Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück
Mach mir fleißig Gold ins Bettle!
Alräunchen, Wurzelgöttle,
Mach mir fleißig Gold ins Bettle!
ein Spruch, den Lux ihm nicht ohne Mühe beigebracht hatte. Wonnebald hatte
sich auf allen Seiten eingeschlossen, nur eine Tapetentür offen gelassen, die in
sein Badezimmer führte, in das Lando durch ein Fenster gelangen konnte. Kaum
hörte er den Bischof schnarchen, als er auf leisen Füßen in das Schlafgemach
eintrat, und da er beim gelben Schein eines Nachtlämpchens die nunmehr nackte
Wurzel auf dem bischöflichen Kissen und drei Goldstücke daneben liegen sah,
fügte er flink drei andre hinzu und entfernte sich lautlos und geschwinde. Lux
hatte nämlich die Vorsicht gebraucht, dem Bischof einzuschärfen, daß er die
Summe, die der Alraun verdoppeln solle, besonders im Anfang nicht zu hoch
anlege, ebensowohl um ihn nicht durch Unbescheidenheit zu verletzen, wie um
das dürre und zarte Wesen nicht mit einem Male zu heftig, lieber häufiger und
gelinder arbeiten zu lassen. Mehrere Male gelang es Lando, der Wurzel das
Häufchen Gold, das von ihr zu erwarten war, unbemerkt unterzuschieben, und er
belustigte sich tagsüber, den Bischof mit Fragen zu bedrängen, warum er auf
einmal ein eingezogenes Leben führe, anstatt wie sonst die Nächte
durchzuschlemmen und zu prassen.
Nach kurzer Frist jedoch verdarb Lando den weiteren Verlauf durch seine
Neugierde; denn um zu sehen, was für eine Andacht der Bischof allabendlich
vor dem Alraun ausübte, öffnete er die Tür seines Schlafzimmers, als Wonnebald
eben eifrig knicksend vor der Zaunrübe umhersprang, wurde trotz aller Vorsicht
von diesem gehört und mußte wohl oder übel vollends eintreten und sein
unberufenes Eindringen durch einen rasch ersonnenen Vorwand erklären.
Diesem war der Bischof allerdings geneigt Glauben zu schenken, aber da Lux
ihm gesagt hatte, daß das Alräunchen augenblicks seiner Fruchtbarkeit verlustig
gehen würde, wenn ein dritter es sähe oder etwa gar ihn bei seinen andächtigen
Verrichtungen überraschte, war er überzeugt, daß es mit dem unschätzbaren
Brutgeschäft nunmehr zu Ende wäre, und fand sich durch das Ergebnis des
nächsten Morgens darin bestärkt; er hatte sich nämlich aus Angst vor neuen
Störungen so gründlich eingeschlossen und verschanzt, daß Lando nicht
eintreten konnte, um den üblichen Zauber vorzunehmen.
Um die Abendzeit machte sich Lando auf, um Lux, wenn es sich so fügte,
daß er ihr begegnete, von dem, was vorgefallen war, in Kenntnis zu setzen. Noch
war die Hitze des Tages nicht verdämmert, und er suchte unwillkürlich schattige
Wege auf, so daß er an den unteren Lauf des Flusses geriet, wo er mit verminderter Wucht in breiterem und flacherem Bette hinströmte. Hellgrüne
Weiden und buschige Erlen bekränzten seine beiden Ufer und ließen einen
schmalen Pfad frei, der hier, ein gutes Stück unterhalb der Ortschaft, wenig
begangen wurde; auch fragte sich Lando, nachdem er eine Weile, ohne einer
Seele zu begegnen, vorwärts gegangen war, wie er dazu käme, Lux in dieser
abgelegenen Gegend zu suchen, und war im Begriff umzukehren, als er ein
Plätschern und verstohlenes Lachen hörte, das ihn bewog, noch ein wenig
weiterzugehen. Gleich darauf hielt er an und zog sich hinter die nächsten Bäume
zurück, da er bemerkte, daß das Geräusch von Badenden herrührte, erkannte
aber fast gleichzeitig in der Frau, die halben Leibes aus dem Wasser tauchte, Lux
und blieb unbeweglich an seinem Platze stehen. Lisutt saß auf einem Stein und
schlug mit den zierlich kräftigen Beinen auf das Wasser, wodurch ein magerer
brauner Junge, Brun, den Lando nicht kannte, über und über bespritzt wurde, der
nun seinerseits die Kleine mit Wasser übergoß; sie streckte abwehrend die
runden Arme aus, kniff die lustigen Augen zusammen und schüttelte sich, daß
die braunen Haare wild um ihre nassen Schultern tanzten in der Ausgelassenheit
des elementarischen Spieles. Lando betrachtete die Kinder nur flüchtig, so sehr
fesselte ihn das Bild der Frau, deren fest und edel gebildete Beine durch das
grüne Wasser bald wie Silber, bald wie Alabaster schimmerten, während
Nacken, Arme und Brust, der schlanke Leib und der elastische Rücken, wenn sie
sich beugte oder aufrichtete, die Biegsamkeit und farbige Wärme lebendigen
Fleisches zeigten. Ihr ins Gesicht wagte er nicht zu sehen, obwohl er wußte, daß
sie ihn nicht sehen konnte, und obwohl er die lebhafteste Sehnsucht hatte, ihren
milden und mutwilligen Blick zu fühlen. Daß sie sich als Frau offenbart hatte,
erregte ihm kein besonderes Erstaunen, vielmehr war ihm so zumute, als hätte er
es von jeher gewußt oder wenigstens so sicher wie die Verwandlung eines
Schmetterlings erwartet.
Vorsichtig, die Augen auf den Fluß gerichtet, ging er rückwärts, dann, als er
sicher war, daß er von dort aus nicht mehr gehört oder wahrgenommen werden
konnte, fing er an zu laufen und hielt erst ein, als er bei einer breitköpfigen Ulme
angekommen war, die eine leichte Bodenerhebung krönte und unter der er sich
niederlegte. Tränen liefen ihm über die Wangen, ohne daß er es bemerkte, so
erschüttert war seine Brust von Rührung und inniger Liebe; noch schwankte der
nackte Leib vor seinen Augen, und zugleich war es ihm, als müsse er, vor ihre
Füße geworfen, sie um Vergebung anflehen, daß er, wenn auch ohne seine
Schuld, ihre Verborgenheit belauscht hatte. Obgleich er kein Neuling in
Liebesangelegenheiten war, glaubte er doch zum erstenmal zu lieben und fühlte
sich beglückt in der Sicherheit, bis zum Tode und ewig darüber hinaus dieser einzigen Frau anzugehören. Der Mond stieg allgemach, überfließend von gelbem
Lichte, hinter dem Gehölz empor, und Lando lag noch immer in das schaudernde
Gras gedrückt, sah den stillen Flug des vollen Gestirnes und fühlte sich eins mit
der Erde, die rein entzückt die Beseligung der Nacht empfing. Gegen
Mitternacht ging er nach Hause, schlief fest bis in den hohen Tag und kleidete
sich langsam an, im schwelgerischen Vorgenuß der ersehnten Begegnung ebenso
bestrebt, sie hinauszuschieben, wie ungeduldig, sie herbeizuführen.