Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück
I n der allerbedenklichsten Weise zehrten an…
I n der allerbedenklichsten Weise zehrten an Wonnebalds Besitz seine Freundin Hermenegilde und sein Sekretär und Schützling Lando, der Neffe des
Erzbischofs, den dieser unter dem Vorwande, er müsse wegen einer unpassenden
Leidenschaft von Hause entfernt werden und die väterliche Obhut eines
Geistlichen genießen, dem Bischof zur Seite gestellt hatte, um ihn zu
beaufsichtigen. Hierzu war nämlich Lando trotz seiner Jugend, denn er war etwa
26 Jahre alt, durch überlegenen Verstand und eine merkwürdige Kühle und
Sicherheit des Urteils wohlgeeignet, auch konnte er sich geschickt verstellen, ja
fand Vergnügen daran, eine beliebige Rolle zu spielen, so daß nicht zu
befürchten war, der Bischof könnte der List auf die Spur kommen. Daneben
hoffte der Erzbischof einen persönlichen Zweck zu erreichen: Lando mittels der
Langeweile, der er in Klus ausgesetzt sein würde, einer vorteilhaften Heirat
geneigt zu machen, durch die der träge und träumerische, wenig ehrgeizige
Jüngling, der nicht sonderlich bemittelt war, in eine dem Familienstolz
entsprechende Stellung befördert werden sollte.
Lando, der wußte, was sein Oheim mit ihm vorhatte, unterhielt sich
einstweilen in Klus aufs beste. Er gab sich dem Bischof gegenüber als ein der
Liederlichkeit ergebener junger Mann aus, den seine Familie durch Religion
bessern wollte, und stellte sich hocherfreut und bewundernd darüber, daß er in
dem Bischof einen freien Geist gefunden habe, mit dem sich leben lasse.
Wonnebald war zwar leicht anzuführen, aber doch pfiffig genug, um etwas
Fremdes und Schädliches zu wittern, so daß er Lando, ohne zu wissen warum,
nicht völlig traute; da er es aber in jedem Falle für das beste hielt, ihn durch
üppiges Freudenleben zu betäuben, und er an die Möglichkeit nicht glaubte, daß
das Fischlein dem Angelbissen der Frau Welt sich sollte entziehen können, tat er,
soviel er konnte, um Landos ausschweifende Triebe zu weiden. Insofern hatte er
ganz unrecht nicht, als Lando sich die Früchte, die seine Rolle abwarf,
vortrefflich schmecken ließ, nur freilich setzten sie ihm nicht so zu, daß er
dadurch unfähig geworden wäre, den Bischof mit klaren und vergnügten Augen
zu beobachten. Ihn recht in Weibersachen zu verwickeln, wollte Wonnebald
überhaupt nicht glücken, obwohl Hermenegilde als reife und stürmische
Liebesgöttin ihn an mancher lauschigen Grotte und bekränzten Laube des
Stiftsgartens vorübertrieb; weder die adligen Damen noch ihre Zofen schienen
ihn fesseln zu können und waren auch ihrerseits durch das barsche Regiment der
Vorsteherin zu eingeschüchtert, um ihren Gefühlen freie Entfaltung zu vergönnen.
Hermenegilde hatte nämlich die Eigenheit, die Stiftsdamen, wenn sie bei
guter Laune war, zu unbedachten Schritten zu verlocken, was sie hernach
benutzte, um sie aufs gröblichste zu verleumden und sie durch Androhung
öffentlicher Anklage in Schrecken zu setzen, teils weil es ihr angenehm war,
wenn sie vor ihr zitterten, teils damit sie nicht den Mut fänden, das Ärgernis, zu
dem sie selber Anlaß gab, bekanntzumachen. An Wonnebald, der geistlicher
Oberhirt und Beichtvater des Stiftes war, gelangten zwar nicht selten Klagen
über das gesetz- und gewissenlose Regiment der Vorsteherin, doch blieben sie
wirkungslos in seiner Brust verschlossen, von niemand geteilt als von
Hermenegilde selbst, die sich bei nächster Gelegenheit an ihren Feindinnen
rächte. Zuweilen ließ sich Hermenegilde durch ihre gewaltsame Natur allzuweit
fortreißen: so ereignete es sich einmal, daß eine Stiftsdame, die in der Umgegend
einen Besuch gemacht hatte, bei ihrer Rückkehr den Einlaß nicht erhielt, weil die
Stunde, wo abends das Tor abgeschlossen wurde, vorüber war, angeblich damit
der Unfug nächtlichen Schwärmens bestraft würde, und das Fräulein, eine ältere,
ergraute Dame, bei Nacht umkehren und ein Obdach in der Stadt suchen mußte,
nicht ohne infolge der Aufregung und Schande empfindlichen Schaden an der
Gesundheit zu nehmen. Da sich die Tugend des Fräuleins nachweisen ließ, hätte
die Sache ein übles Ende nehmen können, wenn nicht die Anverwandten
desselben durch die Menge des Geldes zum Schweigen gebracht worden wären,
die aus Wonnebalds Beutel floß. Abgesehen von solchen und ähnlichen
Ausgaben, zu denen sie ihn mittelbar veranlaßte, sammelte Hermenegilde auch
für sich selbst, sowohl weil sie viel verbrauchte, wie um ihr Alter zu sichern, und
schließlich aus angeborener Habgier. Da nun der Bischof einer Frau, die ihm
nahestand, nicht gern etwas abschlug, insbesondere aber der Hermenegilde eine
leere Tasche zu zeigen nicht den Mut gehabt hätte, mußte er sich fleißig nach
guten Einnahmen umtun und kam zu der Überzeugung, daß er wieder einmal
etwas Gründliches unternehmen oder erfinden müsse, um die gemeine Sorge ein
für allemal loszuwerden.