Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück
I nzwischen hatte der Bischof erfahren, daß…
I nzwischen hatte der Bischof erfahren, daß es in der neuen Residenz zwar einen Überfluß an herrschaftlichen Genüssen für ihn gab, daß ihn dieselben aber
ein teures Geld kosteten, so daß sich die alten Verlegenheiten in Bälde erneuern
mußten.
Die erste Stelle in der Gesellschaft nahmen neben dem Bischof der Justizrat
Dr. Gregorius Schimmelmann und der Medizinalrat und Vorsteher des
allgemeinen Krankenhauses Dr. Joseph Maria von Boll ein, die beide auch, das
Alter betreffend, ihm nahestanden. Insofern wichen sie nicht wenig voneinander
ab, als Schimmelmann scharfsinnig, kunstliebend und leichtblütig, Boll dagegen
einseitig, beschränkt und schwerfällig war, doch hatten sie sich aneinander
gewöhnt und hielten zusammen, ohne sich sonderlich zu achten. Dr. Gregorius
war ein gewiegter Jurist, wußte die verwickeltsten Fragen zu klären und irrte
sowohl in menschlicher wie in rechtlicher Hinsicht selten; aber da sein Ruf in
diesen Dingen längst feststand und sein Ehrgeiz in bezug auf seine Laufbahn
befriedigt war, nahm er sich seines Berufes kaum noch an und ließ die Sachen
gehen, wie sie wollten. Überhaupt hatten die Menschen seiner Ansicht nach
gleich viel Recht und Unrecht, und auch davon abgesehen, hielt er es für
belanglos, ob ihr Los sich so oder so fügte. Weit wichtiger als die menschlichen
Schicksale erschienen ihm gewisse Fragen der Altertumskunde,
Münzwissenschaft und die würdige Ausstattung der Wohnräume, wie denn sein
Haus von oben bis unten ein Wunderwerk des Kunstverstandes war und von den
Reisenden staunend besichtigt wurde. Wonnebald wußte von der Kunst nichts,
da er aber sah, wie ernst es Schimmelmann damit nahm und wie sehr er von den
Leuten deswegen bewundert wurde, glaubte er, ihm darin nicht nachstehen zu
dürfen, berief Maler und Bildhauer, kaufte Gemälde, Schnitzereien und
Altertümer, und da er weder einen guten noch einen schlechten Geschmack und
noch viel weniger ein sicheres Urteil hatte, wählte er von den Gegenständen, die
ihm vorlagen, was am meisten kostete, wodurch sich diese Liebhaberei über alle
Maßen kostspielig gestaltete.
Boll stand dem Bischof insofern näher, als ihn Verstand oder Kunstsinn
oder andre Geistesgaben nicht auszeichneten, vielmehr war er, wenn auch nicht
so einfältig und ungebildet wie jener, ungewöhnlich beschränkt; allein er wußte
in allen kirchlichen Dingen gut Bescheid, so daß Wonnebald in seiner
Gegenwart stets Erörterungen fürchtete, die ihn bloßstellen und entwurzeln könnten. Boll stammte von einer Familie ab, die von alters der Kirche
angehangen hatte, und Joseph Maria hatte es nie anders gewußt, als daß er seine
Laufbahn im Schatten und zum Schutze der Kirche zu nehmen habe. Seine
medizinischen Kenntnisse und Fähigkeiten waren mittelmäßig, aber desto
wackerer stand er seinen Mann, wenn es das Wohl der kirchlichen Partei galt, zu
deren tätigsten und angesehensten Führern er gehörte. In dem Krankenhause, das
er leitete, wurden zwar neben den Katholiken auch Heiden aller Art
aufgenommen, damit die Partei sich religiöser Duldsamkeit rühmen könnte, aber
dafür wurde die Heilkunde an den Ketzern mit solcher Erbitterung ausgeübt, daß
sie einem höllischen Feuer gleichkam, aus dem sie entweder als Bekehrte oder
als Abgeschiedene hervorgingen. Wurde dem Medizinalrat die große
Sterblichkeit der Protestanten, Juden und Heiden in seinem Krankenhause
vorgehalten, so leugnete er dieselbe nicht, sondern rühmte sich, wie Gott dem
Rechtgläubigen die Arznei besser anschlagen lasse. Übrigens war Boll, wenn
auch nicht gerade warmherzig, doch auch nicht bösartig und tat nur blindlings,
was seine Vorfahren getan hatten und was ihm bisher zu lauter Nutzen und
Vorteil gereicht hatte. Dr. Schimmelmann lachte bei sich über sein bigottes
Treiben und hätte nichts mit ihm anzufangen gewußt, wenn Boll nicht eine
ausnehmende Meisterschaft im Flötenspiel besessen hätte, die der musikliebende
Justizrat trefflich zu verwerten wußte. So musikalisch gebildet und von feinem
Geschmack wie dieser war Joseph Maria freilich nicht, aber Gefühl für Musik
hatte er überflüssig und flötete so lieblich und traurig, daß Schimmelmann, wenn
sie miteinander spielten, seinen Partner oft vor zu großer Zärtlichkeit warnen
mußte.
Außer der Musik verband diese beiden Männer noch die Wertschätzung
guter Weine und leckerer Speisen, die sie auch wiederum mit dem Bischof
vereinigte. Was für die wählerischen Gelage, in denen sie miteinander
wetteiferten, verausgabt wurde, schlug Wonnebald gering an, unerschwinglich
dagegen erschien ihm die Steuer, die Boll gesinnungsfroh von ihm erhob, bald
zur Hebung des Krankenhauses, bald für Propaganda und Mission, bald für die
Partei schlechthin.