Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück
D er Bischof hatte unterdessen Lux aufgesucht…
D er Bischof hatte unterdessen Lux aufgesucht und ihr den Unfall, der dem Alräunchen zugestoßen war, erzählt, worauf sie, zufrieden, daß der Spaß so weit
geglückt war, es für unmöglich erklärte, unter den Augen eines Spähers und
vielleicht Mitwissers zum zweitenmal eine solche Zauberei anzuzetteln.
Wonnebald, dem nichts erwünschter war, als von einer unscheinbaren Wurzel,
deren Eingeweide die nutzbringende Natur so artig eingerichtet hatte,
allnächtlich ein Häufchen Gold auf das Kopfkissen gespuckt zu bekommen,
neigte zu dem Wunsche, Lando, den er für das einzige Hindernis der
Goldabsonderung ansah, auf die eine oder andre Weise zu entfernen, und sagte
zu Lux, wenn sie aus ihren Büchern eines Mittels kundig wäre, um unliebsame
Störenfriede, sei es mit Beeinträchtigung von Gesundheit oder Leben, sei es
ohne Schädigung derselben, aus dem Wege zu räumen, so wolle er die Folgen
auf sich nehmen und mit Dank und Lob ihrer Geschicklichkeit nicht
zurückhalten. Sie erschrak im Herzen über diese Zumutung, ließ aber nichts
davon merken, sondern antwortete, indem sie nachdenklich den Kopf wiegte,
eine solche Sache müsse langsam reif werden, sie wolle alles wohl bedenken, er
möge inzwischen nichts unternehmen, ohne ihren Rat einzuholen. Nachdem er
sich entfernt hatte, nahm sie ihren Lieblingsplatz am Fenster ein; ihr Blick
schwebte zwischen dem weißen Wasser, das nicht müde wurde sich selber zu
verschlingen und in furchtbaren Todesstürzen sich von sich selber befreien zu
wollen schien, und dem bleichen Himmel, der heute matt herabhing und die Luft
zusammenzudrücken schien. An dem gegenüberliegenden breiten Berge zog sich
deutlich erkennbar ein schmaler, blasser Pfad hinauf, über dem das farblose
Gewölk so unbeweglich lag, als wenn er auf immer verschüttet wäre, und ein
beklemmendes Gefühl, eingeengt und gefangen zu sein, bemächtigte sich ihres
Herzens. Wie sie so dasaß, kam Lando unter ihrem Fenster vorbei, blieb stehen,
als er ihrer ansichtig wurde, grüßte und suchte errötend nach einer Anrede, ohne
ein Wort finden zu können, das ihm passend schien. Sie wartete ein wenig und
erzählte ihm dann flüsternd, halb scherzhaft, halb ängstlich, daß der Bischof ihm
nach dem Leben trachte und sie gedungen habe, ihn umzubringen. »Das könntest
du doch nicht,« sagte er leise und sah sie ernsthaft und zärtlich an, indem er
dicht an die Mauer herantrat, die Arme in die Fensterbank und den Kopf auf die
gefalteten Hände legte. Sie antwortete treuherzig: »Nein, das könnte ich nicht,«
und beugte sich, von seinem flehenden Blick angezogen, zu ihm nieder, worauf
er sie mit beiden Armen umschlang und ihren Mund, der dem seinen entgegenkam, küßte. Sie blieben eine Weile so, ließen sich los, lachten und
umarmten sich von neuem; daß er ihr Geschlecht erraten hatte, erschien ihr
selbstverständlich und keiner Frage wert. Erst als Lando, durch Schritte, die
näher kamen, erschreckt, sich mit kurzem Gruß entfernte, besann sie sich,
seufzte mehrmals und brach endlich in Tränen aus, die lange nicht trocknen
wollten, dann aber einer starken, hochschwebenden Freudenstimmung wichen.
An den nächstfolgenden Tagen trafen sie sich einmal oder mehrmals, und es
schien ihnen bald so, als wären sie seit Wochen, ja seit Monaten und Jahren
durch gegenseitige Liebe verbunden, nur daß Lando nicht verriet, daß er sie an
jenem Abend im Fluß hatte baden sehen und es als Geheimnis bewahrte, mit
dessen Offenbarung ihr Glück die letzte, überschwengliche Weihe erhalten
würde. Oft, wenn er bei ihr war, vergaß er es, oder es kam ihm plötzlich
unwichtig vor, oder, wenn er in ihre unschuldig wissenden Augen blickte, schien
es ihm töricht oder anmaßend oder zwecklos, davon zu sprechen; endlich, an
einem heißen, wolkenlosen Sommertage, entfuhr ihm zufällig ein andeutendes
Wort, das er gleich darauf zurücknahm, und da sie arglos in ihn drang, das Rätsel
zu lösen, beschwor er sie, beim Einbruch der Nacht unterhalb des Dorfes an den
Fluß zu kommen, wo er ihr einzig gestehen könne, was er nicht laut unter der
Sonne zu sagen wage. Lux errötete und stutzte, aber nein hätte sie nicht sagen
können.
Abends, nachdem sie die Kinder zu Bette gebracht hatte, setzte sie sich ins
Fenster, um zu warten, bis sie eingeschlafen wären; aber Brun, der eine
außergewöhnliche Erregung an seiner Mutter bemerkt hatte, kämpfte mit
Anstrengung gegen die Müdigkeit, und erst als es eine Stunde vor Mitternacht
war, überwältigte das tapfere Kind der Schlaf. Lux hörte es an seinen ruhigeren
Atemzügen und schwang sich mit ganzem Leibe in die Fensterbank, um ins
Freie zu springen, zögerte aber wieder und kehrte noch einmal ins Zimmer
zurück, um sich zu vergewissern, daß die Kinder fest und ruhig schliefen. Sie
war so erregt und aufgewühlt, daß das unzählige Male gesehene Bild der
schlafenden Kinder sie wie etwas Fremdes rührte; Brun sah traurig aus, Lisutt
hingegen lag da, als wären scharenweise Engel um sie versammelt und hielten
einen himmlischen Baldachin über ihr, dessen Licht von ihren Wangen
widerschiene. Ihre Lippen waren so weit geöffnet wie eine wilde Rose vor Tag,
ein winziger Blutring in einfachster und süßester Linie um das überirdische
Geheimnis gebogen, das in kaum hörbar aus- und einwehendem Atem sein
Dasein verriet. Lux stand mit überfließenden Augen an dem Bett und konnte
nicht gehen noch bleiben; aber ein unvermeidliches Schicksal, das sich mit
ihrem Herzen verkettet hatte, schien sie dahin zu rufen, wo der Geliebte sie erwartete, und sie schwang sich noch einmal in das Fenster und ließ sich sacht
an der niedrigen, leise bröckelnden Mauer herab.
Draußen duftete die Nacht, und die unbestrahlte Erde enthüllte ruhevoll
ihren Leib in der einsamen Dämmerung. Lux atmete tief auf und reckte die
Arme in die Luft; ihre Brust weitete sich, und sie mußte gewaltsam den Schrei
des Entzückens auf den Lippen festhalten, während sie mit fliegenden Füßen die
weichen Pfade zu den Gebüschen am Fluß hinuntereilte.
Sie trafen sich nun mehrere Nächte so, wohingegen sie sich am Tage nicht
zusammen wollten sehen lassen, um keinen Anlaß zu Verdacht und Geschwätz
zu geben; denn Lando war zwar ungeduldig, Lux als seine Frau heimzuführen,
wollte aber mit der Veröffentlichung des Verhältnisses warten, bis seine Mutter,
die krank und nach Aussage der Ärzte in Lebensgefahr war, entweder genesen
oder dann durch den Tod aller Kränkung entrückt wäre. Trotz der beabsichtigten
Vorsicht indessen begegneten sich die Liebenden auch nicht selten bei Tage, so
daß es dem Bischof nicht entgehen konnte, der nicht aufhörte, Lux zu
beobachten und nachzustellen. Sie gab unverlegen die Erklärung, daß sie
vertraut mit Lando werden müsse, um ihm etwas Zweckmäßiges beibringen zu
können, womit Wonnebald sich zufriedengab, da er ohnehin den Kopf der
allerärgsten Sorgen voll hatte.
Nachdem nämlich die Fruchtbarkeit des Alrauns infolge des Gegenzaubers
von Landos Neugierde abgestorben war, nahm der Bischof seine früheren
Lebensgewohnheiten wieder auf, insbesondere die Zusammenkünfte mit
Hermenegilde, die bereits ein eifersüchtiges Mißtrauen wegen seiner
Zurückgezogenheit und Geheimtuerei gefaßt hatte. Das lenzliche Prangen der
Natur schien auch die Liebe saftiger und würziger zu machen, so daß Wonnebald
sich schon über die unterbrochene Goldmacherei getröstet fühlte; aber der
widerliche Nachgeschmack, der sich sooft aus den Wollüsten des Lebens
entwickelt, blieb nicht aus, indem Hermenegilde plötzlich Muttergefühle an sich
wahrnahm und das Paar sich mit dem Gedanken an Kindersegen vertraut
machen mußte. Nach Überwindung des ersten Schreckens empfand
Hermenegilde hierüber mehr Freude als Kummer, die täglich zunahm,
Wonnebald hingegen schlug das Glück, Vater zu werden, gering an und hätte den
unwillkommenen Sprößling gern schon im Mutterleibe umgebracht, in der
Meinung, daß es je später desto schwieriger und gefährlicher sein würde.
Anfänglich trug er sich mit dem Gedanken, auch in dieser Sache Lux um einen
wirksamen Zauber anzugehen, mußte aber bald bemerken, daß Hermenegilde
über seine lieblose Gesinnung in große Erbitterung und Aufregung geriet, die er nur durch völlige Unterwürfigkeit und heuchlerische
Zärtlichkeitsvorspiegelungen beschwichtigen konnte. Hermenegilde zweifelte
nicht, daß die unterjochten Stiftsdamen, wenn sie das Geheimnis entdeckten,
sich ducken und schweigen würden, ja im Grunde konnte sie sich nichts andres
vorstellen, als daß das Hervorbrechen ihrer Nachkommenschaft von der
erstaunten Welt mit Pauken und Posaunen werde gefeiert werden, und sie ließ es
nicht an beißenden Bemerkungen über die Menschenfurcht des Bischofs fehlen.
Vorzüglich verließ sie sich in dieser Angelegenheit auf eine alte Magd, die
ihr in allen Dingen blindlings zu Diensten und von Anfang an Mitwisserin des
hochwürdigen Liebesverhältnisses gewesen war, das sie freilich mißbilligte. Die
Alte, die ohne Zaudern jedes schuldlose Stiftsfräulein ins Wesenlose befördert
hätte, das ihrer Herrin unbequem gewesen wäre, betrübte und entrüstete sich
darüber, daß die gewaltige Dame, in Hingebung zerschmolzen, ihren Ruf einem
Manne aufopferte, und erlaubte sich oft, ihr die verliebte Schwäche vorzurücken.
Vor allen Dingen grollte sie dem Bischof, der durch sein Dasein alles verschuldet
hatte, und ließ sich auch durch die reichen Geschenke, die er ihr zusteckte, damit
sie ihm ein weniger grämliches Gesicht mache, keineswegs besänftigen,
vielmehr verachtete sie ihn wegen dieser furchtsamen Bestechungen um so
gründlicher.
Dem Bischofe brach kalter Schweiß aus, wenn er daran dachte, was für ein
Ende das nehmen sollte, und in einem solchen Zustande von Beängstigung kam
ihm eines Tages der Einfall, es mit Gebet und Gelübde zu versuchen, da doch
möglicherweise Gott oder wenigstens die Heiligen zu einer wunderbaren
Hilfeleistung imstande und geneigt wären. Von der Aussicht schon ein wenig
erheitert, kleidete er sich veilchenblau an und begab sich geradeswegs in die
Burgkirche hinein, wo im Gegensatze zu der Mittagshitze, die draußen siedete,
liebliche Kühle und Dunkel herrschten. Ein kitzelndes Wallen und Knistern um
sich verbreitend, schritt er durch die Säulen und verschwand in der letzten
Seitenkapelle, die der sogenannten Millionenmutter oder Millionenmaria
gewidmet war. Es befand sich dort nämlich in einem verschlossenen
Glasschreine eine schön geputzte Puppe, die die Gottesmutter ohne Kind
darstellte und vorzüglich als Krankenheilerin verehrt wurde, da sie vor
Jahrhunderten einmal der Pest, die Klus fast sämtlicher Einwohner beraubt hatte,
endlich von den übriggebliebenen in Prozession durch die Gassen getragen,
Einhalt geboten haben sollte. Diese Figur trug eine Krone, deren Gestell aus
Messing war, die aber mit verschiedenen Edelsteinen von außerordentlicher
Größe und Kostbarkeit besetzt war, weswegen ihr der Volksmund den erwähnten
Namen angehängt hatte, und welcher Reichtum die Ursache sein mochte, daß sich mit Vorliebe die in Geldnot befindlichen Gläubigen an sie wandten. Als der
Blick des knienden Bischofs auf die milde funkelnden Steine fiel, kam ihm der
Gedanke, daß dieser brachliegende Schatz ihn für alle Zeit aus seinen
Verlegenheiten retten könnte, und wuchs mit solcher Schnelligkeit und Gewalt
zum unwiderstehlichen Wunsche, daß er ihm einer Eingebung gleichzukommen
schien. Tief in Gebetsstellung zusammengekrümmt, überlegte er sich, daß außer
ein paar alten blöden Leuten zu dieser Zeit niemand in der Kirche wäre, daß,
abgesehen davon, niemand sehen könne, was abseits in der düsteren Kapelle
vorginge, und also, da er auch die Schlüssel bei sich hatte, nichts ihm im Wege
stände, um sich augenblicklich des Kleinodes zu bemächtigen. Nachdem er
vorsichtig in die Kirche hineingelauscht und sich überzeugt hatte, daß sie leer
und totenstill war, öffnete er leise die gläserne Tür und löste der Puppe die
Krone vom Kopfe, was freilich nicht ohne heftiges Rütteln und Zerren
vonstatten ging. Auch war das Aussehen des beraubten Kopfes, als er haarlos
war, einigermaßen nackt und kümmerlich; aber da das der Heiligkeit und
Wunderkraft kaum Abbruch tun würde, hielt es der Bischof für unnütz, sich das
Gewissen darüber zu beschweren. Er schob die Krone in den Busen, rauschte
stramm durch die Kirche und eilte in sein Schlafgemach, um sich in Ruhe an der
Erwerbung zu ergötzen.
Es waren zwölf Edelsteine in die Krone gefaßt, hauptsächlich Smaragde
und Rubine, von denen er die größten zu verkaufen oder zu versetzen, die
kleineren der Hermenegilde zu schenken beschloß. Selbst das Geschäft
auszuführen, schien ihm bedenklich, doch zweifelte er nicht, daß Lux sich würde
bereitfinden lassen, in die nächste Stadt zu reisen und die ausgewählten Steine
einem Juwelenhändler zum Kaufe anzubieten; sie stammten, gab er ihr an, von
einer Urahne, die sie in einem Ringe getragen habe, und die Sache müsse
geheim bleiben, weil es dem Rufe eines Kirchenhauptes schaden könne, wenn
man erführe, daß er sich eines so heiligen Erbstücks habe entäußern wollen oder
müssen. Lux war zu sehr in den Traum ihrer Liebe eingeschlossen, um darüber
nachzudenken, ob es sich so oder anders verhielte, führte den Auftrag aus und
händigte dem freudestrahlenden Bischof die Summe ein, die sie daraus erlöst
hatte.