Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

Ricarda Huch · Kapitel 7 von 18

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Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

I n der allerbedenklichsten Weise zehrten an…

I n der allerbedenklichsten Weise zehrten an Wonnebalds Besitz seine Freundin Hermenegilde und sein Sekretär und Schützling Lando, der Neffe des

Erzbischofs, den dieser unter dem Vorwande, er müsse wegen einer unpassenden

Leidenschaft von Hause entfernt werden und die väterliche Obhut eines

Geistlichen genießen, dem Bischof zur Seite gestellt hatte, um ihn zu

beaufsichtigen. Hierzu war nämlich Lando trotz seiner Jugend, denn er war etwa

26 Jahre alt, durch überlegenen Verstand und eine merkwürdige Kühle und

Sicherheit des Urteils wohlgeeignet, auch konnte er sich geschickt verstellen, ja

fand Vergnügen daran, eine beliebige Rolle zu spielen, so daß nicht zu

befürchten war, der Bischof könnte der List auf die Spur kommen. Daneben

hoffte der Erzbischof einen persönlichen Zweck zu erreichen: Lando mittels der

Langeweile, der er in Klus ausgesetzt sein würde, einer vorteilhaften Heirat

geneigt zu machen, durch die der träge und träumerische, wenig ehrgeizige

Jüngling, der nicht sonderlich bemittelt war, in eine dem Familienstolz

entsprechende Stellung befördert werden sollte.

 

Lando, der wußte, was sein Oheim mit ihm vorhatte, unterhielt sich

einstweilen in Klus aufs beste. Er gab sich dem Bischof gegenüber als ein der

Liederlichkeit ergebener junger Mann aus, den seine Familie durch Religion

bessern wollte, und stellte sich hocherfreut und bewundernd darüber, daß er in

dem Bischof einen freien Geist gefunden habe, mit dem sich leben lasse.

Wonnebald war zwar leicht anzuführen, aber doch pfiffig genug, um etwas

Fremdes und Schädliches zu wittern, so daß er Lando, ohne zu wissen warum,

nicht völlig traute; da er es aber in jedem Falle für das beste hielt, ihn durch

üppiges Freudenleben zu betäuben, und er an die Möglichkeit nicht glaubte, daß

das Fischlein dem Angelbissen der Frau Welt sich sollte entziehen können, tat er,

soviel er konnte, um Landos ausschweifende Triebe zu weiden. Insofern hatte er

ganz unrecht nicht, als Lando sich die Früchte, die seine Rolle abwarf,

vortrefflich schmecken ließ, nur freilich setzten sie ihm nicht so zu, daß er

dadurch unfähig geworden wäre, den Bischof mit klaren und vergnügten Augen

zu beobachten. Ihn recht in Weibersachen zu verwickeln, wollte Wonnebald

überhaupt nicht glücken, obwohl Hermenegilde als reife und stürmische

Liebesgöttin ihn an mancher lauschigen Grotte und bekränzten Laube des

Stiftsgartens vorübertrieb; weder die adligen Damen noch ihre Zofen schienen

ihn fesseln zu können und waren auch ihrerseits durch das barsche Regiment der

Vorsteherin zu eingeschüchtert, um ihren Gefühlen freie Entfaltung zu vergönnen.

 

Hermenegilde hatte nämlich die Eigenheit, die Stiftsdamen, wenn sie bei

guter Laune war, zu unbedachten Schritten zu verlocken, was sie hernach

benutzte, um sie aufs gröblichste zu verleumden und sie durch Androhung

öffentlicher Anklage in Schrecken zu setzen, teils weil es ihr angenehm war,

wenn sie vor ihr zitterten, teils damit sie nicht den Mut fänden, das Ärgernis, zu

dem sie selber Anlaß gab, bekanntzumachen. An Wonnebald, der geistlicher

Oberhirt und Beichtvater des Stiftes war, gelangten zwar nicht selten Klagen

über das gesetz- und gewissenlose Regiment der Vorsteherin, doch blieben sie

wirkungslos in seiner Brust verschlossen, von niemand geteilt als von

Hermenegilde selbst, die sich bei nächster Gelegenheit an ihren Feindinnen

rächte. Zuweilen ließ sich Hermenegilde durch ihre gewaltsame Natur allzuweit

fortreißen: so ereignete es sich einmal, daß eine Stiftsdame, die in der Umgegend

einen Besuch gemacht hatte, bei ihrer Rückkehr den Einlaß nicht erhielt, weil die

Stunde, wo abends das Tor abgeschlossen wurde, vorüber war, angeblich damit

der Unfug nächtlichen Schwärmens bestraft würde, und das Fräulein, eine ältere,

ergraute Dame, bei Nacht umkehren und ein Obdach in der Stadt suchen mußte,

nicht ohne infolge der Aufregung und Schande empfindlichen Schaden an der

Gesundheit zu nehmen. Da sich die Tugend des Fräuleins nachweisen ließ, hätte

die Sache ein übles Ende nehmen können, wenn nicht die Anverwandten

desselben durch die Menge des Geldes zum Schweigen gebracht worden wären,

die aus Wonnebalds Beutel floß. Abgesehen von solchen und ähnlichen

Ausgaben, zu denen sie ihn mittelbar veranlaßte, sammelte Hermenegilde auch

für sich selbst, sowohl weil sie viel verbrauchte, wie um ihr Alter zu sichern, und

schließlich aus angeborener Habgier. Da nun der Bischof einer Frau, die ihm

nahestand, nicht gern etwas abschlug, insbesondere aber der Hermenegilde eine

leere Tasche zu zeigen nicht den Mut gehabt hätte, mußte er sich fleißig nach

guten Einnahmen umtun und kam zu der Überzeugung, daß er wieder einmal

etwas Gründliches unternehmen oder erfinden müsse, um die gemeine Sorge ein

für allemal loszuwerden.