Geschwister Tanner

Robert Walser · Kapitel 3 von 19

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Geschwister Tanner

Zweites Kapitel.

Z w e i t e s K a p i t e l .

 

Eines Tages klingelte Simon, es war in der Mittagsstunde, vor einem

eleganten, freigelegenen Hause, das einen Garten hatte, ziemlich schüchtern an.

Ihm war, als ob da ein Bettler geklingelt hätte, wie er es läuten hörte. Wenn er

jetzt drinnen im Hause zum Beispiel als Hausinhaber gesessen hätte, vielleicht

gerade beim Mittagstisch, würde er, sich zu seiner Frau träge umwendend,

gefragt haben: Wer klingelt denn jetzt, gewiß ein Bettler! »Vornehme Leute,«

dachte er, während er wartete, »denkt man sich immer an der Tafel, oder in der

Kutsche, oder beim Anziehen, wo ihnen Diener und Dienerinnen behilflich sind,

dagegen Arme immer draußen in der Kälte, mit emporgezogenen Mantelkragen,

wie ich jetzt, vor einer Gartentür herzpochend wartend. Arme Leute haben in der

Regel schnelle, pochende, hitzige Herzen, Reiche kalte, weite, geheizte,

gepolsterte und vernagelte! Ach, wenn nur rasch jemand herbeigesprungen

käme, wie würde ich aufatmen. Dieses vor einer reichen Türe Warten hat etwas

Beengendes. Wie stehe ich doch, trotz meinem bißchen Welterfahrung, auf

schwachen Beinen.« – In der Tat, er zitterte, als ein Mädchen herbeisprang, um

dem Draußenstehenden zu öffnen. Simon mußte immer lächeln, wenn jemand

ihm eine Tür öffnete und ihn zum Eintreten ersuchte, auch jetzt ging es nicht

ohne dieses Lächeln ab, das wie eine leise Bitte im Gesicht aussah, und das

vielleicht bei vielen Menschen zu beobachten ist.

»Ich suche ein Zimmer.«

Simon nahm seinen Hut vor einer schönen Dame ab, die den Ankommenden

aufmerksam prüfte. Simon war es lieb, daß sie das tat; denn er fühlte, daß sie ein

Recht dazu hatte, und weil er sah, daß sie dabei ihre Freundlichkeit nicht verlor.

»Wollen Sie kommen? Da! Die Treppe hinauf.«

Simon bat die Dame, voranzugehen. Er machte dabei zum ersten Male in

seinem Leben mit der Hand eine Handbewegung. Die Dame zeigte dem jungen

Mann das Zimmer, indem sie eine Tür öffnete.

»Welch ein schönes Zimmer,« rief Simon, der wirklich überrascht war, »viel

zu schön für mich, leider, viel zu fein für mich. Sie müssen wissen, ich bin ein so

wenig für ein so feines Zimmer geeigneter Mensch. Und doch, ich würde sehr

gerne darin wohnen, allzugerne, viel, vielzugerne. Es ist eigentlich von Ihnen nicht gut getan gewesen, mir dieses Gemach zu zeigen. Viel besser, Sie würden

mich zu Ihrem Hause hinausgewiesen haben. Wie komme ich dazu, meine

Blicke in einen so heiteren, schönen, wie als Wohnung für einen Gott

geschaffenen Raum zu werfen. Welch schöne Wohnungen bewohnen doch die

Wohlhabenden, die, die etwas besitzen. Ich habe nie etwas besessen, bin nie

etwas gewesen, und werde trotz den Hoffnungen meiner Eltern nie etwas sein.

Welch schöne Aussicht aus den Fenstern, und so hübsche, glänzende Möbel, und

so reizende Vorhänge, die dem Zimmer etwas Mädchenhaftes geben. Ich würde

hier vielleicht ein guter, zarter Mensch werden, wenn es wahr ist, wie man sagen

hört, daß Umgebungen den Menschen verändern können. Darf ich es noch ein

wenig anschauen, hier noch eine Minute stehen bleiben?«

»Gewiß dürfen Sie das.«

»Ich danke Ihnen.«

»Was sind Ihre Eltern, und, wenn ich fragen darf, inwiefern sind Sie

»nichts«, wie Sie sich vorhin ausdrückten?«

»Ich bin ohne Stelle!«

»Das würde mir ganz gleichgültig sein. Es kommt drauf an!«

»Nein, ich habe wenig Hoffnungen. Zwar, das darf ich, wenn ich ohne Falsch

sprechen soll, auch nicht sagen. Ich bin voll Hoffnung. Nie, nie verläßt sie mich.

– Mein Vater ist ein armer, aber lebensfröhlicher Mensch, dem es nicht einmal

von ferne einfällt, seine jetzigen kargen Tage mit den früheren glänzenden zu

vergleichen. Er lebt wie ein Junger von fünfundzwanzig Jahren und gibt sich in

keiner Weise Gedanken über seine Lage hin. Ich bewundere ihn und suche ihn

nachzuahmen. Wenn er bei seinem schneeweißen Alter noch munter sein kann,

so muß es dreißig-, ja hundertmal seines jungen Sohnes Pflicht sein, den Kopf

hoch zu tragen und die Menschen mit Augen wie der Blitz anzuschauen. Aber

die Mutter gab mir, und meinen Brüdern weit mehr als mir, Gedanken mit auf

die Welt. Die Mutter ist gestorben.«

Der Dame, die sehr lieb dastand, kam ein klagendes Ach aus dem Munde.

»Sie war eine herzlich gute Frau. Wir Kinder sprechen immer und immer

über sie, wann und wo wir auch immer zusammentreffen. Wir leben zerstreut auf

dieser runden, weiten Welt, und das ist sehr gut, denn wir haben alle solche

Köpfe, wissen Sie, die nicht lange zueinander taugen. Wir haben alle eine etwas

schwere Art, die hinderlich sein würde, wenn wir verbunden unter den

Menschen aufträten. Das tun wir gottlob nicht, und jedes von uns weiß genau,

warum wir es nicht tun wollen. Doch lieben wir uns, wie es sich geziemt. Einer

meiner Brüder ist ein nicht unbekannter Gelehrter, ein anderer ist ein Spezialist

im Börsenfach, wieder ein anderer ist weiter nichts als mein Bruder, weil ich ihn

mehr als einen Bruder liebe, und es mir, wenn ich an ihn denke, nicht einfiele, noch sonst etwas anderes hervorzuheben an ihm, als eben den Umstand, daß er

der meinige ist, der, der so aussieht, wie er, sonst nichts. Mit diesem Bruder

zusammen möchte ich hier bei Ihnen wohnen. Groß genug wäre das Zimmer.

Aber es geht wohl nicht gut. Wieviel kostet es?«

»Was ist Ihr Bruder?«

»Landschaftsmaler! Wieviel würden Sie für das Zimmer verlangen? – – So

viel? Es ist sicherlich nicht zu viel für dieses Zimmer, aber für uns ist es viel zu

viel. Auch, wenn ich recht bedenke, und wenn ich Sie eindringlich anschaue,

sind wir zwei Menschen nicht dazu geeignet, in diesem Hause aus- und

einzugehen, als ob wir darin ansässig wären. Wir sind noch so grob, wir würden

Sie enttäuschen. Auch haben wir die Gewohnheit, mit Bettbezügen,

Möbelstücken, Wäschegegenständen, Fenstervorhängen, Türklinken,

Treppenabsätzen hart umzugehen, das würde Sie erschrecken, Sie würden uns

böse werden, oder Sie würden vielleicht verzeihen, ein Auge bemühen

zuzudrücken, was noch schmählicher wäre. Ich möchte nicht veranlassen, daß

Sie später mit uns Ärger hätten. Sicher, sicher! Wehren Sie nur nicht ab. Ich sehe

es zu deutlich. Wir haben, im Grunde genommen, für alles feine Wesen auf die

Länge wenig Hochachtung übrig. Dergleichen Menschen, wie wir sind, müssen

vor reichen Gartengittern stehen, wo ihnen die Freiheit gelassen wird, über den

Glanz und die Sorgfalt spöttische Bemerkungen zu machen. Wir sind Spötter!

Adieu!«

Die Augen der schönen Frau hatten einen tiefen Glanz angenommen, und

nun sagte sie auf einmal: »Ich möchte doch Ihren Herrn Bruder und Sie

annehmen. Ich werde, was den Preis betrifft, mit Ihnen schon einig werden.«

»Nein lieber nicht!«

Simon schritt schon die Treppe hinunter. Da rief ihm die Stimme der Dame

nach: »Bitte, bleiben Sie doch noch.« Und sie eilte ihm nach. Unten holte sie ihn

ein und veranlaßte ihn, stehen zu bleiben und auf sie zu horchen: »Was fällt

Ihnen ein, so schnell wegzugehen. Sehen Sie, ich will, ich möchte Sie beide

dabehalten. Und wenn Sie auch nicht bezahlen! Was macht das? Gar nichts, gar

nichts, kommen Sie doch, kommen Sie. Treten Sie mit mir in dieses Zimmer.

Marie! Wo bist du? Bringe doch gleich den Kaffee hier ins Zimmer.«

Drinnen sagte sie zu Simon: »Ich habe den Wunsch, Sie und Ihren Bruder

näher kennen zu lernen. Wie konnten Sie nur davonrennen. Ich bin oft so allein

in diesem abgelegenen Hause, daß es mich ängstigt. Mein Mann ist die ganze

Zeit abwesend, auf weiten Reisen, er ist Forscher, segelt auf allen Meeren, von

deren bloßem Vorhandensein seine arme Frau keine Ahnung hat. Bin ich nicht

eine arme Frau? Wie heißen Sie? Wie heißt der andere, Ihr Bruder? Ich heiße

Klara. Nennen Sie mich einfach: Frau Klara. Ich mag gern diesen einfachen Namen hören. Sind Sie nun etwas zutraulicher geworden? Würde mich sehr, so

sehr freuen. Glauben Sie nicht, das wir miteinander leben und auskommen

können? Gewiß, das wird schon gehen. Ich halte Sie für einen zarten Menschen.

Ich fürchte mich nicht, Sie in meinem Hause zu haben. Sie haben ehrliche

Augen. Ist Ihr Bruder älter als Sie?«

»Ja, er ist älter und ein viel besserer Mensch, als ich.«

»Sie sind ein braver Mensch, daß Sie das sagen dürfen.«

»Ich heiße Simon und mein Bruder heißt Kaspar.«

»Mein Mann heißt Agappaia.«

Sie erbleichte, als sie das sagte, doch sammelte sie sich rasch und lächelte.

Simon schrieb an seinen Bruder Kaspar: »Wir sind eigentlich seltsame

Käuze, wir zwei. Wir treiben uns auf diesem Erdboden umher, als ob nur wir,

und sonst keine anderen Menschen darauf lebten. Wir haben eigentlich eine

verrückte Freundschaft geschlossen, als ob es sonst unter den Männern nichts

ausfindig zu machen gäbe, was wert könnte genannt werden, Freund zu heißen.

Eigentlich sind wir gar keine Brüder, sondern Freunde, wie zwei sich einmal auf

der Welt zusammenfinden. Ich bin wirklich nicht für die Freundschaft gemacht

und begreife nicht, was ich so Tolles an Dir nur finde, das mich zwingt, mich

immer wieder an Deine Seite, gleichsam an Deinen Rücken heranzudenken.

Dein Kopf kommt mir jetzt bald wie der meinige vor, so sehr bist Du schon in

meinem Kopf; ich werde vielleicht im Verlauf einiger Zeit, wenn es so weiter

geht, mit Deinen Händen greifen, mit Deinen Beinen laufen und mit Deinem

Mund essen. Unsere Freundschaft hat sicher etwas Geheimnisvolles, wenn ich

Dir sage, daß es gar nicht so unmöglich ist, daß im Grunde genommen unsere

Herzen voneinander wegstreben, daß sie nur nicht können. Ich bin ja nun noch

recht froh, daß Du noch immer nicht zu können scheinst, denn Deine Briefe

klingen sehr artig und ich wünsche vorläufig auch von mir, daß ich im Banne

dieses Geheimnisvollen sitzen bleibe. Für uns ist es ja gut, aber, wie kann ich nur

gar so trocken reden: ich finde es einfach, um nicht zu lügen, entzückend.

Warum sollten nicht einmal zwei Brüder über das Maß hauen. Wir passen ganz

gut zusammen, wir paßten auch schon damals zusammen, als wir uns haßten und

beinahe totprügelten. Weißt Du noch? Es braucht nichts als diesen Aufruf, mit

einer Portion gesunden Lachens vermischt, um in Dir Bilder aufzurühren, zu

leimen, zu malen, zu heften, die wahrhaftig der Rückerinnerung mehr als wert

sind. Wir waren, ich weiß nicht mehr aus welcher Ursache heraus, Todfeinde

geworden. O, wir verstunden es, einander zu hassen. Unser Haß war entschieden

erfinderisch im Auffinden von Qualen und Demütigungen, die wir uns

gegenseitig bereiteten. Beim Eßtisch warfst Du mir einmal, um nur ein einziges

Beispiel dieses jammervollen und kindischen Zustandes anzuführen, eine Platte mit Sauerkraut entgegen, weil Du mußtest, und sagtest dazu: »Da, pack!« Ich

muß Dir sagen, damals zitterte ich vor Wut, schon deshalb, weil es für Dich eine

schöne Gelegenheit war, mich aufs grimmigste zu kränken, und ich dazu nichts

sagen konnte. Ich packte die Platte an, und war eben dumm genug, den Schmerz

der Kränkung bis zur Kehle hinauf voll auszukosten. Weißt Du noch, wie eines

Mittags, es war ein stiller, totenstiller, sommerheißer, vor Totenstille ganz toller

Sonntagnachmittag, dann einer zu Dir in die Küche herangezaudert kam und

Dich bat, mir wieder gut zu sein. Es war ein unglaubliches Werk der

Überwindung, kann ich Dir sagen, sich so durch das Gefühl der Beschämung

und des Trotzes hindurchzuwinden, bis zu Dir, der Gestalt des zur ablehnenden

Verachtung neigenden Feindes. Ich tat es, und ich bin mir dankbar dafür. Ob Du

auch mir, ist mir freudig und duftig egal. Das kann nur ich abschätzen. Geh mir

weg, da willst Du mir was dazwischenreden. Einfach nicht möglich. Weg da! –

Wie viele köstliche Stunden habe ich von da an mit Dir genossen. Ich fand dich

auf einmal zart, liebend rücksichtsvoll. Ich glaube, die Wonne der Freude

brannte uns beiden auf den Wangen. Wir streiften, Du als Maler, ich als

Zuschauer und Dreinreder, über die Matten auf den breiten Bergen, wateten im

Duft des Grases, in der Nässe des kühlen Morgens, in der Hitze des Mittags und

im feuchten, verliebten Untergehen der Sonne. Die Bäume sahen uns zu, was wir

da oben trieben und die Wolken ballten sich zusammen, gewiß aus Zorn, daß sie

keine Macht besaßen, unsere neugebackene Liebe zu brechen. Abends kamen

wir gräßlich zerbrochen, verstaubt, verhungert und vermüdet nach Hause, und

auf einmal gingst Du dann weg. Weiß der Teufel, ich half Dir wegreisen, als ob

ich dazu durch Handgeld verpflichtet gewesen wäre, oder als hätte ich Eile

gehabt, Dich verduften zu sehen. Gewiß war es mir eine heilige Freude, Dich

abreisen zu sehen, denn Du reistest der großen Welt entgegen. Wie wenig groß

ist die große Welt, Bruder.

Komm doch ja bald hierher. Ich kann Dich beherbergen, wie ich eine Braut

beherbergen würde, von der ich annehmen müßte, daß sie gewohnt sei, auf Seide

zu liegen und von Bedienten bedient zu werden. Ich habe zwar keine

Dienerschaft, aber doch ein Zimmer wie für einen gebornen Herrn. Ich und Du,

wir beide haben ein prachtvolles Chambre einfach geschenkt, vor die Füße

gelegt bekommen. Du kannst hier ebensogut Bilder malen, wie dort in Deiner

dicken, fernen Landschaft, Du hast ja Phantasie. Eigentlich sollte es jetzt

Sommer sein, daß ich Deinetwegen im Garten ein Gartenfest mit chinesischen

Lichtern und Bändern von lauter Blumen veranstalten könnte, um Dich

einigermaßen Deiner würdig zu empfangen. Komm eben so, aber mach nur, daß

dieses Kommen rasch vorwärtskommt, sonst komme ich und hole Dich. Meine

Herrin und Wirtin drückt Dir die Hand. Sie ist davon überzeugt, daß sie Dich bereits aus meinen Schilderungen von Dir kennt. Wenn sie Dich erst kennen

wird, wird sie weiter auf der Erde niemand mehr kennen lernen wollen. Hast Du

einen stattlichen Anzug? Schlottern Dir Deine Hosen nicht gar so sehr um die

Kniee herum und darf man Deine Kopfbedeckung noch Hut nennen? Sonst

darfst Du nicht vor mir erscheinen. Alles Spaß, alles Dummheiten. Laß Dich von

Deinem Simönchen umarmen. Leb wohl, Bruder. Hoffentlich kommst Du

bald.« –

 

Einige Wochen waren verflossen, es fing an, wieder Frühling zu werden, die

Luft war feuchter und weicher, es meldeten sich unbestimmte Düfte und Klänge,

die aus der Erde herauszukommen schienen. Die Erde war weich, man schritt auf

ihr wie auf dicken, biegsamen Teppichen. Man glaubte, Vögel singen hören zu

müssen. »Es will Frühling werden,« so redeten sich die empfindungsvollen

Menschen auf der Straße an. Selbst die kahlen Häuser bekamen einen gewissen

Duft, eine sattere Farbe. Es ging ganz sonderbar zu, und war doch eine so alte,

bekannte Erscheinung, aber man empfand es als gänzlich neu, es regte zu einem

seltsamen, stürmischen Denken an, die Glieder, die Sinne, die Köpfe, die

Gedanken, alles regte sich, wie wenn es hätte von neuem wachsen mögen. Das

Wasser des Sees glänzte so warm und die Brücken, die sich über den Fluß

schlangen, schienen einen kühneren Bogen bekommen zu haben. Die Fahnen

flatterten im Winde, und es machte den Menschen Vergnügen, sie flattern zu

sehen. Die Sonne erst trieb die Leute in Reihen und Gruppen auf die schöne,

weiße, saubere Straße, wo sie stehen blieben und den Kuß der Wärme begierig

fühlten. Viele Mäntel von vielen Menschen wurden abgelegt. Man konnte die

Männer wieder freier sich bewegen sehen und die Frauen machten so sonderbare

Augen, als möchte ihnen etwas Seeliges zu den Herzen herauskommen. In den

Nächten hörte man wieder zum ersten Mal den Klang der vagabondierenden

Gitarren, und Männer und Frauen standen im Gewühl der fröhlichen, spielenden

Kinder. Die Lichter der Laterne flackten wie Kerzen in stillen Stuben, und man

empfand, wenn man über nachtdunkle Wiesen hinschritt, das Blühen und Regen

der Blumen. Das Gras wird bald wieder wachsen, die Bäume werden ihr Grün

bald wieder über die niederen Hausdächer schütten und den Fenstern die

Aussicht nehmen. Der Wald wird prangen, üppig, schwer, o, der Wald. – –

Simon arbeitete wieder in einem großen Handelsinstitut.

Es war ein Bankhaus von weltbedeutendem Umfang, ein großes Gebäude

von palastähnlichem Aussehen, in welchem hunderte von jungen und alten,

männlichen und weiblichen Leuten beschäftigt waren. Diese Leute schrieben alle mit emsigen Fingern, rechneten mit Rechnungsmaschinen, auch wohl bisweilen

mit ihren Gedächtnissen, dachten mit ihren Gedanken und machten sich nützlich

mit ihren Kenntnissen. Es gab da etliche junge, elegante Korrespondenten, die

vier bis sieben Sprachen schreiben und sprechen konnten. Diese schieden sich

durch ihr feineres, ausländisches Wesen von dem übrigen Rechnervolk aus. Sie

waren schon auf Meerschiffen gefahren, kannten die Theater in Paris und New-

York, hatten in Jokohama die Teehäuser besucht und wußten, wie man sich in

Kairo vergnügte. Nun besorgten sie hier die Korrespondenz und warteten auf

Gehaltserhöhung, während sie spöttisch von der Heimat sprachen, die ihnen

ganz klein und lausig vorkam. Das Rechnervolk bestund zumeist aus älteren

Leuten, die sich an ihre Posten und Pöstlein wie an Balken und Pflöcken

festhielten. Sie hatten alle lange Nasen von dem vielen Rechnen und gingen in

zersessenen, zerschabten, zerglätteten, zerfalteten und zerknickten Kleidern. Es

gab aber etliche intelligente Leute unter ihnen, die vielleicht im Geheimen

seltsamen, kostbaren Liebhabereien frönten und so ein wenn auch stilles und

abgelegenes so doch immerhin würdiges Leben führten. Viele von den jungen

Angestellten waren dagegen feinerer Zeitvertreibe nicht fähig, diese stammten

meist von ländlichen Grundbesitzern, Gastwirten, Bauern und Handwerkern ab,

waren, da sie in die Stadt kamen, sofort bemüht, städtisch-feines Wesen

anzunehmen, was ihnen jedoch schlecht gelang, und kamen über eine gewisse

tölpische Grobheit nicht hinaus. Indessen, es gab da auch stille Bürschchen von

zartem Betragen, die seltsam abstachen von den andern Flegeln. Der Direktor

der Bank war ein alter, stiller Mann, der überhaupt nie gesehen wurde. In seinem

Kopfe schienen die Fäden und Wurzeln des ganzen ungeheuren Geschäftsganges

ineinandergeworfen zu liegen. Wie der Maler in Farben, der Musiker in Tönen,

der Bildhauer in Stein, der Bäcker in Mehl, der Dichter in Worten, der Bauer in

Strichen Landes, so schien dieser Mann in Geld zu denken. Ein guter Gedanke

von ihm, zur guten Zeit ausgedacht, brachte in einer halben Stunde dem

Geschäft eine halbe Million. Vielleicht! Vielleicht mehr, vielleicht weniger,

vielleicht nichts, und gewiß, manchmal verlor dieser Mann ganz im stillen, und

alle seine Untergebenen wußten nichts davon, gingen, wenn die Glocke zwölf

schlug, zum Essen, kamen um zwei Uhr wieder, arbeiteten vier Stunden, gingen

fort, schliefen, erwachten, standen zum Frühstück auf, gingen wieder, wie am

gestrigen Tag ins Gebäude, nahmen die Arbeit wieder auf und keiner wußte,

denn keiner hatte Zeit, etwas von diesem Geheimnisvollen in Erfahrung zu

bringen. Und der stille, alte, grämliche Mann dachte im Direktionszimmer. Für

die Angelegenheiten seiner Angestellten hatte er nur ein mattes, halbes Lächeln.

Es hatte etwas Dichterisches, Erhabenes, Entwerfendes und Gesetzgeberisches.

Simon versuchte oft, sich in Gedanken an die Stelle des Direktors zu setzen. Aber im allgemeinen verschwand ihm dieses Bild, und wenn er darüber

nachdachte, verschwand ihm überhaupt jeder Begriff: »Etwas Stolzes und

Erhabenes ist dabei, aber auch etwas Unbegreifliches und beinahe

Unmenschliches. Warum gehen nur alle diese Leute, Schreiber und Rechner, ja

sogar die Mädchen im zartesten Alter, zu demselben Tor in dasselbe Gebäude

hinein, um zu kritzeln, Federn anzuprobieren, zu rechnen und zu fuchteln, zu

büffeln und nasenschneuzen, zu bleistiftspitzen und Papier in den Händen

herumtragen. Tun sie das etwa gern, tun sie es notgedrungen, tun sie es mit dem

Bewußtsein, etwas Vernünftiges und Fruchtbringendes zu verrichten? Sie

kommen alle aus ganz verschiedenen Richtungen, ja einige fahren sogar mit der

Eisenbahn aus entfernten Gegenden daher, sie spitzen die Ohren, ob es noch Zeit

ist, vor Antritt einen privaten Gang zu unternehmen, sie sind so geduldig dabei

wie eine Herde von Lämmern, verstreuen sich, wenn es Abend wird, wieder in

ihre speziellen Richtungen, und morgen, um dieselbe Zeit, finden sie sich alle

wieder ein. Sie sehen sich, erkennen sich am Gang, an der Stimme, an der

Manier, eine Türe zu öffnen, aber sie haben wenig miteinander zu tun. Sie

gleichen sich alle und sind sich doch alle fremd und wenn einer unter ihnen stirbt

oder eine Unterschlagung macht, so verwundern sie sich einen Vormittag lang

darüber, und dann geht es weiter. Es kommt vor, daß einer einen Schlaganfall

bekommt während des Schreibens. Was hat er dann davon gehabt, daß er fünfzig

Jahre lang im Geschäft »arbeitete«. Er ist fünfzig Jahre lang jeden Tag zu

derselben Türe ein und ausgegangen, er hat tausend und tausendmal in seinen

Geschäftsbriefen dieselbe Redewendung geübt, hat etliche Anzüge gewechselt

und sich öfters darüber gewundert, wie wenig Stiefel er des Jahres verbrauche.

Und jetzt? Könnte man sagen, daß er gelebt hat? Und leben nicht tausende von

Menschen so? Sind vielleicht seine Kinder ihm der Lebensinhalt, ist seine Frau

die Lust seines Daseins gewesen? Ja, das kann es sein. Ich will lieber über solche

Dinge nicht klugreden, denn mir will scheinen, als zieme es mir nicht, da ich

noch jung bin. Draußen ist jetzt Frühling und ich könnte zum Fenster

hinausspringen, so weh tut mir dieses lange, lange Glieder-Nicht-Bewegen-

dürfen. Ein Bankgebäude ist doch ein dummes Ding im Frühling. Wie nähme

sich eine Bankanstalt etwa auf einer grünen, üppigen Wiese aus? Vielleicht

würde meine Schreibfeder mir wie eine junge, eben aus der Erde gesprossene

Blume vorkommen. Ach, nein, spotten mag ich nicht. Vielleicht muß das alles so

sein, vielleicht hat alles einen Zweck. Ich erblicke nur nicht den Zusammenhang,

weil ich zu sehr den Anblick erblicke. Der Anblick ist wenig entmutigend: vor

den Fenstern dieser Himmel, im Gehör dieses süße Singen. Die weißen Wolken

gehen am Himmel und ich muß da schreiben. Warum habe ich ein Auge für die

Wolken. Wenn ich ein Schuhmacher wäre, so machte ich doch wenigstens Schuhe für Kinder, Männer und Damen, diese gingen im Frühlingstag in meinen

Schuhen auf der Gasse spazieren. Ich würde den Frühling empfinden, wenn ich

meinen Schuh an dem fremden Fuß erblickte. Hier kann ich den Frühling nicht

empfinden, er stört mich.«

Simon ließ seinen Kopf hängen und war zornig über seine weichen Gefühle.

 

Eines Abends, als er nach Hause ging, fiel Simon auf der abendlich

beleuchteten Brücke ein Mensch, der vor ihm mit langen Schritten daherging,

auf. Die Gestalt in ihrer bemäntelten Schlankheit flößte ihm einen süßen

Schrecken ein. Er glaubte diesen Gang, dieses Paar Hosen, diesen sonderbaren

Kessel von Hut, die flatternden Haare erkennen zu sollen. Der fremde Mann trug

eine leichte Malmappe unter dem Arm. Simon ging mit etwas rascheren

Schritten, von zitternden Ahnungen befallen, und plötzlich, mit dem Schrei

»Bruder«, stürzte er dem Gehenden an den Hals. Kaspar umarmte seinen Bruder.

Sie gingen laut miteinander plaudernd nach Hause, das heißt, sie hatten einen

ziemlich steilen Weg den Berg hinauf zu machen, über dessen Abhang sich die

Stadt mit Gärten und Villen hinzog. Ganz oben am Berge schauten ihnen die

kleinen, verfallenen Vorstadthäuschen entgegen. Die untergehende Sonne

flammte in den Fenstern und machte sie zu strahlenden Augen, die starr und

schön in die Ferne blickten. Unten lag die Stadt, weit und wohllüstig über die

Ebene gebreitet, wie ein flimmernder, glitzernder Teppich, die Abendglocken,

die immer anders sind als Morgenglocken, tönten herauf, der See lag schwach

gezeichnet, in seiner zarten unaussprechlichen Form zu Füßen der Stadt, des

Berges und der vielen Gärten. Noch blitzten viele Lichter nicht, aber die, die

leuchteten, brannten mit einer herrlichen, fremdartigen Schärfe. Die Menschen

gingen und liefen jetzt da unten in all den krummen, versteckten Straßen, man

sah sie nicht, aber man wußte es. »In der eleganten Bahnhofstraße würde es jetzt

herrlich zu gehen sein,« dachte Simon. Kaspar ging schweigend. Er war ein

prachtvoller Kerl geworden. »Wie er daherschreitet,« dachte Simon. Endlich

kamen sie vor ihrem Hause an. »Wie? Am Waldesrande wohnst du?« lachte

Kaspar. Sie traten beide ins Haus.

Als Klara Agappaia den neuen Ankömmling erblickte, ging in ihren großen

müden Augen ein seltsames Flammen auf. Sie schloß ihre Augen und bog ihren

schönen Kopf auf die Seite. Es schien nicht, daß sie sehr große Freude

empfunden hätte, diesen jungen Mann zu sehen, es erschien wie etwas ganz

anderes. Sie versuchte unbefangen zu sein, zu lächeln, wie man zu lächeln

pflegt, wenn man jemanden willkommen heißt. Aber sie vermochte es nicht. »Geht hinauf,« sagte sie, »heute bin ich so müde. Wie sonderbar. Ich weiß

wirklich nicht, was ich habe.« Die beiden suchten ihr Zimmer auf: Der Mond

beleuchtete es. »Wir zünden gar kein Licht an,« sagte Simon, »laß uns so zu

Bette gehen.« – Da klopfte jemand an die Türe, es war Klara, sie sagte, draußen

stehend: »Habt ihr auch alles Notwendige, fehlt euch nun nichts?« – »Nein, wir

liegen schon im Bett, was könnte uns fehlen.« – »Gute Nacht, Freunde,« sagte

sie, und öffnete ein wenig die Türe, schloß sie wieder und ging. »Sie scheint eine

seltsame Frau zu sein,« meinte Kaspar. Dann schliefen sie beide.