Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück
D emnach begab es sich eines Nachmittags,…
D emnach begab es sich eines Nachmittags, daß Frau Lux dem Abte einen Knochen überbrachte, den ihre Kinder zwischen dem Gemäuer, auf dem Hügel
spielend, gefunden hatten und der das Aussehen eines menschlichen
Kinnbackens zu haben schien. Der Abt hörte den Bericht gnädig an und begab
sich, da es gerade Vesperzeit war, in die Kirche, deren Glocken, sowie er die
Schwelle betrat, merklich zu läuten anfingen, was Wonnebald, nachdem eine
natürliche Ursache des Geläuts nicht entdeckt wurde, dem soeben erhaltenen
Kinnbacken zuschreiben mußte. Die herbeigerufenen Väter und Brüder waren
geneigt, dieser Ansicht beizustimmen, und die lose und unklar in der Luft
schwebende Vermutung bestätigte sich, als der Knochen, den der Abt, um die
Hände zum Gebete frei zu haben, unter dem Standbilde des Krauti niedergelegt
hatte, da er ihn wieder an sich nehmen wollte, sich als festgewachsen erwies und
allen Bemühungen, ihn von der Stelle abzulösen, mit augenscheinlich magischen
Kräften trotzte.
Weitere emsige Nachgrabungen förderten noch mehrere Knochen ans Licht,
die dem Gutachten der würdigsten Männer zufolge einem einzigen Gerippe
angehörten, so daß, da auch die im Kloster aufbewahrten Urkunden und
Chroniken übereinstimmend auf Krauti hinwiesen, der Beweis in anatomischer,
historischer und göttlicher Hinsicht geleistet worden war.
Die Freude in der ganzen Umgebung war nicht gering, als sich die Kunde
von der Erhebung eines so ehrwürdigen Knochens verbreitete, der seine Kraft
innerhalb des Klosters bereits durch verschiedene wundervolle Kuren betätigt
hatte.
Der nächstfolgende Sonntag, der auch in Zukunft dem heiligen Krauti
gewidmet sein sollte, wurde durch eine Prozession nach dem Hügel, der die
seligen Reste des verehrten Mannes von sich gegeben hatte, eingeweiht, worauf
das Volk gegen Opferung freiwilliger Pfennige zur Berührung derselben
zugelassen wurde. Seitdem floß den Anfeindungen glaubensloser Spötter zum
Trotz reicher Gabensegen durch den Knochen auf das Kloster, und der Abt hatte
Ursache, sich seiner Erfindung herzlich zu erfreuen, als der Sonnenschein
allgemeiner Zufriedenheit und Dankbarkeit durch eine Wolke aus der Ferne
verdunkelt wurde, indem eine schottische Kirche, deren unberühmter Name
noch niemals über die Grenzen der Heimat hinaus erschollen war, Einspruch
gegen die Verehrung der neuen Reliquie erhob, unter Vorgeben, daß sie selbst seit über tausend Jahren das vollzählige Gerippe des heiligen Krauti
unangefochten und unanfechtbar besitze, der, von Geburt ein Ire, im Alter nach
den britischen Inseln zurückgekehrt sei und dort durch Zerschmetterung des
Schädels von Heiden, die er bekehren wollte, die Märtyrerkrone erworben habe,
wovon die Spuren an dem betreffenden Knochen deutlich wahrzunehmen seien.
Jetzt kam die Angelegenheit vor den Erzbischof der Diözese, Herrn
Giselbert von Casalba, der ihr bisher nur eine oberflächliche Teilnahme
zugewendet hatte. Dieser war ein Mann von den vornehmsten Sitten und
Lebensgewohnheiten, mit einem feinen Herzen und katzenschnellen Verstande
begabt, der hüpfend und schlüpfend jeder Schwierigkeit begegnete, und wie er
mit zarten Fingern das Verschlungene und Unebene ins gleiche zu bringen
wußte, liebte er es, wenn ihm verzweifelte Fälle zum Ordnen übertragen wurden.
Er antwortete der schottischen Kirche in würdiger, ein wenig herablassender
Fassung, daß die legendarischen Berichte über das Ende des heiligen Krauti
voneinander abwichen, und daß seines Wissens die Wahrheit von seiten der
Kirche noch nicht endgültig festgestellt sei, daß er aber ihren Anspruch, das
echte Gerippe zu besitzen, um so weniger anfechten wolle, als sich bereits aus
einem seither aufgefundenen Dokumente ergeben habe, daß der fragliche
Knochen, dessen Wundertätigkeit fortwährend im Gange sei, dem heiligen
Zeterbogk zugehöre, der, ein Begleiter des Krauti, der zweite Abt des Klosters
gewesen und in demselben verstorben sei, und dessen Überreste schon seit
Jahrhunderten an eben dieser Stelle gesucht seien, aber früher nicht hätten
gefunden werden können.
Der Erzbischof urteilte, daß, da die mannigfaltige Wirksamkeit der Reliquie
nun einmal mit Glück in Betrieb gesetzt sei, die Kirche mit dem Zuwachs an
heilkräftigem Gebein zufrieden sein könne, ob dasselbe nun einen Bestandteil
des heiligen Krauti oder des ebenso heiligen Zeterbogk gebildet hätte. Allerdings
tadelte der Erzbischof den Abt, der die schwierige Sache zu leichthin und roh
behandelt habe, insgeheim scharf, bildete sich aber bei näherem persönlichen
Verkehr eine überwiegend günstige Meinung über ihn, was zum Teil eine Folge
seiner vornehmen Gesinnung und Herzenswärme war, zum Teil aber daher
rührte, daß er den Blick immer auf Bedeutendes und Merkwürdiges richtete und
darum gerade in der Beurteilung des Einfachen und Einfältigen häufig irrte. Daß
Wonnebald im allgemeinen dumm und kenntnislos war, entging ihm nicht, und
auch seine dreiste, unbezähmbare Sinnlichkeit erkannte er, doch glaubte er in
ihm jene geniale Zeugungskraft weittragender Einfälle, jenen Spürsinn, jene
Sehergabe wahrzunehmen, vermöge welcher Kinder und Toren oft den
Gebildeten beschämen, und war deshalb der Meinung, es könne großer Gewinn aus ihm gezogen werden, wenn man ihn unter Aufsicht hielte und ein denkender
Geist sich gewissermaßen seiner unbewußten Fähigkeiten bediente. Da nun
außerdem das Kloster durch den Knochen des Krauti oder Zeterbogk einen
sichtbaren Aufschwung genommen hatte und der Abt, unter dessen Regiment die
Entdeckung stattgefunden hatte, ein Zeichen der Anerkennung durchaus
verdiente, und da es, angesichts der Anfeindungen und Anklagen, die
Wonnebald in dieser Gegend sich zugezogen hatte, ratsam schien, ihn von dort
zu entfernen, wo sein übler Ruf schließlich auch auf den von ihm eingeführten
Knochen hätte fallen können, hielt es Giselbert für das angemessenste, wenn er
zum Bischof von Klus ernannt würde, einem einst bedeutenden, jetzt
heruntergekommenen, unwichtigen Orte, nicht allzuweit von seiner eignen
Residenz, so daß er sein Tun und Lassen einigermaßen bewachen könnte.
Pück war mit diesem Wechsel, der auf die Befürwortung des Erzbischofs
wirklich eintrat, sehr zufrieden, sowohl wegen des guten Fortschritts auf seiner
Laufbahn, wie weil der Aufenthalt im Kloster ihm allzu eintönig geworden war
und er nicht zweifelte, Klus, das zwar klein und nicht betriebsam, aber ein
behagliches Städtchen war, wo infolge seiner schönen Lage reiche Leute ihre
Einkünfte verzehrten, werde eine Fülle von Anregungen für seine Gemütsart in
sich bergen. Einzig der Gedanke war ihm unleidlich, daß er sich von Lux trennen
sollte, bevor er seinen Liebesmut gekühlt hätte, und nicht zum wenigsten
deshalb, weil ihm ihre Hilfe in Schreibereien und andern Dingen unentbehrlich
geworden war. Er hatte die Überzeugung gewonnen, daß Frauen, vernünftiger
und bescheidener als Männer, sich geleisteter Dienste wegen weit weniger als
jene überhöben und sich oft schon dadurch als belohnt betrachteten, daß sie
einem Manne und insbesondere einem Geistlichen überhaupt von Nutzen sein
durften. Deswegen unterstützte er eifrig die Bitte des alten Bernkule, der eben
um diese Zeit schrieb, man habe ihm seiner zunehmenden Gebrechlichkeit
wegen einen Gehilfen gegeben, der unanstellig und zuwider sei und den er gern
durch einen Verwandten ersetzen möchte; wenn Lux willens wäre,
Männerkleidung anzulegen und sich je nach Alter und Aussehen, das ihm
unbekannt sei, für seinen Sohn oder Enkel auszugeben, könne sie einerseits
ihrem alten, vereinsamten Schwiegervater behilflich sein und zugleich, da sie
zweifelsohne sein Nachfolger werden würde, sich und ihren Kindern eine
schöne, gesicherte Zukunft begründen. Auch damit war Wonnebald vollkommen
einverstanden, denn er meinte, wenn Lux als Mann aufträte, könne er sich desto
häufiger in ihrer Nähe sehen lassen, ohne sich böswilligen Deutungen
auszusetzen, und er versprach ihr, wenn sie nur mitkäme, das Seinige zu tun,
damit der unschuldige Betrug zur Ausführung gebracht werden könnte. Der kleine Brun mißbilligte zwar die Handlung seiner Mutter nicht nur aus
Rechtlichkeit, sondern aus einem trotzigen Männergefühl, das sich dagegen
sträubte, die Mutter in einen älteren Bruder verwandelt zu sehen, aber ihre
neckischen Späße und holdseligen Liebkosungen überwanden seinen Groll, und
so ging die Übersiedlung glücklich vonstatten; im sanftesten Frühlingswetter
stellte sich die neue Heimat mit fruchtbaren hügeligen Fluren auf der einen Seite
eines weißen, stürmisch hinschießenden Flusses und dem gemach ansteigenden
Gebirge auf der andern überaus zufriedenstellend dar. Der Bischof bewohnte
eine wunderlich aufgetürmte Burg, an der Jahrhunderte gebaut haben mochten
und die von einer Anhöhe über den Fluß, der an dieser Stelle einen tosenden
Strudel bildete, auf das Tal und hinüber auf die Berge blickte.
In die Burg hineingebaut war eine Kirche, von außen unscheinbar, aber
innen mit goldenen Altären, pompösen Grabmälern und engelumflatterten
Kruzifixen sinnverwirrend ausgestattet. Wonnebald fühlte sich inmitten dieser
Pracht und in seinem neuen Galagewande endlich ebenbürtig eingefaßt und
umgeben und zelebrierte die erste hohe Messe so majestätisch und geläufig, daß
die anwesenden Geistlichen und Laien betäubt und verlegen dasaßen und sich
ihres minderen Wertes bewußt wurden. Auch Lux hatte sich in die Kirche
hineinzudrängen gewußt und betrachtete gemächlich von oben die stumm
wogende Menge und den köstlichen Zierat in Gold und Porphyr um sich her, bis
sich im Hintergrunde eine Pforte auftat und der Bischof mit geschwindem Schritt
und geblähtem Mantel das Kreuzschiff durchmaß, vor einigen Heiligtümern sich
rauschend verneigte, um sodann hinter dem Gitter des Altarraumes zu
verschwinden. Die schmalen grauen Augen der Lux lächelten vor Vergnügen,
wie sie an die Briefe dachte, die sie für den Abt geschrieben hatte, an die
Liebeswerbungen, mit denen er sie umschmeichelte, und ihn jetzt im
Allerheiligsten so flink und gewaltig hantieren sah, und beim Anblick des
Volkes, das atemlos und geduckt dem heiligen Schauspiel zusah, wandelte sie
eine solche Lustigkeit an, daß sie zuweilen das Gesicht mit den Händen
bedecken mußte, um nichts davon merken zu lassen.