Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

Ricarda Huch · Kapitel 6 von 18

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Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

I nzwischen hatte der Bischof erfahren, daß…

I nzwischen hatte der Bischof erfahren, daß es in der neuen Residenz zwar einen Überfluß an herrschaftlichen Genüssen für ihn gab, daß ihn dieselben aber

ein teures Geld kosteten, so daß sich die alten Verlegenheiten in Bälde erneuern

mußten.

 

Die erste Stelle in der Gesellschaft nahmen neben dem Bischof der Justizrat

Dr. Gregorius Schimmelmann und der Medizinalrat und Vorsteher des

allgemeinen Krankenhauses Dr. Joseph Maria von Boll ein, die beide auch, das

Alter betreffend, ihm nahestanden. Insofern wichen sie nicht wenig voneinander

ab, als Schimmelmann scharfsinnig, kunstliebend und leichtblütig, Boll dagegen

einseitig, beschränkt und schwerfällig war, doch hatten sie sich aneinander

gewöhnt und hielten zusammen, ohne sich sonderlich zu achten. Dr. Gregorius

war ein gewiegter Jurist, wußte die verwickeltsten Fragen zu klären und irrte

sowohl in menschlicher wie in rechtlicher Hinsicht selten; aber da sein Ruf in

diesen Dingen längst feststand und sein Ehrgeiz in bezug auf seine Laufbahn

befriedigt war, nahm er sich seines Berufes kaum noch an und ließ die Sachen

gehen, wie sie wollten. Überhaupt hatten die Menschen seiner Ansicht nach

gleich viel Recht und Unrecht, und auch davon abgesehen, hielt er es für

belanglos, ob ihr Los sich so oder so fügte. Weit wichtiger als die menschlichen

Schicksale erschienen ihm gewisse Fragen der Altertumskunde,

Münzwissenschaft und die würdige Ausstattung der Wohnräume, wie denn sein

Haus von oben bis unten ein Wunderwerk des Kunstverstandes war und von den

Reisenden staunend besichtigt wurde. Wonnebald wußte von der Kunst nichts,

da er aber sah, wie ernst es Schimmelmann damit nahm und wie sehr er von den

Leuten deswegen bewundert wurde, glaubte er, ihm darin nicht nachstehen zu

dürfen, berief Maler und Bildhauer, kaufte Gemälde, Schnitzereien und

Altertümer, und da er weder einen guten noch einen schlechten Geschmack und

noch viel weniger ein sicheres Urteil hatte, wählte er von den Gegenständen, die

ihm vorlagen, was am meisten kostete, wodurch sich diese Liebhaberei über alle

Maßen kostspielig gestaltete.

 

Boll stand dem Bischof insofern näher, als ihn Verstand oder Kunstsinn

oder andre Geistesgaben nicht auszeichneten, vielmehr war er, wenn auch nicht

so einfältig und ungebildet wie jener, ungewöhnlich beschränkt; allein er wußte

in allen kirchlichen Dingen gut Bescheid, so daß Wonnebald in seiner

Gegenwart stets Erörterungen fürchtete, die ihn bloßstellen und entwurzeln könnten. Boll stammte von einer Familie ab, die von alters der Kirche

angehangen hatte, und Joseph Maria hatte es nie anders gewußt, als daß er seine

Laufbahn im Schatten und zum Schutze der Kirche zu nehmen habe. Seine

medizinischen Kenntnisse und Fähigkeiten waren mittelmäßig, aber desto

wackerer stand er seinen Mann, wenn es das Wohl der kirchlichen Partei galt, zu

deren tätigsten und angesehensten Führern er gehörte. In dem Krankenhause, das

er leitete, wurden zwar neben den Katholiken auch Heiden aller Art

aufgenommen, damit die Partei sich religiöser Duldsamkeit rühmen könnte, aber

dafür wurde die Heilkunde an den Ketzern mit solcher Erbitterung ausgeübt, daß

sie einem höllischen Feuer gleichkam, aus dem sie entweder als Bekehrte oder

als Abgeschiedene hervorgingen. Wurde dem Medizinalrat die große

Sterblichkeit der Protestanten, Juden und Heiden in seinem Krankenhause

vorgehalten, so leugnete er dieselbe nicht, sondern rühmte sich, wie Gott dem

Rechtgläubigen die Arznei besser anschlagen lasse. Übrigens war Boll, wenn

auch nicht gerade warmherzig, doch auch nicht bösartig und tat nur blindlings,

was seine Vorfahren getan hatten und was ihm bisher zu lauter Nutzen und

Vorteil gereicht hatte. Dr. Schimmelmann lachte bei sich über sein bigottes

Treiben und hätte nichts mit ihm anzufangen gewußt, wenn Boll nicht eine

ausnehmende Meisterschaft im Flötenspiel besessen hätte, die der musikliebende

Justizrat trefflich zu verwerten wußte. So musikalisch gebildet und von feinem

Geschmack wie dieser war Joseph Maria freilich nicht, aber Gefühl für Musik

hatte er überflüssig und flötete so lieblich und traurig, daß Schimmelmann, wenn

sie miteinander spielten, seinen Partner oft vor zu großer Zärtlichkeit warnen

mußte.

 

Außer der Musik verband diese beiden Männer noch die Wertschätzung

guter Weine und leckerer Speisen, die sie auch wiederum mit dem Bischof

vereinigte. Was für die wählerischen Gelage, in denen sie miteinander

wetteiferten, verausgabt wurde, schlug Wonnebald gering an, unerschwinglich

dagegen erschien ihm die Steuer, die Boll gesinnungsfroh von ihm erhob, bald

zur Hebung des Krankenhauses, bald für Propaganda und Mission, bald für die

Partei schlechthin.