aus ihrem Gesicht abzufangen. Nach
solcher Handlungsweise käme es mir nicht darauf an, heimlich, wenn sie es nicht
sähe, vor ihrem Bette hinzuknieen und die Abwesende mit heißem Herzen
anzubeten. Ich würde mich vielleicht sogar dazu versteigen, ihren Schuh, der
doch mit Wichse bedeckt wäre, an meinen Mund zu pressen; denn der
Gegenstand, in den sie ihre kleinen weißen Füße steckte, würde für das Gefühl
der Anbetung vollkommen genügen, zum Beten braucht es ja nicht viel. Ich
stiege öfters auf die nahen, hohen Felsenberge hinauf, sorglos mich
hinaufziehend an kleinen Baumstämmchen, über Abgründe hinauf, und würde
mich oben über einen Felssturz auf die gelbliche Weide hinlegen und mich
darauf besinnen, wo ich denn eigentlich wäre, und mich fragen, ob mir ein
solches Leben in der Enge mit einer allerdings geliebten, aber doch alles
heischenden Frau wohl genügen würde. Ich schüttelte auf solche Fragen nur mit
dem Kopf und träumte mit herrlich gesunden Sinnen in die Ebene hinab, wo die
kleine Stadt ausgebreitet läge. Vielleicht würde ich eine halbe Stunde lang
weinen, warum nicht, um meine Sehnsucht zu versöhnen und würde wieder
ruhig und glücklich daliegen, bis die Sonne untersänke, dann hinuntergehen und
meinem Mädchen die Hand reichen. Es wäre alles beschlossen und hinter mir
zugeriegelt, aber ich wäre von Herzen froh über die feste, gebietende
Abgeschlossenheit. Alsdann würde ich Hochzeit feiern und so meinem Leben
ein neues Leben geben. Das alte würde wie eine schöne Sonne untergehen, und
nicht einmal einen Blick würde ich ihm nachwerfen, weil ich das für gefährlich
und schwach hielte. Die Zeit verginge, und nun würden wir uns, um für unsere
Zärtlichkeit eine Abbildung zu haben, nicht mehr über Blumen beugen, sondern
über Kinder und uns entzücken über ihr Lächeln und Fragenstellen. Die Liebe zu
unseren Kindern und die tausend Sorgen, die sie heischen würden, machte
unsere eigene Liebe sanfter und nur größer, aber stiller. Mich zu fragen, ob mir
meine Frau noch gefalle, würde mir niemals einfallen, und mir einzureden, daß
ich ein kleines, dürftiges Leben führte, käme mir nie in den Sinn. Ich hätte alles
erfahren, was an Erfahrung das Leben gibt und würde gern auf den Gedanken
verzichten, der mir allerhand elegante Abenteuer vorhielte und vorspiegelte, die
ich versäumt hätte. »Was ist noch ein Versäumnis zu nennen?« würde ich mich
ruhig und überlegen fragen. Ich wäre ein fester Mensch geworden, das wäre alles
und bliebe alles bis zu meiner Frau Tode, der es vielleicht bestimmt wäre, früher als ich zu sterben. Doch weiter mag ich nicht denken; denn das liegt doch zu
fernab im Dunkel der schönen Zukunft. Was sagen Sie dazu? Ich träume jetzt
immer so viel, aber Sie müssen wenigstens zugeben, daß ich mit einer gewissen
Aufrichtigkeit und mit dem Verlangen träume, ein besserer Mensch zu werden,
als ich jetzt bin.«
Rosa lächelte. Sie schwieg eine Weile, indem sie Simon aufmerksam
betrachtete und fragte dann:
»Was macht Ihr Herr Bruder, der Maler?«
»Er will nächstens nach Paris gehen.«
Rosa erblaßte, schloß die Augen und atmete schwer. Simon dachte: Also
auch sie liebt ihn.
»Sie lieben ihn,« sagte er leise.
Am nächsten Morgen trat Simon in einem kurzen, dunkelblauen Mantel, mit
einem zierlichen, unbehülflichen Stöckchen in der Hand, aus dem Hause heraus.
Ein dicker, schwerer Nebel empfing ihn und es war noch vollständige Nacht.
Nach einer Stunde aber erhellte es sich, als er auf einer Anhöhe stand und auf die
große Stadt zu seinen Füßen zurückblickte. Es war kalt, aber die Sonne, die eben
jetzt feurig und hellrot über den verschneiten Büschen und Feldern emporstieg,
versprach einen wundervollen Tag. Er blieb in den Anblick des immer höher
fliegenden roten Balles gebannt und sagte sich, daß die Sonne im Winter noch
drei Mal so schön sei, wie eine Sonne mitten im Sommer. Der Schnee brannte
bald in dieser eigentümlich hellroten, warmen Farbe, und dieser wärmende
Anblick und die wirkliche Kälte dazwischen wirkten belebend und anspornend
auf den Wanderer, der sich auch nicht allzu lange mehr aufhalten ließ, sondern
tüchtig weiterschritt. Der Weg war derselbe, den Simon damals in der
Herbstnacht gegangen war, er hätte ihn jetzt beinahe schlafend gefunden. So lief
er den ganzen Tag. Im Mittag spendete die Sonne schöne Wärme auf die Gegend
herab, der Schnee wollte schon wieder zerrinnen, und das Grün blickte an
einigen Stellen naß hervor. Die rieselnden Quellen verstärkten den Eindruck der
Wärme, aber gegen Abend, als der Himmel in dunkelblauer Farbe prangte und
der rote Schein der Sonne sich über dem Bergrücken verlor, wurde es auch
gleich wieder grimmig kalt. Simon stieg wieder den Berg hinauf, den er schon
einmal, aber in wilderer Hast, in der Nacht erklommen hatte; der Schnee
knirschte unter seinen Schritten. Die Tannen waren so voll mit Schnee beladen,
daß sie ihre starken Äste herrlich zur Erde niederhängen ließen. Ungefähr in der
Mitte des Aufstieges sah Simon plötzlich einen jungen Mann mitten im Wege im Schnee daliegen. Es war noch so viel letzte Helle im Wald, daß er den
schlafenden Mann ins Auge fassen konnte. Was veranlaßte diesen Menschen,
sich hier in der bitteren Kälte und an einer so einsamen Stelle im Tannenwald
niederzulegen? Des Mannes breiter Hut lag quer über dessen Gesicht, wie es oft
im heißen, schattenlosen Sommer vorkommt, daß ein Liegender und
Ausruhender sich auf diese Weise gegen die Sonnenstrahlen schützt, um
einschlafen zu können. Das hatte etwas Unheimliches an sich, dieses
Gesichtverdecken mitten im Winter, zu einer Zeit, wo es wahrhaftig keine Lust
konnte genannt werden, es sich hier im Schnee bequem zu machen. Der Mann
lag unbeweglich und schon fing es an, immer dunkler im Walde zu werden.
Simon studierte des Mannes Beine, Schuhe, Kleider. Die Kleider waren hellgelb,
es war ein Sommeranzug, ein ganz dünner und fadenscheiniger. Simon zog den
Hut von des Mannes Gesicht, es war erstarrt und sah schrecklich aus, und jetzt
erkannte er auf einmal das Gesicht, es war Sebastians Gesicht, kein Zweifel, das
waren Sebastians Züge, das war sein Mund, sein Bart, seine etwas breite,
gedrückte Nase, seine Augenbildungen, seine Stirn und seine Haare. Und er war
hier erfroren, ohne Zweifel, und er mußte schon etliche Zeit liegen, hier am
Wege. Der Schnee zeigte hier keine Fußspuren, es war also denkbar, daß er
schon lange liege. Gesicht und Hände waren längst erstarrt, und die Kleider
klebten an dem erfrorenen Leib. Sebastian mochte hier, durch große, nicht mehr
zu ertragende Müdigkeit, hingesunken sein. Allzukräftig war er nie gewesen. Er
ging immer in gebückter Haltung, als ertrüge er die aufrechte nicht, als täte es
ihm weh, seinen Rücken und seinen Kopf stramm zu halten. Wenn man ihn
ansah, empfand man, daß er dem Leben und seinen kalten Anforderungen nicht
gewachsen war. Simon schnitt Tannenäste von einer Tanne und bedeckte den
Körper damit, doch zog er vorher noch ein kleines dünnes Heft aus der
Rocktasche des Toten, das dort hervorgeschaut hatte. Es schien Gedichte zu
enthalten, Simon unterschied die Schriftzeichen nicht mehr. Es war mittlerweile
völlige Nacht geworden. Die Sterne funkelten durch die Lücken der Tannen und
der Mond schaute in einem schmalen, zierlichen Reifen der Szene zu. »Ich habe
keine Zeit,« sagte Simon still vor sich, »ich muß mich beeilen, daß ich die
nächste Stadt noch erreiche, ich würde sonst keine Bangigkeit verspüren, noch
etwas längere Zeit bei diesem armen Kerl von Toten zu verweilen, der ein
Dichter und Schwärmer war. Wie nobel er sich sein Grab ausgesucht hat. Mitten
unter herrlichen, grünen, mit Schnee bedeckten Tannen liegt er. Ich will
niemanden davon Anzeige erstatten. Die Natur sieht herab auf ihren Toten, die
Sterne singen leise ihm zu Häupten, und die Nachtvögel schnarren, das ist die
beste Musik für einen, der kein Gehör und kein Gefühl mehr hat. Deine
Gedichte, lieber Sebastian, will ich in die Redaktion tragen, wo man sie vielleicht lesen und dem Abdruck übergeben wird, damit von dir wenigstens
dein armer, funkelnder, schönklingender Name der Welt erhalten bleibt. Eine
prachtvolle Ruhe, dieses Liegen und Erstarren unter den Tannenästen, im
Schnee. Das ist das beste, was du tun konntest. Die Menschen sind immer
geneigt, derartigen Käuzen, wie d u einer warst, weh zu tun und ihre Schmerzen
zu verlachen. Grüße die lieben, stillen Toten unter der Erde und brenne nicht zu
sehr in den ewigen Flammen des Nichtmehrseins. Du bist anderswo. Du bist
sicher an einem herrlichen Ort, du bist jetzt ein reicher Kerl, und es verlohnt
sich, die Gedichte eines reichen, vornehmen Kerls herauszugeben. Lebe wohl.
Wenn ich Blumen hätte, ich schüttete sie über dich aus. Für einen Dichter hat
man nie Blumen genug. Du hattest zu wenig. Du erwartetest welche, aber du
hörtest sie nicht über deinem Nacken schwirren, und sie fielen nicht auf dich
nieder, wie du geträumt hast. Siehst du, ich träume auch viel, und viele, viele
Menschen, denen man es nicht zutrauen würde, träumen, aber du glaubtest, ein
Recht zu haben auf das Träumen, während wir anderen nur träumen, wenn wir
uns recht elend vorkommen, aber froh sind, es einstellen zu können. Du
verachtetest deine Mitmenschen, Sebastian! Aber, Lieber, das darf sich nur ein
Starker erlauben, und du warst schwach! Doch ich will nicht dein heiliges Grab
gefunden haben, um es zu beschmähen. Was weiß ich, was du gelitten hast. Dein
Tod unter den offenen Sternen ist schön, ich werde das lange nicht vergessen
können. Ich will Hedwig dein Grab unter diesen edlen Tannen schildern, und ich
werde sie damit weinen machen. Die Menschen werden wenigstens noch deine
Gedichte lesen, wenn sie mit dir doch einmal nichts anzufangen wußten.« –
Simon schritt von dem Toten weg, warf einen letzten Blick auf das Häufchen
Tannenäste, unter denen jetzt der Dichter schlief, wandte sich mit einer schnellen
Drehung seines schmiegsamen Körpers von dem Bilde ab und lief, was er
konnte, im Schnee weiter, den Berg hinauf. Er mußte also zum zweiten Mal den
Berg bei Nacht ersteigen, aber dieses Mal schauerten Leben und Tod heiß durch
seinen ganzen Körper. Er hätte jubeln mögen in dieser eisigen,
sternengeschmückten Nacht. Das Feuer des Lebens trug ihn vom sanften,
blassen Bild des Todes stürmisch hinweg. Er spürte keine Beine mehr, nur noch
Adern und Sehnen, und diese gehorchten biegsam seinem vorwärtseilenden
Willen. Droben auf der freien Bergmatte genoß er den erhabenen Anblick der
herrlichen Nacht erst ganz, und er lachte laut auf, wie ein Knabe, der noch nie
einen Toten gesehen hat. Was war denn ein Toter? Ei, eine Mahnung ans Leben.
Weiter gar nichts. Eine köstliche zurückrufende Erinnerung und zugleich ein
Treiben in die ungewisse, schöne Zukunft. Simon spürte, daß seine Zukunft noch
recht weit und offen vor ihm liegen mußte, wenn er so ruhig mit Toten umgehen
konnte. Es machte ihm eine tiefe Freude, diesen armen, unglücklichen Menschen noch einmal gesehen zu haben und so geheimnisvoll angetroffen zu haben, so
schweigend, so beredt, so dunkel und ruhig und so vornehm fertig. Jetzt gab es
gottlob über diesen Dichter nichts mehr zu lächeln und zu naserümpfen, bloß
noch zu fühlen. – Simon schlief herrlich in einem Gasthausbett, nämlich in
demselben Gasthaus, dessen Tanzsaal sein Bruder bemalt hatte. Den andern Tag
benutzte er zu frischem Laufen auf beschwerlichen Straßen voll Schnee. Er sah
immer einen blauen Himmel über sich, Häuser zu beiden Seiten der Straßen,
schöne große Häuser die auf eine wohlhabende und stolze Landbevölkerung
schließen ließen, Hügel mit schwarzen, zerzausten Bäumen besetzt, in die der
blaue Himmel hineinkroch, und Menschen, die an ihm vorübergingen und
solche, die mit ihm die gleiche Richtung liefen, die er aber überholte; denn er
lief, während die andern gemächlich gingen. Als es Nacht wurde, ging er durch
ein stilles, enges, sonderbares Tal, ganz von Wäldern umschlossen und voll
Windungen und seltsamer Ausblicke in erhöhte Dörfer, wo die Nachtlichter
brannten und die Menschen spärlich umherliefen. Da ihn nun doch eine
ernstliche Müdigkeit zu plagen anfing, kehrte er im nächsten Gasthaus wieder
ein. Die Wirtsstube war mit Menschen angefüllt, und die Wirtin sah eher wie
eine vornehme Frau aus feinem Haus aus als wie eine Wirtin, die Gäste bediente.
Er verlangte schüchtern, was er begehrte, worauf ihn die schöne Frau mit
seltsamen Blicken maß. Er aber war so müde, so zerschlagen, daß er nur froh
war, als er bald darauf in sein Zimmer geführt wurde, wo er sich mit Wonne in
ein eiskaltes Bett legte, um sogleich einzuschlafen. Der dritte Tag brachte ihn in
eine schöne, mächtige Stadt, wo er nur ein Geschäft hatte: einen Redakteur
ausfindig zu machen, um Sebastians Gedichte abzugeben. Vor dem ihm
bezeichneten Hause angekommen, fiel ihm ein, daß es nicht klug wäre, selber
hineinzugehen und Gedichte eines Totaufgefundenen abzugeben. Er schrieb
daher auf den Umschlag des blauen Heftes den Titel: »Gedichte eines im
Tannenwald erfroren aufgefundenen jungen Mannes zur Veröffentlichung, wenn
es möglich ist«, und warf das Heft in den großen, plumpen Briefkasten, in den es
hinunterprallte. Dieses getan machte sich Simon neuerdings auf den Weg. Das
Wetter war milder geworden, Schnee wirbelte in großen, nassen Flocken auf die
Straßen, zu denen hinaus es ihn drängte. Die unbekannten Menschen dieser Stadt
sahen ihn so sonderbar groß an, daß er beinahe glauben mußte, sie kennten ihn,
den völlig Fremden. Bald kam er zur eigentlichen Stadt hinaus in die vornehme
Villenvorstadt, und zu dieser auch wieder hinaus, in einen Wald, auf ein Feld,
auf ein anderes, wieder in einen kleineren Wald, dann in ein Dorf, in ein zweites
und drittes, bis es Nacht wurde.