Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück
N ach einigen andern prahlerischen Redensarten dieser…
N ach einigen andern prahlerischen Redensarten dieser Art beendete der Bischof seine Rede, die er durch gewaltige Gebärden ausgeschmückt und dann
und wann durch lautes Weinen unterbrochen hatte, worin das Volk andächtig
einstimmte, so daß ein hörbares Schluchzen und Glucksen durch die Kirche
rauschte. Viele von den Anwesenden fielen vor Inbrunst auf die Knie und
bekreuzten sich eifrig, und als Wonnebald von der Kanzel herunterkam,
rutschten sie zu ihm hin, küßten sein Gewand und baten um seinen Segen, den er
rüstig und flink aus dem Handgelenk, wie es seine Art war, rechts und links
austeilte. In der Meinung, durch die Stimme des Volkes von jedem Verdachte
freigesprochen zu sein, begab sich der Bischof sogleich durch einen zu seiner
Wohnung gehörenden Gang nach Hause, woran ihn auch niemand hinderte, da
ein solcher ohne Zweifel durch die begeisterte Volksmenge in Stücke zerrissen
worden wäre.
Die Gebildeten waren keineswegs von der Wirklichkeit des geschilderten
Wunders überzeugt, aber durch das schwungvolle Benehmen des Bischofs
einigermaßen in Verwirrung gesetzt und warfen einander stillschweigend Blicke
zu, die ebensowohl nachdenkliche Rührung über einen solchen Beweis von
Übernatürlichkeit wie Erstaunen über die Unverschämtheit des Schwindels
bedeuten konnten. Da sich indessen ein fortwährend wachsendes Glaubensfeuer
im Volke offenbarte, hielten es die meisten für ratsam, keine dem Gottesliebling
nachteilige Äußerung laut werden zu lassen, besonders nachdem der
Medizinalrat wiederum bewiesen hatte, wie schön auch dem Manne frommer
Kindersinn anstehen könne. Diese feurige Natur nämlich entbrannte bei
Enthüllung der bischöflichen Makellosigkeit und seiner überirdischen Krönung
sofort in andächtigen Eifer und beanspruchte für sich nur den Ruhm, vor aller
Welt zum Besten der Kirche von dem stattgehabten Wunder Zeugnis abzulegen.
Gab es ein Herz, das noch mehr als das seine durch den Einblick in ein
auserwähltes Gemüt war entflammt worden, so war es das der Stiftsdame
Hermenegilde, deren Gefühl plötzlich einen neuen Umschwung, von der
Mutterliebe zur Gottesminne, nahm. Die Erkenntnis, aus selbstsüchtiger Rache
einen hochehrwürdigen und geradezu heiligen Mann beinahe ins Verderben
gestürzt zu haben, erfüllte sie mit Reue und Sehnsucht, so daß sie sich dem
Angebeteten schon in der Kirche zu Füßen geworfen hätte, wenn das Gedränge
um seine Person nicht zu groß gewesen wäre. Schmelzend vor Zerknirschung suchte sie in seine Wohnung vorzudringen, allein ungeachtet ihrer demütigen
Versicherungen blieb Wonnebald taub, freilich nicht ohne eine künftig
wiederkehrende Gnadenzeit in tröstliche Aussicht zu stellen.
Als dem Erzbischof das Gerücht sowohl der gegen den Bischof erhobenen
Anklage wie seiner Verantwortung zu Ohren kam, seufzte er mehrere Male und
verwünschte im Innern Wonnebald und denjenigen, der ihm zum erstenmal
seinen Namen genannt hatte. Am meisten plagte ihn der Ärger über sich selbst,
daß er sich in der Beurteilung und Behandlung des Menschen so arg vergriffen
habe, indessen auf einem Spaziergang, den er nach vollbrachten Tagesgeschäften
unternahm, beruhigte er sich ein wenig durch die Betrachtung, daß ihn eine
solche Erfahrung vielleicht vor Selbstüberhebung schützen sollte, daß außerdem
Dummheit und Dreistigkeit zuweilen das beste Echo aus der Welt herauslockten
und also auch diesmal vielleicht die Spitzbüberei des Bischofs der Kirche mehr
zum Nutzen als zum Schaden gereiche. Vollends als an den folgenden Tagen
Nachrichten einliefen, wie sich infolge des Wunders das kirchliche Leben in
Klus verdoppelt und verklärt habe, ertappte er sich des öfteren bei einem
unwillkürlichen Lächeln und machte sich selbst das Zugeständnis, daß er mit
Wonnebald zwar viel gewagt, aber am Ende denn doch das Richtige getroffen
habe. Zwar entsprach es seinem Geschmack, sich persönlich so wenig wie
möglich mit dem wundertätigen Benehmen der Millionenmutter einzulassen,
doch unternahm er auch nichts dagegen und ließ der Begeisterung ihren Lauf,
und wenn er es nicht umgehen konnte, sich darüber zu äußern, tat er es
vorsichtig und in feinen Wendungen, wie daß bei Gott kein Ding unmöglich sei
oder daß für den Gläubigen jedes Wunder wirklich sei und ihm von niemand
bestritten werden dürfe noch könne.
Mochten den Papst ähnliche Betrachtungen leiten, oder war ihm das
Wunder von Klus durch so feurige Zungen geschildert worden, daß das Unkraut
des Zweifels dabei nicht aufgehen konnte, kurz, er beschloß, den Bischof durch
Überreichung der Tugendrose auszuzeichnen, was denn freilich auch, nachdem
die Muttergottes sich zu seinen Gunsten ihrer eignen, kostbaren Kopfbedeckung
entäußert hatte, nicht anders als billig genannt werden konnte. Hierdurch wurde
das Wunder erst eigentlich beglaubigt, und seit die Nachricht von der
bevorstehenden Verleihung sich verbreitete, fingen auch die besseren Kreise an,
ihre Ehrfurcht vor dem Bischof lauter zu äußern, und wo etwa noch zerstreute
Gedanken den mystischen Vorfall unschlüssig und makelsüchtig umschwirrt
hatten, lösten sich diese nunmehr gänzlich auf wie Nebelgebräu vor der
triumphierenden Tagessonne.
Der geistliche Kammerherr, der dem Bischof die goldene Rose zu
überbringen hatte, glaubte weder an Gott noch an die Heiligen noch an sonst
etwas und konnte sich nichts andres vorstellen, als daß der Kluser Bischof ein
Mann von feinster Klugheit und Überlegenheit sein müsse, daß er den Leuten
eine so abgeschmackte Wundergeschichte habe eingeben und verdaulich machen
können. Er selbst war in der diplomatischen und schriftstellerischen Laufbahn zu
einem großen Ansehen gelangt, niemals aber hatte er sich in den Geruch der
Frömmigkeit bringen können, und bewunderte deshalb nichts so sehr wie die
Hinterlist und Gaukelkunst, vermöge der es einem gelang, die Rolle des
Gottesmannes zu spielen. Der Bischof feierte nach seiner Weise die Anwesenheit
des päpstlichen Gesandten durch ein prächtiges Mahl in seiner Burg, wobei alle
Kunstwerke und Erzeugnisse des Gewerbes, als Bilder, Statuen, Gläser,
Schüsseln und Silberzeug, zur Ausstellung gebracht worden waren, so daß man
nicht wußte, wohin man blicken und was man kosten sollte. Es war auch um
diese Zeit der Justizrat Schimmelmann von seiner Reise zurückgekehrt und zum
Feste eingeladen, das er durch geistreiche Erzählungen und vieldeutige Witze
aufs anmutigste belebte. Wonnebald aß und trank mit Lust und ließ es an
geeigneter Stelle nicht an einem munteren Ausruf fehlen, meistens aber schwieg
er mit beifälliger Herablassung, denn er hatte sich mittlerweile daran gewöhnt,
das Lamm Gottes darzustellen, und träufelte nur von Zeit zu Zeit, wie wenn er
nicht anders könnte, etwas Salbungsvolles und Erbauliches ins Gespräch. Der
Überbringer der Rose beobachtete den durchtriebenen Ränkeschmied, als den er
den Bischof ansah, neidvoll bescheiden, behandelte ihn mit Ehrerbietung und
hinterbrachte dem Papste einen über alle Maßen günstigen, fast begeisterten
Bericht über den erleuchteten Betrieb des Pückschen Bischofssitzes.
Indessen bekam Wonnebald die Mahlzeit, die er beim Rosenfeste zu sich
genommen hatte, schlecht; was erst nur eine leichte Störung in den verdauenden
Organen zu sein schien, erwies sich als tückische Krankheit, die den prangenden
Körper in wenigen Tagen zerstörte und als Leiche zurückließ. So unerwünscht
dies jähe Sterben dem Bischof sein mochte, der sein Dasein so geschickt und
fröhlich zu benutzen verstand, so gewinnbringend war es für sein Gedächtnis,
das sich nun an den glorwürdigsten Punkt seiner Laufbahn anknüpfen mußte.
Das Trauergepränge dauerte mehrere Tage, und während derselben verbreitete
sich das Gespräch häufig um die Frage, wie man den Verblichenen geziemend
und dauerhaft ehren könne, sei es durch ein Denkmal oder eine beschreibende
Darstellung seines Lebenswandels, was aber alles dem allgemeinen Gefühl noch
nicht Genüge tat. Da nun im Reden der Bevölkerung sowie in dem Nachruf, den
der Medizinalrat zum Andenken Wonnebalds in den Zeitungen drucken ließ, derselbe beiläufig als ein heiliger Mann war bezeichnet worden, kam man von
selbst dazu, ohne daß ein bestimmter Urheber des Gedankens hätte genannt
werden können, an die Heiligsprechung des Bischofs zu denken und ebendiese
als die passendste Würdigung seiner Verdienste anzusehen. Die hohen
Verbindungen des Medizinalrats ermöglichten es ihm, den Plan als einstimmigen
Wunsch der Kluser Bevölkerung zu Ohren des Papstes zu bringen, der, obwohl
er von allen Seiten nur das Beste über den Pückschen Lebenswandel gehört
hatte, sich doch vorsichtig in einer so wichtigen Angelegenheit zurückhielt. Wie
ausdrücklich sich auch die göttliche Meinung durch Aufsetzen der Marienkrone
für den Bischof ausgesprochen hatte, schien es vom Standpunkte des nicht
allwissenden Menschen doch geboten, die Lebensführung des Kandidaten Punkt
für Punkt, gleichsam wissenschaftlich, auf seine Heiligkeit hin zu untersuchen,
wodurch sich denn freilich auch seine unbedingtesten Verehrer zunächst in eine
gewisse Verlegenheit versetzt fanden. Bei näherem Bedenken indessen sagten sie
sich, daß, wenn Wonnebald auch nicht in Höhlen gelebt, noch sich
ausschließlich vom Tau des Himmels oder durch Berührung der Hostie ernährt,
noch überhaupt in dieser gewissermaßen älteren Richtung Löbliches und
Wunderwürdiges vollbracht habe, er hingegen die Tugenden der Demut und
Einfalt, welche die eigentlich christlichen seien, bis zum äußersten getrieben
habe, wie er denn die von Gott empfangene Auszeichnung vor jedermann
verheimlicht habe und bis zum Ende haben würde, wenn ihn nicht die
Verleumdung der Bösen zur Mitteilung gezwungen hätte. Er hätte, sagten sie,
ohne sich je der Wissenschaft zu bedienen, die so oft die Feindin des echten
Glaubens sei, eine hohe kirchliche Würde erlangt, von innen erleuchtet oder
durch Eingebung von oben zur Verwaltung eines so schweren Amtes befähigt.
Immer mehr im frommen Eifer sich erhitzend, fügten diese Sachwalter des
Bischofs hinzu, daß, wenn nicht mehr oder überhaupt gar keine staunenswerten
Taten von ihm bekannt seien, dies sich eben von seiner vollkommenen Demut
herschreibe, mit der verglichen die meisten Heiligen, von denen die Geschichte
wisse, unchristlicher Ruhmsucht gefrönt hätten.
Diese nachdrücklichen Begründungen konnten in harmonischer Weise
durch ebenso bedeutende materielle Kräfte unterstützt werden, was bei den
großen Kosten, die die Heiligsprechung mit sich bringt, nicht gering
anzuschlagen war. Ein glücklicher Einfall erinnerte die Unternehmer an die
Marienkrone, die, nachdem sie aus dem Ofenloche des Bischofs ans Licht
gefördert, mit Beschlag belegt war und sich nebst sämtlichen dazugehörigen
Edelsteinen noch immer in gerichtlicher Verwahrung befand, und deren
Geldwert hinreichte, um die Vollziehung des großen Geschäftes daraus zu bestreiten. Es hatte zwar die Absicht bestanden, der Gottesmutter ihre Krone
zurückzugeben, doch ließ sich dagegen einwenden, daß sie dieselbe freiwillig
und vermutlich aus guten Gründen an Wonnebald abgetreten habe, und daß man
in ihrem Sinne handle, wenn man sie zur Erhöhung und ewigen Krönung seiner
Person nutzbar mache.
Die Bevölkerung von Klus hatte die Sache ihres Bischofs während der
Entwicklung der Dinge völlig zu ihrer eignen gemacht und sah in der
Verzögerung eine ihr angetane Kränkung, woraus denn wiederum geschlossen
werden konnte, was für ein dringendes Bedürfnis die Anbetung des Wonnebald
im Volke sei. In Erwägung aller dieser Umstände zeigte sich der päpstliche Rat
endlich geneigt, und die Einreihung des Bischofs in die Schar der Heiligen fand
unter den üblichen Zeremonien zu vollkommener Befriedigung der Kluser
Frommen statt. Das Bild Pücks wurde in der Burgkirche aufgehängt, mit nach
oben gedrehten Augen, von wo eine Hand im Begriff war, das bekannte Diadem
herunterzulassen, kunstlos gemalt, aber der andächtigen Gemeinde durch
Vergegenwärtigung der seligen Gesichtszüge erbaulich. Auch der Erzbischof von
Casalba, der an gewissen Festtagen in der Kluser Kirche einen Gottesdienst
abhielt, verweilte gern einige Augenblicke vor dem Bilde und beglückwünschte
mit gedankenvollem Lächeln sich und die Menschheit über den zeitigen Tod des
Bischofs, da, wenn er länger gelebt und seine Laufbahn so schleunig wie bisher
fortgesetzt hätte, die Kirche schließlich gezwungen gewesen wäre, ihn zum
Herrgott zu machen, um ihn seinen Verdiensten und dem allgemeinen Bedürfnis
entsprechend weiter zu befördern.
21. bis 30. Tausend
*
Druck der Offizin
Fr. Richter in Leipzig