Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

Ricarda Huch · Kapitel 17 von 18

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Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

N ach einigen andern prahlerischen Redensarten dieser…

N ach einigen andern prahlerischen Redensarten dieser Art beendete der Bischof seine Rede, die er durch gewaltige Gebärden ausgeschmückt und dann

und wann durch lautes Weinen unterbrochen hatte, worin das Volk andächtig

einstimmte, so daß ein hörbares Schluchzen und Glucksen durch die Kirche

rauschte. Viele von den Anwesenden fielen vor Inbrunst auf die Knie und

bekreuzten sich eifrig, und als Wonnebald von der Kanzel herunterkam,

rutschten sie zu ihm hin, küßten sein Gewand und baten um seinen Segen, den er

rüstig und flink aus dem Handgelenk, wie es seine Art war, rechts und links

austeilte. In der Meinung, durch die Stimme des Volkes von jedem Verdachte

freigesprochen zu sein, begab sich der Bischof sogleich durch einen zu seiner

Wohnung gehörenden Gang nach Hause, woran ihn auch niemand hinderte, da

ein solcher ohne Zweifel durch die begeisterte Volksmenge in Stücke zerrissen

worden wäre.

 

Die Gebildeten waren keineswegs von der Wirklichkeit des geschilderten

Wunders überzeugt, aber durch das schwungvolle Benehmen des Bischofs

einigermaßen in Verwirrung gesetzt und warfen einander stillschweigend Blicke

zu, die ebensowohl nachdenkliche Rührung über einen solchen Beweis von

Übernatürlichkeit wie Erstaunen über die Unverschämtheit des Schwindels

bedeuten konnten. Da sich indessen ein fortwährend wachsendes Glaubensfeuer

im Volke offenbarte, hielten es die meisten für ratsam, keine dem Gottesliebling

nachteilige Äußerung laut werden zu lassen, besonders nachdem der

Medizinalrat wiederum bewiesen hatte, wie schön auch dem Manne frommer

Kindersinn anstehen könne. Diese feurige Natur nämlich entbrannte bei

Enthüllung der bischöflichen Makellosigkeit und seiner überirdischen Krönung

sofort in andächtigen Eifer und beanspruchte für sich nur den Ruhm, vor aller

Welt zum Besten der Kirche von dem stattgehabten Wunder Zeugnis abzulegen.

 

Gab es ein Herz, das noch mehr als das seine durch den Einblick in ein

auserwähltes Gemüt war entflammt worden, so war es das der Stiftsdame

Hermenegilde, deren Gefühl plötzlich einen neuen Umschwung, von der

Mutterliebe zur Gottesminne, nahm. Die Erkenntnis, aus selbstsüchtiger Rache

einen hochehrwürdigen und geradezu heiligen Mann beinahe ins Verderben

gestürzt zu haben, erfüllte sie mit Reue und Sehnsucht, so daß sie sich dem

Angebeteten schon in der Kirche zu Füßen geworfen hätte, wenn das Gedränge

um seine Person nicht zu groß gewesen wäre. Schmelzend vor Zerknirschung suchte sie in seine Wohnung vorzudringen, allein ungeachtet ihrer demütigen

Versicherungen blieb Wonnebald taub, freilich nicht ohne eine künftig

wiederkehrende Gnadenzeit in tröstliche Aussicht zu stellen.

 

Als dem Erzbischof das Gerücht sowohl der gegen den Bischof erhobenen

Anklage wie seiner Verantwortung zu Ohren kam, seufzte er mehrere Male und

verwünschte im Innern Wonnebald und denjenigen, der ihm zum erstenmal

seinen Namen genannt hatte. Am meisten plagte ihn der Ärger über sich selbst,

daß er sich in der Beurteilung und Behandlung des Menschen so arg vergriffen

habe, indessen auf einem Spaziergang, den er nach vollbrachten Tagesgeschäften

unternahm, beruhigte er sich ein wenig durch die Betrachtung, daß ihn eine

solche Erfahrung vielleicht vor Selbstüberhebung schützen sollte, daß außerdem

Dummheit und Dreistigkeit zuweilen das beste Echo aus der Welt herauslockten

und also auch diesmal vielleicht die Spitzbüberei des Bischofs der Kirche mehr

zum Nutzen als zum Schaden gereiche. Vollends als an den folgenden Tagen

Nachrichten einliefen, wie sich infolge des Wunders das kirchliche Leben in

Klus verdoppelt und verklärt habe, ertappte er sich des öfteren bei einem

unwillkürlichen Lächeln und machte sich selbst das Zugeständnis, daß er mit

Wonnebald zwar viel gewagt, aber am Ende denn doch das Richtige getroffen

habe. Zwar entsprach es seinem Geschmack, sich persönlich so wenig wie

möglich mit dem wundertätigen Benehmen der Millionenmutter einzulassen,

doch unternahm er auch nichts dagegen und ließ der Begeisterung ihren Lauf,

und wenn er es nicht umgehen konnte, sich darüber zu äußern, tat er es

vorsichtig und in feinen Wendungen, wie daß bei Gott kein Ding unmöglich sei

oder daß für den Gläubigen jedes Wunder wirklich sei und ihm von niemand

bestritten werden dürfe noch könne.

 

Mochten den Papst ähnliche Betrachtungen leiten, oder war ihm das

Wunder von Klus durch so feurige Zungen geschildert worden, daß das Unkraut

des Zweifels dabei nicht aufgehen konnte, kurz, er beschloß, den Bischof durch

Überreichung der Tugendrose auszuzeichnen, was denn freilich auch, nachdem

die Muttergottes sich zu seinen Gunsten ihrer eignen, kostbaren Kopfbedeckung

entäußert hatte, nicht anders als billig genannt werden konnte. Hierdurch wurde

das Wunder erst eigentlich beglaubigt, und seit die Nachricht von der

bevorstehenden Verleihung sich verbreitete, fingen auch die besseren Kreise an,

ihre Ehrfurcht vor dem Bischof lauter zu äußern, und wo etwa noch zerstreute

Gedanken den mystischen Vorfall unschlüssig und makelsüchtig umschwirrt

hatten, lösten sich diese nunmehr gänzlich auf wie Nebelgebräu vor der

triumphierenden Tagessonne.

Der geistliche Kammerherr, der dem Bischof die goldene Rose zu

überbringen hatte, glaubte weder an Gott noch an die Heiligen noch an sonst

etwas und konnte sich nichts andres vorstellen, als daß der Kluser Bischof ein

Mann von feinster Klugheit und Überlegenheit sein müsse, daß er den Leuten

eine so abgeschmackte Wundergeschichte habe eingeben und verdaulich machen

können. Er selbst war in der diplomatischen und schriftstellerischen Laufbahn zu

einem großen Ansehen gelangt, niemals aber hatte er sich in den Geruch der

Frömmigkeit bringen können, und bewunderte deshalb nichts so sehr wie die

Hinterlist und Gaukelkunst, vermöge der es einem gelang, die Rolle des

Gottesmannes zu spielen. Der Bischof feierte nach seiner Weise die Anwesenheit

des päpstlichen Gesandten durch ein prächtiges Mahl in seiner Burg, wobei alle

Kunstwerke und Erzeugnisse des Gewerbes, als Bilder, Statuen, Gläser,

Schüsseln und Silberzeug, zur Ausstellung gebracht worden waren, so daß man

nicht wußte, wohin man blicken und was man kosten sollte. Es war auch um

diese Zeit der Justizrat Schimmelmann von seiner Reise zurückgekehrt und zum

Feste eingeladen, das er durch geistreiche Erzählungen und vieldeutige Witze

aufs anmutigste belebte. Wonnebald aß und trank mit Lust und ließ es an

geeigneter Stelle nicht an einem munteren Ausruf fehlen, meistens aber schwieg

er mit beifälliger Herablassung, denn er hatte sich mittlerweile daran gewöhnt,

das Lamm Gottes darzustellen, und träufelte nur von Zeit zu Zeit, wie wenn er

nicht anders könnte, etwas Salbungsvolles und Erbauliches ins Gespräch. Der

Überbringer der Rose beobachtete den durchtriebenen Ränkeschmied, als den er

den Bischof ansah, neidvoll bescheiden, behandelte ihn mit Ehrerbietung und

hinterbrachte dem Papste einen über alle Maßen günstigen, fast begeisterten

Bericht über den erleuchteten Betrieb des Pückschen Bischofssitzes.

 

Indessen bekam Wonnebald die Mahlzeit, die er beim Rosenfeste zu sich

genommen hatte, schlecht; was erst nur eine leichte Störung in den verdauenden

Organen zu sein schien, erwies sich als tückische Krankheit, die den prangenden

Körper in wenigen Tagen zerstörte und als Leiche zurückließ. So unerwünscht

dies jähe Sterben dem Bischof sein mochte, der sein Dasein so geschickt und

fröhlich zu benutzen verstand, so gewinnbringend war es für sein Gedächtnis,

das sich nun an den glorwürdigsten Punkt seiner Laufbahn anknüpfen mußte.

Das Trauergepränge dauerte mehrere Tage, und während derselben verbreitete

sich das Gespräch häufig um die Frage, wie man den Verblichenen geziemend

und dauerhaft ehren könne, sei es durch ein Denkmal oder eine beschreibende

Darstellung seines Lebenswandels, was aber alles dem allgemeinen Gefühl noch

nicht Genüge tat. Da nun im Reden der Bevölkerung sowie in dem Nachruf, den

der Medizinalrat zum Andenken Wonnebalds in den Zeitungen drucken ließ, derselbe beiläufig als ein heiliger Mann war bezeichnet worden, kam man von

selbst dazu, ohne daß ein bestimmter Urheber des Gedankens hätte genannt

werden können, an die Heiligsprechung des Bischofs zu denken und ebendiese

als die passendste Würdigung seiner Verdienste anzusehen. Die hohen

Verbindungen des Medizinalrats ermöglichten es ihm, den Plan als einstimmigen

Wunsch der Kluser Bevölkerung zu Ohren des Papstes zu bringen, der, obwohl

er von allen Seiten nur das Beste über den Pückschen Lebenswandel gehört

hatte, sich doch vorsichtig in einer so wichtigen Angelegenheit zurückhielt. Wie

ausdrücklich sich auch die göttliche Meinung durch Aufsetzen der Marienkrone

für den Bischof ausgesprochen hatte, schien es vom Standpunkte des nicht

allwissenden Menschen doch geboten, die Lebensführung des Kandidaten Punkt

für Punkt, gleichsam wissenschaftlich, auf seine Heiligkeit hin zu untersuchen,

wodurch sich denn freilich auch seine unbedingtesten Verehrer zunächst in eine

gewisse Verlegenheit versetzt fanden. Bei näherem Bedenken indessen sagten sie

sich, daß, wenn Wonnebald auch nicht in Höhlen gelebt, noch sich

ausschließlich vom Tau des Himmels oder durch Berührung der Hostie ernährt,

noch überhaupt in dieser gewissermaßen älteren Richtung Löbliches und

Wunderwürdiges vollbracht habe, er hingegen die Tugenden der Demut und

Einfalt, welche die eigentlich christlichen seien, bis zum äußersten getrieben

habe, wie er denn die von Gott empfangene Auszeichnung vor jedermann

verheimlicht habe und bis zum Ende haben würde, wenn ihn nicht die

Verleumdung der Bösen zur Mitteilung gezwungen hätte. Er hätte, sagten sie,

ohne sich je der Wissenschaft zu bedienen, die so oft die Feindin des echten

Glaubens sei, eine hohe kirchliche Würde erlangt, von innen erleuchtet oder

durch Eingebung von oben zur Verwaltung eines so schweren Amtes befähigt.

Immer mehr im frommen Eifer sich erhitzend, fügten diese Sachwalter des

Bischofs hinzu, daß, wenn nicht mehr oder überhaupt gar keine staunenswerten

Taten von ihm bekannt seien, dies sich eben von seiner vollkommenen Demut

herschreibe, mit der verglichen die meisten Heiligen, von denen die Geschichte

wisse, unchristlicher Ruhmsucht gefrönt hätten.

 

Diese nachdrücklichen Begründungen konnten in harmonischer Weise

durch ebenso bedeutende materielle Kräfte unterstützt werden, was bei den

großen Kosten, die die Heiligsprechung mit sich bringt, nicht gering

anzuschlagen war. Ein glücklicher Einfall erinnerte die Unternehmer an die

Marienkrone, die, nachdem sie aus dem Ofenloche des Bischofs ans Licht

gefördert, mit Beschlag belegt war und sich nebst sämtlichen dazugehörigen

Edelsteinen noch immer in gerichtlicher Verwahrung befand, und deren

Geldwert hinreichte, um die Vollziehung des großen Geschäftes daraus zu bestreiten. Es hatte zwar die Absicht bestanden, der Gottesmutter ihre Krone

zurückzugeben, doch ließ sich dagegen einwenden, daß sie dieselbe freiwillig

und vermutlich aus guten Gründen an Wonnebald abgetreten habe, und daß man

in ihrem Sinne handle, wenn man sie zur Erhöhung und ewigen Krönung seiner

Person nutzbar mache.

 

Die Bevölkerung von Klus hatte die Sache ihres Bischofs während der

Entwicklung der Dinge völlig zu ihrer eignen gemacht und sah in der

Verzögerung eine ihr angetane Kränkung, woraus denn wiederum geschlossen

werden konnte, was für ein dringendes Bedürfnis die Anbetung des Wonnebald

im Volke sei. In Erwägung aller dieser Umstände zeigte sich der päpstliche Rat

endlich geneigt, und die Einreihung des Bischofs in die Schar der Heiligen fand

unter den üblichen Zeremonien zu vollkommener Befriedigung der Kluser

Frommen statt. Das Bild Pücks wurde in der Burgkirche aufgehängt, mit nach

oben gedrehten Augen, von wo eine Hand im Begriff war, das bekannte Diadem

herunterzulassen, kunstlos gemalt, aber der andächtigen Gemeinde durch

Vergegenwärtigung der seligen Gesichtszüge erbaulich. Auch der Erzbischof von

Casalba, der an gewissen Festtagen in der Kluser Kirche einen Gottesdienst

abhielt, verweilte gern einige Augenblicke vor dem Bilde und beglückwünschte

mit gedankenvollem Lächeln sich und die Menschheit über den zeitigen Tod des

Bischofs, da, wenn er länger gelebt und seine Laufbahn so schleunig wie bisher

fortgesetzt hätte, die Kirche schließlich gezwungen gewesen wäre, ihn zum

Herrgott zu machen, um ihn seinen Verdiensten und dem allgemeinen Bedürfnis

entsprechend weiter zu befördern.

 

21. bis 30. Tausend

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Druck der Offizin

Fr. Richter in Leipzig