Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück
L ux begab sich bald daran, eine…
L ux begab sich bald daran, eine Zaunrübe ausfindig zu machen, deren Wurzeln so verdreht und wunderlich gebildet sind, daß sie allenfalls
menschenähnliche Figürchen vorstellen können, und nachdem sie eines Morgens
mehrere, die ihr passend schienen, gefunden hatte, warf sie sich ermüdet ins
Gras und ließ Lisutt um und über sich herumklettern. Enzian und
Gänseblümchen blühten, und schon drängte sich prangender Löwenzahn in
Menge hervor, wovon Lux, so viel sie von ihrem Platze aus erlangen konnte,
pflückte, um einen Kranz daraus zu flechten, den sie Lisutt auf das braune
Köpfchen setzte. Er war wild und locker gewunden und strahlte feurig in
ungleichen Büscheln um das lachende Kindergesicht, dessen zarte Rosenfarbe
die Frühlingssonne bereits gebräunt hatte. Während Lisutt ihrerseits Gras und
Kräuter ausraufte und in ihrer Mutter Haar zu stecken versuchte, dann das
butterweiche Gesicht in deren Hals grub und frohlockend sagte: »Du riechst
gut!« kam Lando, der ein Freund der Natur war, zufällig des Weges, sah das
Kindergesicht, das lachte und leuchtete, und die Gestalt, die das Gras verdeckte,
die sich aber bei seinem annähernden Schritt aufrichtete, so daß er ihre
anmutigen Züge und die männliche Kleidung, die sie trug, erkennen konnte.
Gleichzeitig fielen ihm die krummen Wurzeln auf, die neben ihr auf einem
ausgebreiteten roten Tuche lagen, und er benutzte dies, um sie anzusprechen mit
der Frage, was das sei und was sie damit zu machen vorhabe. Lux, die den
jungen Mann zuweilen in der Nähe des Schlosses gesehen hatte und wußte, wer
er war, sagte lächelnd: »Das ist eine Kost für Ihren Herrn, den Bischof,« worauf
er neugierig weiterfragte und sich zu ihr ins Gras setzte. Es sei ein Geheimnis,
entgegnete Lux, und sie wisse nicht, ob er so in Gunst und Vertraulichkeit des
Bischofs stehe, daß er es teilen dürfe, hatte aber im Grunde schon beschlossen,
ihm alles zu erzählen, weil sein Aussehen und seine Art sie gewiß machten, daß
er von Herzen darüber lachen, vielleicht sogar ihr helfen würde, die Schelmerei
vollkommen zu machen. Seinerseits hatte Lando sogleich erraten, daß es
weniger galt, dem Bischof einen Dienst zu leisten, als ihm einen Possen zu
spielen, und nachdem sie sich so, ohne sich zu bereden, durch das bloße Gefühl
ihres Wesens, das sich ihnen gegenseitig mitteilte, miteinander ins
Einvernehmen gesetzt hatten, erzählte Lux, was für Hoffnungen der Bischof in
sie gesetzt habe und wie sie ihm das Alräunchen nach bestem Vermögen
zubereiten wolle, und schlug ihm vor, den Schabernack dadurch zu verlängern,
daß er die Geldsumme, die der Bischof nach ihrer Anweisung jeweilen unter die Wurzel legen würde, verdoppele und ihn so im Glauben an die Trefflichkeit des
Zauberdinges erhalte. Lando, von diesem Einfall entzückt, verabredete mit Lux
alle Einzelheiten, wie sie es halten wollten, und scherzte zwischendurch in
kindlicher Weise mit Lisutt, die ihn ohne Zögern als guten Spielkameraden
behandelte. Sein hübsches Gesicht, das eine rotbraune, samtweiche Haut zierte,
strahlte dabei von Freundlichkeit, wodurch aber der Ausdruck gelangweilter
Melancholie nicht ganz ausgelöscht wurde, der ihm natürlich war und dessen
Ursache zum Teil eine vorgeschobene und ein wenig hängende Unterlippe sein
mochte. Dieser an sich unschöne Zug reizte das Auge, ihn immer von neuem zu
betrachten, und nachdem er sich verabschiedet hatte, erwog Lux noch eine gute
Weile lang, ob sein Gesicht ihr besser lachend oder in hochmütiger Traurigkeit
gefallen habe.
Während Lando seinen Weg fortsetzte, fiel ihm ein, daß der junge
Landmann kecker als erlaubt mit einem feinen Herrn, wie er war, umgegangen
sei, und auch gegen den Bischof, so unwürdig derselbe sein möge, sich allzuviel
herausnähme, und es ärgerte ihn ein wenig, daß er sich durch seine Lust an
Schelmenstreichen und sein Vergnügen an munteren Kindern hatte verführen
lassen, so vertraulich mit ihm zu verkehren, als ob er seinesgleichen wäre. Er
wurde mit sich einig, daß er den Bischof von der Treulosigkeit seines Günstlings
in Kenntnis setzen und vor der Torheit, die zu begehen er im Begriffe stand,
bewahren wollte; als er aber um die Abendzeit Wonnebald gewahr wurde, wie er
sich in augenscheinlicher Erregung in sein Schlafzimmer zurückzog, überkam
ihn der Kitzel, zu wissen, was der alberne Mann vornehmen würde, und er sagte
sich, es sei nicht seine Sache, einem übermütigen Schlaukopf zu schaden, um
einem aufgeblasenen Narren zu dienen. Also richtete er es so ein, daß der
Bischof nach kurzer Zeit durch eine Nachricht von dringender Wichtigkeit
abgerufen wurde, und schlich sich unterdessen in sein Gemach, wo er denn auch
in einer Ecke, auf eine Konsole gesetzt, den Wurzelgötzen entdeckte, mit einem
Mäntelchen aus Brokat bekleidet, das der Bischof ihm soeben verfertigt haben
mochte, und in welchem er das Aussehen eines zwerghaften Kobolds hatte.
Unter die Konsole hatte der Bischof einen Betschemel gerückt, um dem kleinen
Zauberer die Anbetung zu widmen, die Lux angeordnet hatte, welche
Vorrichtungen alle Lando in der Meinung bestärkten, daß es schade wäre, eine
solche Narrheit zu stören. Als Wonnebald früher als gewöhnlich schlafen
gegangen war, folgte ihm Lando bis an die Tür, in der Hoffnung, ihn belauschen
zu können, nahm aber durch das Schlüsselloch nichts wahr und hörte auch
anfangs nichts als ein undeutliches Raunen und Murmeln; erst als das Licht
bereits gelöscht war, wurde die Stimme des Bischofs lauter, so daß Lando folgende Worte unterscheiden konnte: