Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

Ricarda Huch · Kapitel 5 von 18

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Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

B esonders unwiderstehlich hatte das scharfe und…

B esonders unwiderstehlich hatte das scharfe und erhabene Auftreten des Bischofs, sein finsteres Gesicht mit den unbeteiligten Augen, der frommen,

regelmäßigen Nase und dem molligen Kinn auf mehrere Damen gewirkt, von

denen Hermenegilde von Lampe, die Vorsteherin eines Stiftes für adelige

Damen, die hervorragendste und feurigste war. Im allgemeinen von herber

Sinnesart, war sie der Liebe doch in hohem Maße zugänglich und hätte sich

leicht in einen leidenschaftlichen Lebenswandel verwickeln können, wenn nicht

die Herrschsucht, die sich schon in ihrer stattlichen Erscheinung ausprägte,

manche Liebhaber abgeschreckt und vor manchen andern ihr Hochmut sie

beschützt hätte. Nichts hingegen sprach gegen den Bischof, dessen

hochehrwürdiges Amt, Ansehen und männliche Schönheit wohl das Opfer des

Herzens und der Ehre wert war, und es bereitete sich in ihrem Innern eine

grenzenlose Hingebung gegen ihn vor, zugleich mit dem Trieb, sich seiner, es

koste, was es wolle, ganz und ausschließlich zu bemächtigen.

 

Der Bischof hatte keinen Grund, sich der Leidenschaft, die er eingeflößt

hatte, zu entziehen, und verschloß sich den Vorzügen der Hermenegilde, die

zwar nicht jung und hold, aber desto saftiger und üppiger war, nicht; doch

verdrängten die Freuden dieses Umgangs Frau Lux nicht aus seinem Herzen,

nach deren Besitz er im Gegenteil sich um so mehr sehnte, je mehr ihm täglich

fühlbar wurde, welche Wonnen die Liebe zu verleihen imstande ist.

 

Luxens Schwiegervater, Christoph Bernkule, bewohnte eins von den

einstöckigen kleinen Häusern, die an den Fuß der Burg angebaut und einstmals

für die Lehensleute des Burgherrn mochten errichtet worden sein und die

ängstlich geduckten Schafen glichen, die vor Gewitter oder Sturm einen

Unterschlupf suchen. Bei seinem ersten Anblick fühlte Lux, daß sie dem alten

Manne nicht gram sein könnte, so gut gefielen ihr seine kleinen beschatteten,

munteren und schlauen Augen, die oft nach innen versanken und sich dort

auszuruhen schienen, dann plötzlich aufglommen und hierhin und dorthin

sprühten, die letzte Zuflucht der Jugend, die aus dem ganzen verschrumpften

Körper die Zeit vertrieben hatte. Aus seinem gelbfaltigen Gesicht sprang eine

scharfe, spitzhöckerige Nase, die ihn auffallend und kenntlich machte, und er

konnte bedrohlich böse aussehen, doch war es ihm selten ernst damit, und das

Lachen lauerte in Mund- und Augenwinkeln, wenn er mit funkelnden Blicken

und grimmigen Worten Kindern oder ungelegenen Leuten Furcht einflößte. Seine Schwiegertochter sagte ihm zu, am liebsten aber hielt er sich in

Gesellschaft der kleinen Lisutt auf, deren törichtes Geplauder ihn anmutete, wie

wenn ein Bächlein neben ihm herrieselte und mit kristallenen Zungen von den

großen Geheimnissen der Natur schwatzte.

 

Eine beliebte Unterhaltung war es für Lisutt, bei den Marienbildern und

Kruzifixen, die hier und da zwischen den Feldern errichtet waren, stehen zu

bleiben, eine winzige Verbeugung zu machen und sich zu bekreuzigen, indem sie

mit den kleinen Händen eifrig über Gesicht und Brust wischte. Gab es ein

Gebetbänkchen, so kniete sie darauf nieder und veranlaßte den Großvater durch

einen gebieterischen Wink, die morschen Knie zu krümmen und sich neben sie

zu kauern, worauf er denn mit vergnügtem Augenzwinkern das ernste Gesicht

neben sich mit dem in leiser, flüsternder Bewegung das Beten nachahmenden

Munde betrachtete: die Oberlippe wölbte sich wie ein rosenblätteriger

Triumphbogen über seidener Schwelle und ließ den unschuldvollen Duft der

gedankenlosen Worte hindurchwallen. Vollends wenn eine Kirche oder Kapelle

am Wege lag, zog Lisutt ihren Begleiter unwiderstehlich hinein und

schnurstracks zum Weihwasserbecken, um ihn und sich andächtig zu

beplantschen. Häufig mußte der alte Bernkule von den jenseitigen Verhältnissen

erzählen, was anfangs nicht leicht war; denn sie hatte eine bestimmte Vorstellung

vom Himmel als einer Art geräumiger und vollzähliger Menagerie oder Arche

Noah, wo es nicht nur Löwen und Giraffen, sondern auch Schnecken, Raupen,

Grashüpfer und Eidechsen in Menge gab, und wo die Seligen alle die guten

Bären und Wölfe, die man hienieden nur von ferne durch ein Gitter betrachten

durfte, nach Herzenslust streicheln könnten, und sie litt durchaus keine

Schilderung, die von dieser Anschauungsweise abwich. Übrigens war dem Alten

in seinem dämmernden Sinn oft nicht anders zumute, als befände er sich in der

Obhut eines Engels, der ihn allgemach auf den Himmel vorbereitete und aus

dessen sonnigem Fleisch, das so aromatisch und süßsaftig war wie eine

Südfrucht, eine neue, reinere Lebensjugend auf ihn überströmte.

 

Mit der Maulwurfjagd nahm es indessen einen schlechten Anfang; das

Geschäft stellte sich angenehm dar, solange Lux mit den Kindern umherging,

den Boden untersuchte und Fallen aufrichtete, wobei namentlich Brun sich

anstellig zeigte; eines Tages aber hatte sich ein Maulwurf gefangen und hing mit

schlaffen Pfoten, den weichen Nacken von eiserner Kralle durchstochen,

wehmütig baumelnd an dem grausamen Galgen. In Lisutts Gesicht malte sich bei

diesem Anblick zuerst Erstaunen, dann, wie sie allmählich begriff, was

geschehen war, Schrecken und Jammer, worauf ihre taufeuchten Mundwinkel

sich herabzogen, die kleine Nase zwischen den sich verbreiternden Wangen unterging und endlich ein durchbohrendes Weinen ihre völlige Verzweiflung

ankündigte. Lux litt nicht viel weniger, denn das Mitgefühl, das sie selber mit

dem listig erwürgten Gesellen hatte, wurde verdoppelt und gleichsam geweiht

durch die unschuldigen Tränen ihres Kindes, die zu sehen ihr ohnehin

unerträglich war. Sie versuchte Lisutt durch Schilderung eines netten, mit

Blutnelken und Katzenpfötchen bepflanzten Grabes, in das man den Maulwurf

legen würde, zu trösten, hatte diese sich aber eben dabei ein wenig erholt, so

fielen ihre Augen wieder auf das hübsche Samtfell, und der Jammer brach von

neuem hervor. Brun, obwohl nicht gefühllos, nahm sich dem ausgelassenen

Schmerz seiner Mutter und Schwester gegenüber zusammen, sagte mit

gerunzelten Brauen, das gehöre zum Geschäft, und schickte sich an, dem Toten

das winzige Schwänzchen abzuschneiden, das, wie der Großvater ihm gesagt

hatte, nach erfolgtem Fang der zuständigen Behörde überreicht werden mußte.

Lisutt drang, um dies zu verhindern, mit geballten Fäusten furchtlos auf ihn ein,

und Lux hatte Mühe, die Kämpfenden zu trennen und die Kleine nach Hause zu

bringen, die nunmehr den Großvater tüchtig ausschimpfte und ihm dieses und

jenes androhte, wenn er fortfahren würde, die guten Maulwürfe umzubringen.

Der alte Bernkule lachte, daß ihm die Augen naß wurden, nahm darauf seine

Schwiegertochter beiseite und machte ihr heimlich die folgende Erklärung: sie

brauche sich wegen der Maulwurfjagd keine Sorge zu machen, es sei nicht

wichtig damit, seine Einkünfte gründeten sich vornehmlich auf eine andre

Arbeit, die ohne Widerwärtigkeit im stillen Kämmerchen könne ausgeführt

werden. Es sei nämlich Herkommen, daß der Magistrat dem Maulwurfsfänger

außer dem für das Amt festgesetzten Gehalte einen jeden erjagten Maulwurf

einzeln bezahle, über deren Zahl er sich nach altem Gebrauche durch

Ablieferung der betreffenden Schwänze auszuweisen habe, die zu zwölfen an

eine Schnur gebunden, in Form kleiner Kränze überreicht zu werden pflegten.

Da nun das Gehalt zu gering sei, als daß ein einzelner, geschweige denn eine

Familie davon leben könne, und anderseits der Maulwurf in dieser Gegend nicht

so zahlreich wäre, daß das Fehlende durch große Ausbeute könnte ausgeglichen

werden, habe er sich von jeher bestrebt, künstliche Maulwurfschwänze

herzustellen, was ihm auch nach mannigfachen Versuchen und Erfindungen über

Erwarten gelungen sei. Mehr und mehr habe er die Jagd hintangesetzt und

anstatt dessen Schwänze angefertigt, da das letztere sich als bei weitem

einträglicher erwiesen habe und auch dem Lande dienlicher sei; denn Gott habe

den Maulwurf eigens mit unersättlicher Gefräßigkeit begabt, um für die

Vertilgung schädlicher Insekten zu sorgen, und es empfehle sich deswegen, eine

gewisse Anzahl am Leben zu lassen. Schwierig sei es, den richtigen Wechsel

von echten und künstlichen Schwänzen zu treffen, und was die Menge der abzuliefernden betreffe, sich immer auf der Grenze zu halten, über die

hinausgehend man das Mißtrauen des Magistrates zu erregen Gefahr laufe, unter

der man aber nicht bleiben könne, ohne den Vorteil des Geschäfts zu

vernachlässigen.

 

Lux war über diese Einrichtung verwundert, und es fiel ihr sogleich ein, daß

dies die Ursache des Zwistes zwischen ihrem verstorbenen Manne und seinem

Vater gewesen sein könne, was derselbe auf ihre Frage ohne weiteres bejahte.

Freilich, freilich, erwiderte er kichernd und blinzelnd, darüber sei es

hergekommen; Henne sei ein guter Junge gewesen, aber voll Eigensinn und

Schrullen habe er gesteckt, und seine Ehrbarkeit sei wie ein Stück Eisen

gewesen, womit man den Leuten die Köpfe habe zerschlagen können. Er habe es

für Betrug erklärt, für Schwänze aus Filz, Watte und Kleister Geld einzunehmen

wie für ehrlich abgefangene Maulwürfe, und habe nicht einsehen wollen, daß er

sich gut und die Obrigkeit nicht übel bei der Sache befände; zwar habe er den

Vater nicht verraten oder verklagen wollen, aber teilen habe er den Frevel nicht

können, sei davongegangen und nicht zurückgekehrt. Lux sagte lächelnd, ja, so

sei er gewesen, und dieselbe Sinnesart sei auf seinen Sohn Brun übergegangen,

weswegen es ratsam sei, die empfindliche Angelegenheit vor ihm zu

verheimlichen.

 

Einmal indessen, als der Alte und Lux bei Nacht, da der Mondschein ins

Zimmer fiel, am Fenster saßen und schweigend der Arbeit oblagen, erwachte

Brun, sah mit großen Augen eine Weile zu und brach in zornige Tränen aus, als

er begriff, zu was für einem Zweck da geschnitten, genäht, geleimt und gewalzt

wurde. Lux eilte sogleich zu ihm und redete ihm begütigend zu, allein er stieß

sie von sich, verlangte herrisch, sie dürfe das nicht wieder tun, und schlief erst

nach mehreren Stunden, von der Müdigkeit überwältigt, wieder ein. »Ganz wie

sein Vater,« murmelte der alte Bernkule; »ein guter, ein ausgezeichneter Junge,

aber ein Starrkopf und Grillenfänger, wie jener war.« Brun betrachtete seitdem

seinen Großvater mit feindlichen Augen und konnte kaum durch seine Mutter,

die ihm vorhielt, daß das Alter unter allen Umständen geschont und geachtet

werden müsse, von offener Unehrerbietigkeit zurückgehalten werden. Lux

bewachte er, so gut er konnte, indem er sich außer der Schulzeit fast immer in

ihrer Nähe aufhielt und sie mit dem trotzig-feurigen Blick eines eifersüchtigen

Liebhabers umstellte, was sie sich gutmütig gefallen ließ.