Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

Ricarda Huch · Kapitel 3 von 18

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Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

I n derselben Stadt war der Sitz…

I n derselben Stadt war der Sitz eines Weihbischofs, der, gelehrt und sittenstreng, an dem ungebührlichen Betragen Wonnebalds einen großen Anstoß

nahm und sich häufig über ihn so ereiferte, daß er ihn gern mit Schimpf und

Schande aus der Kirche ausgestoßen hätte. Doch überlegte er sich, daß der

leidige Mensch einen reichen und hochansehnlichen Familienanhang habe, der

ein so scharfes Vorgehen übel aufnehmen würde, und ferner, daß es der Kirche

einen schlechten Leumund bereiten könnte, wenn man erführe, daß ein

unwissender, untüchtiger und gewissenloser Mensch wie Pück es bis zum Pfarrer

hatte bringen können. Unter seinen Augen aber wollte er solche Leichtfertigkeit

sich nicht breitmachen sehen und betrieb deshalb seinen Übergang in ein

Kloster, so die Verantwortung für seine schamlose Aufführung von sich

abladend, aber nicht ohne ihn mit nachdrücklichen Empfehlungen auszurüsten.

In dieser und ähnlicher Art rückte Wonnebald mühelos empor und wurde etwa

fünfundvierzigjährig Abt eines Klosters, das in schöner, waldreicher Gegend

abseits vom Verkehr der großen Welt gelegen war. Immerhin gab es in der

Nachbarschaft des Klosters mehrere große Güter, deren Besitzer mit dem

geselligen Abte in freundliche Beziehungen traten und im Verein mit welchen er

sich bald das Leben so genußreich einzurichten wußte, wie es nach seinem Sinn

war. Umsonst freilich gelangte er weder zu den üppigen Speisen noch zu den

Zärtlichkeiten der Frauen, vielmehr gab er dafür so viel Geld aus, daß er sich auf

das Spielen verlegte, wobei er im ganzen mehr verlor als gewann und seine Lage

noch verschlimmerte. Was er von seinen inzwischen verstorbenen Eltern geerbt

hatte, war bereits aufgebraucht, und die Geschwister, die ihm öfters Geld

vorgestreckt, aber stets vergeblich auf Wiedererstattung gedrungen hatten,

weigerten sich durchaus, ihm nochmals beizuspringen; so kam er dazu, den

Gutsbesitzern abzuborgen, was er ihnen nicht abgewinnen konnte, und ihnen

ebenfalls nichts davon zurückzuzahlen. Dies verdroß die Herren, die alle

nacheinander an die Reihe kamen, mehr und mehr und vergällte ihnen das

Zechen und Bechern mit dem Abte, ja manchen unter ihnen fiel es jetzt auf, daß

er kein Gottesmann wäre, wie er sein sollte, und sie setzten ihn daheim und

öffentlich mit deutlichen Anspielungen herunter. Im Kloster selbst hatte er alle

diejenigen auf seiner Seite, denen ein gemächliches Leben über alles gefiel,

einige aber, die aus Frömmigkeit oder galliger Gemütsart den Freudentaumel

nicht mitmachen wollten, mißbilligten ihn durch schweigende Zurückhaltung

oder verklagten ihn böswillig, wenn sich eine Gelegenheit dazu bot.

Diese Zustände bewirkten mit der Zeit, daß Wonnebald zuweilen von

seinen Oberen Sendbriefe mit Vorwürfen und Drohungen erhielt, über deren

Beantwortung er seufzte und schwitzte, ohne doch etwas Rechtes zustande zu

bringen, wodurch er auf den Gedanken kam, die Arbeit einem geschickten Kopf

zu übertragen, der ihm ergeben wäre. Dies auszuführen, war aber nicht leicht,

denn er wollte sich weder den Klosterbrüdern noch den Gutsnachbarn

anvertrauen, sondern am liebsten einem einfachen, armen Manne, der ihn

womöglich für einen übel verleumdeten, ehrwürdigen Kirchenvater ansähe und

außerdem durch kleine Belohnungen in Abhängigkeit zu halten wäre. Unter den

Bauern und Tagelöhnern, die in der Gegend wohnten, war ihm indessen keiner

bekannt, der gescheiter als er selbst gewesen wäre, doch fiel ihm ein, einmal von

einer Frau gehört zu haben, die mit zierlicher Handschrift wundervoll zu

schreiben verstände und für die ganze Bauernschaft ringsum ausfertigte, was an

Schreibereien vorkäme, sei es in Liebessachen oder beim Handel oder vor

Gericht. Wonnebald, der unter den Frauen und Mädchen übrigens gut Bescheid

wußte, hatte sich die Bekanntschaft der Lux Bernkule, denn um diese handelte es

sich, aus mehreren Gründen bisher entgehen lassen: einmal weil er die gelehrten

Weiber verabscheute und sodann weil er wußte, daß sie eines Jägers Frau war,

eines strengen, aufbrausenden Mannes, der überdies auf die Geistlichkeit nicht

gut zu sprechen war.

 

Lux war das Kind einer Nonne, einer vornehmen und hochgebildeten, in

allerlei Künsten geübten Dame, die einen schon vor ihrer Einkleidung ihr

vertrauten Liebhaber auch im Kloster noch öfters gesehen und eine Tochter

geboren hatte, und der eine nachsichtige Äbtissin gestattete, daß das Kind unter

den Bediensteten des Klosters aufwachsen durfte. Zwar durfte sie mit ihrer

Mutter nur flüchtig verkehren und ihr auch nie, obwohl ihr das gegenseitige

Verhältnis nicht verborgen blieb, den Mutternamen geben, doch hatte sie

Gelegenheit, mancherlei zu lernen und sich zu bilden, und benutzte sie willig,

wie denn überhaupt ihrem gesunden Geiste von allen Seiten Nährendes und

Heilsames zugeflogen kam. Manches Mädchen wäre unter so heiklen

Umständen vergrämt und vergrillt geworden, Lux indessen war mild und heiter

geartet, durchschaute die Dinge und die Menschen, ohne sich an ihnen zu ärgern,

und verlangte nicht viel, außer daß man sie anständig und freundlich behandelte,

denn sie war empfindlich gegen harte oder unschöne Berührungen, wie ihr denn

überhaupt ein gewisser Hang für anmutige Lebensformen angeboren war.

Trotzdem verliebte sie sich, als sie achtzehnjährig war, in den Jäger Henne

Bernkule, der ein Mann ohne gebildete Sitten war, was freilich in der Zeit der

Werbung, wo die Leidenschaft seine kräftige Schönheit veredelte und immerwährender Sonntag in ihren erwartungsvollen Herzen herrschte, leicht

übersehen werden konnte. Später sah sie allerlei Gebärden und Gewohnheiten an

ihm, die mit ihrem Schönheitssinn nicht in Einklang waren, doch hatte sie ihn

deswegen nicht weniger lieb, sondern lachte zuweilen darüber oder denn es

rührte sie. Peinlich war es ihr, wenn ihr Mann, was er gern tat, über die

schlechten Menschen schimpfte, insbesondere über die Geistlichkeit, wobei er

immer dieselbe Beweisführung und dieselben Ausdrücke anwendete, und zwar

erging er sich am bittersten über das Kloster, in dem sie aufgewachsen war, nicht

zum wenigsten eben deswegen, weil sie sich dort, bevor sie etwas von ihm

wußte, zufrieden gefühlt hatte.

 

Nun wollte es das Glück des Abtes, daß der Forstmann im Kampfe mit

einem Wilderer verwundet wurde und starb, gerade zu der Zeit, als er der Hilfe

seiner Frau bedürftig wurde, die er nun ohne Furcht zu sich bescheiden konnte,

um ihr sein Ansinnen auseinanderzusetzen. Der Anblick der großen, mit stiller

Lieblichkeit sich bewegenden Frau und ihrer sanft lächelnden Augen machte ihn

fast ein wenig verlegen, da er sie sich anders vorgestellt hatte; aber sein

Anliegen betreffend, flößte ihm die Art ihrer Erscheinung sogleich die

Überzeugung ein, daß sie alles Erforderliche verstehen und auch tun würde. Sie

hörte auf eine solche Weise zu, daß die Worte des Sprechenden ihr von selbst

entgegenkamen und er fließender und einleuchtender, als er selbst geglaubt hatte,

die Angelegenheit erklären konnte: wie er mit Geschäften überladen und dazu an

einem bösen Gliederfuß leidend sei, so daß er die Feder nicht stramm führen

könne, wie er von Unruhstiftern verleumdet, und wie verdrießlich ihm, einem

friedfertigen Priester, solches Gezänk sei, so daß er herzlich dankbar sein würde,

wenn ein einsichtiger und verschwiegener Freund den häßlichen Briefwechsel,

wie es ihn gut dünkte, erledigte. Lux sagte vergnügt und bescheiden, sie habe

alles verstanden und werde das Ding zur Zufriedenheit des Abtes ausführen,

brachte auch wirklich in Bälde ein Schriftstück zustande, das Wonnebald mit

behaglichem Stolz als seines abschickte. Zur Liebe hielt der Abt die Witwe nicht

geeignet, da sie nichts weder von der drallen und schnippischen noch von der

süßlich weinerlichen Frauenart hatte, die er bevorzugte; sie kam ihm

unscheinbar vor, und er sah es für eine schöne Leutseligkeit seinerseits an, daß er

ihr trotzdem eine gewisse Annehmlichkeit zubilligte. Einer Ähre glich sie

wirklich mit schlankem, biegsamem, stolzem Halme, die keine prangenden

Blüten trägt, aber durch die bald silbern aufglänzende, bald blau und lila

schattende Farbe und den würzereichsten, belebendsten Geruch jeden Wanderer

anzieht und unwiderstehlich gewinnt. Zu seiner eignen Verwunderung mußte

sich der Abt bald gestehen, daß er in außergewöhnlich hohem Grade in Lux verliebt war, und obwohl er annehmen durfte, daß sie eine so ganz unverdiente

Zuneigung ohne Zögern reichlich erwidern würde, fand er doch nicht sogleich

eine Wendung, um aus der geschäftlichen Region in die menschlich gefühlvolle

überzugehen. Nach kurzer Zeit indessen hatte er sich so weit ermannt, daß er

sich ihr mit zutraulicher Zärtlichkeit näherte, aber sie wehrte ihn freundlich ab,

indem sie erklärte, sie sei Mutter zweier Kinder und erst kürzlich Witwe

geworden und nicht in der Verfassung, dergleichen Scherze zu dulden oder gar

auszutauschen. Der Abt meinte, die wohlwollende Äußerung seiner Dankbarkeit

dürfe sie sich immerhin gefallen lassen, hielt sich aber doch seitdem zurück, da

seine Kenntnis des weiblichen Geschlechts ihm riet, sich in diesem Falle nicht

aufzudrängen, sondern klüglich die Annäherung der Stolzen abzuwarten.

Inzwischen besuchte er sie zuweilen in ihrer Wohnung, um sich mit ihren

Kindern zu befreunden, womit er aber nicht viel Glück hatte; denn Brun zeigte

sich um so trotziger, je schmeichelnder die Liebenswürdigkeit des Abtes ihn zu

gewinnen suchte, und die kleine Lisutt machte sich wohl seine Beflissenheit

zunutze, indem sie ihn Greifen und Verstecken spielen ließ, daß er schwitzte,

schalt ihn jedoch Tropf und Faulpelz, weil er nicht hurtig genug auf die Spiele

einging, und drehte ihm den Rücken, sowie sich ein besserer Kamerad einfand.

 

Lisutt hatte dunkelblondes, ein wenig gelocktes Haar, das auf beiden Seiten

der rundgewölbten Stirn auf den festen Hals fiel, einen winzigen Mund, der stets

etwas offen stand, und eine winzige Nase, die dem runden Gesicht den Ausdruck

von Ahnungslosigkeit und Sicherheit verliehen, mit dem es unbekümmert in die

Welt blickte. Der Abt hatte für die Süßigkeit dieser vollkommenen

Lebensknospe keinen Sinn, und wenn er Kindern auch nichts zuleide tat,

wünschte er doch im Herzensgrunde, daß sie alle der Kuckuck holte, als etwas,

was schwirrend und blutsaugend um einen herum wäre wie Mücken im

Hochsommer. Zuweilen ärgerte er sich auch über Lux, daß sie diese Kinder hatte

und sich so kostbar machte, anstatt die liebe lange Zeit mit ihm zu genießen,

aber der Groll erhitzte nur seinen Wunsch, sie zu besitzen und alsdann zur Strafe

für ihre Widerborstigkeit recht kurz am Zügel zu halten. Obwohl er im

allgemeinen mit vollen Händen spendete, um vergnügte und ergebene Gesichter

um sich zu sehen, belohnte er Lux für die Schreiberdienste, die sie ihm leistete,

nur kärglich; denn er meinte, sie sei schon allzu hochfahrend und müsse

womöglich durch Geldmangel in Demut und Abhängigkeit erhalten werden.

 

Unterdessen blieb der Geldmangel des Abtes fortwährend derselbe, und da

einer von seinen Gläubigern, der sich selbst in mißlicher Lage befand,

eigensinnig auf sein Recht pochte und ihn mit bösartigen Drohungen verfolgte,

beschloß er, die zudringliche Habgier desselben müsse, es koste, was es wolle, gesättigt und sein eigner Beutel wiederum gefüllt werden. Die Verzweiflung

befruchtete seine Erfindungsgabe: beim Anblick eines starken, blank

abgesogenen Gänsebeines kam er auf den Gedanken, dasselbe könne füglich

auch einem andern Lebewesen, beispielsweise einem Menschen angehört haben,

und wenn es einerseits bedauerlich sei, daß es einen Teil eines unwürdigen

Vogelgerippes anstatt eines Heiligenleibes bilde, als welches es angebetet

werden, Wunder verrichten und viel Geld einbringen könnte, so sei anderseits

nichts dagegen einzuwenden, wenn ein denkender Kopf es als verschollenen

Knochen eines hervorragenden Märtyrers ausgäbe, und müßte sowohl die Kirche

wie die Laienwelt demselben für eine so glückliche Eingebung dankbar sein.

 

Der Einfall versetzte Wonnebald in eine behaglich prickelnde Erregung, so

daß er, um die Stimmung gehörig auszukosten, sogleich seinen vertrautesten

Genossen, den Pater Eulogius, rief und eine Karaffe voll des erlesensten Weines

in den kleinen erkerartigen Ausbau bringen ließ, den der sinnige Erbauer des

Klosters hatte anbringen lassen, um von dort aus das Untergehen der Sonne

hinter den dunkeln Wäldern zu betrachten. Hierauf setzten sich die Männer in

die beiden breiten geschnitzten Stühle, die die Nische ausfüllten, und besprachen

lächelnd und flüsternd, wie die heimliche Sache, deren Bedeutsamkeit dem

Eulogius augenblicklich einleuchtete, möglichst glaubwürdig und ersprießlich

könne ausgerichtet werden. Wie sie zuweilen zwischen dem Plaudern die Gläser

hoben, einen bedächtigen Schluck nahmen und, die Augen halb schließend, sich

zurücklehnten, fielen ihre Blicke auf ein altes Gemäuer, das den nächsten Hügel

bekrönte und von dem die Legende berichtete, es sei ein Überbleibsel des ersten

Klosters, das der Stifter in grauer Vorzeit errichtet habe, das aber später von

wilden Völkern, Hunnen oder Türken, zerstört sei, worauf das neue im Tale,

größer und prächtiger als jenes, auferbaut worden sei. Zwischen diesen

Trümmern, meinten Wonnebald und Eulogius, könnte der auserkorene Knochen

schicklicherweise aufgefunden werden, ja es sei eigentlich hochwahrscheinlich,

daß das ganze Gerippe des heiligen Krauti, so hieß der sagenhafte Stifter, dort

oben begraben liege und schon längst würde aufgefunden sein, wenn man nur

fleißiger nachgespürt hätte. Bereits stand es dem Abte fest, daß das jüngste Kind

der Lux beim Spielen das Gebein zufällig finden sollte, indem die

Zutageförderung der Reliquie durch unschuldige Kinderhand das hohe Ereignis

desto lieblicher einkleiden würde.

 

In manchen Einzelheiten gingen die Meinungen des Abtes und des Paters

auseinander, besonders hielt es der letztere für notwendig, einen echt

menschlichen Knochen zu benutzen, da ein tierischer von aufgeklärten Nörglern

möglicherweise als solcher erkannt und beanstandet werden könnte, wogegen der Abt, der über alle Maßen abergläubisch und furchtsam war, einwandte, daß

man ein menschliches Gerippe nicht angreifen und verkleinern dürfe, da der

Geist desselben einen sonst bei Nacht verfolgen würde, welcher Plage er sich

durchaus nicht aussetzen wolle. Außer dieser gab es noch andre

Schwierigkeiten: so mußte der zweifelsüchtigen Welt bewiesen werden, daß der

wunderbar entdeckte Knochen vom heiligen Krauti herstamme, und es wollte

sogleich überlegt sein, ob ein gleichfalls auszugrabender Siegelring mit Namen

oder eine Urkunde oder eine Offenbarung besser zum Zwecke diente. Es mußten

noch mehrere Zusammenkünfte in der von der Abendsonne rötlich vergoldeten

Nische stattfinden, bis alle Punkte erledigt waren, was endlich in

zufriedenstellender Weise so geschah, daß man sich auf den Knochen eines

ausgewachsenen Schweines einigte, der durch gewisse Wunder und Zeichen als

der des frommen Stifters sollte beglaubigt werden.