Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

Ricarda Huch · Kapitel 16 von 18

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Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

Die Entrüstung über die offenbare Schandtat des…

Die Entrüstung über die offenbare Schandtat des Bischofs war ohne Maß.

In Hinsicht der Art, sie aufzufassen, bildeten sich zwei Parteien, von denen die

eine glaubte, er habe mit dem Schermäuser unter einer Decke gespielt, ihm nur

zum Schein den Prozeß gemacht und schließlich zur Flucht verholfen, während

die andre behauptete, der Jüngling sei unschuldig gewesen und als Opfer des

Bischofs zu betrachten, der ihm das eigne Verbrechen aufgehalst habe. Das

Ergebnis war bei beiden Parteien das gleiche, nämlich, daß der Bischof ein

fluchwürdiger Charakter und Wolf im Schafspelze wäre, für den keine der

gewöhnlichen Strafen, sei es Hängen oder Halsabschneiden, hinreichend wäre.

Niemand war so erbost wie der Medizinalrat, der, während einige darauf

bestanden, dem Bischof von Anfang an mißtraut und den jugendlichen

Maulwurffänger im Herzen bemitleidet zu haben, frei bekannte, daß er sich habe

täuschen lassen und sich dessen nicht schäme, da es dem schwarzen Herzen ein

leichtes sei, die Reinen zu betrügen. Ein Lamm, das in den Mist falle, sagte er,

bleibe noch unter dem Unflat ein unschuldiges, weißes Lamm, und so sei es mit

der Kirche, die aller Unflat, mit dem niederträchtige Diener sie beschmutzten,

nicht entstellen könne; freilich gäbe es schwache Seelen, die sich durch solchen

zufälligen Schmutz irremachen ließen, und darum seien die Urheber des Unflats

die gottlosesten unter den Sündern und müßten auf langsamem Feuer geröstet

oder mit glühenden Zangen gezwickt und zerrissen werden.

 

Der Bischof hatte in einem kleinen Saale, wo man ihn warten ließ, Muße,

sich zu sammeln, und erschien in würdevoller Fassung vor den düsterblickenden

Herren, die seine Aussage protokollieren sollten. Er blickte still und rätselhaft

über ihre Köpfe weg, während sie ihm vorlasen, aus was für einem Grunde er

verhaftet wäre, und entgegnete auf ihre förmliche Aufforderung, er könne sich

wohl verantworten, wolle es aber an keiner andern Stelle tun als in seiner Kirche

und vor seinem Volke, welches ein Recht darauf habe, die Wahrheit aus dem

eignen Munde seines Hirten zu vernehmen. Einer der Herren, welche

Kirchenfeinde waren, erwiderte unwirsch, das sei ungesetzlicher Firlefanz und

könne nicht gestattet werden; da aber der Bischof, immer noch still über die

Köpfe wegblickend, erklärte, er sei mit allem zufrieden, was ihm auferlegt

würde, und könne schweigen, bis es Gott gefalle, ihren Willen umzuwenden,

entschied die Mehrheit, daß ihm willfahrt werden solle, und es wurde

bekanntgemacht, daß der Bischof in der Kirche vor allen, die es hören wollten,

sich wegen der gegen ihn vorliegenden Beschuldigung verantworten würde.

 

Es wirkte auf das Gemüt eines jeden versöhnend, daß der Bischof auch ihm

das Bekenntnis seiner Schuld oder Unschuld ablegen wolle, und keiner dachte daran, sich seinem Wunsche zu versagen, so daß die Wallfahrt den Burghügel

hinan kein Ende nahm und nicht nur die Kirchenschiffe, sondern auch die

anstoßenden Räumlichkeiten von tiefbewegten Christen voll wurden. Der

Bischof hatte bis zur festgesetzten Stunde im Rathause verbleiben müssen, doch

hatte man ihm auf sein Verlangen sein veilchenfarbiges Prachtgewand geholt,

mit welchem bekleidet er dann glanzvoll aus einer Seitenkapelle in die Kirche

hereinbrach. Kaum erschienen, tauchte er wiederum vor einem halbverborgenen

Altare unter und kauerte dort eine Viertelstunde in augenscheinlichem Gebete,

während welcher Zeit die Menge in andächtigem Schweigen verharrte und die

wenigen, die vorlaut pfeifen wollten, murrend zur Ruhe verwies. Nach

Beendigung des stillen Gebets bestieg der Bischof eine niedrige Kanzel, welche

mehr zur Zierde als zum Gebrauch da war, betete nochmals mit aufgehobenen

Händen lautlos und begann nach diesen Vorbereitungen eine Rede, in welcher er

sich etwa folgendermaßen verbreitete:

 

»Ach, wie veränderlich ist die Zeit! Ach, wie wechseln Glück und Unglück

im verschlungenen Reigen! Hier, wo ich als euer Hirt und Vater stand und euch

segnete, stehe ich jetzt wie ein armer Sünder, wessen angeklagt? Gestohlen soll

ich haben wie ein Räuber! Meine Kirche soll ich beraubt haben wie ein wütender

Skorpion, der den eignen Schwanz frißt! Ihr Kleingläubigen, ihr seid schuld, daß

ich meine Zunge entsiegeln, meine Seele entblößen und schamrot werden muß.

Hört, was sich an jenem gebenedeiten Tage begeben hat, den ihr für einen Tag

des Diebstahls und der Schande haltet.

 

Eine lange Nacht durch hatte ich schlaflos mit Zweifeln gekämpft, wie ich

oft zu tun pflege, ob ich Wurm vor Gott würdig sei, die Herde der Menschen mit

geistlichem Stabe zu lenken, und unter vielem Tränenvergießen und

Händeringen forschte ich in mir nach den Tugenden des vollkommenen

Christen. Hast du, fragte ich mich, alle zehn Gebote gehalten? Hast du deinen

Nächsten wie dich selber geliebt? Wie ist es mit der Reue? Wie ist es mit der

Buße? und so weiter und weiter, bis mir der Schweiß von den Schläfen tropfte

und ich zu ersticken glaubte, weswegen ich vom Bett aufstand und mich in die

Kirche begab, um Gott als Schiedsrichter zwischen mir und meinem Gewissen

anzurufen.

 

Als ich an der Kapelle der himmlischen Mutter vorüberkam, zog es mich

wundersam, daß ich nicht unterlassen konnte, vor der fürbittenden Jungfrau

niederzuknien, und heftig betete, sie möchte mir ein Zeichen geben, ob ich des

hohen Amtes, das ich bekleide, würdig sei. Nicht lange hatte ich in solcher

Weise gebetet und geweint, als sie plötzlich den hochheiligen Arm bewegte, an ihre Krone langte, sie lüftete und mir armen Sünder auf den gebückten Kopf

setzte. Ich jauchzte und triumphierte nicht, sondern schauderte, als ob das

Heiligtum mich zermalmen sollte! O der Gnade! O der unverdienten Gnade!

Ferne sei es von mir, so dachte ich, mit der Gunst Gottes wie mit einem Orden

zu prahlen! Ich verbarg die Himmelsgabe und begoß sie stündlich mit

inbrünstigen Tränen, wobei ich bereits am folgenden Tage entdeckte, daß die

beiden größten Steine, die das weihevolle Diadem zierten, entwendet worden

waren. Nachdem ich für die Seele des Diebes gebetet hatte, nahm ich, um nicht

noch ein irrendes Schaf in Versuchung zu führen, sämtliche übriggebliebene

Edelsteine und händigte sie der Stiftsdame Hermenegilde ein, damit sie aus dem

Erlös die Nackten kleide und die Hungernden speise, ihr, die mich heute mit

falscher Zunge zu durchbohren sucht.

 

Teure Gemeinde, glaubst du ihr oder mir? Glaubst du, ich könnte im Hause

Gottes lügen? Würde mich nicht auf der Stelle sein Blitz zerschmettern, wenn

ich lästerte? Aber tut mit mir, was ihr wollt; konnte die Mutter Gottes den Arm

heben, um mir die Krone aufzusetzen, wird Gott sich nicht minder regen können,

um mich mitten aus brennendem Feuer oder aus kochendem Öl herauszuholen.«