Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

Ricarda Huch · Kapitel 10 von 18

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Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

Mach mir fleißig Gold ins Bettle!

Alräunchen, Wurzelgöttle,

Mach mir fleißig Gold ins Bettle!

 

ein Spruch, den Lux ihm nicht ohne Mühe beigebracht hatte. Wonnebald hatte

sich auf allen Seiten eingeschlossen, nur eine Tapetentür offen gelassen, die in

sein Badezimmer führte, in das Lando durch ein Fenster gelangen konnte. Kaum

hörte er den Bischof schnarchen, als er auf leisen Füßen in das Schlafgemach

eintrat, und da er beim gelben Schein eines Nachtlämpchens die nunmehr nackte

Wurzel auf dem bischöflichen Kissen und drei Goldstücke daneben liegen sah,

fügte er flink drei andre hinzu und entfernte sich lautlos und geschwinde. Lux

hatte nämlich die Vorsicht gebraucht, dem Bischof einzuschärfen, daß er die

Summe, die der Alraun verdoppeln solle, besonders im Anfang nicht zu hoch

anlege, ebensowohl um ihn nicht durch Unbescheidenheit zu verletzen, wie um

das dürre und zarte Wesen nicht mit einem Male zu heftig, lieber häufiger und

gelinder arbeiten zu lassen. Mehrere Male gelang es Lando, der Wurzel das

Häufchen Gold, das von ihr zu erwarten war, unbemerkt unterzuschieben, und er

belustigte sich tagsüber, den Bischof mit Fragen zu bedrängen, warum er auf

einmal ein eingezogenes Leben führe, anstatt wie sonst die Nächte

durchzuschlemmen und zu prassen.

 

Nach kurzer Frist jedoch verdarb Lando den weiteren Verlauf durch seine

Neugierde; denn um zu sehen, was für eine Andacht der Bischof allabendlich

vor dem Alraun ausübte, öffnete er die Tür seines Schlafzimmers, als Wonnebald

eben eifrig knicksend vor der Zaunrübe umhersprang, wurde trotz aller Vorsicht

von diesem gehört und mußte wohl oder übel vollends eintreten und sein

unberufenes Eindringen durch einen rasch ersonnenen Vorwand erklären.

Diesem war der Bischof allerdings geneigt Glauben zu schenken, aber da Lux

ihm gesagt hatte, daß das Alräunchen augenblicks seiner Fruchtbarkeit verlustig

gehen würde, wenn ein dritter es sähe oder etwa gar ihn bei seinen andächtigen

Verrichtungen überraschte, war er überzeugt, daß es mit dem unschätzbaren

Brutgeschäft nunmehr zu Ende wäre, und fand sich durch das Ergebnis des

nächsten Morgens darin bestärkt; er hatte sich nämlich aus Angst vor neuen

Störungen so gründlich eingeschlossen und verschanzt, daß Lando nicht

eintreten konnte, um den üblichen Zauber vorzunehmen.

 

Um die Abendzeit machte sich Lando auf, um Lux, wenn es sich so fügte,

daß er ihr begegnete, von dem, was vorgefallen war, in Kenntnis zu setzen. Noch

war die Hitze des Tages nicht verdämmert, und er suchte unwillkürlich schattige

Wege auf, so daß er an den unteren Lauf des Flusses geriet, wo er mit verminderter Wucht in breiterem und flacherem Bette hinströmte. Hellgrüne

Weiden und buschige Erlen bekränzten seine beiden Ufer und ließen einen

schmalen Pfad frei, der hier, ein gutes Stück unterhalb der Ortschaft, wenig

begangen wurde; auch fragte sich Lando, nachdem er eine Weile, ohne einer

Seele zu begegnen, vorwärts gegangen war, wie er dazu käme, Lux in dieser

abgelegenen Gegend zu suchen, und war im Begriff umzukehren, als er ein

Plätschern und verstohlenes Lachen hörte, das ihn bewog, noch ein wenig

weiterzugehen. Gleich darauf hielt er an und zog sich hinter die nächsten Bäume

zurück, da er bemerkte, daß das Geräusch von Badenden herrührte, erkannte

aber fast gleichzeitig in der Frau, die halben Leibes aus dem Wasser tauchte, Lux

und blieb unbeweglich an seinem Platze stehen. Lisutt saß auf einem Stein und

schlug mit den zierlich kräftigen Beinen auf das Wasser, wodurch ein magerer

brauner Junge, Brun, den Lando nicht kannte, über und über bespritzt wurde, der

nun seinerseits die Kleine mit Wasser übergoß; sie streckte abwehrend die

runden Arme aus, kniff die lustigen Augen zusammen und schüttelte sich, daß

die braunen Haare wild um ihre nassen Schultern tanzten in der Ausgelassenheit

des elementarischen Spieles. Lando betrachtete die Kinder nur flüchtig, so sehr

fesselte ihn das Bild der Frau, deren fest und edel gebildete Beine durch das

grüne Wasser bald wie Silber, bald wie Alabaster schimmerten, während

Nacken, Arme und Brust, der schlanke Leib und der elastische Rücken, wenn sie

sich beugte oder aufrichtete, die Biegsamkeit und farbige Wärme lebendigen

Fleisches zeigten. Ihr ins Gesicht wagte er nicht zu sehen, obwohl er wußte, daß

sie ihn nicht sehen konnte, und obwohl er die lebhafteste Sehnsucht hatte, ihren

milden und mutwilligen Blick zu fühlen. Daß sie sich als Frau offenbart hatte,

erregte ihm kein besonderes Erstaunen, vielmehr war ihm so zumute, als hätte er

es von jeher gewußt oder wenigstens so sicher wie die Verwandlung eines

Schmetterlings erwartet.

 

Vorsichtig, die Augen auf den Fluß gerichtet, ging er rückwärts, dann, als er

sicher war, daß er von dort aus nicht mehr gehört oder wahrgenommen werden

konnte, fing er an zu laufen und hielt erst ein, als er bei einer breitköpfigen Ulme

angekommen war, die eine leichte Bodenerhebung krönte und unter der er sich

niederlegte. Tränen liefen ihm über die Wangen, ohne daß er es bemerkte, so

erschüttert war seine Brust von Rührung und inniger Liebe; noch schwankte der

nackte Leib vor seinen Augen, und zugleich war es ihm, als müsse er, vor ihre

Füße geworfen, sie um Vergebung anflehen, daß er, wenn auch ohne seine

Schuld, ihre Verborgenheit belauscht hatte. Obgleich er kein Neuling in

Liebesangelegenheiten war, glaubte er doch zum erstenmal zu lieben und fühlte

sich beglückt in der Sicherheit, bis zum Tode und ewig darüber hinaus dieser einzigen Frau anzugehören. Der Mond stieg allgemach, überfließend von gelbem

Lichte, hinter dem Gehölz empor, und Lando lag noch immer in das schaudernde

Gras gedrückt, sah den stillen Flug des vollen Gestirnes und fühlte sich eins mit

der Erde, die rein entzückt die Beseligung der Nacht empfing. Gegen

Mitternacht ging er nach Hause, schlief fest bis in den hohen Tag und kleidete

sich langsam an, im schwelgerischen Vorgenuß der ersehnten Begegnung ebenso

bestrebt, sie hinauszuschieben, wie ungeduldig, sie herbeizuführen.