Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück
I n derselben Stadt war der Sitz…
I n derselben Stadt war der Sitz eines Weihbischofs, der, gelehrt und sittenstreng, an dem ungebührlichen Betragen Wonnebalds einen großen Anstoß
nahm und sich häufig über ihn so ereiferte, daß er ihn gern mit Schimpf und
Schande aus der Kirche ausgestoßen hätte. Doch überlegte er sich, daß der
leidige Mensch einen reichen und hochansehnlichen Familienanhang habe, der
ein so scharfes Vorgehen übel aufnehmen würde, und ferner, daß es der Kirche
einen schlechten Leumund bereiten könnte, wenn man erführe, daß ein
unwissender, untüchtiger und gewissenloser Mensch wie Pück es bis zum Pfarrer
hatte bringen können. Unter seinen Augen aber wollte er solche Leichtfertigkeit
sich nicht breitmachen sehen und betrieb deshalb seinen Übergang in ein
Kloster, so die Verantwortung für seine schamlose Aufführung von sich
abladend, aber nicht ohne ihn mit nachdrücklichen Empfehlungen auszurüsten.
In dieser und ähnlicher Art rückte Wonnebald mühelos empor und wurde etwa
fünfundvierzigjährig Abt eines Klosters, das in schöner, waldreicher Gegend
abseits vom Verkehr der großen Welt gelegen war. Immerhin gab es in der
Nachbarschaft des Klosters mehrere große Güter, deren Besitzer mit dem
geselligen Abte in freundliche Beziehungen traten und im Verein mit welchen er
sich bald das Leben so genußreich einzurichten wußte, wie es nach seinem Sinn
war. Umsonst freilich gelangte er weder zu den üppigen Speisen noch zu den
Zärtlichkeiten der Frauen, vielmehr gab er dafür so viel Geld aus, daß er sich auf
das Spielen verlegte, wobei er im ganzen mehr verlor als gewann und seine Lage
noch verschlimmerte. Was er von seinen inzwischen verstorbenen Eltern geerbt
hatte, war bereits aufgebraucht, und die Geschwister, die ihm öfters Geld
vorgestreckt, aber stets vergeblich auf Wiedererstattung gedrungen hatten,
weigerten sich durchaus, ihm nochmals beizuspringen; so kam er dazu, den
Gutsbesitzern abzuborgen, was er ihnen nicht abgewinnen konnte, und ihnen
ebenfalls nichts davon zurückzuzahlen. Dies verdroß die Herren, die alle
nacheinander an die Reihe kamen, mehr und mehr und vergällte ihnen das
Zechen und Bechern mit dem Abte, ja manchen unter ihnen fiel es jetzt auf, daß
er kein Gottesmann wäre, wie er sein sollte, und sie setzten ihn daheim und
öffentlich mit deutlichen Anspielungen herunter. Im Kloster selbst hatte er alle
diejenigen auf seiner Seite, denen ein gemächliches Leben über alles gefiel,
einige aber, die aus Frömmigkeit oder galliger Gemütsart den Freudentaumel
nicht mitmachen wollten, mißbilligten ihn durch schweigende Zurückhaltung
oder verklagten ihn böswillig, wenn sich eine Gelegenheit dazu bot.
Diese Zustände bewirkten mit der Zeit, daß Wonnebald zuweilen von
seinen Oberen Sendbriefe mit Vorwürfen und Drohungen erhielt, über deren
Beantwortung er seufzte und schwitzte, ohne doch etwas Rechtes zustande zu
bringen, wodurch er auf den Gedanken kam, die Arbeit einem geschickten Kopf
zu übertragen, der ihm ergeben wäre. Dies auszuführen, war aber nicht leicht,
denn er wollte sich weder den Klosterbrüdern noch den Gutsnachbarn
anvertrauen, sondern am liebsten einem einfachen, armen Manne, der ihn
womöglich für einen übel verleumdeten, ehrwürdigen Kirchenvater ansähe und
außerdem durch kleine Belohnungen in Abhängigkeit zu halten wäre. Unter den
Bauern und Tagelöhnern, die in der Gegend wohnten, war ihm indessen keiner
bekannt, der gescheiter als er selbst gewesen wäre, doch fiel ihm ein, einmal von
einer Frau gehört zu haben, die mit zierlicher Handschrift wundervoll zu
schreiben verstände und für die ganze Bauernschaft ringsum ausfertigte, was an
Schreibereien vorkäme, sei es in Liebessachen oder beim Handel oder vor
Gericht. Wonnebald, der unter den Frauen und Mädchen übrigens gut Bescheid
wußte, hatte sich die Bekanntschaft der Lux Bernkule, denn um diese handelte es
sich, aus mehreren Gründen bisher entgehen lassen: einmal weil er die gelehrten
Weiber verabscheute und sodann weil er wußte, daß sie eines Jägers Frau war,
eines strengen, aufbrausenden Mannes, der überdies auf die Geistlichkeit nicht
gut zu sprechen war.
Lux war das Kind einer Nonne, einer vornehmen und hochgebildeten, in
allerlei Künsten geübten Dame, die einen schon vor ihrer Einkleidung ihr
vertrauten Liebhaber auch im Kloster noch öfters gesehen und eine Tochter
geboren hatte, und der eine nachsichtige Äbtissin gestattete, daß das Kind unter
den Bediensteten des Klosters aufwachsen durfte. Zwar durfte sie mit ihrer
Mutter nur flüchtig verkehren und ihr auch nie, obwohl ihr das gegenseitige
Verhältnis nicht verborgen blieb, den Mutternamen geben, doch hatte sie
Gelegenheit, mancherlei zu lernen und sich zu bilden, und benutzte sie willig,
wie denn überhaupt ihrem gesunden Geiste von allen Seiten Nährendes und
Heilsames zugeflogen kam. Manches Mädchen wäre unter so heiklen
Umständen vergrämt und vergrillt geworden, Lux indessen war mild und heiter
geartet, durchschaute die Dinge und die Menschen, ohne sich an ihnen zu ärgern,
und verlangte nicht viel, außer daß man sie anständig und freundlich behandelte,
denn sie war empfindlich gegen harte oder unschöne Berührungen, wie ihr denn
überhaupt ein gewisser Hang für anmutige Lebensformen angeboren war.
Trotzdem verliebte sie sich, als sie achtzehnjährig war, in den Jäger Henne
Bernkule, der ein Mann ohne gebildete Sitten war, was freilich in der Zeit der
Werbung, wo die Leidenschaft seine kräftige Schönheit veredelte und immerwährender Sonntag in ihren erwartungsvollen Herzen herrschte, leicht
übersehen werden konnte. Später sah sie allerlei Gebärden und Gewohnheiten an
ihm, die mit ihrem Schönheitssinn nicht in Einklang waren, doch hatte sie ihn
deswegen nicht weniger lieb, sondern lachte zuweilen darüber oder denn es
rührte sie. Peinlich war es ihr, wenn ihr Mann, was er gern tat, über die
schlechten Menschen schimpfte, insbesondere über die Geistlichkeit, wobei er
immer dieselbe Beweisführung und dieselben Ausdrücke anwendete, und zwar
erging er sich am bittersten über das Kloster, in dem sie aufgewachsen war, nicht
zum wenigsten eben deswegen, weil sie sich dort, bevor sie etwas von ihm
wußte, zufrieden gefühlt hatte.
Nun wollte es das Glück des Abtes, daß der Forstmann im Kampfe mit
einem Wilderer verwundet wurde und starb, gerade zu der Zeit, als er der Hilfe
seiner Frau bedürftig wurde, die er nun ohne Furcht zu sich bescheiden konnte,
um ihr sein Ansinnen auseinanderzusetzen. Der Anblick der großen, mit stiller
Lieblichkeit sich bewegenden Frau und ihrer sanft lächelnden Augen machte ihn
fast ein wenig verlegen, da er sie sich anders vorgestellt hatte; aber sein
Anliegen betreffend, flößte ihm die Art ihrer Erscheinung sogleich die
Überzeugung ein, daß sie alles Erforderliche verstehen und auch tun würde. Sie
hörte auf eine solche Weise zu, daß die Worte des Sprechenden ihr von selbst
entgegenkamen und er fließender und einleuchtender, als er selbst geglaubt hatte,
die Angelegenheit erklären konnte: wie er mit Geschäften überladen und dazu an
einem bösen Gliederfuß leidend sei, so daß er die Feder nicht stramm führen
könne, wie er von Unruhstiftern verleumdet, und wie verdrießlich ihm, einem
friedfertigen Priester, solches Gezänk sei, so daß er herzlich dankbar sein würde,
wenn ein einsichtiger und verschwiegener Freund den häßlichen Briefwechsel,
wie es ihn gut dünkte, erledigte. Lux sagte vergnügt und bescheiden, sie habe
alles verstanden und werde das Ding zur Zufriedenheit des Abtes ausführen,
brachte auch wirklich in Bälde ein Schriftstück zustande, das Wonnebald mit
behaglichem Stolz als seines abschickte. Zur Liebe hielt der Abt die Witwe nicht
geeignet, da sie nichts weder von der drallen und schnippischen noch von der
süßlich weinerlichen Frauenart hatte, die er bevorzugte; sie kam ihm
unscheinbar vor, und er sah es für eine schöne Leutseligkeit seinerseits an, daß er
ihr trotzdem eine gewisse Annehmlichkeit zubilligte. Einer Ähre glich sie
wirklich mit schlankem, biegsamem, stolzem Halme, die keine prangenden
Blüten trägt, aber durch die bald silbern aufglänzende, bald blau und lila
schattende Farbe und den würzereichsten, belebendsten Geruch jeden Wanderer
anzieht und unwiderstehlich gewinnt. Zu seiner eignen Verwunderung mußte
sich der Abt bald gestehen, daß er in außergewöhnlich hohem Grade in Lux verliebt war, und obwohl er annehmen durfte, daß sie eine so ganz unverdiente
Zuneigung ohne Zögern reichlich erwidern würde, fand er doch nicht sogleich
eine Wendung, um aus der geschäftlichen Region in die menschlich gefühlvolle
überzugehen. Nach kurzer Zeit indessen hatte er sich so weit ermannt, daß er
sich ihr mit zutraulicher Zärtlichkeit näherte, aber sie wehrte ihn freundlich ab,
indem sie erklärte, sie sei Mutter zweier Kinder und erst kürzlich Witwe
geworden und nicht in der Verfassung, dergleichen Scherze zu dulden oder gar
auszutauschen. Der Abt meinte, die wohlwollende Äußerung seiner Dankbarkeit
dürfe sie sich immerhin gefallen lassen, hielt sich aber doch seitdem zurück, da
seine Kenntnis des weiblichen Geschlechts ihm riet, sich in diesem Falle nicht
aufzudrängen, sondern klüglich die Annäherung der Stolzen abzuwarten.
Inzwischen besuchte er sie zuweilen in ihrer Wohnung, um sich mit ihren
Kindern zu befreunden, womit er aber nicht viel Glück hatte; denn Brun zeigte
sich um so trotziger, je schmeichelnder die Liebenswürdigkeit des Abtes ihn zu
gewinnen suchte, und die kleine Lisutt machte sich wohl seine Beflissenheit
zunutze, indem sie ihn Greifen und Verstecken spielen ließ, daß er schwitzte,
schalt ihn jedoch Tropf und Faulpelz, weil er nicht hurtig genug auf die Spiele
einging, und drehte ihm den Rücken, sowie sich ein besserer Kamerad einfand.
Lisutt hatte dunkelblondes, ein wenig gelocktes Haar, das auf beiden Seiten
der rundgewölbten Stirn auf den festen Hals fiel, einen winzigen Mund, der stets
etwas offen stand, und eine winzige Nase, die dem runden Gesicht den Ausdruck
von Ahnungslosigkeit und Sicherheit verliehen, mit dem es unbekümmert in die
Welt blickte. Der Abt hatte für die Süßigkeit dieser vollkommenen
Lebensknospe keinen Sinn, und wenn er Kindern auch nichts zuleide tat,
wünschte er doch im Herzensgrunde, daß sie alle der Kuckuck holte, als etwas,
was schwirrend und blutsaugend um einen herum wäre wie Mücken im
Hochsommer. Zuweilen ärgerte er sich auch über Lux, daß sie diese Kinder hatte
und sich so kostbar machte, anstatt die liebe lange Zeit mit ihm zu genießen,
aber der Groll erhitzte nur seinen Wunsch, sie zu besitzen und alsdann zur Strafe
für ihre Widerborstigkeit recht kurz am Zügel zu halten. Obwohl er im
allgemeinen mit vollen Händen spendete, um vergnügte und ergebene Gesichter
um sich zu sehen, belohnte er Lux für die Schreiberdienste, die sie ihm leistete,
nur kärglich; denn er meinte, sie sei schon allzu hochfahrend und müsse
womöglich durch Geldmangel in Demut und Abhängigkeit erhalten werden.
Unterdessen blieb der Geldmangel des Abtes fortwährend derselbe, und da
einer von seinen Gläubigern, der sich selbst in mißlicher Lage befand,
eigensinnig auf sein Recht pochte und ihn mit bösartigen Drohungen verfolgte,
beschloß er, die zudringliche Habgier desselben müsse, es koste, was es wolle, gesättigt und sein eigner Beutel wiederum gefüllt werden. Die Verzweiflung
befruchtete seine Erfindungsgabe: beim Anblick eines starken, blank
abgesogenen Gänsebeines kam er auf den Gedanken, dasselbe könne füglich
auch einem andern Lebewesen, beispielsweise einem Menschen angehört haben,
und wenn es einerseits bedauerlich sei, daß es einen Teil eines unwürdigen
Vogelgerippes anstatt eines Heiligenleibes bilde, als welches es angebetet
werden, Wunder verrichten und viel Geld einbringen könnte, so sei anderseits
nichts dagegen einzuwenden, wenn ein denkender Kopf es als verschollenen
Knochen eines hervorragenden Märtyrers ausgäbe, und müßte sowohl die Kirche
wie die Laienwelt demselben für eine so glückliche Eingebung dankbar sein.
Der Einfall versetzte Wonnebald in eine behaglich prickelnde Erregung, so
daß er, um die Stimmung gehörig auszukosten, sogleich seinen vertrautesten
Genossen, den Pater Eulogius, rief und eine Karaffe voll des erlesensten Weines
in den kleinen erkerartigen Ausbau bringen ließ, den der sinnige Erbauer des
Klosters hatte anbringen lassen, um von dort aus das Untergehen der Sonne
hinter den dunkeln Wäldern zu betrachten. Hierauf setzten sich die Männer in
die beiden breiten geschnitzten Stühle, die die Nische ausfüllten, und besprachen
lächelnd und flüsternd, wie die heimliche Sache, deren Bedeutsamkeit dem
Eulogius augenblicklich einleuchtete, möglichst glaubwürdig und ersprießlich
könne ausgerichtet werden. Wie sie zuweilen zwischen dem Plaudern die Gläser
hoben, einen bedächtigen Schluck nahmen und, die Augen halb schließend, sich
zurücklehnten, fielen ihre Blicke auf ein altes Gemäuer, das den nächsten Hügel
bekrönte und von dem die Legende berichtete, es sei ein Überbleibsel des ersten
Klosters, das der Stifter in grauer Vorzeit errichtet habe, das aber später von
wilden Völkern, Hunnen oder Türken, zerstört sei, worauf das neue im Tale,
größer und prächtiger als jenes, auferbaut worden sei. Zwischen diesen
Trümmern, meinten Wonnebald und Eulogius, könnte der auserkorene Knochen
schicklicherweise aufgefunden werden, ja es sei eigentlich hochwahrscheinlich,
daß das ganze Gerippe des heiligen Krauti, so hieß der sagenhafte Stifter, dort
oben begraben liege und schon längst würde aufgefunden sein, wenn man nur
fleißiger nachgespürt hätte. Bereits stand es dem Abte fest, daß das jüngste Kind
der Lux beim Spielen das Gebein zufällig finden sollte, indem die
Zutageförderung der Reliquie durch unschuldige Kinderhand das hohe Ereignis
desto lieblicher einkleiden würde.
In manchen Einzelheiten gingen die Meinungen des Abtes und des Paters
auseinander, besonders hielt es der letztere für notwendig, einen echt
menschlichen Knochen zu benutzen, da ein tierischer von aufgeklärten Nörglern
möglicherweise als solcher erkannt und beanstandet werden könnte, wogegen der Abt, der über alle Maßen abergläubisch und furchtsam war, einwandte, daß
man ein menschliches Gerippe nicht angreifen und verkleinern dürfe, da der
Geist desselben einen sonst bei Nacht verfolgen würde, welcher Plage er sich
durchaus nicht aussetzen wolle. Außer dieser gab es noch andre
Schwierigkeiten: so mußte der zweifelsüchtigen Welt bewiesen werden, daß der
wunderbar entdeckte Knochen vom heiligen Krauti herstamme, und es wollte
sogleich überlegt sein, ob ein gleichfalls auszugrabender Siegelring mit Namen
oder eine Urkunde oder eine Offenbarung besser zum Zwecke diente. Es mußten
noch mehrere Zusammenkünfte in der von der Abendsonne rötlich vergoldeten
Nische stattfinden, bis alle Punkte erledigt waren, was endlich in
zufriedenstellender Weise so geschah, daß man sich auf den Knochen eines
ausgewachsenen Schweines einigte, der durch gewisse Wunder und Zeichen als
der des frommen Stifters sollte beglaubigt werden.