Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

Ricarda Huch · Kapitel 11 von 18

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Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

D er Bischof hatte unterdessen Lux aufgesucht…

D er Bischof hatte unterdessen Lux aufgesucht und ihr den Unfall, der dem Alräunchen zugestoßen war, erzählt, worauf sie, zufrieden, daß der Spaß so weit

geglückt war, es für unmöglich erklärte, unter den Augen eines Spähers und

vielleicht Mitwissers zum zweitenmal eine solche Zauberei anzuzetteln.

Wonnebald, dem nichts erwünschter war, als von einer unscheinbaren Wurzel,

deren Eingeweide die nutzbringende Natur so artig eingerichtet hatte,

allnächtlich ein Häufchen Gold auf das Kopfkissen gespuckt zu bekommen,

neigte zu dem Wunsche, Lando, den er für das einzige Hindernis der

Goldabsonderung ansah, auf die eine oder andre Weise zu entfernen, und sagte

zu Lux, wenn sie aus ihren Büchern eines Mittels kundig wäre, um unliebsame

Störenfriede, sei es mit Beeinträchtigung von Gesundheit oder Leben, sei es

ohne Schädigung derselben, aus dem Wege zu räumen, so wolle er die Folgen

auf sich nehmen und mit Dank und Lob ihrer Geschicklichkeit nicht

zurückhalten. Sie erschrak im Herzen über diese Zumutung, ließ aber nichts

davon merken, sondern antwortete, indem sie nachdenklich den Kopf wiegte,

eine solche Sache müsse langsam reif werden, sie wolle alles wohl bedenken, er

möge inzwischen nichts unternehmen, ohne ihren Rat einzuholen. Nachdem er

sich entfernt hatte, nahm sie ihren Lieblingsplatz am Fenster ein; ihr Blick

schwebte zwischen dem weißen Wasser, das nicht müde wurde sich selber zu

verschlingen und in furchtbaren Todesstürzen sich von sich selber befreien zu

wollen schien, und dem bleichen Himmel, der heute matt herabhing und die Luft

zusammenzudrücken schien. An dem gegenüberliegenden breiten Berge zog sich

deutlich erkennbar ein schmaler, blasser Pfad hinauf, über dem das farblose

Gewölk so unbeweglich lag, als wenn er auf immer verschüttet wäre, und ein

beklemmendes Gefühl, eingeengt und gefangen zu sein, bemächtigte sich ihres

Herzens. Wie sie so dasaß, kam Lando unter ihrem Fenster vorbei, blieb stehen,

als er ihrer ansichtig wurde, grüßte und suchte errötend nach einer Anrede, ohne

ein Wort finden zu können, das ihm passend schien. Sie wartete ein wenig und

erzählte ihm dann flüsternd, halb scherzhaft, halb ängstlich, daß der Bischof ihm

nach dem Leben trachte und sie gedungen habe, ihn umzubringen. »Das könntest

du doch nicht,« sagte er leise und sah sie ernsthaft und zärtlich an, indem er

dicht an die Mauer herantrat, die Arme in die Fensterbank und den Kopf auf die

gefalteten Hände legte. Sie antwortete treuherzig: »Nein, das könnte ich nicht,«

und beugte sich, von seinem flehenden Blick angezogen, zu ihm nieder, worauf

er sie mit beiden Armen umschlang und ihren Mund, der dem seinen entgegenkam, küßte. Sie blieben eine Weile so, ließen sich los, lachten und

umarmten sich von neuem; daß er ihr Geschlecht erraten hatte, erschien ihr

selbstverständlich und keiner Frage wert. Erst als Lando, durch Schritte, die

näher kamen, erschreckt, sich mit kurzem Gruß entfernte, besann sie sich,

seufzte mehrmals und brach endlich in Tränen aus, die lange nicht trocknen

wollten, dann aber einer starken, hochschwebenden Freudenstimmung wichen.

 

An den nächstfolgenden Tagen trafen sie sich einmal oder mehrmals, und es

schien ihnen bald so, als wären sie seit Wochen, ja seit Monaten und Jahren

durch gegenseitige Liebe verbunden, nur daß Lando nicht verriet, daß er sie an

jenem Abend im Fluß hatte baden sehen und es als Geheimnis bewahrte, mit

dessen Offenbarung ihr Glück die letzte, überschwengliche Weihe erhalten

würde. Oft, wenn er bei ihr war, vergaß er es, oder es kam ihm plötzlich

unwichtig vor, oder, wenn er in ihre unschuldig wissenden Augen blickte, schien

es ihm töricht oder anmaßend oder zwecklos, davon zu sprechen; endlich, an

einem heißen, wolkenlosen Sommertage, entfuhr ihm zufällig ein andeutendes

Wort, das er gleich darauf zurücknahm, und da sie arglos in ihn drang, das Rätsel

zu lösen, beschwor er sie, beim Einbruch der Nacht unterhalb des Dorfes an den

Fluß zu kommen, wo er ihr einzig gestehen könne, was er nicht laut unter der

Sonne zu sagen wage. Lux errötete und stutzte, aber nein hätte sie nicht sagen

können.

 

Abends, nachdem sie die Kinder zu Bette gebracht hatte, setzte sie sich ins

Fenster, um zu warten, bis sie eingeschlafen wären; aber Brun, der eine

außergewöhnliche Erregung an seiner Mutter bemerkt hatte, kämpfte mit

Anstrengung gegen die Müdigkeit, und erst als es eine Stunde vor Mitternacht

war, überwältigte das tapfere Kind der Schlaf. Lux hörte es an seinen ruhigeren

Atemzügen und schwang sich mit ganzem Leibe in die Fensterbank, um ins

Freie zu springen, zögerte aber wieder und kehrte noch einmal ins Zimmer

zurück, um sich zu vergewissern, daß die Kinder fest und ruhig schliefen. Sie

war so erregt und aufgewühlt, daß das unzählige Male gesehene Bild der

schlafenden Kinder sie wie etwas Fremdes rührte; Brun sah traurig aus, Lisutt

hingegen lag da, als wären scharenweise Engel um sie versammelt und hielten

einen himmlischen Baldachin über ihr, dessen Licht von ihren Wangen

widerschiene. Ihre Lippen waren so weit geöffnet wie eine wilde Rose vor Tag,

ein winziger Blutring in einfachster und süßester Linie um das überirdische

Geheimnis gebogen, das in kaum hörbar aus- und einwehendem Atem sein

Dasein verriet. Lux stand mit überfließenden Augen an dem Bett und konnte

nicht gehen noch bleiben; aber ein unvermeidliches Schicksal, das sich mit

ihrem Herzen verkettet hatte, schien sie dahin zu rufen, wo der Geliebte sie erwartete, und sie schwang sich noch einmal in das Fenster und ließ sich sacht

an der niedrigen, leise bröckelnden Mauer herab.

 

Draußen duftete die Nacht, und die unbestrahlte Erde enthüllte ruhevoll

ihren Leib in der einsamen Dämmerung. Lux atmete tief auf und reckte die

Arme in die Luft; ihre Brust weitete sich, und sie mußte gewaltsam den Schrei

des Entzückens auf den Lippen festhalten, während sie mit fliegenden Füßen die

weichen Pfade zu den Gebüschen am Fluß hinuntereilte.

 

Sie trafen sich nun mehrere Nächte so, wohingegen sie sich am Tage nicht

zusammen wollten sehen lassen, um keinen Anlaß zu Verdacht und Geschwätz

zu geben; denn Lando war zwar ungeduldig, Lux als seine Frau heimzuführen,

wollte aber mit der Veröffentlichung des Verhältnisses warten, bis seine Mutter,

die krank und nach Aussage der Ärzte in Lebensgefahr war, entweder genesen

oder dann durch den Tod aller Kränkung entrückt wäre. Trotz der beabsichtigten

Vorsicht indessen begegneten sich die Liebenden auch nicht selten bei Tage, so

daß es dem Bischof nicht entgehen konnte, der nicht aufhörte, Lux zu

beobachten und nachzustellen. Sie gab unverlegen die Erklärung, daß sie

vertraut mit Lando werden müsse, um ihm etwas Zweckmäßiges beibringen zu

können, womit Wonnebald sich zufriedengab, da er ohnehin den Kopf der

allerärgsten Sorgen voll hatte.

 

Nachdem nämlich die Fruchtbarkeit des Alrauns infolge des Gegenzaubers

von Landos Neugierde abgestorben war, nahm der Bischof seine früheren

Lebensgewohnheiten wieder auf, insbesondere die Zusammenkünfte mit

Hermenegilde, die bereits ein eifersüchtiges Mißtrauen wegen seiner

Zurückgezogenheit und Geheimtuerei gefaßt hatte. Das lenzliche Prangen der

Natur schien auch die Liebe saftiger und würziger zu machen, so daß Wonnebald

sich schon über die unterbrochene Goldmacherei getröstet fühlte; aber der

widerliche Nachgeschmack, der sich sooft aus den Wollüsten des Lebens

entwickelt, blieb nicht aus, indem Hermenegilde plötzlich Muttergefühle an sich

wahrnahm und das Paar sich mit dem Gedanken an Kindersegen vertraut

machen mußte. Nach Überwindung des ersten Schreckens empfand

Hermenegilde hierüber mehr Freude als Kummer, die täglich zunahm,

Wonnebald hingegen schlug das Glück, Vater zu werden, gering an und hätte den

unwillkommenen Sprößling gern schon im Mutterleibe umgebracht, in der

Meinung, daß es je später desto schwieriger und gefährlicher sein würde.

Anfänglich trug er sich mit dem Gedanken, auch in dieser Sache Lux um einen

wirksamen Zauber anzugehen, mußte aber bald bemerken, daß Hermenegilde

über seine lieblose Gesinnung in große Erbitterung und Aufregung geriet, die er nur durch völlige Unterwürfigkeit und heuchlerische

Zärtlichkeitsvorspiegelungen beschwichtigen konnte. Hermenegilde zweifelte

nicht, daß die unterjochten Stiftsdamen, wenn sie das Geheimnis entdeckten,

sich ducken und schweigen würden, ja im Grunde konnte sie sich nichts andres

vorstellen, als daß das Hervorbrechen ihrer Nachkommenschaft von der

erstaunten Welt mit Pauken und Posaunen werde gefeiert werden, und sie ließ es

nicht an beißenden Bemerkungen über die Menschenfurcht des Bischofs fehlen.

 

Vorzüglich verließ sie sich in dieser Angelegenheit auf eine alte Magd, die

ihr in allen Dingen blindlings zu Diensten und von Anfang an Mitwisserin des

hochwürdigen Liebesverhältnisses gewesen war, das sie freilich mißbilligte. Die

Alte, die ohne Zaudern jedes schuldlose Stiftsfräulein ins Wesenlose befördert

hätte, das ihrer Herrin unbequem gewesen wäre, betrübte und entrüstete sich

darüber, daß die gewaltige Dame, in Hingebung zerschmolzen, ihren Ruf einem

Manne aufopferte, und erlaubte sich oft, ihr die verliebte Schwäche vorzurücken.

Vor allen Dingen grollte sie dem Bischof, der durch sein Dasein alles verschuldet

hatte, und ließ sich auch durch die reichen Geschenke, die er ihr zusteckte, damit

sie ihm ein weniger grämliches Gesicht mache, keineswegs besänftigen,

vielmehr verachtete sie ihn wegen dieser furchtsamen Bestechungen um so

gründlicher.

 

Dem Bischofe brach kalter Schweiß aus, wenn er daran dachte, was für ein

Ende das nehmen sollte, und in einem solchen Zustande von Beängstigung kam

ihm eines Tages der Einfall, es mit Gebet und Gelübde zu versuchen, da doch

möglicherweise Gott oder wenigstens die Heiligen zu einer wunderbaren

Hilfeleistung imstande und geneigt wären. Von der Aussicht schon ein wenig

erheitert, kleidete er sich veilchenblau an und begab sich geradeswegs in die

Burgkirche hinein, wo im Gegensatze zu der Mittagshitze, die draußen siedete,

liebliche Kühle und Dunkel herrschten. Ein kitzelndes Wallen und Knistern um

sich verbreitend, schritt er durch die Säulen und verschwand in der letzten

Seitenkapelle, die der sogenannten Millionenmutter oder Millionenmaria

gewidmet war. Es befand sich dort nämlich in einem verschlossenen

Glasschreine eine schön geputzte Puppe, die die Gottesmutter ohne Kind

darstellte und vorzüglich als Krankenheilerin verehrt wurde, da sie vor

Jahrhunderten einmal der Pest, die Klus fast sämtlicher Einwohner beraubt hatte,

endlich von den übriggebliebenen in Prozession durch die Gassen getragen,

Einhalt geboten haben sollte. Diese Figur trug eine Krone, deren Gestell aus

Messing war, die aber mit verschiedenen Edelsteinen von außerordentlicher

Größe und Kostbarkeit besetzt war, weswegen ihr der Volksmund den erwähnten

Namen angehängt hatte, und welcher Reichtum die Ursache sein mochte, daß sich mit Vorliebe die in Geldnot befindlichen Gläubigen an sie wandten. Als der

Blick des knienden Bischofs auf die milde funkelnden Steine fiel, kam ihm der

Gedanke, daß dieser brachliegende Schatz ihn für alle Zeit aus seinen

Verlegenheiten retten könnte, und wuchs mit solcher Schnelligkeit und Gewalt

zum unwiderstehlichen Wunsche, daß er ihm einer Eingebung gleichzukommen

schien. Tief in Gebetsstellung zusammengekrümmt, überlegte er sich, daß außer

ein paar alten blöden Leuten zu dieser Zeit niemand in der Kirche wäre, daß,

abgesehen davon, niemand sehen könne, was abseits in der düsteren Kapelle

vorginge, und also, da er auch die Schlüssel bei sich hatte, nichts ihm im Wege

stände, um sich augenblicklich des Kleinodes zu bemächtigen. Nachdem er

vorsichtig in die Kirche hineingelauscht und sich überzeugt hatte, daß sie leer

und totenstill war, öffnete er leise die gläserne Tür und löste der Puppe die

Krone vom Kopfe, was freilich nicht ohne heftiges Rütteln und Zerren

vonstatten ging. Auch war das Aussehen des beraubten Kopfes, als er haarlos

war, einigermaßen nackt und kümmerlich; aber da das der Heiligkeit und

Wunderkraft kaum Abbruch tun würde, hielt es der Bischof für unnütz, sich das

Gewissen darüber zu beschweren. Er schob die Krone in den Busen, rauschte

stramm durch die Kirche und eilte in sein Schlafgemach, um sich in Ruhe an der

Erwerbung zu ergötzen.

 

Es waren zwölf Edelsteine in die Krone gefaßt, hauptsächlich Smaragde

und Rubine, von denen er die größten zu verkaufen oder zu versetzen, die

kleineren der Hermenegilde zu schenken beschloß. Selbst das Geschäft

auszuführen, schien ihm bedenklich, doch zweifelte er nicht, daß Lux sich würde

bereitfinden lassen, in die nächste Stadt zu reisen und die ausgewählten Steine

einem Juwelenhändler zum Kaufe anzubieten; sie stammten, gab er ihr an, von

einer Urahne, die sie in einem Ringe getragen habe, und die Sache müsse

geheim bleiben, weil es dem Rufe eines Kirchenhauptes schaden könne, wenn

man erführe, daß er sich eines so heiligen Erbstücks habe entäußern wollen oder

müssen. Lux war zu sehr in den Traum ihrer Liebe eingeschlossen, um darüber

nachzudenken, ob es sich so oder anders verhielte, führte den Auftrag aus und

händigte dem freudestrahlenden Bischof die Summe ein, die sie daraus erlöst

hatte.