Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

Ricarda Huch · Kapitel 4 von 18

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Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

D emnach begab es sich eines Nachmittags,…

D emnach begab es sich eines Nachmittags, daß Frau Lux dem Abte einen Knochen überbrachte, den ihre Kinder zwischen dem Gemäuer, auf dem Hügel

spielend, gefunden hatten und der das Aussehen eines menschlichen

Kinnbackens zu haben schien. Der Abt hörte den Bericht gnädig an und begab

sich, da es gerade Vesperzeit war, in die Kirche, deren Glocken, sowie er die

Schwelle betrat, merklich zu läuten anfingen, was Wonnebald, nachdem eine

natürliche Ursache des Geläuts nicht entdeckt wurde, dem soeben erhaltenen

Kinnbacken zuschreiben mußte. Die herbeigerufenen Väter und Brüder waren

geneigt, dieser Ansicht beizustimmen, und die lose und unklar in der Luft

schwebende Vermutung bestätigte sich, als der Knochen, den der Abt, um die

Hände zum Gebete frei zu haben, unter dem Standbilde des Krauti niedergelegt

hatte, da er ihn wieder an sich nehmen wollte, sich als festgewachsen erwies und

allen Bemühungen, ihn von der Stelle abzulösen, mit augenscheinlich magischen

Kräften trotzte.

 

Weitere emsige Nachgrabungen förderten noch mehrere Knochen ans Licht,

die dem Gutachten der würdigsten Männer zufolge einem einzigen Gerippe

angehörten, so daß, da auch die im Kloster aufbewahrten Urkunden und

Chroniken übereinstimmend auf Krauti hinwiesen, der Beweis in anatomischer,

historischer und göttlicher Hinsicht geleistet worden war.

 

Die Freude in der ganzen Umgebung war nicht gering, als sich die Kunde

von der Erhebung eines so ehrwürdigen Knochens verbreitete, der seine Kraft

innerhalb des Klosters bereits durch verschiedene wundervolle Kuren betätigt

hatte.

 

Der nächstfolgende Sonntag, der auch in Zukunft dem heiligen Krauti

gewidmet sein sollte, wurde durch eine Prozession nach dem Hügel, der die

seligen Reste des verehrten Mannes von sich gegeben hatte, eingeweiht, worauf

das Volk gegen Opferung freiwilliger Pfennige zur Berührung derselben

zugelassen wurde. Seitdem floß den Anfeindungen glaubensloser Spötter zum

Trotz reicher Gabensegen durch den Knochen auf das Kloster, und der Abt hatte

Ursache, sich seiner Erfindung herzlich zu erfreuen, als der Sonnenschein

allgemeiner Zufriedenheit und Dankbarkeit durch eine Wolke aus der Ferne

verdunkelt wurde, indem eine schottische Kirche, deren unberühmter Name

noch niemals über die Grenzen der Heimat hinaus erschollen war, Einspruch

gegen die Verehrung der neuen Reliquie erhob, unter Vorgeben, daß sie selbst seit über tausend Jahren das vollzählige Gerippe des heiligen Krauti

unangefochten und unanfechtbar besitze, der, von Geburt ein Ire, im Alter nach

den britischen Inseln zurückgekehrt sei und dort durch Zerschmetterung des

Schädels von Heiden, die er bekehren wollte, die Märtyrerkrone erworben habe,

wovon die Spuren an dem betreffenden Knochen deutlich wahrzunehmen seien.

 

Jetzt kam die Angelegenheit vor den Erzbischof der Diözese, Herrn

Giselbert von Casalba, der ihr bisher nur eine oberflächliche Teilnahme

zugewendet hatte. Dieser war ein Mann von den vornehmsten Sitten und

Lebensgewohnheiten, mit einem feinen Herzen und katzenschnellen Verstande

begabt, der hüpfend und schlüpfend jeder Schwierigkeit begegnete, und wie er

mit zarten Fingern das Verschlungene und Unebene ins gleiche zu bringen

wußte, liebte er es, wenn ihm verzweifelte Fälle zum Ordnen übertragen wurden.

Er antwortete der schottischen Kirche in würdiger, ein wenig herablassender

Fassung, daß die legendarischen Berichte über das Ende des heiligen Krauti

voneinander abwichen, und daß seines Wissens die Wahrheit von seiten der

Kirche noch nicht endgültig festgestellt sei, daß er aber ihren Anspruch, das

echte Gerippe zu besitzen, um so weniger anfechten wolle, als sich bereits aus

einem seither aufgefundenen Dokumente ergeben habe, daß der fragliche

Knochen, dessen Wundertätigkeit fortwährend im Gange sei, dem heiligen

Zeterbogk zugehöre, der, ein Begleiter des Krauti, der zweite Abt des Klosters

gewesen und in demselben verstorben sei, und dessen Überreste schon seit

Jahrhunderten an eben dieser Stelle gesucht seien, aber früher nicht hätten

gefunden werden können.

 

Der Erzbischof urteilte, daß, da die mannigfaltige Wirksamkeit der Reliquie

nun einmal mit Glück in Betrieb gesetzt sei, die Kirche mit dem Zuwachs an

heilkräftigem Gebein zufrieden sein könne, ob dasselbe nun einen Bestandteil

des heiligen Krauti oder des ebenso heiligen Zeterbogk gebildet hätte. Allerdings

tadelte der Erzbischof den Abt, der die schwierige Sache zu leichthin und roh

behandelt habe, insgeheim scharf, bildete sich aber bei näherem persönlichen

Verkehr eine überwiegend günstige Meinung über ihn, was zum Teil eine Folge

seiner vornehmen Gesinnung und Herzenswärme war, zum Teil aber daher

rührte, daß er den Blick immer auf Bedeutendes und Merkwürdiges richtete und

darum gerade in der Beurteilung des Einfachen und Einfältigen häufig irrte. Daß

Wonnebald im allgemeinen dumm und kenntnislos war, entging ihm nicht, und

auch seine dreiste, unbezähmbare Sinnlichkeit erkannte er, doch glaubte er in

ihm jene geniale Zeugungskraft weittragender Einfälle, jenen Spürsinn, jene

Sehergabe wahrzunehmen, vermöge welcher Kinder und Toren oft den

Gebildeten beschämen, und war deshalb der Meinung, es könne großer Gewinn aus ihm gezogen werden, wenn man ihn unter Aufsicht hielte und ein denkender

Geist sich gewissermaßen seiner unbewußten Fähigkeiten bediente. Da nun

außerdem das Kloster durch den Knochen des Krauti oder Zeterbogk einen

sichtbaren Aufschwung genommen hatte und der Abt, unter dessen Regiment die

Entdeckung stattgefunden hatte, ein Zeichen der Anerkennung durchaus

verdiente, und da es, angesichts der Anfeindungen und Anklagen, die

Wonnebald in dieser Gegend sich zugezogen hatte, ratsam schien, ihn von dort

zu entfernen, wo sein übler Ruf schließlich auch auf den von ihm eingeführten

Knochen hätte fallen können, hielt es Giselbert für das angemessenste, wenn er

zum Bischof von Klus ernannt würde, einem einst bedeutenden, jetzt

heruntergekommenen, unwichtigen Orte, nicht allzuweit von seiner eignen

Residenz, so daß er sein Tun und Lassen einigermaßen bewachen könnte.

 

Pück war mit diesem Wechsel, der auf die Befürwortung des Erzbischofs

wirklich eintrat, sehr zufrieden, sowohl wegen des guten Fortschritts auf seiner

Laufbahn, wie weil der Aufenthalt im Kloster ihm allzu eintönig geworden war

und er nicht zweifelte, Klus, das zwar klein und nicht betriebsam, aber ein

behagliches Städtchen war, wo infolge seiner schönen Lage reiche Leute ihre

Einkünfte verzehrten, werde eine Fülle von Anregungen für seine Gemütsart in

sich bergen. Einzig der Gedanke war ihm unleidlich, daß er sich von Lux trennen

sollte, bevor er seinen Liebesmut gekühlt hätte, und nicht zum wenigsten

deshalb, weil ihm ihre Hilfe in Schreibereien und andern Dingen unentbehrlich

geworden war. Er hatte die Überzeugung gewonnen, daß Frauen, vernünftiger

und bescheidener als Männer, sich geleisteter Dienste wegen weit weniger als

jene überhöben und sich oft schon dadurch als belohnt betrachteten, daß sie

einem Manne und insbesondere einem Geistlichen überhaupt von Nutzen sein

durften. Deswegen unterstützte er eifrig die Bitte des alten Bernkule, der eben

um diese Zeit schrieb, man habe ihm seiner zunehmenden Gebrechlichkeit

wegen einen Gehilfen gegeben, der unanstellig und zuwider sei und den er gern

durch einen Verwandten ersetzen möchte; wenn Lux willens wäre,

Männerkleidung anzulegen und sich je nach Alter und Aussehen, das ihm

unbekannt sei, für seinen Sohn oder Enkel auszugeben, könne sie einerseits

ihrem alten, vereinsamten Schwiegervater behilflich sein und zugleich, da sie

zweifelsohne sein Nachfolger werden würde, sich und ihren Kindern eine

schöne, gesicherte Zukunft begründen. Auch damit war Wonnebald vollkommen

einverstanden, denn er meinte, wenn Lux als Mann aufträte, könne er sich desto

häufiger in ihrer Nähe sehen lassen, ohne sich böswilligen Deutungen

auszusetzen, und er versprach ihr, wenn sie nur mitkäme, das Seinige zu tun,

damit der unschuldige Betrug zur Ausführung gebracht werden könnte. Der kleine Brun mißbilligte zwar die Handlung seiner Mutter nicht nur aus

Rechtlichkeit, sondern aus einem trotzigen Männergefühl, das sich dagegen

sträubte, die Mutter in einen älteren Bruder verwandelt zu sehen, aber ihre

neckischen Späße und holdseligen Liebkosungen überwanden seinen Groll, und

so ging die Übersiedlung glücklich vonstatten; im sanftesten Frühlingswetter

stellte sich die neue Heimat mit fruchtbaren hügeligen Fluren auf der einen Seite

eines weißen, stürmisch hinschießenden Flusses und dem gemach ansteigenden

Gebirge auf der andern überaus zufriedenstellend dar. Der Bischof bewohnte

eine wunderlich aufgetürmte Burg, an der Jahrhunderte gebaut haben mochten

und die von einer Anhöhe über den Fluß, der an dieser Stelle einen tosenden

Strudel bildete, auf das Tal und hinüber auf die Berge blickte.

 

In die Burg hineingebaut war eine Kirche, von außen unscheinbar, aber

innen mit goldenen Altären, pompösen Grabmälern und engelumflatterten

Kruzifixen sinnverwirrend ausgestattet. Wonnebald fühlte sich inmitten dieser

Pracht und in seinem neuen Galagewande endlich ebenbürtig eingefaßt und

umgeben und zelebrierte die erste hohe Messe so majestätisch und geläufig, daß

die anwesenden Geistlichen und Laien betäubt und verlegen dasaßen und sich

ihres minderen Wertes bewußt wurden. Auch Lux hatte sich in die Kirche

hineinzudrängen gewußt und betrachtete gemächlich von oben die stumm

wogende Menge und den köstlichen Zierat in Gold und Porphyr um sich her, bis

sich im Hintergrunde eine Pforte auftat und der Bischof mit geschwindem Schritt

und geblähtem Mantel das Kreuzschiff durchmaß, vor einigen Heiligtümern sich

rauschend verneigte, um sodann hinter dem Gitter des Altarraumes zu

verschwinden. Die schmalen grauen Augen der Lux lächelten vor Vergnügen,

wie sie an die Briefe dachte, die sie für den Abt geschrieben hatte, an die

Liebeswerbungen, mit denen er sie umschmeichelte, und ihn jetzt im

Allerheiligsten so flink und gewaltig hantieren sah, und beim Anblick des

Volkes, das atemlos und geduckt dem heiligen Schauspiel zusah, wandelte sie

eine solche Lustigkeit an, daß sie zuweilen das Gesicht mit den Händen

bedecken mußte, um nichts davon merken zu lassen.