Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück
B esonders unwiderstehlich hatte das scharfe und…
B esonders unwiderstehlich hatte das scharfe und erhabene Auftreten des Bischofs, sein finsteres Gesicht mit den unbeteiligten Augen, der frommen,
regelmäßigen Nase und dem molligen Kinn auf mehrere Damen gewirkt, von
denen Hermenegilde von Lampe, die Vorsteherin eines Stiftes für adelige
Damen, die hervorragendste und feurigste war. Im allgemeinen von herber
Sinnesart, war sie der Liebe doch in hohem Maße zugänglich und hätte sich
leicht in einen leidenschaftlichen Lebenswandel verwickeln können, wenn nicht
die Herrschsucht, die sich schon in ihrer stattlichen Erscheinung ausprägte,
manche Liebhaber abgeschreckt und vor manchen andern ihr Hochmut sie
beschützt hätte. Nichts hingegen sprach gegen den Bischof, dessen
hochehrwürdiges Amt, Ansehen und männliche Schönheit wohl das Opfer des
Herzens und der Ehre wert war, und es bereitete sich in ihrem Innern eine
grenzenlose Hingebung gegen ihn vor, zugleich mit dem Trieb, sich seiner, es
koste, was es wolle, ganz und ausschließlich zu bemächtigen.
Der Bischof hatte keinen Grund, sich der Leidenschaft, die er eingeflößt
hatte, zu entziehen, und verschloß sich den Vorzügen der Hermenegilde, die
zwar nicht jung und hold, aber desto saftiger und üppiger war, nicht; doch
verdrängten die Freuden dieses Umgangs Frau Lux nicht aus seinem Herzen,
nach deren Besitz er im Gegenteil sich um so mehr sehnte, je mehr ihm täglich
fühlbar wurde, welche Wonnen die Liebe zu verleihen imstande ist.
Luxens Schwiegervater, Christoph Bernkule, bewohnte eins von den
einstöckigen kleinen Häusern, die an den Fuß der Burg angebaut und einstmals
für die Lehensleute des Burgherrn mochten errichtet worden sein und die
ängstlich geduckten Schafen glichen, die vor Gewitter oder Sturm einen
Unterschlupf suchen. Bei seinem ersten Anblick fühlte Lux, daß sie dem alten
Manne nicht gram sein könnte, so gut gefielen ihr seine kleinen beschatteten,
munteren und schlauen Augen, die oft nach innen versanken und sich dort
auszuruhen schienen, dann plötzlich aufglommen und hierhin und dorthin
sprühten, die letzte Zuflucht der Jugend, die aus dem ganzen verschrumpften
Körper die Zeit vertrieben hatte. Aus seinem gelbfaltigen Gesicht sprang eine
scharfe, spitzhöckerige Nase, die ihn auffallend und kenntlich machte, und er
konnte bedrohlich böse aussehen, doch war es ihm selten ernst damit, und das
Lachen lauerte in Mund- und Augenwinkeln, wenn er mit funkelnden Blicken
und grimmigen Worten Kindern oder ungelegenen Leuten Furcht einflößte. Seine Schwiegertochter sagte ihm zu, am liebsten aber hielt er sich in
Gesellschaft der kleinen Lisutt auf, deren törichtes Geplauder ihn anmutete, wie
wenn ein Bächlein neben ihm herrieselte und mit kristallenen Zungen von den
großen Geheimnissen der Natur schwatzte.
Eine beliebte Unterhaltung war es für Lisutt, bei den Marienbildern und
Kruzifixen, die hier und da zwischen den Feldern errichtet waren, stehen zu
bleiben, eine winzige Verbeugung zu machen und sich zu bekreuzigen, indem sie
mit den kleinen Händen eifrig über Gesicht und Brust wischte. Gab es ein
Gebetbänkchen, so kniete sie darauf nieder und veranlaßte den Großvater durch
einen gebieterischen Wink, die morschen Knie zu krümmen und sich neben sie
zu kauern, worauf er denn mit vergnügtem Augenzwinkern das ernste Gesicht
neben sich mit dem in leiser, flüsternder Bewegung das Beten nachahmenden
Munde betrachtete: die Oberlippe wölbte sich wie ein rosenblätteriger
Triumphbogen über seidener Schwelle und ließ den unschuldvollen Duft der
gedankenlosen Worte hindurchwallen. Vollends wenn eine Kirche oder Kapelle
am Wege lag, zog Lisutt ihren Begleiter unwiderstehlich hinein und
schnurstracks zum Weihwasserbecken, um ihn und sich andächtig zu
beplantschen. Häufig mußte der alte Bernkule von den jenseitigen Verhältnissen
erzählen, was anfangs nicht leicht war; denn sie hatte eine bestimmte Vorstellung
vom Himmel als einer Art geräumiger und vollzähliger Menagerie oder Arche
Noah, wo es nicht nur Löwen und Giraffen, sondern auch Schnecken, Raupen,
Grashüpfer und Eidechsen in Menge gab, und wo die Seligen alle die guten
Bären und Wölfe, die man hienieden nur von ferne durch ein Gitter betrachten
durfte, nach Herzenslust streicheln könnten, und sie litt durchaus keine
Schilderung, die von dieser Anschauungsweise abwich. Übrigens war dem Alten
in seinem dämmernden Sinn oft nicht anders zumute, als befände er sich in der
Obhut eines Engels, der ihn allgemach auf den Himmel vorbereitete und aus
dessen sonnigem Fleisch, das so aromatisch und süßsaftig war wie eine
Südfrucht, eine neue, reinere Lebensjugend auf ihn überströmte.
Mit der Maulwurfjagd nahm es indessen einen schlechten Anfang; das
Geschäft stellte sich angenehm dar, solange Lux mit den Kindern umherging,
den Boden untersuchte und Fallen aufrichtete, wobei namentlich Brun sich
anstellig zeigte; eines Tages aber hatte sich ein Maulwurf gefangen und hing mit
schlaffen Pfoten, den weichen Nacken von eiserner Kralle durchstochen,
wehmütig baumelnd an dem grausamen Galgen. In Lisutts Gesicht malte sich bei
diesem Anblick zuerst Erstaunen, dann, wie sie allmählich begriff, was
geschehen war, Schrecken und Jammer, worauf ihre taufeuchten Mundwinkel
sich herabzogen, die kleine Nase zwischen den sich verbreiternden Wangen unterging und endlich ein durchbohrendes Weinen ihre völlige Verzweiflung
ankündigte. Lux litt nicht viel weniger, denn das Mitgefühl, das sie selber mit
dem listig erwürgten Gesellen hatte, wurde verdoppelt und gleichsam geweiht
durch die unschuldigen Tränen ihres Kindes, die zu sehen ihr ohnehin
unerträglich war. Sie versuchte Lisutt durch Schilderung eines netten, mit
Blutnelken und Katzenpfötchen bepflanzten Grabes, in das man den Maulwurf
legen würde, zu trösten, hatte diese sich aber eben dabei ein wenig erholt, so
fielen ihre Augen wieder auf das hübsche Samtfell, und der Jammer brach von
neuem hervor. Brun, obwohl nicht gefühllos, nahm sich dem ausgelassenen
Schmerz seiner Mutter und Schwester gegenüber zusammen, sagte mit
gerunzelten Brauen, das gehöre zum Geschäft, und schickte sich an, dem Toten
das winzige Schwänzchen abzuschneiden, das, wie der Großvater ihm gesagt
hatte, nach erfolgtem Fang der zuständigen Behörde überreicht werden mußte.
Lisutt drang, um dies zu verhindern, mit geballten Fäusten furchtlos auf ihn ein,
und Lux hatte Mühe, die Kämpfenden zu trennen und die Kleine nach Hause zu
bringen, die nunmehr den Großvater tüchtig ausschimpfte und ihm dieses und
jenes androhte, wenn er fortfahren würde, die guten Maulwürfe umzubringen.
Der alte Bernkule lachte, daß ihm die Augen naß wurden, nahm darauf seine
Schwiegertochter beiseite und machte ihr heimlich die folgende Erklärung: sie
brauche sich wegen der Maulwurfjagd keine Sorge zu machen, es sei nicht
wichtig damit, seine Einkünfte gründeten sich vornehmlich auf eine andre
Arbeit, die ohne Widerwärtigkeit im stillen Kämmerchen könne ausgeführt
werden. Es sei nämlich Herkommen, daß der Magistrat dem Maulwurfsfänger
außer dem für das Amt festgesetzten Gehalte einen jeden erjagten Maulwurf
einzeln bezahle, über deren Zahl er sich nach altem Gebrauche durch
Ablieferung der betreffenden Schwänze auszuweisen habe, die zu zwölfen an
eine Schnur gebunden, in Form kleiner Kränze überreicht zu werden pflegten.
Da nun das Gehalt zu gering sei, als daß ein einzelner, geschweige denn eine
Familie davon leben könne, und anderseits der Maulwurf in dieser Gegend nicht
so zahlreich wäre, daß das Fehlende durch große Ausbeute könnte ausgeglichen
werden, habe er sich von jeher bestrebt, künstliche Maulwurfschwänze
herzustellen, was ihm auch nach mannigfachen Versuchen und Erfindungen über
Erwarten gelungen sei. Mehr und mehr habe er die Jagd hintangesetzt und
anstatt dessen Schwänze angefertigt, da das letztere sich als bei weitem
einträglicher erwiesen habe und auch dem Lande dienlicher sei; denn Gott habe
den Maulwurf eigens mit unersättlicher Gefräßigkeit begabt, um für die
Vertilgung schädlicher Insekten zu sorgen, und es empfehle sich deswegen, eine
gewisse Anzahl am Leben zu lassen. Schwierig sei es, den richtigen Wechsel
von echten und künstlichen Schwänzen zu treffen, und was die Menge der abzuliefernden betreffe, sich immer auf der Grenze zu halten, über die
hinausgehend man das Mißtrauen des Magistrates zu erregen Gefahr laufe, unter
der man aber nicht bleiben könne, ohne den Vorteil des Geschäfts zu
vernachlässigen.
Lux war über diese Einrichtung verwundert, und es fiel ihr sogleich ein, daß
dies die Ursache des Zwistes zwischen ihrem verstorbenen Manne und seinem
Vater gewesen sein könne, was derselbe auf ihre Frage ohne weiteres bejahte.
Freilich, freilich, erwiderte er kichernd und blinzelnd, darüber sei es
hergekommen; Henne sei ein guter Junge gewesen, aber voll Eigensinn und
Schrullen habe er gesteckt, und seine Ehrbarkeit sei wie ein Stück Eisen
gewesen, womit man den Leuten die Köpfe habe zerschlagen können. Er habe es
für Betrug erklärt, für Schwänze aus Filz, Watte und Kleister Geld einzunehmen
wie für ehrlich abgefangene Maulwürfe, und habe nicht einsehen wollen, daß er
sich gut und die Obrigkeit nicht übel bei der Sache befände; zwar habe er den
Vater nicht verraten oder verklagen wollen, aber teilen habe er den Frevel nicht
können, sei davongegangen und nicht zurückgekehrt. Lux sagte lächelnd, ja, so
sei er gewesen, und dieselbe Sinnesart sei auf seinen Sohn Brun übergegangen,
weswegen es ratsam sei, die empfindliche Angelegenheit vor ihm zu
verheimlichen.
Einmal indessen, als der Alte und Lux bei Nacht, da der Mondschein ins
Zimmer fiel, am Fenster saßen und schweigend der Arbeit oblagen, erwachte
Brun, sah mit großen Augen eine Weile zu und brach in zornige Tränen aus, als
er begriff, zu was für einem Zweck da geschnitten, genäht, geleimt und gewalzt
wurde. Lux eilte sogleich zu ihm und redete ihm begütigend zu, allein er stieß
sie von sich, verlangte herrisch, sie dürfe das nicht wieder tun, und schlief erst
nach mehreren Stunden, von der Müdigkeit überwältigt, wieder ein. »Ganz wie
sein Vater,« murmelte der alte Bernkule; »ein guter, ein ausgezeichneter Junge,
aber ein Starrkopf und Grillenfänger, wie jener war.« Brun betrachtete seitdem
seinen Großvater mit feindlichen Augen und konnte kaum durch seine Mutter,
die ihm vorhielt, daß das Alter unter allen Umständen geschont und geachtet
werden müsse, von offener Unehrerbietigkeit zurückgehalten werden. Lux
bewachte er, so gut er konnte, indem er sich außer der Schulzeit fast immer in
ihrer Nähe aufhielt und sie mit dem trotzig-feurigen Blick eines eifersüchtigen
Liebhabers umstellte, was sie sich gutmütig gefallen ließ.