Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

Ricarda Huch · Kapitel 13 von 18

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Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück

E s war eine selbstverständliche Sache, daß…

E s war eine selbstverständliche Sache, daß Lux, als vermeintlicher Enkel des alten Bernkule, sein Geschäft fortführen werde; aber bevor sie noch förmlich in

das Amt war eingesetzt worden, ging auf allen Seiten ein Murren los, die Stelle

würde liederlich verwaltet und keine Maulwürfe mehr abgefangen, sie

gebärdeten sich wie die Herren im Lande, unterwühlten nicht nur die

Gemüsepflanzungen, sondern stießen sogar in den Ställen auf, zu großem

Schaden und übler Vorbedeutung. Nun war freilich die Jagd von jeher und

besonders während der letzten Lebensjahre des alten Bernkule überaus

nachlässig betrieben worden, allein weil die Leute mit ihm nicht anbinden

wollten und mochten, hatten sie geschwiegen und insgeheim selber

weggefangen, was ihnen in die Quere kam; jetzt aber erhoben sie unverweilt ein

Geschrei, daß sie zusehen müßten, wie das Ungeziefer ihnen Bohnen und

Melonen zerstörte, da ja zugunsten des verschworenen Schermäusers

eigenmächtiges Ergreifen und Töten der Maulwürfe verboten wäre.

 

Auf die Ermahnungen des Magistrats hin, sich des Amtes besser

anzunehmen, wußte sich die unberatene Lux nichts Besseres, als mehr und mehr

selbstverfertigte Schwänzchen vorzuweisen, wovon sie noch einen ziemlichen

Vorrat hatte, wodurch aber, wie sich von selbst versteht, der Maulwurfplage

keineswegs gesteuert wurde. Bald begann die Maulwurfbehörde sich über die

gewaltige Vermehrung dieser Tiere zu wundern und zu beunruhigen, die, so

mußte es ihnen scheinen, bei Dutzenden weggefangen, sogleich bei Hunderten

wieder da waren, als ob sie sich aus dem Blute der Hingewürgten phönixartig

und vervielfacht neu erzeugten. Im Rat, wo Bildung und Besonnenheit

vorherrschte, suchte man nach vernünftigen Erklärungen für die Erscheinung

und besann sich auf verschiedene Fälle, wo Heuschrecken, Frösche, Mäuse und

ähnliche Tiere durch unerhörte Vermehrung zu einer Landplage geworden

waren, und auf das Betragen und die Mittel, die die Weisheit der Regierenden

jeweilig solchen Heimsuchungen entgegengesetzt hatte.

 

So bedachtsam ging es im Volke nicht zu, wo der schwarze Tobias in

selbstsüchtiger Absicht allerlei verdächtige Nachrede umgehen ließ; man wurde

sich einig, daß die Sache mit rechten Dingen nicht zugehen könne, und flüsterte

sich zu, daß Lux durch zauberhafte Mittel die Vermehrung oder den Zufluß von

Maulwürfen herbeigeführt habe, teils aus allgemeiner Bosheit, damit

Landwirtschaft und Gartenbau von Klus zugrunde gehe, teils um bei der Gelegenheit die eigne Tasche zu füllen. Anfänglich blieb das ein unterdrücktes

Grollen und Drohen, wovon eben der, die es betraf, nichts zu Ohren kam, bis es

geschah, daß in der Burgkirche das Fehlen der Marienkrone bemerkt wurde, die

Kunde davon zu jenem Goldschmied drang, dem Lux die beiden größten

Edelsteine verkauft hatte, in diesem der Argwohn aufstieg, dieselben könnten

mit dem großen Kirchenraube in Zusammenhang stehen, und durch die auf seine

Anzeige erfolgende Untersuchung als wahrscheinlich nachgewiesen wurde, daß

sie in das vermißte Heiligtum gehörten. Augenblicklich fiel der Verdacht der

Leute auf Lux, deren Abreise und zweitägiges Fernbleiben von Klus gerade

während der Zeit, wo der Raub dem Vermuten nach ausgeführt worden war,

sogleich Verwunderung erregt hatte und nun in übelster Weise ausgedeutet

wurde, noch mehr aber, weil sie ihnen nun einmal ein Dorn im Auge und

Zielscheibe aller bösen Gedanken geworden war.

 

Der Richterschaft erschien es nicht angemessen, Lux auf so geringe

Verdachtspunkte hin gefangen zu nehmen, auch deshalb zur Nachsicht geneigt,

weil Lux sich der Gunst des Bischofs erfreute, und so wurde ihr nur mitgeteilt,

daß sie bis auf weiteres ihre Wohnung nicht verlassen und einer Vorladung vor

Gericht sich gewärtig halten solle. Da ihr nicht gesagt worden war, um was es

sich handle, dachte sie, es müsse die Maulwurffängerei angehen, und nahm die

Sache nicht schwer.

 

Sie machte sich allerlei im Hause zu schaffen und bog sich zwischendurch

öfters aus dem Fenster in der Erwartung, daß Lando kommen würde, um sie,

wenn ihm etwas von dem seltsamen Vorfall zu Ohren gekommen wäre, zu

trösten oder ihr Rat und Hilfe anzubieten. Da es Nachmittag wurde und er noch

nicht gekommen war, hielt sie sich vor, daß er sich gewiß nicht habe freimachen

können, und schalt sich wegen ihrer Ungeduld, trotzdem wuchs ihr Verlangen,

ihn zu sehen, so, daß sie nur zerstreut auf Lisutts Spiele einzugehen vermochte.

Früher als sonst brachte sie die Kinder zu Bett und atmete auf, als sie schliefen

und sie sich ins Fenster setzen und endlich unbehelligt der Sehnsucht hingeben

konnte. Es hatte sie während des langen Tages zuweilen ein Gefühl heißer

Bangigkeit überlaufen, als müsse doch etwas Wichtiges und Peinliches gegen sie

im Werke sein, aber es verflog immer wieder, und vollends, wie sie in den

Frieden des Abends hineinsah, der baldigen Ankunft des Freundes gewiß, wich

die Beklemmung, und die Herrlichkeit eines zukünftigen Glückes ging strahlend

vor ihr auf. Allmählich verblichen diese Träume in der Länge des Wartens, und

sie fing an so inständig zu horchen, daß das Donnern des Wassersturzes, das

jedes kleinere Geräusch verschlang, sie aufregte und ihr unerträglich vorkam

und sie wünschte, daß nur ein obdachloser Vagabund oder eine jagende Katze vorbeigeschlichen käme, um doch einmal die spöttische Leere zu unterbrechen.

Sie wurde darüber müde und abgespannt, gerade indessen, als sie sich

hoffnungslos abgewandt hatte, hörte sie den leisen, lässigen Schritt, den sie

kannte, und kehrte mit einem halblauten Aufschrei der Freude an das Fenster

zurück. Ohne Gruß oder Anrede von ihm zu erwarten, bog sie sich hinaus, lehnte

sich auf seine Schulter und erzählte, wie sehnlich sie ihn erwartet habe, doch

machte er sich sachte los, fragte, ob sie wisse, was für eine Anklage gegen sie

erhoben wäre, und teilte ihr mit, was er gerüchtweise vernommen hatte, wobei er

sie unsicher und fast verlegen ansah. Lux sagte befremdet, indem sie sich

langsam aufrichtete, ein Verbrechen habe sie doch nicht begangen, was ihr also

widerfahren könne, wohingegen Lando meinte, das natürliche Recht und das

geschriebene seien nicht immer gleich, auch der Unschuldige könne sich in den

Netzen des Lebens verwickeln oder in Fallen fangen, die Böswillige aufgestellt

hätten, er wolle froh sein, wenn alles ohne Gefahr und böse Folgen

vorüberginge. Sie betrachtete ihn wehmütig lächelnd und sagte: »Und wenn ich

nun unterliege? Und wenn ich nun schuldig wäre? Würdest du mich noch lieben,

wenn ich einen Span vom heiligen Kreuze aus der Kirche gestohlen hätte? oder

wenn ich dem Bischof Gift eingegeben hätte?« Es flammte in seinen Augen, und

er flüsterte leidenschaftlich: »Wenn du deinen Vater ermordet und deine Kinder

verkauft hättest, und wenn ich wüßte, daß du mir selber das Blut aussaugen

würdest, ich würde dich immer lieben und nimmer verlassen! Eher könnten diese

Wasser versiegen und jene Berge versinken, als daß ich aufhören könnte, dein zu

sein!«

 

Während dieser Beteuerungen versuchte er sich zu ihr hineinzuschwingen,

allein sie drängte ihn sanft zurück und sagte, sie wolle nicht haben, daß ihre

Kinder erwachten und ihn bei ihr fänden, überhaupt wäre jetzt Vorsicht geboten,

und sie dürften nicht zusammen gesehen werden. Er empfand, er wußte selbst

nicht warum, einen kühlen und fremden Hauch in ihrem Wesen, und

schmeichelte ihr mit vielen kosenden Worten, doch leuchtete ihm ein, was sie

von Vorsicht sagte, und so nahm er den Abschied, zu dem sie ihn drängte. Kaum

war er ihr verschwunden, als die Tränen aus ihren Augen zu fließen begannen,

aber zugleich atmete sie tief auf und fühlte sich wunderbar gekräftigt. Es war ihr,

als hätte bisher ein farbiges Gewölk zwischen ihm und ihr geschwebt, durch das

er ihr geheimnisvoll, prächtig und reizend erschienen wäre, und als hätte eben

ein zufälliger Windstoß den Nebel geteilt, so daß sie ihn gesehen hätte, wie er in

der Tat wäre, aller Wunder bar, schwächlich, kümmerlich und ein wenig

lächerlich. Ja, obwohl ihr das Herz noch weh tat, mußte sie am andern Morgen

doch lachen, indem sie sich vorstellte, wie der arme Lando ebensoviel Angst hätte, sie zu verlieren, wie sie festhalten zu müssen, und bald fürchtete, sie

möchte die ganze Millionenmutter samt der Krone gestohlen, bald sie möchte es

nicht getan haben.

 

Sie fühlte sich heiter und lieblich müde wie eine Genesende, als sie auf das

Rathaus abgeholt und dort sogleich dem Goldschmied gegenübergestellt wurde,

der ohne Zaudern erklärte, in ihr den jungen Menschen wiederzuerkennen, der

ihm die Edelsteine zum Verkauf angeboten habe. Lux dachte nicht daran, zu

leugnen, und sagte aus, daß die Steine dem Bischof gehörten, der sie nicht in

eigner Person habe verkaufen wollen, damit nicht bekannt würde, daß er sich in

Geldverlegenheit befinde. Diese Behauptung, der niemand die mindeste

Glaubwürdigkeit beimaß, machte den übelsten Eindruck sowohl auf die Richter

wie vollends auf den Bischof, der einen jähen Zorn auf sie warf und laut seine

Entrüstung über die Undankbarkeit und Dreistigkeit des Pöbels äußerte. Am

folgenden Tage wurde Lux, die nunmehr in das Untersuchungsgefängnis

verbracht worden war, nochmals befragt und ernstlich ermahnt, die Wahrheit zu

sagen und nicht einen frommen und hochwürdigen Mann, wie der Bischof sei,

zu verunglimpfen, worauf sie erstaunt und ein wenig ungeduldig erwiderte,

etwas andres könne sie nicht aussagen, weil sie nichts andres wisse und nichts

andres sich begeben habe.

 

Es folgten nun die Zeugenverhöre, wobei eine große Anzahl von Bauern

und Bäuerinnen zu Worte kamen, die zwar nichts über den Kirchenraub

beizubringen hatten, desto mehr aber über die Maulwurfplage und wie sie den

jungen Schermäuser zaubern gesehen hätten. Da dies nicht zur Sache gehörte,

versuchten die Richter die umständlichen Berichte abzuschneiden, und der

Justizrat Schimmelmann gab einigen Zeugen anheim, daß sie dumme Tröpfe

wären, so daß das Geschwätz im Sande verlaufen wäre, wenn der Bischof nicht

die Meinung ausgesprochen hätte, daß hier ein der Aufmerksamkeit höchst

würdiger Fall vorliege, der scharf untersucht und unnachsichtig bestraft werden

müsse. Wenn der Kirchenraub etwas Gottloses sei, so sei die Zauberei vollends

teuflisch, in der Bibel schon als Haupt- und Todsünde gebrandmarkt, und man

müsse die Gelegenheit ergreifen, um der Welt zu zeigen, daß der Satan immer

noch umgehe, die Kirche aber so rüstig wie je sei, ihm die List einzutränken.

 

Abends, als Wonnebald, Boll, Schimmelmann und mehrere andre

Justizpersonen gemütlich im Gasthaus beieinander saßen, kam die

Angelegenheit zur Sprache; der Bischof hätte seine Meinung dem Justizrat

gegenüber schwerlich verteidigen können, wenn Medizinalrat v. Boll ihm nicht

zur Seite gestanden hätte, dem es zwar meist an richtiger Einsicht und vernünftigen Gedanken, nie aber an Dreistigkeit fehlte, seiner Überzeugung

Geltung zu verschaffen. Er wisse wohl, sagte er, daß man verlacht werde, wenn

man an Wunder, Teufelei und Hexerei und dergleichen glaube, aber der Glaube

an Gott und die unbefleckte Jungfrau werde nicht minder verspottet; er und seine

Ahnen wären von jeher Kämpfer für die heilige Wahrheit gewesen und

fürchteten den Hohn der Ungläubigen so wenig wie der Soldat die Kugel des

Feindes. Ob man nicht täglich hören könne, daß die Kühe verhext wären, daß

kleine Kinder, vom bösen Blick getroffen, in Krämpfe fielen? Im einfachen

unverdorbenen Volke sei diese Erkenntnis noch anzutreffen, und es suche sich

durch geweihte Talismane gegen die Einwirkung des allgemeinen Feindes zu

schützen. Die Aufklärer sollten nur fortfahren in ihrer gottlosen Arbeit den

Tempel des Glaubens zu unterwühlen! Einstürzend werde er sie zuerst begraben!

So wahr wie Christus durch Gott Wunder gewirkt habe, hätten von jeher Böse

durch den Teufel gezaubert.

 

Dasselbe und ähnliches wiederholte er häufig mit Nachdruck und lautem

Hall und Dröhnen der Stimme, so daß der Bischof nun erst die Wichtigkeit und

Richtigkeit seines Einfalls, das Geschwätz der Leute gegen Lux zu benutzen,

ganz begriff und auch die übrigen ihre Zweifel an der Möglichkeit des Zauberns

nicht mehr schlechthin auszusprechen wagten. Das männliche Auftreten des

Medizinalrats zeigte klar, daß sich hingebende Gläubigkeit wohl mit schneidiger

Kraft vereinigen lasse, und mancher erinnerte sich, gehört oder gelesen zu

haben, daß die Aufklärung auch nicht unfehlbar sei. Einzig der Justizrat lachte

von Herzen über die Reden seines Freundes, aber nur bei sich im Innern;

äußerlich ging er mit fröhlicher Ironie darauf ein, da er aus Erfahrung wußte, daß

Boll diese Art sich auszudrücken nicht begriff, vielmehr alles für bare Münze

nahm, und er somit das Vergnügen genießen konnte, ihn auszuspotten, ohne

seine Freundschaft, an der ihm wegen des Flötenspiels viel gelegen war,

einzubüßen. Er erzählte mit verstelltem Ernst, daß er seine Köchin im Verdacht

der Hexerei habe, denn sie verzaubere häufig die Speisen, so daß sie mißrieten,

lasse auch durch Kraft des bösen Blicks den Braten schwinden und dergleichen

mehr, was die meisten von den Anwesenden wohl richtig auffaßten, aber als

eines ernsten Mannes unwürdigen Mutwillen mißbilligten, weswegen sie sich

durch die stillschweigend darin ausgedrückte Meinung auch nicht beeinflussen

ließen.

 

Immerhin war es keinem geheuer bei dem Gedanken, einen Hexenprozeß

einzuleiten, was seit hundert Jahren nicht vorgekommen war; aber der Bischof

sagte, es sei eben hohe Zeit, wieder damit anzufangen, und erklärte sich bereit,

den Vorsitz zu übernehmen, da es geistliche Dinge wären, die geistlich müßten gerichtet werden. Der Medizinalrat zeigte hohe Begeisterung über diese

Wendung und frohlockte, es sei ein herrlicher Sieg der guten Sache, wodurch

viele mit hingerissen wurden, während der Justizrat, um einem solchen

Schauspiel nicht beizuwohnen, als dessen Gegner aufzutreten er sich auch nicht

entschließen mochte, eiligen Urlaub nahm und eine Reise antrat.