Geschwister Tanner

Robert Walser · Kapitel 18 von 19

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Geschwister Tanner

Siebzehntes Kapitel.

S i e b z e h n t e s K a p i t e l .

 

So vergingen einige Wochen in dem wundervollen Sommer. Simon hatte den

Sommer noch nie so sehr als Wunder empfunden, wie dieses Jahr, wo er vielfach

auf der Straße arbeitsuchend lebte. Es kam nichts dabei heraus, trotz den

Bemühungen, aber es war wenigstens schön. Wenn er abends durch die

modernen, blätterzitternden, schattenhaften, lichterzuckenden Straßen lief, war

er immer daran, Menschen ohne weiteres mit törichten Worten anzusprechen,

nur um zu erfahren, wie es ihm dabei erginge. Aber die Menschen zeigten alle

nur ein verblüfftes Gesicht, weiter sagten sie nichts. Warum sprachen sie den

Gehenden und Herumstehenden nicht an, forderten ihn nicht auf, mit dunkler

Stimme, mitzukommen, in ein seltsames Haus hineinzutreten, und dort etwas zu

tun, was nur müßige Menschen tun, Menschen, die keinen weiteren

Lebenszweck im Sinne haben, so wie er, als den Tag vorübergehen und es Abend

werden zu sehen, um am Abend Wunderdinge voll Taten zu erwarten? »Ich wäre

zu jeder Tat bereit, wenn es nur eine kühne Tat wäre, die eines Unerschrockenen

bedürfte,« sagte er zu sich. Stundenlang saß er auf einer Bank und hörte der

Musik zu, die aus irgend einem vornehmen Hotelgarten herausrauschte, als ob

die Nacht zu leisen Tönen sich umgewandelt hätte. Die nächtlichen Weibsbilder

gingen an dem Einsamen vorüber, aber sie brauchten ihn nur schärfer zu

beobachten, um sogleich zu wissen, wie es mit des jungen Mannes Kasse stand.

»Wenn ich nur einen einzigen Menschen wüßte, den ich um eine Geldsumme

angehen könnte,« dachte er. »Meinen Bruder Klaus? Das wäre nicht ehrenhaft;

denn ich bekäme das Geld, aber zugleich einen leisen, traurigen Verweis. Es gibt

Menschen, die man nicht anbetteln kann, weil sie zu schön denken. Wenn ich

nur einen wüßte, an dessen Achtung mir nicht gar so sehr viel läge. Nein, ich

kenne keinen. Es liegt mir an der Achtung aller. Ich muß warten. Eigentlich

braucht man ja im Sommer nicht viel, aber es wird Winter! Ich habe ein wenig

Furcht vor dem Winter. Ich zweifle nicht daran, daß es mir im kommenden

Winter schlecht gehen wird. Nun, dann laufe ich im Schnee herum, wenn auch

mit nackten Füßen. Was kann daran liegen. Ich laufe solange, bis mir die Füße

brennen. Im Sommer ist das Ruhen so schön, das Liegen auf einer Bank unter

den Bäumen. Der ganze Sommer ist wie eine erwärmte, duftende Stube. Der Winter ist ein Fensteraufreißen, der Wind und der Sturm blasen und sausen

hinein, das macht einen dann sich bewegen. Da wird mir das Faulenzen

vergehen. Es soll mir recht sein, was auch immer kommen mag! Wie der

Sommer mir lang vorkommt. Erst einige Wochen lebe ich jetzt doch im Sommer,

und schon so lang scheint er mir. Ich glaube, die Zeit schläft und dehnt sich im

Schlafe aus, wenn man immer denken muß, was machen, um einen Tag lang mit

seinem bißchen Geld auszukommen. Auch glaube ich, die Zeit schläft und

träumt im Sommer. Die Blätter an den hohen Bäumen werden immer größer, in

der Nacht lispeln sie, und am Tage schlafen sie unter dem heißen Sonnenschein.

Ich zum Beispiel, was tue ich? Ich liege ganze Tage, wenn ich keine Arbeit habe,

bei geschlossenen Läden im Bett, in meinem Zimmer, und lese beim Schein

einer Kerze. Kerzen riechen so entzückend, und wenn man sie ausbläst, fließt ein

feiner, feuchter Rauch durch das dunkle Zimmer, und es ist einem dann so ruhig

zumute, so neu, wie einem Auferstandenen. Wie komme ich dazu, meine Miete

zu bezahlen? Morgen müßte ich es tun. Die Nächte sind so lang im Sommer,

weil man den Tag verbummelt und verschläft, und, sobald es Nacht wird, aus

allerlei Sumsum und Wirrwarr aufwacht und zu leben anfängt. Es würde mir

jetzt wie eine Sünde vorkommen, wenn ich nur eine einzige Sommernacht

verschliefe. Überdies ist es zu schwül zum Schlafen. Im Sommer sind die Hände

feucht und blaß, als spürten sie die Kostbarkeit der duftenden Welt, im Winter

sind sie rot und dick, als wären sie über die Kälte zornig. Ja, es ist so. Der Winter

macht einen zornig umherstampfen, im Sommer wüßte man nicht, worüber man

zornig sein sollte, als vielleicht über den Umstand, daß man seine Miete nicht zu

bezahlen imstande ist. Aber das hat mit dem schönen Sommer nichts zu tun. Ich

bin auch nicht mehr zornig, ich glaube, ich habe das Talent verloren, mich zu

erzürnen. Es ist Nacht, und der Zorn, das ist etwas so Taghelles, Rotes, Feuriges,

wie nur irgend etwas sein kann. Morgen werde ich mit meiner Wirtin reden.« –

Am nächsten Morgen schob er seinen Kopf in die Türe des Zimmers, wo

seine Wirtin wohnte und fragte sie in absichtlich scharfer Betonung, ob er ein

Wort mit ihr reden dürfe, ob sie dazu Zeit habe.

»Freilich! Was es denn sei?«

Simon sprach: »Ich kann Ihnen den Mietzins für diesen Monat nicht

bezahlen. Ich versuche gar nicht, Ihnen begreiflich machen zu wollen, wie

peinlich mir das ist. Das kann ein jeder sagen in einem derartigen Fall. Dagegen

setze ich voraus, daß Sie mir das Bestreben zutrauen, Mittel und Wege zu

ersinnen, um zu einer ansehnlichen Summe Geldes zu gelangen, damit ich meine

Schuld so bald wie möglich tilgen kann. Ich wüßte Menschen, von denen ich

Geld bekäme, wenn ich nur wollte, aber mein Stolz verbietet mir, von Menschen,

die ich mir verbunden wissen will, Geld auf Darlehn anzunehmen. Von einer Frau nähme ich es indessen an, sehr gerne sogar; denn Frauen gegenüber habe

ich ganz besondere, nach einer anderen Ehre abzumessende Empfindungen.

Wollen Sie mir, Sie, Frau Weiß meine ich, das Geld vorstrecken, erstens das

Geld für die Miete, und dann noch eine kleine Zugabe zum Weiterexistieren? –

Haben Sie nun das Gefühl, daß ich Ihnen unverschämt komme? Sie schütteln

den Kopf. Ich glaube, daß Sie Zutrauen zu mir haben. Sie sehen, wie ich bei

einer solchen Zumutung erröte, Sie erblicken mich nicht ohne Verlegenheit in

diesem Moment. Aber ich pflege etwas rasch Entschlüsse zu fassen und sie

prompt auszuführen, müßten sich mir dabei auch die Lungen

zusammenschnüren. Von einer Frau nehme ich gern auf Vorschuß an, weil ich

einer Frau gegenüber keiner Betrügereien fähig bin. Männer kann ich, wenn es

die Lage erfordert, belügen, ohne Erbarmen, glauben Sie mir das. Frauen

niemals. Wollen Sie mir wirklich so viel Zuschuß geben? Damit lebe ich einen

halben Monat lang. Bis dahin wird sich Vieles verbessern in meiner jetzigen

Lage. Ich danke Ihnen noch gar nicht einmal. Sehen Sie, so einer bin ich. Ich

habe noch selten einmal im Leben einem Menschen die Gefühle meiner

Dankbarkeit ausgedrückt. Ich bin Stümper im Danken. Nun, ich muß da

allerdings sagen, Wohltaten habe ich auch, wo nur möglich, immer verschmäht.

Eine Wohltat! Ich empfinde es wahrhaftig in diesem Moment, was eine Wohltat

ist. Ich sollte eigentlich das Geld nicht annehmen.«

»Sie sind einer, Sie!«

»Nun, ich behalte es auch. Besorgen Sie nur nicht, daß es Ihnen nicht

zurückgegeben wird. Ich bin vorläufig ganz glücklich durch das Geld. Geld ist

doch eine Sache, die nur Strohköpfe verachten können.«

»Wollen Sie schon wieder gehen?«

Simon war bereits wieder zur Türe hinausgegangen und hatte sich in sein

Zimmer zurückgezogen. Es war ihm unangenehm, oder er tat so, als ob es ihm

unangenehm wäre, weiter über diesen Gegenstand zu reden. Übrigens hatte er ja

erreicht, was er wollte, und er liebte es nicht, sich lange zu entschuldigen, oder

Versprechungen zu geben, wenn er jemand um einen Dienst gebeten hatte, der

ihm erwiesen wurde. Er würde, falls er einmal der Geber wäre, auch keine

Exküsen und Beteuerungen verlangen; fiele ihm niemals ein. Entweder habe

man Vertrauen und Sympathie und gebe, oder man drehe dem Bittenden einfach

kalt den Rücken, weil er einem widerlich sei. »Ich bin ihr keineswegs widerlich

gewesen, denn ich habe bemerkt, daß sie mir mit einer Art schneller Freude das

Geld gegeben hat. Es kommt alles auf das Benehmen an, wenn man seine

Zwecke erreichen will. Es machte dieser Frau Vergnügen, mich ihr zu

verpflichten, weil ich wahrscheinlich in ihren Augen ein passabler Mensch bin.

Unangenehmen Menschen will man nichts geben, weil man sie sich nicht gern verbindet; denn eine Verpflichtung, wie das Abbezahlen einer Schuld ist,

verbindet, bringt in Berührung, nähert, traut sich heran, muß nahe sein und ist

beständig nahe. Wie wenig beneidenswert ist es, widerliche Schuldner zu haben.

Solche Menschen sitzen förmlich auf dem Nacken der Gläubiger, man möchte

ihnen die Schuld erlassen, nur um sie von sich abzuschütteln. Es ist ganz

reizend, zu sehen, wie unbedenklich und behende einem gegeben wird; denn das

ist das beste Zeugnis dafür, daß man noch Menschen um sich hat, denen man

angenehm ist.« –

Er trat, indem er das erhaltene Geld in die Westentasche gleiten ließ, an das

Fenster und bemerkte unten in der engen Gasse eine schwarzgekleidete Dame,

die irgend etwas zu suchen schien; denn sie bog öfters ihren Kopf gegen die

Höhe hinauf, wobei einmal ihre Augen diejenigen Simons trafen. Es waren

große, dunkle Augen, echte Frauenaugen, und Simon mußte unwillkürlich an

Klara denken, die er schon so lang nicht mehr gesehen, ja beinahe schon

vergessen hatte. Aber es war Klara nicht. Die schöne Erscheinung in der tiefen

Gasse mit ihrem vornehmen, üppigen Kleid bildete einen sonderbaren Gegensatz

zu den finstern und schmutzigen Mauern, zwischen denen sie langsam

dahinschritt. Simon hätte ihr zurufen mögen: »Bist du's, Klara?« Aber schon

verschwand die Gestalt um eine Ecke herum, und nichts blieb von ihr in der

Gasse zurück als ein Duft von Wehmut, den Schönes an finsteren Orten immer

hinterläßt. »Wie schön wäre es gewesen, und wie passend in dem Moment, als

sie hinaufschaute, ihr eine große, dunkelrote Rose hinabzuwerfen, daß sie sich

darnach gebückt und sie aufgehoben hätte. Sie würde dazu gelächelt haben und

würde sehr erstaunt gewesen sein, in einer so armseligen Gasse einem so

freundlichen Gruß zu begegnen. Eine Rose würde zu ihr gepaßt haben, wie ein

bittendes und weinendes Kind zu seiner Mutter. Aber woher teure Rosen

nehmen, wenn man eben erst die Güte Anderer hat in Anspruch nehmen müssen,

und wie vorausmerken, daß gerade um neun Uhr vormittags eine schöne

Frauengestalt durch die Gasse kommt, die doch die dunkelste aller Gassen ist,

während diese Frau das Vornehmste zu sein scheint, was ich je an Frauen

erblickt habe?«

Er träumte noch lange Zeit der Dame nach, die ihn so seltsam an die

vergessene und verschwundene Klara erinnert hatte, und verließ dann das

Zimmer, eilte die Treppen hinunter, lief die Straßen entlang, verbrachte den Tag

mit Nichtstun und befand sich gegen Abend in einem äußersten Viertel der weit

sich erstreckenden Stadt. Hier wohnten die Arbeiter in verhältnismäßig schönen,

hohen Häusern; wenn man aber die Häuser schärfer betrachtete, so fiel einem

eine gewisse kahle Verwahrlostheit auf, die die Wände hinauflief, zu den

eintönigen, kalten Fenstervierecken hinausschaute und auch auf den Dächern saß. Die hier beginnende Wald- und Wiesenlandschaft bildete einen sonderbaren

Gegensatz zu den hohen und doch armseligen Baukästen, die diese Gegend eher

verunzierten als schmückten. Daneben bemerkte man noch etliche,

liebenswürdig gebaute, niedere, alte Landhäuser, die in der Gegend lagen wie

Kinder im warmen Mutterschoß. Hier bildete das Land einen waldbedeckten

Hügel, unter dem die Eisenbahn durch einen Tunnel durchfuhr, nachdem sie

eben das Häusergewirr verlassen hatte. Der Abend beleuchtete die Wiesen, man

fühlte sich hier schon auf dem Lande, die Stadt mit ihrem Geräusche lag hinten.

Simon empfand die Unschönheit der Arbeiterhäuser nicht, denn er empfand das

ganze Gemisch von Stadt und Land, das hier ein sonderbares, anmutvolles Bild

darbot, als schön. Wenn er durch eine kahle, steinerne Straße ging und dicht

daneben die warme Wiese spürte, so war ihm das eigenartig, und wenn er gleich

darauf einen schmalen, erdigen Weg durch Wiesen hindurchschritt, was schadete

es dann, zu wissen, daß es eigentlich Stadtboden, nicht Landboden war. »Die

Arbeiter wohnen hier sehr schön,« dachte er, »sie haben durch jedes ihrer

Fenster waldige, grüne Aussicht und wenn sie auf ihren kleinen Balkonen sitzen,

so genießen sie eine gute, starke, würzige Luft und eine unterhaltende Rundsicht

über Hügel und Rebberge. Wenn die neuen, hohen Häuser auch die alten

erdrücken und schließlich vom Boden verjagen, so muß man bedenken, daß die

Erde nie still steht, und daß sich die Menschen immer regen müssen, sei es auch

in einer für den Moment nicht gerade lieblichen Form. Eine Gegend ist immer

schön, weil sie immer von der Lebendigkeit der Natur und der Baukunst Zeugnis

ablegt. So in eine hübsche Wiesen- und Waldgegend hineinzubauen, scheint

zuerst etwas barbarisch, aber jedes Auge findet sich am Ende mit der

Vereinigung von Haus und Welt ab, findet allerhand reizvolle Durchsichten an

Hauswänden vorbei und vergißt das ärgerlich-kritische Urteil, das doch nie

Besseres stiftet. Man braucht die alten Häuser nicht wie ein Baugelehrter mit den

neuen zu vergleichen und kann an beiden Arten seine Freude haben, an dem

Demutvollen und am Hochmütigen. Wenn ich ein Haus stehen sehe, so muß ich

nicht meinen, es, weil es mir nicht schön genug vorkommt, umblasen zu können;

denn es steht doch ziemlich fest da, beherbergt viele fühlende Menschen und ist

deshalb immerhin eine respektable Erscheinung, an deren Erstehen zahlreiche

fleißige Hände gearbeitet haben. Die Schönheitssucher müssen vielfach

empfinden, daß es allein mit dem Suchen nach Schönheit in der Welt noch lange

nicht getan ist, daß da noch anderes zu finden ist, als das Glück, vor einer

reizenden Antiquität stehen zu bleiben. Das Ringen der armen Leute nach ein

bißchen Frieden, ich meine die sogenannte Arbeiterfrage, ist doch sozusagen

auch etwas Interessantes und muß einen wackeren Geist mehr beleben als die

Frage, ob ein Haus schlecht oder gut in der Landschaft steht. Was gibt es nur für müßige, schönredende Köpfe auf der Welt. Gewiß: jeder denkende Kopf ist

wichtig und jede Frage kostbar, aber es dürfte anständiger und für die Köpfe

ehrender sein, zuerst Lebensfragen zu erledigen, bevor die zierlichen

Kunstfragen erledigt werden. Nun sind aber allerdings Kunstfragen bisweilen

auch Lebensfragen, aber Lebensfragen sind in noch weit höherem und edlerem

Sinne Kunstfragen. Ich denke jetzt natürlich so, weil für mich das

Weiterexistieren zu allererst in Frage kommt, weil ich Adressen schreibe im

kargen Tagelohn, und ich kann mit der hochnäsigen Kunst nicht sympathisieren,

weil sie mir im Augenblick als das Nebensächlichste in der Welt vorkommt; und

in der Tat, man denke einmal, was ist sie gegen die sterbende und immer wieder

erwachende Natur. Was hat die Kunst für Mittel, wenn sie einen blühenden,

duftenden Baum darstellen will, oder das Gesicht eines Menschen? Gut, ich

denke jetzt ein bißchen frech, von oben herab, nein, eher ein wenig wütend von

unten herauf, aus der Tiefe, wo einem das Geld fehlt. Das ganze ist, ich bin

kritisch und zugleich wehmütig, weil ich kein Geld habe. Ich muß zu Geld

gelangen, das ist ganz einfach. Geliehenes Geld ist kein Geld, man muß es

verdienen oder stehlen oder geschenkt bekommen. – Und dann ist noch eines:

der Abend! Am Abend bin ich meist müde und mutlos.«

Während er auf diese Weise dachte, war er eine ziemlich ansteigende, kurze

Straße hinaufgegangen, und blieb jetzt vor einem Hause stehen, aus dem ihn, zu

einem geöffneten Fenster hinaus, ein Frauenkopf anschaute. Simon meinte in die

Augen der Frau wie in eine ferne, versunkene Welt zu blicken, als ihm schon

eine wunderbar bekannte Stimme zurief: »Ach, Simon, du bist es! Komm doch

herauf!«

Es war Klara Agappaia.

Er erblickte sie, als er hinaufgesprungen war, in einem schweren,

dunkelroten Kleid am Fenster sitzen. Die Arme und die Brust waren nur halb

von dem herrlichen Stoff bedeckt. Das Gesicht war blasser geworden, seit der

Zeit, da er sie zum letzten Mal gesehen. In ihren Augen brannte ein tieferes

Feuer, aber der Mund war zugekniffen. Sie lächelte und gab ihm die Hand. In

ihrem Schoße lag ein geöffnetes Buch, offenbar ein Roman, den sie zu lesen

angefangen hatte. Zuerst vermochte sie nicht zu reden. Es schien ihr Scham und

Mühe zu bereiten, zu fragen, zu erzählen. Sie schien bemüht zu sein, eine

Fremdheit abzuschütteln, die sie in sich fühlen mochte vor ihrem jungen,

einstigen Freund. Ihr Mund schien zu weinen, sobald er sich öffnen und weicher

werden wollte. Ihre schönen, langen, üppigen Hände schienen die Sprache

übernommen zu haben, wenigstens so lange, bis ihr Mund sich aus der

Befangenheit löste. Sie musterte Simon absolut nicht, so wie man lange nicht

Gesehene zu beobachten pflegt, sondern sah nur in seine Augen, deren ruhiger Ausdruck ihr wohltat. Sie ergriff wieder seine Hand und sagte endlich:

»Gib mir die Hand, laß mich zu dir sein, wie zu meinem Knaben, der mich

schon versteht, so wie er nur das Rauschen meines Gewandes aus dem

Nebenzimmer nahen hört, der mich mit dem Blick seiner Augen erfaßt, dem ich

nichts zu sagen, nicht einmal etwas in die Ohren zu flüstern brauche, um ihm

Geheimnisse zu verstehen zu geben; dessen Dasitzen, Kommen, Gehen, Stehen

und Liegen mir sagt, daß er sein ganzes Gefühl nur hat, um seine Mutter zu

verstehen; zu dem man sich herabneigt, zur Erde, vor seine Füße, um ihm die

Schuhe besser zu binden, wenn die Bändel sich gelockert haben; dem man einen

Kuß gibt, wenn er mutig und brav gewesen ist; für den man alles Geheime offen

hat; vor dem man nicht wüßte irgend noch Geheimes zu haben; dem man alles

gibt, auch wenn er ein kleiner Verräter ist und seine Mutter lange, lange hat

vernachlässigen können, so wie du, auch wenn er sie hat vergessen können, wie

du. Nein, du konntest mich nie vergessen. Du hast mich wohl öfters im Trotz

abschütteln wollen, aber wenn dir eine Frau begegnete, die mir nur in einem

kleinen Härchen ähnlich sah, so glaubtest du mich zu sehen und gefunden zu

haben. Hast du da nicht gezittert, ist dir nicht gewesen, bei solch einem

täuschenden Begegnen, als wenn sich dir plötzlich über einer hellen, in Stein

gehauenen, herrlichen Treppe Flügeltüren geöffnet hätten, um dich in ein

Gemach voll Wiedersehenslust einzulassen? Was ist Wiedersehen für eine

Freude! Wenn man sich verloren hat, auf der Straße oder auf dem Lande, und

nach einem Jahr sich dann, so ohne weiteres, so still wiederfindet, an einem

solchen Abend, wo schon die Glocken die Ahnung des Wiedersehens in die Welt

hinausläuten, so gibt man sich die Hände und denkt nicht mehr an die Trennung

und an die Ursache der langen Abschweifung. Laß mir deine Hände! Deine

Augen sind noch eben so gut und schön. Du bleibst dir gleich. Jetzt kann ich dir

erzählen:

Als wir alle, Kaspar, ich und du, im letzten Sommer aus dem Waldhaus,

weißt du noch, herausgehen mußten, und ihr Brüder dann verschwandet, wohin,

wußte ich nicht, mietete ich mir unten in der Stadt ein elegantes Zimmer, sehnte

mich nach euch und blieb eine Zeitlang trostlos. Gegen den Winter schien alles

um mich herum in ein rotes Licht getaucht zu sein, ich vergaß alles, und warf

mich in das Gewirr der Vergnügungen; denn ich besaß noch einen kleinen, aber

für die hiesigen Verhältnisse ziemlich großen Rest meines Vermögens. Ich

verbrauchte ihn und bekam dafür die Erkenntnis, daß man oft des Rausches

bedarf, um sich über den Wellen des Lebens einigermaßen hoch zu halten. Ich

hatte eine Loge im Theater, aber das Theater interessierte mich weit weniger, als

die Bälle, wo ich zeigen konnte, daß ich schön und voll Laune war. Die jungen

Männer schwärmten um mich herum, und ich erblickte nichts, das mir hätte verbieten können, sie alle zu verachten und sie meine Launen fühlen zu lassen.

Ich dachte an euch beide und wünschte oft mitten unter all den

Anschwärmungen, die so sehr aller Männlichkeit entbehrten, eure ruhigen

Gesichter und offenen Manieren herbei. Da kam ein dunkler, schwarzer Mann

auf mich zu, Student am Polytechnikum, schwer und täppisch von Ansehen,

Türke, große, bezwingende Augen, und tanzte mit mir. Nach dem Tanze besaß er

mich mit Seele und Leib, ich war sein. Es gibt für uns Frauen, wenn wir in

Vergnügungen dahinrauschen, eine Art Männer, die uns nur im Tanzsaal

bezwingen können. Wäre er mir an einem andern Ort begegnet, ich hätte ihn

vielleicht ausgelacht. Er benahm sich vom ersten Augenblick an mir gegenüber

als mein Herr und ich wußte nur zu erstaunen über seine Frechheit, nicht, mich

zu wehren. Er befahl mir: so: und jetzt so! Und ich gehorchte. Im Gehorchen

können wir Frauen, wenn es uns danach hinzieht, Außerordentliches leisten. Wir

nehmen dann alles hin und wünschen uns, vielleicht aus Scham und Zorn, den

Geliebten noch brutaler, als er ist. Er kann uns dann nicht grausam genug

entgegentreten. Dieser Mann sah mein letztes Geld absolut als das seine an, ich

auch, und ich gab es ihm, ich gab ihm alles. Als er mich genug gedrückt,

tyrannisiert, ausgesogen und ausgebeutet hatte, ging er eines Tages fort, in sein

Heimatland, nach Armenien zurück. Seine Knechtin, ich, versuchte nicht, ihn

daran zu verhindern. Ich fand alles, was er tat, in der Ordnung. Auch wenn ich

ihn weniger geliebt hätte, als wie es der Fall war, so hätte ich ihn ziehen lassen;

denn dann würde mein Stolz es mir verboten haben, ihn aufzuhalten. So hatte ich

ihm einfach zu gehorchen, als er mir befahl, ihm zur Abreise behülflich zu sein:

meine Liebe gehorchte gern. Es erniedrigte mich nicht, ihn zum Abschied zu

küssen, ihn, der mich kaum noch eines Blickes würdigte. Er sprach die Hoffnung

aus, mich später, wenn seine Verhältnisse es ihm erlauben würden, mit in seine

Heimat zu nehmen, um mich zu seiner Ehefrau zu machen. Ich empfand, daß es

eine Lüge war, aber ich fühlte keine Bitterkeit. Gegen diesen Mann war jede

unschöne Empfindung in mir ein Ding der Unmöglichkeit. Ich habe von ihm ein

Kind, ein Mädchen, es schläft dort im Nebenzimmer.«

Klara hielt einen Augenblick inne, lächelte Simon an, und fuhr dann fort:

»Ich war gezwungen, eine Stelle zu suchen, und fand sie bei einem

Photographen als Empfangsdame. Die Bewerbungen und Heiratsanträge, die

man mir vielfach entgegenbrachte, da ich mit einem großen Publikum zu tun

bekam, schlug ich alle lächelnd ab. Alle Männer dachten von mir: »Sie hat etwas

so Zartes, Hausmütterliches, das wäre eine!« Aber ich wurde für keinen eine!

Meine Stellung gestattete mir noch einen ziemlichen Aufwand, wenigstens

konnte ich die schönen Kleider alle behalten, was mir jetzt noch zustatten

kommt. Mein Prinzipal war ein Mann, den ich achten durfte, das erleichterte mir um vieles meine Arbeit, die ich, wie in einem leisen, angenehmen Traum

befangen, verrichtete. Ich hatte mir für das Publikum ein ganz bestimmtes,

zuckendes Lächeln angewöhnt, ich machte mich damit beliebt, allen erschien ich

liebenswürdig und ich lockte Kunden heran, was meinen Chef zu einer Salär-

Erhöhung veranlaßte. Damals war ich beinahe glücklich. Alles schwand mir in

schöne, süße Erinnerungen dahin. Ich fühlte das Herannahen des

Mutterschmerzes, und das trug zu einer wehmutvoll-glücklichen Stimmung bei.

Es schneite, daß die Straße ganz in Flocken eingehüllt wurde. Und wenn ich

abends durch die verschneiten Straßen hinging, dachte ich an euch Brüder, an

dich und an Kaspar und viel, sehr viel an Hedwig, der ich in Gedanken und

Gefühlen dankbare Huldigungen darbrachte. »Ich hab ihr doch ein einziges Mal

schreiben dürfen. Sie hat nicht geantwortet. Aber es ist doch schön so,« dachte

ich. Dann kam ich mir selber so schön vor, wenn ich so dachte. Ich wurde immer

mehr erfüllt von allem, und ging immer in ganz langsamen Schritten, jeden

Schritt fühlte ich als Menschenwohltat. Ich gab indessen das elegante Zimmer

im Zentrum der Stadt auf und mietete mich hier ein, da, wo du mich jetzt siehst.

Ich fuhr morgens und abends mit der »Elektrischen« hin und zurück und lenkte

immer die Blicke aller Mitfahrenden auf mich. Es war etwas Seltsames an mir,

ich fühlte es selber. Viele fingen unbewußt mit mir zu sprechen an, einige, nur

um ein Wort mit mir zu wechseln, andere, um meine Bekanntschaft zu machen.

Aber das letztere hatte wenig Reiz mehr für mich. Ich glaubte alles von

vornherein kennen zu sollen, ich hatte ein so bestimmtes, ablehnendes, aber

zugleich sanftes, mir selber wohltuendes Gefühl dabei. Die Männer! Wie oft

wurde ich von ihnen angesprochen. Sie glichen neugierigen Kindern, die wissen

wollten, was ich machte, wo ich wohnte, wen ich kannte, wo ich zu Mittag aß

und was ich abends zu treiben pflegte. Sie erschienen mir wie unschuldige,

etwas vorwitzige Kinder; so war ich damals. Nie begegnete ich einem einzigen

grob, ich hatte es nicht nötig; denn es wurde mir gegenüber kein einziger

unverschämt: ich war ihnen eine Dame, die zugleich verlockte und erkältete.

Einmal sprach mich ein kleines, geistreich aussehendes Mädchen an, es war

Rosa, du kennst sie ja. Sie enthüllte mir ihr ganzes Leiden und Leben, wir

wurden Freundinnen, und jetzt hat sie sich verheiratet, obschon ich ihr davon

abgeraten hatte. Sie besucht mich öfters, mich, die Königin der Armen!« –

Wieder schwieg Klara einen Augenblick, während sie Simon kindlich-lustig

anblickte, und sprach dann weiter:

»Die Königin der Armen! Ja, das bin ich. Siehst du nicht, wie deine Klara

fürstlich angezogen ist? Das ist noch ein Stück aus meiner Ballgarderobe: hinten

ausgeschnitten! Ich bin meinem Stand als Fürstin schon etwas Aufwand

schuldig. Das sehen meine Angehörigen gerne, sie haben Sinn für Hoheit, die Pracht eines Ballkleides nimmt sich in dieser Gegend der fleckigen, grauen

Frauengewänder einzig aus. Man muß abstechen, lieber Simon, wenn man

beeinflussen will, doch höre der Reihe nach ruhig weiter. Was bist du für ein

flotter, angenehmer Zuhörer. Das verstehst du, einem zuzuhören, wie keiner! Das

ist einer deiner Vorzüge! Es erzählt sich dir so natürlich, so schön: Ich lernte, als

ich hier in dieses entlegene Viertel hinauszog, langsam aber immer wachsend,

die Armen lieben, die auf die andere, dunkle Seite der Welt Gedrängten, das

Pack, wie der Titel lautet, mit dem man eine Welt voll Sehnen und Mühsal

tituliert. Ich sah, daß ich hier nötig sein konnte, und ich richtete mich, ganz ohne

Zwang und Aufsehen, so ein, daß ich nötig geworden bin. Wenn ich sie heute

verlasse, so jammern diese Leute, diese Weiber, Kinder und Männer. Im Anfang

hatte ich Abscheu und Ekel vor ihrem Schmutz, aber ich sah, daß dieser

Schmutz gar nicht so garstig in der Nähe war, als wie er aus der steifen,

hochtrabenden Entfernung aussieht. Ich lehrte meine Hände, ja, meinen Mund

sogar, wie man diese Kinder zu berühren hatte, deren Gesichter nicht die

saubersten waren. Ich gewöhnte mich daran, die rauhen Hände der Arbeiter und

Taglöhner zu drücken, und bemerkte rasch die Zartheit, womit diese Leute einem

die Hand reichen. Ich fand vieles in dieser Welt, was mich an euch, an dich und

Kaspar, erinnerte. Es war jedenfalls viel Feinheit und viel Verborgenes, das mich

lockte, mich zur Herrin und Bevormundin dieser Menschen zu machen. Es war

leicht und schwer zugleich zu machen. Da waren die Weiber! Wie viel Mühe

brauchte es, sie von ihren Gebrechen und abscheulichen Fehlern so zu

überzeugen, daß sie allmählich Lust bekamen, sich von ihrer Schmach zu

befreien. Ich gewöhnte sie an den Segen und an die Lust der Reinlichkeit, und

ich sah, daß sie nach langem, mißtrauischem Zaudern endlich Freude dabei

empfanden. Die Männer erwiesen sich als lenksamer; denn ich war schön: so

gehorchten sie mir besser, waren talentvoller im Erfassen meiner so einfachen

Lehren. Simon! Wenn du wüßtest, wie es mich glücklich macht, diesen Armen

eine innige Erzieherin zu werden! Wie wenig braucht man zu wissen, um an

Kenntnissen noch Ärmere zu finden, die man leiten kann. Nein, die Wissenschaft

macht es nicht allein aus. Hier bedarf es des Mutes und der Lust, energisch

Stellung zu nehmen, sich die Stellung durch Stolz und Milde zu sichern und

leidenschaftlich aufzutreten. Ich gewöhnte mir eine Sprache an, die alle Bildung,

die ich besaß und die ich schenken konnte, leicht faßlich erklärte, in

Ausdrücken, wie das niedrige, erniedrigte Volk sie liebt. So wurde ich ihre

Herrscherin, indem ich mich ihren Gedanken und Gefühlen, oft gegen meinen

Geschmack, anpaßte. Aber nach und nach wurde es mein Geschmack. Wenn ein

Mensch beeinflußt, hat er zugleich auch die Gabe, sich unmerklich ebenfalls von

den Beeinflußten beeinflussen zu lassen. Das Herz und die Gewohnheit besorgen das leicht. Als ich dann eines Tages im Bett lag, um mit Schmerzen das Kind zu

erwarten, das dort nebenan schläft, kamen sie zu mir, die Frauen und Mädchen,

besorgten und pflegten mich und taten mir Gutes, bis ich wieder aufstehen

konnte. Ihre Männer fragten voll Kummer nach mir, während der Zeit, und als

sie mich wieder sahen, schienen sie beglückt zu sein, mich noch schöner als

früher zu finden. So ehrten sie ihre Fürstin. Das war im Frühling. Ich saß, noch

etwas schwach von der Geburt, in meinem Zimmer wie unter Blumen; denn sie

brachten mir alle Blumen, soviel sie nur bringen konnten. Ein junger reicher

Mann aus der Nachbarschaft besuchte mich oft und ich litt es, wenn er mir zu

Füßen saß; denn ich empfand darin eine Ehrung, und von ihm war es zart. Eines

Tages flehte er mich an, ich möge seine Frau werden, ich wies auf das Kind,

doch das ermunterte ihn nur, seine Anträge, die mich auf einmal seltsam

berührten, an den folgenden Tagen zu wiederholen. Er erzählte mir sein ganzes,

leeres, umhergejagtes Leben, ich fühlte Mitleid mit ihm und habe ihm

versprochen, seine Frau zu werden. Er ist mit einem Wink, einem Blick von mir

zufrieden und liebt mich so, daß ich es jeden Augenblick fühlen muß. Wenn ich

ihm sage: »Artur, es ist unmöglich,« so erbleicht er, und ich muß ein Unglück

erwarten. Er steht unvergleichbar hilflos vor mir in der Welt da. Ich habe nicht

die Kraft, ihn unglücklich zu machen. Außerdem ist er reich, und ich brauche

Geld für mein Volk, er wird es dazu hergeben. Er tut alles, was ich will. Er

erlaubt mir nicht, zu bitten, er bittet mich, ihm zu gebieten. So steht es mit ihm.

Er wird jetzt gleich kommen, dann werde ich dich ihm vorstellen. Oder willst du

gehen? Du machst Miene dich zu entfernen. Dann geh! Es ist vielleicht besser.

Ja, es ist besser. Er würde mißtrauisch werden. Er ist schrecklich in dieser

Hinsicht. Er ist imstande und schlägt sich den Kopf an der Wand blutig, wenn er

einen jungen Mann bei mir sieht. Außerdem will ich niemanden bei mir sehen,

wenn du da bist. Und wenn andere da sind, sollst du nicht da sein. Ich will dich

allein, ganz allein für mich haben. Ich muß dir noch vieles sagen, wie alles kam.

Die Menschen sagen so viel, aber das richtige? – Geh jetzt. Ich weiß, daß du

bald wiederkommst. Übrigens werde ich dir schreiben. Hinterlasse mir deine

Adresse. So, leb wohl!«

Auf der Treppe, als er hinunterstieg, begegnete Simon einer dunklen,

fliegenden Gestalt: »Das wird wohl dieser Artur sein,« dachte er und ging seines

Weges weiter. Es war Nacht geworden. Er schlug einen kleinen, schmalen

Feldweg ein und drehte sich, nachdem er ein paar Schritte gegangen war, zurück,

das Fenster war jetzt geschlossen, dunkelrote Vorhänge hinter demselben waren

vorgezogen, die seltsam düster leuchteten im Lichte einer Lampe, die wohl eben

angezündet wurde. Ein Schatten bewegte sich hinter der Gardine, es war Klaras

Schatten. Simon ging weiter, langsam, in tiefen Gedanken. Er hatte es durchaus nicht eilig, in die Stadt zu gelangen. Dort wartete niemand auf ihn. Morgen

würde er wieder in der Schreibstube schreiben. Es war höchste Zeit, nun endlich

stramm ins Zeug zu gehen, zu arbeiten, etwas Geld zu verdienen. Vielleicht

bekäme er auch endlich wieder einmal einen Posten. Er lachte, als er das Wort

»Posten« ausdachte. Als er in der Stadt ankam, war es bereits sehr spät

geworden. Er trat in eine noch offene Singspielhalle ein, um sich zu zerstreuen,

bekam aber nicht viel Gutes zu sehen. Ein Komiker trat auf, den er wünschte, als

ganz gewöhnlichen Menschen unter dem zuschauenden Publikum verschwinden

zu sehen, der eigentlich für das, was er darbot, verdient hätte, geohrfeigt zu

werden. Doch nein! Simon empfand bald das lebhafteste Mitleid mit diesem

armen Schlucker, der die Beine, die Arme, die Nase, den Mund, die Augen und

sogar die armseligen, knochigen Wangen verrenken mußte, um nicht einmal,

nach solchen Qualen, zu erzielen, was sein Ziel war: Komik! Er hätte »Pfui«

ausrufen mögen und doch wieder nur »Ach«! Man sah dem Manne deutlich an,

daß er ein ehrlicher, braver und nicht besonders geriebener Mann sein mußte: um

so abscheulicher wirkte sein Tun auf der Bühne, das nur für Menschen paßt, die

eben so geschmeidig wie liederlich sein müssen, wenn sie ein abgerundetes,

wohltuendes Bild darbieten wollen. Eine Ahnung sagte Simon, daß dieser

Komiker vor kurzem vielleicht noch einen stillen, festen Beruf ausgeübt hatte,

von dem er wohl wegen irgend eines Versehens oder Vergehens verdrängt

worden war. Ihm war der ganze Mann tief beschämend und widerlich. Dann trat

eine kleine, junge Sängerin auf, in der knappen, anschließenden Tracht eines

Husarenoffiziers. Das war besser; denn es streifte an Kunst, was das Mädchen

darbot. Alsdann zeigte sich ein Jongleur, der aber besser daran würde getan

haben, Korke aus Flaschen zu ziehen, als Flaschen auf seiner Nasenspitze

balancieren zu lassen, was er überaus kindisch und geschmacklos verrichtete. Er

stellte eine brennende Lampe auf seinen flachen Kopf und stellte an die

Zuschauer die Zumutung, das als ein Kunstwerk aufzufassen. Simon hörte noch

einen Knaben ein Lied singen, das gefiel ihm, und er verließ alsogleich das

Lokal mit diesem guten Eindruck. Er trat wieder auf die Straße.

Es gingen nur noch spärlich Menschen umher. In einer Seitengasse schien

Streit zu sein, und in der Tat, als Simon näher heranging, sah er eine wüste

Szene: zwei Mädchen schlugen, die eine mit der Faust, die andere mit dem roten

Sonnenschirmchen, aufeinander los. Den Kampf beleuchtete eine einsame,

melancholische Laterne, die die Gesichter teilweise erhellte. Die Kleider und

Hüte der Mädchen waren nur noch Fetzen, und dabei schrieen sie beide, nicht so

sehr aus Wut, als aus Schmerz und zwar auch nicht wegen der Hiebe, sondern

aus einem Rest von Schamgefühl heraus, sich so tierisch elend benehmen zu

sehen. Es war ein schrecklicher aber nur kurzer Kampf, dem ein erscheinender Schutzmann ein Ende machte. Er führte beide Mädchen ab, sowie einen elegant

gekleideten Herrn ebenfalls, der die Ursache des Streites zu sein schien. Ein

Briefbote hatte den Anzeiger gespielt und bildete sich jetzt viel darauf ein. Die

Mädchen kehrten ihre ganze Wut nun dem Briefträger zu, der sich infolgedessen

aus dem Staube machte.

Simon ging nach Hause. Als er aber in seiner Gasse ankam, bemerkte er

einen Trupp Menschen, die lachten und schrieen, und zwar war es ein Weib, das

die Aufmerksamkeit der nächtlichen Käuze auf sich lenkte. Sie hieb nämlich mit

einer Gerte auf einen betrunkenen Mann los, der wohl ihr eigener sein mochte

und den sie aus irgend einer kleinen Kneipe herausgeschleppt hatte. Dabei schrie

sie in einem fort, und als Simon in die Nähe kam, klagte sie diesem in lauten,

schreienden Worten vor, was sie für einen Lump von Mann hätte. Mit einem

Male schoß aus der Höhe des Hauses, unter welchem die Gruppe stand, ein

Strahl Wasser herunter und netzte die Köpfe und Kleider der Untenstehenden auf

eine boshafte Weise. Es war Sitte in diesem Viertel der Altstadt, auf

Nachtschwärmer, die Lärm verübten, Wasser hinunterzuleeren. Die Sitte mochte

schon ein ehrwürdiges geheiligtes Alter besitzen, aber es war doch jedesmal für

die Betroffenen eine empörend neue und überraschende Sache. Alles fluchte

gegen die Weibsperson hinauf, die in weißer Nachtjacke oben im Fensterrahmen

stand und wie ein übelwollender, böser Geist hinunterschaute. Simon vor allen

andern schrie hinauf: »Was fällt Ihnen ein da oben, Sie Weib oder Mann im

Fensterrahmen? Wenn Sie zu viel Wasser haben, so gießen Sie's doch auf Ihren

eigenen Kopf, statt auf die Köpfe anderer. Ihr Kopf dürfte es vielleicht nötiger

haben. Was ist das für eine Manier, in der Nachmitternacht die Straße zu

bespritzen und Leute hinterrücks in ein Bad, samt den Kleidern, zu stürzen.

Wären Sie nicht so hoch oben und ich nicht so tief unten, ich wollte in Ihren

Apfel von Kopf beißen, daß es Ihnen um den Mund herum wässern sollte. Bei

Gott, wenn es eine Gerechtigkeit gäbe, Sie müßten mir für jeden Tropfen, der

meine Schulter bespritzt hat, einen Taler geben, da ich vermute, daß Ihnen dann

der Spaß verleiden müßte. Ziehen Sie sich nur zurück, Gespenst da oben, oder

Sie machen mich noch die Hauswände hinaufklettern, um zu untersuchen, ob Sie

Weibs- oder Mannshaare haben. Gleich könnte man zum Teufel werden vor Wut

über eine solche Spritzerei.«

Simon berauschte sich selber an seinem schlechten Gerede. Es tat ihm wohl,

schreien und wettern zu können. Einen Augenblick später würde er doch im Bett

liegen und schlafen. Wie langweilig war das, immer dasselbe zu tun. Von

morgen ab müßte er entschieden ein anderer Mensch werden. Am nächsten Tag,

in der Schreibstube, erfüllt und zerstreut von Gedanken an Klara, machte er viele

Flüchtigkeitsfehler, so daß der Sekretär der Schreibstube, ein ehemaliger Hauptmann des Stabes, sich veranlaßt fühlte, ihm Vorwürfe zu machen und ihm

zu drohen, daß er keine Arbeit mehr erhalte, wenn er sie nicht gewissenhafter,

als nur so, erledigen wolle.