Geschwister Tanner
Achtes Kapitel.
A c h t e s K a p i t e l .
In dem kleinen Dorfe schneite es am Morgen. Die Schulkinder kamen alle
mit nassen, verschneiten Schuhen, Hosen, Röcken und Köpfen und Kappen in
die Schule. Sie brachten Schneeduft in die Schulstube und allerhand Geröll von
den schmutzigen, aufgeweichten Wegen. Die Schar der Kleinen war infolge des
Schneefalles zerstreut und angenehm aufgeregt, zu Aufmerksamsein wenig
geneigt, worüber die Lehrerin ein wenig unmutig wurde. Sie wollte eben mit
Religion beginnen, als sie einen dunklen, schlanken, beweglichen, gehenden
Fleck vor dem Fenster gewahrte, einen Fleck, den kein Bauer hätte machen
können, denn er war zu zierlich und beweglich. Es flog nur so an der
Fensterreihe vorüber, und auf einmal sahen die Kinder ihre Lehrerin, alles
vergessend, zur Stube hinauseilen. Hedwig trat nur zur Schulstubentür hinaus,
um ihrem Bruder, der dicht davor stand, in die Arme zu fliegen. Sie weinte und
küßte Simon und führte ihn in eines von den zwei Zimmern, die ihr zur
Verfügung standen. »Du kommst unerwartet, aber es ist gut, daß du kommst,«
sagte sie, »lege deine Sachen hier ab. Ich muß noch Schule halten, aber ich will
die Kinder heute eine Stunde früher nach Hause schicken. Das wird nichts
ausmachen. Sie sind heute doch sonst so unaufmerksam, daß ich einen Grund
habe, böse zu sein und sie früher abzufertigen.« – Sie ordnete sich ihr Haar, das
bei der heftigen Begrüßung ziemlich aus den Fugen geraten war, sagte Auf
Wiedersehen zu ihrem Bruder und ging wieder zurück an ihr Geschäft.
Simon fing an, sich auf dem Lande einzurichten. Seine Koffer kamen mit der
Post nach, worauf er alle seine Sachen auspackte. Vieles besaß er nicht mehr, ein
paar alte Bücher, die er nicht hatte veräußern oder weggeben mögen, Wäsche,
einen schwarzen Anzug und einen Knäuel von Kleinigkeiten wie Bindfaden,
Seidenreste, Krawatten, Schuhbändel, Kerzenstümpchen, Knöpfe und
Fadenteile. Man lieh sich bei der Nachbarsschullehrerin eine alte eiserne
Bettlade, dazu eine Strohmatratze, das genügte, um auf dem Lande schlafen zu
können. Diese Bettstelle wurde auf einem breiten Schlitten in der Nacht vom nächsten Dorf herbeigeführt. Hedwig und Simon setzten sich auf das sonderbare
Fahrzeug; der Sohn der befreundeten Lehrerin, ein strammer Bursche, der eben
den Militärdienst verlassen hatte, leitete den Schlitten bergab in die Einsenkung,
in der sich das Schulhaus befand. Man lachte viel. Das Bett wurde im zweiten
Zimmer aufgeschlagen und mit dem nötigen Bettzeug versehen und so für einen
Menschen hergerichtet, der keine zu überspannten Ansprüche an ein Bett
machte, was auch Simon keineswegs tat. Hedwig dachte im Anfang eine Weile:
»Da kommt er nun zu mir, weil er sonst nirgendswo anders zu leben hat in der
weiten Welt. Dafür bin ich ihm gut. Wenn er wüßte, wo schlafen und essen, er
würde sich sicher seiner Schwester nicht erinnert haben.« Aber sie verscheuchte
diesen Gedanken bald, der nur in einem Anflug von Trotz entstand, der
ausgedacht wurde, weil er so kam, nicht, weil man ihn gerne dachte. Simon
seinerseits schämte sich ein wenig, die Güte seiner Schwester in solcher Weise
zu beanspruchen, aber auch nicht sehr lange; denn die Gewohnheit schluckte
diese Empfindung bald auf, er gewöhnte sich daran, ganz einfach! Geld hatte er
wirklich keines mehr, aber er ließ sofort, in den ersten Tagen schon, ein
Schreiben an alle umliegenden Notare ergehen, mit der Bitte, ihm, einem
gewandten Schönschreiber, Arbeiten zuzuweisen. Und was brauchte man auf
dem Lande Geld! Viel jedenfalls nicht. Nach und nach sank jede empfindliche
Scheidewand zwischen den beiden Bewohnern des Schulhauses, sie lebten, als
wenn sie immer miteinander gelebt hätten, und teilten Entbehrung sowie
Lustbarkeiten fröhlich miteinander.
Es war Vorfrühling. Man durfte schon mit weniger Zagheit die Fenster offen
stehen lassen und brauchte den Ofen nur noch leichter zu heizen. Die Kinder
brachten Hedwig ganze Sträuße von Schneeglöckchen mit in die Schule, so daß
man in Verlegenheit geriet, wohin sie alle setzen, da nicht genug kleine Gefäße
vorhanden waren. Die Ahnung des Frühlings duftete beklemmend in der
Dorfluft. In der Sonne gingen schon Menschen spazieren. Simon war den
einfachen Leuten bekannt geworden, ganz spurlos, so ganz nebenher, man fragte
nicht viel, wer er sei, es hieß, es sei einer der Brüder der Lehrerin, das genügte,
um ihm hier Achtung zu verschaffen. Er wird einige Zeit zu Besuch bleiben,
dachte man. Simon ging ziemlich abgerissen umher, aber mit einer gewissen
leichten, kleidsamen Eleganz, die die Ärmlichkeit der Stoffe, die er trug, hübsch
verdeckte. Seine zerrissenen Schuhe machten nicht viel Aufsehen. Simon fand es
reizend, auf dem Lande in defekten Schuhen zu gehen; denn darin spürte er eine
der hervorragenden Annehmlichkeiten des ländlichen Lebens. Wenn er Geld
bekäme, würde er leise daran denken, das Schuhwerk aufbessern zu lassen, nur
ganz gemach und leise! Vielleicht würde er vierzehn Tage lang hinzaudern
damit; denn was kommt es auf dem Lande auf vierzehn Tage an! In der Stadt mußte man alles schnell tun, aber hier hatte man die schöne Verpflichtung, alles
von einem Tag auf den anderen zu verschieben, ja, es verschob sich ganz von
selber; denn die Tage kamen so still und ehe man es denken konnte, war der
Abend schon wieder da, dem eine innige Nacht folgte, ein wahrer Schlaf von
einer Nacht, den der Tag leise wieder aufweckte, sorgsam und zärtlich. Simon
liebte auch die meist schmutzigen Dorfwege, die kleinen, die über Geröll
führten, und die großen, in denen man im Kot versank, wenn man nicht
aufpaßte. Aber das war es ja eben! Man hatte Gelegenheit, aufzupassen, man
konnte den Städter herauszeigen, der daran gewöhnt war, mit Sorgfalt und etwas
posiertem Schrecken vor dem Schmutz eine Straße zu passieren. Die älteren
Dorfweiber konnten denken, das sei ein reinlicher und achtsamer junger Mann
und die Mädchen konnten lachen über die weiten Sprünge, mit denen Simon
über Gräben und Pfützen hinübersetzte. Der Himmel war vielmals dunkel
umwölkt, mit Wolken besetzt, die dick aufgeblasen waren, und köstliche Stürme
wehten oft und schüttelten den Wald und rasten über das Moos, wo die Leute
arbeiteten, die Erde stachen und die Pferde geduldig daneben standen. Oft auch
lächelte der Himmel, daß alle Menschen, die es sahen, augenblicklich mitlächeln
mußten. Hedwigs Gesicht nahm einen frohlockenden Ausdruck an, der Lehrer,
der im oberen Stock wohnte, steckte seine Brille neugierig zum Fenster hinaus
und genoß auf seine Weise das Entzücken eines freundlichen Himmels. Simon
hatte sich in einem kleinen Laden eine billige Pfeife und dazu Tabak gekauft. Es
erschien ihm schön und angemessen, auf dem Lande nur Pfeife zu rauchen, denn
eine Pfeife konnte man stopfen, und dieses Stopfen war eine Bewegung, die zum
offenen Feld, zum Wald paßte, wo er beinahe den ganzen hellen Tag verbrachte.
Am warmen Mittag lag er im hellgelben Gras unter dem herrlichen sanften
Himmel, am Flußufer hingestreckt und durfte nicht nur, sondern mußte sogar
träumen. Aber er träumte von nichts Weitem, Entfernterem und Schönerem,
sondern er sann und träumte glücklich in seine Umgebung hinein; denn er wußte
von nichts Schönerem. Hedwig, die Nahe, war der Gegenstand seiner Träume.
Er hatte die ganze übrige Welt vergessen und der Pfeifentabak, den er rauchte,
führte ihn nur wieder ins Dorf, zu dem Schulhause, zu Hedwig. Er dachte von
ihr: »Sie fährt mit einem in einem Nachen, der sie entführt hat. Der See ist klein
wie ein Parkteich. Sie sieht immer in die großen, schwarzen, düsteren Augen des
Mannes, der unbeweglich im Nachen sitzt, und denkt: »Wie doch seine Augen
ins Wasser blicken. Mich sieht er nicht an. Aber das ganze, weite Wasser blickt
mich mit seinen Augen an!« Der Mann hat einen struppigen Bart, wie die
Räuber Bärte zu tragen pflegen. Dieser Mann kann galant sein, wie keiner. Er
kann die Galanterie bis zum Verlust seines Lebens treiben, ohne mit einer
Wimper zu zucken und gewiß ohne die Hand aufs Herz zu legen und sich mit seiner Tat zu brüsten. Dieser Mann würde sich nie brüsten. Er hat eine warme,
wundervolle Männerstimme, aber er gebraucht sie nie, um eine Artigkeit zu
sagen. Nie kommt eine Schmeichelei über seine stolzen Lippen und seine
Stimme verdirbt er mit Absicht, daß sie rauh und herzlos töne. Aber das
Mädchen weiß, daß er ein grenzenlos gutes Herz hat, und wagt es dennoch nicht,
an sein Herz mit einer Bitte anzuschlagen. Eine Saite tönt über das Wasser mit
langen Tonwellen. Hedwig meint sterben zu sollen in dieser tönenden Luft. Der
Himmel über dem Wasser ist so, wie dieser leichte, wasserfarbene Himmel ist,
der jetzt über mir schwebt. Ein schwebender, hängender See da oben, das paßt
gut. Die Parkbäume im Bilde entsprechen den hohen, schwankenden Bäumen in
dieser Gegend. Sie haben etwas Parkartiges, Herrschaftliches. Im Bilde jedoch
ist alles gedrängter und zusammengesetzter, und ich schweife jetzt wieder darein
hinüber, ohne den stillen Zusammenhang mit mir und dieser Gegend weiter zu
würdigen. Der Mann erfaßt nun das Ruder und gibt damit dem Nachen einen
rücksichtslosen Stoß. Hedwig fühlt, daß er seiner eigenen Wärme und Liebe in
solcher Weise entgegenhandeln könnte. Wenn er Liebe und Zärtlichkeit in sich
spürt, ist er beleidigt und er straft sich unbarmherzig, daß er sich erlaubt hat, ein
weiches Gefühl in der Brust gehegt zu haben. So unnatürlich stolz ist er. Kein
Mann, sondern eine Mischung von Knabe und Riese. Einen Mann verletzt es
nicht, sich von Empfindungen überwältigt zu finden, aber einen Knaben, der
mehr sein will als ein aufrichtig fühlender Mann, der ein Riese sein will, der nur
stark sein will und nicht auch zuweilen schwach. Ein Knabe besitzt Tugenden
der Ritterlichkeit, die der vernünftig und reif denkende Mann immer zur Seite
wirft als unnütze Beigaben zum Feste der Liebe. Ein Knabe ist weniger feige als
ein Mann, weil er weniger reif ist, denn die Reife macht leicht niederträchtig und
selbstisch. Man muß nur die harten, bösen Lippen eines Knaben betrachten: der
ausgesprochene Trotz und das bildliche Versteifen auf ein einmal sich selber im
stillen gegebenes Wort. Ein Knabe hält Wort, ein Mann findet es passender, es zu
brechen. Der Knabe findet Schönheit an der Härte des Worthaltens (Mittelalter)
und der Mann findet Schönheit darin, ein gegebenes Versprechen in ein neues
aufzulösen, das er männlich verspricht zu halten. Er ist der Versprecher, jener ist
der Vollstrecker des Wortes. Locken um die jugendliche Stirne und einen
Todestrotz auf den geschwungenen Lippen. Augen wie Dolche. Hedwig zittert.
Die Parkbäume sind so weich, sie verschwimmen in der hellblauen Luft. Dort
unter den Bäumen sitzt der Mann, den sie verachtet. Den, der bei ihr ist und der
lieblos ist, muß sie lieben, trotzdem er nichts verspricht. Er hat noch den Mund
zu keinem Versprechen aufgetan, hat sich erlaubt, sie zu entführen, ohne ihr zum
Ersatz auch nur eine Zärtlichkeit ins Ohr hineinzuflüstern. Flüstern, das ist des
andern Sache, der da versteht es nicht. Und wenn er es auch verstünde, so würde er es doch nie tun, oder zu einer Gelegenheit tun, wo andere nicht mehr daran
denken, noch etwas zu äußern. Aber sie gibt sich ihm, ohne zu wissen, warum.
Sie hat nichts davon, darf sich keine Hoffnungen machen, wie Weiber sie sich
gerne machen, sie darf nur auf schonungslose Behandlung gefaßt sein, auf die
wilden Launen, womit ein Herrscher mit seinem Besitztum umzugehen pflegt.
Aber sie fühlt sich beglückt, wenn er mit einer Stimme zu ihr spricht, barsch und
achtlos, als ob sie schon die Seinige wäre. Sie ist es ja, und das weiß dieser
Mann. Er achtet nicht mehr, was schon sein ist. Ihre Haare sind ihr aufgegangen,
es sind wundervolle Haare, die an ihren schmalen, rötlichen Wangen wie flüssige
Stoffe niederstürzen. »Binde sie,« befiehlt er, und sie bemüht sich, seinem
Befehl zu gehorchen. Sie gehorcht mit Entzücken, und er sieht es natürlich, auch
wenn er die Augen schlösse; denn dann würde er einen Seufzer von ihr hören
wie ihn nur Glückliche ausstoßen können, und solche, die dabei hastig eine
Arbeit verrichten, die ihren Händen vielleicht beschwerlich fällt, aber ihren
Herzen schmeichelt. Sie steigen aus dem Nachen hinaus und treten ans Land.
Das Land ist weich und senkt sich leicht unter den Tritten, wie ein Teppich, oder
wie mehrere aufeinandergelegte Teppiche. Das Gras ist das gelbliche, dürre vom
Vorjahre, wie es hier, wo ich meine Pfeife rauche, zu sehen ist. Da erscheint
plötzlich ein Mädchen, ein ganz kleines, blasses, düster blickendes Mädchen auf
der Szene. Es scheint eine Prinzessin zu sein; denn ihre Kleider sind prachtvoll
und in die Breite gebauscht in einem schweren Bogen, aus dem die Brust wie
eine kleine, prangende Knospe herausspringt. Die Kleider sind dunkelrot, sie
haben das getrocknete Rot des Blutes. Ihr Gesicht ist von einer durchsichtigen
Blässe, es hat die Farbe des Winterabendhimmels in den Gebirgen. »Du kennst
mich!« Mit diesen Worten wendet sie sich an den betroffenen Mann, der starr
dasteht. »Du wagst es, mich noch anzublicken? Geh, töte dich. Ich befehle es
dir!« So spricht sie zu ihm. Der Mann macht Miene zu gehorchen. Was für eine
Miene? Ja, eine solche Miene, die man macht, wenn etwas Unabänderliches
getan werden soll. Man pflegt dabei eine Grimasse zu schneiden. Das Gesicht
zuckt und man muß es zerbeißen und einkneten mit der ganzen Willenskraft. Es
will auseinanderreißen. Ein Stück Nase will abfallen. Ähnliches geschieht
jedenfalls bei solchen Gelegenheiten. Aber weiter mag ich mit dem tollen Mann
nicht Miene machen, mich zu töten; denn es müßte mit einem langen Messer
geschehen, und ich glaube, ich habe nur eine Tabakspfeife und kein Messer.
Mein Traum hat mir im Anfang gefallen, aber jetzt, merke ich, will er ausarten
und das paßt nicht zu Hedwig; denn Hedwig ist sanft und wenn sie leidet, leidet
sie auf schönere und stillere Weise. Meinen Mann da im struppigen Bart würde
sie schön auslachen, wenn er ihr so frech käme. Die Landschaft, die ich da
gemalt habe, war indessen sehr nett, aber auch nur deshalb, weil ich sie in den großen Zügen dieser natürlichen Gegend hier herum entnommen habe. Man darf
beim Träumen nie den Boden des Natürlichen aufgeben, auch bei Menschen
nicht, denn sonst gelangt man sehr leicht zu dem Punkt, wo man eine der
Figuren sprechen läßt: »Geh, töte dich.« Und dann muß einer Miene machen,
und das Machen einer Miene ist lächerlich und ist geeignet, den schönsten
Traum zu verderben!« –
Simon ging nach Hause. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, jeden Tag
gegen Abend zu einer bestimmten Zeit nach Hause zu schlendern, den Blick
meist zu der braunen, schwärzlichen Erde gesenkt, um zu Hause den Tee zu
kochen, und hatte im Teekochen eine Handfertigkeit bekommen, die stets das
richtige Maß traf, denn es kam darauf an, nicht zu wenig und nicht zu viel von
der feinen, wohlriechenden Pflanze für einmal zu gebrauchen, das Geschirr stets
ziemlich sauber zu halten und es in appetitlicher und anmutiger Art auf den
Tisch zu stellen, das Wasser auf der Weingeistflamme nicht zerkochen zu lassen
und es mit dem Tee in vorgeschriebener Weise zu vermischen. Für Hedwig war
das eine kleine Erleichterung, da sie jetzt nur schnell aus der Schulstube hinaus
zum Tee zu eilen brauchte, um wieder zur Arbeit zu gehen. Am Morgen, nach
dem Aufstehen, brachte Simon sein Bett in Ordnung, ging dann in die Küche
und bereitete den Kakao, und zwar zu Hedwigs Vergnügen sehr schmackhaft;
denn er lauerte auch bei dieser Arbeit auf den richtigen Kniff, der immer einer
Verrichtung, und wäre sie noch so geringfügig, die nötige Vollendung gibt. Auch
übernahm er es, und zwar ganz wie von selbst, ohne jede Vorstudien oder
Anstrengungen, den Ofen zu feuern und das Feuer zu unterhalten, Hedwigs
Zimmer zu reinigen, wobei ihm die Gewandtheit, mit der er einen langen Besen
zu handhaben wußte, sehr zustatten kam. Die Fenster öffnete er, um frische Luft
in die Stube hineinzulassen, aber er schloß sie, wenn es ihm Zeit schien, auch
gehörig wieder zu, damit er eine warme und zugleich angenehm duftende Stube
bekäme. Überall im Zimmer, in kleinen Töpfen, blühten die Blumen weiter, die
der Natur draußen entrissen wurden, und verbreiteten Duft in die Enge der vier
Wände. Die Fenster hatten einfache aber zierliche Gardinen die zu der Helligkeit
und Freundlichkeit im Zimmer vieles beitrugen. Am Boden lagen warme
Teppiche, die Hedwig aus zusammengerafften Stoffresten von armen
Zuchthäuslern hatte verfertigen lassen, die dergleichen Arbeiten vortrefflich
ausführten. Ein Bett stand in einer Ecke und in der andern ein Piano, dazwischen
ein altes Sofa mit geblümtem Tuchüberzug, ein genügend großer Tisch davor,
Stühle daneben; und dann befand sich im Zimmer noch ein Waschtisch, ein
kleiner Schreibtisch mit Schreibunterlage und Büchergestell, das vollbesetzt mit
Büchern war, eine kleine umgestürzte Kiste am Boden, mit weichem Tuch
überzogen zum Sitzen und Lesen, da manchmal beim Lesen das Bedürfnis entstand, nahe am Boden zu sein und sich orientalisch vorzukommen, weiter ein
Nähtischchen mit Nähkörbchen, in denen sich all das wunderliche Zeug befand,
das einem Mädchen mit häuslichen Sitten unentbehrlich ist, ein runder
merkwürdiger Stein mit Poststempel und Marke versehen, ein Vogel, ein Haufen
Briefe und Ansichtskarten und an der Wand ein Horn zum Blasen, ein Becher
zum Trinken, ein Stock mit einem großen Hacken, ein Rucksack mit Feldflasche
und eine Schwanzfeder von einem Falken. An den Wänden hingen außerdem
noch Bilder, die Kaspar gemalt hatte, darunter eine Abendlandschaft mit Wald,
ein Dach, von einem Fenster aus gesehen, eine neblige, graue Stadt (besonders
schön für Hedwig), eine Flußpartie in üppigen Abendfarben, ein Feld im
Sommer, ein Ritter Don Quichote und ein Haus, das so an einen Hügel gedrückt
war, daß man wohl mit einem Dichter sprechen konnte: »Da hinten liegt ein
Haus.« Auf dem Piano, dessen Deckel mit einem Seidentuch überdeckt war,
befand sich eine Büste von Beethoven in grünlichem Bronceton, einige
Photographieen und ein kleines, feines Schmuckkästchen ohne Inhalt, eine
Erinnerung an die Mutter. Ein Vorhang, der wie ein Bühnenvorhang aussah,
trennte beide Zimmer voneinander und beide Schlafenden. Am Abend sah das
Zimmer der Lehrerin besonders traulich aus, wenn die Lampe angezündet wurde
und die Läden zugedrückt wurden; und am Morgen weckte die Sonne dort eine
Schläferin, die nicht gern aus dem Bett herauswollte und doch am Ende mußte.
Die Notare ließen Simon im Stich, keiner ließ etwas von sich hören.
Infolgedessen sah er sich gedrängt, auf andere Weise etwas Geld zu verdienen,
womit er hoffte, seiner Schwester den guten Willen zu zeigen, auch etwas zum
Haushalte mitzusteuern. Er nahm ein Blatt Papier zur Hand und schrieb darauf:
L a n d l e b e n .
Ich bin hier mit dem Schnee in ein Haus auf dem Lande gekommen, und
obschon ich nicht der Herr dieses Hauses bin, noch die Absicht hege, es zu
werden, kann ich mich doch als solcher fühlen und bin vielleicht glücklicher als
der Besitzer einer Staatswohnung. Nicht einmal das Zimmer, in dem ich wohne,
gehört mir, sondern einer sanften, lieben Lehrerin, die mich beherbergt und mir,
wenn ich hungrig bin, zu essen gibt. Ich bin gerne ein solcher Kerl, der von
anderer Menschen freundlicher Gnade abhängt, weil ich überhaupt gerne von
jemandem abhängig bin, um den Jemand lieb zu haben und aufzuhorchen, ob ich
seine Güte noch nicht verscherzt habe. Man muß ein eigenes Betragen für diesen
Zustand der holdesten aller Unfreiheiten annehmen, ein Benehmen zwischen
Frechheit und zarter, leiser, natürlicher Aufmerksamkeit, und ich verstehe das
vortrefflich. Man darf vor allen Dingen den Gastgeber nie fühlen lassen, daß
man ihm dankbar ist; damit zeigte man eine Schüchternheit und Feigheit, die den
Gebenden beleidigen müßte. Im Herzen betet man den Gütigen an, der einen unter das Dach ruft, aber es spräche von wenig Empfindung, wollte man ihm so
vorlaut den Dank zeigen, den er gar nicht empfangen will, da er nicht gegeben
hat und noch gibt, um irgend etwas Bettelhaftes dafür einzuheimsen. Dank unter
gewissen Umständen ist einfach Bettel. Weiter nichts. Und dann noch eines: Auf
dem Lande ist der Dank mehr schweigend und still als geschwätzig. Der zum
Dank Verpflichtete hat seine Art Betragen, weil er sieht, daß sein Gegenstück
ebenfalls so eine Art hat. Feine Geber sind beinahe noch schüchterner als der
Nehmer, und sie sind froh, wenn die Nehmer unbefangen hinnehmen, damit sie,
die Geber, mit Anstand und ohne viel Federlesens geben können. Meine
Lehrerin ist übrigens meine Schwester, aber dieser Umstand hinderte sie nicht
daran, mich Tagedieb fortzujagen, wenn sie den Wunsch dazu in sich verspürte.
Sie ist tapfer und aufrichtig. Sie hat mich mit einem Gemisch von Liebe und
Mißtrauen empfangen, freilich, denn sie mußte denken, daß der Lump von
Bruder nur daher gesegelt und gewackelt komme, zu ihr, der seßhaften
Schwester, weil er in Gottes Welt nicht mehr wußte, wohin! Das mußte etwas
Störendes und Verletzendes für sie haben, der ich, wenn es darauf ankam,
monate-, ja jahrelang keinen Brief geschrieben habe. Sie mußte ja denken, daß
ich nur komme, um meinen eigenen Leib zu pflegen, für den es wahrhaftig
zeitweise nicht schade wäre, wenn er geprügelt würde, und nicht deshalb, um
mit Sorgen eine Schwester aufzusuchen. Das hat sich indessen geändert, die
Empfindlichkeiten sind gestorben und wir leben jetzt nicht mehr wie
Blutsverwandte, sondern wie Kameraden zusammen, die trefflich miteinander
auskommen. Ach, auf dem Lande ist es zwei Menschen leicht, gut miteinander
auszukommen. Es gibt da eine Art, schneller alle Heimlichkeiten und alles
Mißtrauen abzuwerfen und eine Art, sich heller und lustiger zu lieben, als in der
gedrängten Stadt voll drängender Menschen und Tagessorgen. Auf dem Lande
kennt selbst der Ärmste weniger Sorgen, als der viel weniger Arme in der Stadt;
denn dort wird alles am Gerede und Tun der Menschen gemessen, während hier
die Sorge ruhig weitersorgt und der Schmerz in Schmerzen seinen natürlichen
Untergang findet. In der Stadt geht alles darauf los, reich zu werden, deshalb
sind so viele, die sich bitter arm vorkommen, aber auf dem Lande wird,
wenigstens zum großen Teil, der Arme nicht durch den immerwährenden
Vergleich mit dem Reichtum verletzt. Er kann ruhig mit seiner Armut
weiteratmen; denn er hat einen Himmel, zu dem er aufatmen kann. Was ist in der
Stadt der Himmel! – Ich selbst besitze nur noch ein kleines Silberstück an Geld,
und das muß für die Wäsche reichen. Auch meine Schwester, die vor mir
keinerlei Geheimnisse, als ganz unsagbare, hat, gesteht mir, daß ihr Geld
ausgegangen sei. Nun, wir sind ganz ruhig. Wir bekommen saftiges Brot und
frische Eier und duftenden Kuchen, soviel wir nur wollen. Die Kinder bringen uns das alles, denen es die Eltern für die Lehrerin mitgeben. Auf dem Lande
weiß man noch zu geben, daß es denjenigen ehrt, der nimmt. In der Stadt muß
man sich nachgerade vor dem Geben fürchten, weil es den Nehmer zu schänden
angefangen hat, ich weiß wahrhaftig nicht aus welchen Gründen, vielleicht, weil
man in der Stadt unverschämt wird dem gütigen Geber gegenüber. Man hütet
sich da, ein edles Mitempfinden für den Darbenden an den Tag zu legen und gibt
nur verstohlen, oder unter unschönen Reklamen. Welch eine heillose Schwäche,
sich vor den Armen zu fürchten und seinen Reichtum so selbst zu verzehren,
statt ihm den Glanz zu verleihen, den eine Königin bekommt, wenn sie ihre
Hand einer schlechten Bettlerin entgegenstreckt. Ich halte es für ein Unglück, in
der Stadt arm zu sein, weil man nicht bitten darf, da man fühlt, daß das Geben
voll Güte nicht an der Tagesordnung ist. Eines bleibt wenigstens wahr: Lieber
nicht geben und gar kein Mitleiden mehr fühlen, als es unwillig tun, mit dem
Bewußtsein, sich einer Schwäche hingegeben zu haben. Auf dem Lande ist man
nicht schwach, wenn man gibt, sondern man will geben und gibt sich manchmal
geradezu eine Ehre, geben zu dürfen. Wer sich vor dem Geben hütet, wird
sicherlich einmal, wenn der Fall eintritt, daß er niedergeworfen von Schicksalen
aller Art wird, und bitten muß, schlecht bitten und ungraziös und verlegen, also
wirklich bettelhaft in Empfang nehmen. Wie abscheulich von den mit Gütern
Gesegneten, die Armen ignorieren zu wollen. Besser, man peinige sie, zwinge
sie zu Fronen, lasse sie Druck und Schläge fühlen, so entsteht doch ein
Zusammenhang, eine Wut, ein Herzklopfen und das ist auch eine Art
Verbindung. Aber sich in eleganten Häusern, hinter goldenen Gartengittern
verkrochen zu halten und sich zu fürchten, den Hauch warmer Menschen zu
spüren, keinen Aufwand mehr treiben zu dürfen, aus Furcht, er könnte von den
erbitterten Gedrückten wahrgenommen werden, drücken und doch den Mut nicht
besitzen, zu zeigen, daß man ein Unterdrücker ist, seine Unterdrückten noch zu
fürchten, sich in seinem Reichtum weder wohl zu fühlen, noch andere wohl sein
zu lassen, unschöne Waffen zu gebrauchen, die keinen echten Trotz und
Mannesmut voraussetzen, Geld zu haben, nur Geld, und doch damit keine
Pracht: Das ist gegenwärtig das Bild der Städte, und es scheint mir ein
unschönes, der Verbesserung bedürftiges Bild zu sein. Auf dem Lande ist es
noch nicht so. Hier weiß der arme Teufel besser, woran er ist; er darf mit einem
gesunden Neid zu den Reichen und Wohlhabenden emporblicken und man
gestattet ihm das, denn das vermehrt die Würde desjenigen, der von solchen
Blicken betroffen wird. Die Sehnsucht, ein eigenes Heim zu besitzen, ist auf dem
Lande eine tiefbegründete und reicht bis zu Gott hinauf. Denn hier, unter dem
geöffneten weiten Himmel, ist es eine Wonne, ein schönes geräumiges Haus zu
besitzen. Das ist in der Stadt nicht so. Dort kann der Emporkömmling neben dem Grafen aus uraltem Geschlecht wohnen, ja, das Geld kann Wohnungen und
heilige alte Gebäude wegreißen, wie es will. Wer möchte in der Stadt Besitzer
eines Hauses sein? Das ist dort bloß ein Geschäft, nicht ein Stolz und eine
Freude. Die Häuser sind bis oben hinauf von den verschiedenartigsten Menschen
bewohnt, die alle aneinander vorübergehen, ohne sich zu kennen, ohne den
Wunsch zu äußern, sich kennen lernen zu dürfen. Ist das ein Haus? Und lange,
lange Straßen sind dort voll solcher Häuser, denen man, um sie richtig zu
bezeichnen, einen merkwürdigen neuen Namen geben müßte. Auf dem Lande
geschieht im Grunde genommen auch mehr, als in der Stadt; denn dort liest man
die Geschehnisse kalt und gelangweilt aus der Zeitung, während sie hier von
Mund zu Mund fieberisch und atemlos erzählt werden. Vielleicht kommt auf
dem Lande jedes Jahr einmal etwas vor, aber dann war es ein Miterlebnis für
alle. Ein Dorf in allen seinen versteckten Winkeln ist überhaupt fast immer
belebter und mit Intelligenz gefüllter, als der Städter meist anzunehmen beliebt.
Wie manche alte Frau mit Gesichtszügen, die für eines jeden Menschen
Großmutter vielleicht passen würden, sitzt nicht hinter der weißen Gardine eines
Fensters und könnte Dinge von innigem Zauber erzählen, und manches Dorfkind
ist viel weiter vorgeschritten in der Bildung des Gemütes und Verstandes als man
gerne voraussetzen möchte. Schon oft ist es vorgekommen, daß ein solches
Dorfkind, wenn es in die Stadtschule versetzt wurde, seine neuen Kameradinnen
in Erstaunen ob seines gut entwickelten Geistes gesetzt hat. Aber ich will die
Stadt nicht schmähen und das Land nicht über Gebühr preisen. Hier sind die
Tage nur so schön, daß man leicht die Stadt vergessen lernt. Sie wecken eine
stille Sehnsucht in die Weite, aber man möchte doch nicht weitergehen. Es ist ein
Gehen in allem und ein Kommen in allem. Wenn die Tage Abschied nehmen, so
geben sie die wundervollen Abende dafür, an denen man spazieren geht, auf
Wegen, die der Abend scheint entdeckt zu haben, und die man entdeckt für den
Abend. Die Häuser treten weiter hervor, und die Fenster glänzen. Selbst wenn es
regnet, bleibt es schön; denn da denkt man, es ist gut, daß es regnet. Seit ich
hierher gekommen bin, ist es beinahe Frühling geworden und es wird immer
mehr Frühling, die Türen und Fenster dürfen offen gelassen werden, wir fangen
an, den Garten umzustechen, die andern haben es alle schon getan. Wir sind die
Spätesten, und das schickt sich auch für uns. Ein ganzes Fuder schwarzer,
feuchter, teurer Erde hat man bei uns abgeladen, diese Erde muß mit der bereits
vorhandenen Gartenerde vermengt werden. Das wird eine Arbeit für mich geben,
auf die ich mich, so unwahrscheinlich es klingt, wenn ich es sage, freue. Ich bin
kein geborner Faulenzer, nein, ich bin nur ein Tagedieb, weil mich verschiedene
Amtstuben und Notare nicht beschäftigen wollen, weil sie keine Ahnung davon
haben, was ich ihnen nützen könnte. Ich klopfe alle Sonnabende die Teppiche aus, auch eine Arbeit, und bin befleißigt, das Kochen zu lernen, auch ein
Streben. Nach dem Essen trockne ich das Geschirr ab und plaudere mit der
Lehrerin; denn es gibt vieles zu sagen und zu erörtern zwischen uns und ich
plaudere gern mit einer Schwester. Am Morgen kehre ich die Stube aus und
trage Pakete auf die Post, komme heim und sinne darüber nach, was weiter zu
tun ist. Gewöhnlich ist nichts zu tun und so gehe ich in den Wald hinunter und
sitze dort solange unter den Buchen, bis es Zeit ist, oder bis ich glaube, daß es
Zeit ist, wieder nach Hause zu gehen. Wenn ich die Menschen arbeiten sehe, so
schäme ich mich unwillkürlich, keine Beschäftigung zu haben, aber ich finde,
daß ich nicht mehr tun kann, als das eben empfinden. Der Tag kommt mir vor
wie mir zugeworfen von einem gütigen Gott, der gern einem Taugenichts etwas
hinwirft. Mehr als arbeiten wollen und eine Arbeit ergreifen, sobald ich eine vor
mir sehe, verlange ich nicht von mir, da ich sehe, daß es so ganz gut geht. Das
paßt nämlich wundervoll zum Leben auf dem Lande. Man darf hier nicht
allzuviel tun, sonst verlöre man den Überblick über das schöne Ganze, verlöre
den Anstand des Zuschauenden, der nun einmal auch in der Welt sein muß. Der
einzige Schmerz wird mir von meiner Schwester bereitet, der ich die Schuld
nicht abzahlen kann und die ich mühsam ihre saure Pflicht erfüllen sehe,
während ich träume. Die spätesten Zeiten werden mich strafen für diese
Schlenderei, wenn es die früheren nicht tun, aber ich glaube, ich bin meinem
Gott angenehm so; Gott liebt die Glücklichen, er haßt die Traurigen. Meine
Schwester ist niemals lange traurig; denn ich heitere sie fortwährend auf und
gebe ihr zu lachen, indem ich mich vor ihr lächerlich mache, worin ich Talent
habe. Aber es ist auch nur meine Schwester, die über mich lacht, in deren Augen
ich eine freundliche Komik besitze, den andern gegenüber benehme ich mich mit
Würde, wenn auch nicht steif. Man hat die Pflicht, nach außen hin sein Dasein
durch ein ernsthaftes Betragen zu rechtfertigen, wenn man nicht als Gauner
gelten will. Das Landvolk ist sehr empfindlich für das Benehmen junger Leute,
die es gerne gesetzt, zuvorkommend und bescheiden sehen will. Ich schließe ab
und hoffe, mit diesem Aufsatz einiges Geld verdient zu haben, wenn nicht, so
hat es mich doch lebhaft interessiert, ihn zu schreiben, und einige Stunden sind
mir über dem Schreiben dahingeflossen. Einige Stunden? Jawohl! Denn auf dem
Lande schreibt man langsam, man wird öfters unterbrochen, die Finger sind
ungelenkiger geworden und die Gedanken wollen auch in ländlicher Weise
denken. Lebt wohl Städter!