Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

Ricarda Huch · Kapitel 2 von 18

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Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

Ü ber Berge, auf denen der Schnee…

Ü ber Berge, auf denen der Schnee noch nicht geschmolzen war, ging Lux Bernkule, ein junges verwitwetes Weib, mit ihren zwei Kindern, dem

zehnjährigen Brun und der kaum dreijährigen Lisutt, nach dem jenseitigen Orte

Klus, der ihre Heimat werden sollte. Es lebte dort der Vater ihres verstorbenen

Mannes, Christoph Bernkule, in hohem Alter als Schermäuser oder

Maulwurfsfänger, welches Amt ihm ein nettes Einkommen verschaffte, und bei

dessen Ausübung ihn die Schwiegertochter mit ihren Kindern unterstützen sollte.

Sein Sohn Henne, ihr Mann, hatte mit seinem Vater von jeher in Unfrieden

gelebt, so daß er ihm Frau und Kinder niemals vorgestellt, die Ursache davon

aber niemals hatte laut werden lassen; da nun der Lux die enge Rechtlichkeit und

Hartköpfigkeit ihres Mannes wohl bekannt waren, bildete sie sich ein, daß auch

er schuld an dem Zwiespalt getragen haben könnte, und war wohl geneigt, der

Einladung des Greises Folge zu leisten, teils aus Neugier, teils aus Mitleid mit

seinem einsamen Alter, und schließlich weil sie durch einen mächtigen Gönner,

der ihr alles Erdenkliche an Schutz und Begünstigung zusicherte, dazu angeregt

wurde. Dies war der Abt des Klosters, in dessen Nachbarschaft ihr Mann

Forstgehilfe gewesen war, Wonnebald Pück, der kürzlich zum Bischof von Klus

ernannt worden war und, heftig verliebt in die anmutreiche Frau, sie

eindringlichst ermunterte, gleichfalls dorthin überzusiedeln, wo sie einzig auf

der Welt noch Familienanhang hätte. Einem Ratschlag des alten Bernkule

folgend, hatte sie Männerkleidung angelegt und stieg so behende, aber ohne sich

zu eilen, den alten Saumpfad hinan, der den Fußgängern diente, mit Hilfe des

kleinen Brun einen Karren bald schiebend, bald ziehend, der mit allerlei

Kleidern und Hausrat beladen war, und auf dem auch Lisutt, wenn sie müde war,

gefahren wurde. An einem hochgelegenen Punkte kreuzte sich der alte,

beschwerliche Weg mit der neuen Straße, die für die Eisenbahn gebaut worden

war, und es fügte sich, daß die Wanderer dort mit dem Zuge zusammentrafen,

der den neuen Bischof seinem Ziele entgegenführte.

 

Er saß im Speisewagen an einem gedeckten Tischchen und erblickte, wie er

gerade ein Glas rotgelben Weines an die Lippen setzte, die fahrenden Leute, die

vor dem niedrigen Stationsgebäude standen, dicht aneinandergedrängt in dem

beißenden Höhenwinde, die Kinder ein Stück Brot in den rotgefrorenen Händen.

Seine Augen weilten mit Appetit wie auf einer leckeren Schüssel auf Lux, deren

ragende Schlankheit in der losen Jacke und kurzen Pumphose sich schöner als

sonst sehen ließ; ihre feinen braunen Haare waren abgeschnitten und hingen in weicher Bewegung um ihr helles Gesicht, das in reizvollem Wechsel bald

tiefgreifendes, wägendes Denken, bald betörende Süßigkeit ausdrückte. In ihrem

Lächeln, mit dem sie seinen leutseligen Gruß erwiderte, lag mehr Überlegenheit,

als Ehrerbietung oder Liebe zugelassen hätten, allein er ärgerte sich weder

darüber noch über den trotzigen Blick, den Brun ihm zuwarf, da er nicht

zweifelte, daß die Zeit, die ihm lieblichste Vergütung im Überfluß zuteil werden

lassen würde, vor der Tür stände. Mit freundlicher Würde winkte er einen

Angestellten des Zuges herbei, händigte ihm zugleich mit einem reichlichen

Trinkgeld eine Flasche Wein ein und bedeutete ihm, sie den armen Leuten

draußen zu überreichen, und als gleich darauf der Zug sich langsam in

Bewegung setzte, bewegte er die Hand majestätisch grüßend gegen die kleine

Gruppe.

 

Während der Bischof, träumerisch speisend, in dem gemütlichen Wagen,

der weich wie ein Schlitten dahinsauste, weiterfuhr, malte er sich die mit seiner

Beförderung verknüpften Annehmlichkeiten in genußreichen Bildern aus, wobei

seine Zufriedenheit nur durch die Sorge beeinträchtigt wurde, ob und wie er sich

die Mittel, die seine Lebensführung kostete, würde beschaffen können.

 

Der Vater von Wonnebald Pück war ein schwerreicher Kaufmann und

sowohl dadurch wie durch seinen Verstand und schließlich durch eine vornehme

Heirat eine in weiten Kreisen maßgebende Persönlichkeit gewesen. Seine Frau,

hübsch und von altem Adel, hatte ihm mehrere Kinder geboren, von denen das

jüngste etwa zwölfjährig war, als sie ihm unerwarteterweise noch einmal das

Glück, Vater zu werden, in Aussicht stellte. Der bereits ergrauende Mann freute

sich doppelt, da das Kind ein Knabe wurde, und erteilte ihm zu beständigem

Andenken an die Seligkeit, die seine Ankunft mit sich gebracht hatte, den

Namen Wonnebald; doch verwandelte sich seine übertriebene Zärtlichkeit bald

in Kummer und Ärger, da der Jüngste die Anlagen eines Taugenichts,

Faulenzers, Dummkopfs verriet, während seine älteren Geschwister nicht

hervorragend, aber doch leidlich begabt und durchaus rechtschaffen waren.

Weder in der Schule noch unter häuslicher Aufsicht lernte er etwas, galt es aber

mutwillige Streiche auszuführen oder etwas Verbotenes zu erschleichen,

mangelte es ihm nicht an Erfindungsgabe und Pfiffigkeit, so daß, wie übel er

auch in allen ernsten und ehrlichen Angelegenheiten bestand, er doch immer

frech und guter Dinge und der Zukunft gewiß war. Die Ermahnungen und

Drohungen seines Vaters schlugen ihm nicht an, einzig bei seiner Furchtsamkeit

konnte man ihn fassen, und zwar wirkte die Angst vor dem Fegfeuer oder

Gespenstern weit kräftiger als Angst vor Prügelstrafe oder andern natürlichen

schmerzhaften Folgen seines argen Lebens, denen er durch Glück und schlaue Anschläge zu entrinnen dachte. Wäre aber auch die Strenge seines Vaters von

Einfluß auf Wonnebald gewesen, so hätte diesen die Torheit der einsichtslosen

Mutter sogleich wieder aufheben müssen, die, so anspruchsvoll und

unnachgiebig sie übrigens sein konnte, eine Wollust darin fand, sich von ihrem

Sohne umgarnen und ausbeuten zu lassen, was er geschickt und freundlich zu

tun verstand. Ihr war dabei etwa so zumute, als ob sie im angenehmen

Halbschlummer, so daß sie die Töne und Gegenstände nur verschwommen

wahrnähme, auf einer Ottomane läge, während das Fell einer schnurrenden

Katze sich schmeichelnd an ihr riebe. So traute sie zum Teil seinen

Vorspiegelungen, zum Teil seine arglistige Absicht durchschauend, und verharrte

beglückt in dem gaukelnden Zwielicht, ja widersetzte sich eigensinnig, wenn ihr

Mann oder ihre andern Kinder sie zwingen wollten, die Wahrheit zu erkennen

oder zuzugestehen. Als sich die Schwierigkeit und eigentlich Unmöglichkeit,

Wonnebald in irgendeinem Berufe vorwärts zu bringen, zeigte, verfiel sie, mit

Vorwürfen wegen ihrer unbesonnenen Erziehung überhäuft, auf den Gedanken,

ihn geistlich werden zu lassen, da ihm auf dieser Laufbahn, so hoffte sie, die

bedeutenden Verbindungen ihrer adligen Familie zugute kommen würden.

Hiergegen sträubte sich der Vater, der die Religion für gut und nützlich, die

Kirche aber für faul und verdammlich hielt, allein da er keinen andern Ausweg

wußte und ohnehin einen rechten Zusammenhang des Herzens mit Wonnebald

nicht mehr spürte, gab er nach und mußte bald gestehen, daß, äußerliches

Fortkommen und Ansehen anbelangend, seine Gattin einen guten Griff getan

hatte.

 

Wonnebalds Geist, der sowohl den einfachen wie den höheren

Wissenschaften gegenüber unzugänglich geblieben war, nahm glatt und

geschwind die religiösen Lehren auf, die ihm auf dem Seminar, das er nun

besuchte, beigebracht wurden, so daß seine Mutter mit Fug behaupten durfte, es

wäre derselbe einer geweihten Erde vergleichbar, in der kein andrer als der

gottgefällige Samen der Theologie gedeihen könnte. Zwar klagten die Leiter der

Anstalt nicht selten über unerlaubte Leichtfertigkeiten des jungen Pück, doch

pflegten sie, in Anbetracht des strengen Wandels, der späterhin unweigerlich zu

führen war, den Jünglingen die Schwächen und Unzuträglichkeiten ihrer Jahre

im allgemeinen hingehen zu lassen, besonders wenn diese sich mit so viel Talent

und Fleiß in kirchlichen Dingen vertrugen wie bei Wonnebald. Besonders

glänzte seine Kunst der heiligen Darstellung, insofern er nämlich beim

kirchlichen Amtieren ebensoviel Pomp und Weihe wie kindliche Demut in seine

Gebärden zu legen wußte, so daß, noch ehe er jemals öffentlich aufgetreten war,

der Ruf aufkam, er werde sich dereinst zu außerordentlichen Würden erheben.

Wonnebalds Mutter warf sich unter dem Eindruck dieser Ereignisse mehr

und mehr auf die religiöse Seite, besuchte eifrig die Kirche, verkehrte mit

Geistlichen, machte Stiftungen und Schenkungen und war durch nichts mehr zu

erbittern, als wenn ihr Mann und ihre Kinder Verwunderung darüber äußerten,

wie sie bisher ganz ohne religiöse Bedürfnisse und Veranstaltungen gelebt habe,

was sie bestritt. Bei den Besuchen ihres Sohnes befliß sie sich eines

bescheidenen und hingebenden Benehmens, dessen Früchte er in

liebenswürdiger Harmlosigkeit pflückte, wie er denn überhaupt alles Gute

genoß, ohne sich und andre durch Zweifel oder Bedenklichkeiten irgendeiner Art

zu stören.

 

Obwohl er sich durch sein umgängliches Betragen und vergnügtes Gesicht

bei seinen Lehrern und Vorgesetzten beliebt gemacht hatte, waren diese doch

nicht ohne Sorge, wie seine eher zu- als abnehmenden fleischlichen

Wesenseigentümlichkeiten sich mit dem geistlichen Berufe vertragen sollten,

und führten ihn deshalb mit äußerster Beschleunigung durch alle Bildungsgrade

bis zur Weihe, in der Meinung, daß durch die mystische Handlung das niedrig

Stoffliche, was ihm leider noch anklebte, mehr oder weniger entzündet und

verklärt werden würde.

 

Indessen wurde eine augenblickliche Wirkung nicht bemerkbar, vielmehr

entfaltete er seine fröhlichen Triebe, nachdem er Benefiziat in einem kleinen

entlegenen Dorfe geworden war, erst recht, als wäre nach mannigfacher

Entbehrung nun die schöne Zeit der Ernte herbeigekommen. Was er durchaus

nicht lassen konnte und mochte, war, mit hübschen Weibern, wenn es irgend

anging, Liebschaften anzuknüpfen, wodurch er die Bauern nicht wenig ärgerte,

und da er ihnen dazu noch dadurch anstößig wurde, daß er sich so viel wie

möglich Hühner, Eier und Butter schenken ließ, hielten sie mit lautem Tadel

seiner Predigten nicht zurück, die kurz, hohl und unnütz wie Seifenblasen über

ihren Köpfen zerplatzten. Der Bischof, zu dessen Regiment er gehörte, sah sich

genötigt, Wonnebald einen Vorhalt zu machen über den Leichtsinn, mit dem er

seinen Beruf auffaßte, worauf dieser sich damit entschuldigte, daß das kleine

Dorf ihm keine seinem Geiste angenehme Nahrung gewährte, und daß er deshalb

den gröberen Zerstreuungen nachginge, die es ihm darböte, ferner, was die

Predigt beträfe, daß die Bauern sich zu seiner Höhe nicht aufschwingen könnten,

er zu ihrer Dummheit sich nicht herablassen möchte. Hierauf bildete sich die

Ansicht, es würde das beste sein, den jungen Mann an eine bessere Stelle zu

setzen, wo seine Vorzüge mehr zur Geltung kämen, seine lasterhaften

Gewohnheiten aber teils weniger auffielen, teils wegen der beständigen

Überwachung durch Gleichstehende und Vorgesetzte sich mehr in ein schützendes Dunkel verkriechen würden. Solche Erwartungen enttäuschte

jedoch Pück, der nunmehr Pfarrer in einer größeren Stadt wurde, vollständig,

indem er der vermehrten Gelegenheit zu Lust und Wonne nicht widerstehen

konnte und es weit ausgelassener trieb als zuvor, so daß an Abhilfe ernstlich

gedacht werden mußte.