Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

Ricarda Huch · Kapitel 9 von 18

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Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

L ux begab sich bald daran, eine…

L ux begab sich bald daran, eine Zaunrübe ausfindig zu machen, deren Wurzeln so verdreht und wunderlich gebildet sind, daß sie allenfalls

menschenähnliche Figürchen vorstellen können, und nachdem sie eines Morgens

mehrere, die ihr passend schienen, gefunden hatte, warf sie sich ermüdet ins

Gras und ließ Lisutt um und über sich herumklettern. Enzian und

Gänseblümchen blühten, und schon drängte sich prangender Löwenzahn in

Menge hervor, wovon Lux, so viel sie von ihrem Platze aus erlangen konnte,

pflückte, um einen Kranz daraus zu flechten, den sie Lisutt auf das braune

Köpfchen setzte. Er war wild und locker gewunden und strahlte feurig in

ungleichen Büscheln um das lachende Kindergesicht, dessen zarte Rosenfarbe

die Frühlingssonne bereits gebräunt hatte. Während Lisutt ihrerseits Gras und

Kräuter ausraufte und in ihrer Mutter Haar zu stecken versuchte, dann das

butterweiche Gesicht in deren Hals grub und frohlockend sagte: »Du riechst

gut!« kam Lando, der ein Freund der Natur war, zufällig des Weges, sah das

Kindergesicht, das lachte und leuchtete, und die Gestalt, die das Gras verdeckte,

die sich aber bei seinem annähernden Schritt aufrichtete, so daß er ihre

anmutigen Züge und die männliche Kleidung, die sie trug, erkennen konnte.

Gleichzeitig fielen ihm die krummen Wurzeln auf, die neben ihr auf einem

ausgebreiteten roten Tuche lagen, und er benutzte dies, um sie anzusprechen mit

der Frage, was das sei und was sie damit zu machen vorhabe. Lux, die den

jungen Mann zuweilen in der Nähe des Schlosses gesehen hatte und wußte, wer

er war, sagte lächelnd: »Das ist eine Kost für Ihren Herrn, den Bischof,« worauf

er neugierig weiterfragte und sich zu ihr ins Gras setzte. Es sei ein Geheimnis,

entgegnete Lux, und sie wisse nicht, ob er so in Gunst und Vertraulichkeit des

Bischofs stehe, daß er es teilen dürfe, hatte aber im Grunde schon beschlossen,

ihm alles zu erzählen, weil sein Aussehen und seine Art sie gewiß machten, daß

er von Herzen darüber lachen, vielleicht sogar ihr helfen würde, die Schelmerei

vollkommen zu machen. Seinerseits hatte Lando sogleich erraten, daß es

weniger galt, dem Bischof einen Dienst zu leisten, als ihm einen Possen zu

spielen, und nachdem sie sich so, ohne sich zu bereden, durch das bloße Gefühl

ihres Wesens, das sich ihnen gegenseitig mitteilte, miteinander ins

Einvernehmen gesetzt hatten, erzählte Lux, was für Hoffnungen der Bischof in

sie gesetzt habe und wie sie ihm das Alräunchen nach bestem Vermögen

zubereiten wolle, und schlug ihm vor, den Schabernack dadurch zu verlängern,

daß er die Geldsumme, die der Bischof nach ihrer Anweisung jeweilen unter die Wurzel legen würde, verdoppele und ihn so im Glauben an die Trefflichkeit des

Zauberdinges erhalte. Lando, von diesem Einfall entzückt, verabredete mit Lux

alle Einzelheiten, wie sie es halten wollten, und scherzte zwischendurch in

kindlicher Weise mit Lisutt, die ihn ohne Zögern als guten Spielkameraden

behandelte. Sein hübsches Gesicht, das eine rotbraune, samtweiche Haut zierte,

strahlte dabei von Freundlichkeit, wodurch aber der Ausdruck gelangweilter

Melancholie nicht ganz ausgelöscht wurde, der ihm natürlich war und dessen

Ursache zum Teil eine vorgeschobene und ein wenig hängende Unterlippe sein

mochte. Dieser an sich unschöne Zug reizte das Auge, ihn immer von neuem zu

betrachten, und nachdem er sich verabschiedet hatte, erwog Lux noch eine gute

Weile lang, ob sein Gesicht ihr besser lachend oder in hochmütiger Traurigkeit

gefallen habe.

 

Während Lando seinen Weg fortsetzte, fiel ihm ein, daß der junge

Landmann kecker als erlaubt mit einem feinen Herrn, wie er war, umgegangen

sei, und auch gegen den Bischof, so unwürdig derselbe sein möge, sich allzuviel

herausnähme, und es ärgerte ihn ein wenig, daß er sich durch seine Lust an

Schelmenstreichen und sein Vergnügen an munteren Kindern hatte verführen

lassen, so vertraulich mit ihm zu verkehren, als ob er seinesgleichen wäre. Er

wurde mit sich einig, daß er den Bischof von der Treulosigkeit seines Günstlings

in Kenntnis setzen und vor der Torheit, die zu begehen er im Begriffe stand,

bewahren wollte; als er aber um die Abendzeit Wonnebald gewahr wurde, wie er

sich in augenscheinlicher Erregung in sein Schlafzimmer zurückzog, überkam

ihn der Kitzel, zu wissen, was der alberne Mann vornehmen würde, und er sagte

sich, es sei nicht seine Sache, einem übermütigen Schlaukopf zu schaden, um

einem aufgeblasenen Narren zu dienen. Also richtete er es so ein, daß der

Bischof nach kurzer Zeit durch eine Nachricht von dringender Wichtigkeit

abgerufen wurde, und schlich sich unterdessen in sein Gemach, wo er denn auch

in einer Ecke, auf eine Konsole gesetzt, den Wurzelgötzen entdeckte, mit einem

Mäntelchen aus Brokat bekleidet, das der Bischof ihm soeben verfertigt haben

mochte, und in welchem er das Aussehen eines zwerghaften Kobolds hatte.

Unter die Konsole hatte der Bischof einen Betschemel gerückt, um dem kleinen

Zauberer die Anbetung zu widmen, die Lux angeordnet hatte, welche

Vorrichtungen alle Lando in der Meinung bestärkten, daß es schade wäre, eine

solche Narrheit zu stören. Als Wonnebald früher als gewöhnlich schlafen

gegangen war, folgte ihm Lando bis an die Tür, in der Hoffnung, ihn belauschen

zu können, nahm aber durch das Schlüsselloch nichts wahr und hörte auch

anfangs nichts als ein undeutliches Raunen und Murmeln; erst als das Licht

bereits gelöscht war, wurde die Stimme des Bischofs lauter, so daß Lando folgende Worte unterscheiden konnte: