Geschwister Tanner

Robert Walser · Kapitel 5 von 19

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Geschwister Tanner

Viertes Kapitel.

V i e r t e s K a p i t e l .

 

An diesem Morgen fuhren Kaspar und Klara in einem kleinen, farbigen Boot

auf dem See. Der See war ganz ruhig wie ein glänzender, stiller Spiegel. Ab und

zu kreuzten sie einen kleinen Dampfer, dann gab es für eine kurze Zeit breite,

sanfte Wellen, und sie durchschnitten diese Wellen. Klara war in ein ganz

schneeweißes Kleid gehüllt, die weiten Ärmel hingen an den schönen Armen

und Händen träge herunter. Den Hut hatte sie abgenommen: die Haare hatte sie

aufgelöst, ganz unabsichtlich, mit einer schönen Bewegung der Hand. Ihr Mund

lächelte zu dem Munde des jungen Mannes hinüber. Sie wußte nichts zu sagen,

sie mochte nichts sagen. »Wie schön das Wasser ist, es ist wie ein Himmel,«

sagte sie. Ihre Stirne war heiter wie die Umgebung von See, Ufer und

wolkenlosem Himmel. Das Blau des Himmels war von einem duftenden und

schimmernden Weiß durchzogen. Das Weiß trübte ein wenig das Blau,

verfeinerte es, machte es sehnsüchtiger und schwankender und milder. Die

Sonne schien halb durch, wie Sonne in Träumen. Es lag eine Zaghaftigkeit in

allem, die Luft fächelte ihnen um das Haar und das Gesicht, Kaspars Gesicht

war ernst, doch ohne Sorgen. Er ruderte eine Weile stark, dann jedoch ließ er die

Ruder fahren, das Schiff schaukelte ohne Führung weiter. Er bog sich nach der

versinkenden Stadt um, sah die Türme und Dächer in der halben Sonne leicht

glitzern, sah, wie die emsigen Menschen über die Brücken liefen. Die Karren

und Wagen kamen nach, die elektrische Trambahn sprang mit ihrem eigenartigen

Geräusch vorüber. Die Drähte sausten, die Peitschen knallten, Pfeifen hörte man

und große schallende Klänge von irgend woher. Auf einmal tönten die Elfuhr-

Glocken in all die Stille und in all das ferne, zitternde Geräusch hinein. Sie

empfanden beide eine unaussprechliche Freude am Tag, am Morgen, an den

Tönen und Farben. Es wurde alles zu einem Erfassen, zu einem Ton! Liebende,

wie sie waren, hörten sie alles in einen einzigen Ton überschlagen. Ein Strauß

von einfachen Blumen lag in Klaras Schoße. Kaspar hatte seinen Rock

ausgezogen und ruderte wieder weiter. Da schlug es Mittag, und alle diese

Arbeits- und Berufsmenschen liefen wie ein Haufen von Ameisen nach allen

Straßenrichtungen auseinander. Es wimmelte auf der weißen Brücke von

schwarzen, beweglichen Punkten. Und wenn man daran dachte, daß jeder dieser schwarzen Punkte einen Mund hatte, mit dem er jetzt das Mittagessen essen

wollte, so mußte man unwillkürlich lachen. Wie so ein Bild des Lebens einzig

sei, empfanden sie, und lachten dabei. Auch sie kehrten jetzt um, denn

schließlich waren sie auch Menschen, die Hunger bekamen; und je näher sie

dem Ufer kamen, desto größer wurden wieder die Ameisen; und dann stiegen sie

aus und waren ebenfalls Punkte, wie die andern. Aber sie spazierten selig unter

den hellgrünen Bäumen auf und ab. Viele Neugierige schauten sich nach dem

seltsamen Paare um: der Frau in dem langen, nachschleppenden, weißen

Gewande und dem Flegel von Burschen, der nicht mal eine ordentliche Hose

trug, der so seltsam frech abstach von der Dame, die er begleitete. So pflegen

sich die Menschen zu empören und zu irren in ihren Mitmenschen. Auf einmal

kam jemand auf Kaspar lebhaft zugeschritten. Es war in der Tat einer, der Grund

hatte, ihn auf diese Weise zu begrüßen, nämlich Klaus, der seinen Bruder schon

seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Hinter ihm kam die Schwester und ein

anderer Herr, und nun begrüßte sich alles gegenseitig. Der fremde Herr hieß

Sebastian.

 

Simon saß unterdessen, kaum tausend Schritte weit entfernt, in einer

Speisehalle, einem kleinen Raum, vollgepfropft mit essenden Menschen. Hier

pflegte allerhand Volk zu essen, das billig und schnell essen mußte. Simon liebte

gerade diesen Ort, wo doch jede Bequemlichkeit und Eleganz durchaus fehlte.

Auch hatte er ja mit dem Gelde zu rechnen. Das Speisehaus war von einer

Gruppe von Frauen gegründet, die sich, alle zusammen gerechnet, Verein für

Mäßigkeit und Volkswohl nannten. In der Tat, wer da hineinging, der mußte mit

einem mäßigen und dünnen Essen zufrieden sein. Meistens waren auch alle

zufrieden, wenn man die kleinen, bornierten Unzufriedenheiten abrechnet. Allen,

die hier verkehrten, schien das Essen zu behagen, das aus einem Teller Suppe,

einem Stück Brot, einer Portion Fleisch, dito Gemüse und einem winzigen und

zierlichen Dessert bestand. Die Bedienung ließ nichts zu wünschen übrig, als ein

wenig mehr Behendigkeit, aber im Grunde genommen war sie schnell genug in

Anbetracht der zahlreichen hungrigen Esser. Jeder bekam sein Essen frühzeitig

genug, auch wenn jeder eine kleine Ungeduld nach noch frühzeitigerem

Verabreichen verspürte. Es war ein immerwährendes Essen-Austeilen, Essen-In-

Empfangnehmen und Essen-Verschlingen. Mancher, der verschlungen hatte,

mochte den Wunsch empfinden, noch nicht soweit zu sein, und sah neidisch auf

solche, die zu erwarten hatten, was doch eigentlich ganz nett war

hinunterzuschlingen. Warum aßen sie so schnell. Eine absurde Gewohnheit, so schnell sein Essen zu essen. Die Bedienung bestand aus ganz lieblichen

Mädchen aus der ländlichen Umgebung der Stadt. Eine kurze Zeit waren diese

Geschöpfe ziemlich unbeholfen, aber sie lernten es, abzuwehren und mit dem

Ablehnen Zeit zu gewinnen, ganz dringende, brennende Wünsche zu

befriedigen. Wo so viele Wünsche waren, mußte unter den Wünschen fein

unterschieden und gewählt werden. Ab und zu kam eine der Erfinderinnen dieses

Geschäftes, eine der Wohltäterinnen, und sah sich das Volk an, wie es aß. Eine

solche Dame setzte ihre Lorgnette ans Auge und musterte das Essen und

diejenigen, die es verzehrten.

Simon empfand eine Vorliebe für diese Damen und freute sich immer, wenn

sie kamen, denn es kam ihm so vor, als besuchten diese lieben, gütigen Frauen

einen Saal voll kleiner, armer Kinder, um zu sehen, wie diese sich an einem

Festmahl ergötzten. »Ist denn das Volk nicht ein großes, armes, kleines Kind das

bevormundet und überwacht werden muß?« rief es in ihm, »und ist es nicht

besser, es wird überwacht von Frauen, die doch vornehme Damen sind und

gütige Herzen haben, als von Tyrannen im alten, freilich heroischeren Sinn?« –

Was aß nicht alles in der Eßstube, zu einer friedlichen Familie vereint!

Studentinnen in erster Linie. Hatten Studentinnen Zeit und Geld, um im Hotel

Continental zu essen? Und dann Dienstmänner in blauen, leichten Kitteln mit

Stiefeln an den Beinen, großen, borstigen Schnurrbärten und ziemlich eckigen

Mäulern im Gesicht. Was konnten sie dafür, daß sie eckige Mäuler hatten?

Mancher im Hotel Royal hatte gewiß auch ein eckiges Gebaren rund um den

Schnurrbart herum. Freilich war dort das Eckige übertüncht mit einer Rundung,

aber was hatte das wohl zu heißen? Auch Dienstmädchen ohne Stellung waren

da, arme Schreiber, überhaupt Weggejagte, Brotlose, Heimatlose und auch

solche, die nicht einmal eine Adresse besaßen. Ebenso verkehrten hier Frauen

von schlechtem Lebenswandel, Weiber mit seltsamen Frisuren und blauen

Gesichtern, dicken Händen und frechen aber verschämten Blicken. Alle diese

Leute, allen voran natürlich die heiligen Betbrüder, die ebenfalls zu sehen waren,

benahmen sich in der Regel schüchtern und zuvorkommend. Alle schauten allen

ins Gesicht während des Essens; kein Wort wurde gesprochen, nur hin und

wieder ein leises und höfliches. Das war der sichtbare Segen des Volkswohles

und der Mäßigkeit. Etwas Drolliges, etwas Einfaches, etwas Gedrücktes und

wiederum etwas Befreites lag auf den armseligen Menschen, in ihren Manieren,

die bunt waren wie die Farben eines Sommervogels. Wie mancher benahm sich

hier feiner als der Feinste sonst in vornehmen Häusern. Wer konnte wissen, wer

er war, was er gewesen, vordem, ehe er ins Volksspeisezimmer gelangte.

Würfelte denn nicht das Leben die Schicksale der Menschen heftig

durcheinander wie mit einem Würfelbecher? Simon saß in einer kleinen Ecke, einer Art Erker, und aß Butter mit Honig, auf ein Stück Brot

zusammengestrichen, und trank eine Tasse Kaffee dazu: »Was brauche ich mehr

zu essen an einem so schönen Tage. Blickt nicht der blaue Frühsommerhimmel

holdselig durch das Fenster auf mein goldnes Essen herab. Freilich ist mein

Essen ein goldenes. Man erblicke nur den Honig: hat er nicht ein hellgelbes,

süßgoldenes Aussehen? Dieses Gold fließt so angenehm auf dem kleinen,

weißen Tellerchen herum, und wenn ich mit dem spitzen Messer davon absteche,

so komme ich mir vor wie ein Goldgräber, der einen Schatz entdeckt hat. Das

Weiß der Butter liegt entzückend daneben, dann folgt die braune Farbe des

wohlschmeckenden Brotes, und über alles schön ist das Dunkelbraun des

Kaffees in der zierlichen, sauberen Tasse. Gibt es ein Essen auf der Welt, das

schöner und appetitlicher aussehen könnte? Und ich stille meinen Hunger damit

ganz vortrefflich, und was brauche ich mehr, als meinen Hunger zu stillen, um

sagen zu können: ich habe gegessen? Es soll Menschen geben, die sich aus dem

Essen eine Kultur, eine Kunst machen; nun, kann ich das etwa nicht auch von

mir sagen? Freilich! Nur ist meine Kunst eine bescheidene und meine Kultur

eine delikatere, denn ich genieße das Wenige stürmischer und üppiger als jene

das Viele und Nicht-Aufhören-Wollende. Ich ziehe außerdem nicht gern

Mahlzeiten so sehr in die Länge, ich könnte sonst leicht den Appetit darnach

verlieren. Mir liegt daran, immer und immer wieder Lust zum Essen zu

verspüren, deshalb esse ich spärlich und fein. Außerdem habe ich noch etwas:

eine pikante Unterhaltung mit immer neuen Menschen.«

Kaum hatte Simon dieses gemurmelt oder gedacht, als ein alter Mann in

weißen Haaren sich auf den freien Platz zu ihm hinsetzte. Des alten Mannes

Gesicht war von einer grauen, abgemagerten Blässe, die Nase tropfte, oder

vielmehr, es hing ein großer Tropfen an seiner Nase, der nicht fallen konnte, der

aber doch schwer zum Fallen war. Beständig glaubte man ihn herunterfallen

sehen zu sollen. Aber der Tropfen hing immer noch. Der Mann bestellte sich

einen Teller mit gesottenen Kartoffeln, sonst weiter nichts, und aß dieselben,

indem er mit der Messerspitze sorgfältig Salz darauf streute, mit umständlichem

Behagen. Aber vorher hatte er die Hände zusammengefaltet, um ein Gebet an

seinen Herrgott zu verrichten. Simon erlaubte sich folgenden kleinen Spaß: er

bestellte heimlich ein Stück Braten bei dem aufwartenden Mädchen und als das

Bratenstück herankam, mußte er über des Mannes Staunen, als es ihm und

keinem andern hingereicht wurde, herzlich lachen.

»Warum beten Sie, bevor sie essen,« fragte Simon einfach.

»Ich bete, weil ich dessen bedarf,« erwiderte der alte Mann.

»Dann freut es mich, Sie beten gesehen zu haben. Ich interessierte mich

bloß, welches Gefühl Sie dazu könnte veranlaßt haben.«

»Man hat viele Gefühle dabei, mein junger Herr! Sie zum Beispiel beten

gewiß nicht. Dazu haben junge Leute von heute keine Zeit und auch kein

Verlangen mehr. Ich kann es begreifen. Wenn ich bete, so fahre ich bloß in

meiner Gewohnheit fort, denn ich habe mir das angewöhnt und es hat mir Trost

gespendet.«

»Waren Sie immer ein armer Mann?«

»Immer.« –

Indem der alte Mann das sagte, erschien in dem dumpfigen, wenngleich

sauberen, so doch armseligen Speiselokal die schöne Gestalt der Frau Klara.

Sämtliche Hände, die eine Gabel, einen Löffel oder ein Messer, oder den Henkel

einer Tasse festhielten, zögerten einen Augenblick, in ihrem Geschäft

fortzufahren. Alle Mäuler sperrten sich auf, alle Augen hefteten sich fest auf eine

Erscheinung, die so wenig geeignet schien, etwas in diesem Raume zu suchen zu

haben. Sie war eine vollendete Dame und war es in diesem Moment noch viel

mehr. Es war gerade, auch für Simons Augen und Sinne, als wenn sich aus

einem offenen, flatternden Himmel ein Engel loslöse und nun zur Erde

niederschwebe und dort irgend ein dunkles Loch aufsuche, um die Menschen,

die dort wohnen, mit seinem bloßen seligen Anblick zu beglücken. So dachte

sich Simon immer eine Wohltäterin, die hingeht, zu den Elenden und Armen, die

nichts besitzen, als den zweideutigen Vorzug, von Moment zu Moment mit

Sorgen wie mit Ruten gepeitscht zu werden. Klara benahm sich in dem

Volkshause, ganz wie wenn es sich von selber ergäbe, als ein höheres, fernes,

zugeflogenes Wesen aus anderen Grenzen, aus einer andern Schicht und Welt.

Das war ja das Herrliche, Strahlende, das alle diese schüchternen Menschen

veranlaßte, die Augen aufzureißen, mit dem Atem zu kämpfen und die Hände zu

halten mit der andern Hand, daß das Messer nicht herausfiel vor heftigem

Erbeben. Klaras Schönheit gab den Menschen urplötzlich mit Schmerz etwas zu

denken. Es kam ihnen plötzlich allen in den Sinn, was es noch, außer rauher

Arbeit und Kummer um das tägliche Brot, auf der Welt gäbe. Von dieser Art

Gesundheit und völligen, üppigen, lächelnden Reizes hatten sie alle beinahe

keine Vorstellung mehr, so sehr zerfloß ihnen das Leben in schwarzen,

unsauberen Alltäglichkeiten, zerrieb sich in Sorgen, klammerte sich um

Niedrigkeiten. Das alles fiel ihnen jetzt, wenn vielleicht nicht jedem so deutlich,

mit Qualen ein; denn eine Qual ist es, eine Schönheit zu erblicken, an deren

bloßem Duft man sich zu berauschen meint, die einen tötet, wenn der Gedanke

sich dazu versteigt, mit ihrem Lächeln mitzulächeln. Deshalb machten sie

unwillkürlich auch alle Grimassen, verzerrten ihre Gesichter zu der Frau hinauf,

die sie alle überragte, da alle auf niederen Stühlen, an engen Plätzen

festgeklemmt saßen, während sie, die Hohe, hoch aufrecht stand. Sie schien jemand zu suchen. Simon hielt sich still in seiner Ecke und lächelte die

Umherblickende unverwandt an. Sie bemerkte ihn lange nicht, obschon der

Raum verhältnismäßig klein war; denn es mochte sie anstrengen, ihre Augen an

das zerwürfelte dunkle, vermischte Bild zu gewöhnen und Gestalten zu fixieren,

die ihre Augen gewohnt waren, sonst überhaupt nicht zu beachten. Schon wollte

sie sich, etwas unwillig geworden, wieder entfernen, als sie Simon mit einem

Blick streifte und erkannte. »Also hier sitzen Sie, und noch dazu in solch eine

Ecke gedrückt?« sagte sie, und setzte sich mit der größten Freude neben ihn

nieder, auf den Platz zwischen ihrem jungen Freunde und dem alten Mann,

dessen Nase immer noch den großen glitzernden Tropfen trug. Der Greis schlief.

Es war nicht gestattet, in solchen Lokalen zu schlafen, aber es war ein

alltägliches Vorkommnis, daß alte Leute hier, nachdem sie gegessen hatten,

einschliefen, aus einfacher, nicht mehr zu bezähmender Müdigkeit. Dieser Greis

hatte vielleicht eine lange nutzlose Fußwanderung durch alle Straßen der Stadt

hinter sich. Er mochte vielleicht um Arbeit nachgefragt haben, überall, wo ihn

seine Gedanken nur leise hinweisen konnten. Immer müder geworden, hatte er

es vielleicht trotzdem versucht, etwas an diesem Tag zu erreichen, hatte seine

äußersten Kräfte angespannt, um einen Berg zu erklimmen, denn die Stadt liegt

den Berg hinan, und war dort oben eben so schnell abgewiesen worden, als hier

unten; zog wieder abwärts, den Tod im Herzen, mit zerbrochenen Kräften, bis

hierher. Daß sich der Greis überhaupt vielleicht, wie man vermuten durfte, noch

um Arbeit umgeschaut hatte, daß er noch den Willen hegte, zu arbeiten, er, der

Greis, das nur zu denken hatte etwas Klägliches und Erschreckendes. Aber man

konnte auf diesen Gedanken sehr wohl kommen. Dieser Greis hatte nirgends

eine Heimat, als hier in diesem Lokal, aber auch hier nur auf Stunden, denn dann

wurde das Lokal geschlossen. Deshalb vielleicht betete er, um dem furchtbaren

Ernst seiner Lage eine leise, besänftigende Melodie zu verschaffen. Deshalb

sagte er: »Ich bedarf des Gebetes.« Also nichts weniger als Hang zur Frömmelei

war es, sondern das überaus traurige Bedürfnis, eine Hand zu spüren, die ihn

liebkosen möchte, eine Kinder- oder Tochterhand zu fühlen, die leise und

trostvoll über seine arme, zerfaltete Stirne hinstrich. Vielleicht hatte der alte

Mann Töchter gezeugt, – und nun er selber? Mit solchen Gedanken konnte sich

leicht einer abgeben, der neben dem Alten saß und ihn so schlafen sah, den Kopf

seltsam unbeweglich, die Hände den Kopf stützend. Klara sagte: »Ihr Bruder ist

gekommen, Simon, in der Offiziersuniform, auch Ihre Schwester und dann noch

ein Herr, mit Namen Sebastian.« Darauf bezahlte Simon, was er schuldig war,

und sie gingen zusammen fort. Als sie fortgegangen waren, bemerkte eines der

bedienenden Mädchen den schlafenden Mann, sie rüttelte und schüttelte ihn und

sagte mit komischer Strenge: »Nicht schlafen da! Sie! Hören Sie nicht? Hier dürfen Sie nicht schlafen!« Da erwachte der alte Mann.

 

Es gab einen herrlichen Abend nach diesem Tag. Alle Welt lustwandelte am

schönen Seeufer entlang, unter den breiten, großblättrigen Bäumen. Wenn man

hier, unter so vielen aufgeräumten, leise plaudernden Menschen, spazierte, fühlte

man sich in ein Märchen versetzt. Die Stadt loderte im Feuer der untergehenden

Sonne und später brannte sie, schwarz und dunkel, in der Glut und Nachglut der

Untergegangenen. Die Sonne im Sommer hat etwas Wundervolles und

Hinreißendes. Der See glitzerte im Dunkel, und die vielen Lichter schimmerten

in der Tiefe des stillen Wassers. Herrlich sahen die Brücken aus; und wenn man

über die Brücken ging, so sah man unten im Wasser die kleinen, dunklen Boote

vorbeischießen; Mädchen in hellen Kleidern saßen in den Nachen, oft auch

erklang aus einem größeren, langsam und feierlich dahinschwebenden, flachen

Boote der warme, zur Nacht stimmende Ton einer Handharfe. Der Ton verlor

sich in Schwarz und tauchte wieder tönend heraus, hell und warm, dunkel und

herzenergreifend. Wie weit klang das einfache Instrument, von irgend einem

Schiffsmann gespielt! Die Nacht schien noch größer und tiefer dadurch zu

werden. Aus der weiten Uferferne schimmerten die Lichter der ländlichen

Ansiedelungen herüber, als wären sie blitzende, rötliche Steine im dunklen,

schweren Gewand von Königinnen. Die ganze Erde schien zu duften und still zu

liegen wie ein schlafendes Mädchen. Das große, dunkle Rund des nächtlichen

Himmels breitete sich über alle Augen aus, über die Berge und die Lichter. Der

See hatte etwas Raumloses bekommen und der Himmel etwas den See

Umspannendes, Einschließendes und Überwölbendes. Ganze Gruppen von

Menschen bildeten sich. Junge Leute schienen zu schwärmen, und auf allen

Bänken saßen dichtgedrängt ruhende, stille Menschen. Auch an flatterhaften,

stolz kokettierenden Frauen fehlte es nicht und auch nicht an Männern, die nur

diese Frauen im Auge behielten, die hinter ihnen hergingen, immer etwas

zögernd und dann wieder vorstürmend, bis sie schließlich den Mut oder das Wort

fanden, ihre Damen anzusprechen. Manch einem wurde an diesem Abend der

Kopf gewaschen, wie man sich auszudrücken pflegt.

Simon ging neben Klaus und war glücklich, seinem Bruder, der beständig

fragte und fragte, durch treffende und einfache Antworten die Überzeugung

beizubringen, daß er ein noch durchaus nicht verlorner Mensch sei. Er sprach

mit einem gewissen Stolz und zugleich mit einem Tone der Demut vor dem

reiferen Bruder, der nach manchen Dingen doch wie ein ungeschultes Kind

fragte, aber eine liebevolle Besorgnis an den Tag legte. Sie sprachen in schönen, langen, gewundenen Sätzen, ganz wie von selber, und Klaus freute sich über

seines Bruders Einsicht in so manches, wo er zuerst angenommen hatte, daß

Simon, seinen Verhältnissen gemäß, darüber spotten und lachen würde. »Ich

habe dich lange nicht für so ernst gehalten, als wie du dich zeigst!« Simon

antwortete: »Es ist nicht meine Gewohnheit, zu zeigen, daß ich Ehrfurcht vor

vielen Dingen besitze. So etwas pflege ich für mich zu behalten, denn ich denke,

was nützt es, eine ernste Miene aufzusetzen, wenn man vom Schicksal dazu

bestimmt, ich meine, vielleicht dazu erwählt ist, den Narren zu spielen. Es gibt

viele, viele Schicksale, und vor ihnen will ich in allererster Linie meinen Nacken

beugen. Es bleibt nicht anderes zu tun übrig. Im übrigen soll mir einer kommen

mit der Zumutung, verdutzt und mutlos den Kopf hängen zu lassen. Ich habe es

schon Verschiedenen gesagt, wie es in dieser Beziehung mit meinem Inneren

steht.« – Wenn Simon so sprach, redete er in fließenden Sätzen und mit richtiger

Betonung, aber völlig ruhig und freundlich, so daß Klaus diese Aussprüche nicht

als Weltgroll empfand, sondern als ein gewisses Suchen in seines jungen Bruders

Seele nach Klarlegung seines eigenen Zustandes in Beziehung zur Welt. Er

überzeugte sich davon, daß Simon tüchtige Eigenschaften besaß, aber er

fürchtete ein bißchen, daß diese Eigenschaften nur oberflächlich, scheinbar nur

spielend und lockend und tanzend ihn umgaben, während er wünschte, sie

möchten in ihm stecken. Im Feuer der Rede redete sich solch eine Seele ja so

leicht in eine Welt der Bravheit und schönen Tüchtigkeit hinein, um sich daran

selber für Stunden zu berauschen, namentlich in Augenblicken des Wiedersehens

seit langer Zeit. Dennoch hatte Klaus Freude an seinem Bruder und sprach mit

sichtlichem Vergnügen allerhand Schönes und Tröstendes zu ihm. Hinter ihnen,

in einiger Entfernung, gingen, eng aneinander gedrängt, Klara und Kaspar. Der

Maler war berauscht von der Schönheit und von der Musik der Nacht. Er

phantasierte von Pferden, die durch nächtliche Gärten galoppierten, schöne,

schlanke Reiterinnen tragend, deren Röcke am Boden mit den Hufen der Pferde

spielten. Dann lachte er über alles mit einem frechen, unbändigen Lachen, über

die Menschen, über die Landschaft, einfach über alles, was ihm vor das Auge

kam. Klara versuchte gar nicht, ihn zu besänftigen, im Gegenteil, sie hatte

Freude an dieser Ungebundenheit eines schönen Geistes. Wie liebte sie das

Jugendliche, das Freche, ja sogar das Sich-Überhebende in dieser Knabennatur,

die sich hinüberarbeitete zur Mannesnatur. Er mochte das Tollste schwatzen, das

ihr wahrscheinlich aus dem Munde eines anderen würde lächerlich und blöde

geklungen haben, aber an ihm liebte sie es. Was hatte dieser Mensch, daß sie ihn

so ohne Bedingung schön finden mußte, in allen Lagen, in jeder Gebärde, im

Benehmen, Tun, Lassen, Reden und Stillschweigen? Er schien ihr allen übrigen

Menschen gewachsen, allen andern Männern überlegen zu sein, und er war kaum ein Mann. Sein Schritt, wie sollte sie sagen, hatte für sie etwas Läppisches

und zugleich Gebietendes. Der ganze junge Mensch nicht die Spur des

Aufgeregtseins und doch etwas Schüchternes, Dummes, Tief-Kindliches. So

gelassen und so schnell in Flammen! Sie sah, wie seine Haare im Dunkel hell

hervorleuchteten, jugendlich und wellenhaft. Dazu sein Schritt und das Tragen

des Kopfes mit solchem bescheidenen, fragenden, sinnenden Stolz. Wie dieser

Jüngling träumen mußte, wenn er an jemand dachte. Kaspar war stiller

geworden. Sie sah ihn immer an, immer! Hier, in dieser Nacht voll

umherwandelnder Menschen war es schön, zum vergehen schön, ihn

anzuschauen. Ihn anzuschauen, das fand sie schöner, als ihn küssen. Seinen

Mund sah sie schmerzvoll geöffnet; gewiß dachte er weiter nichts, nein, gar

keine Rede; es war eben nur die Stellung der Lippen, die den Eindruck des

Schmerzlichen hervorrief. Seine Augen waren kalt und ruhig in die Ferne

gerichtet, als wüßten sie dort Besseres zu sehen. Sie schienen zu sprechen: »Wir,

wir sehen Schönes; quält euch doch nicht, ihr andern Menschenaugen, ihr werdet

es ja doch nie sehen, was wir sehen!« Seine Augenbrauen bogen sich entzückend

leicht und wie besorgt, als wenn sie Engel gewesen wären, über ihre Kinder, die

Augen, die so aussahen und in die Welt blickten, als könnten sie jeden

Augenblick verletzt werden. »Gewiß, eines jeden Menschen Auge ist leicht

verletzbar, aber wenn ich seine betrachte, so tut es mir auf einmal so weh, so, als

sähe ich sie schon von Splittern verletzt. Sie sind so groß, treten so weit hervor,

scheinen sich um nichts zu kümmern, sind so achtlos und immer so groß

geöffnet; wie leicht können sie verletzt werden!« jammerte sie. Sie wußte nicht

einmal, ob er sie liebte, aber was machte das aus, sie, sie liebte ihn ja, das

genügte, ja, das mußte so sein, sie war dem Weinen nahe. Da kamen Simon und

Klaus zurückgegangen, um die andern aufzusuchen. Klara beherrschte sich, so

gut sie konnte, nahm Simon beim Arm und ging mit ihm voraus. »Laß mich in

deine Augen sehen, du hast so schöne Augen, Simon, Augen, in deren Anblick

man liegt wie im Bett, wenn alles beruhigt ist und man betet,« sprach sie zu ihm.

Klaus und Kaspar gingen schweigend. Sie wollten einander nicht mehr

verstehen, seit vor ein paar Jahren ein kleiner Zwist zwischen ihnen

ausgebrochen war, und seither hatten sie sich nie mehr gesehen und auch nie

geschrieben. Klaus nahm sich das sehr zu Herzen, während Kaspar es einfach als

eine Art Notwendigkeit hingehen ließ. Er sagte sich, daß es ganz in der Ordnung

der Dinge liege, einmal auch von einem Bruder nicht begriffen zu werden. Er

mochte nicht den Kopf zurückwenden nach vergangenen Angelegenheiten, die

er übrigens, eben weil sie vorüber waren, als für weiterer Gedanken nicht wert

hielt. Seine Art war, geradeaus zu marschieren; er hielt das Zurückblicken auf

alte Beziehungen für schädlich. Nun fing, da ihm das Schweigen Kaspar gegenüber unerträglich wurde, Klaus an, von der Kunst des Bruders zu sprechen

und ermunterte ihn, doch einmal nach Italien zu gehen, um da die gehörige Reife

als Künstler zu erlangen.

Kaspar rief aus: »Lieber will ich gleich vom Teufel geholt werden! Nach

Italien! Warum nach Italien? Bin ich krank, und soll ich etwa gesund werden in

dem Lande der Orangen und Pinien? Was brauche ich denn nach Italien zu

gehen, wenn ich hier sein kann und es mir hier ganz gut gefällt? Könnte ich in

Italien vielleicht Besseres tun, als malen, und kann ich etwa hier nicht malen?

Du meinst, weil es so schön in Italien ist, müsse ich dahin gehen. Ist es denn

etwa hier nicht schön genug? Kann es dort schöner sein, als hier, da, wo ich bin,

wo ich schaffe, wo ich tausend Schönheiten sehe, die fortleben, wenn ich längst

vermodert bin? Ist es möglich, nach Italien zu gehen, wenn man schaffen will?

Sind in Italien die Schönheiten schöner als hier? Sie sind vielleicht nur

anspruchsvoller, und eben deshalb will ich sie lieber gar nicht sehen. Wenn ich in

sechzig Jahren so weit bin, eine Welle oder eine Wolke, einen Baum oder ein

Feld malen zu können, so wollen wir sehen, ob es klug getan war, nicht in Italien

gewesen zu sein. Kann mir etwas entgehen, diese Tempelsäulen, diese

Allerweltsrathäuser, diese Brunnen und Bogen, diese Pinien und Lorbeerbäume,

diese italienischen Trachten und Prachtbauten nicht gesehen zu haben? Muß man

mit den Augen denn alles auffressen wollen? Ich könnte jedesmal außer mir

geraten, wenn man mir zumutet, die Absicht zu haben, in Italien ein besserer

Künstler zu werden. Italien, das ist unsere Falle, in die wir hineinpatschen, wenn

wir turmhoch dumm sind. Kommen die Italiener zu uns, wenn sie malen oder

dichten wollen? Was nützt es mir, wenn ich mich an vergangenen Kulturen

berausche? Habe ich damit meinen Geist, wenn ich ehrlich mit mir abrechnen

will, bereichert? Nein, ich habe ihn bloß verpfuscht und feige gemacht. Mag eine

alte, untergegangene Kultur noch so herrlich gewesen sein, mag sie immerhin

die unsrige an Stärke und Pracht überragen, so schnüffle ich deshalb noch lange

nicht wie ein Maulwurf darin herum, sondern betrachte sie eben, wenn es angeht

und es mir Spaß macht, aus Büchern, die mir zu jeder Zeit zu Diensten sind. So

sehr schätzenswert ist übrigens das Verlorene und Vergangene niemals; denn ich

erblicke rund um mich, in unserer oft als so unschön und unhold verschrieenen

Gegenwart Bilder die Menge, die mich entzücken, und Schönheiten, beide

Augen zum Überfließen voll. Ich könnte zornig werden und aus der Haut fahren

bei dieser Italienraserei, die etwas seltsam Beschämendes für uns ist. Es kann

sein, daß ich mich irre, aber keine zwanzig borstigen Teufel, und wenn sie die

Luft neben mir verpesteten und ihre scheußlichen Gabeln schwenkten, brächten

mich nach Italien.«

Klaus wurde betroffen und traurig über Kaspars Heftigkeit, die Dinge zu messen. So war er immer gewesen, und auf diese Art konnte es nicht

vorauszusehen sein, wie man in eine ersprießliche Verbindung mit ihm treten

könnte. Er schwieg und reichte ihm die Hand; denn man war vor der Wohnung

Klausens angekommen.

In seinem einförmigen Zimmer angekommen, sagte er sich: »So habe ich ihn

nun zum zweiten Male verloren, durch eine ganz unschuldige, gutgemeinte, aber

in der Tat etwas unvorsichtige Äußerung. Ich kenne ihn zu wenig, das ist alles,

und ich werde ihn vielleicht nie kennen lernen. Unsere Lebensläufe sind zu

verschieden. Aber vielleicht führt uns ein anderes Mal die Zukunft, die man ja

nie ergründet, zusammen. Man muß warten und es ertragen, langsam ein reiferer,

besserer Mensch zu werden.« Er kam sich so einsam vor und beschloß, bald

wieder abzureisen, an seinen Wirkungsort zurück.