Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück
E s war eine selbstverständliche Sache, daß…
E s war eine selbstverständliche Sache, daß Lux, als vermeintlicher Enkel des alten Bernkule, sein Geschäft fortführen werde; aber bevor sie noch förmlich in
das Amt war eingesetzt worden, ging auf allen Seiten ein Murren los, die Stelle
würde liederlich verwaltet und keine Maulwürfe mehr abgefangen, sie
gebärdeten sich wie die Herren im Lande, unterwühlten nicht nur die
Gemüsepflanzungen, sondern stießen sogar in den Ställen auf, zu großem
Schaden und übler Vorbedeutung. Nun war freilich die Jagd von jeher und
besonders während der letzten Lebensjahre des alten Bernkule überaus
nachlässig betrieben worden, allein weil die Leute mit ihm nicht anbinden
wollten und mochten, hatten sie geschwiegen und insgeheim selber
weggefangen, was ihnen in die Quere kam; jetzt aber erhoben sie unverweilt ein
Geschrei, daß sie zusehen müßten, wie das Ungeziefer ihnen Bohnen und
Melonen zerstörte, da ja zugunsten des verschworenen Schermäusers
eigenmächtiges Ergreifen und Töten der Maulwürfe verboten wäre.
Auf die Ermahnungen des Magistrats hin, sich des Amtes besser
anzunehmen, wußte sich die unberatene Lux nichts Besseres, als mehr und mehr
selbstverfertigte Schwänzchen vorzuweisen, wovon sie noch einen ziemlichen
Vorrat hatte, wodurch aber, wie sich von selbst versteht, der Maulwurfplage
keineswegs gesteuert wurde. Bald begann die Maulwurfbehörde sich über die
gewaltige Vermehrung dieser Tiere zu wundern und zu beunruhigen, die, so
mußte es ihnen scheinen, bei Dutzenden weggefangen, sogleich bei Hunderten
wieder da waren, als ob sie sich aus dem Blute der Hingewürgten phönixartig
und vervielfacht neu erzeugten. Im Rat, wo Bildung und Besonnenheit
vorherrschte, suchte man nach vernünftigen Erklärungen für die Erscheinung
und besann sich auf verschiedene Fälle, wo Heuschrecken, Frösche, Mäuse und
ähnliche Tiere durch unerhörte Vermehrung zu einer Landplage geworden
waren, und auf das Betragen und die Mittel, die die Weisheit der Regierenden
jeweilig solchen Heimsuchungen entgegengesetzt hatte.
So bedachtsam ging es im Volke nicht zu, wo der schwarze Tobias in
selbstsüchtiger Absicht allerlei verdächtige Nachrede umgehen ließ; man wurde
sich einig, daß die Sache mit rechten Dingen nicht zugehen könne, und flüsterte
sich zu, daß Lux durch zauberhafte Mittel die Vermehrung oder den Zufluß von
Maulwürfen herbeigeführt habe, teils aus allgemeiner Bosheit, damit
Landwirtschaft und Gartenbau von Klus zugrunde gehe, teils um bei der Gelegenheit die eigne Tasche zu füllen. Anfänglich blieb das ein unterdrücktes
Grollen und Drohen, wovon eben der, die es betraf, nichts zu Ohren kam, bis es
geschah, daß in der Burgkirche das Fehlen der Marienkrone bemerkt wurde, die
Kunde davon zu jenem Goldschmied drang, dem Lux die beiden größten
Edelsteine verkauft hatte, in diesem der Argwohn aufstieg, dieselben könnten
mit dem großen Kirchenraube in Zusammenhang stehen, und durch die auf seine
Anzeige erfolgende Untersuchung als wahrscheinlich nachgewiesen wurde, daß
sie in das vermißte Heiligtum gehörten. Augenblicklich fiel der Verdacht der
Leute auf Lux, deren Abreise und zweitägiges Fernbleiben von Klus gerade
während der Zeit, wo der Raub dem Vermuten nach ausgeführt worden war,
sogleich Verwunderung erregt hatte und nun in übelster Weise ausgedeutet
wurde, noch mehr aber, weil sie ihnen nun einmal ein Dorn im Auge und
Zielscheibe aller bösen Gedanken geworden war.
Der Richterschaft erschien es nicht angemessen, Lux auf so geringe
Verdachtspunkte hin gefangen zu nehmen, auch deshalb zur Nachsicht geneigt,
weil Lux sich der Gunst des Bischofs erfreute, und so wurde ihr nur mitgeteilt,
daß sie bis auf weiteres ihre Wohnung nicht verlassen und einer Vorladung vor
Gericht sich gewärtig halten solle. Da ihr nicht gesagt worden war, um was es
sich handle, dachte sie, es müsse die Maulwurffängerei angehen, und nahm die
Sache nicht schwer.
Sie machte sich allerlei im Hause zu schaffen und bog sich zwischendurch
öfters aus dem Fenster in der Erwartung, daß Lando kommen würde, um sie,
wenn ihm etwas von dem seltsamen Vorfall zu Ohren gekommen wäre, zu
trösten oder ihr Rat und Hilfe anzubieten. Da es Nachmittag wurde und er noch
nicht gekommen war, hielt sie sich vor, daß er sich gewiß nicht habe freimachen
können, und schalt sich wegen ihrer Ungeduld, trotzdem wuchs ihr Verlangen,
ihn zu sehen, so, daß sie nur zerstreut auf Lisutts Spiele einzugehen vermochte.
Früher als sonst brachte sie die Kinder zu Bett und atmete auf, als sie schliefen
und sie sich ins Fenster setzen und endlich unbehelligt der Sehnsucht hingeben
konnte. Es hatte sie während des langen Tages zuweilen ein Gefühl heißer
Bangigkeit überlaufen, als müsse doch etwas Wichtiges und Peinliches gegen sie
im Werke sein, aber es verflog immer wieder, und vollends, wie sie in den
Frieden des Abends hineinsah, der baldigen Ankunft des Freundes gewiß, wich
die Beklemmung, und die Herrlichkeit eines zukünftigen Glückes ging strahlend
vor ihr auf. Allmählich verblichen diese Träume in der Länge des Wartens, und
sie fing an so inständig zu horchen, daß das Donnern des Wassersturzes, das
jedes kleinere Geräusch verschlang, sie aufregte und ihr unerträglich vorkam
und sie wünschte, daß nur ein obdachloser Vagabund oder eine jagende Katze vorbeigeschlichen käme, um doch einmal die spöttische Leere zu unterbrechen.
Sie wurde darüber müde und abgespannt, gerade indessen, als sie sich
hoffnungslos abgewandt hatte, hörte sie den leisen, lässigen Schritt, den sie
kannte, und kehrte mit einem halblauten Aufschrei der Freude an das Fenster
zurück. Ohne Gruß oder Anrede von ihm zu erwarten, bog sie sich hinaus, lehnte
sich auf seine Schulter und erzählte, wie sehnlich sie ihn erwartet habe, doch
machte er sich sachte los, fragte, ob sie wisse, was für eine Anklage gegen sie
erhoben wäre, und teilte ihr mit, was er gerüchtweise vernommen hatte, wobei er
sie unsicher und fast verlegen ansah. Lux sagte befremdet, indem sie sich
langsam aufrichtete, ein Verbrechen habe sie doch nicht begangen, was ihr also
widerfahren könne, wohingegen Lando meinte, das natürliche Recht und das
geschriebene seien nicht immer gleich, auch der Unschuldige könne sich in den
Netzen des Lebens verwickeln oder in Fallen fangen, die Böswillige aufgestellt
hätten, er wolle froh sein, wenn alles ohne Gefahr und böse Folgen
vorüberginge. Sie betrachtete ihn wehmütig lächelnd und sagte: »Und wenn ich
nun unterliege? Und wenn ich nun schuldig wäre? Würdest du mich noch lieben,
wenn ich einen Span vom heiligen Kreuze aus der Kirche gestohlen hätte? oder
wenn ich dem Bischof Gift eingegeben hätte?« Es flammte in seinen Augen, und
er flüsterte leidenschaftlich: »Wenn du deinen Vater ermordet und deine Kinder
verkauft hättest, und wenn ich wüßte, daß du mir selber das Blut aussaugen
würdest, ich würde dich immer lieben und nimmer verlassen! Eher könnten diese
Wasser versiegen und jene Berge versinken, als daß ich aufhören könnte, dein zu
sein!«
Während dieser Beteuerungen versuchte er sich zu ihr hineinzuschwingen,
allein sie drängte ihn sanft zurück und sagte, sie wolle nicht haben, daß ihre
Kinder erwachten und ihn bei ihr fänden, überhaupt wäre jetzt Vorsicht geboten,
und sie dürften nicht zusammen gesehen werden. Er empfand, er wußte selbst
nicht warum, einen kühlen und fremden Hauch in ihrem Wesen, und
schmeichelte ihr mit vielen kosenden Worten, doch leuchtete ihm ein, was sie
von Vorsicht sagte, und so nahm er den Abschied, zu dem sie ihn drängte. Kaum
war er ihr verschwunden, als die Tränen aus ihren Augen zu fließen begannen,
aber zugleich atmete sie tief auf und fühlte sich wunderbar gekräftigt. Es war ihr,
als hätte bisher ein farbiges Gewölk zwischen ihm und ihr geschwebt, durch das
er ihr geheimnisvoll, prächtig und reizend erschienen wäre, und als hätte eben
ein zufälliger Windstoß den Nebel geteilt, so daß sie ihn gesehen hätte, wie er in
der Tat wäre, aller Wunder bar, schwächlich, kümmerlich und ein wenig
lächerlich. Ja, obwohl ihr das Herz noch weh tat, mußte sie am andern Morgen
doch lachen, indem sie sich vorstellte, wie der arme Lando ebensoviel Angst hätte, sie zu verlieren, wie sie festhalten zu müssen, und bald fürchtete, sie
möchte die ganze Millionenmutter samt der Krone gestohlen, bald sie möchte es
nicht getan haben.
Sie fühlte sich heiter und lieblich müde wie eine Genesende, als sie auf das
Rathaus abgeholt und dort sogleich dem Goldschmied gegenübergestellt wurde,
der ohne Zaudern erklärte, in ihr den jungen Menschen wiederzuerkennen, der
ihm die Edelsteine zum Verkauf angeboten habe. Lux dachte nicht daran, zu
leugnen, und sagte aus, daß die Steine dem Bischof gehörten, der sie nicht in
eigner Person habe verkaufen wollen, damit nicht bekannt würde, daß er sich in
Geldverlegenheit befinde. Diese Behauptung, der niemand die mindeste
Glaubwürdigkeit beimaß, machte den übelsten Eindruck sowohl auf die Richter
wie vollends auf den Bischof, der einen jähen Zorn auf sie warf und laut seine
Entrüstung über die Undankbarkeit und Dreistigkeit des Pöbels äußerte. Am
folgenden Tage wurde Lux, die nunmehr in das Untersuchungsgefängnis
verbracht worden war, nochmals befragt und ernstlich ermahnt, die Wahrheit zu
sagen und nicht einen frommen und hochwürdigen Mann, wie der Bischof sei,
zu verunglimpfen, worauf sie erstaunt und ein wenig ungeduldig erwiderte,
etwas andres könne sie nicht aussagen, weil sie nichts andres wisse und nichts
andres sich begeben habe.
Es folgten nun die Zeugenverhöre, wobei eine große Anzahl von Bauern
und Bäuerinnen zu Worte kamen, die zwar nichts über den Kirchenraub
beizubringen hatten, desto mehr aber über die Maulwurfplage und wie sie den
jungen Schermäuser zaubern gesehen hätten. Da dies nicht zur Sache gehörte,
versuchten die Richter die umständlichen Berichte abzuschneiden, und der
Justizrat Schimmelmann gab einigen Zeugen anheim, daß sie dumme Tröpfe
wären, so daß das Geschwätz im Sande verlaufen wäre, wenn der Bischof nicht
die Meinung ausgesprochen hätte, daß hier ein der Aufmerksamkeit höchst
würdiger Fall vorliege, der scharf untersucht und unnachsichtig bestraft werden
müsse. Wenn der Kirchenraub etwas Gottloses sei, so sei die Zauberei vollends
teuflisch, in der Bibel schon als Haupt- und Todsünde gebrandmarkt, und man
müsse die Gelegenheit ergreifen, um der Welt zu zeigen, daß der Satan immer
noch umgehe, die Kirche aber so rüstig wie je sei, ihm die List einzutränken.
Abends, als Wonnebald, Boll, Schimmelmann und mehrere andre
Justizpersonen gemütlich im Gasthaus beieinander saßen, kam die
Angelegenheit zur Sprache; der Bischof hätte seine Meinung dem Justizrat
gegenüber schwerlich verteidigen können, wenn Medizinalrat v. Boll ihm nicht
zur Seite gestanden hätte, dem es zwar meist an richtiger Einsicht und vernünftigen Gedanken, nie aber an Dreistigkeit fehlte, seiner Überzeugung
Geltung zu verschaffen. Er wisse wohl, sagte er, daß man verlacht werde, wenn
man an Wunder, Teufelei und Hexerei und dergleichen glaube, aber der Glaube
an Gott und die unbefleckte Jungfrau werde nicht minder verspottet; er und seine
Ahnen wären von jeher Kämpfer für die heilige Wahrheit gewesen und
fürchteten den Hohn der Ungläubigen so wenig wie der Soldat die Kugel des
Feindes. Ob man nicht täglich hören könne, daß die Kühe verhext wären, daß
kleine Kinder, vom bösen Blick getroffen, in Krämpfe fielen? Im einfachen
unverdorbenen Volke sei diese Erkenntnis noch anzutreffen, und es suche sich
durch geweihte Talismane gegen die Einwirkung des allgemeinen Feindes zu
schützen. Die Aufklärer sollten nur fortfahren in ihrer gottlosen Arbeit den
Tempel des Glaubens zu unterwühlen! Einstürzend werde er sie zuerst begraben!
So wahr wie Christus durch Gott Wunder gewirkt habe, hätten von jeher Böse
durch den Teufel gezaubert.
Dasselbe und ähnliches wiederholte er häufig mit Nachdruck und lautem
Hall und Dröhnen der Stimme, so daß der Bischof nun erst die Wichtigkeit und
Richtigkeit seines Einfalls, das Geschwätz der Leute gegen Lux zu benutzen,
ganz begriff und auch die übrigen ihre Zweifel an der Möglichkeit des Zauberns
nicht mehr schlechthin auszusprechen wagten. Das männliche Auftreten des
Medizinalrats zeigte klar, daß sich hingebende Gläubigkeit wohl mit schneidiger
Kraft vereinigen lasse, und mancher erinnerte sich, gehört oder gelesen zu
haben, daß die Aufklärung auch nicht unfehlbar sei. Einzig der Justizrat lachte
von Herzen über die Reden seines Freundes, aber nur bei sich im Innern;
äußerlich ging er mit fröhlicher Ironie darauf ein, da er aus Erfahrung wußte, daß
Boll diese Art sich auszudrücken nicht begriff, vielmehr alles für bare Münze
nahm, und er somit das Vergnügen genießen konnte, ihn auszuspotten, ohne
seine Freundschaft, an der ihm wegen des Flötenspiels viel gelegen war,
einzubüßen. Er erzählte mit verstelltem Ernst, daß er seine Köchin im Verdacht
der Hexerei habe, denn sie verzaubere häufig die Speisen, so daß sie mißrieten,
lasse auch durch Kraft des bösen Blicks den Braten schwinden und dergleichen
mehr, was die meisten von den Anwesenden wohl richtig auffaßten, aber als
eines ernsten Mannes unwürdigen Mutwillen mißbilligten, weswegen sie sich
durch die stillschweigend darin ausgedrückte Meinung auch nicht beeinflussen
ließen.
Immerhin war es keinem geheuer bei dem Gedanken, einen Hexenprozeß
einzuleiten, was seit hundert Jahren nicht vorgekommen war; aber der Bischof
sagte, es sei eben hohe Zeit, wieder damit anzufangen, und erklärte sich bereit,
den Vorsitz zu übernehmen, da es geistliche Dinge wären, die geistlich müßten gerichtet werden. Der Medizinalrat zeigte hohe Begeisterung über diese
Wendung und frohlockte, es sei ein herrlicher Sieg der guten Sache, wodurch
viele mit hingerissen wurden, während der Justizrat, um einem solchen
Schauspiel nicht beizuwohnen, als dessen Gegner aufzutreten er sich auch nicht
entschließen mochte, eiligen Urlaub nahm und eine Reise antrat.